„Beharrliche Güte siegt auch über schlechte Menschen.“Seneca)

Gibt es schlechte Menschen? Oder empfinden wir die Menschen als schlecht, die uns Böses tun? Was empfinden wir als böse? Meist das, was sich nicht mit unseren Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen deckt, das, was unseren Werten widerspricht.

So oder so: Wie wollen wir mit Menschen umgehen, die uns in einer Weise gegenübertraten, die uns denken liess, dass hier ein schlechter Mensch ist? Der erste Impuls ist oft, es heimzuzahlen. Der zweite, wutentbrannt die verbindenden Bänder zu lösen und getrennte Wege zu gehen. Was nicht grundsätzlich falsch sein muss, allerdings wenig bringt, wenn in uns die Wut mitgeht.

Wir können die anderen Menschen nicht ändern, wir haben nur das in der Hand, was wir selber tun, wie wir uns zum Ganzen stellen. Böses wird Böses nie aus der Welt schaffen, das schafft nur das Gute.

Ich wollte so viel sagen,
wollte all das Leid beklagen.
Ich wollte diese Welt bedauern,
und den ganzen Hass betrauern.
Allein: Es fehlten mir die Worte,
und viel mehr: Was wär’n die richt’gen Orte?

 

Sollt’ ich also schweigen?
Tun das nicht die Feigen?
Was aber wollt’ ich sagen?
Bleibt mir mehr als nur noch Fragen?
Was gilt denn nun?
Was ist zu tun?

 

Während alle rufen, alle schreien,
wer die Bösen in dem Spiel grad seien,
gehen mir die Worte aus,
merke ich, die Luft ist raus,
und so sitz ich hier und frage,
wen kümmert, was ich sage?

 

Das Leben wird wohl weiter gehen,
alles werd’ ich nie verstehen.
Was ich kann, ist zu versuchen,
nicht nur andere verfluchen,
sondern hier in meinem Leben,
das mir Möglichste zu geben.

Einsam reitet der Marlboro Mann durch die Prärie. Den Hut im Nacken, die Zigarette im Mundwinkel gibt er dem Pferd die Sporen und prescht dahin. Er verkörpert Abenteuer, Männlichkeit, Kraft und Wille. Frau kann dem kaum widerstehen, mit offenem Mund, einer dünnen Speichelspur aus dem Mundwinkel, sitzt sie da und starrt ihn an, starrt auf seine Muskeln, die am nackten Oberkörper spielen, gäbe ihre Schuhsammlung dafür, dürfte sie ihn nur einmal berühren. Frau ist in ihren Instinkten gefangen. Der Abenteurer, wild und stark zeugt von den besten Genen, er ist der Sieger im Genpool, der perfekte Erzeuger. Genau diese Gene braucht sie, um eine gesunde Brut auf die Beine zu stellen. Und selbst wenn sie aus dem Brütealter heraus ist, geben die Gene ihren Senf dazu bei der Wahl des Mannes. Noch immer ziehen die Signale, noch immer siegen die Instinkte, überrumpeln die Hormone.

Dann wäre da noch der liebe Nette von nebenan. Sieht gut aus, ist der Liebling der alten Damen im Haus, hat Manieren, Witz und Geist. Er ist ein guter Kumpel, Freund in allen Lebenslagen. Frau liebt es, bei ihm sein Herz auszuschütten, zieht mit ihm um die Häuser, immer offen für den einen Wahren, der im Sturm das Herz erobert, weil er so gar nicht lieb und nett ist. Wir lieben unseren netten Freund, würden ihn nicht hergeben, aber hin und weg, so ganz, das sind wir nicht, dazu brauchen wir den bösen Buben, der uns Spannung und Herausforderung verspricht.

Der böse Bube ist nicht nur böse, sonst würden wir ihm nicht verfallen, wir sind ja nicht doof. Er ist sehr charmant, sehr zuvorkommend, erzählt von seinen Abenteuern auf dem Marlboroross, erzählt von Sonnenuntergängen, denen er entgegen reitet, will uns mitnehmen, gehalten in den starken Armen. Wir sehen uns vor dem geistigen Auge in dieser romantischen Szene. Wir schauen ihm tief in die Augen, er schaut genauso zurück. Das Schicksal scheint besiegelt. Glücklich reiten wir schon mal imaginär gen Horizont, wähnen uns am Ziel angekommen, endlich den Mann gefunden zu haben, der all das hat und ist, was wir uns wünschen: Abenteuer, Stärke, Romantik, diese ach so wunderschönen Augen, den dazugehörenden begehrenden Blick, der uns einerseits anzieht, andererseits auszieht und uns sagt, wir seien die wunderbarsten Geschöpfe auf Erden. Er verspricht, uns die Welt vor die Füsse zu legen, die Sterne vom Himmel zu holen und uns auf Händen zu tragen. Wir sind ihm erlegen.

