Helga Schubert: Der heutige Tag

Ein Stundenbuch der Liebe

Inhalt

«Ich liebe ihn sehr.»

Das Kennenlernen dauerte lange, die Annäherung war nicht leicht, waren sie doch beide vergeben. Für ihn hätte es zweigleisig weitergehen können, doch sie wollte irgendwann klare Fronten – und kriegte sie. Er zog bei ihr ein. Seit damals sind über fünfzig Jahre vergangen. Als er krank wurde, entwickelte sich das mehr und mehr zu einer Vollzeitaufgabe, die sie mit Hingabe und Liebe übernahm.

Helga Schubert schreibt die Geschichte einer Frau, die ihren kranken Mann pflegt. Sie schreibt von den körperlichen und psychischen Herausforderungen, von den guten und schlechten Zeiten. Sie schreibt von viel Liebe und Zugewandtheit, aber auch von Verzweiflung. Sie schreibt eine Geschichte, die sie gut kennt, denn es ist ihre Geschichte.

Gedanken zum Buch

«Bald wird er sie nicht mehr erkennen.
Das ist das Schlimmste, dachte ich damals.
Dann werde ich nur eine austauschbare Hilfe für ihn sein.
Nicht mehr die Einzige, die unverwechselbare Geliebte.»

Die Betreuung von Angehörigen bringt je nach Krankheit verschiedene Anforderungen mit sich. Während es bei körperlichen Beschwerden vor allem physische Kraft braucht, damit umzugehen, nehmen bei den geistigen Beeinträchtigungen die psychischen Belastungsmomente zu. Helga Schuberts Mann ist zunehmend dement, was es mit sich bringt, dass er immer mehr vergisst – irgendwann wohl auch sie. Der Gedanke, dass ein Mensch, mit dem man so lange das Leben teilte, dem man so verbunden ist und für den man als der Mensch, der man ist, wichtig war, einen plötzlich nicht mehr erkennen könnte, ist nicht leicht zu bewältigen. Es ist quasi ein Weg in die Beliebigkeit, das Kappen eines Bandes, an dem man sich bislang halten konnte.

«Ich muss ein Mittel gegen die Verzweiflung finden, in die ich manchmal falle.»

Helga Schubert redet nichts schön in diesem Buch, sie verklärt nicht, sie klagt auch nicht, sie beschreibt das Leben, wie es ist, mit allem, was es an Schönem und Beschwerlichem mit sich bringt. Entstanden ist so ein sehr liebevolles, warmes, berührendes Buch.

«Eigentlich ist es egal, wo ich lebe, dachte ich, Hauptsache, er ist da, und wenn er nicht mehr in diesem Pflegebett liegen würde, zufrieden und gesättigt und ohne Schmerzen, sondern sein Körper tot wäre und ich in einer Einzimmerwohnung…wäre er ja auch immer da, denn er ist ja in mir.»

Wir lesen von einer Liebe, die tief geht, die dauert, andauern wird, egal, was passiert. Diese Liebe tropft aus den Worten, steht zwischen den Zeilen, fliesst aus dem Buch. Sie macht Hoffnung, hilft, dass aus Mitgefühl kein Mitleid wird, dass die Schwere des Themas nicht erdrückt.

«Auch jetzt als alte Frau, dachte ich plötzlich, habe ich ja noch richtige Lebensaufgaben zu lösen: Es geht nämlich um das Loslassen, um das Annehmen…»

«Der heutige Tag» ist ein Buch, das auch Mut macht. Es lässt an die Liebe glauben, es zeigt, wie viel man als Mensch schaffen kann. Es zeigt auch, dass es wichtig ist, für sich selbst immer wieder Nischen zu suchen, Dinge, die einen freuen. Bei Helga Schubert ist es ihr Schreiben, wenn alles getan ist. Es ist ein Buch, das zeigt, dass das Leben immer wieder neue Herausforderungen an uns heranträgt, und dass wir lernen können, damit umzugehen. Weil der Mensch nie aufhört zu lernen.

Fazit
Ein warmherziges, persönliches, offenes, unsentimentales, aber sehr berührendes Buch über eine grosse Liebe.

Zur Autorin
Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Nach zahlreichen Buchveröffentlichungen zog sie sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte ›Vom Aufstehen‹ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 1. Edition (16. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423283199

Stine Volkmann: Das Schweigen meiner Schwestern

Inhalt

„Es ist, als hätte es diesen Sommer nie gegeben, obwohl nach drei Wochen Inselurlaub ihr ganzer Familienalltag auf dem Festland ein anderer geworden war, und niemand bereute es laut.“

Vier Schwestern treffen sich für die Beisetzung der Urne ihrer Mutter auf Langeoog, der Insel, welche in der Kindheit die schönsten Erlebnisse beheimatete, bis zu einem Sommer, in dem ein Erlebnis alles mit einem Schlag verändert. Waren die vier vorher ein eingeschworenes Team, gingen sie danach innerlich und mehr und mehr auch äusserlich getrennte Wege.

„Sie hat es sich geschworen, nie wieder einen Fuß auf Langeoog zu setzen. Nie wieder. Und jetzt, da sie so nah dran ist, beginnen wieder die Lügen.“

Bei diesem Zusammentreffen brechen alte Wunden auf, Vorwürfe, die im Raum stehen, werden ausgesprochen, die Erinnerung wird wieder lebendig. Doch: Hat sie sich in den einzelnen Köpfen wirklich richtig eingenistet?

Stine Volkmann erzählt die Geschichte der vier Schwestern auf zwei Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven. Immer wieder pendeln wir beim Lesen so zwischen der Gegenwart der erneuten Zusammenkunft und der Vergangenheit der Kindheit hin und her, erfahren mehr über die einzelnen Charaktere, ihre Beziehung untereinander und den Sommer, welcher das Leben der ganzen Familie nachhaltig geprägt hat. Langsam fügt sich Stein für Stein das Mosaik zusammen, bis am Schluss die ganze Wahrheit auf dem Tisch liegt.

Gedanken zum Buch

„Wie immer, wenn es um ihre Familie geht, steigt die altbekannte Wut in ihr auf, sie spürt Machtlosigkeit, fühlt sich wie so oft ungehört und ungesehen“

Familien sind Systeme mit eigenen Dynamiken, in welchen jeder eine bestimmte Rolle innehat. Diese Rollen zu durchbrechen, fällt schwer, sie brennen sich über viele Jahre ein und werden auch sorgfältig aufrechterhalten, da sie das System von innenheraus stützen. Nicht immer ist jeder mit seiner Rolle zufrieden, oft kommt es zu Streit, zu Eifersucht, zu negativen Gefühlen, mit denen jeder einzelne anders umgeht.

„Vielleicht sollte sie davonlaufen. Niemals wieder Eltern oder Schwestern haben. Niemals wieder so zerbrechen.“

Die einen können sich anpassen und kommen so gut zurecht, andere rebellieren und gehen auf Konfrontation, die dritten fliehen.

«Wer nichts ersehnt, wird nicht enttäuscht.»

Und dann gibt es die, welche schweigen, die sich immer weiter in sich zurückziehen und resignieren, weil sie die Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Besserung aufgegeben haben. Auch das ist wohl eine Flucht, die Flucht in die Verweigerung, für die der betroffene aber einen hohen Preis zahlt.

«Ich falle aus der Welt.»

Das Resultat dieser Verweigerung ist die Entfremdung – die von der Welt um einen und auch die von sich selbst, kann man doch ohne die Welt nicht existieren, nicht auf eine zufriedenstellende und lebenswerte weil sinnvolle Weise.

„Wer ist sie in der ganzen Geschichte?“

Wir erzählen uns Geschichten, die wir für unser Leben halten, sagte einst Max Frisch. Wir konstruieren aus der Vergangenheit eine Geschichte, die wir als unsere Lebensgeschichte in uns und nach aussen tragen. Was wir oft nicht bedenken, ist, dass Erinnerungen einerseits selektiv sind, andererseits wandelbar durch die Zeit. Was wissen wir wirklich? Was haben wir nur gedacht und durch die Wiederholung des Erzählens plötzlich zu einer Tatsache erhoben? Wovon wissen wir nur aus dritter Hand, dies aber so tief, dass wir glauben, es erfahren zu haben? Und was, wenn die Geschichte sich ändert, weil wir auf einen Irrtum aufmerksam werden? Was bedeutet das für die eigene Identität? Was verändert das für das Sein und das Selbstbild? Für die Verortung in der Welt, im eigenen Leben?

Stine Volkmann erzählt die Geschichte von vier Schwestern, doch stecken in dieser Geschichte ganz viele Fragen aus dem Leben: Was bedeutet Familie? Darf man lügen? Wie geht man mit einer Lüge um, und wie mit Schuld? Wer bin ich und wer bin ich in dieser Welt? Was, wenn die Welt sich ändert und ich keinen Platz mehr in ihr finde? Wie gehen wir mit Erinnerungen um?

Entstanden ist ein mitreissender Roman mit authentischen Charakteren, einem guten Spannungsbogen in einer flüssig lesbaren Sprache, der gegen Ende etwas an Tempo verliert. Das Ende selbst ist an Pathos und Kitsch leider kaum zu übertreffen, doch die Geschichte bis dahin mag das tragen, so dass es doch eine klare Leseempfehlung ist.

Fazit
Die grossen Fragen des Lebens in Romanform, die Geschichte von vier Schwestern, die in einem Sommer ihr Familiengefühl und irgendwie sich selbst verlieren, bis sie das Leben wieder zusammenbringt und sie einen Umgang mit der Vergangenheit finden müssen. Eine klare Leseempfehlung.

