Lebenswege sind selten gerade

Es gibt eine Vorstellung, wie ein gutes Leben verlaufen soll: Man wählt einen Weg, bleibt darauf, entwickelt sich weiter, baut etwas auf. Von aussen betrachtet wirkt das überzeugend: eine Ausbildung, ein Beruf, eine Entscheidung nach der anderen. Alles fügt sich, ergibt Sinn und ist geradlinig, ein Leben als Linie, als Entwicklung, als Fortschreiten auf ein Ziel hin.

Doch viele Lebenswege sehen anders aus. Sie verlaufen nicht wie eine Linie, sondern eher wie ein tastendes Gehen. Man biegt ab, bleibt stehen, kehrt um, versucht etwas Neues. Manchmal merkt man erst unterwegs, dass man nicht am richtigen Ort ist. Von aussen mag alles stimmen, die Aufgabe, die Menschen, die Sicherheit, die Vernunft, und doch bleibt da dieses leise Unbehagen. Nichts Dramatisches, es fühlt sich einfach nicht richtig an. Man könnte es wohl erledigen, aber nicht wirklich voll dabei sein.

Solche Momente sind unbequem, weil sie das infrage stellen, was man sich mühsam aufgebaut hat. Sie stören die Erzählung vom konsequenten Leben, bringen Unruhe in eine Ordnung, an die man selbst und oft auch andere geglaubt haben. Trotzdem verdienen sie Aufmerksamkeit, denn ein Leben besteht nicht nur aus äusseren Stationen, sondern aus innerer Zustimmung. Man kann an einem Ort stehen und klar spüren: Ich bin hier nicht am richtigen Ort – oder nicht mehr.

Natürlich ist nicht jede Unzufriedenheit ein Zeichen zum Aufbruch. Es gibt Durststrecken, die zu einem Weg gehören, Phasen, in denen man bleiben, aushalten, durchtragen muss. Nicht jedes Widerstreben ist eine Offenbarung und nicht jede Sehnsucht ein Auftrag, aber es gibt eine Form von Unstimmigkeit, die tiefer reicht. Sie sagt nicht einfach: Es ist gerade schwierig. Sie sagt: So werde ich mir selbst fremd. Dann beginnt das Suchen.

Suchen klingt romantischer, als es ist, oft ist es nur mühsam. Man weiss, was nicht mehr stimmt, aber noch nicht, was stattdessen kommen soll. Man fragt sich, was man vom Leben noch erwartet, was man wirklich will, was einem entspricht. Man schaut zurück, prüft alte Wünsche, verwirft neue Ideen, probiert sich aus. Und manchmal findet man etwas, eine Aufgabe, einen Beruf, eine Beziehung, einen Ort, eine Lebensform. Etwas beginnt zu leuchten. Man richtet sich darauf aus und glaubt: Das könnte es sein. Und dann kann es geschehen, dass man ankommt und merkt: Auch das ist es nicht.

Vielleicht war die Idee gut, aber nicht die eigene, oder man hat sich in ein Bild verliebt, nicht in die Wirklichkeit. Manchmal wollte man etwas, weil es nach Freiheit klang, nach Sinn, nach Neubeginn, doch im Alltag zeigt sich, dass es dem eigenen Wesen entgegenläuft. Man hat sich ein Leben vorgestellt, das zu einer anderen Version von einem selbst gehört hätte: einer, die geselliger ist, mutiger, ruhiger, sichtbarer, reise- und risikofreudiger oder belastbarer. Das einzugestehen, ist schwer. Noch schwerer wird es, wenn andere zugesehen haben. Wenn man erzählt hat, dass man nun endlich wisse, wohin man wolle. Wenn man Zeit, Geld, Kraft, Hoffnung und auch Stolz investiert hat. Dann liegt es nahe, festzuhalten. Nicht, weil es noch passt, sondern weil es peinlich wäre, wieder loszulassen.

