Ina Haller: Aargauer Grauen

Nach ein paar blutigen Thrillern tauchte ich in diesen Krimi ein und dachte erst, nun ein paar gemütliche Lesestunden vor mir zu haben. Weit gefehlt. Ich hätte es wissen können, ist «Aargauer Grauen» doch nicht der erste Krimi rund um Andrina, die sich immer wieder mittendrin in einem Verbrechen befindet und dieses dann auf eigene Faust aufzuklären versucht, wodurch sie selbst in Gefahr oder Verdacht (oder beides) gerät. Immerhin ist sie bei ihren Ermittlungen nie allein, neben Enrico, ihrem Mann, helfen auch ihre Freunde tatkräftig mit, so dass kein Täter ungestraft davonkommt.

«Andrina erblickte Gregor Hartmann auf dem Bett. Er lag auf dem Rücken und starrte mit aufgerissenen Augen zur Decke. Der Mund war wie zu einem Schrei geöffnet.»

Was ich sehr mag an einem Krimi: Die Geschichte nahm schnell Fahrt auf und bald schon fand ich mich atemlos blätternd auf dem Sofa. Worum geht es:

Ein Mitarbeiter aus Enricos Pharma-Unternehmen wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Bald stellt sich sein Tod als Mord durch eine Spinnenbiss heraus. Als kurz darauf Medikamente aus der Firma verschwinden, beschliessen Enrico und Andrina, die Sache selbst zu verfolgen, womit sie jemandem gewaltig auf die Füsse stehen und selbst in Gefahr geraten. Zudem stehen sie bei der Polizei plötzlich im Verdacht, selbst etwas mit allem zu tun zu haben.

„Halte dich lieber von ihr fern. Sie ist nicht die, die sie zu sein scheint.“

Zeitweise fand ich, die Autorin gibt zu viele Zeichen auf den möglichen Täter, doch streute sie gleich hinterher auch wieder Zweifel. Die Auflösung war dann sehr überraschend, mein vielleicht einziger Kritikpunkt.

Ein solider, spannender Krimi mit plastischen Figuren, authentischen Schauplätzen, die ich gut kannte, da ich selbst einmal in Aarau wohnte, und einem guten Plot.

(Ina Haller: Aargauer Grauen, Emons Verlag, Köln 2024)

Leseerlebnis – Ingeborg Bachmann: «Senza Casa»

Autobiographische Skizzen, Notate und Tagebucheintragungen

«Ständig bewohnt von Gefühlen
Gespinst voll von Gespinsten
wehenden, flatternden, zerrissenen
veränderlichen, denen ich ein
mangelhaftes Haus aus Fleisch und Wasser und Muskel
und Haut gebaut hab.»

Es gibt wohl kaum eine Zweite, mit der ich mich so verbunden fühle, weil ich mich in ihren Zeilen immer wiedererkenne, wie Ingeborg Bachmann. Das ist sicher auch der Grund, wieso ich an keinem Buch von ihr oder über sie vorbeikomme. Ich muss sie haben, ich muss in sie eintauchen, ich muss mehr erfahren. Und finde immer auch mich in den Texten.

«Einbruch des Vergangenen in die Intensität. Die Liebe: das Zurückrufen der Liebe aus einer Zeit, in der sie es nicht war.»

«Senza Casa» ist wohl eines der persönlichsten Bücher. Hier finden sich Notate aus ihren Tagebüchern, hier finden sich ihre tiefsten Gedanken, Gefühle, aufgeschrieben aus der Situation heraus, wie sie gerade auftauchten, sich drehten und damit Ingeborg Bachmann umtrieben. Liest man es als erstes Buch, um ihr näher zu kommen, stösst man in die Tiefe vor, sieht sich mit Gefühlen konfrontiert, die man nicht zuordnen kann, die aber für sich Bilder auslösen. Liest man es vor dem Hintergrund eines schon vorhandenen Wissens über ihr Leben, Denken und Schaffen, finden sich zusätzlich Bezüge zu diesem, weiss man die einzelnen Stellen zuzuordnen.

«Allein sein. Frei sein.»

Ein Herzensbuch, das ich nur ans Herz legen kann. All denen, die eine spannende, wunderbare und sehr eigensinnige, eigenwillige Frau näher ergründen wollen.

Leseerlebnis – Chris Whitaker: In den Farben des Dunkels

«Ringsum wogten Bäume, als Saint die Zweige einer Weide teilte und auf Wurzeln stiess, die wie grosse Hände aus der Erde ragten und bei jedem Schritt zur Vorsicht mahnten.»

Was für eine Sprache! Sie hat mich gleich in ihren Bann gezogen. Dafür, das soll hier erwähnt sein, ist auch der Übersetzerin Conny Lösch ein grosses Lob auszusprechen: Eine grossartige Arbeit!

Wir schreiben das Jahr 1975. In malerischen Bildern führt mich Chris Whitaker in die Welt von Saint Brown ein, entwickelt eine Stimmung, die das bevorstehende Unheil anklingen lässt. Und dann passiert es: Saints bester Freund Patch wird entführt, als er Misty Meyer rettet, auf die es der Mann im Van eigentlich abgesehen hat. Danach ist nichts mehr, wie es war. Saints Gedanken sind bei Patch, sie will ihn wiederfinden und forscht auf eigene Faust. Ein Jahr wird es dauern, dann wird Patch gefunden. Er war nicht allein festgehalten worden, mit ihm war ein Mädchen eingesperrt, Grace. Weil von ihr jede Spur fehlt, glaubt ihm niemand, die Polizei denkt, er hätte Grace erfunden. Patch will nicht länger ruhen, bis er Grace gefunden hat.

Saint, die all ihre Kräfte in die Suche nach Patch gesteckt hat, ist verletzt in ihrer Liebe und Freundschaft, trotzdem hilft sie ihm. Die Suche wird über dreissig Jahre dauern.

Chris Whitaker ist ein Meister im Erzählen. Er entwirft Figuren, die lebendig und authentisch sind, die sich in ihren Sehnsüchten, Wünschen, Eigenheiten zeigen und ihre ganz eigene Sprache sprechen. Er schafft es, Landschaften und Begebenheiten so zu beschreiben, dass man sich mittendrin wähnt. Er zeichnet das Bild einer amerikanischen Kleinstadt mit all ihren Energien und Dynamiken, indem er den Leser einfach mittenhineinführt und teilhaben lässt.