Nun ist der Abenteurer nicht umsonst Abenteurer, das Abenteuer des Eroberns verliert seinen Reiz, das nächste lockt. Er geht zur Tagesordnung über und ist, was er ist: Ein böser Bube, der dabei immer noch nicht böse im wirklichen Sinne ist, aber eben auch nicht der liebe Nette. Er will nicht täglich mit dem Gaul gen Sonnenuntergang reiten, schon gar nicht mit uns im Arm. Irgendwann ist auch mal gut und es reizt wieder, über Stock und Stein zu preschen, ohne Ballast im Arm, sondern mit den Kumpels im Schlepptau. Er findet Romantik toll, uns auch, aber alles zu seiner Zeit. Die Sterne bleiben am Himmel hängen, die Welt liegt nicht zu Füssen, zum getragen Werden sind wir zu schwer. Das zu beklagen hätte wenig Sinn, schliesslich und endlich wollten wir diesen wilden Abenteurer. Wir fuhren auf genau dieses Eigenwillige, dieses Ungestüme ab, was also hat uns bewogen, zu glauben, er sei nachher wie Wachs in unseren Händen? Und hätten wir es geglaubt, hätten wir ihn dann so anziehend gefunden?

Irgendwann merken wir: Aus einem Abenteurer macht man keinen zahmen Lebensbegleiter, wir ziehen die Konsequenzen und lassen ihn frei. Wir schwören uns, nie mehr auf den wilden Abenteurer reinzufallen, wissen, wir kommen damit nicht klar, wissen, das geht nie gut. Wir kennen nun all die Vorzüge des lieben Netten, die uns in der ganzen Abenteuergeschichte doch gefehlt haben, die uns nach dem bitteren Ende wieder auffingen, die uns wieder Hoffnung gaben, doch nicht ganz falsch gewickelt zu sein in unseren Träumen, Ideen, romantischen Phantasien. Wir wissen, dass es doch noch Männer gibt, die Sonnenuntergänge mögen, die für einen da sind, die Sterne pflücken toll finden. Wir ziehen wieder mit ihm um die Häuser, freuen uns am Leben.

Und dann sehen wir IHN. Er steht an der Bar. Wild und verwegen. Er blickt uns an, wir blicken zurück und träumen von Abenteuer, von Sonnenuntergängen und starken Armen. Und wir sind sicher: Dieses Mal ist alles anders.

Benjamino wächst mit seiner Familie im Haus neben einer Irrenanstalt auf. Oft beobachtet er die Insassen durch einen Zaun, steht einfach da und sieht zu, wie sie Blumen essen, mit Vogelschwärmen tanzen und sich auch sonst komisch verhalten. Nach einem Unfall und dem unvermittelten Tod seines Vaters findet Benjamino Arbeit als Assistent in der Anstalt. Zusammen mit dem ebenfalls neu anfangenden Doktor Rattazzi findet er einen neuen Zugang zu den Insassen, begegnet ihnen mit Sensibilität und Zuwendung statt mit Elektroschocks und Unpersönlichkeit.

Leute für die Irrenanstalt, die in das Haus aus dunklen Steinen eingesperrt wurden, zum Kummer oder zur Erleichterung derjenigen, die draussen vor der hohen Umfriedungsmauer blieben und nicht genau wissen wollten, was dort drinnen vor sich ging, denn die Schande eines Menschen ohne Verstand gab schon genug Anlass zu Sorge und Trauer, da musste man nicht auch noch etwas verstehen oder seine Gedanken ernsthaft verfolgen wollen.

In Italien bricht der Krieg aus, Benjamino wird wegen seiner Behinderung nicht eingezogen. Er versteht die Kriegseuphorie auch nicht, sieht in ihm nur Tod und entfesselte Schlechtigkeit, eine Gefahr für friedliches Zusammenleben. Vielmehr als ein Leben als Soldat sah er den Umgang mit Krankheit und deren Heilung als Heldentum. Der Krieg zwingt die Leiter der Heilanstalt, mit ihren Insassen aufs Land zu ziehen, um sie aus der Schusslinie zu nehmen. Die anfängliche Landidylle wird aber bald durch die sich nähernde Bedrohung durch den Krieg gestört – und teilweise zerstört.

Und in dieser kurzen Zeitspanne, bevor die Tropfen auf dem Kies explodierten wie die Bomben, die vom Himmel fielen, erkannte Rattazzi, dass der wirkliche Wahnsinn niemals besiegt werden würde, denn er war das innerste Wesen der Normalität, die gerade auf sie zukam. […] Nichts würde die Vernunft nüten, denn gerade die Vernunft drängte und rechtfertigte, organisierte und vernichtete.

Ugo Riccarelli wirft die alten und nie restlos beantworteten Fragen auf, was gut und was böse, wer normal und wer wahnsinnig ist. Während man die einen einsperrt, weil sie nicht einer Norm entsprechen, und auf sie herabsieht, stürzen sich die sogenannt Normalen in einen Krieg, der nur Tod und Elend  mit sich bringen kann. Zwar essen die Närrchen, wie Doktor Rattazzi sie nennt, gerne Blumen und tanzen mit den Vögeln, aber sie sind, wenn man sie in ihren Gewohnheiten lässt, friedlich und haben ihren eigenen Verstand, der seine eigene Schönheit besitzt. Diese Schönheit wird in Friedenszeiten belacht und bekämpft, in Kriegszeiten gilt sie als minderwertig und soll ausgerottet werden, um das lebenswerte Leben nicht zu beschmutzen.

Ugo Riccarelli ist ein tiefgründiger und bewegender Roman gelungen, der Massstäbe hinterfragt und Vorurteile offen legt. Es ist ein sensibler Roman, der nicht blossstellt, sondern schlicht auf wichtige Fragen des Lebens hinweist. Die Residenz des Doktor Rattazzi ist voller Liebe, Mitgefühl und Nachdenklichkeit und deckt dabei menschliche Lebenslügen und auch Abgründe auf.

Fazit:
Ein berührendes Buch über die verschiedenen Welten verschiedener Menschen und die Frage, welche die bessere ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Ugo Riccarelli
Ugo Riccarelli wurde 1954 in Cirié bei Turin geboren. Nach seinem Studium der Philosophie in Turin arbeitete er zunächst in der Biblioteca Palazzo Pretorio sowie als Regieassistent und Journalist in Pisa. 1995 erschien sein Debutwerk Le scarpe appese al cuore, daneben verfasste Riccarelli auch Lyrik. Ugo Riccarelli lebt heute in Rom. Auf Deutsch erschienen sind Ein Mann, der vielleicht Schulz hieß (Roman, 1999), Fausto Coppis Engel (Erzählung, 2004), Der volkommene Schmerz (Roman, 2006, für die italienische Originalfassung erhielt er 2004 den Primio Strega), Der Zauberer (Roman, 2009) und Die Residenz des Doktor Rattazzi (Roman, 2013).

Z_Riccarelli_Die_Residenz_P03DEF.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (25. Februar 2013)
Übersetzung: Annette Kopetzki
Preis: EUR  18.90 / CHF 29.90

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Die Frage nach dem Guten und Bösen hat viele Philosophen, Theologen, Psychologen, Biologenbeschäftigt. Jede Richtung ging aus der ihr eigenen Warte an die Thematik heran, versuchte sie mit Hilfe der eigenen Methoden zu entschlüsseln. Annemarie Pieper geht diesen Erklärungsversuchen quer durch die einzelnen Richtungen nach.

Können Mittel, die zu einem bösen Zweck verwendet gut sein? Rechtfertigt der gute Zweck die bösen Mittel? Was ist „das Gute“ im Gegensatz zu „gut“ als Adjektiv? Alltagssprachlich streben wir nach dem Guten, wollen das Böse meiden. Wir teilen Menschen in gut und böse ein und haben damit unsere Welt strukturiert. Dass dies zu kurz greift, liegt auf der Hand. Die Problematik liegt tiefer. Und so kommt Annemarie Pieper zu der Hypothese,

dass der Mensch von Natur aus weder gut noch böse ist, wohl aber an sich indifferente Anlagen mitbringt, die sich je nach Einfluss und Milieu zur Moral oder zur Unmoral hin entwickeln können.

