Arbeitsnotizen: Veränderungen und Findungen

«Man steigt nie zweimal in den gleichen Fluss.» Heraklit

Kein Zitat drückt in meinen Augen das Grundprinzip des Lebens besser aus als dieses von Heraklit. Nicht nur verändert sich die Welt um uns, auch wir selbst Verändern uns immer wieder. Was im Laufe der Zeit fast unmerklich passiert, ausser in Situationen, die, meist von aussen angestossen durch Ereignisse oder Begegnungen, zum Bruch oder klaren Wechsel führen, zeigt sich oft im Rückblick.

Mein Weg führte immer wieder in die Kunst – und immer wieder davon weg. Die Gründe für das Hingezogen-Sein lassen sich in einem zusammenfassen: Es ist in mir angelegt, mein Naturell. Die Gründe fürs Wegziehen sind vielfältig, sie reichen von Verboten über Ängste und Selbstzweifel bis hin zu Sinnkrisen, Existenzfragen und mehr.

Blicke ich zurück, sehe ich Dinge, die in meinem bildnerischen Tun immer wiederkehrten, sehe aber auch Veränderungen oder Weiterentwicklungen. Es zeigt sich, dass auch die Zwischenphasen im neuen Eintauchen ihren Raum einnehmen, sich durch etwas zeigen. Als wären sie nötige Schritte auf dem Weg weiter gewesen. So wie Rilke es meinte, wenn er von wachsenden Ringen sprach. James Joyce hatte noch ein anderes Bild:

«Der Umweg ist der Weg nach Hause.»

So bin ich also wieder zuhause angekommen, versuche aber noch, mich zurechtzufinden. Motive und Themen werden gewälzt, Medien und Stile ausprobiert, verworfen, wieder aufgenommen. Manchmal voller Inspiration und Tatendrang, teilweise auch mit Frustration und Wut. Und doch ist da dieses innere Feuer, das weitertreibt. Und immer wieder denke ich:

«Ich hab’s.»

Um am nächsten Tag zu denken:

«Noch nicht ganz.»

Matisse meinte, Kunst zu machen brauche Mut. Dem stimme ich zu. Und Geduld. Beides nicht immer leicht. Ich bleibe dran. Denn Disziplin ist das nächste. Und Kontinuität. Nie zu vergessen aber: Freude.

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Schlafende Katze

«Gib niemals auf, für das zu kämpfen, das du tun willst. Mit etwas, wo Leidenschaft und Inspiration ist, kann man nicht falsch liegen.» Ella Fitzgerald

Ich weiss nicht, wieso es mir die schlafenden Katzen so angetan haben. Vielleicht, weil ich selbst ein wenig müde bin. Was aber auch ist: Ich liebe es, dasselbe Motiv auf verschiedene Weisen zu probieren. Ich mag es, mit klaren Linien, fliessenden Übergängen und auch vielen Farben zu spielen. Erstens ist darin eine grosse Entdeckerfreude, zudem ist es immer wieder spannend zu sehen, wie unterschiedlich Motive wirken, je nachdem, wie sie umgesetzt werden.

Und immer ist da das Spielerische. Für mich etwas ganz Zentrales beim kreativen Schaffen. Zwar sind Kontinuität, Disziplin und Struktur in meinen Augen wichtige Punkte, wenn es darum geht, kreativ zu sein, weil dieser Rahmen erst der Kunst die Freiheit gibt, aber wenn die Freude fehlt, bleibt es leer und damit auch bedeutungslos.

Habt einen schönen Tag!

«Ich bin Jussuf, Prinz von Theben»


«Sind sie auch so schmerzlich verloren wie ich?»

Mit diesen Worten stellte sich Else Lasker-Schüler Franz Marc vor. Hier hatten sich zwei Suchende getroffen, zwei Künstler, die durch ihre Kunst und ihre Sehnsüchte verbunden waren. Vier Jahre lang tauschten sie Briefe aus, Briefe, die von Leid und Hoffnung erzählten, von den Tiefen des Lebens und die begleitet von Zeichnungen und Bildern zu kleinen Kunstwerken wurden. Immer, wenn es Else Lasker-Schüler schlecht ging, schickte ihr Franz Marc ein Bild, das ihr förmlich beim Überleben half. Für uns Nachgeborenen sind diese Briefe Zeugnisse von unschätzbarem Wert durch ihre Tiefe, ihr Blick auf die Zeit und ihren künstlerischen Ausdruck.

