Innere Haltung

Wie wir im Unverfügbaren handlungsfähig bleiben

Es gibt Tage, an denen das Leben nicht einfach friedlich dahinfliesst, sondern es stürzt förmlich auf uns ein. Die Gründe dafür sind vielfältig: Eine schlechte Nachricht, ein Verlust, eine Enttäuschung, eine politische Entwicklung, ein Konflikt, eine Krankheit, eine Unsicherheit, die sich nicht auflösen lässt. Manchmal ist es von aussen betrachtet nichts Grosses, und doch verschiebt es innerlich etwas. Die Gedanken beginnen zu kreisen. Sie suchen nach Gründen, nach Schuld, nach Auswegen, nach Kontrolle. Sie pendeln hin und zurück, wiederholen, entwerfen mögliche Zukünfte, malen Gefahren aus. Zunächst fühlt sich das an wie Denken, wie der Versuch einer Klärung oder der, sich nicht einfach ausgeliefert zu fühlen, doch dann kippt dieses Denken irgendwann. Es klärt nicht mehr, sondern verengt, es öffnet keine Handlungsmöglichkeiten, sondern schliesst sie. Aus Nachdenken wird Grübeln, aus Sorge eine innere Welt, aus einem Ereignis eine ganze Zukunftsdiagnose. Dann leben wir nicht mehr in der Wirklichkeit, sondern in einer Deutung, die sich verselbständigt hat.

An diesem Punkt gilt es, genau hinzuschauen, denn an diesem Punkt beginnt die Frage nach innerer Haltung: da, wo wir merken, dass nicht nur etwas geschehen ist, sondern dass dieses Geschehen beginnt, über uns zu verfügen, weil nicht mehr wir auf die Welt antworten, sondern Angst, Kränkung, Ohnmacht oder Wut es für uns tun.

Innere Haltung ist nichts, das wir einfach überziehen können wie einen Pullover, sie ist weder zu verwechseln mit positivem Denken noch mit klugen Lebenshilfesätzen. Haltung ist die Fähigkeit, sich nicht vollständig an das zu verlieren, was geschieht. Sie ist die Möglichkeit, zwischen Ereignis und Antwort einen Raum zu schaffen, in dem wir wieder fragen können: Was ist wirklich geschehen? Was denke ich darüber? Was davon liegt in meiner Hand? Was nicht? Und was kann ich nun tun? Der stoische Philosoph Epiktet empfiehlt bei solchen Fragen zu unterscheiden zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht in unserer Macht steht. Das bedeutet nicht, dass danach alles halb so schlimm ist und man nur die eigene Einstellung ändern muss, um die Welt wieder erträglich zu machen. Es geht ihm darum, dass wir nicht unsere Aufgaben mit dem verwechseln sollen, was sich unserer Verfügung entzieht.

Das ist schwerer, als es klingt. Natürlich wissen wir, dass wir weder das Wetter noch die Vergangenheit oder die Reaktion anderer Menschen ändern können. Auch die politische Grosswetterlage, Krankheit, Sterblichkeit und Zufall liegen nicht in unserer Hand. Und doch verhalten wir uns innerlich oft so, als müssten wir uns um all das bemühen. Wir ärgern uns über das Unverfügbare, wir erschöpfen uns an dem, was sich nicht erzwingen lässt. Wir binden unseren Frieden an Dinge, die gar nicht in unserer Hand liegen. Die stoische Unterscheidung führt uns zurück an den Ort, an dem wir tatsächlich wirksam sind. Nicht alles liegt in meiner Macht, aber etwas kann ich steuern: mein Urteil, meine Aufmerksamkeit, meine Antwort, mein nächster Schritt, meine Bereitschaft, mich nicht völlig von der Situation verschlingen zu lassen.

