Die heutige Welt zeigt sich gerne gerecht und offen für die Bedürfnisse der sogenannten Minderheiten und Schwächeren. Von Integration ist die Rede, von gleichen Möglichkeiten und Ausrottung von Diskriminierung und Herabwürdigung. Das sind gut gemeinte Ansätze, die aus einer ungerechten Welt eine gerechtere machen wollen. 

Es ist sicherlich sinnvoll, in realen Schritten hin zum Besseren zu schreiten, doch gelingt nicht mal das, wenn man die Begrifflichkeiten zu unsensibel wählt, nicht genau hinschaut, was man überhaupt versucht, wenn man etwas angeht. 

Nehmen wir das Thema Behinderung. Ich schrieb schon einmal darüber. 

Sicher ist es gut und wichtig, auf die Bedürfnisse und Ansprüche von Behinderten immer und immer wieder hinzuweisen. Behinderte sind immer noch Menschen in der zweiten Reihe. Zwar bemüht man, sie zu integrieren, versucht, die Möglichkeiten theoretisch zu verbessern. Die Realität ist noch weit von einer Gleichbehandlung und Gleichberechtigung entfernt. Gerechtigkeit eine Utopie in weiter Ferne scheinend. Das wird nicht ändern, wenn man nicht weiter Energie hinein steckt, da etwas zu ändern. Einen Versuch startet gerade im Blog quergedachtes mit seinem neusten Artikel „Ein #RufnachInklusion zum Umgang der Medien mit der Thematik Behinderung„.

Mich interessiert bei dieser Thematik nicht die Integration, denn ich denke, in dem Wort steckt schon eine Zweiklassengesellschaft: Es impliziert, dass wir eine normale Welt haben und und in diese nun die anderen integrieren. Mich interessiert eine Welt, in der Menschen verschiedener Möglichkeiten und Fähigkeiten zusammen eine Welt gestalten für Menschen mit verschiedenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. 

Klar mag es nachher ein wenig besser sein als jetzt. Klar stehen den heute Behinderten dann vielleicht Möglichkeiten offen, die ihnen heute verschlossen sind. Dabei bleibt irgendwie der Beigeschmack, dass dies aufgrund von Goodwill der Normalen zu ihren Gunsten passierte. Sie sind die Objekte im Handeln der „Normalen“. So lange diese Konnotationen in den Lösungsansätzen bestehen, wird in der Praxis von wirklicher Gleichberechtigung und Gerechtigkeit noch lange nicht die Rede sein können. 

Die Gesellschaftsvertragstheorie erklärt die Legitimation des Staates. Herrschte ursprünglich der Naturzustand mit einem Recht aller auf alles, welches so gesehen ein Recht auf nichts war, stellte der Staat Regeln des Miteinander auf, die dem Individuum zwar die absolute Freiheit nahm, ihm aber eine bürgerliche Freiheit sowie Schutz von Leben und Eigentum zusicherte. John Rawls erarbeitet in seinem Werk „Theorie der Gerechtigkeit“ folgende Grundsätze eines gerechten Staates:

Erster Grundsatz

Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist.

Zweiter Grundsatz

Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein:

(a)  sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und

(b)  sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offenstehen.[1]

Andere Gerechtigkeitstheorien greifen die Gedanken Rawls auf. Aufgabe des Staates in einer Demokratie ist es, allen die gleichen Rechte zu gewähren. Jeder muss die Chance haben, in Ämter gewählt zu werden und muss vor dem Gericht gleich behandelt werden. Zudem sollen Minderheiten geschützt werden und die Armen der Gesellschaft mitgetragen – soziale Gerechtigkeit. Diese soziale Gerechtigkeit versteht sich immer als Gerechtigkeit auf staatlicher Ebene. Sie setzt da ein, wo die Menschen im Staate stehen. So gesehen behandeln wir hier eine künstliche Gerechtigkeit, insofern sie einer natürlichen Gerechtigkeit gegenüber steht. Was wäre eine natürliche Gerechtigkeit in Analogie zur künstlichen? Es wäre die Gleichverteilung der natürlichen Anlagen in jedem Menschen. Nun liegt auf der Hand, dass dies weder zu beeinflussen ist noch von der Natur vorgesehen oder gar verwirklichst. Menschen kommen mit verschiedenen Anlagen und damit auch mit verschiedenen Entfaltungsmöglichkeiten zur Welt. Diese Verschiedenheit prägt denn auch den Weg, den sie im Leben gehen und damit massgeblich, nicht immer linear und unausweichlich, so doch mit grosser Wahrscheinlichkeit, wo sie im Staat stehen.

Betrachten wir noch einmal die Gesellschaftsvertragstheorie, so zeigt sich, dass es dabei (auch) darum ging, das Recht des Stärkeren zu Gunsten von gleichen Rechten für alle auszuhebeln. Anhand von staatlicher Sicherung von Leib und Leben sollte auch der Schwächere sicher leben können in der Gemeinschaft. Bei Lichte betrachtet hat man die Ungerechtigkeit damit nur verschoben. Man hat die Körperkraft durch Geisteskraft ersetzt. Der geistig stärkere hat in der heutigen Welt die besseren Möglichkeiten, eine höhere Position zu erlangen, weil er die höheren Bildungswege beschreiten kann. So wird er in den meisten Fällen ein höheres Einkommen erzielen, hat  meistens das höhere Ansehen innerhalb der Gesellschaft und damit auch eine bessere Stellung.

Die Argumentation, das sei eine naturgegebene Ungerechtigkeit, die man nicht beeinflussen kann, stimmt nur teilweise. Die natürliche Verteilung von Fähigkeiten und Anlagen können wir in der Tat nicht beeinflussen, wohl aber unseren Umgang damit. Stellen wir uns vor, wir wollen ein Haus bauen. Wir haben zwei Freunde, der eine Architekt, der andere Maurer. Wir beauftragen beide damit, das Haus für uns zu erstellen. Das Haus würde nie stehen, wäre der Maurer nicht da. Der Architekt hätte weder die Kraft, die Steine aufeinander zu beigen in stundenlanger Knochenarbeit, noch die nötige Ausbildung, sie so zu verbinden, dass sie auch halten. Der Maurer wiederum hätte nicht das Wissen, die Statik so zu berechnen, dass die Mauern am Schluss das Dach tragen. Wir brauchen beide für unser Haus. Der Unterschied liegt darin, dass der Architekt in der Berufshierarchie höher steht, das höhere Gehalt erhält, der Maurer tiefer mit niedrigerem Gehalt. Ist das fair?

Man kann argumentieren, der Architekt hätte längere Ausbildungswege gehabt, man könne nichts dafür, dass dem Maurer diese verschlossen waren. Unterm Strich bleibt dasselbe: Die beiden mögen von der Natur unterschiedliche Anlagen gehabt haben, der eine mehr Körperkraft, der andere mehr Geisteskraft. Wer will das werten? Wieso werten wir hier? Beide haben ihre Fähigkeiten voll ausgenutzt, sind ihren ihnen möglichen Weg gegangen und bringen das in die Gesellschaft ein, was sie einbringen können. Wieso ist die Leistung des einen mehr wert als die des anderen?

In meinen Augen krankt hier das System. Wir teilen Menschen nach ihren von uns und unseren Massstäben bewerteten Fähigkeiten in Schubladen ein, die einen tiefer, die anderen höher. Und setzen erst dann die Gerechtigkeit an, indem wir versuchen, diese Schubladen so zu bedienen, dass am Schluss alle geölt laufen, keine klemmt und zu bleibt.


[1] Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit