Journalismus heute

Journalismus heute ist ganz einfach. Ziel ist es, Leser zu gewinnen. Wie tut man das am besten? Man weckt ihre Emotionen. Dazu taugt eine reisserische Schlagzeile, ein Text, der Emotionen weckt, indem nur das preisgegeben wird, was diese schürt. Die Meute springt an, ereifert sich, bildet sich aufgrund selektiver Informationen eine festgefahrene Meinung und schiesst los. Im Zeitalter von Social Media resultiert eine Lawine an Meinungen und Aufschreien, die sich hochschaukeln, sich verbreiten.

Um die Stimmung zu halten, legt man als Zeitung nochmals nach, vertieft die selektiven Informationen um Punkte, welche die am meisten anstachelnden Details noch verstärken, so dass noch mehr Menschen noch aufgeregter sind. Wenn die Meinungen dann gemacht sind, oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, legt man die restlichen Informationen nach, wodurch eigentlich ein komplett anderes Bild entsteht, eines, das niemals solchen Aufruhr generiert hätte (vielleicht Betroffenheit, keine Frage, nie aber eine überbordende, emotionale Anteilnahme, die Leser generiert und bindet). Leider hört zu diesem Zeitpunkt kaum mehr jemand hin. Die Meinungen sitzen fest, das Weltbild ist in gut und böse, schwarz und weiss eingeteilt.

Langsam werden die Wogen glatter, die sachliche Wahrheit wird wohl gehört, hat allerdings kaum je die Kraft, die negativen Spuren der vorgefassten Meinungen (wenn auch falsch begründet) zu eliminieren. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen, im besten Falle die leise Absicht, nächstes Mal zurückhaltender zu sein bei der Meinungsbildung. Wie es mit Absichten so ist – wann wüsste man es besser als nach dem Neujahr –, halten sie selten lange, höchstens wohl bis zur nächsten reisserischen Schlagzeile. Und los geht der Hexentanz. Auf ein Neues.

Nun kann man sagen: Schuld sind die Leser. Würden sie ein bisschen gelassener reagieren, alles hinterfragen, ihre Emotionen in den Griff kriegen, käme es nie zu solchen Überbordungen. Nur: Beklagen wir nicht sonst schon, dass Emotionen zu kurz kämen, dass unsere Welt verrohe? Wieso tut sie es? Weil man als Mensch mit Emotionen und Mitgefühl oft über den Tisch gezogen wird. Weil es Menschen gibt, die genau da ansetzen und die Gefühle von Menschen instrumentalisieren, sie für ihre Zwecke nutzen.

Was in der Werbung angehen mag, geht es doch darum, ein Produkt zu verkaufen, wird beim Journalismus problematisch. Seit auch Zeitungsartikel darum werben, möglichst viele Leser zu haben, geht es nicht mehr um Informationsvermittlung, sondern um Kundenbindung. Und damit kommt es zu einem Zielkonflikt. Da man die Uhr nicht zurückdrehen kann, die Welt ist, wie sie ist, bleibt wohl nur, sich als Leser immer eines Umstands bewusst zu sein:

Jeder Text ist immer auch ein Werbetext – er wirbt um den Leser.

Gefühl und Verstand – Das kommt mir spanisch vor

Ich bin Kopfmensch. Rationalist. Ich kann Argumente hin und her drehen, von allen Seiten betrachten, logische Schlüsse ziehen, Gegenargumente finden, Beweise versuchen, sie verweisen und wieder vorne beginnen. Diese Hirnakrobatik wurde mir wohl schon in die Wiege gelegt, dass ich ein Studium wählte, das gerade das noch fordert und fördert, machte es nicht besser, kam mir eher entgegen.

In meinem Leben, das nun doch schon einige Jahre andauert, kam ich oft an Situationen, in denen ich etwas dachte, so ganz spontan, innerlich wusste, ich habe recht, und dann doch begann, es logisch zu zerpflücken, Argumente zu wälzen und dann einen Schluss zog – dem spontan gedachten diametral entgegengesetzt. Im Nachhinein – so habe ich zumindest das Gefühl – hatte ich immer das Nachsehen, der erste, spontan gedachte Gedanke wäre richtig gewesen.

Nun denkt man, Frau sei klug, sie lerne was, achte fortan auf ihre spontanen Eingebungen. Doch der Verstand besagter Frau ist unglaublich hartnäckig und hat – drum heisst es wohl DER Verstand – machoähnliche Züge, indem er immer denkt, im Recht zu sein, nur hart genug insistieren zu müssen, um am Schluss erhört zu werden. Und: Es funktioniert.

Frau denkt sich, irgendwas sei nicht ganz koscher, der Gedanke festigt sich. Sie fängt an, zu überlegen, denkt sich, dass es gar keinen Grund gebe, findet Erklärungen dafür, dass es ist, wie es ist, womit das, was nicht koscher erscheint, eben erklärbar und damit verständlich und somit in Ordnung ist. Irgendwo tief drin grummelt zwar noch was, aber es wird immer wieder mundtot gemacht. Dies umso mehr, wenn noch jemand genau die Argumente runter betete, die frau selber zur Mundtotmachung des ach so aufsässigen und mühsamen Spontangefühls bemüht.

Es gibt ein Sprichwort:

Wo Rauch ist, ist auch Feuer.

Dieses spontane Gefühl speist sich irgendwoher. Klar aus Erfahrungen und die werden nicht immer der aktuellen Situation gerecht. Trotz alledem hat die Natur den Menschen (und alle Lebewesen) so eingerichtet, Mechanismen zu entwickeln, die bekannte Gefahren erkennen und entsprechend reagieren helfen. Da auch der Mensch nichts anderes als ein Tier ist und damit durchaus Naturprodukt (was er mit all seiner Gedankenkraft gerne wegdiskutieren möchte, erscheint ihm das doch unangebracht minderwertig ob der hohen Ansprüche, die er an sich und seinen Status stellt), sollte man irgendwann wohl zu der Einsicht gelangen, dass an diesen Gefühlen durchaus was dran ist und was spanisch erscheint auch spanisch ist.

Und ja, vielleicht greift man wirklich mal daneben mit seinen Gefühlen. Interpretiert zuviel in etwas, das nicht da ist. Selbst dann bliebe zu hinterfragen, wo das Spanische herkam, denn irgendwo lag es versteckt.