Ich habe HIER im Vorfeld der Echoverleihung über die Nominierung von Farid Bang und Kollegah geschrieben. Nun ist die Echoverleihung über die Bühne gegangen. Als Campino geehrt wurde, zog ich den Hut vor seiner Rede. Er hat alles auf den Punkt gebracht. Danke dafür:

Campinos Rede

Damit war leider noch nicht alles vorbei, es kam danach in der Tat zu einer Auszeichnung des Rapper-Duos. Kollegah liess es sich natürlich nicht nehmen, gegen Campino zurückzuschiessen – keiner pinkelt ungestraft einem Kollegah ans Bein. Kann man legitim finden, im Stil von: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Die Reaktion des Publikums zeigte deutlich, auf wessen Seite es stand. Hier der Link dazu:

Kollegahs Antwort an Campino

Ich habe die Diskussion mit jemandem aus der Rapper-Szene gehabt. Er meinte, wir verstünden Battle Rap nicht. Es gehe nicht um die Inhalte, es gehe drum, der Grösste zu sein. Die krassen Argumente seien also nicht so gemeint, sondern Stilmittel, die zur Darstellung der eigenen Grösse dienten – innerhalb der Szene. Es sei – wie es auch heisst – ein Battle, ein Kampf mit bestimmten Mitteln. (So habe ich es verstanden, ich lasse mich aber gerne korrigieren, Kommentare sind immer willkommen).

Ich kann das nachvollziehen, frage mich dann aber doch: Wenn der Inhalt nicht wirklich zählt, könnte man ja auch andere Inhalte nehmen. Sie dürfen ja kriegerisch sein, sie dürfen auch derb sein, müssen sie aber Menschenrechte verletzen? Klar tun sie das nur verbal, aber befördern Worte nicht immer auch Haltungen? Wird so nicht etwas angeheizt, das jetzt schon bedenklich aktuell ist in unserer Gesellschaft?

Ich bleibe dabei, dass ich es bedenklich finde, dass ein solches Gedankengut ausgezeichnet wird. Ich finde es bedenklich, dass eine Ethikkommission so etwas durchwinkt, dass man Worte als so beliebig anschaut, dass ihr Inhalt offensichtlich nicht ausreicht, die Handbremse zu ziehen.

Buddha sagte mal:

Was du heute denkst, wirst du morgen sein.

Aus Worten werden Taten und Taten formen unsere Welt. In was für einer Welt also wollen wir leben?

Der Künstler Yehuda Bacon ist ein Überlebender des Holocaust. Als er später Auschwitz das erste Mal besuchte, wurde ihm bewusst, was er dort verloren hatte: Seine Kindheit, seine Jugend. Trotz des Schrecklichen, was ihm wiederfahren ist, findet er positive Gedanken zum Problem des Bösen, wie er es nennt. Er findet sogar einen Sinn im Leiden, denn er sagt:

Ja, auch das Leiden kann Sinn haben, wenn wir erkennen, dass auch der andere Mensch ist wie ich selber. Ich kann ein Verhältnis mit jedem anderen Menschen haben, auch wenn er eine andere Religion, eine andere Richtung hat. Er ist ein Mensch, er ist eine Kreatur. Wir haben etwas Gemeinsames: Wir sind Menschen.

Das Leiden, das Yehuda Bacon erlebt hat, ist mit Worten nicht zu erfassen, sie greifen alle zu kurz, und für die meisten von uns unvorstellbar. Er hat für sich versucht, etwas Positives in dem Ganzen zu finden: In der ganzen Unmenschlichkeit, die damals herrschte, unter der er und viele andere litt, viele davon in den Tod getrieben wurden, lernte er, was Menschlichkeit bedeutet: In sich und anderen das Gemeinsame anerkennen und lieben, denn:

In jedem Menschen steckt der gleiche Kern. Jeder hat eine Mutter.

Für Yehuda ist das eine Erkenntnis der Liebe. Sie ist für Bacon die positive Antwort auf all die Fragen, die das Leiden aufwarf.

Eine solche Aussage kann nur einer machen, der das Leiden – dieses Leiden – selber durchmachte, denn von jedem anderen Menschen wäre sie inakzeptabel. Sie würde die Tat in einer Weise mit Sinn behaften, die diese in keiner Weise hatte. Gerade die Sinnlosigkeit der Gräueltaten, der Verbrechen gegen die Menschheit und die Menschlichkeit, war es ja, die diesen eine noch grössere Tragik gaben.

Ein Betroffener, der noch dazu überlebt hat, muss verstehen, wenn er irgendwie weiterleben will. Der Mensch neigt dazu, Sinn zu suchen und zu finden, denn ohne Sinn wäre alles sinnlos – auch das Weiterleben. Für Bacon ist der Sinn die Erkenntnis, dass wir alle Menschen sind – im Kern – und dass wir uns als Menschen lieben sollen, unabhängig von unserer Zugehörigkeit – sei diese religiös, sexuell, regional oder anderweitig bestimmt.

Diese Fragen – und vor allem diese positive Antwort – sind heute aktueller denn je. Wir sind heute wieder in der Pflicht, Menschen als Menschen anzusehen und anzunehmen. In Scharen fliehen sie tausende Kilometer, um zu überleben und werden hier nicht mit Liebe empfangen, nicht mit einer Haltung von Menschen für Menschen. Es schlägt ihnen Misstrauen, Missmut, gar Hass entgegen. Man sieht in ihnen die Gefahr für die eigenen Vorteile, sieht in ihnen Eindringlinge ins eigene Land (das man sich meist nicht freiwillig aussuchte, sondern nur Glück hatte, da geboren worden zu sein oder aber die Möglichkeit gehabt zu haben, als Willkommener – oder zumindest Geduldeter – einzuwandern). Was man nicht mehr sieht, ist, dass es Menschen sind. Genau wie wir. Menschen in Not noch dazu. Es sind Menschen, die Hilfe benötigen und dies oft, weil unsere Länder es waren, die ihre Länder vorher ausgebeutet haben oder aber mit Waffen versorgt, weil der Krieg dort vor Ort hier Profit gab. Und nun, da alles aus dem Ufer läuft, will man hier Grenzen ziehen und sich schützen.

Nur: Wovor? Es sind Menschen und sie brauchen Hilfe. Und selbst wenn wir durchaus auch im eigenen Land Armut haben und Menschen, die leiden und Hilfe benötigen, ist dies kein Grund, sie anderen zu verwehren und sie damit in den sicheren Tod zu schicken.

(Die Zitate stammen – fast wörtlich – aus „Auschwitz und Ich. Für das Leben lernen:  Eine Erkenntnis der Liebe“