„Der Blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing.
Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten…
wo der Blaue Reiter ging, schenkte er Himmel.“
(Else Lasker-Schüler)

Als Franz Marc 1916 im Krieg fiel, war das ein schwerer Schlag für Else Lasker-Schüler, war diese Verbindung für sie doch sehr zentral und wichtig. Sie setzte den Briefwechsel fiktional fort und es entstand daraus ein Briefroman, der die Freundschaft weiterleben liess.

Ich hebe mein Glas auf die wunderbare Dichterin Else Lasker-Schüler. Sie würde heute 156 Jahre alt.

***
Buchtipp (leider kaum mehr erhältlich):
Else Lasker-Schüler – Franz Marc. Eine Freundschaft in Briefen und Bildern

Gerhard Richter (9. Februar 1932)

«Da es keine absolute Richtigkeit und Wahrheit gibt, streben wir immer die künstliche, führende, eben menschliche Wahrheit an. Wir werten und machen eine Wahrheit, die andere ausschließt. Die Kunst ist ein bildender Teil dieser Wahrheitsfindung.» Gerhard Richter

Heute hebe ich mein Glas auf Gerhard Richter, einen der grössten noch lebenden deutschen Maler. Er feiert heute seinen 93. Geburtstag. Für mich ist er ein wahrer Künstler, ein Mensch, der nie die Neugier verlor, immer seinen Weg ging, Neues probierte, nie stehen blieb. Ein Mensch, der eine Meinung hat und sie kundtut, auch wenn sie unbequem ist – oder gerade dann.

«Ich verwische, um alles gleich zu machen, alles gleich wichtig und gleich unwichtig. Ich verwische, damit es nicht künstlerisch-handwerklich aussieht, sondern technisch, glatt und perfekt. Ich verwische, damit alle Teile etwas ineinanderrücken. Ich wische vielleicht auch das Zuviel an unwichtiger Informationen aus.» Gerhard Richter

Er hat von Fotorealismus bis hin in die Abstraktion viele Etappen durchlaufen. Was seine Bilder auszeichnet ist das Spiel mit dem Zufall, aber auch eine Bedeutung, die sich erst auf den zweiten Blick eröffnet. Es sind keine eingängigen Bilder, man muss sich einlassen.Es sind keine eindeutigen Bilder, der Widerspruch ist immer auch in ihnen angelegt.

«Über Malerei reden, das hat keinen Sinn. Indem man mit der Sprache etwas vermittelt, verändert man es. Man konstruiert solche Eigenschaften, die gesprochen werden können, und unterschlägt die, die nicht ausgesprochen werden können, die aber immer die wichtigsten sind.» Gerhard Richter

Es gibt nicht viele Interviews mit Gerhard Richter, er sprach lieber durch seine Bilder als mit Worten. Einen der wenigen Einblicke gibt ein Film über ihn, sehr aufschlussreich ist deswegen der Film über ihn von Corinna Belz, die auf Arte lief: Gerhard Richter – Painting

https://www.arte.tv/de/videos/073767-000-A/gerhard-richter-painting/

Jürgen Schreiber hat sich auf Spurensuche begeben und dunklen Geschichte von Richters Familie nachgespürt, in welcher sich Täter und Opfer des Naziregimes kreuzen, etwas, das Richter auch zum Thema einiger Bilder gemacht hat.

Sehr empfehlenswert ist auch Uwe M. Schneedes Buch «Gerhard Richter: Der unbedingte Maler» umfassend und fundiert zeigt es Richters Lebens- und Schaffensweg auf, beleuchtet die Hintergründe seiner einzelnen Schaffensphasen. Die Sprache ist teilweise etwas bemühend, aber der Inhalt tröstet darüber weg.

Franz Marc (8.2.1880 – 4.3.1916)

Vom Suchen und Finden eines Malers

Franz Marc wurde am 8. Februar 1880 in München geboren. Sein Vater war Professor an der Akademie der Schönen Künste, doch Franz zog es zuerst zum Priestertum, dann liebäugelte er mit einem Philosophiestudium, bis er sich schliesslich doch für Kunst entschied.