Doch ein Irrtum ist kein Scheitern, wenn er uns näher zu uns selbst bringt. Wir dürfen unsere Meinung ändern. Wir dürfen erkennen, dass etwas, das gestern richtig schien, heute nicht mehr stimmt. Wir dürfen aus einer Entscheidung herauswachsen, auch wenn sie einmal ernst gemeint war. Das Leben verlangt nicht, dass wir aus Treue zu einer früheren Version unserer selbst an Wegen festhalten, die uns nicht mehr entsprechen. Treue zu sich selbst ist keine Starrheit, sie ist die Bereitschaft, wach zu bleiben für das, was sich zeigt.

Hannah Arendt sprach vom Anfangen als einer menschlichen Grundfähigkeit. Dieses Anfangen meint nicht nur den grossen Neubeginn, es liegt auch in den kleinen, feinen, stilleren Bewegungen: noch einmal anders fragen, noch einmal hinsehen, sich nicht von der eigenen Vergangenheit festlegen lassen. Wer lebt, ist nicht fertig. Wer antwortfähig bleiben will, muss sich verändern dürfen.

Oft stösst das auf Unverständnis. Menschen fragen: Warum hast du das dann überhaupt gemacht? Warum bleibst du nicht einfach? Warum fängst du schon wieder neu an? Sie sehen den äusseren Verlauf und halten ihn für Sprunghaftigkeit. Sie sehen nicht die innere Arbeit: das Ringen, Prüfen, Aushalten, das Eingeständnis, sich getäuscht zu haben.

Man muss nicht jede Entscheidung erklären. Man muss nicht vor allen rechtfertigen, warum etwas nicht mehr geht. Es gibt ein Verstehen, das man nicht erzwingen kann. Manche Menschen brauchen klare Lebensläufe, weil sie selbst Sicherheit daraus gewinnen. Andere irritiert es, wenn jemand etwas aufgibt, das doch «gut» war. Wieder andere spüren vielleicht, dass der Mut eines anderen auch die eigenen ungelebten Fragen berührt. Entscheidend ist nicht, dass alle einen verstehen, entscheidend ist, dass man selbst ehrlich bleibt – vor allem mit sich selbst.

Diese Ehrlichkeit braucht Stärke. Stärke bedeutet nicht, dass man immer weiss, wohin man will, es bedeutet, dass man die Unsicherheit aushält, dass man sagen kann: Ich weiss, dass dieser Weg nicht mehr stimmt, auch wenn ich den neuen noch nicht ganz sehe. Eine solche Stärke entsteht nicht dadurch, dass man nie zweifelt, sie entsteht, indem man den Zweifel ernst nimmt, ohne sich von ihm lähmen zu lassen. Dabei lernt man sich immer besser kennen, nicht als idealisiertes Selbstbild, sondern in der Begegnung mit der Wirklichkeit. Man erkennt, wie viel Nähe man braucht und wie viel Freiheit, ob man wirklich führen will oder lieber begleiten, ob man Sichtbarkeit sucht oder sie nur bewundert, ob man Ruhe braucht, obwohl man sich lange für abenteuerlustig hielt. Man entlarvt plötzlich falsche Glaubenssätze und unrealistische Selbstbilder, die man sich über viele Jahre selbst glaubte und danach handelte.

Selbsterkenntnis entsteht selten allein bei theoretischen Überlegungen am Schreibtisch, sie wächst durch Erfahrungen, auch durch Fehlversuche. Manchmal muss man einen Weg gehen, um zu merken, dass er nicht der eigene ist. Man muss Türen öffnen, um zu sehen, dass man nicht eintreten möchte. Man muss sich ausprobieren dürfen, ohne sich dafür zu verurteilen, dass nicht alles bleibt. All das gehört zu einer reifen Lebenskunst: nicht jeden Umweg als verlorene Zeit, nicht jede Korrektur als Schwäche, nicht jedes Abweichen als Versagen zu deuten. Ein Leben gewinnt nicht dadurch Würde, dass es möglichst gradlinig verläuft, es gewinnt Würde, wenn es wahrhaftig wird.

