Das Jahr neigt sich dem Ende zu und man kann davon halten, was man will, irgendwie bringt diese Zeit doch immer einen Rückblick mit sich. Man denkt an das, was war, zieht Bilanz, ist einfach einen Moment lang still. Das nennt man dann wohl die besinnliche Zeit, in der die Sinne sich zurückziehen, sich nach innen wenden, um zu sehen, was sich über die Zeit angesammelt hat, wer man heute ist, nachdem all das passiert ist, was man eben erlebte das Jahr durch.

Angefangen hat mein Jahr als Zitterpartie. Schon zu Weihnachten kam die Hiobsbotschaft, dass mein Papa im Spital sei, dass operiert werden müsse. Nach etlichen Stunden auf dem Op-Tisch folgte ein künstliches Koma, das Zittern hielt an. Als er aufwachte, war er so klein und schwach, erinnerte kaum an den Mann, den ich kannte. Doch Schritt für Schritt ging es aufwärts und ich freue mich von Herzen, dieses Weihnachtsfest wieder mit ihm zusammen feiern zu können. Ich bin von Herzen dankbar dafür.

Auch sonst war dieses Jahr keine gerade Strasse, es hatte viele Kurven, Abhänge, Abgründe. Es war eine Zitterpartie, bei der ich nicht immer sicher war, ob ich die nächste Kurve auch schaffe. Es war, wie es immer ist: Es ging dann doch irgendwie und jedem Tiefgang folgte ein Aufwärtstrend. Wenn ich so zurück blicke, lassen sich gar nicht mehr alle Tiefschläge, Hindernisse und Rückschläge benennen, selbst wenn sie es täten, hätte ich wenig Lust dazu. Es würde wohl nichts bringen und irgendwie scheint das Auf und Ab auch zum Leben dazu zu gehören. Wäre das Leben nur mehr eine ausgezogene Linie, wäre es wohl wie beim Herzfrequenzmessbild: zu  Ende.

Es war ein Jahr, das sehr nach innen wies, ich suchte nach Antworten auf die grossen Fragen „Wer bin ich?“ und „Was will ich im und vom Leben?“, versuchte, mich ihnen zu stellen und sah, dass jede Antwort neue Fragen aufwarf. Ab und an dachte ich mir, dass es wohl einfacher gewesen wäre, schon die erste Frage nicht zu stellen, sondern das Leben einfach anzugehen und zu nehmen, was kommt. Dass ich es nicht konnte, gibt mir schon die Antwort, dass ich bin, wie ich bin und tun muss, was ich tue. Es gibt mir die Antwort, dass ich mich den Fragen stellen will und muss, dass dies mein Weg ist.

Eine Antwort auf die Frage, was ich wirklich will im Leben, ergab sich aus dem glücklichen Umstand, dass mein Körper sich so weit erholt hat, dass ich wieder ins Yoga eintauchen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn der Weg zurück nicht nur einfach ist und war, er auch immer wieder Fragen aufwarf und mir meine eigene Ungeduld oft im Weg stand. Vermutlich ist auch das eine Lehre, die ich auf meinem Weg durchlaufen muss, etwas, an dem ich wachsen muss, wie ich es auch an der Pause musste.

Ich habe viel gelernt in diesem Jahr, über mich, über das Leben. Etwas, was ich schon wusste und das sich auch heuer wieder bestätigte: Man kann nicht alles haben im Leben und meist ist es nicht der Weg des geringsten Widerstandes, der zum erwünschten Ziel führt. Der Weg, das Leben einfach locker flockig, ohne viele Fragen, nur auf der Strasse von Genuss und Sinnesfreuden anzugehen, wäre verlockend und schön, ich käme damit aber wohl nicht zu dem Ziel, zu dem ich für mich gelangen möchte. Trotzdem haderte ich ab und an genau an dem Punkt. Schielte verstohlen zur Leichtigkeit und schimpfte auf die Steine, die ich trug. Ich hoffe, dass ich mit den Steinen nach und nach das Haus bauen werde, in dem ich mich Zuhause fühle, das hält und tragende Wände hat.

Ab und an ertappte ich mich dabei, dass ich mehr besorgt war über die Frage, wer oder was ich für die anderen bin, denn darüber, wer ich wirklich bin und wie es mir selber dabei geht. Ich ertappte mich dabei, dass ich Massstäbe an mich legte, von denen ich dachte, andere Menschen würden sie haben und mich danach bemessen, und wie ich dabei vom Gefühl zerfressen wurde, diesen Massstäben nicht zu genügen. Wenn das erste Hadern vorbei war und ich wieder klar sehen konnte, malte ich mir aus, was ich an mir und meinem Leben ändern müsste, um den angenommenen Massstäben zu genügen. Dabei stellte ich fest, dass ein solches Leben mir nicht entspräche und ich eigentlich genau das lebte, was ich immer leben wollte und noch immer will.  Der Gedanke erfüllt mich immer wieder mit Dankbarkeit, da ich weiss, dass es nicht nur selbstverständlich ist, das tun zu können, was einem am Herzen liegt, weil der Weg dahin nicht immer leicht und eben auch nicht immer mit andern Massstäben konform läuft.