«In den Farben des Dunkels» ist ein episches Werk von 592 Seiten. Es ist Gesellschafts- und Charakterstudie, Coming of Age Roman, Krimi und Thriller in einem. Es handelt von Freundschaft, von Loyalität, vom Erwachsenwerden, von Familie und Zugehörigkeit und vor allem von Freundschaft und Liebe. Und über alles zieht sich diese eine Frage: Was ist damals passiert, als das Leben so vieler Menschen von einem Tag auf den anderen in ein Davor und ein Danach eingeteilt wurde. Trotzdem steht die Aufklärung des Falls nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um die Menschen und wie sie mit dem Erlebten umgehen, es geht darum, was Menschen bewegt und wie sie traumatische Ereignisse verarbeiten.

Dass ein so dickes Buch seine Längen hat, bleibt nicht aus, doch wie so oft ist es wohl auch hier: Was dem einen zu lange ist, in dem schwelgt der andere. So oder so: Eine absolute Leseempfehlung.

(Chris Whitaker: In den Farben des Dunkels, Piper Verlag, München 2024.)

Leseerlebnisse – Max Bentow: Der Federmann

«Unsere Ängste können uns beherrschen und unser Verhalten bestimmen. Wir müssen uns ihnen stellen. Nur so gewinnen wir die Kontrolle zurück.»

Ich hüpfe lesend von einem zum anderen, der Erzählfluss stoppt immer wieder schnell, um an einer anderen Stelle wieder einzusetzen. Die einzelnen Figuren bleiben mir so anfangs fremd, ich lese ihre Namen, sehe, was sie tun, doch ich komme ihnen nicht näher, weil sie immer wieder zu schnell verschwinden. Auch die Handlung bleibt an der Oberfläche. Es passiert einiges, auch Grausames, doch es geht nicht tief, ich kann es nur zur Kenntnis nehmen, weil es sich nicht setzt, da ich schnell wieder an einem anderen Punkt bin. Und doch zieht mich die Geschichte mit. Worum geht es?

Sie sind alle jung, blond und schön. Er schneidet ihnen die Haare ab, zerfleischt ihren Körper mit Messern, hinterlässt als Markenzeichen einen ausgeweideten Vogel ohne Federn. Der Berliner Kommissar Nils Trojan muss diesen verrückten Serientäter finden, bevor noch eine Frau sterben muss. Dass seine eigene Tochter in das Beuteschema passt, erhöht den Druck, zudem war da diese Warnung, dass auch Trojan selbst das alles nicht überleben wird. Blutig, temporeich und von der ersten bis zur letzten Seite packend.

Das scheint das neue Erzählen zu sein, dieser Wechsel von einer Perspektive zum nächsten, dieses Hin- und Herfliegen zwischen Personen und Orten und teilweise auch Zeiten (das hier zum Glück nicht auch noch). Und ja, ich mag es nicht, ich bin wirklich ein Fan der schön linearen Erzählweise, in der ich dem Geschehen ununterbrochen folgen kann. Vielleicht habe ich mich mittlerweile ein wenig daran gewöhnt, so dass ich nicht gleich abbreche, sondern durchhalte, aber nach kurzem Stöhnen begab ich mich in die Geschichte und folgte ihr trotz einiger sehr abrupter Wechsel gut. Die Wechsel sollen wohl der Spannung dienen, ich frage mich nur, ob das a) wirklich klappt und b) nicht ein billiger Trick ist, um komplexere Techniken vermeiden zu können.

Max Bentow kennt den Werkzeugkasten des Thriller-Schriftstellers und nutzt die ihm zur Verfügung stehenden Mittel gut. Wir haben die steigende Spannung, die Twists, die persönliche Gefahr, den Wettkampf mit der Zeit und schlussendlich ein Finale, in dem nochmals alles an einen Höhepunkt kommt. Auf diese Weise erzählt er einen soliden, teilweise gruslig blutigen Thriller. Zum Glück werden mit der Zeit auch die Figuren erfahrbarer, zumindest die Hauptfigur offenbart ihre menschlichen Seiten, die anderen erzählen immerhin davon, dass sie welche haben.

«Auch Du wirst sterben, Trojan.»

Diese Drohung wurde zum Glück nicht wahr. Dieses war der erste Streich, sprich, der erste Band der Reihe um den Kommissar Nils Trojan. Das Schöne daran, Reihen erst lange nach ihrem ersten Band zu beginnen ist, dass auf einen Schlag ganz viele weitere Bände auf einen warten. Das ist ein bisschen wie beim Streamingdienst: Früher musste man bei Krimiserien eine Woche warten, um die nächste Folge sehen zu können, heute kann man sich in einer Nacht ganze Staffeln einverleiben. Sicher ist: Ich bleibe dran, meine Zeit mit Nils Trojan ist noch nicht zu Ende.

Leseerlebnisse – David Baldacci: Gefährliches Komplott

«In dem Moment klingelte ihr Telefon. Und Mickey Gibsons ganzes Leben als alleinerziehende Vorstadtmutter ging den Bach runter.»

Ich weiss, wieso ich nicht gerne telefoniere: Ein einziger Anruf kann das ganze Leben auf den Kopf stellen. Das passierte Mickey Gibson, einer ehemaligen Polizistin, die aufgrund ihrer Mutterschaft den aktiven Polizeidienst an den Nagel gehängt und eine investigative Computerarbeit angefangen hat. Eigentlich wollte sie mit diesem Wechsel ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder schützen, beides ist nun in Gefahr. Aber worum geht es:

Mickey Gibson kündigt wegen ihrer Mutterschaft den Polizeidienst und arbeitet von zu Hause bei einer Firma, die Vermögen aufspürt. Als sie von einer ihr unbekannten Mitarbeiterin in dieser Funktion zu einem Haus geschickt wird, um ein Inventar zu erstellen, denkt sie sich nichts dabei und läuft damit in die Falle einer Betrügerin. Nicht nur stösst sie im Haus auf eine Leiche, deren Mord ihr angelastet wird, sie muss auch um das Leben ihrer Kinder und ihr eigenes bangen, wenn sie der Betrügerin nicht hilft, etwas zu finden, das diese haben will. Bald ist nicht mehr klar, wem sie überhaupt noch trauen kann und ob sie aus dieser Sache heil rauskommt.

Baldacci macht vieles richtig: Die Geschichte dreht und wendet sich, es ist nicht wirklich ersichtlich, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Wem soll man in dem ganzen Kuddelmuddel trauen?

Die Protagonistin ist menschlich schwer fassbar, ich komme nicht an sie ran. Die ominöse Anruferin führt Böses im Schild, die Motive dahinter liegen im Dunkeln. Sie nervt mich mit der Zeit ziemlich, sie stellt sich zu sehr in den Mittelpunkt, drängt sich mir auf mit ihren abstrusen Gedanken und Verhaltensweisen. Zudem wirkt vieles sehr konstruiert, so dass dann und wann das Gefühl aufkommt: Ach ne, nicht auch das noch.

