Wer ist schuld, wenn sich Israel und Palästina die Köpfe einschlagen? Jeder will es wissen und bemüht dazu die Geschichte. Bunte Karten werden gemalt, die alles erklären sollen, um gleich von anderen, noch bunteren, abgelöst zu werden, welche die vormaligen ad absurdum führen und die wirkliche Wahrheit ans Licht bringen. Schlussendlich bringen sie alle nichts, die Bomben fliegen weiter, die Menschen sterben weiter.

Wer ist schuld im Nahen Osten? Schuld ist wichtig, denn wenn man einen Schuldigen hat, glaubt man zu verstehen. Ab und an ist es gar nicht so einfach. Israel sei einfach von aussen an diesen Ort gepflanzt worden, die Araber haben schon damals gesagt, dass das nie akzeptiert würde. Das ist Fakt. Nun kommt Israel und meint, noch viel frühere Rechte proklamieren zu müssen. Was nun?

Seien wir mal ehrlich: Der Mohammed und der Ephraim von heute kämpfen nicht wegen Dingen, die vor einigen 1000 Jahren mal passiert sind. Die kämpfen, weil sie in diese Frontengeschichte hineingeboren und hinein erzogen wurden. Sie böse, wir gut. So kriegen die das mit der Muttermilch mit. Klar liefert man die (vermeintlichen) Fakten hinterher, um die Muttermilch schmackhafter zu machen. Schliesslich und endlich werden einfach Fronten zementiert.

Helfen tun diese Fronten niemandem. Genauso wenig helfen die Fronten, die man von ausserhalb mitbauen hilft, indem man sich auf eine der beiden Seiten schlägt und kräftig ins gleiche Horn bläst. Die Geschichte ist nicht das Problem. Die ist passiert und lässt sich nicht ändern. Was nun zuerst da war, wo nun der erste Fehler passiert ist, lässt sich kaum eruieren, da jeder einen noch früheren zu finden erpicht ist. Leben tun wir heute. Kriegen auch. Und der Krieg heute geschieht aus dem heutigen Gefühl, dass es ein Wir und ein Ihr gibt und das jeweils andere eine Gefahr darstellt. Was irgendwann mal war, wird nur als rationale Legitimation des heutigen Tuns verwendet. Keiner zündet heute die Rakete, weil vor 2000 Jahren irgendwas passiert sein soll.

Wer also ist schuld an der Auseinandersetzung im Nahen Osten? Keiner oder beide. Da ist so etwas wie ein Gewohnheitskrieg entstanden. Beide Seiten kämpfen mit unschönen Methoden und oft nicht nachvollziehbaren Massnahmen. Die einzige Rettung wäre nur ein Schnitt im Heute und eine komplette Neuausrichtung beider. Ob das je geschehen wird? Ich persönlich traue politischen Mächten nicht so viel selbstlose Grösse zu. Ich würde trotz allem gerne eines Besseren belehrt.

Kritisieren und unken kann jeder, Lösungen bringen ist schwerer. Ich masse mir nicht an, die Lösung zu kennen. Wenn ich eine hätte, wäre sie blosses Theoriekonstrukt, das wohl – wie so viele – an der Variable Mensch scheitern würden. Meine Idee wäre die folgende: Es gab in der Vergangenheit viele Staaten, die nach unrechtmässigen Regimes Wahrheitskommissionen einsetzten, um eine „Transition to Democracy“ einzuleiten. Berühmtes Beispiel ist sicher Südafrika mit seiner „Truth and Reconciliation Commission“. Südafrika ist auch heute noch weit von einer Rechtssicherheit entfernt, die Apartheid konnte aber immerhin überwunden werden. Ich denke, im Nahen Osten wäre eine ähnliche Vorgehensweise heilsam. Das Aufarbeiten der Vergangenheit und das Suchen einer einvernehmlichen Zukunft mit gleichen Rechten für alle. Dazu müssten aber beide Seiten bereit sein. Das wäre nicht nur eine Zustimmung für eine oberflächliche Waffenruhe, sondern die Bereitschaft, ein friedliches Nebeneinander in dem umkämpften Gebiet zu erreichen.

Ich lese vermehrt Entsetzen darüber, dass man sich überhaupt noch über die Fussball-WM unterhalten könne, wenn doch im Gaza die Erde brennt. Ich frage mich da bei aller Tragik der Vorkommnisse im Nahen Osten, was genau so schlimm daran ist. Das Leben findet hier statt und es geht weiter. Sollen alle alles einstellen und nur noch in den Nahen Osten schauen? Wem wäre damit gedient? Soll Freude, Spass, das alltägliche Leben keinen Platz haben, nur weil irgendwo Leid herrscht? Wird damit das Leid dort gemildert?

Wir werden die Konflikte im Nahen Osten nicht lösen können, das können die Betroffenen nur selber. Massnahmen von aussen wären eher kontraproduktiv denn hilfreich. Ich finde es auch bedenklich, Stellung zu beziehen für die Israelis oder die Palästinenser, da dies schlussendlich nur hilft, die Fronten auszuweiten, nicht sie einzudämmen.