Zur Autorin
Stine Volkmann wurde 1991 in Detmold geboren – wie die vier Schwestern in ihrem Buch. Genau wie sie verbrachte Stine Volkmann die Sommer ihrer Kindheit auf Langeoog, wohin sie es auch heute als Wahlbremerin nicht weit hat. Stine Volkmann studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim, sie arbeitet als Journalistin und Drehbuchautorin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ FISCHER Krüger; 1. Edition (24. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 432 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3810503633

Bücherwelten: Mutter

Man soll sie lieben, achten, Respekt haben. Eine zu sein, bedeutet Liebe, Fürsorge, (Selbst-?)Aufgabe. Kaum ein Begriff, eine Rolle ist so befrachtet mit Ansprüchen, Zuschreibungen und Erwartungen wie die Mutter. Sie wird verklärt und verflucht, sie ist an allem schuld und für vieles verantwortlich. Man könnte meinen, wenn man so viel drüber weiss oder zumindest «geregelt» hat, sei alles klar und einfach, doch wie so oft in diesen Fällen fangen genau da die Probleme an: Was, wenn man diese Punkte nicht erfüllt? Was, wenn man einfach nicht fühlt, was man fühlen soll? Was, wenn diese engste aller Beziehungen einfach nicht entsteht? Oder aber irgendwann verloren geht?

Fragen über Fragen und ein Thema, über das es sicher viel nachzudenken gäbe. Die folgenden vier Bücher haben alle in einer Form mit dem Thema „Mutter“ zu tun:

Bonnie Garmus schreibt über eine Frau, der nichts ferner lag, als Mutter zu werden, die diese Rolle dann aber alleinerziehend mit Tatkraft und selbstbestimmt auf ihre persönliche Weise ausfüllt. 

Anneleen Van Offel schreibt von einem Band der Liebe, das durch Distanz zerrissen wurde, und dessen sich die Mutter nach dem Tod des Sohnes wieder versichern will.

Thommie Bayer erzählt von einem Sohn, der sich seiner Rolle im Leben der Mutter gewahr wird und in diesem Bewusstwerden auch die Mutter für sich besser kennenlernt. 

David Rieff wollte über das Sterben seiner Mutter schreiben und zeichnete stattdessen ein starkes Bild einer grossartigen Frau mit all ihren Herausforderungen, ihrer Tatkraft, ihrer Widerspenstigkeit und ihrem Mut.

Habt einen schönen Tag!

Birgit Birnbacher: Wovon wir leben

Inhalt

«Ich verließ die Gegend, deren Gewicht auf meiner Brust ich erst bemerkte, als ich woanders war.”

Eine junge Frau aus einem kleinen Dorf geht in die Stadt, um Krankenschwester zu werden. Sie geht in dem Beruf auf, bis ihr ein Fehler unterläuft und sie entlassen wird.

„Ich bin gekommen, damit die Eltern sich um mich kümmern. Stattdessen haut Mama ab, und Papa ist gelb.“

Ihr Weg führt sie zurück in ihr Elternhaus, sie hofft, von ihren Eltern aufgefangen zu werden, doch dort ist alles noch schlimmer als damals, als sie wegging: Die Fabrik im Dorf existiert nicht mehr, so dass Arbeitslosigkeit herrscht, der Vater ist in einem desolaten Zustand, und die Mutter nach Sizilien ausgewandert. Statt vom Vater aufgefangen zu werden, sieht sie sich in der Rolle der Sorgenden. Sie ringt körperlich und seelisch nach Luft, der Raum scheint enger zu werden. Als sie Oskar, den Städter, kennenlernt, der sich von einem Herzinfarkt erholt, erlebt sie, wie ein Leben voller Zuversicht aussehen könnte. Sich selbst sieht sie am anderen Ende des Welterlebens: Konfrontiert mit allem, was sie hinter sich gelassen zu haben glaubte, ist sie nun gefordert, ihren Platz im Leben zu finden.

Gedanken zum Buch

“Viele Jahre habe ich mir eingeredet, dass ich gern Krankenschwester bin”

Was wir für unser Leben halten, ist oft nur die Geschichte, die wir uns selbst erzählen. Wir gehen einen Weg und wollen, dass es der richtige ist. Schlussendlich glauben wir es selbst, bis etwas geschieht, dass dieses Bild ins Wanken bringt. Dies ist der jungen Ich-Erzählerin passiert. Zwar merkte sie, wie überall gespart wurde, wie der Druck im Beruf grösser, die Zeit für die Patienten immer knapper wurden, doch sie fand für alles eine Lösung, um den Beruf doch noch den eigenen Ansprüchen entsprechend ausüben zu können. Dass ihr langsam sprichwörtlich die Luft ausging, merkte sie erst, als sie nach einem Berufsfehler einen Asthmaanfall hatte und wirklich um Luft rang.

„Ich habe es für selbstverständlich gehalten, dass eine Mutter nicht klatschend und tanzend durchs Leben hüpft“

Familien sind geprägt durch Rollenbilder, die sich in den Köpfen festsetzen. Ein Kind wächst in eine Familie hinein und erachtet das, was sich da abspielt, als Normalität, an die es sich zu halten gilt. Selten wird hinterfragt, wagt es dies doch, merkt es schnell, dass es eine Grenze überschritten hat, die sorgsam aufgebaut worden war. Erst nach und nach, je älter es wird, mit den eigenen Erfahrungen, wächst zuerst eine Ahnung, die dann zur Erkenntnis der Missstände wird, die geherrscht haben, die man fraglos akzeptiert hatte.

„Wir wissen das nicht, weil wir lieber zahlen, als uns zu involvieren. Etwas haben wir, die Familie, verwechselt: Von der Konfrontation mit dem Schmerz haben wir uns freigekauft, aber das heißt nicht, dass er nicht mehr existiert.“

«Wovon wir leben» ist ein Buch über das Leben einer Familie mit all ihren Strukturen. Es ist eine Geschichte davon, wie wir oft die Augen verschliessen vor dem, was ist, weil es bequemer ist, sich damit zu arrangieren als der Wahrheit, die oft unbequem ist, in die Augen zu blicken. Es ist aber auch eine Geschichte darüber, was es heisst, eigene Wege zu gehen, zu scheitern, neue Wege suchen zu müssen.

Birgit Birnbacher erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich dem stellen muss, wovor sie fliehen wollte, auf eine ruhige, fast sachliche und doch nicht kalte Weise, die frei ist von Pathos oder Kitsch. Vergeblich sucht man Wehleidigkeit oder Selbstmitleid, es wird nicht psychologisiert oder analysiert, nur erzählt. Dieses Erzählen geschieht auf eine authentische Weise aus der Ich-Perspektive der erzählenden Protagonistin, wodurch der Leser in die Gedanken- und Gefühlswelt derselben involviert wird. Entstanden ist ein Buch, das zum Denken anregt, das einen mit auf eine Reise nach dem richtigen Weg nimmt, das einen eintauchen und mitleben lässt beim Lesen.

Fazit
Eine sehr gelungene, zum Nachdenken anregende Erzählung über das Leben einer Frau, die sich ihrer Vergangenheit, ihren verinnerlichten Rollenmustern und Fluchtpunkten stellen und einen neuen Weg für ihr Leben finden muss.

Zur Autorin
Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Schriftstellerin in Salzburg. Ihr Debütroman Wir ohne Wal (2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt sie zahlreiche Förderpreise und 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Romane Ich an meiner Seite (2020) und Wovon wir leben (2023).

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Paul Zsolnay Verlag; 3. Edition (20. Februar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3552073357

Layla AlAmmar: Das Schweigen in mir

Inhalt

«Niemand ist wirklich sprachlos, flüsterte er, entweder wird man zum Schweigen gebracht, oder man bringt sich selbst zum Schweigen.»

Tag für Tag beobachtet die junge Frau die Nachbarn hinter ihren Fenstern in ihren Wohnungen. Es ist die einzige Form, wie Beziehungen zu Menschen für sie möglich sind. Sie kriegt Einblicke in die ganzen Gewohnheiten der einzelnen Menschen, in Leben, die so fern von ihrem eigenen sind. Selbst ist sie aus dem Krieg geflüchtet, aus Syrien mit Schleppern und zu Fuss, unter traumatischen Bedingungen in England gelandet. Es hat ihr förmlich die Sprache verschlagen.

«Wenn man aufhört zu sprechen, wird man sehr gut im Zuhören.»

Dadurch, dass sie nicht mehr sprechen kann (will?) denken viele, sie höre auch nichts. Sie hört auf diese Weise all das, was eigentlich nicht für Ohren bestimmt war. Für eine Zeitung soll sie ihre Erinnerungen an den Krieg und die Flucht festhalten, damit mehr Verständnis für die Situation von Flüchtlingen geschaffen werden kann. Nur: Wie könnte man das je verstehen? Und was, wenn sie plötzlich gefordert ist, aus ihrer gewählten Isolation raus und real in Beziehung zu treten?

Gedanken zum Buch

«Es ist gar nicht so schwer herauszufinden, was Menschen wollen. Im Prinzip wollen wir alle dasselbe: Freiheit, Glück, Sicherheit.»

Ein tiefes Buch, ein aufwühlendes Buch darüber, was es heisst, alles zu verlieren und nirgends mehr zu Hause zu sein, nirgends mehr sicher zu sein, nirgends dazuzugehören. Es ist aber auch ein Buch darüber, was es mit sich bringt, in einer Gesellschaft zu leben: Wie sehr kann ich mich aus ihr herausnehmen? Wo ist es meine Pflicht, mich einzubringen? Wofür trägt der Einzelne Verantwortung, wo lädt er Schuld auf sich?

«Kann man sich denn überhaupt erholen? Wenn das Leben nichts anderes ist als sich anhäufendes, wiederholtes Trauma – durstig, hungrig, kalt, arm, schwach, heiß, krank, geschlagen, verletzt, gebrochene Knochen, Blut, Blut, Blut –, kann man sich davon jemals erholen?»

