Vigilio

Ich sah Vigilio das erste Mal vor 13 Jahren. Sein Sohn, mein späterer Mann, nahm mich mit, um mich den Eltern vorzustellen. Als wir ankamen, war Vigilio nicht zu Hause, seine Frau öffnete die Tür. Nach einem kurzen Gespräch packten wir den Hund und gingen spazieren. Auf dem Weg in den Park stießen wir dann auf ihn. Jeans, T-Shirt, Weste und Schirmmütze – so sah ich ihn später meistens. Vigilio war mit Hauswartsarbeiten im Quartier beschäftigt. Schon von weitem erkannte er seinen Sohn, winkte, rief mit kräftiger Stimme „Halli Hallo“ und lachte. Das sollte immer seine Begrüßung sein in den nächsten Jahren. Auch dass er kaum zu Hause war, sondern ständig am arbeiten, stellte sich als Dauerzustand heraus.

Vigilio wuchs mit seinen acht Geschwistern im Trentino auf. Eines der Kinder durfte studieren, die anderen mussten Berufe erlernen. Vigilio reiste jung in die Schweiz, arbeitete, wo immer er Arbeit fand, lernte seine Frau kennen, gründete eine Familie. Die beiden Menschen arbeiteten hart, um ihre Familie zu ernähren, Vigilio als Hauswart, seine Frau als Putzfrau, beide an mehreren Orten, teilweise Tag und Nacht. Wer nun dächte, das hätte ihn unzufrieden gemacht, er haderte in irgend einer Form mit dem Leben, weil er nicht studieren konnte, weil er Tag und Nacht für andere da sein musste (und auch wollte, weil er es als normal ansah, zu helfen, wenn Not am Mann war), weil er anderen den Dreck wegräumte, wie er ab und an lachend sagte, der kennt Vigilio nicht. Er ging immer mit einem Lächeln durchs Leben, grüßte jeden freundlich, plauderte mit allen, machte seine Späße. Ab und an waren es gar viele Späße, die den Anschein erweckten, er nehme nichts ernst, schon gar nicht einen selber. Vielleicht war das seine Art, mit dem Leben und dessen nicht immer schönen Seiten umzugehen.

Als mein Sohn auf die Welt kam, war ihm Vigilio ein liebender Grossvater. Er nahm ihn mit auf seine Hauswartstouren, ließ ihn am Handschubwagen Gehübungen machen, seine Augen leuchteten, wenn er seinen kleinen Enkel sah, was oft war, weil wir im selben Haus wohnten. Leider dauerte das Glück nicht lange, wir zogen weg, meine Ehe ging in die Brüche und damit verlor sich der Kontak zu Vigilio größtenteils. Ein paar Jahre später kam die Nachricht: Krebs. Vigilio war erkrankt und musste zur Chemo. Die Nachricht erschütterte mich, aber ich war weit weg, fühlte mich nicht mehr als Bestandteil dieser Familie, war mein Platz als Schwiegertochter doch neu besetzt. Als ich Vigilio das nächste Mal sah, waren seine Haare, auf die er so stolz gewesen war, ausgefallen. Das war aber auch das einzige äußere Zeichen für seine Erkrankung, ansonsten sah er immer noch wie der starke, vitale Mann von früher aus. Leider schlug die Chemo nicht wie gewünscht an. Es folgten weitere, der Krebs streute, gewisse Teile mussten herausgeschnitten werden, andere neu bestrahlt. Es half nichts. Der Krebs ließ sich nicht besiegen. Irgendwann setzte man die Chemo ab. Die Haare kamen zurück. Was äußerlich schien wie neues Leben, war eigentlich nur das Zeichen, dass der Tod langsam und schleichend seinen Weg gehen, ihm nichts mehr entgegen gestellt werden konnte.

