„Kreativität ist die Fähigkeit zu sehen (oder bewusst wahrzunehmen) und zu antworten.“ (Erich Fromm)

Jeder Mensch ist kreativ, nur haben wir oft den Zugang zu unserer Kreativität verloren. Festgefahren in Routinen oder vorgefassten Meinungen reagieren wir auf Situationen, statt aktiv hinzusehen, was ist und dann aktiv etwas zu tun.

Im bewussten Wahrnehmen dessen, was ist, steckt die Möglichkeit, Neues zu schaffen – sei es im eigenen Verhalten (quasi als Lebenskunst) oder in Form eines (künstlerischen) Werkes.

Die eigene Kreativität wieder zu entdecken, heisst, sein eigenes Leben wieder aktiv in die Hand zu nehmen und sich und die in sich angelegten Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entwickeln. Es heisst, wieder bewusst hinzusehen, was ist und entsprechend zu handeln. Das hilft uns auch im Umgang mit anderen Menschen, da wir sie wieder offen sehen, nicht durch unsere eigenen Projektionen verstellt.

Wenn der Weg zur inneren Kreativität versperrt ist, dann sind wir wie die Menschen in Platons Höhlengleichnis: Wir sehen nur die Schatten und halten sie für die Welt. Damit beschneiden wir uns selber in unseren Möglichkeiten und unserem Sein, aber auch unsere Sicht auf die Welt und unseren Umgang damit. Spätestens wenn wir das merken oder gar darunter leiden, sollten wir das Licht suchen und den Weg zur eigenen Kreativität freischaufeln.

Wenn man mir einen Tag schenken würde, ich einfach tun könnte, was mir am Herzen liegt, ich danach sterben würde. Was täte ich? Ich stiess heute beim Schauen eines Films auf die Frage und überlegte. Und ja, vielleicht täte ich nicht mal wirklich etwas anderes, als ich es aktuell immer tue. Ich möchte die Zeit mit meinen liebsten Menschen verbringen, möchte lachen, essen, geniesen. Ich möchte lesen, diskutieren, fotografieren, den Sonnenuntergang anschauen. Möchte tanzen, Musik hören, auf meiner Gitarre spielen. Und ja, das sind keine spektakulären Dinge, es sind die kleinen Freuden des Alltags, für die ich dankbar bin, sie erleben zu dürfen. Weil sie mir genau so entsprechen. Aber es gab andere Zeiten in meinem Leben.

Ich steckte und stellte zurück, versuchte zu genügen, zu erfüllen, eigene und fremde Erwartungen. Ich war gefangen in einem Hamsterrad, Sklave eines eigenen Perfektionismus, dem ich nie entsprechen konnte. Die Messlatte war hoch. Zu hoch. Wenn ich was tat, musste es zu was gut sein. Kürzlich kaufte ich mir eine Gitarre und übe nun. Nur zur eigenen Freude. Was für eine Befreiung. Das würde ich an meinem letzten Tag auch tun wollen.

Aber es geht nicht nur mir so. Wie oft hörte ich schon in meinem Umfeld: „Wenn ich…. dann werde ich….Kaum einer hat es getan. Die einen sind gestorben, anderen entsprachen die so lange gehegten und erzählten Träume doch nicht wirklich.

Wenn man etwas wirklich will, von tief innen heraus, gibt es wohl nur eine richtige Zeit, sich den Traum zu erfüllen: Jetzt. Damit sage ich nicht, dass alles immer und überall möglich ist, die Frage ist bei vielem aber auch, wieso man davon träumt. Sind es wirklich tiefe Wünsche oder eher Phantasien, um etwas zu entkommen, das im Leben grad schwer ist?

Wieso träumen wir unsere Träume? Was steckt dahinter? Wirkliche Wünsche oder sind sie ein Zeichen für etwas in unserem Leben, das nicht passt? Wenn es wirkliche Wünsche sind, was hält uns ab, sie zu verwirklichen? Und: Hält uns wirklich was ab oder haben wir insgeheim doch Angst, weil sie Neues in unser Leben brächten, wie gewohnte Pfade verlassen müssten?

Wenn ich morgen sterben würde, wie lebte ich den heutigen Tag? Wir können viel vom Tod lernen, allem voran, wie wir leben wollen. Es heisst, die Angst vor dem Tod sei die grösste Angst überhaupt, sie stehe hinter allen anderen Ängsten, aber eigentlich ist der Tod auch ein Geschenk: Er zeigt, dass die Zeit hier auf Erden kostbar ist. Wenn wir ihn nicht verdrängen würden, so im Stil von „mir passiert das nicht“, würden wir bewusster mit der Zeit umgehen, die wir haben.

Noch ist es nicht zu spät. Wir alle können uns die Frage stellen, was wir an unserem letzten Tag tun würden. Und wir können es jetzt schon tun. Vielleicht nicht heute, aber sicher morgen oder am Wochenende. Oft gehört dazu auch, hinzuschauen, wovor wir Angst haben, denn ganz oft ist die Angst es, die uns im Wege steht, heute schon so zu leben, wie wir es tief drin gerne würden. Wir müssen nicht erst den Tod vor Augen haben, um unser Leben nach unseren Wünschen zu gestalten, wir müssen den Mut haben, es in die eigene Hand zu nehmen und herauszufinden, was wir wirklich wollen.

Was würdest du tun, wäre dies heute dein letzter Tag? Wann tust du es?