Wenn ich nun Bilanz ziehe, so fällt diese positiv aus. Die Schwierigkeiten, denen ich begegnete, waren zum grossen Teil hausgemacht, weil nicht alles lief, wie ich es gerne gehabt hätte, weil ich mit mir und der Welt unzufrieden war und den Blick mehr auf das richtete, was fehlte, als auf das, was da war. Ich habe das grosse Glück, Menschen um mich zu haben, die mir wichtig sind, die mir gut gesinnt sind und für mich da sind, denen ich wichtig bin. Ich habe das grosse Glück, mein Leben selber gestalten und wählen zu können, welchen Massstab ich auf dasselbe anwende. Und ich bin in der glücklichen Lage, Fragen stellen zu können sowie ab und an Antworten zu finden.  So gehe ich den Weg nun ins 2014, werde noch mehr Fragen stellen, an einigen nagen, mich über andere freuen und an allen wachsen.

Jahresrückblicke hatten wir viele, ebenso  Vorsätze fürs neue Jahr oder aber Bilanzen des letzten. Es wird hier weder das eine noch das andere folgen, einfach ein paar Gedanken, die mir in letzter Zeit kamen. Alles willkürlich, alles hatte Auslöser und Gründe, nichts ist weltbewegend, trotzdem lag es mir im Sinn:

– Ich bin 40. Damit bin ich alt. Ich habe gestern den deutschen Bachelor gesehen und die Frauen da könnten teilweise meine Töchter sein. Erschreckend. 

– Ich dachte immer, ich kann nicht singen. Ich vermied zu singen aus eben diesem Grund. Nachdem ich gestern das Casting zu DSDS schaute, muss ich zwar nicht mein Urteil revidieren, dazu stehe ich noch immer, aber ich kann beruhigt singen, denn es gibt welche, die singen effektiv schlechter und tun das noch öffentlich. 

– Ich schaue zu viele schlechten Sendungen. Das sind alles Formate, die man tunlichst vermeiden sollte, wenn man etwas auf sich und seinen kulturellen Bildungsstand hält. Selbst wenn man diesen aussen vor liesse, fänden sich genügend ethische, moralische und  anderweitige Gründe, es nicht tun zu dürfen. Ich muss gestehen: Ich mag die. Sie unterhalten mich besser als ein Krimi, bei dem ich von Anfang an den Täter kenne oder eine Liebessülze, deren Ausgang genauso vorhersehbar ist (inklusive zwischenzeitliche Verstrickungen). 

– Eigentlich bin ich noch ganz gut in Schuss. Da ich heute schnell heim wollte, rannte ich den ganzen Weg zurück mit dem Hund. Andere würden das joggen nennen. Dazu bin ich zu faul. Ich nenne es effizientes Heimkommen. Und das klappte doch ganz gut. So alt ist 40 also doch nicht. Mir fällt grad ein Stein vom Herzen. Ob ich den mit übrig gebliebenen Weihnachtskeksen auffüllen darf?

– Ich bin verfressen. Ich denke an Weihnachtskekse im Januar. Und ich will entgegen aller Empfehlungen aus Hausarztwartezimmerzeitschriften keine Januardiät machen. Das geht gar nicht. Damit degradiere ich mich zum Einzelkämpfer. Ich bin wohl asozial. 

– Ich bin gar nicht so, wie die mich sehen, die mich gar nicht kennen. Letztes Jahr regte ich mich noch drüber auf. Dieses Jahr schmunzel ich schon. Wenn das so weiter geht, kriegen die bald den Schweizer Comedy Award, weil selten wer so gelacht hat. 

– Das Singleleben ist toll. Gerade erzählte mir mein guter Freund, dass er das ganze Wochenende lesen würde. Meine Meute würde mir was  husten, täte ich das tun wollen, was ich eigentlich auch tun wollte, täte ich es denn tun können. Leider tu ich es nicht tun können, tu schon nicht mal davon träumen aus Gründen der Nichttubarkeit. Aber tun können täten täte ich es gerne. Ok, wenn ich Glück habe, werde ich bekocht. Da greift dann der Punkt von vorher. Und alles kann man wohl nicht haben… wobei: ich könnte lesen, während ich bekocht werde. Und vorher müssten die Zutaten eingekauft werden, sprich: noch mehr Lesezeit. Irgendwie klingt mein Wochenende grad sehr gut. 

– Das Leben ist eigentlich ganz in Ordnung. Zwar auferlegt es einem immer mal wieder Prüfungen, man hadert, zaudert, zürnt. Doch bringt es einem doch immer auch so viele positive Dinge, dass man unterm Strich sagen kann: Eigentlich geht es uns gut. Klar kann man nun einwenden, dass ich nicht weiss, wie es denen geht, die das grad lesen, doch zeugt nur schon der Umstand des Lesens davon, dass sie lesen können, einen Computer besitzen, Zugang zum WWW haben und wohl momentan wohlgenährt in der warmen Stube sitzen, was sie zu den Privilegierten dieser Welt zählen lässt. Insofern: Es geht uns gut. 

– Zu guter Letzt: ich sollte früher schlafen gehen. Jeden Morgen kämpfe ich mit der Gravitation, überlege mir, wieso ich genau diesen Morgen liegen bleiben könnte, müsste, dürfte, um mich dann ächzend und stöhnend (und nein, das hat nichts, aber auch gar nichts mit Punkt eins dieser Liste zu tun) aus den Laken zu schälen und mit zugekniffenen Augen den täglichen Pflichten zu stellen. Wenn ich es mir so richtig überlegen würde, käme hier der Punkt mit dem Singleleben wieder ins Spiel: Ich müsste gar nicht aufstehen… andererseits müsste ich nun noch mit dem Hund raus, statt einfach ins Bett zu purzeln (wieder mal zu spät). 

Irgendwas scheint immer zu sein, aber grundsätzlich ist alles gut. Also eigentlich. Ausser… aber  eben….