Annemarie Pieper stürzt sich zur weiteren Erforschung in die Ethologie, verweist auf Lorenz’ Aggressionstrieb, geht weiter zum Sozialdarwinismus, wo sie Dawkins egoistisches Gen seziert, geht danach der Frage nach, ob der Mensch durch seine Anlagen determiniert oder frei in seinem Handeln und damit dafür verantwortlich ist. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

Als nächstes sind die Psychoanalytiker und Soziologen gefragt, welche auf eine Wechselbeziehung zwischen Ich und Gesellschaft verweisen. Dabei gehen die Meinungen auseinander, ob nun das Individuum in seiner Triebunterdrückung oder aber die Gesellschaft mit ihren repressiven Strukturen für das Böse mehr verantwortlich sei. Wohl auch da liegt die Antwort irgendwo in der Mitte oder ganz woanders.

Bei so viel irdischem Unwissen kann nur noch die Theologie helfen, welche daraufhin befragt wird, wo das Übel herkomme. Von Gott kann es nicht kommen, es muss von den Menschen sein. Der hätte es zwar kommen sehen, musste es aber stehen lassen, um dem Menschen nicht seine Willensfreiheit zu nehmen, welche den Menschen als solchen ausmacht. Das ist die Antwort auf die Frage, wie Gott Auschwitz hätte geschehen lassen können. Nachdem auch noch Pandora als Schuldige ins Feld geführt wurde, kommen wir zur Philosophie, durchlaufen Metaphysik und Ethik, verweilen lange bei Kant, streifen Kierkegaard, vermissen danach Hannah Arendt, freuen uns dafür über Nietzsche.

Und am Schluss stehen wir da und sind so klug als wie zuvor. Der Mensch will stets das Gute, fühlt sich vom Bösen angezogen, widersteht ihm nicht und tut es doch. Im Wissen, dass es falsch ist, zu sehr davon gezogen. Schlussendlich bleiben die Begriffe ein Rätsel, das auch dieses Buch nicht lösen konnte.

Die Lösung zu erwarten wäre zu hoch gegriffen. Die Thematik ist zu komplex und es gibt keine definitiven klaren Antworten. Die Ausführungen sind teilweise für die knappe Schrift zu lang, um in der Folge in wenigen Sätzen verworfen zu werden. Es fehlt der rote Faden und eine wirklich stringente Argumentationskette. Das Ganze wirkt eher wie eine Aneinanderreihung von verschiedenen Theorien, die man aufgelesen hat, nun da wiedergibt, wo sie gerade in die vorher gesetzten Kapitel passen und am Schluss zum schon vorher klaren Ergebnis kommt, nämlich keinem. Trotzdem ein guter Einstieg in die Thematik, der gute Hinweise zur Vertiefung liefert.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 127 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 2008
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 13.40

Vor 70 Jahren wurden die Geschwister Scholl verhaftet und hingerichtet. Die Studenten hatten zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen. Sie gelten bis heute als Vorbilder der Zivilcourage.*

Die Geschwister Scholl stehen bis heute für Widerstand und Zivilcourage. Sie lehnten sich gegen die Machenschaften unter Hitler auf und bezahlten ihren Einsatz schlussendlich mit ihrem Leben. Ihre Geschichte ist umso erstaunlicher, als sie zuerst mit den Nationalsozialisten sympathisierten, eine Karriere machten in dem System entgegen den Überzeugungen ihrer Eltern, welche dem System eher kritisch gegenüber standen. Die anfängliche Faszination für die Bewegung Hitlers wich nach und nach der Überzeugung, dass diese mit der eigenen Moral nicht konform ging. Doch: woher stammt diese innere Moral? Und wieso fehlte sie bei so vielen der anderen, die entweder mitmachten oder einfach schwiegen?