Ich finde es wichtig, dass wir im Bewusstsein haben, dass es uns verdammt gut geht, können wir uns freuen – an Fussball, an gutem Essen, an schönen Dingen. Wir sind privilegiert, sicher und gut leben zu können. Leider geht das nicht allen so und das ist traurig. Die Freude am Hier und Jetzt heisst nicht, dass das Leid der anderen übersehen oder vergessen wäre, die Freude nicht zu leben wäre aber keine gute Tat, würde man doch das Gute, das wir haben, nicht schätzen und damit wäre es vergeudet.

Mein Sohn fragte mich, was passieren müsste, dass die Palästinenser und die Israeli friedlich leben könnten, dass der Krieg da beendet würde. Ich sagte, dass sie einsehen müssten, dass es genug Platz hätte für beide, dass sie einen Weg finden müssten, in einem Land miteinander leben zu können, jeder die Andersartigkeit des jeweils Anderen akzeptierend.

Mein Sohn meinte darauf, dass es aber vielleicht wirklich nicht genug Platz hätte für beide. Dass vielleicht wirklich einer weichen müsste, sich zumindest einschränken. Wie könnte man dann friedlich einfach miteinander wohnen? Wie war es zu dieser Situation gekommen?

Eines Tages suchten die Alliierten eine Lösung für die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg. Man einigte sich ziemlich schnell, sah sich im Recht und errichtete den Staat Israel. Man berief sich auf historische Tatsachen, die Juden waren schon mal hier, die gehören hier her. Dass auch die Araber hier gewesen wären, vielleicht schon früher, war irrelevant. Dass schon vor Vertragsbeschluss Unheil angekündigt wurde, ignorierte man. Man brauchte eine Lösung, fand auf dem Papier eine und setzte sie um.

Es kam, wie es kommen musste. Die schon Dagewesenen öffneten nicht einfach freudig die Türen, sondern sie liessen die Eindringlinge missmutig kommen. Der Platz wurde rarer, verschiedene Anspruchsrechte trafen aufeinander. Was soll daraus resultieren als Konflikt? Natürlich stellt man sich eine heile Welt vor, in der Blumen vom Himmel fallen und man die verlorenen Brüder willkommen heisst. Dieses Willkommen war aber keines, weil niemand von Brüdern wusste, keiner die daher Kommenden als solche sah. Man sah nur, was sie einem nahmen. Plötzlich sollte der Staat ihrer sein. Auch wenn es auf dem Papier von einem zweigeteilten Staat hiess – was schon schlimm genug war – Thema war nur immer der eine. Und der eine existierte nur, weil man dem anderen etwas weggenommen hatte.

Mein Sohn und ich stellten uns so vor, wie wir uns fühlen würden, wenn plötzlich jemand an der Tür klingelte und sagen würde, die Schweizer Regierung hätte beschlossen, dass unsere Vormieter wieder in unsere Wohnung dürften. Sie wären vor uns dagewesen und aus national wichtigen Gründen sähe man eine solche Massnahme als wertvoll an, zumal sonst das Problem bestünde, dass diese Familie auf der Strasse wäre, kein Zuhause hätte, was nach dem ganzen Leid, das sie und Ihresgleichen in den letzten Jahren hatten, nicht zumutbar wäre und man ihnen als Zeichen des Respekts von Staates Wegen helfen wolle, helfen müsse.

Die Not leuchtet ein: Da muss ein Zuhause her. Zuhause bildet sich aus Erinnerungen, aus Werten, die sich überliefern im Zusammenhang mit einem Volk. Was  also sollte Israel im Norden Kanadas? Da waren die Juden nie gewesen, da hatten sie keine Wurzeln. In Israel schon. Nur sassen da nun andere. Worte von Miteinander und Nächstenliebe sind toll, die fühlt man und findet man gut. Nur wenn sie einem das Zuhause streitig machen, wird das wohl schwieriger.

Und so sitze ich noch immer hier und frage mich: Wie soll man das lösen? Wer ist im Recht? Opfer sind sie alle irgendwie. Und Opfer schlagen um sich, weil sie sich verteidigen wollen. Und beide Seiten haben einen Wunsch: Ihr Zuhause zu bewahren, eines überhaupt zu haben. Wer ist hier also der Böse? Wer der Gute? Und wie will man da von aussen kommen und Stellung beziehen? Vom warmen Zuhause aus lässt sich das gut entscheiden. Man steckt nie drin und fühlt nie mit. Man hat Theorien, die blumig und gut klingen. Sie mögen sogar viel Wahres in sich tragen. Das Menschliche Leben besteht nicht nur aus Faktenlagen und theoretischen Argumentationsketten. Beschlüsse von aussen können noch so überlegt sein, sie vernachlässigen oft das elementar Wichtige: Die menschlichen Befindlichkeiten, die Bedürfnisse, Schwächen und Gefühle.

Gibt es eine Lösung? Ich weiss es nicht. Ich möchte nicht urteilen wollen, würde mir aber Frieden wünschen. Denn bei allem Verständnis für beide Seiten, verlieren durch diese Auseinandersetzung schlussendlich beide mehr, als sie überhaupt noch gewinnen können.