Wollte frei sein
stiess an Stäbe,
wollte fliehen,
sah die Tür.

Konnte rütteln,
konnte schreien,
kein Entkommen,
alles zu.

Bei dem Sehnen,
all dem Langen,
vergass ich eines,
sah es nicht.

Was ich hatte,
was auch gut war,
wär vergangen,
wär ich weg.

Frei von Ketten,
frei von Schönem,
kommt das Eine,
folgt der Rest.

Einen Preis,
muss ich wohl zahlen,
was mir bleibt,
ist meine Wahl.

Liebe in Auszeiten

Gerhild verliebt sich in Friedrich. Das wäre nicht gar so aussergewöhnlich, wäre Friedrich nicht als „Bestie vom Schwarzwald“ bekannt und ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder und Gerhild die Mutter eines erwachsenen Sohnes, welcher versucht, seine Mutter und deren Liebe zu verstehen.

Vielleicht wird sich der eine oder andere fragen, wie es für mich war, als ich erfuhr, dass meine Mutter diesen Mann offensichtlich liebte. Weil es doch nicht zu verstehen ist. Ein Mensch, der die Nähe eines Mörders sucht, sich in seine Arme sehnt, mit dem kann etwas nicht stimmen. Und dann handelt es sich bei diesem Menschen auch noch um die eigene Mutter. Noch dazu eine Mutter, die bis dahin jegliche Nähe gemieden hat. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich war eifersüchtig.

Gerhild und Friedrich teilen die gemeinsamen Momente auf Friedrichs Freigängen. Auf diesen Ausflügen lernen sie sich kennen und lieben. Diese Liebe macht Gerhild zu einer Aussenseiterin, niemand will etwas mit einer Frau zu tun haben, die ein offensichtliches Monster liebt. Dies und auch die Kenntnis von Friedrichs Geschichte bestätigt Gerhilds Sicht, dass es die Umstände waren, die Friedrich zu dem machten, was er wurde, dass es nicht seine Schuld war. Vor allem aber erkannte sie, dass gewisse Fehler von der Gesellschaft  nie verziehen werden.

Sie ärgerte sich über die Verlogenheit. Sie sprachen von Resozialisierung, in Wirklichkeit ging es ums Wegschliessen, am besten für immer. Das nannte sich dann Sicherheitsverwahrung. Was hinter den Gefängnismauern geschah, interessierte die Gesellschaft nicht.

Eine eindringliche Geschichte erzählt von Gerhilds Sohn. Stimmig aufgebaut, flüssig erzählt, vom Erzählfluss her still und doch mitreissend. Ljubic gelingt es, die Psychologie einer ungewöhnlichen und auch unakzeptierten Liebe zu erzählen, ohne dabei psychologisierend zu wirken, der Verzicht auf Innenansichten und tiefschürfende Analysen lässt dem Leser die Möglichkeit, sich selber in die Figuren einzufühlen, die sich in ihrem Tun und Sein offenbaren.

 

Fazit:
Ein eindringlicher, psychologischer, tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Nicol Ljubić
Nicol Ljubić, 1971 in Zagreb geboren, wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis. 2010 erschien mit ›Meeresstille‹ sein zweiter Roman, für den er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den Verdi-Literaturpreis erhielt. Zuletzt gab er die Anthologie ›Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit‹ heraus. Nicol Ljubić lebt in Berlin.

 

ljubicAlswäreAngaben zum Buch:
Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423142892
Preis: EUR  9.90 / CHF 16.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

Fühlte ich mich nur nicht geliebt, weil ich dachte, nicht liebenswert zu sein? Dachte ich, du wendest dich von mir ab, weil ich dachte, es sei unmöglich, dass man sich mir voll und ganz zuwenden kann? Sah ich mich selber als schlecht und verstand drum nicht, wie du mich gut finden könntest?

Ich sitze hinter Mauern und sehe nur grau. Ich möchte hinüber, doch es gibt keine Leiter. Ich möchte hindurch, aber es fehlt eine Lücke. Es ist diese Mauer, die mich immer und immer blockiert. Ich stehe davor und sehe kein Ende, denn drehe ich mich, wäre sie auch da. Sie geht rundherum und ich habe sie gebaut. Ich suchte den Schutz und bildete ein Gefängnis. Nun sitze ich drin und fühle mich nicht sicher, sondern klein und ohnmächtig.