„Das Leben hat gegenwärtig für mich keinen anderen Sinn als den, es durch meine Malerei zu übertönen (eigentlich müsste ich sagen, ‚zu übermalen’) und alle leidenschaftlichen Lebensinstinkte zu ersticken.“

Diese Zeilen schrieb Franz Marc an seinen Bruder Paul. Sie stammen aus einer Zeit, da Franz Marc ein Suchender war. Er stand zwischen drei Frauen und konnte sich nicht entscheiden. Was er wusste war nur, dass er Künstler sein will, nicht aber, wie sein Ausdruck, was seine künstlerische Stimme sei. Er liess sich treiben, auf beiden Feldern, schwankte zwischen Farben und Formen und zwischen den Frauen hin und her. Und: Er wurde schwermütig dabei.

„Ich bin nervös und schwermütig; je weniger einsiedlerisch mein Leben scheint, desto einsamer ist es. Ich glaube, ich habe noch ein unruhevolles Dasein vor mir.“

Franz Marc heiratete, allerdings die Falsche, wie sich später herausstellen sollte. Aber zuerst reiste er noch nach Paris, was in der Zeit das Kunstmekka schlechthin war. Alle waren sie da, die Rang und Namen hatten. Was er da sah, beeindruckte ihn sehr, allen voran Gaugin und van Gogh. Dieser Besuch brachte ihn auch in seinen Stilfragen weiter, die vormals naturalistischen Darstellungen schwanden durch die Einflüsse des Impressionismus und Pointilismus mehr und mehr.

«Es gibt keine »Gegenstände« und keine »Farbe« in der Kunst, sondern nur »Ausdruck«.»

Schliesslich kam Franz Marc mit Maria Franck zusammen und langsam zur Ruhe. Gemeinsam zogen sie aus München weg aufs Land. Franz Marc legte einen Schaffenseifer ans Licht wie nie zuvor. Er malte von morgens bis abends, fand in den Tieren seine Sujets und brachte diese in einem immer klareren und eigenen Stil auf die Leinwand. An den Tieren liebte er ihr harmonisches Leben mit der Natur. Er bildete dabei nicht einfach die Tiere ab, sondern wollte die Welt aus deren Sicht zeigen.

«Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb ist das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, schwer und brutal und stets die Farbe, die von den anderen Farben bekämpft werden muss.»

Die Farben dienten ihm da als Ausdruck der verschiedenen Energien und Temperamente.

Nach immer grösseren Dissonanzen im Umfeld der Neuen Künstlervereinigung München, deren 3. Vorsitzender Franz Marc war, kam es zur Geburtsstunde des Blauen Reiters, mit von der Partie waren neben Wassily Kandinsky Gabriele Münter, Alexeji Jawlensky, August Macke, und einige mehr.

Das Leben hätte so weitergehen können, die Schaffenskraft war gross, das Leben mit Maria harmonisch, seine Freundschaften nährend (zu erwähnen wäre hier noch Else Lasker-Schüler, mit der ihn eine tiefe Freundschaft verband, aus welcher ein wunderbarer Briefwechsel mit Zeichnungen der beiden erhalten ist), wäre nicht der Krieg dazwischen gekommen. Marc wurde einberufen und kam darin um. Es war ihm kein langes Leben beschieden gewesen, zu dem Zeitpunkt war er erst 36 Jahre alt. Hinterlassen hat er eine wunderbar bunte Bilderwelt, die bis heute nichts an ihrer Anziehungskraft verloren hat.

Buchempfehlung: Wilfried F. Schöller, Franz Marc
Franz Marcs Leben und Schaffen ist wohl eines der gut beleuchteten. Wilfried F. Schoeller hat mit seinem Buch nicht einfach eine weitere Biografie unter vielen geschaffen, er hat tiefer gegraben, genauer hingeschaut und unbarmherziger (aber nie bösartig oder abschätzig) ans Licht geholt, was Franz Marcs Leben bewegte, wie er seinem Schaffen gegenüber stand und wie er seinen Weg ging.