Glaubt man Kant, steckt die Moral in jedem drin und jeder Mensch hätte (theoretisch) die Fähigkeit,  zu erkennen, was recht und was unrecht ist und auch nach danach zu handeln. Wenn dem so ist, wie kommt es dann, dass so viele Menschen sich in ein System einspannen liessen und sogar noch freudig mitmachten, das so offensichtlich nicht recht, nicht gut war? War es wirklich blosse Gedankenlosigkeit, wie Hannah Arendt sie bei Eichmann (wenn auch aufgrund falscher Voraussetzungen) feststellte oder steckt eine menschliche Boshaftigkeit dahinter, die jedem innewohnt? C.G.Jung hat darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sowohl Licht wie auch Schatten in sich trägt. Als Schatten bezeichnete er die dunklen Seiten, die man selber verabscheut und auch unterdrückt. Und doch scheinen sie auch eine Anziehungskraft zu haben. Das Gute also blosse Unterdrückung des eigentlich reizvollen?

Der Mensch strebt nach dem Guten. Dessen waren sich die Philosophen zu allen Zeiten einig. Die Meinungen gingen aber auseinander, was dieses Gute sei. Nun lässt sich das Gute, das einer will, durch verschiedene Kriterien bestimmen. Es kann moralisch gut sein, es kann aber auch nur gut sein, weil es erstrebenswert scheint. Dazu bedarf es keiner moralischen Komponente, sondern einer individuell der aktuellen Begehrenssituation angepassten. Ob es wirklich gut und vor allem richtig sei, das zu wollen, was man in dem Moment will, ob dieses erstrebte Gut (moralisch) angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Es steht einem immer frei, sich gegen das angestrebte zu entscheiden, wenn man es aufgrund der eigenen Abwägung über richtig oder falsch als falsch erkannt hätte. Dazu bedarf es aber des Insichgehens. Es bedarf der inneren Zwiesprache mit sich selber darüber, was Recht und Unrecht ist und was für ein Mensch man sein will. In vielen Fällen wird diese Entscheidung zugunsten des (moralisch) richtigen ausfallen. Der andere Fall findet aber auch statt. Und so findet sich kein Mensch, der nur gut oder nur böse ist. Es ist eine Entscheidung von Mal zu Mal. Gefährlich wird es da, wo das sich Fragen ausbleibt, man unbedacht handelt, ohne sich bewusst zu sein, was man tut und wieso – und vor allem, ob man das tun sollte, dürfte, kann.

Die Geschwister Scholl haben nachgedacht, haben nach ihrem eigenen Gewissen gehandelt und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie liessen nicht ihr Leben für die Sache, denn sie wollten leben um für ihre Haltung gegen das Regime. Sie mussten sich aber bewusst gewesen sein, dass sie dieser Kampf eben dieses Leben kosten kann. Das Andenken an die Courage dieser jungen Menschen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Es ist ein Aufruf an das eigene Denken und Hinterfragen von von aussen Gegebenen. Selbst wenn man zuerst etwas gut hiess, ihm folgte, kann man seine Route jederzeit ändern, wenn man den eigenen Weg als falsch erkannt hat. Und man kann die eigene Kraft für das Gute einsetzen, statt sie dem Bösen zu widmen. Dazu bedarf es des eigenen Urteils, der eigenen Stellungnahme, denn nichts ist –  wie schon Hannah Arendt sagte – gefährlicher als blinder Aktionismus:

Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar.**

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*http://www.dw.de/vorbilder-bis-heute-sophie-und-hans-scholl/a-16601656

**Hannah Arendt: Über das Böse

ArendtBöseHannah Arendt versucht in diesen hier versammelten vier Vorlesungen über Ethik, sich dem Begriff des Bösen zu näheren. Sie geht dabei von dem sie nie loslassenden (wie könnte es) Thema des Holocaust und den damit verbundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus, im Besondern beruft sie sich immer wieder auch auf Eichmann, über dessen Prozess sie berichtet hatte.

Im Buch Eichmann in Jerusalem prägte sie den Begriff der Banalität des Bösen, welcher auch in diesem Buch eine zentrale Rolle spielte. Die Banalität sah Hannah Arendt darin, dass das Böse von ganz normalen Menschen verübt wird, dass keine Monster oder Teufel am Werk sind. Das macht das Böse so erschreckend, da es wohl in allen angelegt zu sein scheint. Die Frage stellt sich also, wie man es vermeiden kann.

Unter Berufung auf Sokrates, Platon, Aristoteles, Kant und andere sowie durch eigene Schlussfolgerungen näherst sich Hannah Arendt immer mehr dem, was sie als zentral im Kampf gegen das Böse sieht: Dem Denken. Das gedankenlose Handeln (wie bei Eichmann wahrgenommene) erachtet Hannah Arendt als grosse Gefahr.