Layla AlAmmar beschreibt aus der Ich-Perspektive das Leben, Denken und Fühlen einer vom Krieg und der Flucht traumatisierten Frau, die keinen anderen Weg sieht, als sich ins Schweigen zurückzuziehen, in die Isolation zu gehen, weil sie das Vertrauen in das Leben und die Menschen verloren hat. Wo gibt es noch Sicherheit, wenn Menschen einander so grausame Dinge antun können, wie sie sie erleben musste? Was ist Heimat noch, wenn man aus der eigenen fliehen musste, weil es da kein mögliches Weiterleben mehr gab?

«Ich will von diesem Land keine Almosen. Geflüchtete kommen nicht, um sich zu nehmen, was euch gehört. Wir wollen arbeiten, wir wollen zur Schule gehen, wir wollen vollständige und aktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Wir sind keine Blutsauger oder Parasiten oder Ungeziefer. Wir brauchen nur ein wenig Hilfe. Das ist alles.»

«Das Schweigen in mir» ist ein Buch, das zeigt, was es heisst, Flüchtling zu sein, was es heisst, mit den Vorurteilen und Verurteilungen von den Menschen am Zufluchtsort umgehen zu müssen. Es ruft auf für mehr Verständnis, für mehr Mitgefühl, plädiert aber vor allem auch für eine andere Haltung von Menschen anderen Menschen gegenüber.

«Wichtig wäre, die Hintergründe kennen zu wollen, verstehen zu wollen, was im anderen vorgeht.»

Im Wissen, dass wir alle Menschen unter Menschen sind, in eine Welt geworfen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit der wir aber umgehen müssen als gleichwertige Mitglieder derselben, hilft es, die eigene Perspektive auch mal zu verlassen und sich mit Interesse anderen Standpunkten und Lebenshintergründen zu öffnen. Nur so ist in ein friedliches Miteinander möglich, ist es möglich, die Welt zu einem Zuhause für alle zu machen.

Fazit
Ein tiefes, bewegendes und zum Nachdenken anregendes Buch über das Leben als Flüchtling, das zu mehr Verständnis füreinander und Miteinander aufruft. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Layla AlAmmar wuchs in Kuwait auf und studierte Kreatives Schreiben an der Universität Edinburgh. Sie hat in The Evening Standard, Quail Bell Magazine, The Red Letters St. Andrews Prose Journal und im Aesthetica Magazine veröffentlicht, wo sie Finalistin für den Creative Writing Award 2014 war. Im Jahr 2018 war sie als British Council International Writer in Residence beim Small Wonder Short Story Festival tätig. Derzeit lebt sie in Großbritannien, wo sie über arabische Frauenliteratur promoviert. Das Schweigen in mir ist ihr zweiter Roman.

Yasemin Dinçer studierte Literaturübersetzung in Düsseldorf. Sie hat unter anderem Werke von Oyinkan Braithwaite, Leila Mottley, Paula McLain und Shirley Hazzard aus dem Englischen übertragen und war mehrfach Stipendiatin des Deutschen Übersetzerfonds. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ GOYA (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • Übersetzung‏ : ‎ Yasemin Dinçer
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3833744242

Anneleen Van Offel: Hier ist alles sicher

Inhalt

«Dieser Tote ist nicht mein Sohn, das ist ein Mann, den ich nicht kenne… Es gelingt mir nicht, meinen Sohn zu sehen, in dem Toten auf dem Krankenhausbett meinen Sohn zu sehen.»

Als Immanuel seine Mutter Lydia nach 10 Jahren Funkstille bittet, nach Israel zu kommen, zögert sie erst. Als sie dann da ist, ist er tot, er hat sich das Leben genommen. Lydia reist durch Israel und gleichzeitig auch durch ihre Vergangenheit, auf der Suche nach ihrem toten Sohn, nach sich, nach allem, was sie verloren hat.

Gedanken zum Buch

«Der Tod kommt von innen, er ist immer schon da, er wächst, bis er grösser ist als das, was der Körper ertragen kann.»

«Hier ist alles sicher» ist eine Geschichte über die verschiedenen Leben, die man leben kann, es ist eine Geschichte über die Liebe, über Verlust, Schuld, Reue und den Tod. Es geht darum, was Familie ist und was Heimat bedeutet. Es ist die Geschichte einer Suche nach der eigenen Geschichte, danach, wer man ist und was davon bleibt, wenn vieles nicht mehr ist.

«Mit jedem Mal, dass ich das ausspreche, wird es endgültiger.»

Es ist die Geschichte einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Zuerst durch Distanz, dann durch den Tod. Diesen endgültigen Abschied zu verstehen, zu realisieren, ist schwer. Ihn in Worte zu fassen, ist noch schwerer, da die Sprache den Dingen eine endgültige Realität zu verleihen scheint. Wenn es ausgesprochen ist, kann es nicht mehr ignoriert werden, dann ist es wirklich.

«Solange es Reue gibt, bin ich schuldig, und solange ich mich schuldig fühle, bin ich unschuldig, weil ich dann nicht zulasse, dass es in Vergessenheit gerät.»

Wer trägt die Verantwortung für das eigene Leben und wer die für das Leben anderer, allen voran das Leben von Kindern? Hat das eigene Tun dazu beigetragen, dass ein Unglück geschah? Hätte man es verhindern können? Wäre Lydia imstand gewesen, den Selbstmord von Immanuel aufzuhalten, wenn sie früher nach Israel gegangen wäre? Wo ist dessen Vater, der vor 10 Jahren das Kind mit sich nach Israel nahm, raus aus Belgien und dem damals gemeinsamen Zuhause? Wer hat Schuld an dem, was passiert ist?

All diese Fragen treiben Lydia um, als sie durch Israel fährt, auf den Spuren von Immanuels Leben ohne sie. Sie will ihm nah sein, will die Landkarte seines Lebensweges nachfahren, in der Hoffnung, mehr über ihn zu erfahren. Es wird ihr nicht wirklich gelingen, die Fragen bleiben präsent, sie nimmt sie mit auf ihrem Weg.

Anneleen van Offel beginnt ihre Erzählung damit, dass Lydia am Totenbett des Sohnes sitzt. Sie blickt auf ihr Kind und reist in Gedanken zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her. Erinnerungen vermischen sich mit aktuellen Gefühlen, ein Riss bricht auf, der durch die Welt geht und sich über das ganze Buch erstrecken wird als Leitmotiv. Es entsteht beim Lesen eine Atmosphäre, die fast körperlich wirkt, einen Kloss im Hals und eine Schwere auslöst. Das Buch betrübt, bewegt, bestürzt, es überfordert mit dieser Unmittelbarkeit des Schmerzes.

Im zweiten Kapitel kommt es zu mehr Distanz, die Suche nach dem verpassten Leben des Sohnes beginnt und das Buch nimmt Fahrt auf. Sprachlich poetisch und philosophisch tiefgründig zieht einen diese Geschichte in den Bann, kann diesen Sog aber leider nicht durchhalten. Das Geschehen, die inneren Monologe, die Erinnerungen – sie alle werden zeitweise träge und langwierig. Trotzdem kann man von einem sehr lesenswerten und gelungenen Debüt sprechen.

Fazit
Eine Geschichte über Liebe, Schuld, Familie, Verlust und Tod – emotional bewegend, philosophisch tiefgründig und sprachlich poetisch.

Autorin und Übersetzerin
Anneleen Van Offel, 1991 in Antwerpen geboren, studierte Wortkunst am dortigen Königlichen Konservatorium. Sie hat Kolumnen für die flämische Zeitung „De Standaard“ und Kurzgeschichten und Gedichte für verschiedene Literaturzeitschriften geschrieben. Sie arbeitet als Redakteurin für die Zeitschrift „Deus Ex Machina“. Außerdem ist Anneleen Van Offel Programmgestalterin verschiedener literarischer Veranstaltungen. Von 2019 bis 2021 war sie Stadtschreiberin von Kortrijk. Für ihr Debüt „Hier ist alles sicher“ reiste sie immer wieder nach Israel, sprach mit zahlreichen Israelis, israelischen (Ex-)Soldaten und deren Familien. Der Roman wurde in Belgien und den Niederlanden von der Presse gefeiert und für seinen einfühlsamen Stil gelobt. anneleenvanoffel.be | @anneleenvanoffel

Christiane Burkhardt studierte Italienische Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Kunstgeschichte und war anschließend zunächst im Lektorat tätig. Heute lebt und arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen in München und unterrichtet neben ihrer eigenen Tätigkeit literarisches Übersetzen

Angaben zum Buch

  • ·  Herausgeber ‏ : ‎ Freies Geistesleben; 1. Edition (15. März 2023)
  • ·  Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • ·  Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 266 Seiten
  • ·  ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3772530319
  • ·  Originaltitel ‏ : ‎ Hier is alles veilig
  • ·  Übersetzung‏ : ‎ Christiane Burkhardt

Claire Keegan: Das dritte Licht

Inhalt

«Jetzt, wo mein Vater mich abgeliefert und sich satt gegessen hat, ist er ganz wild auf seinen Tabak, sich eine Kippe anzuzünden und wegzukommen.»

Weil die Mutter wieder schwanger, das Geld und die Zeit knapp sind, liefert ein Vater seine kleine Tochter bei Verwandten ab, wo sie für eine Zeit bleiben soll. Plötzlich sieht sich das Kind mit Menschen konfrontiert, die sich um es kümmern, die Liebe zu geben haben.

«Dauernd warte ich darauf, dass etwas passiert, dass die Leichtigkeit, die ich verspüre, endet… aber jeder Tag ist fast wie der vorhergehende.»

Sie kann sich kaum auf all das Schöne einlassen, verbietet anfänglich sogar, es zu geniessen und geht dann doch im neuen Leben auf, das nicht von Kälte, Schmutz und Angst geprägt ist – höchstens der Angst, wieder zurückzumüssen.

Gedanken zum Buch
Claire Keegan hat eine kleine, feine, zärtliche Geschichte voller Wärme geschrieben. «Das dritte Licht» erzählt von einem Mädchen, das lernt, was Familie, was Liebe bedeuten, wie leicht das Leben sein kann. Dies geschieht in einer klaren, präzisen Sprache voller Poesie, in der jedes Wort am richtigen Platz sitzt, keines zu viel scheint, die dadurch eine Intensität entwickelt und den Leser in die beschriebene Welt und in eigene Gefühlswelten eintauchen lässt.

«Mir fallen einfach keine Wörter ein, aber das hier ist ein neuer Ort, und ich brauche neue Wörter.»

Man könnte dem Buch den Vorwurf machen, dass die dem Mädchen zugeschriebenen Gedanken zu erwachsen sind für ein kleines Kind, dass die Art und Weise zu denken nicht zu dem ansonsten doch sehr kindlichen Wesen passen. Keegan nutzt dieses Mittel aber wohl bewusst, um ohne viele Erklärungen und Beschreibungen die (wohl eher unbewusste) Innenwelt des Mädchens zugänglich zu machen. Es sind zudem Gedanken, die zum eigenen Reflektieren anregen, Sätze, die man nach der Lektüre des Buches mitnimmt.

«Ich stecke in einer Zwickmühle, wo ich weder die sein kann, die ich immer bin, noch zu der werden kann, die ich sein könnte.»

Frei nach Nietzsches «Werde, der du bist» steckt hier die Frage nach dem eigenen Sein drin. Das bisherige Umfeld hat das Mädchen geprägt, hat sie zu etwas gemacht, das sie ist, weil sie sich an diese Umwelt angepasst hat, eine Umgebung, die ihr viele Möglichkeiten verwehrt hat. Im neuen Umfeld bieten sich neue Möglichkeiten des Seins. Die Frage, die sich stellt, ist nur: Kann sich das Mädchen darauf einlassen? Wäre dieses Einlassen nicht ein Verrat an den eigenen Eltern? Und: Was, wenn sie wieder zurückmuss? Wie wirkt die alte, beengte, freud- und lieblose Umgebung auf sie, nachdem sie gelernt hat, was Liebe und Familie bedeuten können?

Fazit
Die Geschichte eines Mädchens, das lernt, was Familie und Zugehörigkeit bedeuten, ein Buch voller Wärme und Poesie.

Zur Autorin und zum Übersetzer
Claire Keegan, geboren 1968, wuchs auf einer Farm in der irischen Grafschaft Wicklow auf. Sie hat in New Orleans, Cardiff und Dublin studiert. Bei Steidl sind von der vielfach ausgezeichneten Autorin bereits die Erzählungsbände Wo das Wasser am tiefsten ist und Durch die blauen Felder (in einem Band: Liebe im hohen Gras, 2022) erschienen. Ihre Erzählung Kleine Dinge wie diese (2022) stand auf der Shortlist des Booker Prize.

Hans-Christian Oeser, 1950 in Wiesbaden geboren, lebt in Dublin und Berlin und arbeitet als Literaturübersetzer, Herausgeber und Autor. Er hat u.a. John McGahern, Mark Twain, Ian McEwan, F. Scott Fitzgerald, Anne Enright, Maeve Brennan und Sebastian Barry übersetzt. Für sein Lebenswerk wurde er 2010 mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet. 2020 erhielt er den Straelener Übersetzerpreis der Kulturstiftung NRW.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Steidl Verlag (18. Januar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 104 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3969991992

Daniel Glattauer: Die spürst du nicht

Inhalt

„Das Unglück hat sich in die Hinterköpfe gegraben und dreht dort Endlosschleifen. Es löst die Strukturen zweier Familien auf, versetzt deren Alltag in chronische Ausnahmezustände, kontrolliert die Nächte, dirigiert die Träume, und jedes Erwachen führt zum Ausgangspunkt zurück…“

Zwei begüterte Ehepaare, die Binders und die Strobl-Marineks, machen mit ihren Kindern Urlaub in einem Haus in der Toskana. Mit dabei ist ein somalisches Flüchtlingsmädchen, die Freundin von Sophie-Luise, der älteren Tochter der Strobl-Marineks. Schon am ersten Tag kommt es zu einem Unfall: Das Flüchtlingsmädchen ertrinkt, polizeiliche Ermittlungen folgen. Wen trifft eine Schuld? Welche Folgen hat das für die Betroffenen?

Gedanken zum Buch

„Man kann ein Unglück totschweigen, wie es die Binders versuchen. Man kann es aber auch zu Tode diskutieren.“

Jeder Mensch hat eine andere Form, mit schwierigen Situationen umzugehen. Treffen verschiedene Arten aufeinander, kann das zu Missverständnissen führen, die umso schwerer wiegen, wenn jeder seine Art als die angemessene empfindet. Während Oskar Strobl-Marinek versucht, alles hinter sich zu lassen und Optimismus zu verbreiten, sieht seine Frau Elisa ihre Karriere als Politikerin in Gefahr. Die Binders sind schnell aus der Schusslinie, doch das Gewissen lässt sie nicht los.  

„Beim Wendepunkt kann es danach in alle Richtungen weitergehen. Beim Tiefpunkt nur nach oben. Es sei denn, der wahre Tiefpunkt ist noch gar nicht erreicht.»

Das Leben der Beteiligten hat sich nach dem Unglück verändert. Einerseits müssen alle psychisch damit fertig werden, sie sehen sich auch mit dem steigenden Druck von aussen konfrontiert, der sich einerseits darin zeigt, dass die Medien den Fall ausschlachten, andererseits in Form von Schulmobbing bei Sophie-Luise auftritt. Dabei ist jeder allein mit seiner Bewältigung, da keiner neben dem eigenen Unglück das der anderen im Blick hat.

Bei all der Präsenz der Personen vor Ort, bleibt eine Stimme still: Die der Eltern des verstorbenen Mädchens. Erst als ein eher unscheinbarer Anwalt auf den Platz tritt, ändert sich das. Doch: Worum geht es ihnen wirklich?

„Die Wahrheit ist ein Chamäleon, sie wechselt ihre Farbe mit dem Blickwinkel des Betrachters.“

Wer ist Täter, wer ist Opfer? Gibt es diese überhaupt in diesem Fall? Wo liegt die Wahrheit und wie soll damit umgegangen werden? Hannah Arendt sagte einst, Wahrheit gäbe es nur zu zweien. Das heisst, dass Wahrheit nicht eindeutig ist, dass es, um sie zu finden, verschiedene Betrachtungsweisen braucht, um eine Situation von allen Seiten zu sehen. Einer allein sieht immer nur einen Teilaspekt, das, was von seiner Warte aus sichtbar ist. Erst die verschiedenen Perspektiven zeigen das ganze Bild. Dazu müssen alle Stimmen gehört werden.

Daniel Glattauer hat eine Sozialstudie in Romanform geschrieben, in welcher sowohl die Macht der Medien, die Kommentare der Leser derselben sowie die psychologischen Folgen für die Betroffenen des Unfalls thematisiert werden. Er hat dabei auch oft in die Klischee-Kiste gegriffen, indem die einzelnen Charaktere sehr offensiv Stereotypen abdecken. Der Erzähler, der sich mitunter an den Leser wendet, wirkt stellenweise zu jovial, und die Auflistungen der einzelnen Kommentare aus den Medien sind so realistisch, dass man sich die Frage stellen könnte, welchen Mehrwert man durch den Roman hat, weil dieser unkommentiert wiedergibt, was in heutigen Zeitungen passiert. Dass verschiedene Vorkommnisse vorhersehbar sind, nimmt dem Buch trotzdem nicht die Spannung, die für das Weiterlesen nötig ist.

Fazit
Eine Zeitstudie, ein Abbild der heutigen Gesellschaft, ein sozialkritischer Roman, der teilweise zu sehr mit Klischees arbeitet, aber dabei spannend aufgebaut und unterhaltsam zu lesen ist.

Zum Autor
Daniel Glattauer wurde 1960 in Wien geboren und ist seit 1985 als Journalist und Autor tätig. Bekannt wurde er zunächst durch seine Kolumnen, die im so genannten „Einserkastl“ auf dem Titelblatt des Standard erscheinen und in Auszügen in seinen Büchern „Die Ameisenzählung“, „Die Vögel brüllen“ und „Mama, jetzt nicht“ zusammengefasst sind. Seine beiden Romane „Der Weihnachtshund“ und „Darum“ wurden mit großem Erfolg verfilmt. Der Durchbruch zum Bestsellerautor gelang Glattauer mit dem Roman „Gut gegen Nordwind“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert, in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch als Hörspiel, Theaterstück und Hörbuch adaptiert wurde.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Paul Zsolnay Verlag; 1. Edition (20. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 304 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3552073333

Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt

Inhalt

«…das ist, was ich schreibe: Ich schreibe über mich. Ich schreibe am eigenen Leben entlang, ein anderes Schreiben kenne ich nicht.»

Judith Hermann schreibt in den vorliegenden Frankfurter Poetikvorlesungen über ihr Schreiben. Und sie schreibt vom Verschweigen im Schreiben. Sie schreibt davon, wie sie eine Geschichte beginnt und weiterspinnt. Sie schreibt von ihrem Leben und ihren Erinnerungen und wie diese mit dem Schreiben zusammenhängen. Sie schreibt sich in diesem Buch ihrem Leben entlang und nimmt den Leser mit in eine Geschichte des Lebens und Schreibens, die anmutet, als entdecke sie Judith Hermann beim Schreiben erst selbst.