An diesem Punkt stehen zu bleiben, wäre zu wenig. Innere Haltung besteht nicht nur darin, Affekte zu bändigen oder sich von äusseren Umständen unabhängig zu machen. Der Mensch ist kein abgeschlossener Innenraum, er lebt in Beziehungen, in gesellschaftlichen Verhältnissen, in Geschichten, in Abhängigkeiten, in einer Welt, die ihn trägt oder verletzt, öffnet oder beschränkt. Haltung ist deshalb nicht bloss Selbstbeherrschung, sie ist eine Weise, in der Welt zu bleiben. Folgen wir einfach unseren Affekten, machen wir uns zu deren Sklaven und sind nicht frei. Wir glauben dann vielleicht, wir handeln, aber in Wahrheit reagieren wir. Wir werden bewegt von Angst, Neid, Trauer, Hoffnung, Kränkung, ohne zu verstehen, dass sie unser Tun und Sein steuern. Erst da, wo wir uns selbst verstehen, wenn wir wissen, was in uns wirksam ist, beginnt unsere Freiheit, erst dann sind wir all dem nicht mehr ausgeliefert.

Das ist für negative Gedankenspiralen zentral, denn sie bestehen selten aus neutralen und sachlichen Gedanken, sondern sind affektiv aufgeladen. Ein Satz, der innerlich immer wiederkehrt, ist nicht nur ein Satz, er trägt Angst, alte Erfahrung, verletzten Stolz, ein Bedürfnis nach Sicherheit, vielleicht auch Scham in sich. Wenn ich nur gegen den Gedanken kämpfe, bleibt seine Wurzel oft unangetastet. Wenn ich aber frage: Was fürchte ich hier eigentlich? Was ist in mir getroffen? Welche Geschichte erzählt mein Inneres gerade?, dann entsteht Abstand. Nicht sofort Ruhe, aber ein erster Spielraum.

Haltung bedeutet dann nicht, Gefühle zu unterdrücken, im Gegenteil, sie bedeutet, diese wahrzunehmen, ohne ihnen die ganze Deutungshoheit zu überlassen. Ich kann Angst haben, ohne die Angst zur Wahrheit über die Zukunft zu machen. Ich kann verletzt sein, ohne aus der Verletzung heraus zu urteilen. Ich kann wütend sein, ohne die Wut entscheiden zu lassen, wer ich bin oder werde. Dank der Urteilskraft weiss ich, dass ich jedem Gefühl folgen und auch nicht jeden meiner Gedanken glauben muss. Nicht jede Befürchtung ist eine Einsicht. Ein Urteil zu fällen bedeutet in diesem Zusammenhang, zwischen mir und dem, was in mir auftaucht, einen prüfenden Raum zu öffnen. Stimmt das? Weiss ich das oder befürchte ich es nur? Hilft mir dieser Gedanke, klarer zu sehen oder zieht er mich tiefer in Ohnmacht?

Gerade in schwierigen Zeiten ist diese Unterscheidung entscheidend, denn Ohnmacht verengt den Blick. Sie lässt uns glauben, es gebe nur noch zwei Möglichkeiten: Kontrolle oder Resignation. Wenn ich die Dinge nicht ändern kann, bleibt scheinbar nur Rückzug, doch das stimmt nicht. Zwischen Allmacht und Ohnmacht liegt ein weites Feld. Es ist das Feld des Handelns. Hannah Arendt sah Freiheit nicht als inneren Zustand, sondern als etwas, das wir selbst in der Welt entwickeln können. Wir sind frei, wenn wir sprechen, handeln, anfangen, uns zeigen, mit anderen eine gemeinsame Welt gestalten. Eine Haltung, die auf Freiheit gründet, darf deshalb nicht zur Flucht ins Innere werden, sie soll uns nach aussen führen. Sie soll uns befähigen, nicht im Grübeln steckenzubleiben, sondern ansprechbar, urteilsfähig, gegenwärtig und handlungsfähig zu sein.

Wer in negativen Gedankenspiralen gefangen ist, verliert genau diese Fähigkeit. Er versteckt sich hinter Sätzen, die als absolute Wahrheit erscheinen und gerät in eine Spirale, die aus einer konkreten Schwierigkeit ein Ganzes macht. Aus einem Rückschlag wird: Mir gelingt nie etwas. Aus einer Ablehnung wird: Ich bin nicht gemeint. Aus einer politischen Krise wird: Es hat alles keinen Sinn. Aus einer Unsicherheit wird: Die Welt ist gefährlich.

