Und als sie so da sass, erschien  ihr plötzlich ein Engel und sagte ihr, er sei hier, um sie zu holen. Sie schaute ihn ungläubig an, konnte zwar hören, was er sagte, verstehen, was er meinte, aber nicht glauben, dass es real sei.

„Was meinst du damit: Mich holen?“

Der Engel blickte sie an und sagte: „Du wolltest doch hier weg. Also komm mit mir, ich hole dich hier raus und bringe dich an einen schöneren Ort.“

Sie überlegte kurz. Er hatte recht, es gab nichts, was sie lieber wollte als raus. Raus aus all den Mauern, raus aus all den Zwängen, den Ängsten und raus aus all den Nöten. Aber sollte es wirklich möglich sein, dies alles hinter sich zu lassen? Gab es eine Welt, in der diese Mauern, Zwänge, Ängste und Nöte nicht mehr da wären? Eine Welt, die besser wäre als die, welche sie kannte? Sie hatte in der Vergangenheit Stück für Stück den Glauben an eine solche Möglichkeit verloren.

„Wo bringst du mich hin? Was wird mich da erwarten? Ist das nicht alles ein Luftschloss und am Schluss sitze ich einfach an einem anderen Ort und alles ist genau gleich, wie es hier auch war? Vielleicht noch schlimmer?“

Der Engel schaute sie traurig an: „Du musst mir schon vertrauen. Ich weiss, was du willst und ich will es dir ermöglichen. Ich will, dass du glücklich bist, endlich leben kannst, was du leben willst. Ich möchte, dass du frei bist und ich werde dir diese Freiheit schenken. Weit ab von all den Mauern, Zwängen, Ängsten und Nöten.

Sie schaute ihn staunend an. Woher kannte er ihre Gedanken? Woher wusste er, was sie hier und jetzt als  so ermüdend, so zermürbend, so niederschlagend empfand?

„Du fragst dich wohl, wieso ich weiss, was in dir vorgeht, wieso ich deine Gedanken kenne. Ich kann fühlen, was du fühlst und ich weiss, was du willst. Darum weiss ich auch, dass der Ort, an den ich dich bringen will, dir das bringst, was du dir wünschst.“

Sie hatte nun genau zwei Chancen. Sie konnte bleiben, wo sie war. Zwar war sie nicht glücklich und wollte eigentlich weg, hatte aber bislang nie gedacht, dass es einen Weg gäbe und dass er gangbar wäre. Sie hatte sich fast schon damit abgefunden, dass dies ihr Leben sein würde, kein glückliches, aber ein vorhersehbares – mit seinen Nöten, Zwängen und allen Mauern. Trotzdem war es das, was sie kannte und diese Kenntnis verlieh diesem Leben ein Stück Sicherheit. Die andere Möglichkeit war, sie packte die Hand des Engels, vertraute auf ihn und liesse sich leiten.

Und da sitzt sie noch heute und weiss nicht, was sie machen soll. Mittlerweile fiel dem Engel der Arm ab vom ewigen ausstrecken, die Stimme wurde heiser, vom ständigen überzeugen wollen und sie hatte Kopfweh vom Abwägen der Argumente dafür und dagegen. Ein Happy End sähe wohl anders aus, aber das ist schliesslich die Realität.

Vor zwei Monaten starb meine über alles geliebte Katze. Die Trauer schon während seines Leidens war enorm, nach seinem Tod taten sich ganze Trauertäler, Schluchten gar auf. Das Weinen wollte kein Ende nehmen, an Essen war nicht zu denken, Schlaf fand ich keinen mehr. Langsam kam der Alltag wieder näher, die sonst üblichen Dinge gingen wieder. Nur ab und an kamen Einbrüche, Wasser floss, in Bächen. Versiegten, bis sie wieder kamen.