Eines Tages kam die Nachricht: Vigilio ist im Spital. Da hielt mich nichts mehr zu Hause. Ich eilte hin, musste ihn sehen. In mir gingen ganze Filme ab, ich sah ihn und mich früher, sah sein Lachen, hörte seinen für einen Italiener so typischen Akzent. Ich wollte das wieder hören, wollte nochmals mit ihm reden, wollte ihm vor allem zeigen, dass ich an ihn dachte, für ihn da bin. Als ich sein Zimmer betrat, lag er ruhig, wie schlafend, im Bett. Er hatte die Tür aber trotzdem gehört und als er den Kopf zu mir drehte, mich sah, ging ein Strahlen über sein Gesicht. „Sandra, du kommst mich besuchen?“, fragte er mit feiner Stimme. Seine Frau kam auf mich zu, umarmte mich. Die Freude war offensichtlich, auch bei mir. Vigilio sah noch immer gut aus, aber man sah den Kräfteverlust. Man sah, dass er oft an Schmerzen litt, dass sie ihn plagten. Wir redeten über seine Krankheit. Er wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Er redete über sein Leben, dass dieses nun bald vorbei sei, er alles hinter sich lasse. Er erzählte davon, was er alles getan habe, um für seine Familie, seine Kinder dazusein, ihnen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Und er wurde traurig dabei. Ich hielt seine Hand, sagte, dass er stolz auf sich sein könne, dass er mehr für seine Familie getan hätte, als so mancher, dass er ein wunderbarer Mensch sei. Und ich meinte und fühlte alles genau so. Und da sagte er es: „Sandra, du warst für mich immer meine zweite Tochter. Ich habe dich sehr gern.“ Das war der Moment, in dem es um meine Fassung geschehen war und die Tränen flossen. Ich spürte, dass ich dasselbe fühlte. Ich hatte diesen Mann sehr gerne, mehr als ich mir all die Jahre ohne Kontakt zugestehen wollte. Ich weinte um die verpassten Jahre und darum, dass wir sie nicht mehr zurückholen konnten. Und ich weinte, weil er mich genauso gern hatte – das waren die Freudentränen im Ganzen. Freude und Leid liegen oft nahe zusammen, sogar in solchen Situationen.

Von da an besuchte ich ihn, wann immer ich es einrichten konnte, teilweise täglich. Ich half ihm beim essen, besorgte ihm, was er brauchte, massierte seine schmerzenden Füße, zog Socken an und aus – es war ganz natürlich, obwohl ich nicht wirklich der pflegende Typ bin und Füße sonst nur unter Protest anfassen würde. Zwischen Vigilio und mir war dieses Band, diese Vertrautheit, die alle Scheu wegfallen ließ. Seine Freude jedes Mal, wenn er mich sah, die Wärme, die ich für ihn empfand – alles half, die Zeit, die wir verpasst hatten, zwar nicht zurückzuholen, aber zumindest zu überbrücken und neu anzufangen. Schade, müssen erst so einschneidende Erlebnisse kommen, damit man eine Beziehung lebt, die so schön sein könnte.

Vigilios Frau war die ganze Zeit an seiner Seite, sie pflegte ihn zu Hause, besuchte ihn im Spital, wusch, kochte, putzte, half, lebte fast nur noch für ihn. Auch zu ihr entwickelte sich wieder eine Nähe, wie wir sie vorher nie hatten leben können. Meine Sorge galt auch ihr, weil ich fürchtete, sie ginge über ihre eigenen Kräfte. In ihr kämpften der Wunsch, ihren Mann bei sich zu haben, für ihn dazusein, und das Gefühl der eigenen Grenzen, des Kräfteverlusts. Nach über 50 Jahren musste sie mit ansehen, wie ihr Mann  immer schwächer, von Schmerzen geplagt wurde, und sie wusste, dass er über kurz oder lang nicht mehr bei ihr sein würde.