Entstanden ist ein Buch, das die gängigen Klischees und tausendfach erzählten Geschichten hinter sich lässt. Es wird ein Künstlerleben plastisch, das von Widersprüchen, Zweifeln, Depressionen und Schaffenskraft zeugt. Auch die Zeit beim Blauen Reiter darf natürlich nicht fehlen, die für Franz Marc eine wegweisende war. Aus der folgenden Zeit stammen die Bilder, die in der Folge am Bekanntesten werden sollten, die als Reproduktionen Wohnzimmer und Postkarten zierten und die noch heute Scharen von Besuchern in die Museen locken.

Die vorliegende Biografie ist ein Buch über das Leben und Schaffen, über die Inspirationen und Wegbegleiter, über Freundschaften und Liebe des Künstlers sowie über den Menschen Franz Marc mit seinen Gedanken, Theorien und Zielen. Das Buch ist zudem sehr schön illustriert mit Zeichnungen und Fotos sowie mit einem Mittelteil versehen, der Franz Marcs Bilder zeigt, auf welche im Text verwiesen wird. Den Abschluss machen ein Register aller zitierten Werke sowie eine ausführliche Liste weiterführender Bücher.

Mein Fazit: Ein Standardwerk – Genauer und detaillierter kann man das Leben und Schaffen eines Künstlers nicht erzählen. Sehr empfehlenswert.

Tagesbild: Der Paradiesvogel

Kleine Farb-Skizze im Skizzenbuch

Guten Morgen

«Kunst dient dazu, jene zu trösten, die vom Leben gebrochen sind.» Vincent van Gogh

Wer hätte das besser gewusst als dieser Mann, der zeitlebens kämpfte, der oft an sich und dem Leben verzweifelte, aber immer wieder Zuflucht fand in der Kunst. Leider wurde er zu Lebzeiten zu wenig geschätzt. Zum Glück hatte er ein paar Menschen, die an ihn glaubten und ihn unterstützten.

Die Druckerin Anni Albers sagte:

«Kunst ist etwas, das dich mit einer ganz anderen Art von Glück atmen lässt.» Anni Albers

Atmen ist ein gutes Stichwort. Mir fehlt er im Moment. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich tief einatme, fast schon seufze. Bei kleinsten Dingen. Und ich merke, wie alles viel ist. Zu viel. Das Schwierige in solchen Situationen, die mir ja nicht neu sind, sondern seit vielen Jahrzehnten treue Begleiter, dass ich wüsste, was gut tut, aber genau die Kraft fehlt, damit anzufangen.

«Du musst doch nur…», sagen dann gutmeinende Menschen voller Unverständnis. Und helfen damit nicht. «Ich kann nicht!», trifft genauso auf Unverständnis. Und ja, ich kann nicht. Ich weiss, dass es besser ist, sobald ich den Pinsel oder Stift in die Hand nehme – und komme nicht ins Tun. Schaue über Stunden, wie andere malen und verzweifle ob meiner Untätigkeit. Immerhin ist es eine Auseinandersetzung mit Kunst. Und langsam nährt sich wohl dadurch der Krafttank ein wenig. Und dann gelingt plötzlich ein Trotzdem. Und es kommt besser.

Habt einen schönen Tag! Heute wird ein guter!

Tagesbild: Die Aubergine

Guten Morgen

„Die Regenzeit lässt sich durch Auberginen-Genuss gut ertragen.“

Dieses koreanische Sprichwort deutet darauf hin, dass Auberginen den Sommer in sich tragen. Die Zeit der Sehnsucht kann man sich also quasi durch den Genuss versüssen. Nun bin ich ja durch und durch Sommermensch (wenn auch im Winter geboren – vielleicht gerade drum), so dass ich mir das zu Herzen nahm und die Aubergine zwar nicht gegessen, aber gezeichnet habe. 

Ich verstehe gut, was Goethe meinte, als er sagte: 

„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiss, was ich leide…“

Ein wirkliches Leiden ist es zwar nicht, und doch: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer…“

Habt einen schönen Tag!