Entstanden ist ein Buch, das Einblicke in Judith Hermanns Kindheit und Aufwachsen gibt, das Freundschaften und Familie thematisiert, und mehr noch als Geschichten Gefühle transportiert – und auslöst.

Gedanken zum Buch

«Jede Geschichte hat ihren ersten Satz. Nicht der Satz, mit dem die Erzählung im Buch beginnt, sondern der Satz, mit dem sie in meinem Kopf beginnt.»

Der Blick hinter die Kulissen von Schreibenden ist immer wieder spannend. Während die einen ihre Geschichten feinsäuberlich planen und sich dann an feste Tagesabläufe halten, lassen sich andere inspirieren und schreiben sich dann in die Geschichte hinein, wie sie sich ihnen zeigt.

«Jede Entscheidung für einen Satz ist eine Entscheidung gegen unzählige andere Sätze. Jede Entscheidung für eine Geschichte schlägt unzählige andere Geschichten aus. Ein Wort vernichtet ein anderes Wort. Schreiben heisst auslöschen.»

Dabei bleibt es nicht aus, dass vieles im Kopf auftaucht, wovon nur ein Bruchteil schliesslich Eingang in die Geschichte findet. Oft weiss der Schreibende mehr über seine Figuren, als er dem Leser explizit zeigt, er kennt Hintergründe und Eigenheiten, die für das Schreiben wichtig sind, die der Geschichte aber nicht dienen.

«Keine Geschichte ist die, die ich erzählen wollte oder müsste. Aber ich kann davon erzählen, dass ich das Eigentliche nicht erzählen kann, das Verschweigen des Eigentlichen zieht sich durch alle Texte…»

Melancholie tropft aus den Zeilen und sitzt in den Zwischenräumen des Geschriebenen. All das, was Verschwiegen wird, findet sich in Andeutungen des Schweigens, nicht aber in seiner wahren Präsenz. Es ist ein Schreiben über Erinnerungen, von denen nicht sicher ist, dass sie wirklich sind oder nur gedacht. Es ist ein Schreiben über das Schreiben, welches das Nicht-Geschriebene in und mit sich trägt. Es ist ein Schreiben dem Leben entlang, von dem nie ganz klar ist, ob es Traum oder Wirklichkeit ist. Entstanden ist ein Buch, das alles offenlässt und dessen Ende man als Leser selbst finden muss. Auch den Sinn von allem muss man selbst ergründen, er zeigt sich nicht offensichtlich.

Fazit
Ein poetisches, ein rätselhaftes, ein melancholisches Buch über das Schreiben und das Leben. Ein Buch, das einen nachdenklich zurücklässt und dessen Sinn sich vielleicht erst später auftut.

Zur Autorin
Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihrem Debüt »Sommerhaus, später« (1998) wurde eine außerordentliche Resonanz zuteil. 2003 folgte der Erzählungsband »Nichts als Gespenster«. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. 2009 erschien »Alice«, fünf Erzählungen, die international gefeiert wurden. 2014 veröffentlichte Judith Hermann ihren ersten Roman, »Aller Liebe Anfang«. 2016 folgten die Erzählungen »Lettipark«, die mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet wurden. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Im Frühjahr 2021 erschien der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, und für den Judith Hermann mit dem Bremer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet wurde. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. Literaturpreise: Preis der LiteraTour Nord 2022Bremer Literaturpreis 2022Rheingau Literatur Preis 2021Blixenprisen 2018 für »Lettipark«Erich-Fried-Preis 2014Friedrich-Hölderlin-Preis 2009Kleist-Preis 2001Hugo-Ball-Förderpreis 1999Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 1999

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ S. FISCHER; 3. Edition (15. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3103975109

Bettina Balàka (Hg.): Wechselhafte Jahre. Schriftstellerinnen übers Älterwerden

Inhalt

«Nichts ist schwieriger abzustreifen als eine von aussen übergestülpte Identität.» Alida Bremer

Und plötzlich ist man in dem Alter, das man früher als steinalt betrachtete. Und irgendwie hatte man es weder kommen sehen noch mitbekommen. Nun passen plötzlich Begriffe wie Wechseljahre, Klimakterium und Mittelalter auf einen, man hört von Veränderungen und fragt sich, wann sie kommen, wie sie sich auswirken und wie man damit umgehen wird.

«Manchmal fühlt man sich wie dreissig und dann geht man plötzlich an einem Spiegel vorbei und sieht jemanden, der um einiges älter ist. Es dauert einen Moment, bis man das innere Bild mit dem äusseren in Einklang bringt, bis man sich selbst erkennt.» Bettina Balàka

Dieses Buch versammelt humorvolle, realistische, poetische und sachliche Texte von Schriftstellerinnen über ihr eigenes Älterwerden und ihren Umgang damit. Es berichtet von Gutem und Schwierigerem, von Chancen und Herausforderungen.

Gedanken zum Buch

«Es ist von Bedeutung, dass ich nicht bemerkte, wie es begann. Einen Anfang jedoch muss es gegeben haben, den einen Tag, an dem ich morgens vor dem Spiegel beschloss, den Rock nicht anzuziehen…» Ruth Cerha

Im Leben passiert nichts von heute auf morgen, es ist ein schleichender Prozess, der einem selbst, weil man immer dabei ist bei den für sich gesehen unmerklichen Veränderungen. Man passt sich an die kleinen Zipperlein an, gewöhnt sich an die Schmerzen, nimmt die kleinen Veränderungen zwar wahr, denkt sich aber nichts dabei. Bis man damit konfrontiert wird, dass etwas passiert ist, das förmlich an einem vorbei gegangen ist und einen doch betrifft.

«Ich gehe verloren, etwas in mir geht verloren. Ich brauche nicht danach zu suchen, denn nicht, was war, muss wiederhergestellt werden. Ich brauche etwas anderes: mich selbst in meiner neuen Form. Als Frau, die weiss, wer sie in diesem Alter ist, welche Bedürfnisse sie hat, und die sich trotz Einschüchterungen nicht davon abhalten lässt, diese Bedürfnisse auszudrücken.» Ulrike Draesner

Nun ist man noch die gleiche, aber doch nicht mehr dieselbe. Man steht vor einem neuen Lebensabschnitt, der einerseits gefühlt ist, andererseits auch von aussen gezeigt wird. Die Aufmerksamkeit schwindet mehr und mehr, die Menschen rundherum scheinen jünger zu werden, man selbst bemerkt neue Bedürfnisse und Ansprüche, treibt sich mich anderen Themen – auch Lebensthemen – um. Oft passieren auch Brüche, die es zu bewältigen gilt: Kinder ziehen aus, Männer kommen abhanden, alte Lebensträume kommen plötzlich auf. Mit all dem will umgegangen werden.

«Altsein ist abhängig vom Geschlecht und von der historischen Epoche.» Bettina Balàka

Alter ist dabei viel mehr als nur eine Zahl, es ist bestimmt von gesellschaftlichen Konventionen darüber, was wann sein sollte. So oder so durchläuft man im Leben verschiedene Stufen und wird dementsprechend von aussen gesehen. Und genau davon handelt dieses Buch: Von den jeweiligen Altersstufen und dem Umgang mit dem Älterwerden. Die einzelnen Texte sind sehr unterschiedlich, so dass wohl nie jeder alle anspricht, aber sicher für viele etwas dabei ist. Entstanden sind so verschiedene Innensichten, die wohl keine neue Erkenntnis liefern, aber das Gefühl, mit all dem nicht allein zu sein, sondern in guter Gesellschaft.

Fazit
Ein kurzweiliges, unterhaltsames und sehr menschliches Buch über das Älterwerden als Frau in der heutigen Gesellschaft.

Herausgeberin und Autorinnen
Bettina Balàka, 1966 in Salzburg geboren, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, Theaterstücke und Hörspiele. Vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Georg-Trakl-Förderungspreis für Lyrik 2018 und dem Theodor-Körner-Preis 2004. Zuletzt erschien ihr erstes Jugendbuch »Dicke Biber« Leykam 2021), das mit dem Kinderbuchpreis für junge Leser*innen ausgezeichnet wurde. www.balaka.at

Die Texte stammen von:
Marlene Streeruwitz, Barbara Honigmann, Katja Oskamp, Barbara Frischmuth, Katrin Seddig, Linda Stift, Barbara Hundegger, Sabine Scholl, Marianne Gruber, Zdenka Becker, Alida Bremer, Ruth Cerha, Renate Welsh, Ulrike Draesner und Bettina Balàka.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Leykam; New Edition (27. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3701182633

Tillie Olsen: Was fehlt

Inhalt

«Wen hören und lesen wir, wen nicht? Und warum nicht?»

Wie entstehen Kunstwerke, was steht diesem Entstehen im Weg? Wieso hört man viele Stimmen nicht, obwohl sie so wichtig wären? Wieso schweigen viele, die etwas zu sagen hätten, während andere sich ungehindert Gehör verschaffen können? Und: Wieso sind es oft Frauenstimmen, die nicht sprechen können, die nicht gehört oder gar verhindert werden?

Diesen Fragen geht Tillie Olsen in den in diesem Buch gesammelten Vorträgen und Essays nach und greift damit eine Diskussion auf, die auch heute noch aktuell ist (man denke nur an Nicole Seiferts «Frauenliteratur»).

«Was braucht das Schöpferische, um sich verwirklichen zu können? Ohne die Absicht oder den Anspruch, literaturwissenschaftlich vorzugehen, verspürte ich im Laufe der Jahre das Bedürfnis, alles darüber zu lernen, was ich in Erfahrung bringen konnte, blieb ich doch selber fast stumm und musste die Schriftstellerin in mir wieder und wieder sterben lassen.»

