Menschen wollen weiterkommen. Sie forschen, sie suchen den Fortschritt und finden ihn. Durch dieses Forschen ist es gelungen, das Waschbrett gegen eine Maschine auszutauschen, Krankheiten auszurotten und zum Mond zu fliegen. Alles positive Dinge. Grundsätzlich. Allerdings hat so mancher Fortschritt auch seine Tücken, denn er lässt neue Fragen entstehen: War die Atombombe ein grosser Fortschritt oder doch die grösste selbstgeschaffene Gefahr der Menschheit? Muss man lebenserhaltende Massnahmen anwenden, weil man es kann, oder tangieren sie die Würde des Menschen? Und wo liegt die Grenze?

Die neuste Frage, die sich stellt: Ist die Früherkennung des Geschlechts eines Embrios ein Segen oder ein Fluch? Die Freiheit der Frau, zu entscheiden, ob sie das Kind kriegt, geht damit soweit, das nicht gewünschte Geschlecht abzutreiben. Wir kommen der Planung des perfekten Kindes näher. Bald sind es wohl auch Haarfarbe, Augenfarbe und IQ, die passen müssen, um über Leben und Tod zu entscheiden.

Soll man also deswegen die Freiheit der Frau, über die man erst kürzlich abgestimmt und sich dafür entschieden hat, einschränken? Ist das Verbot Ärzten gegenüber, das Geschlecht vor der abgelaufenen Frist, in der ein Schwangerschaftsabbruch gesetzlich erlaubt ist, bereits eine Einschränkung der Freiheit der Frau? Dann wäre sie ja durch die Unmöglichkeit der Früherkennung auch eingeschränkt gewesen. Was natürlich zutrifft. Ist die staatliche Einschränkung schlimmer als die natürliche? Weil nun etwas, das möglich ist, verunmöglicht wird und der Staat die Hand drüber hat? Allerdings hat er wohl auch viel zur Forschung beigetragen (durch Geld, Infrastruktur, etc.), die den Fortschritt überhaupt erst ermöglicht hat – hat er dadurch ein Recht erworben, dessen Einsatz zu steuern?

Wenn man für die Freiheit der Frau stimmt, ihr Kind abtreiben zu dürfen, dann muss man ihr wohl folgerichtig auch die Gründe für diesen Abbruch überlassen. Wer würde sonst bestimmen dürfen, was ein triftiger Grund ist und was nicht? Ist der blosse Wunsch nach einem Jungen schon Grund genug, ein Mädchen abzutreiben? Wäre die dringende Notwendigkeit eines männlichen Erben und zu wenig Geld, noch ein 15. Mädchen zu ernähren, Grund genug? Ist eine Behinderung akzeptabel als Begründung und wie schwer müsste sie sein? Grenzen zu ziehen ist nie einfach, da jede Grenze eine Ungerechtigkeit mit sich bringt. Die auf der einen Seite werden anders behandelt als die auf der anderen. Und meist ist die Grenze relativ willkürlich – sie basiert auf den kulturellen Gegebenheiten, auf Gesetzen, auf Ein- und Ansichten und Wertvorstellungen. Und keines von all dem ist absolut und zeitlos, sondern immer der Zeit und dem Ort geschuldet, in denen sie vorherrschen.

Was also ist die Lösung? Es gibt wohl keine einfache. Aufhören zu forschen wird man nicht, da es erstens noch so viele Themen und Gebiete gibt, die dringend erforscht werden sollten (Krankheiten, etc.). Zweitens ist der Forschertrieb im Menschen zu tief angelegt, als dass er ihn einfach abstellen könnte. Er will weiter, will höher, will alles. Immer. Das hat seinen Preis. Ausgerottete Krankheiten bedeuten mehr Menschen, da die Menschen älter werden. Soziale und finanzielle Probleme sind die Folge. Medizinischer Fortschritt führt zu Ermessensfragen, welche die Würde des Menschen, Entscheidungen über Leben und Tod und vieles mehr mit sich bringen. Technischer Fortschritt bringt Hilfsmittel im Alltag, aber auch Waffen und damit Zerstörung auf die Welt. Es bleibt wohl dabei, dass alles immer zwei Seiten hat. Und ab und an liegt die Antwort auf die sich öffnenden Fragen nicht einfach auf der Hand oder es gibt schlicht keine befriedigende.

Anhand einer Blutuntersuchung kann man neu herausfinden, ob das erwartete Kind das Downsyndrom hat. Schon die Meldung dieses Tests stiess auf weit auseinander klaffende Meinungen, die Aufschreie waren laut. Mittlerweile sollen sogar Menschen aus anderen Ländern in die Schweiz, nach Bern, kommen, um den Test zu machen – so lässt es sich in einem Schweizer Boulevardblatt nachlesen. Was soll man davon halten? Ist das gut? Ist das verwerflich? Was daran wäre verwerflich? Wo liegt das Problem?

