Heute stiess ich auf Facebook auf einen Beitrag eines „Freundes“. Ich gebe zu, ich hatte keine Ahnung, wer das war und wie ich zu der Ehre der Freundschaft gekommen war, aber das sah ich nun: Ein Bild, das er irgendwo kopiert hatte. Zwei sich küssende (wirklich attraktive) Männer. Er schrieb dazu, er fände das widerlich. Die Kommentare schlugen in die gleiche Kerbe. Zwei Männer gingen gar nicht. Liebe sei nur Mann und Frau, alles andere sei pervers. Da wurden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung als WIDERLICH (sorry, ich muss das deutlich sagen) bezeichnet.

Ich habe das angeklagt. Ich schrieb einen eigenen Post und sagte, dass ich ein solches Verhalten nicht akzeptiere. ich sagte, dass ich keine Homophoben Menschen in meiner Freundschaftsliste haben will. Ich sagte, dass es nicht angehe, Menschen wegen ihrer religiösen, sexuellen Ausrichtung, Herkunft oder Hautfarbe abzuwerten. Ich wurde angegriffen. Und zwar massiv.

Ich bin aktuell geschockt. Und nachdenklich. Ich bin geschockt, wie viele sich für eine Meinungsfreiheit bei menschenverachtendem Tun einsetzten. Wie ich angegriffen wurde, weil ich Menschen in ihrer Würde, ihrem Sein schützen wollte.

Ich sei ein Ignorant, weil ich mich für Menschenrechte einsetzte. Die Meinungsfreiheit wurde ins Feld geführt, nicht wissend wohl, dass die Menschenwürde, die angegriffen wurde, höher steht. Und: Meinungsäusserungsfreiheit wurde für Diskriminierung, Abwertung geltend gemacht, wo diese doch zum Schutz der Menschenwürde und des Antirassismus einst eingeführt wurde – das mutete schon fast skurril an.

Ich stehe weiter dazu: Ich bin gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Pauschalverurteilungen aufgrund von Herkunft, Religion, sexueller Ausrichtung, Hautfarbe. Wenn das Intolerant ist, dann bin ich das.

Wir leben im Zeitalter der Meinungsfreiheit. Auf die berufen wir uns immer, wenn wir etwas sagen, das nicht gut ankommt. Das ist praktisch, denn so muss man sich nie überlegen, was man sagt. Und wieso. Denn: Man darf ja. Die Meinung ist frei.

Man könnte, bevor man etwas sagt, sich fragen:

Ist es nett? Hilft es jemandem?

Wenn die Antwort zweimal nein wäre, könnte man das Sagen einfach lassen und nichts sagen. Wieso? Weil es nett wäre? Und das Gegenteil keinem was hülfe – wohl eher im Gegenteil… ABER: Man beruft sich auf seine Rechte. Die einem wohl eher egal sind, nicht grundsätzlich, aber in dem Fall, die sich aber grad gut instrumentalisieren lassen für die eigenen Zwecke. Man ist quasi legitimiert fein raus. Muss sich nicht mehr hinterfragen.

Ich finde das doppelt traurig. Erstens plappert man einfach mal drauf los, ohne Rücksicht auf Gefühle oder Verluste. Zweitens missbraucht man ein Menschenrecht, das gut und richtig und wichtig ist, für die eigene Gedanken- und Gefühllosigkeit. Und wenn auch das Menschenrecht nicht mehr zieht, dann war es gar nicht so gemeint. War quasi Humor. Oder notfalls Satire. Das macht es nicht netter oder besser, aber gut und nett ist eh out. Zumindest scheint es ab und an so. Man kann ja im nächsten Atemzug über die kalte und grausame Welt ohne Gefühl und menschliche Werte jammern….

