Das geheime Kriegstagebuch des Erich Kästner

KästnerBlau1933 wurde Erich Kästner von den Nationalsozialisten als Autor verboten. Trotzdem blieb er als einer der wenigen prominenten und intellektuellen Gegner des Systems in Deutschland, sicherte sich sein finanzielles Überleben durch schreiben unter Pseudonym, entstanden sind in der Zeit einige Drehbücher zu unterhaltsamen Komödien. Dass ein kritischer Geist wie Kästner aber nicht einfach zuschaut, ohne sich Gedanken zu machen, liegt auf der Hand. Zwar konnte er diese nicht mehr schriftlich unter die Leute bringen, aber er hielt sie in einem blauen Buch fest.

„Der Entschluss ist gefasst. Ich werde ab heute wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags aufzeichnen. Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht und auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.“

Kästner hütete das kleine Buch wie seinen Augapfel, schrieb oft auch stenografisch, damit das Entziffern des Geschriebenen nicht so leicht fiele, sollten es in falsche Hände geraten. So entstand zwischen 1941 bis zum Kriegsende ein Buch mit persönlichen Aufzeichnungen Kästners zu den Ereignissen an der Front in Berlin sowie zum Kriegsgeschehen allgemein. Auch Kneipenwitze, Zeitungsmeldungen und der Alltag der Zivilisten fanden Eingang in das blaue Buch, wurden von Kästner wiedergegeben und kommentiert. Der Tonfall reicht dabei von deprimiert bis hin zu bissig und böse.

Das Blaue Buch ist nun als geschmackvoll gestaltetes Buch mit vielen erklärenden Anmerkungen im Atrium Verlag erschienen. Es stellt sich die Frage, wieso Kästner seine Aufzeichnungen nicht selber in Buchform publizieren wollte, als der Krieg vorbei war. Ein Grund dafür mag sein, dass man sich gleich nach Kriegsende mit der Erinnerungskultur noch eher schwer tat. Es mussten einige Jahre vergehen, bis diese sich ausbreitete und auch Gehör fand. Dass dieses doch sehr persönliche Werk nun doch noch seinen Weg zum Publikum findet, ist eine Bereicherung, da es einen sehr direkten, eindringlichen und kritischen Blick auf das Kriegsgeschehen des Zweiten Weltkrieges präsentiert.

Fazit:
Ein persönliches, informatives, eindrückliches ab und an auch humorvolles Buch eines kritischen Geistes. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren und starb 1974 in München. Der Schriftsteller, Satiriker, Dramatiker und nicht zuletzt Autor der berühmten Kinderklassiker ›Das doppelte Lottchen‹, ›Das fliegende Klassenzimmer‹, ›Pünktchen und Anton‹, ›Emil und die Detektive‹ und ›Die Konferenz der Tiere‹ wurde mit zahlreichen Preisen bedacht (u.a. mit dem Büchner-Preis und der Hans-Christian Andersen-Medaille).

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.« Marcel Reich-Ranicki

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 405 Seiten
Verlag: Atrium Verlag AG (9. Februar 2018)
ISBN-Nr.: 978-3855350193
Preis: EUR 32 / CHF 44.90

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Reisen mit Erich Kästner

Fahrt in die Welt
Seltsam ist’s mit einem Schiff zu fahren,
das sich abschiedsschwer vom Ufer trennt.
Jenes Land, in dem wir glücklich waren,
wird ein Strich am Firmament.

Lange stehen wir an Bord und winken,
bis die Heimat wie ein Traum vergeht.
Muss das Alte immer erst versinken,
ehe Neues aufersteht?

Doch dann schauen wir nicht mehr zurück.
Unbekannte Ufer werden kommen
und vielleicht ein unbekanntes Glück.
Und das Herz ist fast beklommen.

Und wir freuen uns am Wunderbaren,
und wir reisen gern durch neue Meere.
Herrlich ist es, in die Welt zu fahren,
wenn nur nicht das Heimweh wäre!