Wir müssen nicht immer wissen, wohin alles führt, aber wir können lernen, aufmerksamer zu werden für das, was uns enger macht und was uns weitet. Für das, was uns Kraft gibt und was uns nur noch Kraft kostet. Für das, was wir wirklich wollen, und für das, was wir nur wollen wollten.

Manchmal zeigt sich der eigene Weg nicht darin, dass man endlich ankommt, sondern darin, dass man den Mut findet, weiterzugehen, wenn etwas nicht mehr stimmt. Nicht trotzig, nicht flüchtend, nicht aus einer Laune heraus, sondern mit der tiefen Entschlossenheit, dem Leben zu antworten, wie es sich jetzt zeigt. Der eigene Weg ist nicht immer der, den man einmal gewählt hat, es kann auch der sein, den man sich nach einem Irrtum neu erlaubt.

Rückschau

Manchmal schaue ich zurück und frage mich, ob ich auf meinem Lebensweg die richtigen Abzweigungen genommen habe. Ich schaue meine einzelnen Wege an und sehe zu, wo ich zögerte, gar anhielt, wo ich durcheilte oder abbrach, umdrehte und neu suchte. Ich frage mich, was passiert wäre, hätte ich nicht gezaudert, sondern wäre forsch drauf losgeschritten. Was, wenn ich nicht abgebrochen, sondern durchgebissen hätte. Wäre ich glücklich geworden, wäre ich nicht geeilt, sondern hätte mir Zeit gelassen, vielleicht auch mal innegehalten?

Bei all den Fragen schelte ich mich, dass es nichts bringt, sie zu denken, da ich nichts ändern kann. Ich könnte nichts rückgängig machen, selbst wenn ich etwas als Fehler registrierte. Vielleicht könnte ich umdrehen und versuchen, einen anderen – damals ausgeschlagenen – Weg heute zu gehen. Mit der Weisheit von heute könnte ich ihn meistern, wenn ich damals dachte, er sei nicht gangbar. Nur: Es würde mir nicht zeigen, was passiert wäre, wenn ich ihn damals gegangen wäre, da ich heute nicht mehr bin, wie ich damals war, und heute die Situation eine andere ist.

Vielleicht könnte ich, wenn schon nichts ändern, aus den Gedanken etwas lernen. Ich könnte lernen, wie ich mit einer Situation umgehen sollte, würde sie mir nochmals begegnen. Ich könnte Handlungsmuster bilden und die dann anwenden, wenn ein passender Fall einträte. Nur sind neue Fälle selten ganz identisch mit alten und wir neigen dazu, genau die Differenzen hochzuhalten, um uns nicht an Lehren aus der Vergangenheit zu halten.

So gesehen bringt es wohl wirklich nichts, sich zu fragen, ob, was man mal tat, richtig war, ob das, was man mal dachte, zutraf, ob der Weg, den man gegangen ist, wirklich der beste war oder ob es einen besseren gegeben hätte. Trotzdem zieht man ab und an Bilanz. Denkt zurück. Denkt an schöne Zeiten, an weniger schöne. Weint vielleicht, lacht zwischen Tränen, ist ab und an dankbar für Begegnungen und genutzte Chancen, flucht über verpasste und schimpft auf Enttäuschungen und böse Begegnungen. Mit all diesen Gefühlen bilden wir uns selber, machen uns zu dem, der wir sind. Wir erzählen uns unsere eigene Geschichte und glauben, der zu sein, der daraus resultiert.

So mancher Weg, den wir von heute an gehen, wird irgendwann Teil dieser Gedanken sein. Er wird Teil unserer eigenen Geschichte sein, die wir anderen erzählen, wenn wir nach unserem Leben gefragt werden, die wir uns erzählen, wenn wir selber hinterfragen, wer wir sind und wie wir dahin kamen, wo wir heute stehen. Und vielleicht sind wir nicht jeden Tag glücklich und denken ab und an: Was wäre bloss geworden…. Allein: Wir wissen es nicht und das ist vielleicht auch gut so.