Die Hauptproblematik liegt wohl in einer Wertung des Lebens. Leben, das einwandfrei ist, frei von Krankheiten und Gebrechen, gar Behinderungen, ist lebenswert, das andere wird aussortiert. Dies die sehr krasse, harte aber durchaus im Kern zutreffende Analyse. Ist das moralisch vertretbar? Hat der Mensch nicht die Konsequenzen seines Tuns zu tragen, kann er sich so aus der Affäre ziehen? Ist das feige? Gar Mord?

Die Problematik ist heikel. Die beiden Lager – Befürworter und Gegner von pränatalen Tests – liegen weit auseinander, es gibt kaum Berührungspunkte. Dazu kommt, dass Abtreibung per se ein schwieriges Thema ist. Die Grundfrage ist doch: Wozu ist so ein Test gut? Man kann damit herausfinden, ob das Kind das sogenannte Downsyndrom hat oder nicht. Wenn man sich für einen solchen Test entscheiden will, muss einem klar sein, dass er unter Umständen eine Entscheidung fordert: Was mache ich, wenn der Fall eintritt? Wie reagiere ich, was will ich? Aber auch: Was kann ich? Man kann nicht einfach mal hingehen zu dem Test, um zu schauen, was ist, das geht tiefer. 

Wenn man sich für so einen Test entscheidet, steckt sicher eine Angst dahinter. Die Angst, das Kind könnte „behindert“ (dieser Begriff ist umstritten, alltäglich aber immer noch in Gebraucht. Eine Behinderung soll hier nicht als Stigma oder gar als Abwertung gesehen werden, sondern schlicht als das, was das Wort ausdrückt: Das Leben ist in gewissen Bereichen mit Hindernissen ausgestattet. Diese Hindernisse sind ausgelöst durch die eigenen Lebensumstände, werden aber auch von der Umwelt gesetzt durch ebendiese)  zur Welt kommen. Diese Angst löst eine innere Abwehr aus, sicher auch die Angst, damit nicht klar zu kommen. Aus verschiedenen Gründen: Werde ich selber die Kraft haben, das zu tragen? Werden wir als Familie das tragen können? Wie wird unser Leben sein? Kann ich damit umgehen? Überfordert es mich nicht? Zerbreche ich daran, weil ich tagtäglich damit konfrontiert bin? Nicht nur einfach mit dem Umstand, dass das eigene Kind nicht gesund ist, sondern auch mit der Reaktion der Gesellschaft darauf. Dazu kommt die Wehmut über all das, was dem Kind verwehrt sein wird. Die Trauer über all die Dinge, die nicht möglich sind. Für das Kind und für einen selber. Wird man das packen? 

Was ist die Alternative? Abtreibung. Doch dann setzt man sich all den Verurteilungen aus, die da sagen, dass das nicht geht, dass man damit Mord begeht, unmoralisch handelt. Doch haben all die, die laut schreien, ein Recht, das zu tun? Wer gibt es ihnen? Von aussen ist es einfach zu richten, tragen müssen es dann die, über die man entschieden hat, was geht und was nicht. Niemand nimmt ihnen ihre Trauer ab. Niemand die zusätzlichen Anstrengungen im Alltag. Niemand ist da, sie zu halten, sie zu stützen. Im Vorfeld waren sie alle laut. Danach still und weg. 

Ich möchte nicht entscheiden müssen, wer ein Kind bekommen soll und wer nicht. Welches Kind auf die Welt kommen kann und welches nicht. Ich ziehe es nachher nicht auf. Das tut nur der, welcher es kriegt. Niemand lebt das Leben des anderen, wieso also will man sich anmassen zu sagen, wie er es zu tun hat? 

Man liest in diesen Debatten immer wieder die schönen Berichte davon, wie viel man von Kindern, Menschen mit Downsyndrom erhält an Liebe, an Freude, an Glück auch. Das sind berührende Berichte, Berichte, die einem das Herz aufgehen lassen. Es sind Berichte, bei denen man Freude verspürt, dass es Menschen so gut geht, dass alle mit der Situation so gut klar kommen, diese Kinder das Glück hatten, in eine solche Familie geboren zu werden. Was aber, wenn es eben nicht so aufgeht? Die Familie an der Belastung zerbricht? Die Fröhlichkeit und Liebe des Kindes die Trauer nicht vergessen macht? Wem wäre gedient? Ich denke, niemandem. 

Die konsequente Alternative wäre wohl, auf Sex zu verzichten, wenn man ein behindertes Kind nicht tragen will. Die ist aber wohl unrealistisch, der Mensch ist nicht dazu geschaffen, enthaltsam zu leben – zumindest nicht die Mehrzahl. Und so müssen wir wohl  oder übel mit den Konsequenzen leben, die da heissen: Was tun, wenn die Natur nicht so will, wie man sich das ausgemalt hat.