Flüchtlinge – was ist wirkliche Hilfe?

Kürzlich las ich einen Artikel über die Schwierigkeiten von Flüchtlingen und wie wir als Land deren Menschen- und Grundrechte mit Füssen treten. Nicht nur sind die Unterkünfte oft bedenklich, fehlt es doch an Privatsphäre bei oft längerdauernden Kollektivunterkünften. Zudem: es gibt Rayonverbote, welche die Bewegungsfreiheit einschränken, sie dürfen teilweise öffentliche Einrichtungen wie Freibäder besuchen. Abgewiesene Flüchtlinge müssen zweimal täglich einen Antrag für Nothilfe stellen – und diese reicht kaum zum Überleben, von Leben ganz zu schweigen, vor allem mit Kindern. Und so weiter. 

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“ (Hannah Arendt)

Die Thematik ist nicht neu, ich mache mir immer wieder Gedanken dazu, und ich überlegte, ob ich dazu schreiben soll, mich in irgendeiner (mehrheitlich schriftlichen) Form engagieren soll. Da kamen sie, die Gegenargumente: Das bringt nichts, damit ist keinem Flüchtling geholfen. Die sitzen noch immer in ihren Notunterkünften, haben nichts zu essen. Hilfe wäre nur, wenn ich einen oder zwei privat bei mir aufnähme. 

Meine erste Reaktion war ein spontanes innerliches Nein, da ich an die Macht und Kraft des Wortes glaube, da ich überzeugt bin, dass gewisse Dinge auch gedacht und gesagt werden müssen, um ein Bewusstsein zu schaffen, so dass sich Menschen (und immer mehr Menschen, es gibt grosse Widerstände) für eine Verbesserung der Situation einsetzen. Doch dann schwankte ich. Gab innerlich meinen Plan auf. Und war betrübt. 

Aber nein! Wenn ich einen Flüchtling aufnehme, ist KEIN Problem gelöst, nicht mal langfristig das dieses einen Flüchtlings. Wenn sich nicht unsere politischen Strukturen ändern, der grundsätzliche Umgang mit Flüchtling menschenwürdiger wird, sind das gut gemeinte Hilfsangebote für den Moment – aber dann? Flüchtlinge sind oft mehrere Jahre da. Ich denke nicht, dass es wirklich angemessen ist, diese so lange in einem Privatzimmer unterzubringen. Auch die Probleme des alltäglichen Lebens, des Berufsverbots, der schikanös anmutenden Formalitäten wäre damit nicht gelöst. 

In einer Stadt am Bodensee hat man, um die Situation mit den ankommenden Ukrainern zu bewältigen, zwei Stellen eingerichtet, die sich um die Flüchtlinge kümmern und alles organisieren sollen. Das ist grossartig, nur fehlt den beiden die Entscheidungskompetenz und so können sie wenig mehr tun, als auf notwendige Formulare hinweisen. Andernorts wurden Gelder bewilligt für Kost und Logis, nur fliessen diese nicht. Wieder andernorts weiss man nicht genau, was passiert, wenn die Menschen ärztliche Hilfe oder Medikamente brauchen. Alle sind guten Willens, alle nicken verständnisvoll mit dem Kopf und jede Stelle schiebt es einer anderen zu, welche zuständig wäre.

Solange es Nationalstaaten gibt, wird es Kriege geben. Solange es Kriege gibt, die von Nationalstaaten gegen andere geführt werden, wird es Menschen geben, die fliehen müssen. In Anbetracht dessen sollten wir uns um strukturelle, politische, rechtliche Lösungen kümmern, die genau festlegen, was passiert, wenn ein Mensch, der aus einem anderen Land fliehen musste, hinmuss, so dass diesem Menschen von Anfang an ein menschenwürdiges Leben möglich ist. Natürlich kann man mit Übergangslösungen arbeiten, aber auch die müssen klar definiert und menschenwürdig sein.

Menschen, die fliehen mussten, sind nicht Menschen zweiter Klasse, sie brauchen keine Almosen, sie sollen nicht Bittsteller sein müssen, sie sollen nicht auf gut Glück auf die Hilfe Einzelner, die zufällig kommen oder eben auch ausbleiben kann, hoffen müssen. Sie sollten nicht Opfer eines nicht auf sie vorbereiteten Systems werden, sondern sich als Menschen mit einem «Recht, Rechte zu haben», wie Hannah Arendt sagte, fühlen. Weil ihnen das zusteht. Als Menschen, als gleichwertige Mitglieder der Menschheit, die schlicht weniger Glück hatten, damit aber nicht weniger wert sind.