„Der Raum war dunkel, genau wie sie es mochte. Licht enthüllte Dinge und zeigte viel zu viel, was wahr sein könnte.“

Und dann, in all der Distanz und den Gefühlen des Abgestossenseins, überrascht mich Baldacci mit sprachlich schönen Wendungen, mit Bildern, die Gefühle plastisch werden lassen, die fühlbar machen, was in den Figuren vorgeht. Die zum Nachdenken anregen.

„Das Leben war ein Hütchenspiel. Die Gewinner konnten die Wahrheit nur besser verbergen als die Verlierer.“

So kann ich mich nur wiederholen: Baldacci macht vieles richtig, denn er hält die Spannung, weckt immer wieder neu meine Neugier, führt mir die noch offenen Fragen vor Augen, zu denen ich eine Antwort haben möchte. Also halte ich durch und lese das Buch bis zum Ende. Und da schau her: Der Meister schafft es, alle Fäden zu vereinen, alles zu einem Ende zu führen, so dass ich am Schluss fast mit einem dem Kitsch geweihten Happy-End-Tränchen dasitze und denke: Hach ja, nun ist die Welt wieder in Ordnung. So soll es bleiben. (Bis zum nächsten Buch.)  

Vincent Kliesch: Auris. Tödlicher Schall

Nach einer Idee von Sebastian Fitzek

«Wenn dein Leben eine einzige Show ist, dann lassen wir die Show doch einfach in die nächste Runde gehen. Nur dass du dieses Mal nicht der Regisseur bist, sondern das Versuchskaninchen.»

Man stelle sich vor, man ist vom Leben verwöhnt. In ein reiches Elternhaus hineingeboren, die nötige Intelligenz zur erfolgreichen Schulkarriere hat man dabei mitbekommen und zusätzlich noch eine herausragende Fähigkeit, die einen von den anderen abhebt. Im Falle von Matthias Hegel ist das sein absolutes Gehör. Der Phonetiker ist durch diverse Fälle der Vergangenheit zu einem kleinen Star geworden, was natürlich Neider auf den Plan ruft – allen voran Veith Vries, ehemaliger Freund und nun erbitterter Feind Hegels, der langsam vom Genie in den Wahnsinn abgleitete. Jahrelang hegte er einen Hass gegen Hegel, doch als bei ihm Krebs diagnostiziert und sein Leben nur noch kurz dauern wird, hat er nichts mehr zu verlieren und ersinnt ein perfides Spiel, um an Hegel Rache zu üben. Der Weg zum Finale ist mit Leichen gepflastert, es gibt nur einen, der Vries gewachsen ist: Hegel.

Es steht viel auf dem Spiel, denn Vries’ Ziel ist einerseits eine grausame Rache an Hegel und andererseits ein monströses Verbrechen, das ihn über den Tod hinaus berühmt machen soll.

„Es wird dich zeichnen! Ganz egal wie lange du nach meinem grossen Finale noch zum Leben verflucht bist, du wirst nie wieder in den Spiegel sehen können, ohne an mich zu denken.“

Es soll nicht einfach der Tod sein, den er über Hegel bringen wird, denn der Tod ist für den Betreffenden keine Strafe, er kriegt ihn nicht mit. Leiden würden nur die anderen. Doch Hegel soll leiden.

«Ein Spiel macht nur dann Spass, wenn dein Gegner eine faire Chance hat, dich zu besiegen.»

Hat Hegel eine Chance? Wird er sie erkennen und nutzen können? Das ist die grosse Frage und sie lässt den Leser die Seiten atemlos umblättern, bis er es weiss.

Dieses ist der fünfte Fall für den Phonetiker Matthias Hegel. Das Buch lässt sich gut lesen und verstehen, wenn man die ersten Bände nicht gelesen hat, allerdings wird man sie nachher nicht mehr lesen – und verpasst dabei wohl gute Lektüre. Dieser Band enthält so viele Verweise auf die früheren Geschehnisse, dass wohl die Spannung des Lesens wegfiele. Also: Wer sich für die Reihe an sich interessiert und sie gerne als Ganzes lesen möchte, der sollte unbedingt bei Band eins anfangen.

T.M. Logan: The Parents

Dein Kind ist weg. Dein schlimmster Alptraum beginnt.

«..ich erkenne diesen wütenden, verängstigten Jungen, der mir gegenübersitzt, nicht wieder. Was hast du getan, Connor? Was hast du getan?“

Stell dir vor: Das Kind deines Bruders ist weg. Dann merkst, das ist da, aber deins ist weg. Irgendwann taucht dieses auf, aber ein drittes ist verschwunden – und bleibt es. Plötzlich ist dein Kind in Verdacht, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben. Alle wenden sich ab. Die Stricke ziehen sich zu. Du denkst, das kann nicht sein. Nicht dein Kind. Du kennst es. Stimmt das bei Teenagern? Dir wird bewusst, wie wenig du noch weisst von deinem Kind. Und da ist die offene Frage: Wo ist das verschwundene Kind? Was ist passiert und was hat dein Kind damit zu tun? 

«Man schliesst uns aus, und ich habe das Gefühl, als wüssten die anderen etwas über meinen Sohn, von dem ich keine Ahnung habe.“

Eine grossartige Idee, die mich gleich gepackt hat. Sie hält mich auch beim Lesen, als es etwas zäh wird. Plötzlich wird nur noch geredet, gesucht, geredet, nachgedacht, wieder geredet. Viele Namen, viele Hintergründe, Zusammenhänge. Die Figuren bleiben dabei merkwürdig unscharf. Die Handlung nimmt lange keine Fahrt auf. Schade!!! Das geht besser. Zumal mit einer solchen Idee!

Ich bin ein Schnellabbrecher. Das klappte hier nicht. Logan hat was richtig gemacht. Die Idee zieht. Es wäre mehr gegangen, doch es hat gereicht. ich lese fertig. Und zurück bleibt doch das Gefühl: Das ist ein gutes Buch. Es ist lesenswert, weil es zwar ab und zu an Spannung mangelt, aber doch viel drin steckt, das wir im Alltag vergessen: Wie gehen wir mit unseren Teenagern um? Wie stellt sich die Welt für sie dar? Wie wirken sich soziale Medien und ein Hype auf Einzelne und auf deren Nächste aus? 

Lest es. Spannung ist nicht alles, auch wenn sie hier durchaus vorhanden ist, einfach nicht durchgängig. Bücher sollen eine Botschaft haben. Dieses hat eine.

