Sie haben das wohl Schlimmste gesehen, was ein Mensch sehen kann. Sie sahen es nicht nur, sie erlebten es: Auschwitz. Ein Name, der bekannt ist, der für Leid steht, für Gräueltaten, für ein Verbrechen an der Menschheit, an der Menschlichkeit und an vielen Millionen Menschen.

 Damit so etwas nie mehr passieren kann. Darum mache ich das hier ja. Darum erzähle ich meine Geschichte. (Esther Bejarano)

Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai und Greta Klingsberg haben überlebt, was ganz vielen Menschen der sichere Tod war: Die Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs, die systematische Mordmaschinerie der Nazis. Überleben allein reichte aber nicht:

Überleben allein ist keine Leistung. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Alle oben genannten machen etwas: Sie leben ihr Leben, sie leben es bewusst und sie wollen zeigen, was war und was nie mehr sein darf. Dabei strahlt aus allen eine unglaubliche Wärme, eine unglaubliche Lebenslust, viel Witz, Kraft und Mut. Der Film bewegt, er zieht einen hinein und er lässt einen nachdenklich zurück, denn: Man ist konfrontiert mit einer Zeit, die so schwarz war, dass man sie sich kaum vorstellen kann, geschweige denn will. Und doch muss man immer wieder hinschauen, darf nicht vergessen, weil: Die Geschichte lehrt nur, wenn man aus ihr lernt. Und dazu muss sie erinnert sein.

Gerade in einer Zeit, in welcher der Rutsch nach rechts eine traurige Realität ist, sollte dieser Film zur Pflicht werden. Menschen, die den Holocaust leugnen, sollten diese Menschen erleben und dann noch auf ihrer „Meinung“ (in Anführungszeichen, denn eine Völkermordleugnung ist NIE eine Meinung, es ist IMMER eine Lüge!) bestehen können… das kann nicht gehen.

Der Film thematisiert alles, was wichtig ist: Solidarität, Menschlichkeit, Würde, Empathie. Er zeigt an Menschen, wozu Menschen fähig sind. Und er zeigt: Das Leben ist kostbar, aber man muss etwas daraus machen. Und: Man muss für seine Überzeugung einstehen. Man darf menschenfeindlichen Tendenzen keine Macht geben.

Fazit
Ein wunderbarer Film, der an Kraft, Mut, Inhalt, Gefühl kaum zu überbieten ist. Er ist nicht empfehlenswert, er ist ein Muss!

Produktinformation
MutZumLebenDarsteller: Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai-Fahidi, Great Klingsberg
Regisseure: Thomas Gonschior, Christa Spannbauer
Studio: absolut Medien GmbH
Erscheinungstermin: 14. Juni 2013
ASIN: 3848840081

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Adel, Geld und andere Befindlichkeiten

Sämtliche Poggenpuhls – die Mutter freilich weniger – beassen die schöne Gabe, nie zu klagen, waren lebensklug und rechneten gut, ohne dass sich bei diesem Rechnen etwas störend Berechnendes gezeigt hätte.

Die Majorin von Poggenpuhl lebt nach dem Tod ihres Mannes, der Major fiel an der Spitze seines Bataillons bei Gravelotte, mit ihren drei Töchtern Therese, Sophie und Manon und dem treuen Dienstmädchen Friederike in ärmlichen Verhältnissen in Berlin. Durch die tatkräftige Unterstützung der drei ungleichen Schwestern – Therese ist standesbewusst und auf den guten Namen bedacht, Sophie praktisch veranlagt und Nesthäkchen Manon lieb und beliebt in jüdischen Bankkreisen – schaffen es die drei Frauen gerad so zu überleben. Neben den weiblichen Poggenpuhls existieren noch Wendelin und Leo, der erste und ältere Sohn pflichtbewusst und ehrgeizig, der jüngere ein charmanter Luftikus und ständig in Geldnöten, beide im Dienste desselben Regimes, in dem schon ihr Vater diente. Nach einem Besuch des Schwagers der Majorin nimmt dieser Sophie mit sich, sie soll als Gesellschafterin für seine Frau auf deren Landgut leben. Der Kontakt nach Berlin bleibt in Briefen bestehen, in einem solchen informiert Sophie ihre Familie auch vom Ableben des Onkels. Dieser Tod läutet denn auch das versöhnliche Ende ein, die hinterlassene Witwe will die Poggenpuhlschen Frauen fortan mit einer kleinen Rente bedenken und Sophie bei sich behalten.