Gedanken zum Buch

«Warum werde so viel mehr Frauen zum Verstummen gebracht als Männer? Warum sind die wenigen Werke von Frauen, die es immerhin gibt…, so wenig bekannt, werden sie so spärlich im Unterricht behandelt oder Ausgezeichnet?»

Tillie Olsen (1912 – 2007) ist selbst eine der (fast) verstummten Stimmen. Neben der Betreuung ihrer Kinder sowie der Arbeit für den Lebensunterhalt blieb kaum Zeit für die eigene Kreativität. Vermutlich ist es diesem Umstand geschuldet, dass sie über viele Jahre Gründe sammelte für das literarische Schweigen. Auch Zeugnisse von Schreibenden, die mit dem Schreiben und mit Blockaden und Hindernissen kämpften, fanden Eingang in ihre Vorträge und Reden, es sind Zitate aus Tagebüchern und Briefen von Franz Kafka und Virginia Woolf, Katherine Mansfield und Rainer Maria Rilke, von Dorothy Parker und Carson McCullers, und vielen mehr.

«Man wächst auf mit dieser […] seltsamen Vorstellung von weiblicher Verfügbarkeit in jeder geistigen Beziehung und dass man jedem, der es einfordert, zu Diensten sein muss.»

Gerade Frauen fiel es mehrheitlich schwer, für ihr Schreiben einzustehen. Dies hing auch mit den Rollenbildern früherer Zeit zusammen, in welcher Schreiben und Kunst für Frauen nicht vorgesehen war, sie ihre ihnen zugeschriebenen Aufgaben in der Gesellschaft hatten und den Rest den Männern überlassen sollten.

«Wie viel nötig ist, um zu schreiben. Neigung (viel verbreiteter als angenommen), die rechten Umstände, Zeit, die Entwicklung des eigenen Handwerks – aber darüber hinaus: wie viel Überzeugung von der Wichtigkeit des eigenen Worts, des eigenen Rechts, es auszusprechen. Und der Wille, der unerschöpfliche Vorrat an Glauben an sich selbst, um die eigenen Lebenserkenntnisse zu finden, ihnen treu zu bleiben, sie in die richtige Form zu giessen.»

Olsen thematisiert aber nicht nur, wer alles schwieg und aus welchen Gründen, sondern sie beleuchtet auch die Bedürfnisse eines schreibenden Menschen: Was braucht es, damit ein schreibender Mensch seiner Berufung zu schreiben folgen kann? Welche äusseren und inneren Bedingungen müssen erfüllt sein?

«Letzten Endes ist Kreativität eine Abbildung der Wechselbeziehung zwischen dem Individuum und der Umwelt, in der es lebt.»

Wichtig zu sehen ist, dass das Verstummen vieler Stimmen nicht nur ein individuelles Problem ist, sondern ein systemimmanentes. So lange die Rollen zwischen den Geschlechtern aufgeteilt sind, wie das auch heute noch oft der Fall ist, haben Frauen es schwerer, sich die nötigen Bedingungen für ihr eigenes Schreiben zu schaffen. Dazu kommt, dass der Literaturbetrieb auch heute noch zu einem grossen Teil männlich dominiert ist, so dass Bücher von Männern mehr berücksichtigt, mehr beworben und mehr besprochen werden, und auch die Schullektüren vorwiegend männlich ausfällt. (Ein Blick in die Schweizer Pflichtlektüre für die Matur hat das leider aktuell bestätigt: Siehe hier, hier und hier). Den Bezug zur heutigen Situation stellt auch das persönliche, kompetente und aufschlussreiche Vorwort von Julia Wolf her, welches den Boden für das Buch quasi vorbereitet, in welchen die Samen der Gedanken des Buches nachher fallen sollen, um von da zu wachsen.

Dem Aufbau Verlag ist ein grosses Lob auszusprechen, dass er diese Autorin auf den deutschen Markt gebracht hat, einerseits mit dem vorliegenden Buch, andererseits mit dem Erzählband «Ich stehe hier und bügle».

Fazit
Ein wichtiges Buch über die Situation schreibender Menschen, was sie zum Schreiben brauchen und wie so viele von ihnen verstummen und nie gehört werden.

Zur Autorin und den Mitwirkenden
Tillie Olsen, 1912 als Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland in Nebraska geboren, musste als junge vierfache Mutter ihre fortschrittlichen politischen Ansichten mit künstlerischem Ehrgeiz und Brotarbeit unter einen Hut bringen. Gleich ihre erste Story, »Ich steh hier und bügle«, erschien in den »Best American Short Stories of 1957«, kurz darauf wurde sie mit dem begehrten O.-Henry-Preis ausgezeichnet. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für ihr Werk diverse Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst College. Ihr berühmter Essay »Was fehlt« entstand aus einem Vortrag, den sie 1962 am Radcliffe Institute der Harvard University gehalten hatte. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien, und gilt heute als Vorreiterin der emanzipatorischen Literatur.

Nina Frey studierte Anglistik und Germanistik in Hamburg. Sie arbeitete lange im Kunsthandel, bevor sie sich als Übersetzerin selbstständig machte. Sie lebt in Wien.

Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, ist literarischer Übersetzer, Herausgeber, Reisebuchautor, Publizist, Redakteur und Sprecher. Er hat zahlreiche Klassiker ins Deutsche übertragen, darunter Mark Twains Autobiographie. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. »Heinrich Maria Ledig-Rowohlt«-Preis, Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis und Straelener Übersetzerpreis.

Nele Holdack, leitende Lektorin moderne Klassik und Klassik, gab unter anderem Werke von Hans Fallada und Victor Klemperer, Lion Feuchtwanger und Mark Twain, Tillie Olsen und Brigitte Reimann heraus.

Julia Wolf ist Autorin und Übersetzerin. Zuletzt erschien ihr Roman »Alte Mädchen«. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs »Writing with Care/Rage« und lebt mit ihrer Familie in Leipzig.
Tillie Olsen, 1912 als Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland in Nebraska geboren, musste als junge vierfache Mutter ihre fortschrittlichen politischen Ansichten mit künstlerischem Ehrgeiz und Brotarbeit unter einen Hut bringen. Gleich ihre erste Story, »Ich steh hier und bügle«, erschien in den »Best American Short Stories of 1957«, kurz darauf wurde sie mit dem begehrten O.-Henry-Preis ausgezeichnet. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für ihr Werk diverse Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst College. Ihr berühmter Essay »Was fehlt« entstand aus einem Vortrag, den sie 1962 am Radcliffe Institute der Harvard University gehalten hatte. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien, und gilt heute als Vorreiterin der emanzipatorischen Literatur.

Nina Frey studierte Anglistik und Germanistik in Hamburg. Sie arbeitete lange im Kunsthandel, bevor sie sich als Übersetzerin selbstständig machte. Sie lebt in Wien.

Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, ist literarischer Übersetzer, Herausgeber, Reisebuchautor, Publizist, Redakteur und Sprecher. Er hat zahlreiche Klassiker ins Deutsche übertragen, darunter Mark Twains Autobiographie. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. »Heinrich Maria Ledig-Rowohlt«-Preis, Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis und Straelener Übersetzerpreis.

Nele Holdack, leitende Lektorin moderne Klassik und Klassik, gab unter anderem Werke von Hans Fallada und Victor Klemperer, Lion Feuchtwanger und Mark Twain, Tillie Olsen und Brigitte Reimann heraus.

Julia Wolf ist Autorin und Übersetzerin. Zuletzt erschien ihr Roman »Alte Mädchen«. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs »Writing with Care/Rage« und lebt mit ihrer Familie in Leipzig.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau; 1. Edition (11. Oktober 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3351039832
  • Übersetzung : Nina Frey und Hans-Christian Oeser
  • Originaltitel ‏ : ‎ Silences

Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie

Inhalt

«Elisabeth Zott war ebenfalls nachtragend. Doch sie war das hauptsächlich in Bezug auf eine patriarchalische Gesellschaft, die auf der Idee fusste, Frauen seien weniger. Weniger fähig. Weniger intelligent. Weniger schöpferisch.»

Elisabeth Zott lebt in einer Zeit, in der Frauen hinter dem Herd stehen und die Männer das Leben aktiv gestalten. Sie will sich dem nicht fügen, sie will als Chemikerin ihren eigenen Weg gehen, beweisen, dass sie genauso viel kann wie ein Mann – und teilweise kann sie sogar mehr. Auch wenn sie mit schwierigen Startbedingungen in dieses Leben ging und dieses ihr immer wieder Knüppel zwischen die Beine wirft, gibt sie nicht auf. Dass sie als alleinerziehende Frau schlussendlich beim Fernsehen in einer Kochsendung landet, war so nicht vorgesehen, doch auch das hindert sie nicht daran, an ihre eigenen Ziele zu glauben. Im Gegenteil, sie nutzt das als Chance, auch anderen Frauen Mut zu machen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen.

«Aber sie hatte nun mal Ziele, und verdammt, wieso sollte sie den anderen bloss zuschauen? Zuschauen brachte niemanden weiter.»

Gedanken zum Buch

«Wenn Selbstzweifel Sie beschleichen… wenn die Angst sie packt, denken Sie immer daran, dass Mut der Grundstein für Veränderung ist. Und wir sind chemisch dazu angelegt, uns zu verändern. Fassen Sie also morgen beim Aufwachen folgenden Vorsatz: Keine falsche Zurückhaltung mehr. Kein Unterordnen mehr unter die Meinungen anderer, die Ihnen sagen wollen, was sie leisten können und was nicht. Und nie wieder zulassen, dass andere Sie in Schubladen stecken, in sinnlose Kategorien wie Geschlecht, Rasse, wirtschaftlicher Status und Religion. Lassen Sie ihre Talente nicht schlummern, Ladys. Gestalten Sie Ihre eigene Zukunft.»

