Tagesgedanken: Werte und Ziele

„Die Ruhe der Seele ist ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst.“ Johann Wolfgang von Goethe

Wann hast du das letzte Mal nichts getan? Wann bist du einfach dagesessen, hast die Beine und die Seele baumeln lassen und den Tag verstreichen lassen? Oft rennen wir durchs Leben, getrieben von allem, was wir denken, dass wir es erledigen und erreichen müssen. Wir setzen uns Ziele, die wir eifrig verfolgen, nur um beim Erreichen schon das nächste ins Auge zu fassen. Das ist nicht grundsätzlich falsch, nur stellt sich die Frage, ob wir dabei nicht auch viel verpassen.

Indem wir immer mit einem Ziel im Blick durchs Leben gehen, vergessen wir oft das Geniessen des Augenblicks. Wir sehen weniger, was wir alles haben, sondern mehr, was wir wollen. Alles, was wir erreichen, fällt auf den Haufen des Habens, es wird schnell selbstverständlich und gerät aus dem Blick. Die Freude daran währt kurz, über die Zeit immer kürzer. Und vielleicht stellt sich mit der Zeit die Frage: Wozu das alles? Ist das wirklich das Leben, das ich leben will? Aber was will ich sonst?

In solchen Momenten hilft es, innezuhalten. Einfach mal durchzuatmen. Zur Ruhe zu kommen. Und sich zu besinnen: Was sind eigentlich meine Werte im Leben? Verfolge ich mit all meinen Zielen diese Werte oder setze ich die aufgrund anderer Auslöser? Bin ich so, wie ich lebe, wirklich der Mensch, der ich sein will, oder versuche ich nur, irgendwelchen Ansprüchen zu genügen? Wie würde ein Leben aussehen, das meinen Werten entspricht? Wie käme ich dahin?

Vielleicht kommst du dann zum Ergebnis, dass alles gut ist. Wunderbar. Vielleicht merkst du aber auch, dass du in deinem Streben nach immer neuen Zielen irgendwann dein eigenes wirkliches Ziel verloren hast: Ein Leben nach eigenen Werten, ein Leben nach deinen eigenen Vorstellungen. Vielleicht folgt als nächster Gedanke dann: Ich würde ja gerne, aber ich kann nicht. Du vertraust dir und deinen Fähigkeiten zu wenig, so zu leben, wie du es wirklich gerne würdest.

«Ein jeder gibt den Wert sich selbst.» Friedrich Schiller

Die gute Nachricht ist: Du musst nicht zuerst mehr Selbstvertrauen gewinnen, um zu tun, was du tun willst. Fange an, auch mit kleinen Schritten. Das Selbstvertrauen kommt durch das Tun. Mit jedem Schritt wirst du sicherer auf deinem Weg.

Wenn du also wieder einmal atemlos durch dein Leben stürmst, dich dabei auch oft müde und nicht wirklich erfüllt fühlst, hilft es, ganz bewusst innezuhalten, hinzuhören. Was tue ich da? Will ich das? Bin ich das? Was möchte ich sein? Dieses bei sich Sein, dieses sich selbst ernst Nehmen, weil man sich zuhört, ist bereits der erste Schritt. Lass ihn uns gehen.

Was sind deine Werte im Leben?

Tagesgedanken: Wozu das alles?

«Die Sinnfrage entsteht aus einer persönlichen Suche, manchmal Verzweiflung heraus. Hier ist ihr Ursprung, hier ist sie verankert.»[1]

Manchmal frage ich mich «Wozu das alles?» Das passiert in Situationen, in denen ich die Welt nicht verstehe, in denen ich müde bin, weil das Leben in Bahnen scheint, die mir nicht gefallen, wenn ich mich in etwas gefangen sehe, wo ich nicht sein will, oder aber wenn mir etwas so viel Kraft und Energie abverlangt, dass ich an meine Grenzen stosse. In dem Moment taucht sie auf und stellt sich mit grossen Fragezeichen vor mich: Die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Wobei, ich muss korrigieren: Es ist die Frage nach dem Sinn meines Lebens. Denn: Ich bin überzeugt, dass es keinen Sinn des Lebens gibt, das Leben an sich ist sinnfrei. Es ist ein Zustand (Dasein), ein Tun (leben), ein zeitlicher Prozess (von der Geburt zum Tod). Das alles ist ohne unser Zutun da, aber wir füllen es nun aus. Wir sind in der Pflicht, etwas daraus zu machen. Oft richten wir uns an einem Ziel aus. Damit haben wir eine Richtung, in die es laufen soll und tun, was dazu nötig ist. Wenn das gut gelingt, ist alles in Ordnung, wir sind zufrieden. Gelingt es aber nicht, kommen wir manchmal ins Straucheln, ins Hinterfragen. Wir fragen, woran es lag, was falsch lief. Und dann kann es passieren, dass wir zu zweifeln beginnen – an uns, am Leben. Und wenn all das zuviel Kraft kostet, ist es nicht mehr weit hin stosshaften Seufzer:

Wozu das alles?

In dieser Frage, zumal wenn sie in schwierigen Situationen ausgesprochen wird, steckt nicht nur der Wunsch nach Erkenntnis, es steckt auch ein Stück Verzweiflung ob der fehlenden Sinnhaftigkeit drin, sowie eine Verlorenheit, weil die Ausrichtung, das klare und zu erreichende Ziel fehlt, das einem Sicherheit gibt auf dem Weg durchs. Leben. Wir brauchen diesen Sinn, damit wir einen Halt im Leben finden. Nietzsche drückte das folgendermassen aus:

«Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.»

Die Sache ist die: Um den Sinn für das eigene Leben zu finden, braucht es vor allem den Willen durch Selbstreflexion, Geduld und Mut. Ich muss bereit sein, herauszufinden, wer ich bin und was ich wirklich will im Leben. Was sind meine Werte, was meine Wünsche? Aber auch: Was sind meine Fähigkeiten und Möglichkeiten? Das alles braucht Zeit, denn das Graben geht tief und führt oft zu widersprüchlichen Antworten, die man dann wieder aussortieren muss danach, was wirklich eigene Bedürfnisse sind und was nur prägenden Stimmen anderer geschuldet ist. Mut braucht es dann, wenn man herausgefunden hat, wo die Reise hingehen soll. Es gilt, auch mal gegen den Strom zu schwimmen, wenn dies erforderlich ist – und die Konsequenzen zu tragen, wenn dies nicht allen gefällt. Es gilt, auch mal Durststrecken durchzustehen, im Glauben daran, dass man seine Ziele erreichen kann. Und es gilt, auch mal mit Niederlagen umgehen zu lernen, da trotz allem Nachdenken nicht jedes Ziel erreichbar ist.

Aber es gibt auch was: Eine momentane Antwort nach dem Wozu. Wozu gehe ich den Weg? Weil ich dieses Ziel habe, das mir entspricht. Momentan ist die Antwort deswegen, weil die Ziele sich ändern können, man sie auch mal aus den Augen verlieren kann – oder sie sich als Illusion herausstellen. Dann fängt der Prozess von Neuem an. Und vielleicht gewinnt man mit der Zeit auch eine Art Vertrauen, dass man den Sinn für das eigene Leben immer wieder neu finden kann. Es gibt nicht nur ein Wozu, es gibt viele.


[1] Christian Uhle, Wozu das alles?

*****

Dies sind eigene Gedanken, keine Rezension. Trotzdem kann ich das Buch, aus dem das Eingangszitat stammt, sehr empfehlen. Es ist in meinen Augen manchmal etwas sehr ausführlich und ausschweifend, aber durchaus eine sinnvolle und anregende Lektüre:

Christian Uhle: Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens

Zum Inhalt:
Christian Uhle geht in seinem Buch einer Frage nach, die die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt: Die Frage nach dem Sinn des Lebens. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, befragt verschiedene Philosophen und beleuchtet unterschiedliche Ansätze. Er fragt, warum wir hier sind und wohin das alles führen soll, fragt danach, was wirklich zählt im Leben und was Glück ist. Er fragt, wo man als Mensch verhaftet ist, wo das Zuhause ist – und was es bedeutet, wenn man es nicht mehr sieht. Identität und Zielsetzungen sind ein Thema sowie die Frage es guten Umgangs miteinander.

Entstanden ist ein informatives, gut lesbares, ab und zu etwas ausschweifendes und plauderhaftes Buch, das nicht nur viel Freude macht beim Lesen, sondern sicher etwas mit auf den Weg gibt – und wenn es nur die Anregung um selbst Denken ist.