Katharina Seck: Die Vermesserin der Worte

Dieses Buch ist ein Buch voller poetischer Sätze und tiefer Gedanken. Es ermöglicht ein Eintauchen in die Geschichte von Menschen, die Geschichten lieben, die dafür und davon leben. Es ist eine Hommage an die Welt der Bücher und die des Erzählens. Worum geht es?

Ida ist Schriftstellerin, doch die Worte sind ihr abhandengekommen. Als das Geld knapp wird, nimmt sie eine Stelle als Haushaltshelferin an bei Ottilie, einer alten einsamen Frau, die alle vergrault, die sich ihr nähern – so scheint es. Ida ahnt noch nicht, dass dies für sie all das werden soll, was sie dringend braucht – und sie für Ottilie dasselbe ist. Ein Buch über das Schreiben, die Sprache, über Freundschaft und darüber, dass man Träume leben soll.

Als ich dieses Buch begonnen habe, war ich von der ersten Seite an verzaubert von der Schönheit der Sprache, von den bunten Bildern, die die Autorin damit malt.

„In ihrem Kopf herrschte eine seltsame Leere, ihr Ausdrucksvermögen verflüchtigte sich, und ihr Herz bröckelte mit jedem leeren Blatt und jedem verschwundenen Wort ein wenig mehr vor sich hin.“

Wer mit Herz und Seele schreibt, weiss, was es bedeutet, wenn einem die Wörter ausgehen. Dies passiert Ida am 1. Januar eines neuen Jahres und wirf damit ihr Leben durcheinander.

„Überhaupt war in den letzten Jahren vor der schicksalshaften Silvesternacht alles erträglich gewesen, solange sie nur in ihre Fantasie und das, was sie niederschrieb, eingehüllt war.

Was vorher für sie Lebensinhalt und auch Flucht aus der Welt war, ist nun verschwunden und hinterlässt eine klaffende Lücke. Nicht nur in ihrem Leben, auch in ihrem Portemonnaie. Nur aus diesem Grund nimmt sie die Stelle als Haushaltshilfe auf dem Land an. Bei ihrer Einführung in ihre Tätigkeit kann man schon auf die Idee kommen, dass sie an diesem neuen Ort nicht am falschen Platz, sondern genau an der richtigen Stelle ist:

„Nun, das Gute ist, dass sich in diesem Haus vermutlich mehr Worte verbergen, als sie nur erahnen können. Irgendwo zwischen Putzmittel, Handfeger und Staubfängern, versteht sich.“

Ottilie, die Hausherrin und Idas neue Chefin, soll recht behalten. Die Worte finden sich aber nicht nur im Putzschrank, sondern in tausenden von Büchern, die überall im Haus zu finden sind. Ida trifft aber nicht nur auf Bücher und eine schwer durchschaubare ältere Dame, sondern auch auf ein Geheimnis, das irgendwo in der Geschichte von Ottilie versteckt ist. Dieses will sie ergründen, auch, um Ottilie besser zu verstehen.

„Wenn es einen nach Wundern verlangt, sollte man nicht zu gierig werden.“

Leider passieren die erwünschten Dinge nie von heute auf morgen. Und meist auch nicht alle. Wunder brauchen ihren Raum und ihre Zeit. Eine wichtige Lehre, die Ottilie Ida mit auf den Weg gibt, als diese wieder verzweifelt ist wegen des Verlusts ihrer Worte.

„Was war sie denn schon ohne ihre Fähigkeit, Geschichten zu erzählen? Was war noch von ihr selbst übrig?

Verzweifelt ist sie oft, auch, weil sie sich über ihre Worte definiert. Von Grund auf mit einem geringen Selbstbewusstsein ausgestattet, das von ihrem Vater und dessen Geringschätzung für ihr Tun noch befördert wird, hält sie sich an dem, woran sie wirklich glaubt: Ihre Literatur, ihr Schreiben. Und genau das hat sie nun im Stich gelassen. Woran nun noch glauben?

„Wir sind niemals allein. Wir sind umgeben von Hunderten, ach was, Tausenden Buchcharakteren, was bedeutet, dass man gar nicht einsam sein kann.“

Bücher als Gesellschaft, Figuren aus Erzählungen als Freunde, lesen als Eintauchen in andere Welten, solche, in denen man aufgeht, in denen man sich wohl fühlt. Was für ein schönes Bild.

Dass das Buch am Schluss etwas lang wird, tut dem Lesegenuss keinen Abbruch. Die liebenswerten, authentischen Figuren, die wundervolle Sprache, die herzerwärmende Geschichte bewirken, dass dieses Buch zu Herzen geht und da bleibt.

Elizabeth Strout: Oh, William!

«So jemanden wie dich gibt es kein zweites Mal auf der Welt… Du fängst Seelen, Lucy.»

Sie waren ein Paar, nun sind sie Freunde: Lucy Barton und William. Als William von seiner aktuellen Frau verlassen wird, ist es Lucy, an die er sich wendet. Auch sie ist wieder allein, nachdem ihr Mann gestorben ist. Zusammen machen sie eine Reise nach Maine, weil William herausgefunden hat, dass er eine Halbschwester hat, von der er nichts wusste. Auf dieser Reise in Williams Vergangenheit erinnert sich Lucy immer wieder an ihre eigene, aber auch an die gemeinsame Vergangenheit mit William.

«Ein klein wenig brach mir der Anblick das Herz. Aber an das Gefühl war ich gewöhnt – es überkam mich nach fast jedem Treffen mit ihm.»

Elizabeth Strout schafft es, mich von der ersten Seite an mitzunehmen auf die Reise. Ich fahre mit Lucy und William in dessen Vergangenheit, finde mich in einer Art Roadmovie im Heute, versetzt mit Erinnerungen an ein gemeinsames Gestern und die Gefühle und Erlebnisse früherer Zeiten. Ich spüre die Verbundenheit der beiden Menschen, fühle ihre Vertrautheit mit den kleinen Eigenheiten des jeweils anderen. Auf eine lesende und dabei mitfühlende Weise verbinde ich mich mit ihnen, wissend, dass ich Williams Sicht immer nur durch Lucy vermittelt sehe. Es ist ihre Interpretation des Ganzen, eine Interpretation, die ich nachvollziehen kann, weil ich mich in vielen ihrer Gedanken wiedererkenne und mir darum vorstellen kann, dass ich die Dinge genauso sähe, wäre ich an ihrer Stelle.

«Trauern ist etwas, ja, etwas so Einsames, das ist vielleicht das Schlimmste daran. Als würde man an der Aussenseite eines gläsernen Wolkenkratzers herunterrutschen, und keiner merkte es.»