Vigilio konnte wieder nach Hause, allerdings hielt das Glück nicht lange, schon bald lag er wieder im Spital. Der Magen streikte, mal arbeitete er gar nicht mehr, mal zu schnell. Die Schmerzen nahmen zu, die Mittel dagegen wurden erhöht. Vigilio beklagte, dass er nicht mehr klar denken könne, dass die Medikamente sein Hirn lahmlegten. Trotzdem verzweifelte er nicht, sondern nahm dieses Schicksal mit Humor, machte noch immer Spässe, die allerdings milder geworden waren im Vergleich zu früher, sah der Realität ins Auge, nahm es meistens gefasst, wenn auch ab und an Trauer über ihn kam. Wenn man von etwas in der Zukunft erzählte, wurde er still. Und man spürte, dass er sich wohl innerlich fragte, ob er das noch erleben würde. Oder fürchtete er von vornherein, dass es nicht so sein würde?

Noch lebt er. Ich hoffe, ich werde noch manche Stunde an seinem Bett sitzen, noch manche Stunde die Gelegenheit haben, mehr aus seinem Leben zu erfahren, ihn so besser kennenzulernen. Ich möchte unser Band vertiefen, damit es hält, wenn er mal nicht mehr ist. Ich möchte noch viele Erinnerungen mit auf meinen Weg nehmen, damit Vigilio mich weiter begleitet. Und ich hoffe, ich kann ihm auf seinem Weg, den er zu gehen hat, eine Stütze sein, ihn begleiten, ihm Kraft geben. Zumindest sagt er das und das ist unendlich wertvoll für mich, denn ich weiß eines: Ich liebe ihn. Er ist wie ein zweiter Vater, was ich spät erkannte, zum Glück nicht zu spät.

Vor nicht allzu langer Zeit stand meine Welt kopf. Mein Vater schwebte am Abgrund des Todes, alles hing am seidenen Faden. Ich sah mich selber vor dem Abgrund, es fehlte jeglicher Halt, vor mir nur gähnende Leere und Verzweiflung. Ohne ihn? Das ging nicht. Das war unvorstellbar. Natürlich hatte ich mir oft vorgestellt und rational bewusst gemacht, dass das wohl irgendwann kommen würde. 80 ist ein Alter, das das Ende möglich erscheinen lässt. Der Umstand, dass seine Mutter 106 wurde, hielt die Hoffnung auf viel Aufschub am Leben, den frühen Tod des Vaters verdrängte man bei den Berechnungen gerne.

Der Anruf kam, alles stand auf der Kippe – sein Leben, mein Halt. Der Zeiger ging auf die richtige Seite, er überlebte haarscharf, kämpfte sich mit Geduld (die ihm ebenso fehlt wie mir) zurück ins Leben. Er kam Stück für Stück zurück. Zuerst als Überlebender, dann als an ihn Erinnernder, schlussendlich als der, den ich kannte. Trotzkopf gegen fade Diät, Sturer in Bezug auf was gut und schlecht ist und schlussendlich als mein Papa, den ich so vermisste in der ganzen Zeit. Der Halt, der Pol, das, was einfach ist, mir so ähnlich, mich so verstehend, mich im Nichtverstehen so auf die Palme bringend. Einfach er.

Langsam wird ihm bewusst, wie nah am Tod er war. Er erlebt alles nochmals wieder, wird sich bewusst, was davon er wahrnahm, wo er abwesend war. Er sieht die Endlichkeit, die so drohend da war und weiss um das Glück, das er hatte.

Es hat nicht viel gefehlt. Fast hätte es Grossväterchen nicht mehr gegeben.

Das sagte er mir heute am Telefon. Bei meinem Sohn entschuldigte sich der liebende Grossvater, dass er an Weihnachten nicht für ihn da war. ich bin unendlich glücklich, ist er noch/wieder da. Ich bin unendlich dankbar, musste ich den Schmerz nicht länger als ein paar ungewisse Tage/Wochen ertragen. ich bin noch viel dankbarer, einen solchen Vater zu haben. Einen Menschen, der mir so nah, so wichtig ist. Der so viel Liebe hat und gibt. Und vor allem dankbar, dass ich Menschen habe, die ich so lieben darf.

So soll es sein, so soll es bleiben.