Erich Kästner reiste gerne und er reiste vor allem gerne mit dem Zug. In der Eisenbahn kam er schnell vorwärts und konnte dabei den Menschen um sich beim Reisen zuschauen, aber auch in sich selber gehen und das eigene Reisen hinterfragen. Er reiste selten alleine, oft waren Freundinnen dabei oder aber die Mutter. Immer plante er dabei die Reisen sorgfältig, Abenteuer überliess er lieber seinen Romanfiguren wie zum Beispiel dem Amfortas Kluge, welcher in den Kongo will und am Nordpol landet.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen
(vorausgesetzt, dass es ihn gibt),
den lässt er in ein Seebad reisen,
besonders wenn er die Berge liebt.

Im vorliegenden Buch hat die Herausgeberin Sylvia List Texte Kästners vereint, die alle eines gemeinsam haben: Das Thema Reisen. Es finden sich Gedichte sowie kurze Reiseanekdoten, welche vom Scharfblick und der spitzen Zunge ihres Autors zeugen.

Sie schmorten zu Tausenden in der Sonne, als sei die Herde schon geschlachtet und läge in einer riesigen Bratpfanne. Manchmal drehten sie sich um. wie freiwillige Koteletts.

Neben diesen wunderbaren Metaphern finden sich Anleitungen zum Schreiben von Reiseberichten, Gedanken dazu, wie einer überhaupt zu reisen hätte, was er an Garderobe einpacken nicht versäumen dürfe, welches Verhalten auf Reisen angebracht ist sowie Gedanken darüber, was Reisen bedeutet.

Reisen fördert die Völkerversöhnung. […] Die Touristen sind Kriegsgegner; sie bilden einen unsichtbaren Völkerbund.

Entstanden ist ein wunderbares Lesebuch, das Einblicke in das Denken, Schreiben und Dichten des Autors Erich Kästner gewährt und Lust auf mehr macht, zumal neben den Gedichten und kurzen Texten auch Auszüge aus Kästners Roman Fabian in diesem Buch enthalten sind.

Fazit:
Ein wunderbares Buch zum Reisen, das Erich Kästner in all seinen Eigenheiten, seinem Sprachwitz, seinem Scharfblick sowie seiner Erzählgabe sichtbar macht. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Herausgeberin
Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren und starb 1974 in München. Der Schriftsteller, Satiriker, Dramatiker und nicht zuletzt Autor der berühmten Kinderklassiker ›Das doppelte Lottchen‹, ›Das fliegende Klassenzimmer‹, ›Pünktchen und Anton‹, ›Emil und die Detektive‹ und ›Die Konferenz der Tiere‹ wurde mit zahlreichen Preisen bedacht (u.a. mit dem Büchner-Preis und der Hans-Christian Andersen-Medaille).

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.« Marcel Reich-Ranicki

Sylvia List ist Slavistin, war lange Jahre Lektorin und arbeitet derzeit als freie Übersetzerin und Herausgeberin in München.

Angaben zum Buch:
KästnerReisenTaschenbuch:176 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Mai 2014)
ISBN-Nr.: 978-3-423-14313-4
Preis: EUR 8.90 / CHF 12.90
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Keiner blickt dir hinter das Gesicht

Eines Tages fällt ihm plötzlich auf,
dass er seit drei jahren nicht mehr lachte.
Und nun prüft er seinen Lebenslauf,
was er denn inzwischen machte.[1]

HanuschekKästnerWer war er, der Mann, der die berühmten Kinderbücher Emil und die Detektive, das Fliegende Klassenzimmer oder Pünktchen und Anton schrieb? Wer steckt hinter den bissigen und doch auch melancholischen Gedichten? Wer hinter den gesellschaftskritischen Romanen?