Lucy denkt zurück an die gemeinsamen Zeiten, an ihr Leben als Familie mit ihren beiden Töchtern. Sie erinnert sich an Williams Mutter, an die Familiengeschichte. Und sie erinnert sich an die traurigen Momente, an die Situationen, die schlussendlich zum Bruch zwischen William und ihr führten.

«Wobei ich sagen muss, dass ich das amerikanische Klassensystem nie komplett durchschaut habe, weil ich selbst von ganz unten komme, und das wird man nie vollständig los.»

Ein wichtiges Thema, das immer wieder auftaucht, ist der Klassenunterschied. Lucy, aus armen Verhältnissen stammend, traf irgendwann auf William, der aus begütertem Elternhaus kommt. Es ist ein Faszinosum, doch so sehr man sich auch bemüht, die Herkunft haftet sitzt vielen Menschen ein Leben lang im Nacken. Sie webt sich wie eine zweite Haut um einen, die man mit teuren Kleidern verhüllen, aber nie ganz abstreifen kann. Lucy wird sich dessen immer wieder bewusst, vor allem auch, als sie von Williams Mutter zu hören kriegt, dass sie vor ihrer Einheirat in die Familie nichts gewesen sei.

«Ich zweifle an meinem Vorhandensein, das beschreibt es vielleicht noch am ehesten. Die Welt existiert ohne mich, das ist das Gefühl, das ich habe… ich fühle mich, auf ganz grundlegende Weise, für die Welt unsichtbar.»

Aus Lucys Erzählung klingt keine böse Absicht der Schwiegermutter, es wirkt sogar fast, als könne Lucy deren Sicht nachvollziehen, sieht sie sich doch selbst oft als unsichtbar. Umso grösser ist die Überraschung, als William und Lucy auf ihrer Reise in die Vergangenheit von Williams Familie herausfinden, wie seine Mutter aufgewachsen ist: In ärmsten Verhältnissen, abseits des Dorfes und von dessen Bewohnern verstossen.

Elizabeth Strouts Roman fährt nicht mit einer grossen Geschichte auf, es besteht kein Spannungsbogen, nicht mal ein grosser Konflikt lässt sich finden. Doch, vielleicht ist da war: Es sind die eigenen inneren Konflikte und Ambivalenzen, die immer wieder durchdringen. Es sind die Momente, in denen man sich als Mensch selbst im Weg steht.

«Oh, William!» ist eine feine, leise, persönliche Geschichte zweier Menschen, die als Getrennte und doch Verbundene ein Stück Weg gemeinsam gehen und dabei mehr über sich und ihr Leben erfahren. Das Buch lebt von den Gedanken und Gefühlen, die es bei mir als Leser auslöst. Ich stosse auf authentische Menschen, die mir ans Herz wachsen und die ich ein Stück begleiten möchte. Das Einzige, was schade ist bei dem Ganzen: Ich werde mich nach der letzten Seite von ihnen verabschieden und wieder in mein Leben treten müssen. Ein grosses Glück habe ich in dem Fall: Die Geschichte von Lucy und William geht weiter. Und sie hat eine Vorgeschichte. Ich kann also wieder eintauchen.

(Elizabeth Strout: Oh, William!, btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München 2023.)

Anna Katharina Fröhlich: Die Yacht. Eine Sommernovelle

«…es war einer jener Sommerabende, an denen der Mensch spürt, was für ein ungeheuerliches Geschenk das Leben ist.»

Martha reist nach Italien, in das Dorf N., um das Malen zu studieren. Sie trifft auf einen Mann, der sie in seiner Weltgewandtheit, seiner Erscheinung und seinem Verhalten, als sei er aus einer anderen Zeit, fasziniert. Mit ihm reist sie nach Sizilien, lernt den Geldadel und eine Künstlerin kennen. Sie sitzt Modell, lernt das Malen und sich selbst besser kennen. Als auch noch die Liebe an die Tür klopft, scheint das Leben vordergründig perfekt.

So viel zum Inhalt der Geschichte, die nicht viel Raum einnimmt in diesem sowieso eher schmalen Buch.  Den grossen Teil macht die Sprache aus. Sie hat mich eingenommen und umgehauen. Diese Bildhaftigkeit, diese Sprachschönheit, dieses messerscharfe Sezieren mit Worten, das poetische Verweben hin zu formvollendeten Gebilden. Meisterhaft! Über Seiten hat sie mich getragen, bis immer mehr die Frage aufkam: Worum geht es eigentlich? Am Anfang waren da ein geliebter toter Grossvater, eine nicht liebende, pedantische Mutter und die künstlerisch suchende Protagonistin, die nach Italien fährt, um das Kunsthandwerk zu lernen. Da trifft sie ihn:

«Spinelli war der einzige Mensch, den sie kannte, der keinen Beruf, keine Versicherung, keinen Status, kein Bankkonto, keine Frau und keine Kinder hatte, in denen er das Erbe seines Wesens hätte sichern können. Er vertrat nichts und niemanden mehr ausser sich selbst.»

Salvatore Spinelli. Sein Name ist Programm. Er rettet sie nicht nur, indem er ihr zu einem Tisch verhilft, als dies aussichtslos erscheint, er führt sie auch in neue Welten ein, lässt sie die alte, nicht unproblematische, mehrheitlich vergessen.

«Madame Tabarin war weder schön noch exzentrisch, sondern eine bis ins Mark domestizierte Frau, unter deren dünner Haut das Magma einer erschreckenden Selbstliebe kochte.»

Sie tritt ein in die Welt der Reichen, der Menschen, die alles zu haben scheinen, es auch zeigen, und doch nicht glücklich wirken. Sie werden in diesem Buch durchleuchtet, analysiert und blossgestellt. Es sind Menschen, die darum bemüht sind, Macht und Ruhm zu bewahren und dasselbe den anderen zu neiden. Müsste man eine «Moral von der Geschicht» finden, wäre es die: Geld macht nicht glücklich. Oder etwas prägnanter: Die Reichen sind alles arme Schweine und die Armen die wirklich Reichen, denn sie wissen um Kunst, Kultur und wahre Werte und sie haben ein Herz.

«Es geschieht manchmal, dass ein Mensch uns den Schlüssel zu einem unbekannten Gefühl gibt.»

Es ist aber nicht nur ein Buch mit einer platten Aussage und bitterbösen Analysen von menschlichen Schwächen, es ist auch ein Buch darüber, was Menschen sein und bewirken können. Ein Buch, das zeigt, mit welchen Masken und in welchen Rollen wir uns durch die Welt bewegen, bis wir auf jemanden treffen, der uns erlaubt, all das fallen zu lassen.

