Ethik am Arbeitsplatz oder bloss gut klingende Worte?

Nehmen wir die Firma XXX. Sie baut Stellen ab und Manager Heinz muss das umsetzen. Er muss also dahin gehen und Menschen entlassen. Er muss ihnen sagen, dass es für sie keine Stelle mehr gibt in dem Unternehmen, weil dieses sparen muss. Zwar schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen und verzeichnet Gewinne, aber: Um die zu sichern, müssen Einsparungen her. Köpfe müssen rollen. Was ist Manager Heinz für ein Mensch? Ein skrupelloser? Ein böser? Einer, der eigentlich lügt, da der Kopf (und der Kopf ist nicht bloss ein Kopf, es ist ein Mensch, der die Stelle braucht, um zu überleben, es ist ein Mensch, der unter Umständen zu Hause eine Familie hat, die angewiesen ist auf ihn und darauf, dass er diese Stelle hat) grundsätzlich gar nicht rollen müsste, sondern es nur tut, weil gewisse Firmen ihren Ertrag über alles stellen.

Kürzlich diskutierte ich mit einem Bekannten über die heutige Arbeitswelt und darüber, dass die Bedingungen in dieser immer härter würden. Mein Bekannter sagte mit Inbrunst in der Stimme „Ich würde nie Manager werden können.“ Ich fragte ihn, ob er das auch noch sagen würde, wenn er die Wahl hätte, arbeitslos zu werden und somit seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Er antwortete mit ja.

Ich schaute ihn an und fragte wieso. Die Begründung war: „Dazu muss man skrupellos sein.“ (Ok, er sagte „ein Arschloch). „Als Manager musst du Menschen anlügen, du musst sie entlassen, ihnen bis dahin das Blaue vom Himmel versprechen, wenn es der Firma dient. Das kann und will ich nicht. Ich lüge nicht.“

Meine Frage, ob er noch nie gelogen hätte. Ob er vor allem seine Familie, seine Frau noch nie angelogen hätte, liess er im Raum stehen und fand, dass ihm Ethik wichtig sei. Er könne nicht Menschen einfach anlügen, nur um selber eine bessere Position zu haben. Nun ehrt ihn dies sicherlich, doch frage ich mich folgendes:

Bringt man es wirklich nur als skrupelloser Mensch in höhere Positionen? Ist der Weg wirklich immer nur mit Lügen gepflastert? Gibt es in all den Managerreihen nur Arschlöcher und keine Menschen mit Herz und Mitgefühl? Ich kann es kaum glauben, aber weiter: Wenn es so wäre und man diese Reihen aus diesem Grund auch den Arschlöchern überlässt, statt sie selber auszufüllen und nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, ist man dann nicht selber schuld, wenn es eben gerade so ist, dass nur die dort sitzen (und damit das Managerbild überhaupt zeichnen)? Irgendwer wird die Aufgabe übernehmen, wem also tut man einen Dienst, wenn man sich selber mit solchen Argumenten davon distanziert?

Ich bin mir bewusst, dass man mit dem Argument „wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer“ nicht alles rechtfertigen kann, aber wenn etwas getan werden muss, weil es keine Alternative gibt, dann ist es sicher zumindest bedenkenswert. Und zu guter Letzt die Frage: Der ethische Bekannte stellt das Wohl fremder Menschen mit seiner Entscheidung über das Wohl seiner eigenen Familie, in welcher er eine Rolle übernommen hat. Er will anderen Menschen nicht die Stelle kündigen, weil die daran hängen, ihre Familien an ihnen hängen, würde es aber selber in Kauf nehmen – um das nicht tun zu müssen. Ist das Ethik? Oder ist es einfach selbstherrliches Märtyrertum, das gut klingt? Oder etwas Drittes?

 

Firmen fressen ihre Mitarbeiter

Schon wieder ein Selbstmord in Kaderkreisen. Gibt es sie im Kader mehr als unten oder sind die unten einfach nicht Thema in der grossen Öffentlichkeit? Wäre er nicht in Kaderkreisen, wäre er untergegangen. Wenn sich die schon umbringen, die ganz oben sitzen, dafür oft auch berufliche Gründe angeben, wie muss es weiter unten ausschauen? Sieht man die Geschäftspolitik vieler (vor allem grosser) Firmen an, wundert einen nichts mehr. Der Obere hackt auf den Unteren. Wieso? Weil er es kann. Und weil es ihm helfen kann. Macht der Untere nicht mit, ist das kein Problem, es gibt genügend, die auf die Stelle warten. Das wird sogar offen so kommuniziert.

Wo bleibt da der Mensch?

Grosse Firmen haben Vorgaben. Die, welche ganz oben steht ist: Gewinnmaximierung. Das Problem bei derselben ist, dass sie zum Selbstläufer wird, der dem Goetheschen Besen des Zauberlehrlings gleicht.

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

War man gestern im Plus, muss man heute im höheren Plus sein. War das Plus heute höher, muss es morgen noch mehr steigen. Um das zu erreichen, ist jedes Mittel recht, man geht – möchte man heute sagen – über Leichen. Wortwörtlich, wie es scheint. Die Ausrede, sie seien aus freien Stücken gegangen, greift nicht wirklich.

Wo bleibt der Mensch?

Der Profit ist das eine, die Karriere der Oberen ist das andere. Einmal Blut geleckt, will man mehr. Ist man erst mal in der ersten Managerstufe, will man die nächste erklimmen. Man weiss, dass das umso besser geht, wenn man die Vorgaben der Firma erfüllt, skrupellos, knallhart. Man hält sich an Zahlen, opfert dafür Menschen. Man sieht sich selber als Opfer des Systems, man kann ja nicht anders, denn täte man es nicht selber, täte es ein anderer und der hätte dann den Stuhl, den man gerne selber hätte. Also macht man weiter. Vielleicht hat man sogar noch diese leise Stimme im Ohr, die sagt, dass das alles falsch ist. Doch schliesslich sitzt auch einer über einem, der genau dasselbe mit einem macht, tut man nicht, was er will. Und er will eben auch dasselbe. Weiterkommen um jeden Preis.

Das Perpetuum Mobile von Macht, Gewalt, Unterdrückung, Leid.  Es existiert immer und überall, es ist akzeptiert, weil es der anerkannte Weg der Karriere ist. Wer diese macht, ist angesehen, wer aussteigt, wird belacht. Wer hoch und höher steigt, sonnt sich im Ruhm, wer gleich bleibt oder gar absteigt, gehört nicht mehr dazu.

Wo bleibt der Mensch?

Um Menschen geht es dabei schon lange nicht mehr. So lange, bis man selber an dem Punkt steht und sich fragt: Was tue ich hier? Was muss ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Was kann ich noch ertragen? Und irgendwann lautet die Antwort: Ich kann nicht mehr. Nichts.