Das sang einst eine deutsche Band, das ist, was wir uns alle wünschen. Das Gute soll bleiben, das Schlechte schnell vergehen. Leider haben wir es nicht in der Hand. Darum gibt es nur eines: Heute zu schätzen, was ist, es bewusst wahr- und anzunehmen. Selbst wenn es morgen nicht vorbei ist, ist es wert, heute genossen zu werden. Das Leben ist nicht selbstverständlich. Manchmal vergisst man das so leicht im Trubel des eigentlich belanglosen Streben nach noch Belangloserem.

Vor 40 Jahren zog mein Vater zwei Wochen lang durch Winterthurs Gassen, stiess auf seine Tochter an, die soeben das Licht der Welt erblickt hatte. Er war so voller Freude, so voller Stolz, so voller Liebe. Alle sollten daran teilhaben. Diese Tochter war sein Sonnenschein, seine Prinzessin. Alles wollte er tun für sie. Immer für sie da sein.

Er hat gehalten, was er sich vornahm. Er war immer da. Lehrte mich Rad fahren, schwimmen, Ski fahren. Er bastelte mit mir, wir liessen Drachen steigen, streiften durch die Wälder, bauten Waldhütten. Er tröstete meine Tränen bei Liebeskummer, holte mich aus Wohnungen von gescheiterten Beziehungen. Er baute mich auf, wenn ich am Boden war, stellte sich vor mich, wenn Gefahr drohte. Er trieb mich an, wenn mir der Mut fehlte, er holte mich auf den Boden, wenn ich abzuheben drohte. Er hat mir mehr als einmal das Leben gerettet, nachdem er es mir schon geschenkt hat.

Was ich oft dachte, sprach er aus und umgekehrt. Wir lachten über dieselben Dinge, verstanden uns stets blind. Kleine Zeichen reichten, ganze Welten zu erklären. Ein Blick, eine Geste – das Band war da und es war stark.

Er war ab und an stur, ab und an unverständlich pingelig und rechthaberisch. Da ich nicht weniger stur bin, war nicht immer eitel Sonnenschein. Wir konnten Tage nicht miteinander sprechen, innerlich dadurch zerrissen. Und plötzlich brach das Eis und alles war vergessen. Meine arme Mutter geriet in solchen Situationen oft zwischen die Fronten.

Was er für mich als Vater war und ist, ist er für meinen Sohn als Grossvater. Wenn dieser Trost sucht, Ärger hat, Zuspruch braucht: der Grossvater hat ein offenes Ohr. Wenn er sich alleine fühlt, unverstanden: Anruf genügt und sein Grossvater rückt die Welt wieder ins Lot. Wenn die Mutter nervt, die Fetzen fliegen, der Grossvater rückt ihm zwar den Kopf zurecht, aber von ihm lässt er es sich sagen. Und die Wogen glätten sich.

Weihnachten dann der Schock: Notfall. Probleme machten sich schon lange bemerkbar, nun war es akut. Der erste Arzt machte nichts. Die Schmerzen stiegen. Zweiter Arzt. Erste Alarmglocken, doch immer noch abwartend. Dann der Zusammenbruch. Meine Welt steht Kopf, droht zu sinken. Mein Fels in der Brandung stürzte, brach zusammen.

Habe ich ihm oft genug gesagt, was er mir bedeutet? Wie dankbar ich bin, ihn als Vater zu haben? Hätte ich mir meinen Vater backen müssen, er wäre genau so gewesen, wie er ist. Ich hätte mir keinen anderen oder gar besseren wünschen können. Weiss er, wie sehr ich ihn liebe? Wie sehr ich ihn brauche? Dass ich ihn nicht verlieren will?

Wieso fällt es uns oft leichter, zu streiten, zu sagen, was nicht passt, als einfach mal zu sagen: Ich liebe dich. Schön, dass es dich gibt. Ich will dich nicht verlieren? Wieso widmen wir der Dankbarkeit für das Gute und Schöne oft weniger Worte als den Vorwürfen, Streitereien, Unfreundlichkeiten?

Ich hoffe, ich kann ihm bald wieder in die Augen sehen und ihm sagen, wie lieb ich ihn habe.