«…kein Ding ist, wie es ist, da es aus zahllosen Augen betrachtet wird.»

Es ist ein Buch über die Schönheit der Welt und des Lebens und die Aufforderung, all das wirklich zu sehen, indem man genau hinschaut. Das genaue Schauen lernt Martha von ihrem Grossvater. Es ist wichtig in Bezug auf die Kunst, aber auch in Bezug auf die Menschen.

«Diese Kleider kamen Martha wie bunte Flügel vor, mit denen Mrs. Moore vielleicht zeit ihres Lebens versucht hatte, sich über das wirkliche Leben zu erheben, das mit Sicherheit in keinem Verhältnis zu ihren Phantasien gestanden hatte.»

Das Buch macht Lust auf Farben, auf Formen, darauf, in die Welt zu gehen und sie anzuschauen in ihrer ganzen Pracht. Es ist ein Buch über die Illusionen, denen wir uns hingeben, über die Faszinationen, die uns oft blenden, ein Buch über Kunst und die Kraft der Vergangenheit.

Das Buch hat mich verzaubert mit seiner Sprachschönheit und seinen Sprachbildern. Und doch sass ich am Schluss etwas ratlos da: Was ist eigentlich geschehen? Und: Was ist die Aussage? Ich verzeihe es diesem Buch.

(Anna Katharina Fröhlich: Die Yacht. Eine Sommernovelle, Friedenauer Presse,

Tove Ditlevsen: Abhängigkeit

«Und mir wird immer stärker bewusst, dass ich zu nichts anderem tauge und von nichts anderem leidenschaftlich erfüllt werde, als Worte aneinanderzureihen, Sätze zu bilden und einfache, vierzeilige Verse zu schreiben. Um das zu können, muss ich die Menschen auf eine ganz bestimmte Weise beobachten, in etwa so, als würde ich sie für den späteren gebrauch in einem Archiv ablegen.»

Tove Ditlevsen schreibt über sich. Nach Kindheit und Jugend ist nun die Zeit des Erwachsenseins Thema, die Liebe, die Irrtümer, das Schreiben, die Feiern, das Trauern und schlussendlich die Sucht. Sie schreibt über ihre Ehen, über ihre Kinder, schreibt darüber, wie sie schreiben will und nur schreibend glücklich ist, dies dann verliert, weil sie sich an die Drogen verloren hat. Und sie schreibt über ihren Weg aus all dem wieder hinaus.

«Aber für mich ist das Leben nur ein Genuss, wenn ich schreiben kann.»

Tove Ditlevsen ist ein Mensch, der sich dem Schreiben verschrieben hat. Manchmal scheint es, als ob das ganze Leben nur dazu dient, dem Schreiben Stoff zu liefern. Menschen, die sie trifft, Menschen, die sie liebt, Dinge, die sie tut – all das ist immer in irgendeiner Form mit dem Schreiben verbunden. Nicht schreiben zu können, ist die schlimmste Strafe, das unvorstellbar Grausamste. Durch diesen Drang, schreiben zu müssen, manövriert sie sich in eine Anhängigkeit hinein, aus der sie nicht mehr herausfindet, und die ihr schlussendlich das nimmt, was ihr das Wichtigste war: das Schreiben.

«Warum möchtest du eigentlich so gern normal und gewöhnlich sein?», fragte Ebbe verwundert. «Es ist doch eindeutig, dass du es nicht bist.» Darauf kann ich ihm auch keine Antwort geben, aber ich habe es mir gewünscht, solange ich denken kann.»

Der Wunsch, normal zu sein, so wie die anderen, trägt immer eine Ambivalenz in sich. Einerseits gefällt einem selbst das, was man ist, weil man sich in dem wohl fühlt. Wenn man sich so verhält, wie es einem entspricht, fühlt sich das tief drin stimmig an. Doch merkt man bald, dass man damit zum Aussenseiter wird, zu dem, der anders ist, nicht wirklich dazugehört durch dieses Anderssein. Da der Mensch als soziales Wesen danach strebt, dazuzugehören, kommt zwangsläufig der Wunsch auf, so zu sein wie die anderen, eben normal. Das wäre die Chance für die Integration – aber mit dem Preis, sich nicht mehr in sich zu Hause zu fühlen. So gesehen ist man selten ganz im Reinen mit dem eigenen Sehnen, etwas vermisst man meist – das Ich oder die anderen.

Es fällt schwer, das Buch wirklich zu fassen, zusammenzufassen. Es ist zu dicht, zu tief, zeigt zu viele Wunden. Eine sachliche Zusammenfassung würde nie zu fassen vermögen, worum es in der Tiefe geht, das Empfinden beim Lesen findet keine Worte. Sich über die Sprache, die Form auszulassen wirkt zu analytisch, distanziert. Und lässt man sich ein, fehlen am Schluss die passenden Worte, die ausdrücken, was nur zu fühlen ist. Hilft nur: Selbst lesen. Das immerhin kann ich sagen: Es ist eine Empfehlung.

Fazit zum Buch
Ein schonungslos offenes Buch, ein ehrliches Buch, ein Buch voller Abgründe. Und doch auch ein mutiges Buch, ein Buch, das ermuntert, hinzuschauen, auch bei sich.

Paul Auster: Winterjournal

Paul Auster blickt auf sein Leben. Er schreibt sich von Liebe zu Liebe, listet die Wohnungen seines Lebens auf, reflektiert sein Leben in ihnen. Er denkt über seinen Körper nach und dessen Veränderungen in der Zeit, über Krankheiten und den Verfall bis hin zum Tod. Er zieht Bilanz weit vor dem Ende. Noch ist Zeit zum Schreiben. Das Zentrale in seinem Leben neben der Liebe.

«Du denkst, das wird dir niemals passieren, das kann dir niemals passieren, du seist der einzige Mensch auf der Welt, dem nichts von alldem jemals passieren wird, und dann geht es los, und eins nach dem anderen passiert dir all das genau so, wie es jedem anderen passiert.»

Paul Austers Blick ist ein offener, ein entlarvender. Er zeigt seine Illusionen, seine Irrtümer. Er offenbart seine Schwächen und zeigt sich dadurch mutig und stark. Er steht zu dem, was er ist, ohne zu beschönigen, zu verklären. Es ist aber auch keine Selbstanklage, sondern zeugt von der Anerkennung des eigenen So-Seins.

«Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist.»