Und so komme ich zum Schluss: Es gibt viele Arten von Engagement und jeder sollte tun, was er am besten kann – das gemeinsame Ziel im Blick. Aber DAS ist wichtig. Die einen suchen nach Lösungen mit Blick auf die ethischen, praktischen und menschlichen Probleme, die anderen können Lösungen in Rechte und Strukturen umsetzen, die dritten können alles ausführen. Nur so werden wir in Zukunft auf eine ethisch vertretbare Weise damit umgehen können, Menschen als Menschen bei uns aufzunehmen, die ihre Heimat verloren haben.

Die Würde des Menschen

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

So lautet der erste Absatz des ersten Artikels des Deutschen Grundgesetzes. Neu ist der Begriff der Würde nicht, er lässt sich historisch durchaus zurückverfolgen, Was ich hier aber nicht ausführlich tun möchte. Nur noch soviel: In der Aufklärung schrieb der Naturrechtsphilosoph Samuel von Pufendorf:

„Der Mensch ist von höchster Würde, weil er eine Seele hat, die ausgezeichnet ist durch das Licht des Verstandes, durch die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und sich frei zu entscheiden, und die sich in vielen Künsten auskennt.“

Er verknüpft die menschliche Würde mit der Vernunft und der (Entscheidungs-)Freiheit, eine Verbindung, die sich auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 findet:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Kürzlich hörte ich eine Sendung über Menschenwürde. Im Grundgesetz gilt diese – wir sahen es oben – als unanstastbar und zwar für alle Menschen ohne Unterschied allein aufgrund ihres Mensch-Seins. Ferdinand von Schirach hat diese Unantastbar bezweifelt und ein Buch mit dem Titel „Die Würde des Menschen ist antastbar“ geschrieben, in dem er ausgeführt, sie würde täglich angetastet durch unsere gesellschaftlichen Umstände, welche mehr auf Profit als auf Mitmenschlichkeit ausgerichtet sind.

Die Würde wird oft herbeigeholt, wenn es darum geht, Argumente für etwas zu finden, manchmal für verschiedene Standpunkte. Man denke zum Beispiel an die Sterbehilfe: Beide Seiten argumentieren mit der menschlichen Würde, um ihre Position zu begründen. Und manchmal kommt es mir so vor, als wäre die Würde ebenso ein Konjunktiv wie das entsprechende Verb in der Form: Sie würde schon jedem zukommen, die Würde, aber darum können wir uns gerade nicht kümmern…

In dieser Sendung wurde argumentiert, dass Würde nur bei entsprechenden kognitiven Fähigkeiten verletzt werden könne, da jemand, der eine Erniedrigung nicht als solche empfinde, könne gar nicht verletzt werden. Schlimmer noch: Mangels dieser kognitiven Fähigkeiten und auch der Möglichkeit auf freie (politische) Entscheidungen sprach man Babies und Kleinkindern, zudem entsprechend Behinderten und Dementen Würde ab (was nicht hiess, dass man sie nicht trotzdem gut behandeln müsse). Und ich merkte, wie sich alles in mir sträubte.

Auf den ersten Blick könnte man denken, diese Argumentation stimmt überein mit Pufendorf und in der Menschenrechtserklärung, wo Würde mit Vernunft und freier Entscheidung zusammenfällt. Sich auf Pufendorf zu berufen, wäre in meinen Augen keine hinreichende Begründung für das Absprechen von Würde in der heutigen Zeit. Pufendorf attestiert dem Menschen durchaus Würde aufgrund einer Seele, welche er als vernunftbegabt und zu Entscheidungen fähig sieht. Wenn man allerdings die rassistische und frauenabwertende Sicht der Philosophen der Aufklärung kennt, ist mit einer solchen Begründung wohl auch Schwarzen und Frauen eine entsprechende Seele und damit die Würde abgesprochen worden. In der Menschenrechtserklärung heisst der erste Satz ganz klar:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Alle. Frei und gleich geboren. Mit Würde und Rechten. Die nachfolgende Beschreibung macht das nicht rückgängig. Sie ist auch nicht als nachträglich einschränkende Bedingung formuliert. Insofern behält der erste Satz seine Gültigkeit. Das muss so sein, denn: Könnte man Würde all denen absprechen, die keine ausgebildete Kognitionsfähigkeit zum Erfassen der eigenen Würde haben, wäre Würde eine reine Zuschreibung. Diese erfolgte aufgrund verschiedener Fähigkeiten und Möglichkeiten und wäre in der Form eher beliebig, da Fähigkeiten und Möglichkeiten in unterschiedlichen Kulturen und zu unterschiedlichen Zeiten verschieden bewertet werden.