Sven Hanuschek macht sich auf die Reise, den Schriftsteller und Menschen Erich Kästner kennenzulernen. Er hat nicht viele Zeugnisse des Autoren selber, da sich Erich Kästner zeitlebens eher bedeckt hielt. Er gestaltet sein Bild anhand der vielen Briefe Kästners an seine Mutter, analysiert die Texte und ordnet sie in die Entstehungszeit und –situation ein. So entsteht das Bild eines Menschen, der von klein auf kein einfaches Leben hatte, der erst unter dem Druck einer überstrengen und besorgten, aber auch ambitionierten Mutter stand, vor dem er in die Literatur, ins lesen flüchtete,

Ich las und las und las – kein Buchstabe war vor mir sicher.

der auf ihren Wunsch hin erst Lehrer werden soll, dann aber mehr will und sich für ein Studium der Germanistik entscheidet, das er in Leipzig aufnimmt. Schon da schreibt er Kritiken für die Zeitung, etwas, das er lange aufrechterhalten wird.

Kästner liebt Bars und Cafés, in ihnen schreibt er, in ihnen lernt er aber auch die Menschen kennen, die später seine Romane bevölkern. Es sind oft Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen, die mit dem System nicht klar kommen. Auch Kästner kam mit vielem nicht klar. Unter Hitler wird das besonders deutlich, da er einer der verbrannten Autoren ist – er wohnt der Verbrennung seiner Bücher als einziger Autor bei. Er wird nie emigrieren, sich aber später immer fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, es zu tun.

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.[2]

Neben dem Schreiben sind noch seine Liebschaften und Beziehungen zu erwähnen. Kästner kann sich nicht auf eine Frau festlegen, zeitweise hat er 4 Verhältnisse gleichzeitig. Luiselotte Enderle ist die Frau, mit der er am längsten zusammen war – die Gründe dafür sind vielfältig. Sie ist es auch, die das Bild, das man von Erich Kästner hatte und oft noch hat, nachhaltig prägte, war sie doch seine erste Biografin und später auch Hüterin über Leben und Werk, welches sie nach eigenem Gutdünken zensierte und durch selektive Auswahl steuerte.

Sven Hanuschek besticht durch eine objektive, nie verurteilende, aber auch nicht verklärende Sicht auf Erich Kästner. Er geht den Weg durch das Leben Kästners chronologisch, flicht dessen Schreiben mal ausführlicher mit Inhalt und Rezeption, mal nur am Rande hinein. Entstanden ist so ein wunderbares Buch, das dem Moralisten und Dichter, dem Menschen und Schriftsteller Erich Kästner gerecht wird.

Fazit:
Ein muss für jeden Kästner-Fan, ein wunderbares Buch über einen spannenden Menschen, geschrieben mit viel Hintergrundwissen und trotzdem leicht zu lesen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Sven Hanuschek
Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 494 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag (Neuauflage 24. Mai 2017)
ISBN-Nr.: 978-3446257160
Preis: EUR 28 / CHF 36.90
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[1] „Ganz vergebliches Gelächter“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel
[2] „Sachliche Romanze“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel

Die Geschichte eines Moralisten

Der Moralist, der nicht im trüben Wasser schwimmen konnte

Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karrikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das Äusserste, was er vermag. […]

Sein angestammter Platz ist und bleibt der verlorene Posten. Ihn füllt er, so gut er kann, aus. Sein Wahlspruch hiess immer und heisst auch jetzt: Dennoch!

Inhalt
Fabian, ein am Leben pessimistischer Moralist hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, lernt das Leben und die Menschen mit all ihren Facetten kennen und sieht das eigene Land langsam untergehen. An ein eigenes Glück oder Liebe gar glaubt er nicht, bis er eines Tages Cornelia kennenlernt und mit ihr die glücklichste Zeit seines Lebens erlebt. Hatte er bislang doch alles zu schwarz gesehen?