Ich könnte sie einreissen, doch mir fehlt die Kraft. Ich könnte Löcher hineinaschlagen, finde aber kein Werkzeug. In mir wächst der Unmut und Wut macht sich breit. Trauer umspült mich und Einsamkeit frisst mich auf. Ich suche nach Mitteln und suche nach Wegen. Ich möchte hier raus und suche die Welt. Und wenn ich ein Licht sehe, will ich ihm folgen. Ich stürze mich drauf und gehe ihm nach. Ich suche nach Werkzeug, will den Mauern entfliehen. Und dann finde ich es. Der Ausweg scheint nah.

Dann frage ich mich, was wohl hinter der Mauer ist und wie es sich anfühlt. Ich denke an alles, was war und nie mehr sein sollte. Ich sehe Gefahren und male sie aus. Sie sind in meinem Kopf und nehmen allen Raum ein. Sie weiten sich aus und sprengen mich fast. Die Angst wächst heran, meine Kraft geht dahin. Der Weg scheint unbegehbar, das  Werkzeug untauglich. Ich lege es weg und setze mich hin. Die Gefahr ist gebannt.

©Rainer Bald
©Rainer Bald

Für kurze Zeit fühle ich mich sicher und gut. Aufgehoben in meinen Mauern, gebildet als Schutz vor allem, was mich erwarten könnte, brächen sie ein. Als Schutz vor all den Schmerzen, die ich schon erfahren habe und nie mehr erleben möchte. Langsam kehrt Ruhe ein, das Leben ist so, wie ich es mag. Das Leben ist ruhig und ich kenne meinen Platz. Und ich sitze da und starre auf die Mauern. Und sie kommen näher und näher, bald drohen sie, mich zu erdrücken. Und ich fühle mich wieder eingeengt und ungeliebt. Niemand hat Platz in diesen Mauern, ich bin ganz alleine. Niemand kann mich lieben.  Niemand tut mir weh, niemand kann mir was anhaben. Nur ich mir selber. Und ich tue es durch diese Mauer.

Dieser Gastbeitrag von Martina wird im Rahmen der Blogger-Themen-Tage zum Thema Behinderungen, Medien und die Gesellschaft geschrieben. Ich möchte Martina an dieser Stelle für Ihre Offenheit danken, mit der sie ihren Weg mit uns teilt und für ihr Vertrauen, dass sie dies in meinem Blog tut. 

Im Gefängnis der Anderen

Damals als Kind habe ich gelernt auszuhalten, eine Fremde unter Fremden zu sein. Mit einer zweiten Haut habe ich nach außen Erwartungen entsprochen, mein Inneres habe ich verborgen und war auf der Suche. Auf der Suche nach dem, was für mich richtig war. Denn ich fühlte mich immer falsch.

Die Menschen um mich herum hatten ihre Maßstäbe, nach denen ich mich entwickeln sollte. Ob diese Maßstäbe mir angemessen waren, war nicht maßgeblich. Da ich in der Welt der anderen leben musste, bemühte ich mich darum, ihren Anforderungen zu entsprechen. Bis ich nicht mehr konnte. Ich wurde in meine Welt zurückgeschleudert, weil es in der Welt der anderen nicht wirklich einen Platz für mich gab.

Ich suchte weiter um einen Platz für mich, in meiner Welt. Das dauerte 13 Jahre. 13 Jahre, in denen ich auf die Unterstützung und Diagnosefähigkeit von Ärzten und Therapeuten angewiesen war. In denen ich von Amt zu Amt ging. Ich suchte und kämpfte immer weiter, weil der Eindruck in mir blieb, dass meine Welt in der Welt der anderen nicht wirklich ankam, sie mich nicht wirklich verstanden. Ich sah mich eingesperrt in ihren Aussagen, Diagnosen und Empfehlungen, die Teilbereiche von mir betrafen, aber mich nicht als ganzen Menschen wahrnahmen.