Die Beschneidungsdebatte, welche ursprünglich durch das Urteil des Landesgerichts in Köln losgetreten wurde, hat sich über die grenzen Deutschlands nach Österreich ausgeweitet. Heise berichtet über den österreichischen Religionskritiker Niko Alm, welcher mit einer Initiative gegen Kirchenprivilegien die Diskussion in die Alpenrepublik gebracht hat. In einer Pressekonferenz liess er fünf Beschneidungsgegner zu Wort kommen, darunter auch den Grafiker Kahid Kaya, Mitglied des Zentralrats der Ex-Muslime, welcher seine eigene Beschneidung als traumatisch empfand und deswegen eine Klage gegen den Staat Österreich prüft.

Die Frage nach der Rechtmässigkeit der rituellen Beschneidung spaltet die Geister. Die Religionsfreiheit, welche vor dem Hintergrund verschiedener Unruhen und Kriege aufgrund von Unterdrückung von anderen Religionen hoch gehalten wird tritt in Konflikt mit dem Menschenrecht auf Unversehrtheit. Und bei diesem Menschenrecht endet auch die elterliche Handlungsgewalt. Eltern haben zwar die Befugnis, für ihre Kinder zu entscheiden, nicht aber über deren Unversehrtheit hinaus. Was passiert also, wenn zwei Grundrechte in Konflikt geraten? Welchem gibt man Vorrang?

Bislang war die Beschneidung von Jungen kein Massen bewegendes Thema. Anders als bei der Beschneidung von Mädchen und Frauen sah man sie offenbar nicht so problematisch. Selbst wenn sie ab und an mal thematisiert wurde, warf sie doch keine so hohen Wellen wie die Prozedur beim weiblichen Geschlecht oder wie sie das nun tut.  Das und wohl auch der Umstand, dass es ab und an die medizinische Notwendigkeit der Beschneidung gibt,  liess wohl allgemein annehmen, dass es sich dabei um etwas nicht wirklich Schlimmes handle. Es war einem vielleicht fremd, aber mehr nicht, wie es scheint. Und plötzlich erscheint dieses Ritual im Zusammenhang mit dem Wort Träume, Körperverletzung. Eine ganz neue Dimension.

Das eröffnet verschiedene Fragen:

Wieso wird sich der klagewillige Österreicher just jetzt bewusst, dass er traumatisiert ist und klagen könnte? Der Zeitpunkt der Klage gibt der Geschichte einen komischen Nachgeschmack. Es hat ein wenig den Anschein, als ob jemand auf einen fahrenden Zug aufspringen möchte. Aber vielleicht wurde ihm auch erst jetzt bewusst, was ihm wirklich widerfuhr? Dass er vielleicht eine Chance hätte auf Klage? Wie soll die Wiedergutmachung aussehen? Was erhofft er sich?

Die nächste Frage, die sich mir stellt ist, wieso man medizinisch eine Operation durchführt, die traumatisierend ist. Klar liegen medizinische Probleme vor bei einer Vorhautverengung, aber die könnten dann sicher anders gelöst werden, wenn die Beschneidung dermassen traumatisch ist. Es ist ja wohl kaum anzunehmen, dass man nur traumatisiert ist, wenn es rituell motiviert war, nicht aber, wenn es medizinisch motiviert war.

Zu guter letzt stellt sich die Frage: Hängt der Glaube und die Religionsfreiheit wirklich an diesem einen Ritual, das die körperliche Integrität beeinträchtigt, wie die Kritiker anbringen? Ist ein Muslim und ein Jude wirklich weniger gläubig und weniger in seiner Religion verwurzelt, wenn er nicht als kleiner Junge beschnitten würde? Es sagt ja niemand, dass die Beschneidung verboten werden soll, nur könnte man sie auf einen Zeitpunkt legen, an welchem der zu Beschneidende selber urteilsfähig ist. Und damit über seine eigene Integrität entscheiden kann. Damit würde man die Diskussion auflösen, die Religion wäre frei gelebt und kein Körper gegen seinen eventuellen Willen verletzt.

Prallen bei dieser Diskussion nur zwei sture Meinungen aufeinander oder geht es tiefer? Wo liegt die Wahrheit? Was ist legitim? Und wenn zwei sich streiten, wer freut sich dann hier?

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