Glücklich machen ist das höchste Glück. Es war mir nicht beschieden. Aber auch dankbar empfangen können ist ein Glück.

Die Poggenpuhls ist ein Roman mit sehr wenig Handlung. Es ist mehr eine Charakterstudie der Familie sowie eine hervorragende Zeitstudie (erschienen ist es 1896). Fontane selbst sagte dazu:

Das Buch ist kein Roman und hat keinen Inhalt, das ‚Wie’ muss für das ‚Was’ eintreten.

Und weiter:

Dass man dies Nichts, das es ist, um seiner Form willen so liebenswürdig anerkennt, erfüllt mich mit grossen Hoffnungen, nicht für mich, aber für unsere liter. Zukunft.

Fontane beschreibt in der ihm eigenen Art die Atmosphäre der verarmten Adelsfrauen. Er zeigt, wo und wie sie wohnen, wie sie sprechen, was sie denken, wo sie sich sehen und womit sie hadern. Dabei entwickelt er seine Figuren hauptsächlich in Dialogen, lässt sie sich selber darstellen in ihren Aussagen oder durch die Einschätzungen anderer. Trotz der eigentlich bedrückenden Lage der Poggenpuhls ist es ein fast heiter zu nennendes Buch, indem vieles in Ironie gepackt und mit einem feinen Humor präsentiert wird. Abgerundet wird das Ganze durch psychologisch-philosophische Erkenntnisse, die nie belehrend, sondern wie nebenbei eingestreut wirken sowie die aktuellen Themen der damaligen Zeit wie die Judenproblematik, Standesdiskussionen sowie das Künstlertum und dessen Wert und Bild in der Gesellschaft.

Fazit:
Detaillierte und unterhaltsame Zeit- und Charakterstudie, grosse Literatur von einem herausragenden Schriftsteller. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Theodor Fontane
Theodor Fontane wird am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren, wo er später auch das Gymnasium besucht. Nach einem abgebrochenen Besuch der Gewerbeschule beginnt er 1836 eine Ausbildung zum Apotheker, um in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und arbeitet nach deren Abschluss als Apothekergehilfe. Daneben erscheinen bereits erste literarische Werke. 1949 hängt er den Apothekerberuf an den Nagel, um als freier Schriftsteller zu arbeiten. Mangels Aufträgen lässt er sich von der Centralstelle für Presseangelegenheiten anstellen, reist in deren Auftrag nach London und berichtet von da unter anderem über Kunst. Es folgen Reisebücher und Theaterkritiken, dann der Beschluss, wieder als freier Schriftsteller arbeiten zu wollen, was in einer Reihe bis heute bekannter Bücher resultiert. Theodor Fontane stirbt am 20. September in Berlin. Werke Fontanes sind unter anderem Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862), Vor dem Sturm (1878), Grete Minde (1880), L’Adultera (1882), Irrungen, Wirrungen (1888), Unwiederbringlich (1892), Effi Briest (1896), Die Poggenpuhls (1896), Der Stechlin (1899).

FontanePoggenpuhlsAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag (18. Februar 2013)
Preis: EUR 8.99; CHF 14.90

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Liebe Kitty!

Wenn du meine Briefe einmal hintereinander durchlesen würdest, würdest du merken, in welchen verschiedenen Stimmungen sie geschrieben sind. Es ist dumm, dass ich hier im Hinterhaus so abhängig bin von Stimmungen. Aber ich bin es nicht allein, wir sind es alle.

Diese Zeilen stammen von einem Mädchen, das sich vor einem unbarmherzigen Regime verstecken muss, weil es sonst umgebracht würde. Seine Schuld ist es, als Kind der falschen Religion geboren zu sein, einem Volk zuzugehören, das als unwert geachtet wird und ausgerottet werden soll.