Dieses Gefängnis löste sich auf, als ich mit 46 Jahren die Diagnose „Asperger Syndrom“ erhielt. Ich bin ganz und ich bin frei, denn ich bin mir nicht mehr entfremdet.

Heute wünsche ich mir besonders für autistische Kinder, dass sie einen solchen Weg nicht mehr gehen müssen. Ich wünsche mir eine Welt, die als „unsere Welt“ bezeichnet wird. In der sich alle Menschen offen und unvoreingenommen begegnen können.

Die öffentliche Berichterstattung ist hier ein wichtiges Hilfsmittel. Aber solange es Berichte gibt, in denen autistische Menschen aufgrund von Vorurteilen, die auf oberflächlichen Teilkenntnissen beruhen, für eine gewinnbringende Schlagzeile benutzt werden, wird dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Solange werden wir immer wieder aufs Neue entfremdet, behindert und eingesperrt.

Deshalb bitte ich Berichterstatter, dass sie nicht nur Oberflächliches von sich geben, sondern bei ihrer Recherche wirklich suchen und nicht aufgeben, bis sie die Wahrheit mit gutem Gewissen veröffentlichen können.

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Das komplette Programm findet sich hier: Programm der Blogger-Themen-Tage

Eigentlich wollte ich mit diesen Worten beginnen: Ich will dich nicht mehr zerstören – denn ich will es wirklich nicht – kam aber zu dem Schluss, dass du das viel zu melodramatisch finden würdest. […] Denn ich will alles aufschreiben, damit ich es richtig verstehe. Dies ist eine Art Geständnis und es ist wichtig, bis in die Einzelheiten genau zu sein. Wenn ich fertig bin, will ich dir diese Aufzeichnungen vorlesen, Patrick, denn du kannst mir nicht mehr widersprechen.

Wir schreiben das Jahr 1999 und Marion hat beschlossen, Patrick bei sich aufzunehmen, nachdem dieser zwei Schlaganfälle hatte und nicht mehr für sich sorgen kann. Die beiden verbindet eine lange Geschichte, eine, die Marion nun aufschreiben will, eine Geschichte, die auch Marions Mann Tom betrifft.

Marion beschreibt ihre erste Begegnung mit Tom. Sie erinnert sich, wie sie über Jahre für ihn geschwärmt hatte, endlich von ihm wahrgenommen und schliesslich geheiratet wurde. Sie konnte ihr Glück kaum fassen damals. Sie erzählt von Unternehmungen mit Toms Freund Patrick, welche anfänglich zu dritt stattfanden, später mehrheitlich als Männerfreundschaft weiterliefen. In ihrem Rückblick schaut Marion endlich genau hin, beschreibt sachlich, nie anklagend, was passiert ist und wie sie selber zu lange die Augen verschlossen hat. Sie erklärt den menschlichen Hang, lieber nichts zu sehen, statt sich Tatsachen stellen zu müssen. Und sie beschreibt den Moment, an dem sie nicht mehr wegschauen konnte.

Es ist schon sehr spät und ich kann nicht schlafen. Dunkle Gedanken – böse Gedanken – treiben mich um. Ich habe immer wieder daran gedacht, den letzten Eintrag zu verbrennen. Aber ich kann nicht. Was sonst lässt ihn wirklich werden, ausser meinen Worten auf Papier? Da niemand sonst davon weiss, wie kann ich mich sonst von seiner tatsächlichen Existenz, von meinen tatsächlichen Gefühlen überzeugen?

Wir schreiben das Jahr 1957. Aus Patricks Tagebuch erfahren wir alles über sein erstes Treffen mit seinem Polizisten, welcher zugleich Marions Tom ist. Wir lesen von der Schwärmerei des älteren Patricks für den jungen Tom, welche der von Marion ähnlich ist. Wir lesen von den Gefühlen eines Mannes zu einem Mann, die im England dieser Zeit verpönt und verboten sind.

Und je mehr ich an ihn denke, desto weniger finde ich Gründe, warum wir nicht zusammen sein könnten. Je mehr ich an ihn denke, desto weniger erinnere ich mich an etwas, das falsch war oder schwierig. Alles, woran ich mich erinnere , ist, wie süss er war. Und das ist am schwersten zu ertragen.