Die Endlichkeit der Zeit ist immer wieder Thema. Sie zu nutzen im Wissen, dass nicht ewig Zeit sein wird, ist die Botschaft. Wie oft schweigen wir, denken später, zu spät, wir hätten etwas sagen sollen. Wir trauern den ungeklärten Dingen hinterher, Dinge, deren Klärung wir aufschoben. Ein Schriftsteller lebt davon, Dinge zu sagen. Er sucht den Ausdruck für das, was ist, was er ist. Was um ihn ist. Wie er damit umgehen will, kann, wie er es tut. Die Zeit dafür ist immer jetzt. Morgen kann es zu spät sein. Paul Auster hat das selbst erfahren und auch so beschrieben:

«und weil du immer geglaubt hast, er werde ein hohes Alter erreichen, hat es dich nie gedrängt, den zeitlebens zwischen euch hängenden Nebel zu lichten.»

Als Paul Austers Vater unerwartet plötzlich stirbt, wird er sich all dessen bewusst, was unausgesprochen blieb, was zu klären versäumt worden war. Die Illusion einer noch lange dauernden Zeit lässt uns zögern, das zu tun, was uns auf dem Herzen liegt und vielleicht nicht so leicht ist. Wir schieben es so lange auf später, bis die Zeit und die Chance, es zu tun, vorbei sind.

«Zweifellos bist du ein beschädigter, ein verwundeter Mensch, ein Mann, der von Anfang an eine Wunde in sich herumgetragen hat (warum sonst hättest du dein ganzes Erwachsenenleben damit verbringen sollen, Worte zu Papier zu bluten?), und der Gewinn, den du aus Alkohol und Tabak ziehst, dient dir als Krücke, dein verkrüppeltes Ich aufrecht zu halten und durch die Welt zu tragen.»

Paul Auster sieht sich als Verwundeten. Er sieht die Narben im Gesicht ebenso wie sein Tun, das wohl aus keinem heilen Wesen entspringen kann. Würde ein gesundes Wesen, ein unverwundetes, sich nicht ins blühende Leben stürzen statt in der stillen Kammer zu versuchen, Worte aneinanderzureihen?

«…das eine Ich, der Einzelne, der sich täglich für sieben oder acht Stunden in diesen Bunker verkriecht, ein stiller Menn, der abgeschnitten vom Rest der Welt, Tag für Tag an seinem Schreibtisch sitzt, mit nichts anderem im Sinn, als das Innere seines Schädels zu erforschen.»

Das eigene Schreiben dient dazu, sich und das Leben zu erforschen und zu verstehen. Es ist eine Innenschau, die nach aussen dringt und dadurch erfahrbar wird. Für Auster selbst und später für den Leser. Da Menschen nicht so unterschiedlich sind, wie sie manchmal glauben, erkennt man sich in diesem Geschriebenen wieder. Man geht selbst in sich und erkennt etwas, das vorher vielleicht nicht so offen dalag.

«Wir alle sind uns selbst fremd, und wenn wir irgendeine Ahnung haben, wer wir sind, dann nur, weil wir in den Augen anderer leben.»

Dieses Erkennen kann durch Bücher, aber auch durch andere Menschen passieren. Indem wir sehen, wie wir bei anderen ankommen, wie sie sich zu uns verhalten, was sie uns spiegeln, erhalten wir eine Ahnung dafür, wer wir sind.

«Eine Tür ist zugefallen. Eine andere Tür hat sich geöffnet. Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten.»

Und irgendwann wird es die letzte Tür sein.

Fazit zum Buch
Ich habe das Buch kurz nach Paul Austers Tod gelesen. Es hat mich berührt durch seine Sprache, durch seine Offenheit. Es hat mich dem Menschen Paul Auster nähergebracht und Lust gemacht, tiefer in sein Werk einzutauchen. Ein sehr persönliches Buch, das den Menschen Paul Auster in seinem Sein zeigt und erfahrbar macht.

(Paul Auster: Winterjournal, Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 2013)

Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an

Papa Kiyak hat Krebs. Die Tochter kümmert sich. Sie spricht mit den Ärzten, kocht Essen, will für ihn da sein, redet gut zu und hat selbst keine Kraft. Sie weint plötzlich in den unmöglichsten Situationen, kämpft immer wieder an allen Fronten, wütet über die Bedingungen von Migranten und denen in Spitälern. Und zwischendurch lässt sie sich von ihrem Papa Geschichten erzählen. Von früher. Von der Familie.

«Zum ersten Mal denke ich, dass mein Vater es nicht packen wird.»

Als ich das Zitat gelesen habe, erkannte ich mich wieder. Genau so war das. So kenne ich es. Eine sachliche Rezension zu diesem Buch zu schreiben, ist mir unmöglich. Oder: Ich will es nicht.

Ich wollte das Buch beim Lesen so oft abbrechen. Es tat mir nicht gut. Es warf mich zurück. Zu den gleichen Sätzen, die ich vor einigen Jahren auch hörte. Zu den Kämpfen, obwohl ich tief drin die Hoffnung aufgegeben hatte – und doch weiter hoffte. Es versuchte. Zurück zum Weinen in Trams, in Einkaufszentren. Zurück zu Zusammenbrüchen, tiefer Trauer. Angst.

Mely Kiyak schreibt über sich und ihren Vater. Sie schreibt über dessen Krebs und wie er sich ausbreitete. Lunge. Nieren. Leber. All das hatte ich genauso. Und so vieles dazu. Wie will ich da einen sachlichen Text darüber schreiben? Ich habe geweint. Nein. Geheult beim Lesen.

«Das scheint vollkommen üblich zu sein. Dass man sterbenskranken Menschen ihr Essen nicht dann gibt, wenn sie es brauchen und wollen, sondern dann, wenn es dem System in den Kram passt.»

Natürlich war das Verständnis für das Personal bei mir da. Sie sind alle überlastet. Und doch lag da mein Vater. Als ich all die Beschreibungen des Spitalalltags las, erkannte ich alles wieder. Mehr noch, ich war wieder drin. In dieser Wut, diesem Ausgeliefertsein. Ja, wir hatten teilweise grossartige Pflegekräfte. Geduldige Ärzte. Aber auch das Gegenteil. Und in all dem liegt dein Vater. Der Mensch, der dir so viel beigebracht hat. Der dir so wichtig, so lebenswichtig, wie du dachtest, ist. Unerträglich. Und doch muss es ertragen werden. So ging es mir wieder beim Lesen. Ich konnte nicht aufhören. Obwohl ich es kaum ertragen habe. Was für das Buch spricht. Es ist ehrlich. Es ist schonungslos. Es ist persönlich. Es ist authentisch.

«Noch bevor ich sprechen kann, fange ich an zu weinen. Es ist mächtiger als ich. Ich habe mich nicht im Griff. Dabei beginnen wir erst.