(Bild des Tages: Die Aubergine)

Bildbetrachtungen: Paul Cézanne, Stillleben mit Äpfeln und Orangen

Wie spontan hingeworfen wirkt der Aufbau in dem Bild. Ein zusammengerafftes Tischtuch, darauf ein Teller, eine Karaffe und eine Etagere, zudem Äpfel und Orangen, alles auf einem schrägstehenden Tisch mit ebenso gerafften Tischtücher im Hintergrund, die noch dazu mit einem Mustermix aufwarten. Aber: Bei Cézanne war das kein Zufall, keine Willkür, sondern eine mit Bedacht gewählte Anordnung, was sich schon daran zeigt, dass es mehrere Versionen dieses Arrangements gibt. Die einzelnen Gegenstände wurden so lange umplatziert, bis sie ein harmonisches und ausgewogenes Ganzes ergaben. Ist das geglückt, stellt sich dieser spontane Eindruck ein.

Durch die teilweisen Umrandungen hat das Bild etwas Zeichnerisches. Einzelne Gegenstände sind durch Linien von ihrer Umgebung abgetrennt, wirken aber doch mit dieser wie eine Einheit, was dem Gleichgewicht zu verdanken ist, das Paul Cézanne in diesem Bild hergestellt hat. Die leuchtenden Farben der Früchte, das helle Weiss des Tischtuches bilden einen Gegensatz zu den eher gedämpften Tönen der anderen Tischtücher und der braunen Wand im Hintergrund. Der Blick wird durch das Helle neben dem Dunkeln gelenkt, Hell und Dunkel stehen in einem ausgewogenen Verhältnis. Ruhige Flächen stehen neben Mustern, klare Formen neben Faltenwürfen.

Man versteht sowohl Picassos wie auch Matisses Hochachtung vor diesem Maler, durch den die Malerei in neue Sphären gelenkt wurde. Sie standen damit nicht allein.

In dem Bild finden sich erste Ansätze der Idee, die später zum Kubismus führte: Die gleichzeitige Betrachtung einzelner Objekte aus unterschiedlichen Perspektiven. Während der Krug eher frontal ausgerichtet ist, blicken wir beim Teller von oben drauf. Die verschiedenen Ansichten der Äpfel und Orangen lassen die beiden Früchte auch von allen Seiten sichtbar werden. Cézanne gilt denn auch als Vorbote des Kubismus, zudem als Erneuerer der Gattung Stillleben, welche ihren Höhepunkt im 17. Jahrhundert in den Niederlanden gehabt hatte.

Zum Künstler
Paul Cézanne wurde am 19. Januar 1839 in Aix-en-Provence geboren. Nach der Schule begann er auf Wunsch des Vaters das Studium der Rechtswissenschaft, das er aber schon bald mehr und mehr vernachlässigte, um sich dem Zeichnen und dem Verfassen von Gedichten zu widmen und besuchte Kurse an der Abendschule. Später zog er auf Anraten seines Freundes Emile Zola nach Paris, wo er sich an der École des Beaux-Arts bewarb, aber abgelehnt wurde und fortan an der freien Académie Suisse Aktkurse besuchte. Daneben kopierte er im Louvre die alten Meister, eine Übung, die übrigens viele Maler der damaligen Zeit machten, so auch Henri Matisse. Cézanne wurde in Paris nicht heimisch, zog bald zurück nach Aix-en-Provence und arbeitete da in der Bank seines Vaters, sehr zu dessen Freude, er hoffte er sich doch den Sohn als Nachfolger. Er hat den Irrtum wohl bald erkannt, immerhin unterstützt er seinen Sohn finanziell mit dem Existenzminimum, als dieser zurück nach Paris zog, nur um erneut von der École des Beaux-Arts abgelehnt zu werden. Wieder ging er an die Académie Suisse, die damals dem Realismus verpflichtet war. Er machte die Bekanntschaft vieler später berühmter Maler wie Pissaro, Monet, Sisley oder Renoir.

„Von niemanden abhängen, der Mann seines Herzens, seiner Grundsätze, seiner Gefühle sein: nichts habe ich seltener gesehen.“

Cézanne wollte die Kunst erneuern, er wollte weg von den eingetretenen Pfaden, die Wirklichkeit sollte realistisch wiedergegeben werden, ungeschönt. Damit hob er sich von der vorherrschenden Kunst Frankreichs ab, was ihm auch beim Publikum keine Pluspunkte einbrachte. Seine Bilder wurden drum nicht in den offiziellen Kunstsalons, sondern im „Salon des Refusées“ ausgestellt. Der Publikumserfolg sollte sich aber schon bald einstellen.

„Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, die schönen Formeln unserer erlauchten Vorgänger beizubehalten. Machen wir uns doch frei davon und studieren wir die schöne Natur, versuchen wir ihren Geist herauszuheben, suchen wir uns doch so auszudrücken, wie es unserem persönlichen Temperament entspricht. Im übrigen, auch die Zeit und das Nachdenken verändern so nach und nach unser Sehen, und am Ende finden wir zum Verständnis.“

Sehr gerne malte Paul Cézanne unter freiem Himmel, die wunderbarsten Landschaftsbilder sind so entstanden. Diese Leidenschaft sollte aber auch sein Verhängnis werden, kam er doch bei einem solchen Mal-Ausflug in ein Unwetter und verlor in dem Treiben das Bewusstsein. Zwar wurde er gerettet, war aber so unterkühlt, dass er eine Lungenentzündung entwickelte und schliesslich am 22. Oktober 1906 starb.

Cézannes Schaffen durchlief mehrere Phasen:
Das frühe Werk war beeinflusst von der französischen Romantik und dem frühen Realismus. Dicker Farbauftrag und kontrastierende dunkle Farben beherrschen diese „dunkle Phase“.

Es folgte eine impressionistische Phase, beeinflusst von Pissaro und Manet. Schon bald verliess er den Impressionismus wieder, um sich einer flächigeren und an der Perspektive ausgerichteten Malweise zuzuwenden.

Er wandte sich den Stillleben zu, ein Höhepunkt in seinem Schaffen. Dabei legte er den Schwerpunkt weniger auf die einzelnen Gegenstände, sondern auf deren Anordnung und die ganze Bildkomposition. Das zeigt sich am vorgestellten Stillleben deutlich.

Auch in die Porträtmalerei begab sich unser Künstler, dies vor allem auch, um sich ein Auskommen zu sichern, verkauften die sich doch gut.

Langsam zog er sich aus der Realität zurück, die vorgefundenen Motive wichen frei erfundenen, Phantasie trat an die Stelle der Realität. In dieser Phase verlegte er sich mehr und mehr auf die Aquarellmalerei.

Grundlage von aller Malerei war für Cézanne das Zeichnen. Das wahre Schauen, das wirkliche Erfassen der Gegenstände, um sie sich auf diese Weise wirklich anzueignen, war zentral für seine Kunst:

„Das ganze Wollen des Malers muss schweigen. Er soll in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit. Vergessen! Vergessen! Stille schaffen! Ein vollkommenes Echo sein. […] Ich sehe! […] Um das zu malen muss dann das Handwerk einsetzen, aber ein demütiges Handwerk, das gehorcht und bereit ist, unbewusst zu übertragen.

Tagesbild: Der Olivenzweig

„Vom Wind umweht, mit leisem Rauschen, sieht
der Baum den Wellen zu. Er steht schon lang, ist
alt und weise, stolze Kraft auf festem
Grund, der hält und ihn zum Himmel treibt .

Was klein begann mit einem Stein, das wuchs
in Ringen an und an. Erst nur ein Stamm,
dran Äste dann, die weit und breit ins Land
ausschweifen, es ergreifen, Blätterregen

um sich legen und daran ganz klein
ein Stein in grüner Hülle, die in sich
Genuss mitträgt. Es scheint die Sonne, nährt

Die Früchte, lässt sie reifen, rund und prall, bis
eines Tages diese fallen, und zu
neuem Leben streben – irgendwann.“
SVS

Vor meinem Schlafzimmer steht ein Olivenbaum. Zu ihm geht mein erster Blick, wenn ich auf die Wiese trete. Nie habe ich mich an ihm satt gesehen, immer wieder entdecke ich Neues an ihm. Matisse sagte einst:

„Eine vertiefte Studie erlaubt es mir, vom Gegenstand meiner Betrachtung Besitz zu ergreifen und mich bei der endgültigen Ausführung des Bildes mit ihm zu identifizieren.“ 

Ähnlich auch Wolfgang Tillmans:

„Wenn man sich nicht für die vielseitigen Qualitäten eines Baumstamms interessiert, kann man sich den Gegenstand auch nicht künstlerisch aneignen, indem man ihn malt, zeichnet, filmt oder fotografiert.“

Und so wird mich der Baum auch weiter jeden Morgen fesseln. 