In Der Liebhaber meines Mannes erleben wir die Geschichte von drei Menschen, die alle auf ihre Art Opfer ihrer Zeit geworden sind. Alle leiden sie unter den Normen der Gesellschaft und unter den Gesetzen, welche diese Normen sanktionieren. Die Gesellschaft bestimmt, wie eine Frau sein soll, welche Möglichkeiten sie im Leben hat und welchem Bild sie entsprechen soll und sie bestimmt, wer wen lieben darf und was als sittenwidrig und unnatürlich gilt.

Bethan Roberts gelingt es, in einer sehr feinfühligen Art die Geschichte dieser drei Menschen nachzuzeichnen. Sie präsentiert die Geschichte in den Worten von Marion, welche 1999 zurückblickt, und durch Patricks Tagebuch aus der Zeit der 50er Jahre. Tom ist sprachlos, er findet weder eigene Worte für das, was geschah noch findet er sie für die Gegenwart. Er ist nur die Figur, um welche Marion und Patrick drehen, quasi die Sonne in deren Universum. Strahlend ist dabei nur seine optische Schönheit, sein Wesen bleibt merkwürdig blass, er scheint nur als Projektionsfläche für zwei Menschen zu dienen, welche ihren Platz in der Gesellschaft suchen und Tom dazu brauchen.

Obwohl der Roman in meinen Augen etwas zu langsam und zu langgezogen anfängt, lässt er einen nicht mehr los. Bethan Roberts verzichtet auf Anklagen, auf sozialkritische und moralische Zeigefinger, sondern lässt die Figuren ihre Geschichte erzählen auf eine Weise, dass sie direkt ins Herz des Lesers trifft. Das Buch macht nachdenklich, wehmütig, ein wenig traurig auch. Das traurigste daran ist aber, dass es irgendwann zu Ende ist und man sich wünschte, man könnte noch lange weiter lesen.

Fazit:
Ein feinfühliger Roman mit viel Tiefe, Sensibilität, der ohne Kitsch und Schnörkel die Komplexität menschlicher Beziehungen beschreibt. Berührend, zum Nachdenken animierend, einnehmend. Sehr empfehlenswert.

Bethan Roberts
Bethan Roberts ist 1973 in Oxford geboren und wuchs in Abingdon auf. Nach einem Master in kreativem Schreiben an der Chichester Universität arbeitete sie unter anderem als Autorin und Produktionsassistentin beim Fernsehen und unterrichtete selber kreatives Schreiben. Bethan Roberts wohnt mit ihrer Familie in Brighton. Von ihr erschienen sind auch Stille Wasser (2008) und Köchin für einen Sommer (2009).

robertsliebhaberAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 365 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (12. Februar 2013)
Übersetzung: Astrid Gravert

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Das Leben zieht an einem vorbei, man sieht die alltäglichen Kleinigkeiten des Seins, wird müde dabei. Man folgt den ausgetretenen Pfaden, täglich, wöchentlich, monatlich, jährlich gleich. Ab und an durchbrochen durch herausragende Momente trauriger oder schöner Natur. Immer wieder zurückkehrend in denselben Trott. Hat der Trott die Sicherheit der Kontinuität, so hat er auch den zerstörenden Charakter für das Leben, das Lebendige in einem.

Man gibt nicht auf, spürt in sich den Willen, weiter zu gehen. Will den Tag, die Woche, die Monate und Jahre bezwingen, tief drin wissend, dass noch mehr da ist, es noch mehr gibt – geben könnte auch für einen selber. Ab und an, da sieht man es, spürt es förmlich. Sieht all die Möglichkeiten, die es zu ergreifen gäbe, wären nur die Arme lang genug. Und ab und an stellt man sich vor, sie wären es, spürt sie wachsen gar. Und merkt dann, dass es doch nicht so einfach ist, Arme selten wachsen und wenn, Ziele sich ändern oder gar verschwinden. Und so geht der Trott von Neuem los. Und man geht weiter in den ausgetretenen Pfaden, ab und an dankbar, sie zu haben, dann wieder müde von dem stetigen Gehen.