Tröstlich ist, dass es auch bei einer anderen Wahl sicher einen Tag gegeben hätte, an dem wir uns gefragt hätten, ob nicht der Weg, den wir nun effektiv gewählt haben, der bessere gewesen wäre. Und da wir damals gute Gründe hatten, den zu wählen, den wir unter die Füsse nahmen, sollten wir vielleicht darauf vertrauen (und damit uns selber vertrauen), dass es damals der richtige war. Hinterher sind wir alle klüger. Das meinen wir zumindest bis zum nächsten Hinterfragen.

Tom Winter: Unbekannt verzogen

Lebenswege und Kreuzungen

Carol will sich befreien. Endlich will sie Bob sagen, dass sie ihn nicht mehr liebt, ihn nie geliebt hat, dass sie sich trennen will. Dass sie auch ihre Tochter nicht liebt, macht diesen Schritt noch einfacher, sie weiss nur eines, sie muss endlich weg. Just an dem Tag, an dem sie diese Botschaft überbringen will, entdeckt Bob einen Knoten in seiner Hode, welcher sich als Krebs entpuppt. Die ersehnte Freiheit muss warten.

Bobs Diagnose platzt wie eine Bombe in Carols Leben, reisst ihr den keimfreien Boden der schicken Praxis mit einem Ruck unter den Füssen weg.

In ihrem Frust schreibt sie Briefe ans Universum, die sie aber per Post verschickt. Albert, kurz vor der Pension stehend und mit der Aufgabe betraut, unzustellbare Briefe zu sortieren, fängt die Briefe auf, liest sie und nimmt so an ihrem Leben teil.

Obwohl ich ihn nicht LIEBE […], hat mich der Krebs daran erinnert, was ich an ihm liebe. Und damit meine ich nicht etwa seine sympathischen Marotten oder seine lustigen Witze, weil er nämlich keine sympathischen Marotten hat und seine Witze eher lahm sind. Ich glaube, ich will eher darauf hinaus, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben.

Da er selber einsam ist seit seine Frau vor 40 Jahren starb, hat er nun einen neuen Lebensinhalt gefunden. Die Briefe verändern sowohl Carols wie auch Alberts Leben. Beide erkennen sie etwas über sich selber und ihre Geschichte und fassen Vorsätze für den weiteren Lebensweg.

Tom Winter erzählt mit viel Humor, teilweise feinem, teilweise herben, nie aber bösartigem Humor die Geschichte von zwei Menschen, die sich in ihr Leben ergeben und damit eigentlich zu leben aufgehört haben. Die Geschichte selber lebt hauptsächlich von den Figuren, welche sehr liebevoll gezeichnet sind und einem damit ans Herz wachsen. Ihr Vermeiden von Entschlüssen, welche lebensverändernd sein könnten, haben etwas zutiefst menschliches, das wohl jeder schon mal selber erlebt hat.

Fazit
Die Geschichte zweier Menschen, deren Wege sich durch Briefe kreuzen, ohne dass sie sich kennen, erzählt mit viel Humor und Liebe. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Tom Winter
Martin Walker wurde 1974 in der Nähe von London geboren. Nach 15 Jahren in Hongkong und Shanghai lebt er nun in Berlin, wo er als Werbetexter für internationale Firmen arbeitet. Unbekannt verzogen ist sein erstes Buch, der zweite ist gerade in Arbeit.

winterunbekanntAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 281 Seiten
Verlag: Insel Verlag (13. März 2013)
Übersetzung von: Regina Rawlinson und Sabine Lohmann
ISBN-Nr.: 978-3458359166
Preis: EUR  12.99 / CHF 21.90

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