Habt einen schönen Tag. 

Tagesbild: Spassvogel

„Der humorvolle Vogel

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Wie das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.“

Wilhelm Busch

Manchmal muss man die Dinge mit Humor nehmen, sonst werden sie zu schwer. Das merkte ich gestern, als die Batterie des Mietautos abgelegen ist. Nach dem Überbrücken musste ich Fahrt aufnehmen, tat dies den steilen Hügel vor dem Haus rauf, wo das gute Gefährt ein paar Meter weiter oben den Geist aufgab. Ich wollte rückwärts wieder nach Hause rollen, da blockierten die Bremsen, wir küssten stürmisch die Wand. Eine romantische Begegnung, auf die ich hätte verzichten können. Dafür war nachher für den Abendsport gesorgt: Ich musste der Pannenhilfe entgegenrennen, den ganzen Hügel rauf. Dafür durfte ich dann mit dem netten Herrn runterfahren, der einen so rasanten Fahrstil hatte, dass ich dankbar meine Resterinnerungen an das „Vater unser“ hervorkramte. Ein paar Turbulenzen später lief dann alles wieder normal, nur mein Herz raste noch immer im Tempo des gehetzten Waldaffen. 

Neuer Tag, neues Glück. Habt einen schönen Tag!

(Zeichnung im Skizzenbuch)

Tagesbild: Der Falke

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.“

Rainer Maria Rilke (1899)

Mein Bild des Tages – Kleine Studie im Skizzenbuch

Habt einen schönen Tag!

Stillleben mit Früchten

„Kommt, von allerreifsten Früchten / mit Geschmack und Lust zu speisen! / Über Rosen läßt sich dichten, / in die Äpfel muß man beißen.“ Johann Wolfgang von Goethe

Man kann sie auch malen, doch irgendwann werden sie gegessen. Im Bild zwar eine Khaki, die später dann zu einer Vorspeise wurde als Carpaccio auf Ruccola mit einem Limettendressing, Parmesanspänen und Balsamico-Creme wurde. Sehr lecker. 

Neben dem Malen mag ich auch das kreative Erkunden in der Küche. Ich halte mich selten an Rezepten, liebe es aber, in solchen zu stöbern und Inspirationen zu holen. Wo lebt ihr eure Kreativität gerne aus?

Habt einen schönen Tag!

Pieter Breughel der Ältere, ‚Der Blindensturz‘

Цифровая репродукция находится в интернет-музее Gallerix.ru

Bildbetrachtungen

„Es beginnt in der Schule, und man geht durchs Leben, indem man wiederholt, was andere gesagt haben. Ihr seid also Menschen aus zweiter Hand.“ Krishnamurti (Der Flug des Adlers)

Das klingt natürlich sehr ketzerisch, und doch ist in meinen Augen ein Funken Wahrheit dabei. In der Schule erzählt ein Lehrer seiner Klasse etwas und die Schüler müssen das glauben und lernen. So sagte Michel Bréal einst:

„Ein Professor ist ein Mann, der lehrt, was er nicht weiss.“

Gerade in der heutigen Welt, die sich in einem immer schnellen Tempo verändert, so dass keiner wissen kann, wo sie morgen stehen wird, ist es schwierig, wirklich sinnvolles und nützliches Wissen zu vermitteln. Einerseits ist es fraglich, ob das Wissen von heute morgen noch Gültigkeit hat, andererseits ist es noch unsicherer, ob das Wissen morgen noch von Bewandtnis ist. Zudem ist reines Wissen besser im Computer gespeichert und abrufbar, als in menschlichen Köpfen mit ihren Vergesslichkeiten.

Doch es soll hier nicht um Schulkritik gehen, sondern um ein Bild, nämlich Pieter Breughels ‚Der Blindensturz‘, ein Tempera-Gemälde von einer Grösse von 154 x 86 cm, gemalt 1568.