Am 12. Juni 1929 erblickt Annelies Marie (Anne) Frank als Tochter jüdischer Eltern in Frankfurt am Main das Licht der Welt. Die Franks sind eine assimilierte jüdische Familie, die den Glauben zwar in wenigen Bräuchen pflegt, allerdings ist er nie zentral. Vor allem Vater Frank legt grossen Wert auf die Bildung seiner Töchter (Anne hat eine drei Jahre ältere Schwester), hält die Mädchen immer wieder zum Lesen an.

1933, kurz nach Hitlers Machtergreifung, kommt es in Frankfurt zu antisemitischen Ausschreitungen, was die Familie Frank bewegt, nach Aachen zu ziehen. Ein berufliches Angebot führt sie später nach Amsterdam. Der Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft kümmert die Familie nicht gross, da sie sich in den Niederlanden wohl fühlt. Die Kinder besuchen die Schule, die Geschäfte laufen gut. Hitlers Arme greifen langsam auch über die niederländischen Grenzen, nach und nach verlieren die ansässigen Juden ihre Rechte, die Lage wird ernst.

1942 erhält Anne Frank zu ihrem Geburtstag ein Tagebuch, welches sie noch am selben Tag zu führen beginnt. Fortan wird sie ihm mitteilen, wie es ihr in der immer bedrückenderen Lage geht, wird ihre Sorgen und Nöte mit dem Tagebuch teilen.

Du merkst sicher, dass ich mich wieder in einer ganz niedergeschlagenen und mutlosen Periode befinde. Warum, kann ich Dir wirklich nicht sagen, denn es liegt kein Grund vor, aber ich glaube, es ist eine gewisse Feigheit, die ich eben zeitweise nicht überwinden kann.

Schon bald ist an eigenständiges Wohnen nicht mehr zu denken, die Familie Frank muss sich verstecken. Mies Giep, ehemalige Sekretärin von Otto Frank, hilft ihnen dabei, obwohl sie damit ihr eigenes Leben riskiert.[1] Hoffen die Versteckten zuerst noch, nach wenigen Monaten wieder frei leben zu können, zieht sich die Zeit im Untergrund in die Länge. Anne leidet sehr darunter, psychische wie körperliche Probleme zeigen sich. Die immer neuen Nachrichten von noch schlimmeren Zuständen lasten allen auf der Seele. Anne lenkt sich mit lesen ab, verschlingt förmlich Bücher. Daneben klammert sie sich an jeden Strohhalm, welcher ein wenig Hoffnung verspricht.

Liebe Kitty!

Nun habe ich Hoffnung, nun endlich geht es gut! Ja, wirklich, es geht gut! Tolle Berichte! Es wurde ein Attentat auf Hitler verübt, aber nicht einmal von jüdischen Kommunisten oder englischen Kapitalisten, sondern von einem edelgermanischen deutschen General, der Graf ist und überdies noch jung!

Leider ist die Hoffnung umsonst. Das Versteck der Franks, davon geht man aus, wird verraten, die Familie wird am 4. August 1944 gefunden und nach einem Verhör am 5. August ins Gefängnis gesteckt. Es folgt das Durchgangslager Westerbork, wo sie als Verbrecher in Strafbaracken unterkommen und Strafarbeiten verrichten müssen. Noch immer hoffen sie, einem noch schlimmeren Schicksal entgehen zu können. Auch diese Hoffnung wird zerschlagen, als am 2. September ihr Transport nach Auschwitz beschlossen wird. Am 3. September 1944 fährt der Zug los, er kommt zwei Tage später in Auschwitz an. Zwar entkommt Anne dem direkten Tod, weil sie bereits älter als 15 ist (die jüngeren Kinder werden direkt in Gaskammern gebracht und getötet), fällt aber im März 1945 einer Typhus-Epidemie zum Opfer und stirbt wenige Tage nach ihrer Schwester. Otto Frank ist der einzige Überlebende der Familie.