[…]Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar, […]

Hannah Arendt geht von der Hypothese aus, dass jeder Mensch in sich weiss, was gut und böse, was recht und unrecht ist. Sich für das eine oder andere zu entscheiden, heisst, zwischen Vernunft und Begierde zu entscheiden, Schiedsrichter dabei ist der eigene freie Wille. Sich für das Unrecht zu entscheiden würde einen in Konflikt mit sich selber bringen, lautet Hannah Arendts Überzeugung, die sie mit Sokrates’ Ausspruch, dass es besser ist, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, abstützt. Hielte man sich an das, was in einem als Rechtes erkannt ist, statt äusseren Einflüssen blind zu folgen, hätte das Böse keine Chance.

[…] die häufig anzutreffende Tendenz, das Urteilen überhaupt zu verweigern. Aus dem Unwillen oder der Unfähigkeit, seine Beispiele und seinen Umgang zu wählen, um dem Unwillen oder der Unfähigkeit, durch Urteil zu Anderen in Beziehung zu treten, entstehen die wirklichen „skandala“, die wirklichen Stolpersteine, welche menschliche Macht nicht beseitigen kann, weil sie nicht von menschlichen oder menschlich verständlichen Motiven verursacht wurden. Darin liegt der Horror des Bösen und zugleich seine Banalität.

Sehr informativ und auf den Punkt gebracht ist das Nachwort von Franziska Augstein, welches nochmals auf die wichtigen Punkte von Hannah Arendts Text hinweist und diesen auch in den zum Entstehen wichtigen Kontext rückt. Augstein weist dabei auf Hannah Arendts Täuschung in Bezug auf Eichmanns Aussagen hin, worauf sie ihre Diagnose eines gedankenlosen Täters begründete. Diese Fehleinschätzung wurde später durch die „Sassen-Protokolle“ offengelegt. Vermutlich hätte Hannah Arendts Einschätzung des Falles Eichmann anders ausgesehen, hätte sie davon Kenntnis gehabt. Nichts desto trotz schmälert das nicht den Wert ihrer Arbeit.

Fazit
Unbedingt lesenswert. Tiefgehende Gedanken von zeitloser Aktualität von einer herausragenden Philosophin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 200 Seiten
Verlag: Piper Verlag, 5. Auflage (März 2012)
Übersetzung: Ursula Ludz
Preis: EUR: 9.99 ; CHF 16.90

 

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Oft fragt man sich im Leben, wenn einem Schlechtes widerfährt, womit man das verdient hat. Was hat man getan, um so bestraft zu werden? Wieso trifft es einen und keinen anderen – wobei man es niemandem wünschen würde, nur nicht selber haben möchte. Ab und an fragt man sich auch in schönen Momenten, wie man sie verdient habe. Womit den tollen Mann, womit die Glücksmomente. Und nie kriegt man eine Antwort.

Man ist wohl eher bereit, das Gute als verdient anzusehen als das Schlechte, denkt wohl eher, dass dieses angebracht ist. Das Schlechte würde man lieber von sich weisen, sieht es als Irrtum, als ungerecht, als Fehler im (Lebens-)System. 

Die Frage nach dem Warum entspringt der menschlichen Suche nach Sinn im Leben. Alles muss einen Sinn ergeben, denn nur so ist es logisch nachvollziehbar. Mit dem Verstand nicht Erfassbares ist schwer einzuordnen, es kann auch Angst machen, da man es nicht unter Kontrolle hat. Man weiss nicht, wie einem geschieht, kann nichts dagegen tun, wenig dafür. Doch wer sagt, dass die Dinge wirklich Sinn ergeben müssen? Wer sagt, dass das Leben sinnvoll ist, hinter dem Leben ein tieferer Sinn steht? 

Haben wir das Leben verdient? Wir sind quasi reingeworfen worden. Ein kurzer Moment des Spasses, eine zufällige siegreiche Vereinigung von Zellen und daraus entstand das, was wir „Ich“ nennen, was wir als unseren Körper, unser Sein begreifen. Wenn wir das Leben an sich nicht verdient haben, wie sollen wir das, was in ihm passiert verdienen? Ist es nicht genauso Zufall wie alles andere? Sinn des Lebens an sich ist allgemein das Überleben. Evolutionär kommt es zu einer natürlichen Selektion aufgrund verschiedener Kriterien. Das, was bleibt, überlebt, der Rest geht unter. 