Eine Gruppe von sechs Blinden will in der Kirche um Almosen betteln. Sie machen sich auf den Weg, verfehlen aber den richtigen und irren in der Folge umher. Die sechs tragen diverse Utensilien bei sich, die darauf deuten, welche Funktion sie beim Betteln gehabt hätten. Einer hätte musiziert (ein Instrument unter dem Gewand), ein anderer gesammelt (der Teller am Gürtel). In einer Diagonale von links oben nach rechts unten stolpern die sechs dem Fall entgegen, der erste, der Anführer, liegt schon am Boden, der zweite ist schon im freien Fall, streckt noch die Hand aus, um zu versuchen, sich aufzufangen.

Das Bild ist in gedämpften Tönen und einer reduzierten Palette aus mehrheitlich Naturtönen gehalten, einzig ein roter Pullover und rote Socken bringen etwas Farbe hinein, wobei auch das Rot gedämpft ist.

Das Bild geht auf ein Gleichnis in der Bibel zurück, so heisst es im Matthäus-Evangelium:

„Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer. Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube.“

Jesus meint damit die Pharisäer, die er als blinde Blindenführer sieht, welche das Volk in die Irre führen würden. Ein ähnliches Gleichnis findet sich nicht nur in der Bibel, sondern auch in indischen religiösen Schriften:

„So laufen ziellos hin und her die Toren, wie Blinde, die ein selbst auch Blinder anführt.“ (Katha Upanishaden)

Oder in den frühen buddhistischen Sutren des Pali-Kanon:

„Angenommen es gäbe eine Reihe blinder Männer, jeder in Berührung mit dem nächsten: der erste sieht nichts, der mittlere sieht nichts, und der letzte sieht nichts. Ebenso, Bhārdvāja, gleichen die Brahmanen, was ihre Behauptung angeht, einer Reihe blinder Männer: der erste sieht nichts, der mittlere sieht nichts, und der letzte sieht nichts“


Die Welt wird immer unübersichtlicher und manchmal findet man den richtigen Weg nicht. Wie froh ist man dann über jemanden, der einem zeigt, wo dieser entlangführt und wie man ihn gehen kann. Man vergisst dabei zwei Dinge: Wir wissen nicht, wie der andere seinen Weg gefunden hat und ob er wirklich richtig ist. Und: Es ist sein Weg, der für ihn funktionierte und ihn zu seinen Zielen führt. Jeder Mensch ist anders und jeder Mensch hat eigene Ziele, die sich aus diesem So-Sein ergeben. Auch der Weg dahin kann nur ein eigener sein, einer, der einem entspricht.

„Du kannst von niemandem abhängig sein. Es gibt keinen Führer, keinen Lehrer, keine Autorität. Es gibt nur dich – deine Beziehung zu anderen und zur Welt.“ Krishnamurti (Einbruch in die Freiheit)

Zudem geben wir mit der Befolgung anderer Lehren die eigene Freiheit auf. Wir begeben uns in eine Abhängigkeit und verlernen nach und nach das eigene Denken und die die Fähigkeit, eigene Lösungen zu finden.

Manchmal stehen wir am Scheideweg, wissen nicht, welchen Weg wir nun nehmen sollen. Schlussendlich ist es wichtig, sich für einen zu entscheiden. Wie der andere gewesen wäre, werden wir nie herausfinden. Keinen zu wählen wäre aber die schlechteste Option. Wie schrieb Robert Frost in seinem wunderbaren Gedicht „The road not taken“:

„Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both

I shall be telling this with a sigh

I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.“

(Das ganze Gedicht findet ihr HIER

An apple a day

Guten Morgen

„An apple a day keeps the doctor away.“

Eine kleine Spielerei im Skizzenbuch.

Das neue Jahr nimmt schon ganz schön Fahrt auf, wenn es so weitergeht, wie es begonnen hat, darf es gerne so bleiben. Mich hat die Schaffenswut gepackt, ich sitze von morgens (früh) bis nachts im Atelier und arbeite vor mich hin. Und nie gehen die Ideen aus, im Gegenteil, es kommen ständig tausend neue dazu. Beim Stand heute müsste ich 145 Jahre alt werden, um alle bislang vorhandenen zu realisieren. 

Kennt ihr das auch? Dass ihr förmlich überquellt vor lauter Ideen. Zum Glück ist heute ein neuer Tag mit viel Zeit! Und zwischendurch werde ich ein wenig die spanische Sonne geniessen mit einem Glas Wein, schliesslich lebt der Mensch nicht von der Arbeit allein. 

Habt einen schönen Tag!