Stell dir vor, es ist Weltmeisterschaft und alle schauen weg

Bald geht es los mit der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange, es wird geplant, gebaut, geklotzt. Tausende von Menschen werden ihrer Häuser beraubt, Schulen geschlossen, Gelder in der Höhe von drei vergangenen Weltmeisterschaften verschwendet. Brasilien ist im Fussballfieber oder besser: Das Fussballfieber macht Brasilien krank? Ist das Irrsinn oder wirklich noch Sport und Freude?

Wenn in einem Land so viele Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, weil Armut um sich greift, ist es ein Hohn an der Menschlichkeit und ein Schlag gegen die Menschenwürde, wenn man so viel in glänzendes Fussballambiente investiert und die ansässigen Menschen gar noch mit Füssen tritt, indem man Ihnen das Zuhause und die Bildungsmöglichkeiten nimmt. Fussball ist zu einem reinen Finanzgeschäft geworden (nicht erst heute, nicht erst seit Brasilien).  Was schon im nationalen Fussball zu sehen ist, indem die zahlungskräftigsten Mannschaften oft die Ranglisten anführen, nimmt international immer haarsträubendere Formen an.

Schon die Weltmeisterschaften in Südafrika schlugen hohe Wellen. Gefahren und Risiken wurden in den schwärzesten Farben ausgemalt. Das ganz grosse Fiasko blieb aus (keine Tausende von Toten und dergleichen), aber von positiven Effekten (für das Land) ist auch wenig zu sehen.  Eine Studie[1], im Auftrag des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks erstellt, zeigt die eher düsteren Auswirkungen der FIFA Weltmeisterschaften auf Südafrika. Als Fazit kann gelten:

Heute ist es offensichtlich, dass sich die Schätzungen von 2003, in denen Südafrika nur  minimale“ Kosten und „signifikante“ materielle Nutzen versprochen worden waren, ins  Gegenteil gedreht haben.

Das Geld, das nun auch in Brasilien investiert wird, könnte in Anbetracht des Mangels in diesem Land (und auf der ganzen Welt) besser eingesetzt werden. Das müsste nicht mal zwingend auf Kosten des sportlichen Wettkampfes gehen, der könnte trotzdem stattfinden, einfach anders und zu menschen- und umweltfreundlicheren Konditionen. Dabei nun das Argument anzuführen, dass es auch andere Gelder gäbe, welche man umverteilen könnte, so dass niemand Mangel leiden müsste, wäre Milchbüchleinverfahren. Wenn man immer das andere Töpflein als das bezeichnet, aus welchem genommen werden soll, das eigene aber nur gefüllt haben möchte, zeugt das von keiner gemeinschaftlichen und vor allem solidarischen Verteilungspolitik. Wenn nun jeder so denkt, was heutzutage der Fall scheint, wird sich nie etwas ändern und die Schere zwischen Arm und Reich immer noch grösser werden. Die, welche Macht über einen Geldtopf haben, werden ihn verschlossen halten, die, welche des Geldes bedürfen, schauen in die Röhre.

Ich habe nicht vor, über den Holocaust zu reflektieren oder für die Annalen die Geschichte einer weiteren Überlebenden zu erzählen. Stattdessen geht es um eine Grossmutter (die Auschwitz überlebt hat) und um mich (der ich manchmal über Dinge reflektiere, von denen ich wenig Ahnung habe).

Der Besuch der Grossmutter aus Brasilien steht an, der Enkel, in Deutschland wohnend, holt sie am Flughafen ab und ist eher ängstlich, was ihn erwartet als hoch erfreut. Die Schreckensvorstellungen scheinen sich zu bewahrheiten ob der unermüdlichen Energie der alten Dame, welche ihre Gastgeber in die Erschöpfung zu treiben droht durch unaufhörliche Gesprächigkeit, Urteile, die schnell gefällt und unerschütterlich feststehend sind, ohne dabei auf die Gefühle der Getroffenen  Rücksicht zu nehmen.

Die Neugier der alten Dame ist unersättlich, Deutschland liegt ihr am Herzen, obwohl sie hier die wohl schwärzeste Zeit ihres Lebens hatte, auf der Flucht und eingesperrt in Konzentrationslagern. Im Gespräch mit dem Enkel wird diese Vergangenheit in die Gegenwart geholt.

Meine Oma zu porträtieren heisst nicht nur, ihre Geschichte zu erzählen, sondern vor allem, die Art und Weise abzubilden, wie sie diese Geschichte erzählt.

Durch die Art der Grossmutter erscheint die Geschichte nicht so düster, wie man sie gerne malen würde. Nirgends fehlt es an Humor, das Unverständnis über gewisse Episoden tut sie mit wirschen Bewegungen ab und scheint sich nicht als bedauerliches Opfer zu sehen, sondern als Frau, die ihren Weg durch eine Geschichte ging, deren Anforderungen sie sich stellte.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Grossmutter wird schlussendlich zur Geschichte des Enkels und seiner Beziehung zu seiner Grossmutter. Dabei ist nicht nur Nähe entstanden.

Das Buch, mit dem ich meine Oma hatte kennenlernen wollen – was mir auch gelungen war -, hatte sie für mich zugleich fast wieder zu einer fiktionalen Figur gemacht und entfernte sie von mir.

Das Buch variiert in seinen Erzählformen, ist einerseits Momentaufnahme eines Besuchs, andererseits Gespräch und Tagebuchauszug aus dem Lager. Es spielt in Deutschland, Brasilien, in den Lagern des Weltkrieges. Trotz dieser Wechsel von Erzählstil und Ort zeigt es eine Einheit, die Einheit eines Lebens im Heute, wie es wurde aus dem Gestern.

Fazit:

Während das Thema des Buches düster und dunkel klingt, sieht man sich mit einem humorvollen, ironischen, kurzweiligen und vor allem menschlichen Buch über das Leben einer Grossmutter konfrontiert. Die Liebe zu dieser  resoluten, anstrengenden Frau spriesst aus jeder Zeile, ohne dabei kitschig zu wirken. Absolut lesenswert.

(Ariel Magnus: Zwei lange Unterhosen der Marke Hering. Die erstaunliche Geschichte meiner Grossmutter, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2012.)

BildAngaben zum Buch:

Hardcover: 175 Seiten

Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. September 2012)

Übersetzung: Silke Kleemann

Preis: EUR: 18.99 ; CHF 28.90

 

 

 

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