Freddie Mercury sang „I want to break free“ und ich kann ihm so gut nachfühlen. Wenn immer ich mich eingeengt fühle, von aussen Druck oder Ketten spüre, kommt in mir erst langsam, dann immer deutlicher der Wunsch, auszubrechen, frei zu sein, alles hinter mir zu lassen, nach vorne zu stürmen. Der Käfig, der so einengt, wird schnell zu eng, fängt an zu erdrücken, bis ich es kaum noch aushalte, tobe, schreie, zapple, um irgendwie raus zu kommen.

Ich mag meinen Alltag, wie ich ihn mir gestalte. Termine, Einflüsse von aussen, Ferien, sonstige Störungen sind da höchst unwillkommen. Sie reissen mich aus meinem für mich stimmenden und passenden Rhythmus und bringen Unruhe, die mir nicht gefällt. Während andere Spannung, Hektik, Abwechslung zu suchen scheinen, bin ich darum bemüht, mein tägliches Einerlei zu bewahren und zu schützen. Ich versuche der Abwechslung zu entkommen und so viel Alltag wie möglich zu retten.

Ich bin in meinem Leben oft umgezogen. Widerspricht das meinem Hang zum ewig Gleichen? Nur auf den ersten Blick: Die Umzüge sind nicht wirklich Veränderung. Ich verbessere damit (vermeintlich?) nur meine Umgebung, bewahre aber überall, wo ich bin, meinen selbst gewählten Rhythmus. Ich ziehe nicht wirklich gerne um, fürchte vorher auch, dass es zu viel Veränderung mit sich bringen könnte. Denke dann aber, dass der neue Ort Vorteile bringt, die der alte nicht hatte, und gehe, um dann wieder in meinen mir passenden Rhythmus zu fallen. Ich selber strebe die Veränderung im Aussen an, in der Hoffnung, im Inneren noch zufriedener meinen eigenen Rhythmus leben zu können.

Was ist Freiheit? Freiheit ist grob gesagt, wenn man frei von (äusseren wie inneren) Zwängen sein Leben führen kann, wie man es gerne möchte. Eingeschränkt wird diese Freiheit durch die Freiheit des Nächsten, die man durch die eigene nicht tangieren sollte. Nun scheint es, dass ich sehr nach Freiheit strebe, mir selber aber durch diesen sehr gewollten alltäglichen Tramp Ketten auferlege, die mich im spontanen Sein zurückbinden. Diese Ketten ertrage ich deshalb gut, da sie meinen eigenen Bedürfnissen entspringen, von mir gewollt, fast schon gebraucht sind, um mich wohl zu fühlen. Die von aussen auferlegten Ketten sind jedoch Ballast; sie entfernen mich von mir selber, behindern mich im Ausleben dessen, was ich für mich als essentiell empfinde: Mein Leben so zu gestalten, dass es sich für mich gut anfühlt und das an einem Ort, der dies unterstützt.

Die vielen Umzüge der letzten Jahre haben die Ahnung wachsen lassen, dass es wohl keinen Ort gibt, der alles in sich vereint. Irgendetwas fehlt immer, irgendetwas ist immer gut und gewollt, so dass es einem fehlt, wenn man den Ort wechselt. Dies wissend kann man sich irgendwann denken, dass man auch da bleiben kann, wo man ist, da meistens vieles gut ist, man hatte sich mal mit guten Argumenten für den Ort entschieden. Würde man ihn wechseln, fehlte genau das, was letztes Mal für diesen Ort gesprochen hat.

Das ist die rational-sachliche Lösung. Emotional gehen ab und an die Pferde durch, die hadern, zaudern, hoffen, wünschen. Die Pferde, die das Joch loswerden wollen, um frei durch die Prärie galoppieren zu können, neue Felder, neue Stätten aufzusuchen. Zwar sagt ihnen eine leise Stimme: Du wirst dich da auch bald so fühlen, wie du dich hier nun fühlst. Und doch möchten sie galoppieren , der Freiheit entgegen, frei wie der Wind, mit Elan, so lebendig.