Die Geschichte spielt in den 60er Jahren, in einer Zeit, in der Männer das Sagen haben, Frauen aber langsam aufwachen. Es wird eine Gesellschaft dargestellt, die in ihren Strukturen patriarchalisch ist, in der es nicht vorgesehen ist, dass Frauen sich in der Wissenschaft oder sonst öffentlich durchsetzen. Auf eine feinfühlige, witzige, teilweise ein wenig dozierende Weise legt die Geschichte den Finger in die Wunden, zeigt die Missstände auf, die auch heute noch teilweise spürbar sind, und ruft dazu auf, sich für eine Veränderung einzusetzen. Entstanden ist ein Buch, das als Aufforderung gelesen werden kann, sich als Frau nicht unterwerfen zu lassen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, die eigenen. Ziele zu verfolgen, sich nicht selbst unterzuordnen. «Eine Frage der Chemie» ist ein Lebensratgeber in Romanform, eine Geschichte, die wichtige Themen des Seins als Mensch, als Frau, als Gesellschaft aufgreift und auf eine zutiefst menschliche, berührende, warmherzige Art behandelt.

«Menschen werden sich immer nach einer einfachen Lösung für ihre komplizierten Probleme sehnen. Es ist sehr viel leichter, an etwas zu glauben, das du nicht sehen, nicht berühren, nicht erklären und nicht verändern kannst, als an etwas zu glauben, bei dem das alles möglich ist… An sich selbst, meine ich.»

Mit Elisabeth Zott ist Bonnie Garmus eine Protagonistin gelungen, die kämpferisch, ehrlich, mutig und authentisch ist. Eine Frau, die ihr Leben in die Hand nimmt, die Probleme, die sich stellen angeht. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht die Dinge an, nennt sie beim Namen. Und doch hat auch sie Bereiche, die sich in Schweigen hüllen, die sie in sich verschliesst, weil sie zu nah gehen, weil sie zu schmerzhaft sind, und auch weil sie weiss, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist. Elisabeth Zott ist eine Frau, die man ins Herz schliesst, der man sich verbunden fühlt, mit der man leidet, hofft und fühlt. Nie lässt sie einen einfach kalt, sie berührt auf eine unprätentiöse Art durch ihr ehrliches, pragmatisches, souveränes Auftreten. Dass ihr ein zweiter Protagonist an die Seite gestellt wird, ein zotteliger grosser Hund, der als gute Seele alles zusammenhält, aufpasst, dass nichts passiert, der mit feinem Gespür für Menschen weiss, wie es ihnen geht, wonach sie sich sehnen, und was sie von ihm brauchen, macht das Buch noch menschlicher.

«Die beste Methode, das Schlechte im Leben zu bewältigen, ist oft, es umzukehren, es als Stärke zu benutzen, nicht zuzulassen, dass das Schlechte dich bestimmt.»

«Eine Frage der Chemie» ist ein Buch, das Mut macht. Es ist ein Buch, das dazu aufruft, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und auch bei schwierigen Situationen nicht aufzugeben. Es ist ein Buch darüber, Missstände zu bekämpfen und sich ihnen nicht einfach zu ergeben. Es ist vor allem aber ein Buch, das berührt, das den Leser in den Bann zieht, das Resonanz erzeugt, indem es zum Lächeln und zum Weinen bringt.

Es gibt teilweise Längen im Buch, die den Erzählfluss zugunsten von halbtheoretischen Abhandlungen und zu langwierigen Situationsbeschreibungen unterbrechen. Es hätte der Geschichte gutgetan, diese zu kürzen. Trotzdem lohnt es sich, durchzuhalten, denn danach nimmt das Buch wieder Fahrt auf.

Fazit
Ein herzergreifendes Buch über eine Frau, die ihren Weg geht in einer Zeit, die das so nicht vorgesehen hat – berührend, unterhaltsam, klug.

Zur Autorin
Bonnie Garmus war als Kreativdirektorin international vor allem in den Bereichen Medizin, Erziehung und Technologie tätig. Privat bevorzugt sie das Schwimmen im offenen Meer, wobei sie sich darauf konzentrieren muss, nicht darüber nachzudenken, was alles sonst noch unter ihr schwimmt. Gebürtig aus Kalifornien lebte sie lange in Seattle, wo sie sich ausgiebig dem Wettkampfrudern widmete. Sie ist außerdem Mutter zweier erwachsener Töchter und lebt aktuell mit ihrem Mann in London. Dies ist ihr erster Roman.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Piper; 15. Edition (31. März 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 464 Seiten
  • Originaltitel ‏ : ‎ Lessons in Chemistry
  • Übersetzung ‏ : ‎ Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3492071093

Thorsten Pilz: Weite Sicht

Zum Inhalt

«Charlottes Gedanken drehten sich weiter. Friedrichs Tod, sein Testament, sein Doppelleben…, ihre Freundschaft mit Sabine, die gemeinsame Zeit in ihrem Haus in Hamburg. All das wollte sich in dieser Nacht nicht zusammenführen lassen.»

Als Friedrich stirbt, kommen sie ans Licht – all die kleinen Lebenslügen. Charlotte, Friedrichs Witwe, blickt auf ihr Leben bislang, auf die Beziehungen zu Familienmitgliedern und Freunden, und merkt, dass es nun, mit über 70, an der Zeit ist, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, um das Leben zu leben, das sie zu leben nicht gewagt hatte. Sie ist damit nicht allein.

Gedanken zum Buch
Sartre sagte, wir würden in die Welt geworfen und es sei an uns, uns darin einzurichten als die, die wir sind. Das nannte er unsere Freiheit, zu welcher wir verdammt seien. Es scheint, dass wir dieser Verdammnis oft leicht entkommen, indem wir uns gesellschaftlichen und familiären Zwängen und Geboten unterwerfen. Wir nehmen ein Lebensmodell auf, von dem wir denken, es würde von uns erwartet – und oft ist dem auch so. Wir fügen uns in eine Lebenssituation ein, weil dies allein unsere Zugehörigkeit in der Gemeinschaft, zu der wir gehören wollen, sichert. Nicht selten befinden wir uns dann bei näherem Betrachten in einem Leben, das uns nicht entspricht. Dies widerfährt den Figuren in Thorsten Pilz’ Roman «Weite Sicht». Alle hatten sich vordergründig eingerichtet in ihren bürgerlichen Existenzen, hatten dafür (was oft verdrängt wurde) Träume und Lieben aufgegeben. Als Friedrich stirbt, kommt alles ans Licht.

Wieso dann, könnte man fragen? Vielleicht weil er mit einer offenen Aussprache (in Form eines durch den Nachlassverwalter vorgelesenen Briefs) den Stein ins Rollen brachte. Was sich vorher schon in kleinen Brüchen in der Fassade zeigte, brach nun durch. Jeder für sich war gefordert, hinzuschauen. Die Frage, wessen Leben man gelebt hatte und welchen Preis man dafür zahlte, lag nun offen da. Und sie suchte nach Antworten, die jeder für sich finden musste.

«No regrets in life! Just lessons learned.”

Thorsten Pilz hat ein wunderbares Buch über die menschliche Fähigkeit zur Anpassung geschrieben. Er thematisiert, wie über Jahre Lebenslügen aufrecht erhalten werden, um den Schein zu wahren. Er legt die Folgen für den jeweils Einzelnen offen, und er macht deutlich, wie daraus ein Beziehungsgefüge von eigentlich beziehungslosen Menschen entsteht. Dies alles gelingt Pilz ohne moralischen Zeigefinger oder psychologisierende Sozialkritik, sondern durch eine stille, sachliche, trotzdem menschliche und wohlwollende Erzählweise. Wir Leser begleiten Charlotte durch die Tage nach Friedrichs Tod, sehen Lügengebilde platzen, Trauer aufsteigen und neue Lebenspläne entstehen. Wir sind Teil eines Umbruchs, fühlen uns beim Lesen mittendrin und würden am liebsten das Glas hinhalten, wenn Rotwein eingeschenkt und das Leben besprochen wird.

Fazit
Ein warmherziges, einnehmendes, berührendes Buch über Liebe und Tod, Schein und Sein, Beziehungen und Eigenverantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Thorsten Pilz (Jahrgang 1969) ist Redakteur beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Seine Liebe zu Dänemark begann in Sommerurlauben an der jütländischen Westküste mit Softeis, Pølser und scheinbar endlosen Sandstränden. WEITE SICHT ist sein erster Roman. Thorsten Pilz lebt in Hamburg.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Lübbe; 1. Aufl. 2023 Edition (31. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3785728376

Caroline Schmitt: Liebewesen

Inhalt

«Wer sein Herz an Lebewesen hängt, kann nur verlieren, dachte ich.»

Lio lernt Max kennen, zwei Menschen kommen zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Was sie verbindet: Sie sind beide auf ihre Weise verletzte Seelen. Während Max aber offen durch die Welt geht, so auch versucht, in Lios Welt einzudringen, ist Lio verschlossen und versucht krampfhaft, ihn draussen zu halten. Zu gross sind ihre Ängste, zu tief die Verletzungen ihres vergangenen Lebens. Die Bestrebungen, näher zusammenzuwachsen, zeigen langsam Früchte, doch dann wird Lio schwanger und alles verändert sich erneut.

Gedanken zum Buch

«Zuerst war ich meiner Mutter der Dorn im Auge, der ihre Zweisamkeit zerstörte, dann der Dorn, der ihre Nippel wund biss, anstatt daran zu saugen, und dann der Dorn, der ihr das Geld aus der Tasche zog.»