Zusammenfassung
KästnerFabianFabian, Dr. der Germanistik und zweiunddreissig Jahre alt, hält sich finanziell mehr schlecht als recht in abwechselnden Jobs über Wasser. In seiner Freizeit treibt er sich in zweifelhaften Etablissements herum, trinkt mit befreundeten Journalisten eines über den Durst, hat Liebschaften und diskutiert mit seinem Freund Labude über die pessimistischen Aussichten für Deutschland und Europa.
Fabian glaubt nicht an das Glück, er glaubt nicht an die Liebe, bis er Cornelia trifft und sich verliebt. Nach ein paar Tagen glücklichen Daseins verliert er seine Stelle. Einerseits für die eigene Karriere, andererseits, um ihm zu helfen, lässt sich Cornelia mit einem Filmmagnaten ein – einmal mehr ist Fabians Unglück besiegelt.

Nachdem sich auch noch sein bester Freund Labude umgebracht hat – aufgrund eines als Witz getarnten Missverständnisses – sieht Fabian seine Zeit in Berlin beendet. Er geht nach Hause ins Dorf seiner Eltern, lebt eine Weile in bleierner Langeweile, lehnt eine ihm angebotene Stelle bei einem rechten Blatt ab und plant eine Auszeit in den Bergen. So weit soll es nicht mehr kommen:

Plötzlich sah er, dass ein kleiner Junge auf dem steinernen Brückengeländer balancierte. Fabian beschlenigte seine Schritte, Er rannte. Da schwankte der Junge, stiess einen gellenden Schrei aus, sank in die Knie, warf die Arme in die Luft und stürzte vom Geländer hintuner in den Fluss.
[…]
Fabian […]zog die Jacke aus und sprang, das Kind zu retten, hinterher. […] Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.

Beurteilung
Fabian. Die Geschichte eines Moralisten ist eine brillante Satire auf die deutsche, speziell die Berliner Gesellschaft der späten Zwanzigerjahre, die Zeit der Wirtschaftskrise. Fabian ist ein scharfer Beobachter des Lebens um ihn herum. Er bewegt sich in den verschiedenen Milieus, oft am Rande der Gesellschaft, und sieht da hinter die Masken der herrschenden Doppelmoral.

Kästner wollte warnen, als er dieses Buch schrieb. Er wollte vor dem Abgrund warnen, auf welchen er Deutschland und Europa zuschreiten sah. Es ist – wie seine in der gleichen Zeit entstandenen Gedichte – der sogenannten „neuen Sachlichkeit“ zuzuschreiben, die Figuren und die einzelnen Szenen sind nicht Abbilder, sie sind Zerrbilder. Sowohl die Laster wie auch die Tugenden werden durch Erhöhungen überzeichnet und so in einer Komik dargestellt, die einerseits zum Schmunzeln anregt, andererseits aber auch genauer hinschauen lässt.

Das schnelle Tempo, die rasch wechselnden Szenen, die einfachen Sätze und der überall vorherrschende Sprachwitz geben dem Roman eine Dynamik, die Schnoddrigkeit, Ironie und Schlagfertigkeit in den einzelnen Dialogen ziehen den Leser in die Geschichte hinein, lassen diese lebendig wirken.

Fazit:
Ein wunderbar tiefgründiges, satirisches, witziges Buch, das durch Lebendigkeit der Sprache, Witz und Ironie besticht. Eine brillante Mischung aus ernstem Anliegen und humorvoller Umsetzung. Eine absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
Erich Kästner
Als die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Bücher und Bilder unliebsamer Künstler verbrannten, waren auch Werke von Erich Kästner darunter. Seine zeitkritischen und satirischen Texte hatten ihn in Ungnade fallen lassen. Der am 23. Februar 1899 in Dresden geborene Journalist und Schriftsteller lebte und arbeitete weiter in Berlin und publizierte im Ausland. Die Gedichtbände „Herz auf Taille“ und „Lärm im Spiegel“ erschienen 1928 und 1929, ebenso sein bekanntestes Kinderbuch „Emil und die Detektive“. Nach dem Krieg lebte Kästner in München und rechnete als Mitglied der „Schaubude“ sowie in seinen Hörspielen und Liedern mit den Nazis ab. Er starb am 29. Juli 1974 in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Atrium Zürich (5. Mai 2017)
ISBN: 978-3038820086
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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