Haltung unterbricht diese Totalisierung. Sie sagt nicht, dass alles nichts, sondern dass nichts alles ist. Dieser Unterschied scheint klein und ist doch wichtig, denn sobald nicht mehr alles vom Schmerz, von der Angst oder von der Kränkung besetzt ist, kann sich wieder etwas bewegen. Dann gibt es wieder eine offene Frage, einen nächsten Schritt, einen Menschen, an den ich mich wenden kann, eine Aufgabe, die bleibt, eine kleine Handlung, die möglich ist. Es entsteht ein Trotzdem, etwas, das wir dem Unverfügbaren entgegenstellen können.

Camus hat diese Form des Trotzdem eindringlicher beschrieben als viele andere. Er wusste um die Erfahrung einer Welt, die sich nicht einfach harmonisch ordnet. Der Mensch sucht Sinn, aber die Welt antwortet nicht immer so, wie er es hofft. Daraus folgt bei Camus nicht Resignation, sondern Revolte: ein waches, würdiges Nein gegen das Verstummen. Der Mensch bleibt Mensch, indem er nicht einfach aufgibt, auch wenn keine letzte Garantie gegeben ist.

Für innere Haltung bedeutet das: Wir brauchen nicht zuerst Sicherheit, um handeln zu können. Wir brauchen nicht zuerst die perfekte Lösung, um den nächsten Schritt zu tun. Wir brauchen nicht zuerst die Gewissheit, dass alles gut wird, um uns dem Guten zuzuwenden. Manchmal besteht Haltung gerade darin, nicht bitter zu werden, auch wenn das Leben keine Garantien liefert, und auch nicht auf die eigene Verantwortung zu verzichten, obwohl man nie alles selbst in der Hand hat. Auf diesem Gedanken gründet die Lehre Viktor Frankls, der die Grausamkeit des Lebens und anderer Menschen am eigenen Leib erfahren musste. Dem Menschen kann selbst unter extremen Bedingungen eine letzte Freiheit bleiben. die Freiheit, sich zu dem, was geschieht, zu verhalten. Das soll nicht dazu dienen, Leid zu verklären oder Menschen in schwerer Not eine heroische Haltung abzuverlangen, aber es erinnert an etwas Wesentliches: Der Mensch ist nicht identisch mit dem, was ihm widerfährt. Er kann Stellung dazu beziehen. Diese Stellungnahme ist der Kern innerer Haltung. Sie muss nicht gross aussehen, im Gegenteil, manchmal ist sie fast unscheinbar. Dann besteht sie darin, nicht sofort zu reagieren, oder einen Gedanken aufzuschreiben, statt ihn den ganzen Tag mit sich herumzutragen und ihn zu glauben. Auch um Hilfe bitten kann ein Zeichen dieser Haltung sein oder eine Grenze zu setzen, wo alles zu viel wird. Manchmal besteht diese Haltung schlicht darin aufzustehen, zu duschen, hinauszugehen, einen Termin wahrzunehmen, obwohl innerlich alles schwer und man erschöpft ist. Handlungsfähigkeit beginnt nicht immer mit grossen Gesten, oft beginnt sie mit der Weigerung, sich ganz der Ohnmacht zu überlassen.

Der Begriff der inneren Haltung darf nicht missbraucht werden. Er kann schnell nach Selbstoptimierung klingen, nach Mindset, nach der Zumutung, der Einzelne müsse nur seine Einstellung ändern, dann seien die Verhältnisse nicht mehr so schwer. Das wäre falsch, denn Menschen brauchen nicht nur innere Stärke, sie brauchen soziale Anerkennung, Schutz, gerechte Strukturen, Bildung, Sprache, materielle Sicherheit, tragende Beziehungen. Martha Nussbaum hat mit ihrem Fähigkeitsansatz daran erinnert, dass Freiheit nicht abstrakt gedacht werden darf. Ein Mensch muss reale Möglichkeiten haben, seine Fähigkeiten zu entfalten und ein Leben in Würde zu führen. All dies wirkt auf die innere Haltung zurück. Wer dauernd erschöpft ist, wer in Armut lebt, wer sozial beschämt wird, wer keine Stimme bekommt, wer ständig um Sicherheit kämpfen muss, hat nicht einfach dieselben inneren Spielräume wie ein Mensch, der getragen ist. Darum darf Haltung nie gegen Gerechtigkeit ausgespielt werden, sie ersetzt keine Veränderung der Welt, aber sie kann verhindern, dass wir bis zur Veränderung der Welt innerlich verstummen.