Lio wächst mit dem Gefühl auf, ungewollt zu sein. Die Botschaft, fehl am Platz zu sein, eine Last und überflüssig, hat sich tief in ihre Seele eingegraben. Die Schläge und Übergriffe in der Kindheit und Jugend haben tiefe Narben hinterlassen, sie haben dazu geführt, dass Lio eine dicke Mauer aus Ironie, Zynismus und Distanz um sich aufgebaut hat, hinter der sie sich versteckt und mit der sie sich schützen will. Nun verletzt nur noch sie selbst sich immer wieder – auf allen Ebenen.

«Ich war der unentspannteste und hässlichste Mensch, der je unter ihm gelegen hatte. Ich wollte raus aus dieser Situation und raus aus diesem Körper, nicht nur für den Moment, sondern für immer, ich wollte sterben, aber den Gefallen tat mein Körper mir nicht.»

Lio leidet an sich selbst und an den Erfahrungen, die sich so tief in ihren Körper und ihre Seele eingebrannt haben, dass sie sie von innen heraus zu verbrennen scheinen. Das Gefühl, nichts wert zu sein, lässt sie daran zweifeln, dass jemand sie lieben könnte. Ihr Körper ist ihr so fremd, dass sie ihn lieber zerstören würde, als dass sie ihn geniessen kann. Max will ihr helfen, er will ihr einen Weg zu sich selbst zurück zeigen. Er will mit ihr über das sprechen, was sie an den Punkt gebracht hat, wo sie heute ist. Doch auch Max hat seine Verletzungen und Abgründe, die regelmässig die Beziehung erneut auf eine grosse Probe stellen.

«Vielleicht krachen nicht wir gegeneinander, sondern die Welten, aus denen wir kommen.»

Wir sind, wer wir wurden, weil wir erlebten, was uns begegnete im Leben. Was wir in der Kindheit erfahren, zieht seine Fäden ins Erwachsenenleben und wirkt durch uns hindurch. Es ist schwer, das abzulegen. Und so prallen mitunter Welten aufeinander, die aus einer anderen Zeit stammen und in der heutigen nicht zusammenpassen. Das müssen auch Lio und Max mit der Zeit anerkennen.

«…mir ist im Laufe der Zeit immer klarer geworden, was mit mir alles nicht stimmt. Wenn ich dich anschaue, sehe ich mein Versagen.»

Es sind Beziehungen, die uns zeigen, wer wir sind. Erst durch ein Du erfahren wir das Ich in all seinem Sein und Tun wirklich. Der Partner wirkt gleichsam als Spiegel, der einem vorgehalten wird. Das macht das Zusammensein mitunter schwer. Das müssen auch Lio und Max erkennen und einen Weg suchen, wie sie damit umgehen wollen und können.

«Liebewesen» ist ein tiefgründiges Buch, das grundlegende Themen des Lebens aufgreift. Es geht um das eigene Werden und Sein, um Vertrauen, Verrat, Verletzungen und (Selbst-)Zerstörung. Es geht um Liebe und Tod, um Neuanfänge und Enden. Es ist ein Buch über das Schweigen und die Sprachlosigkeit in Bezug auf das, was schmerzt. Es ist die Geschichte zweier Menschen, die tief verletzt und doch tapfer einen gemeinsamen Weg suchen und gehen wollen. Es ist dadurch auch ein Buch voller Hoffnung. Caroline Schmitt nähert sich all diesen Themen auf eine leichte und oft auch humorvolle Weise, ohne dabei den Ernst zu verdecken. Es gelingt ihr, die eigentlich schweren Themen in eine flüssig lesbare Form zu bringen, so dass sie nicht erschlagen beim Lesen, sondern einen in den Bann ziehen, weil immer wieder die Hoffnung da ist, dass es einen Weg gibt, all das Schwere hinter sich zu lassen, so dass doch noch alles gut kommt. Was auch immer gut bedeuten mag.

Fazit
Ein tiefgründiges, nachdenkliches, aber auch humorvolles Buch über die Beziehung zweier verletzter Seelen, die mit den eigenen Abgründen kämpfen und auf eine bessere Zukunft hoffen.

Zur Autorin
Caroline Schmitt, Jahrgang 1992, studierte Journalismus an der University of the Arts London. Sie lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin für Deutsche Welle, ZDF und funk. LIEBEWESEN ist ihr erster Roman.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Eichborn; 2. Aufl. 2023 Edition (27. Januar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3847901303

Julia Schoch: Das Vorkommnis

Zum Inhalt

«Wir haben übrigens denselben Vater.
In meiner Erinnerung bricht mir bei diesem Satz der Füller aus. Die Feder entgleist, und es entsteht eine lange, tiefe Linie auf dem Papier. Eine Linie des Schocks. Als wäre ich mitten in der Unterschrift von einer Kugel getroffen worden.»

Bei einer Lesung steht eine fremde Frau vor dem Lesepult der Autorin und sagt, sie hätten beide denselben Vater. Danach verschwindet sie wieder, lässt die Autorin mit all ihren Gedanken, die sie mit nach Amerika und wieder zurück nach Deutschland nimmt, allein.

Gedanken zum Buch

«Nie weiss an genau, in welcher Gegenwart man lebt. Manchmal sind wir lange Zeit in Gedanken woanders, bei Menschen und Geschehnissen aus einer anderen Zeit, anderen Räumen.»

Wir folgen der Ich-Erzählerin, einer Autorin, von Deutschland nach Amerika und zurück. Noch viel mehr aber folgen wir ihren Gedankengängen, dem Reisen durch viele Orte und noch mehr Zeiten. Es ist ein Pendeln innerhalb einer Geschichte, in welcher die Vergangenheit sich in die Gegenwart eingräbt und diese prägt. Es ist das verfolgen von Erinnerungen, die sich doch nie als wirklich verlässlich zeigen, die immer auch wieder in Zweifel gezogen werden.

«Trotzdem oder gerade deshalb habe ich dem Vergessen immer grosse Sympathien entgegengebracht. Ich glaube, ich hatte viel übrig für das Schweigen.»

Und manchmal sind da keine Erinnerungen. Oder sie tauchen auf, während sie lange verschollen waren. Es ist ein Hinterfragen dessen, was präsent ist, ein Infragestellen der eigenen Sicht auf sich und das Leben mit all seinen gelebten und ungelebten Beziehungen und Bezugnahmen.

«Es ist leicht, über etwas nicht zu reden. Zu glauben, dass die Dinge ihre bedrohliche Kraft verlieren, wenn man nicht darüber spricht. Zu hoffen, dass alles schwächer und blasser wird, je mehr Zeit vergeht.»

Manchmal ist es vielleicht nicht mal ein Vergessen, sondern ein (aktives?) Verdrängen. Die Dinge, die nicht fassbar scheinen, die überfordern wollen, die nicht in das eigene gemachte Leben passen, werden ausgeblendet. In diesem Ausblenden erhofft man sich Ruhe, erhofft man sich, dass das, was nicht passt, verschwindet durch das Nicht-Erinnern, dadurch, dass nicht zur Sprache kommt, keine Sprache hat.

«Damals dachte ich unentwegt daran, was noch im Verborgenen liegen könnte oder jemals im Verborgenen gelegen hatte. Auch die Beziehung zu meinem Mann, die mir bis dahin als die grösste Liebesgeschichte des späten 20. Jahrhunderts erschienen war, bekam Risse – allein dadurch, dass ich über sie nachdachte.»

Wir richten uns in unserem Leben ein, welches wir zu kennen glauben. Wenn wir merken, dass wir nicht alles erfasst haben, dass sich unter der Decke des Bekannten Unbekanntes verbirgt, welches plötzlich hervorbrechen kann, bringt das eine Unsicherheit in die vormalige (Schein-)Sicherheit. Das bislang Bekannte erscheint als Illusion, als Ausschnitt von etwas Grösserem oder Anderem, das wir vielleicht nur noch nicht kennen, das aber ebenso über uns hereinbrechen und alles durcheinander bringen könnte.

«Aber selbst wenn man es schafft, wenn man die passenden Worte findet, ist das Schreiben eine Art Verdrängung, immer. Da es die Dinge in einem neuen Licht erscheinen lässt. Man lebt fortan mit einer neuen Version seiner selbst.»

«Das Vorkommnis» ist ein nachdenkliches, ein tiefgründiges Buch, ein Buch, welches das Leben hinterfragt. Es ist ein Buch über Herkunft, über Beziehungen, über Familie und den Wert von Erinnerungen. Es ist aber auch immer wieder ein Buch über die Verarbeitung all dessen, was man im Leben antrifft, was in dieser Geschichte vielfach über das Schreiben und die Reflexion dieses Schreibens passiert.  Julia Schoch lässt uns durch die Protagonistin, die namenlose Ich-Erzählerin eintauchen in die Welt und vor allem die Gedanken einer Frau, die durch ein Vorkommnis, das unerwartete Auftauchen einer bislang unbekannten Schwester, aus der Bahn geworfen wird und plötzlich nicht mehr weiss, ob sie bisher überhaupt in einer drin war. Als Leser findet man sich unweigerlich in einem Dialog zwischen den Gedanken der Protagonistin und den eigenen.

Fazit
Ein grossartiges Buch darüber, wie ein einzelner Augenblick das ganze Leben verändern kann – zum Nachdenken anregend, tiefgründig, ein Buch, das einen von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann zieht.

Zur Autorin
Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, aufgewachsen in der DDR-Garnisonsstadt Eggesin in Mecklenburg, gilt als »Virtuosin des Erinnerungserzählens« (FAZ) und bekam für ihre von der Kritik hochgelobten Romane und Erzählungen schon viele Preise, zuletzt den Schubart-Literaturpreis für ihren Roman ›Das Vorkommnis. Biographie einer Frau‹. Für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk wurde ihr 2022 die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung verliehen. Sie lebt in Potsdam.

Ebenfalls von ihr erschienen: «Das Liebespaar des Jahrhunderts»

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 1. Edition (16. Februar 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423290210