[1] Sehr zu empfehlen dazu: Miep Gies: Meine Zeit mit Anne Frank

Vor 70 Jahren wurden die Geschwister Scholl verhaftet und hingerichtet. Die Studenten hatten zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen. Sie gelten bis heute als Vorbilder der Zivilcourage.*

Die Geschwister Scholl stehen bis heute für Widerstand und Zivilcourage. Sie lehnten sich gegen die Machenschaften unter Hitler auf und bezahlten ihren Einsatz schlussendlich mit ihrem Leben. Ihre Geschichte ist umso erstaunlicher, als sie zuerst mit den Nationalsozialisten sympathisierten, eine Karriere machten in dem System entgegen den Überzeugungen ihrer Eltern, welche dem System eher kritisch gegenüber standen. Die anfängliche Faszination für die Bewegung Hitlers wich nach und nach der Überzeugung, dass diese mit der eigenen Moral nicht konform ging. Doch: woher stammt diese innere Moral? Und wieso fehlte sie bei so vielen der anderen, die entweder mitmachten oder einfach schwiegen?

Glaubt man Kant, steckt die Moral in jedem drin und jeder Mensch hätte (theoretisch) die Fähigkeit,  zu erkennen, was recht und was unrecht ist und auch nach danach zu handeln. Wenn dem so ist, wie kommt es dann, dass so viele Menschen sich in ein System einspannen liessen und sogar noch freudig mitmachten, das so offensichtlich nicht recht, nicht gut war? War es wirklich blosse Gedankenlosigkeit, wie Hannah Arendt sie bei Eichmann (wenn auch aufgrund falscher Voraussetzungen) feststellte oder steckt eine menschliche Boshaftigkeit dahinter, die jedem innewohnt? C.G.Jung hat darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sowohl Licht wie auch Schatten in sich trägt. Als Schatten bezeichnete er die dunklen Seiten, die man selber verabscheut und auch unterdrückt. Und doch scheinen sie auch eine Anziehungskraft zu haben. Das Gute also blosse Unterdrückung des eigentlich reizvollen?

Der Mensch strebt nach dem Guten. Dessen waren sich die Philosophen zu allen Zeiten einig. Die Meinungen gingen aber auseinander, was dieses Gute sei. Nun lässt sich das Gute, das einer will, durch verschiedene Kriterien bestimmen. Es kann moralisch gut sein, es kann aber auch nur gut sein, weil es erstrebenswert scheint. Dazu bedarf es keiner moralischen Komponente, sondern einer individuell der aktuellen Begehrenssituation angepassten. Ob es wirklich gut und vor allem richtig sei, das zu wollen, was man in dem Moment will, ob dieses erstrebte Gut (moralisch) angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Es steht einem immer frei, sich gegen das angestrebte zu entscheiden, wenn man es aufgrund der eigenen Abwägung über richtig oder falsch als falsch erkannt hätte. Dazu bedarf es aber des Insichgehens. Es bedarf der inneren Zwiesprache mit sich selber darüber, was Recht und Unrecht ist und was für ein Mensch man sein will. In vielen Fällen wird diese Entscheidung zugunsten des (moralisch) richtigen ausfallen. Der andere Fall findet aber auch statt. Und so findet sich kein Mensch, der nur gut oder nur böse ist. Es ist eine Entscheidung von Mal zu Mal. Gefährlich wird es da, wo das sich Fragen ausbleibt, man unbedacht handelt, ohne sich bewusst zu sein, was man tut und wieso – und vor allem, ob man das tun sollte, dürfte, kann.

Die Geschwister Scholl haben nachgedacht, haben nach ihrem eigenen Gewissen gehandelt und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie liessen nicht ihr Leben für die Sache, denn sie wollten leben um für ihre Haltung gegen das Regime. Sie mussten sich aber bewusst gewesen sein, dass sie dieser Kampf eben dieses Leben kosten kann. Das Andenken an die Courage dieser jungen Menschen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Es ist ein Aufruf an das eigene Denken und Hinterfragen von von aussen Gegebenen. Selbst wenn man zuerst etwas gut hiess, ihm folgte, kann man seine Route jederzeit ändern, wenn man den eigenen Weg als falsch erkannt hat. Und man kann die eigene Kraft für das Gute einsetzen, statt sie dem Bösen zu widmen. Dazu bedarf es des eigenen Urteils, der eigenen Stellungnahme, denn nichts ist –  wie schon Hannah Arendt sagte – gefährlicher als blinder Aktionismus:

Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar.**

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*http://www.dw.de/vorbilder-bis-heute-sophie-und-hans-scholl/a-16601656