Was soll ich schreiben: So war das. Die Direktheit von Mely Kiyaks Schreiben führt es mir nicht nochmals vor, sie wirft mich nochmals rein. Und in all das, was als nette Beigabe in solchen Situationen dazukommt: Die Isolation, das Abwenden von Freunden, weil man keine Zeit mehr hat. Weil man sich ja kümmern muss. Und danach keine Worte findet auf die Fragen, die kämen.

«Man gewöhnt sich an Menschen, liebt sie, und am Horizont winkt bereits der Tod. Man fragt sich doch, worin der Sinn des Lebens besteht, wenn am Ende gestorben wird.»

Ja, wo liegt der Sinn des Lebens? Worauf kann man bauen? Es ist das elende Gefühl, das Mascha Kaléko beschreibt, dass der eigene Tod kein Schrecken ist, aber der derer, die man liebt. Alle können einem immer genommen werden.  

Fazit zum Buch
Berührend. Bewegend. Tief.

(Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an, Carl Hanser Verlag GmbH, München 2024.)

Rebecca F. Kuang: Yellowface

Athena Liu und June Hayward sind seit ihrem gemeinsamen Literaturstudium Freundinnen, beide streben sie eine Karriere als Schriftstellerin an. Während Athena der Erfolg nur so zufliegt, will June der Durchbruch nicht gelingen. Beim Feiern eines weiteren Erfolges erstickt Athena vor Junes Augen und diese wittert ihre Chance: Sie stiehlt deren fertiges Manuskript und gibt es nach intensiver Umarbeitung als eigene Geschichte heraus. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, doch dann droht der Diebstahl aufzufliegen.

„Yellowface“ ist ein Buch über das Schreiben:

«Schreiben ist der Kern meiner Identität, seit ich ein Kind war… Und auch wenn es mich unglücklich macht, werde ich an dieser Magie festhalten, solange es mich gibt.»

Über die guten Seiten daran:

«Darum liebe ich das Schreiben so sehr – wir haben unendlich viele Möglichkeiten, uns selbst und unsere eigenen Geschichten neu zu erfinden.»

Und die schwierigen:

«Schreiben ist so eine einsame Tätigkeit. Du hast keine Gewissheit, ob deine Arbeit irgendeinen Wert hat, und jedes Indiz dafür, dass du den Anschluss verlierst, stürzt dich in den Abgrund der Verzweiflung.»

Es stellt die Frage, wer ein Buch wirklich geschrieben hat:

«Die ursprüngliche Idee für diesen Roman kam vielleicht nicht von mir, aber ich bin diejenige, die ihn gerettet und den ungeschliffenen Diamanten zum Glänzen gebracht hat.»

Und ein Buch über Aneignung:

«Zum ersten Mal seit ich das Manuskript abgegeben habe, überkommt mich ein tiefes Schamgefühl. Das ist nicht meine Geschichte, mein Erbe.»

Es ist ein Buch über Freundschaft:

«Schliesslich ist es schwer, mit jemandem befreundet zu sein, der dich bei jeder Gelegenheit aussticht. Vermutlich mag niemand Athena, weil niemand das Gefühl mag, im Vergleich mit ihr ständig den Kürzeren zu ziehen. Vermutlich stehe ich zu ihr, weil ich so armselig bin.»

Ein Buch über Neid:

«Neid bedeutet, mich ständig mit ihr zu vergleichen und dabei schlecht wegzukommen; Panik, dass ich nicht gut genug oder schnell genug schreibe, dass ich nicht gut genug bin und es nie sein werde.»

Und ein Buch über den Tod – und was danach von einem bleibt. Dabei schwingt auch die Angst mit, schon zu Lebzeiten in Vergessenheit zu geraten.

«Mir war nicht klar, wie viel Angst ich davor habe: unbekannt zu sein, vergessen zu werden.»

Fazit zum Buch
Ein gut lesbares, flüssig geschriebenes Buch, das Einblicke in die Welt hinter den Büchern, in die Welt des Schreibens und Publizierens und alles, was darin Schönes und Schwieriges steckt.  

Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt

Der Schriftsteller bei der Arbeit

«Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.» Franz Kafka

Andreas Kilcher wirft einen Blick hinter die Kulissen von franz Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und sein Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Andreas Kilcher analysiert Kafkas Lektüren, Interessen und die historischen und lebensnahen Kontexte und leitet daraus einen Bezug zu einzelnen Texten ab. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor.

«Ein gutes Buch ist der beste Freund.»

Wir lernen Kafka in diesem Buch als begeisterten und intensiven Leser kennen. Zwar blieb seine eigene Bibliothek immer überschaubar, in Briefen und auf Listen zeigt sich aber der Umfang seines Lesens.

«Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.» Franz Kafka

Der Philosophieprofessor und Schriftsteller Peter Bieri sagte über Literatur, dass sie im Leser etwas bewegen, etwas verändern müsse. Aus guter Literatur gehe man als anderer hervor. Das scheint auch Kafkas Meinung gewesen sein. Literatur bietet einen Blick in sich selbst, sie lässt einen die Möglichkeiten erkennen, was im Leben möglich ist, wie der Mensch sein kann. Sie lässt den Leser nachdenken, was davon in ihm selbst angelegt ist und bringt ihn so zu neuen Erkenntnissen.

«Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich.» Franz Kafka

Als Kafka schon im Sterben lag, die Tage waren gezählt, fragte er den behandelten Arzt nicht nach der Anzahl verbleibender Tage, sondern, wie viele Erzählungen er wohl noch schreiben können würde. Da waren noch so viele in seinem Kopf. Der Arzt meinte nur: «Fangen sie gleich mit dem Schreiben an.»

Zwar habe ich dieses Gespräch aus einem Film, doch es könnte sich genauso abgespielt haben. Kafka lebte für sein Schreiben. Alles, was diesem im Weg war, plagte ihn. Lesen und Schreiben, eine untrennbare Liaison – sie gehörten für Kafka zusammen, das Schreiben wuchs aus dem Lesen heraus. Das zeugen die vielen intertextuellen Bezüge in Kafkas Werk, die Anspielungen, das leise Aufklingen von Themen und literarischen Bildern.

So schreibt denn auch Andreas Kilcher, dass Literatur nie aus dem Nichts entstehe, sondern immer aus anderen Büchern. Diese setzen sich im Unterbewusstsein fest und wirken daraus. Sie bilden eine (neben anderen) Grundlage des Denkens und dann des Schreibens. Damit deutet er darauf hin, was in vielen Schreibratgebern und von vielen Schriftstellern vertreten wird: Wer schreiben will, muss ein Leser sein. Kafka hat es vorgemacht.

Fazit zum Buch:
Einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk.

(Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit, C.H. Beck Verlag, München 2024.)