Der Mensch will mehr als bloss zu überleben. Er will Glück, will alles, was gut ist, was richtig ist. Den Rest möchte er ausklammern, da er ihm sinnlos erscheint. Und was sinnlos ist, scheint wertlos. Und wenn man nicht mal einen Grund dafür erkennen kann, wieso man sich damit rumschlagen soll, dann hat man es schlicht nicht verdient. Trotzdem ist es da und man muss sich wohl damit abfinden, dass das Leben nie eigener Verdienst ist. Einiges hat man in der Hand (oder glaubt das zumindest), anderes fällt einen aus heiterem Himmel an, ob gut oder schlecht. Aufgabe im Leben ist es, damit umzugehen, Dankbarkeit für all das Gute zu empfinden und Gelassenheit und Mut, das Schlechte zu tragen. 

Der Mensch ist von Natur aus böse, drum braucht es die Gesetze, den Staat, die diese Boshaftigkeit, die aus purem Egoismus entspringt, einzudämmen. Nur durch ein Netz an Regeln und Verhaltensmaximen schafft es der Mensch, einigermassen friedlich zu koexistieren. Noch schlimmer, er schafft es nicht mal dann. Kriege überfluten die Erde, Menschen, die auf eigene Macht und eigenen Profit aus sind, instrumentalisieren andere mittels wohlklingender Heilsversprechen oder angsteinflössender Prophezeiungen, den designierten Feind zu bekämpfen. Helfen tut es selten den Instrumentalisierten, sie sind Opfer des Systems. Helfen tut es denen, die das Geld und die Macht hatten, das anzuzetteln, was sie anzettelten. 

Eine schwarze Sicht? Pessimistisch? Mag sein. Ich tendiere ja in einer absolut blauäugigen Naivität immer wieder dazu, zu glauben, niemand wolle einem was Böses, die Welt sei gut und die Menschen wollen alle geliebt werden und lieben dementsprechend auch. Dass vor allem der zweite Teil so nicht stimmt, ist mir leider oft im Leben hautnah gezeigt worden. Wie oft wurde ich verletzt, wie oft musste ich erkennen, auf ein falsches Spiel, auf Intrigen, auf falsche Worte und Heuchelei hereingefallen zu sein oder gar manipuliert für eigene Zwecke eines anderen. Den Fehler suchte ich dann meist bei mir, dachte, mich nur falsch verhalten zu haben, nicht gut genug gewesen zu sein. Wenn ich das einmal nicht dachte, war mein Fehler immerhin, es nicht gesehen zu haben, auf etwas hereingefallen zu sein. Was nun schwerer wiegt, die eigene Naivität oder der Glaube an das eigene Versagen, bleibe dahingestellt.  Aber: eigentlich müsste ich es mal lernen und wissen: Der Mensch ist böse. 

Und doch stimmt das so nicht. Es gibt viele tolle Menschen. Liebe Menschen. Menschen, die zu unrecht in einen Topf geworfen werden mit denen, die lügen (zu andern, wohl aber auch zu sich selber), betrügen, hintergehen und ausnutzen. Wie oft im Leben stiess ich schon auf Engel, auf Menschen, die einfach nur toll waren. Also was nun? Ist der Mensch gut und wird böse? Oder ist der Mensch böse und es gibt gute Ausnahmen, Engel halt? 

Vermutlich ist beides in einem angelegt, in jedem von uns. Alles hat zwei Seiten, die diametral verschieden sind. Diese Komplementarität macht das Ganze erst ganz. Alles ist angelegt, die Ausprägung liegt in unseren Händen, ist aber meist gespurt durch Kultur, Erleben, Erziehung, Einflüsse sonstiger Art. Ich bin aber nach wie vor der Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich geliebt werden will. Und ich denke weiter, dass genau da der Knackpunkt liegt. Ist die Liebe da, das Gefühl, in dieser Welt angenommen, willkommen zu sein, dann ist man zufrieden – mit sich, mit der Welt. Wenn man aber in diesem Bereich einen Mangel sieht, sich im Nachteil sieht, traurig ist, nach Liebe sucht, sie vermisst… dann passiert was in einem. Dieser Mangel muss behoben werden, denn er ist nicht auszuhalten. Säuglinge gehen ohne Liebe ein. Kleinkinder entwickeln Ticks, werden krank, sterben ab und an auch. Liebe ist Lebenselixier, ist wohl sogar Leben. 