Würde hat aber eine tiefere Bedeutung. Würde ist etwas dem Menschen immanentes, das schreibt keiner nach irgendwelchen Kriterien zu. Wir haben uns Wesen gegenüber so zu verhalten, dass ihre ihnen eigene Würde nicht verletzt wird – egal, ob sie von ihrer Würde wissen oder eine Verletzung derselben empfinden (können). Wenn wir Würde von individuellen Befindlichkeiten abhängig machen, siegt die Willkür, was dazu verleiten kann, moralische Pflichten des (eigenen) Verhaltens zu vernachlässigen – man kann sich immer darauf berufen, dass man nicht hätte ahnen können, wie der andere etwas empfindet und sich mit Unabsichtlichkeit herausreden: „Mich würde das nicht stören, man wird ja wohl noch sagen/tun dürfen…“

Ich möchte es vorläufig mit Schiller halten:

„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!“

Die Würde steht jedem Menschen zu. Es ist an jedem Einzelnen, Menschen dementsprechend zu behandeln. Menschen verlieren ihre Würde nicht durch fehlende Fähigkeiten oder Möglichkeiten, andere Menschen sprechen sie ihnen ab durch ihr falsches, unwürdiges, entwürdigendes Verhalten – und das tun sie zu Unrecht. Jeder Mensch besitzt eine Würde und wir haben uns Menschen gegenüber so zu verhalten, dass diese gewahrt ist. Weil sie Menschen sind und damit wie wir das Recht darauf haben.

Echo für antisemitische und frauenfeindliche Parolen

Ich habe HIER im Vorfeld der Echoverleihung über die Nominierung von Farid Bang und Kollegah geschrieben. Nun ist die Echoverleihung über die Bühne gegangen. Als Campino geehrt wurde, zog ich den Hut vor seiner Rede. Er hat alles auf den Punkt gebracht. Danke dafür:

Campinos Rede

Damit war leider noch nicht alles vorbei, es kam danach in der Tat zu einer Auszeichnung des Rapper-Duos. Kollegah liess es sich natürlich nicht nehmen, gegen Campino zurückzuschiessen – keiner pinkelt ungestraft einem Kollegah ans Bein. Kann man legitim finden, im Stil von: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Die Reaktion des Publikums zeigte deutlich, auf wessen Seite es stand. Hier der Link dazu:

Kollegahs Antwort an Campino

Ich habe die Diskussion mit jemandem aus der Rapper-Szene gehabt. Er meinte, wir verstünden Battle Rap nicht. Es gehe nicht um die Inhalte, es gehe drum, der Grösste zu sein. Die krassen Argumente seien also nicht so gemeint, sondern Stilmittel, die zur Darstellung der eigenen Grösse dienten – innerhalb der Szene. Es sei – wie es auch heisst – ein Battle, ein Kampf mit bestimmten Mitteln. (So habe ich es verstanden, ich lasse mich aber gerne korrigieren, Kommentare sind immer willkommen).

Ich kann das nachvollziehen, frage mich dann aber doch: Wenn der Inhalt nicht wirklich zählt, könnte man ja auch andere Inhalte nehmen. Sie dürfen ja kriegerisch sein, sie dürfen auch derb sein, müssen sie aber Menschenrechte verletzen? Klar tun sie das nur verbal, aber befördern Worte nicht immer auch Haltungen? Wird so nicht etwas angeheizt, das jetzt schon bedenklich aktuell ist in unserer Gesellschaft?

Ich bleibe dabei, dass ich es bedenklich finde, dass ein solches Gedankengut ausgezeichnet wird. Ich finde es bedenklich, dass eine Ethikkommission so etwas durchwinkt, dass man Worte als so beliebig anschaut, dass ihr Inhalt offensichtlich nicht ausreicht, die Handbremse zu ziehen.

Buddha sagte mal:

Was du heute denkst, wirst du morgen sein.