Es gibt den Spruch „Das Leben geht weiter.“ Im ersten Moment nervt er, man denkt: Was wissen die denn, die solchen Mist erzählen? Dass das Leben weiter geht, ist klar, aber wie… das ist die Frage. Und dann heisst es „Die Zeit heilt alle Wunden“. Und man denkt wieder: Was wollen die mir erzählen, schweigen sollen sie, haben keine Ahnung. Und irgendwann sitzt man da, die Tränen sind getrocknet, der Alltag ist wieder normal. Man sieht den fehlenden Teil des Lebens nicht mehr auf jedem Stuhl, auf jedem Sofa. Denkt nicht mehr bei jeder Handlung, was gerade passiert wäre, wäre der Abwesende noch da.

Plötzlich kommt der Gedanke: Tue ich ihm unrecht? Habe ich zu schnell vergessen, was war? Trauere ich zu wenig nach so kurzer Zeit schon? Müsste ich ihn mehr präsent halten? Klar ist er immer präsent, der Name fällt sicher täglich mal. Und doch – es ist so weit weg alles. Jetzt schon. Ist das fair? Dieser Kater hat mich getragen durch 8 Jahre, die alles andere als einfach waren. Er hat mich aufgefangen im Leid, hat mir Kraft gegeben im Schmerz, hat getröstet bei Trauer. Und nun ist einfach Alltag ohne ihn. Darf das sein?

Was wäre die Alternative? Tägliche Tränen, Trauer? Nie mehr zum Alltag zurückfinden? Was wäre der angemessene Trauerrahmen? Wie trauert man richtig? Was muss man tun? Bin ich herzlos? Ich habe keine Antwort. Es ist in meinem Leben der zweite Todesfall, der mir wirklich nah ging. Der erste war eine grosse Liebe. Mein Kater war eine ebensolche. Mensch, Tier… die Nähe ist es wohl, die zählt und näher als mein Kater war mir kaum jemand in den letzten Jahren.  Wer uns kannte, uns erlebte, sah das, wusste das. Wer es nicht verstand, war eh nicht in der Lage, mich zu verstehen, er kannte mich nicht und das war wohl auch gut so.

Aus meinem Umfeld habe ich oft gehört, ich trauere zu heftig, zu lang. Damals habe ich mich hinterfragt, ob sie wohl alle recht haben, ich „falsch trauere“. Ich habe mich gefragt, ob ich übertreibe, nicht normal bin. Ich habe mich gefragt, ob die Trauer endlich fertig sein müsste. Heute habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich vielleicht zu wenig trauerte, ihm damit nicht den Tribut zollte, den er verdient hätte. Und er hätte alles verdient. Er war der Beste!

Gibt es richtig oder falsch bei Gefühlen? Sind sie nicht einfach da und wenn sie sind, wie sie sind, genau richtig, weil echt? Kann man Gefühle an ihrer Dauer, ihrer Intensität auf Richtigkeit prüfen? Gibt es Skalen für Gefühle, die anzeigen, ob es reicht oder nicht? Wohl nicht. Deswegen ist es wohl auch nicht statthaft, anderen zu sagen, wie sie trauern sollen. Man kann Gefühle nicht von aussen messen, man weiss nur von innen, ob sie echt sind. Und jeder hat eine andere Art, damit umzugehen. Keiner kann aus seiner Haut.

Ab und an kommt mir ein Gedanke. Ich denke, dass Pascha – mein Kater – vielleicht zu mir kam, um mich durch die schweren Jahre meines Lebens zu begleiten. Durch eine Trennung, Gewalt, Scheidung, Schmerz, Todesdiagnose, Verlust einer Liebe, Enttäuschungen, Verletzungen. Und als mein Leben in die richtigen Bahnen zu kommen schien, konnte er gehen. War das seine Aufgabe bei mir? War er mein Engel? Und ist es noch als Schutzengel irgendwo über dem Regenbogen?

Der Gedanke tröstet und er macht traurig. Und wenn ich ihn habe, bin ich dankbar und die Tränen fliessen wieder. Er fehlt halt doch. Auch wenn der Alltag wieder Einzug hielt. Immer mal. Und ab und an kommt Angst hoch: was, wenn wieder eine schwere Zeit kommt? Das Leben hat viele solche bereit. Was ist dann?