Fast 70 Jahre sind vergangen seit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Traurige Opferbilanz dieses Krieges waren geschätzte sechs Millionen Juden, Sinti, Roma und alle, die dem nationalsozialistischen System nicht genehm oder wohlgesinnt waren. Neben dieser immensen Zahl gibt es eine grosse Zahl von Mitbetroffenen, von Überlebenden, die Zeit ihres Lebens gezeichnet und geprägt sind durch diese Ereignisse.

Immer wieder werden Rufe nach einem Schlussstrich laut. Es müsse auch mal gut sein, man solle wieder nach vorne schauen. Man wolle nichts mehr von Schuld und Wiedergutmachung hören, die Last der Vergangenheit ablegen. Begreiflich, denn sie drückt – auf allen Seiten. Und doch kann man sie nicht einfach abstreifen wie eine abgestorbene Haut. Sie ist da und sie hat ihre Äste bis in die heutige Zeit ausgestreckt, wirkt noch immer nach. Noch immer gibt es Überlebende, die Zeugen dieses historischen Unrechts waren. Noch immer gibt es Menschen, in denen die Erinnerung daran nachwirkt. Und wenn sie alle gestorben sind, lebt die Geschichte in ihren Nachkommen weiter. Eine Vergangenheit, die nie vergeht, nie vergehen soll und darf.

Ein Unrecht, das so gross war wie die systematische Vernichtung von als unwerte Menschen Betrachteten darf nicht einfach vergessen werden. Nicht nur hat der Zweite Weltkrieg mit seinen Todesmaschinerien eine Grössenordnung und Systematik angenommen, die selten ist, er hat durch seine Grössenordnung auch innerhalb Europas, sogar darüber hinaus, neue Weichen gesetzt. Völkermord wurde definiert (vor kam er schon früher, man denke an Armenien), Menschenrechte formuliert und verabschiedet, Konventionen ins Leben gerufen. Die nationalen Gesetze wurden um Grundrechte erweitert, die dabei helfen sollten, Menschengruppen nicht mehr solchen vereinheitlichenden Verurteilungen und Unterdrückungen auszusetzen.

Perfekt ist die Welt nicht geworden, vieles wurde auch wieder vergessen. Manche möchten heute lieber schweigen, manche nicht mehr dran denken, was mal war. Man hat genug gebüsst, man hat genug gedacht. Einige streiten sogar ab, dass überhaupt mal was war, sie leugnen schlicht die Vergangenheit. In meinen Augen ein Schritt zurück und die Weiterführung der Taten damals. Wenn wir nicht mehr erinnern, was war, töten wir die Menschen ein zweites Mal, denn wenn sie auch in der Erinnerung ausgelöscht sind, haben diese quasi nie existiert. Ein Verschweigen dessen, was damals war kommt einem erneuten Unrecht gleich. Man nimmt einem Volk seine Identität, die zu einem grossen Teil auch aus diesem historischen Unrecht besteht. Geschichte ist immer Basis der personalen sowie der kollektiven Identität. Die Geschichte zu verschweigen oder gar zu verleugnen greift genau diese Identität und damit den Kern des Menschen und dessen Zugehörigkeit an.

Ein Tag, sich all dessen wieder bewusst zu werden. Und es im Bewusstsein zu behalten.

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Vgl. dazu auch Moralische und rechtliche Folgen von Genozidleugnung