**Hannah Arendt: Über das Böse

RothGesichtDer Name Joseph Roth ist heute bekannt durch seinen grossen Roman Radetzkymarsch oder auch den Hiob. Roths literarisches Werk zeichnet sich durch eine gewisse Sachlichkeit und eine Authentizität der Erzählung aus. Roth selber sah sich in seinem literarischen Schreiben der Wahrheit verpflichtet:

Der Erzähler ist ein Beobachter und ein Sachverständiger. Sein Werk ist niemals von der Realität gelöst, sondern in Wahrheit (durch das Mittel der Sprache) umgewandelte Realität.(1)

Diese Liebe zur Sachlichkeit erstaunt nicht weiter, war er doch, was vielen unbekannt ist, auch als Journalist tätig. Im vorliegenden Buch sind erstmals einige seiner journalistischen Texte chronologisch zusammengestellt.  Das Buch vereint Glossen, Reportagen und Feuilletons sowie auch Texte, welche Roth aus dem Exil schrieb. Das Buch vereint Berichte aus den Jahren 1916 bis 1939, Berichte über Italien, Polen, Österreich, Frankreich, Deutschland, Sowjetrussland (Roths Schreibweise), handelt von Madame Antoinette wie auch vom lieben Gott – alles aus der Sicht Joseph Roths. Ein Stück Zeitgeschichte, autobiographisch geprägt wie alles von Roth, trotzdem – oder gerade deswegen – klar analysiert.

Roth besticht durch eine klare Sprache, durch einen analytischen Blick, welcher jegliche Moralinsäure mageln lässt. Zeitgeschichte wird lesbar und hochpoetisch präsentiert. Das Buch regt zum Nachdenken an, es lädt ein, in eine andere Zeit abzutauchen und diese durch die Augen eines intelligenten und hinterfragenden Literaten wahrzunehmen.

Fazit

Ein sachlicher und doch poetischer Blick auf vergangene Zeiten. Ein Zeitdokument, das trotz wunderbarer Literarizität den klaren Blick offen lässt. Absolut lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 544 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag Februar 2013
Preis: EUR: 14.90 ; CHF 19.90

 

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(1) Schluß mit der „Neuen Sachlichkeit“. In: Die literarische Welt, 17. und 24. Januar 1930. Ausgabe in: Roth, Werke Bd. 4 Köln 1976, S. 250 f

Ein Publizist in Ungarn ruft zur Vernichtung der Roma auf. Sie seien Tiere und man müsse sie mit allen Mitteln vernichten, da sie nicht existieren sollten. Die Regierung schweigt und dieses Schweigen trägt die Botschaft:

Rassistische Hetze ist erlaubt, wenn sie die richtige Minderheit trifft.

Die Roma in Ungarn leben in grosser Armut. Arbeit kriegen sie nicht, Geld nur wenig. Von den politischen Parolen erfahren sie nichts, ihr einziges Interesse gilt dem puren Überleben. Vermutlich verdrängen sie den Rest, haben resigniert. Dieses Phänomen zeigte sich auch in der Zwischenkriegszeit, die österreichischen Soziologen Paul Lazarsfeld und Marie Jahoda beschrieben es folgendermassen:

Armut und Langzeitarbeitslosigkeit führen nicht zu Wut und Revolte, sondern zu Hoffnungslosigkeit und Apathie. Wer einmal in diesem Zustand ist, findet kaum mehr heraus.

Die Lebensbedingungen der Roma sind menschenunwürdig. Als verachtete Minderheit leben sie in Armut. Wenn nun öffentlich zu ihrer Ausrottung aufgerufen werden darf und die Regierung wortlos zuschaut, sind das bedenkliche Zeichen. Es sind Zeichen, die zeigen, dass man aus der Geschichte nichts gelernt hat und dass das, was den Armeniern in der Türkei 1915 oder den Juden im 2. Weltkrieg passierte, jederzeit wieder geschehen kann.

Rückt die Welt nach rechts? Sind es nur einzelne Staaten? Wer gebietet ihnen Halt?

