Der Tag begann ganz normal. Langsam wurde es hell,  langsam drangen die ersten Lichtschimmer durch die heruntergelassenen Rollläden. Claudia erwachte schon vor dem Klingeln des Weckers, wie jeden Morgen. Wie jeden Morgen überlegte sie, ob sie wirklich aufstehen sollte oder nicht doch noch weiter liegen bleiben. Wie jeden Morgen überlegte sie, wie sie alle Termine ausfallen lassen könnte, einfach mal sagen, dass sie nicht mehr könne, nicht mehr wolle. Und wie jeden Morgen stand sie auf. Sie erledigte ihre tägliche Morgenroutine, jeder Griff sass, lange eingeprägt. Irgendwann klingelte auch der Wecker, welcher eigentlich keiner war, sondern ein auf die richtige Zeit (die aber nie die richtige zum Aufstehen war, da sie immer schon auf war, nie aber zu der Zeit hätte aufstehen wollen, hätte sie nicht müssen) eingestelltes Mobiltelefon.

Dass sie jeden Morgen noch etwas müder war als am Tag zuvor, fiel ihr zwar auf, doch sie mass dem wenig Bedeutung bei. Dass sie jeden Tag noch weniger Antrieb fand, überhaupt etwas zu tun, nahm sie so hin und schob es auf die diversen Belastungen des Alltags und ihren schlechten Schlaf. Dass sie jeden Tag noch weniger lachte und sich immer wieder dabei ertappte, dass sie ein grimmiges Gesicht zog, welches sie sogleich auflockerte und versuchte, entspannt zu schauen, beunruhigte sie zwar, doch sie schob es auf die eher unerfreuliche Zeit. Dass das Leben kein Ponyhof war, hatte sie längst erkannt, aber es könnte schlimmer sein. Bestimmt.

Der Tag nahm seinen alltäglichen Lauf, pflichtbewusst spulte sie ihr Tagesprogramm ab, einen Punkt nach dem anderen. Ab und an kam ihr ein Bild eines Hamsters im Rad in den Sinn, welches sie sogleich wieder beiseite schob. Ab und an dachte sie auch, dass sie nicht mehr möge, nicht mehr könne, lachte sich dann selber aus, denn: Hatte sie eine Wahl? Immerhin hatte sie nun gelacht. So schlimm konnte es noch nicht sein.

Der Tag, der war wie jeder andere, nahm seinen Lauf. Die Sonne zog über ihn und ging langsam unter (nicht dass sie sie je gesehen hätte, sie könnte nicht mal sagen, ob sie geschienen hat oder ob es regnete), es wurde düsterer und düsterer (ob es je heller war, wäre ihr auch nicht wirklich bewusst gewesen, muss aber wohl so gewesen sein). Und dann war es dunkel. Und nichts mehr, wie es war. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals wieder aufzustehen. Konnte sich nicht vorstellen, noch einmal dieses Rad zu betreten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass je wieder Licht am Horizont zu sehen sei, und wenn, dass es bleiben könnte. Sie konnte sich gar nichts mehr vorstellen, denn an diesem Tag ging das Licht aus. Und so sass sie im Dunkel und schalt sich eine dumme Kuh. Schimpfte sich einen Versager und wusste, dass sie recht hatte damit. Sie rief sich all die Stimmen in den Sinn, die über sie richten würden: „Ich habe es dir ja immer gesagt!“ „Hab dich nicht so!“. „Reiss dich zusammen!“ „Du bist aber auch empfindlich!“ „So kann man sich doch nicht aufführen!“ Und sie hatten wohl alle recht.

Claudia wünschte sich, dass die Stimmen verstummten und sie wünschte sich, dass eine Hand käme, die sie hielte. Sie wünschte sich einen Arm hinter der Hand, der sie auffinge, eine Stimme hinter dem Arm, die ihr versprach, dass es wieder hell würde und sie immer getragen sei. Und sie fragte sich, ob sie dieser Stimme trauen könnte, im Wissen, dass noch immer das Dunkel wieder hereingebrochen war. Und jedes Mal noch schwärzer war als zuvor.

Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)
Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

Ich freue mich sehr, dass sich Sibylle Berg spontan bereit erklärt hat, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat dies auf ihre ganz eigene Art, durchdacht, authentisch, mit einer Prise Ironie, ab und an überraschend:

„Vielen Dank für das Leben“ ist ein sehr düsteres Buch und es handelt von der „schlechtesten aller Welten“. Was macht diese Welt so schlecht?

Es ist eigentlich positiv gedacht. Toto zeigt auf, wie man trotz all dem Furchtbaren, das einem Menschen im Leben passiert – und es passiert jedem –,sei es Verlust, Krankheit, Angst, etc., trotzdem glücklich sein kann.

Die Welt ist immer gleich schlecht, weil sie von Menschen bewohnt wird, die einerseits grossartig sein können, aber auch sehr gierig, bösartig, usw. Da sie ja vermutlich Zeitungen lesen, muss ich Ihnen das nicht erzählen.

Toto wird als Menschenwesen beschrieben, welches in keine Schublade passt, weder in Bezug auf sein/ihr Geschlecht noch in Bezug auf sein/ihr Verhalten. Was verbindet sie mit Toto?

Mich? Nichts, ausser einigen Haltungen und die Sicht auf die Welt.

Beim Lesen dieses Buches war ich oft entsetzt über all die Düsterheit und wusste doch, es steckt viel Wahres drin. Ist es nicht ab und an deprimierend, so genau hinzuschauen und auch noch drüber zu schreiben?

Nein, es macht mich nicht unglücklicher, als wenn ich nicht darüber schreiben würde.

Ist Sibylle Berg im Leben auch so düster oder ist die Welt des Schreibens der Gegenpol zu einem heiteren Gemüt?

Wenn sie unter düster hinsehen verstehen, dann ja. Als langweilige Person bin ich meist sehr zufrieden.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel Sibylle Berg steckt in diesem Buch? Woher nehmen sie ihre Ideen, wenn nicht aus ihrem Leben?

Ich nehme sie aus dem Leben, aber nicht unbedingt aus meiner Phantasie oder meinem eigenen Erlebten. Ich reise sehr viel, sehe sehr viel, beobachte, lese – und ich bin alt. Da bekommt man schon ein wenig vom Zustand der Welt mit.

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Wo und wann schreiben Sie? Planen und recherchieren sie vorgängig oder schreiben sie drauf los?

Ich habe eine Überschrift, ein Feld dass ich untersuchen will. Dann lese ich sehr viel Theoretisches dazu, Sachbücher, reise mitunter; und dann schreibe ich jeden Tag ab 8 bis 18 Uhr.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub oder sind sie immer auf Empfang? Wie schalten Sie ab?

Sehr selten, weil es ein schlecht bezahlter Beruf ist. Ich habe vielleicht 2 Wochen im Jahr, in denen ich nicht arbeiten muss.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich komme nicht mehr zum lesen.
Klaus Pohl ist im Moment einer meiner Lieblinge.

Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

 albern, freundlich, niedlich

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.