Hier liegt ihre Kraft. Innere Haltung ist weder Rückzug noch Anpassung, sie ist die Kunst, in schwierigen Umständen nicht nur Objekt der Umstände zu werden. Sie hält einen Menschen in Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zur Welt. Sie bewahrt den Punkt, von dem aus Antwort möglich bleibt. Dazu müssen wir merken, wann Denken in Grübeln umschlägt, wann eine Sorge sich aufbläht, wann wir nicht mehr fragen, sondern nur noch wiederholen, wann wir innerlich nicht mehr in der Gegenwart sind, sondern in alten Verletzungen oder befürchteten Zukünften leben. Epiktets Frage bleibt also wichtig: Was liegt in meiner Hand, was nicht? Aber wir können sie erweitern. Was fühle ich? Was verstehe ich noch nicht? Welches Urteil fälle ich? Welche Geschichte erzähle ich mir? Wo werde ich unfrei? Wo ist trotz allem ein kleiner Handlungsspielraum?

Es hilft auch, auf Abstand zu gehen. Das bedeutet nicht Kälte oder Abspaltung, sondern die Fähigkeit, einen Gedanken anzusehen, ohne ihm sofort zu folgen. Zwischen „Ich denke, dass alles scheitert“ und „Alles scheitert“ liegt ein Unterschied. Zwischen „Ich fühle mich wertlos“ und „Ich bin wertlos“ liegt ein Unterschied. Zwischen „Ich habe Angst“ und „Die Zukunft ist nur bedrohlich“ liegt ein Unterschied. Haltung entsteht in solchen Unterschieden.

All das wird man nie ein für alle Mal erreichen, es bedarf der Übung. Niemand wird handlungsfähig in der Krise, nur weil er einmal über Handlungsfähigkeit gelesen hat. Haltung ist kein Besitz, sie ist Praxis. Sie entsteht durch Rückkehr, Rückkehr zum Atem, zum Denken, zum Gespräch, zur Frage, zum nächsten Schritt. Immer wieder zurück aus der Spirale in die Wirklichkeit. Immer wieder zurück aus der Ohnmacht in das kleine Feld des Möglichen.

Vielleicht ist das die bescheidenste und zugleich stärkste Form von Freiheit: zu wissen, dass ich nicht über alles verfügen muss, um nicht verloren zu sein, nicht alles kontrollieren muss, um handeln zu können. Ich muss nicht frei von Angst sein, um mutig zu sein, und auch nicht ohne Schmerz, um offen zu bleiben. In diesem Zusammenhang fällt mir immer ein Zitat von Max Frisch ein, das ich lange Zeit jeden Tag las, weil es an der Hauswand gegenüber meines Hauses stand:

Die Würde des Menschen besteht in seiner Wahl.

Es ist meine Wahl, was ich wähle, wie ich mich zu dem verhalte, was passiert, und in dieser Wahl liegt meine Würde, die Würde meiner Freiheit.

Gedankensplitter: Die eigene Haltung ergründen

«Es hiess…. sie sei ein gefallenes Mädchen… Von gefallenen Männern hörte man bei uns nie. Männer konnten wahrscheinlich nicht fallen.» Emmy Hennings

Hat sich wirklich so viel verändert? Wenn zwei dasselbe tun, ist es wirklich dasselbe im Auge der Gesellschaft? Sind nicht noch immer die Frauen die Beäugten in einer von Männern definierten und von vielen (auch Frauen) weiter verteidigten Welt? Und immer wieder schauen wir weg, weil das Hinschauen die Forderung stellte, aufzubegehren. Und wir fragen uns: Was bedeutet das für uns? So hier und heute? Es ist einfacher, gegen die heute definierten Täter der Vergangenheit zu richten und sich gegen sie zu stellen. Im Hier und Jetzt gehen wir oft den Weg der Norm, den der Anpassung, weil wir denken, keine Wahl zu haben. Die Wahl haben wir wohl, nur gefallen uns die Konsequenzen oft nicht. Und dann sagen wir, dass wir nicht konnten, aber schon gewollt hätten. 

Kann man es verübeln? Muss man es? Ist es feige? Oder einfach lebenspraktisch? Das sind alles Wertungen, die von aussen draufgestülpt werden. Ich glaube, der erste Schritt wäre das Eingeständnis: Ich hätte gekonnt, hatte aber zu viele persönliche Gründe, die mich hinderten. Wenn diese Ehrlichkeit schon mal da wäre, wäre ein zweiter Schritt viel einfacher: Sich anders zu entscheiden, weil ja ganz viele sich eingestehen würden, dass sie eine Wahl hätten. Und ehrlich würden. Und damit vielleicht auch gemeinsam einstehen würden, so dass die Konsequenzen teilweise wegfielen. 

Eine Utopie? Ein Weg?

Lernen als Bedürfnis – mit Haltung zum Gelingen

Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

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* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Marthe Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.

Der Weg der Gelassenheit

Kürzlich regte ich mich auf. Aber sowas von. Ich weiss gar nicht mehr, worüber, aber: Das ist meist eh nicht relevant, man regt sich ja über alles auf. Man überlegt dabei selten, was man sich selber damit antut, sondern man ist grad so schön drin in der Aufgeregtheit. Schliesslich hat man ja Grund. Sagt man sich.

Ein Bekannter meinte süffisant: „Macht Yoga nicht gelassen?“ Meine Antwort war klar schlagfertig: „Du kanntest mich vor Yoga nicht.“ Aber es hing nach. Da war in der Tat noch Luft nach oben.

Heute fühlte ich mich in der Theorie bereit für den Weg. Frei nach dem Motto

Du hast ein Problem? Kannst du es lösen? Prima, wieso sorgst du dich? – Du kannst es nicht lösen? Wieso sorgst du dich?“

gehe ich nun den Weg der Gelassenheit. Seit ich ihn gehe, sind doch schon ein paar Stunden vergangen. Ich behaupte nicht, er wird immer gelingen, aber: In der Theorie klappt er schon ganz gut!

Von Sofamotzern und anderen Querulanten

Einer meiner Freunde teilte einen Beitrag eines Vaters, der mit seinem Sohn im Baumarkt war und beim Rauskommen merkte: Das geliebte Like-a-bike des Sohns war weg…

Was mir aufstiess? Es wurde in den Kommentaren nicht gegen den Dieb geschossen, sondern gegen den Vater. Dieser hatte zwar weder eine Anzeige gemacht, sondern nur die Rückgabe (sogar gegen Entgelt) gewünscht, und auch sonst keine wirklich bösen Worte gefunden, aber: Er hatte das Bike nicht abgeschlossen, mit dem Nennen des Markennamens Werbung gemacht und noch vieles mehr. Vom heimischen Sofa wurde geurteilt und geschossen.

Ich lese das oft in letzter Zeit. Wenn jemand ein Unrecht aufzeigt, wird das Unrecht zwar nicht negiert, aber gleich der Aufzeigende beschossen. Er zeige nur auf, täte aber nichts. Das Urteil ist zwar nicht fundiert, nur angenommen, aber es kommt als Angriff daher. Die eigenen Taten des Angreifers bleiben aussen vor, dass er nicht mal auf das Unrecht hinwies war wohl nicht nur Bequemlichkeit oder Ignoranz, sondern sicherlich einem guten Grund geschuldet. Aber:

Schon das Hinschauen ist eine Haltung. Aus dem Hinschauen können mehr Hinschauende gewonnen werden, daraus eine Handlungsabsicht und daraus eine Handlung. Irgendwo muss man mal anfangen. Wenn aber schon der Anfang belächelt, verurteilt und abgeputzt wird, sind wir bald da, wo alles sang- und klanglos durch geht. Weil die, welche an allem was rumzumeckern haben, das Terrain geebnet haben.