Die Zitate zu diesem Artikel stammen aus „Die Ausgestossenen“, TA vom 02.02.2013

Die Beschneidungsdebatte, welche ursprünglich durch das Urteil des Landesgerichts in Köln losgetreten wurde, hat sich über die grenzen Deutschlands nach Österreich ausgeweitet. Heise berichtet über den österreichischen Religionskritiker Niko Alm, welcher mit einer Initiative gegen Kirchenprivilegien die Diskussion in die Alpenrepublik gebracht hat. In einer Pressekonferenz liess er fünf Beschneidungsgegner zu Wort kommen, darunter auch den Grafiker Kahid Kaya, Mitglied des Zentralrats der Ex-Muslime, welcher seine eigene Beschneidung als traumatisch empfand und deswegen eine Klage gegen den Staat Österreich prüft.

Die Frage nach der Rechtmässigkeit der rituellen Beschneidung spaltet die Geister. Die Religionsfreiheit, welche vor dem Hintergrund verschiedener Unruhen und Kriege aufgrund von Unterdrückung von anderen Religionen hoch gehalten wird tritt in Konflikt mit dem Menschenrecht auf Unversehrtheit. Und bei diesem Menschenrecht endet auch die elterliche Handlungsgewalt. Eltern haben zwar die Befugnis, für ihre Kinder zu entscheiden, nicht aber über deren Unversehrtheit hinaus. Was passiert also, wenn zwei Grundrechte in Konflikt geraten? Welchem gibt man Vorrang?

Bislang war die Beschneidung von Jungen kein Massen bewegendes Thema. Anders als bei der Beschneidung von Mädchen und Frauen sah man sie offenbar nicht so problematisch. Selbst wenn sie ab und an mal thematisiert wurde, warf sie doch keine so hohen Wellen wie die Prozedur beim weiblichen Geschlecht oder wie sie das nun tut.  Das und wohl auch der Umstand, dass es ab und an die medizinische Notwendigkeit der Beschneidung gibt,  liess wohl allgemein annehmen, dass es sich dabei um etwas nicht wirklich Schlimmes handle. Es war einem vielleicht fremd, aber mehr nicht, wie es scheint. Und plötzlich erscheint dieses Ritual im Zusammenhang mit dem Wort Träume, Körperverletzung. Eine ganz neue Dimension.

Das eröffnet verschiedene Fragen:

Wieso wird sich der klagewillige Österreicher just jetzt bewusst, dass er traumatisiert ist und klagen könnte? Der Zeitpunkt der Klage gibt der Geschichte einen komischen Nachgeschmack. Es hat ein wenig den Anschein, als ob jemand auf einen fahrenden Zug aufspringen möchte. Aber vielleicht wurde ihm auch erst jetzt bewusst, was ihm wirklich widerfuhr? Dass er vielleicht eine Chance hätte auf Klage? Wie soll die Wiedergutmachung aussehen? Was erhofft er sich?

Die nächste Frage, die sich mir stellt ist, wieso man medizinisch eine Operation durchführt, die traumatisierend ist. Klar liegen medizinische Probleme vor bei einer Vorhautverengung, aber die könnten dann sicher anders gelöst werden, wenn die Beschneidung dermassen traumatisch ist. Es ist ja wohl kaum anzunehmen, dass man nur traumatisiert ist, wenn es rituell motiviert war, nicht aber, wenn es medizinisch motiviert war.

Zu guter letzt stellt sich die Frage: Hängt der Glaube und die Religionsfreiheit wirklich an diesem einen Ritual, das die körperliche Integrität beeinträchtigt, wie die Kritiker anbringen? Ist ein Muslim und ein Jude wirklich weniger gläubig und weniger in seiner Religion verwurzelt, wenn er nicht als kleiner Junge beschnitten würde? Es sagt ja niemand, dass die Beschneidung verboten werden soll, nur könnte man sie auf einen Zeitpunkt legen, an welchem der zu Beschneidende selber urteilsfähig ist. Und damit über seine eigene Integrität entscheiden kann. Damit würde man die Diskussion auflösen, die Religion wäre frei gelebt und kein Körper gegen seinen eventuellen Willen verletzt.

Prallen bei dieser Diskussion nur zwei sture Meinungen aufeinander oder geht es tiefer? Wo liegt die Wahrheit? Was ist legitim? Und wenn zwei sich streiten, wer freut sich dann hier?

Quelle: http://www.heise.de/tp/blogs/8/152409?utm_medium=twitter&utm_source=twitterfeed