Was also tun, wenn sie fehlt, wenn man sich alleine fühlt, nicht wahrgenommen, nicht angenommen fühlt? Man muss diesen Schmerz, der in einem entsteht irgendwie behandeln. Dafür gibt es verschiedene Strategien:

1) Man lebt ihn aus. Weint, schreit, jammert, klagt – um dann wieder weiter gehen zu können. 

2) Man stürzt sich in Aktivitäten, die einen so ablenken, dass man vergisst, dass da ein Schmerz war.

3) Man betäubt sich – mit Drogen, mit Alkohol, mit Essen, mit irgendeinem Surrogat, das hilft, zu vergessen, zu verdrängen

4) Man fügt anderen Schmerz zu, weil man sich dann kurz Befriedigung verschafft, der eigene Schmerz überdeckt ist vom Triumph, über den anderen gesiegt zu haben, ihm auch weh getan zu haben. Der Schmerz des anderen löst den eigenen Triumph aus, der kurzzeitig den eigenen Schmerz vergessen lässt. 

Ich denke, Punkt 4 ist häufig vertreten. Vor allem in Fällen, wo mal Liebe war, nun keine mehr ist. Und wenn es dem anderen noch gut geht, dann erst recht. Kann doch nicht sein, dass der zufrieden ist, man selber nicht. Dem muss man schnell ein wenig das Leben schwer machen. Ihm eins reinwürgen. Dann fühlt man sich gleich besser. Leider nicht für lange. Doch das merkt man erst später. Und dann ist natürlich wieder der andere schuld. Oder die Nachbarn. Oder der Postbote. Oder der Mitarbeiter, Chef, die Politik, das System, die ganze Welt. Man selber? Besser mal suchen, wer es noch sein könnte. Nur wird man im Aussen nie finden, wer es wirklich war, so dass man selber endlich zufrieden ist. Man wird auch nie die Liebe finden, die man sucht, wenn man so agiert, weil man immer nur noch verbissener wird, nur noch härter. Anziehend ist das nicht. Liebenswert noch weniger. Zwar wären gerade die Menschen die, welche eben am meisten Liebe bräuchten, um aus ihrer Spirale zu kommen. Aber leider stossen sie mit ihrem Verhalten alle weg. 

Es gibt einen Satz in Bezug auf Kinder:

Nimm mich dann in die Arme, wenn ich es am wenigsten verdient habe. 

Genau der tritt auch hier in Kraft. Da es aber schwer fällt, den in den Arm zu nehmen, der einen gerade mal so richtig in die Tonne gehauen hat, kann man kaum aus seiner Haut. Man kann sich aber bewusst sein, dass dieses in die Tonne hauen mehr mit dessen Problemen zu tun hatte als mit der eigenen Person. Und mit dem Denken vielleicht für sich selber ein wenig Frieden finden. Und dem anderen wünschen, dass er irgendwann seine Probleme in den Griff kriegt, einsieht, dass nur er selber für sich zufrieden sein kann. Und wenn er es nicht ist, liegt das selten an den anderen. Es ist die eigene Einstellung zu dem, was um einen und mit einem passiert.

Klar gibt es Schicksalsschläge, klar gibt es Ungerechtigkeiten. Das Leben ist oft hart, unfair und gemein. Es ist oft voller Hürden, Fallen und Löcher. Und doch: es gibt auch viel schönes und wir haben es in der Hand, was wir sehen wollen, worauf wir unser Befinden stützen wollen. Damit sage ich nicht, das Schwere solle man ausblenden, das wäre nicht gut, denn verdrängen hilft nie, sondern schafft nur unbewusste Strategien, die meist in die Irre führen. Das Schwere soll man angehen, es bearbeiten und verarbeiten, immer im Bewusstsein, dass es nicht alles ist, nicht das ganze Leben, dass da noch viel Schönes ist. 

Diese Sicht hilft übrigens auch prima, wenn man über jemanden flucht, schimpft, dem alles Böse wünscht, ihm am liebsten irgendwie an den Karren fahren würde, denkt, das gäbe einem Befriedigung. Tut es nicht. Zumindest nicht für lange. Am meisten hilft, zu denken: Was kann ich für mich tun und nicht, was kann ich gegen den anderen tun.