Aus Worten werden Taten und Taten formen unsere Welt. In was für einer Welt also wollen wir leben?

Von Menschen für Menschen

Der Künstler Yehuda Bacon ist ein Überlebender des Holocaust. Als er später Auschwitz das erste Mal besuchte, wurde ihm bewusst, was er dort verloren hatte: Seine Kindheit, seine Jugend. Trotz des Schrecklichen, was ihm wiederfahren ist, findet er positive Gedanken zum Problem des Bösen, wie er es nennt. Er findet sogar einen Sinn im Leiden, denn er sagt:

Ja, auch das Leiden kann Sinn haben, wenn wir erkennen, dass auch der andere Mensch ist wie ich selber. Ich kann ein Verhältnis mit jedem anderen Menschen haben, auch wenn er eine andere Religion, eine andere Richtung hat. Er ist ein Mensch, er ist eine Kreatur. Wir haben etwas Gemeinsames: Wir sind Menschen.

Das Leiden, das Yehuda Bacon erlebt hat, ist mit Worten nicht zu erfassen, sie greifen alle zu kurz, und für die meisten von uns unvorstellbar. Er hat für sich versucht, etwas Positives in dem Ganzen zu finden: In der ganzen Unmenschlichkeit, die damals herrschte, unter der er und viele andere litt, viele davon in den Tod getrieben wurden, lernte er, was Menschlichkeit bedeutet: In sich und anderen das Gemeinsame anerkennen und lieben, denn:

In jedem Menschen steckt der gleiche Kern. Jeder hat eine Mutter.

Für Yehuda ist das eine Erkenntnis der Liebe. Sie ist für Bacon die positive Antwort auf all die Fragen, die das Leiden aufwarf.

Eine solche Aussage kann nur einer machen, der das Leiden – dieses Leiden – selber durchmachte, denn von jedem anderen Menschen wäre sie inakzeptabel. Sie würde die Tat in einer Weise mit Sinn behaften, die diese in keiner Weise hatte. Gerade die Sinnlosigkeit der Gräueltaten, der Verbrechen gegen die Menschheit und die Menschlichkeit, war es ja, die diesen eine noch grössere Tragik gaben.

Ein Betroffener, der noch dazu überlebt hat, muss verstehen, wenn er irgendwie weiterleben will. Der Mensch neigt dazu, Sinn zu suchen und zu finden, denn ohne Sinn wäre alles sinnlos – auch das Weiterleben. Für Bacon ist der Sinn die Erkenntnis, dass wir alle Menschen sind – im Kern – und dass wir uns als Menschen lieben sollen, unabhängig von unserer Zugehörigkeit – sei diese religiös, sexuell, regional oder anderweitig bestimmt.

Diese Fragen – und vor allem diese positive Antwort – sind heute aktueller denn je. Wir sind heute wieder in der Pflicht, Menschen als Menschen anzusehen und anzunehmen. In Scharen fliehen sie tausende Kilometer, um zu überleben und werden hier nicht mit Liebe empfangen, nicht mit einer Haltung von Menschen für Menschen. Es schlägt ihnen Misstrauen, Missmut, gar Hass entgegen. Man sieht in ihnen die Gefahr für die eigenen Vorteile, sieht in ihnen Eindringlinge ins eigene Land (das man sich meist nicht freiwillig aussuchte, sondern nur Glück hatte, da geboren worden zu sein oder aber die Möglichkeit gehabt zu haben, als Willkommener – oder zumindest Geduldeter – einzuwandern). Was man nicht mehr sieht, ist, dass es Menschen sind. Genau wie wir. Menschen in Not noch dazu. Es sind Menschen, die Hilfe benötigen und dies oft, weil unsere Länder es waren, die ihre Länder vorher ausgebeutet haben oder aber mit Waffen versorgt, weil der Krieg dort vor Ort hier Profit gab. Und nun, da alles aus dem Ufer läuft, will man hier Grenzen ziehen und sich schützen.

Nur: Wovor? Es sind Menschen und sie brauchen Hilfe. Und selbst wenn wir durchaus auch im eigenen Land Armut haben und Menschen, die leiden und Hilfe benötigen, ist dies kein Grund, sie anderen zu verwehren und sie damit in den sicheren Tod zu schicken.

(Die Zitate stammen – fast wörtlich – aus „Auschwitz und Ich. Für das Leben lernen:  Eine Erkenntnis der Liebe“