Biografien von A bis Z: A

KI ist in aller Munde, dass diese nun auch schreiben kann, ängstigt. Was wird dann aus den Schreibenden? Sind die überflüssig? Ich denke, die Frage ist falsch gestellt. Abgesehen davon, dass Schreibende natürlich, um leben zu können, gelesen werden müssen, schreiben sie auch, weil sie nicht anders können. Schreiben ist Leidenschaft, Drang, Notwendigkeit. Ebenso bei den Philosophen das Denken, das dann in einer Form auch aufs Papier fliesst. Seit ich denken kann, interessieren mich hinter den Texten immer auch die Menschen, die sich diese ausgedacht haben: Wie haben sie gelebt, wie haben sie geschrieben und wieso? Was hat ihr Denken geprägt? 

Aus diesem Grund liebe ich Biografien. Ein paar davon möchte ich hier vorstellen, ich taste mich dazu dem ABC entlang und starte heute mit A:

Wie könnte es anders sein: Hannah Arendt – Lieblingsdenkerin, spannende Persönlichkeit, interessante und vielschichtige Frau. Müsste ich eine empfehlen, wäre es die von Elisabeth Young-Bruehl, sie ist und bleibt für mich der Klassiker.

«Man könnte wohl sagen, dass die lebendige Menschlichkeit des Menschen in dem Masse abnimmt, in dem er auf das Denken verzichtet..» (Hannah Arendt)


Aristoteles – Einer der ersten, der wohl systematisch über alles, was auf dieser Welt vorkommt, nachdachte. Gewisse Gedanken sind noch heute bedenkenswert, zum Beispiel seine Theorie eines gerechten Staates. Flashar als ausgewiesener Experte zu Aristoteles hat hier eine grossartige Biographie geschrieben.

„Denn das ist den Menschen vor den anderen Lebewesen eigen, dass sie Sinn haben für Gut und Böse, für Gerecht und Ungerecht und was dem ähnlich ist. Die Gemeinschaftlichkeit dieser Ideen aber begründet die Familie und den Staat.“ (Aristoteles)


Ilse Aichinger – Repräsentantin der deutschen Nachkriegsliteratur, deren Werk immer wieder die sozialen und politischen Zustände kritisierte und die Verantwortung des Menschen thematisierte.

«Schreiben kann eine Form zu schweigen sein.» (Ilse Aichinger)

Lou Andreas-Salomé – faszinierende, intelligente, vielschichtige Frau, die die Herzen der berühmtesten Männer brach.

«Glaubt mir, die Welt wird euch nichts schenken. Wenn ihr ein Leben wollt, so stehlt es.» (Lou Andreas-Salomé)

Rose Ausländer – Verfasserin wunderbarer Lyrik mit einem sehr bewegten Leben.

«Ich schreibe mich ins Nichts – es wird mich ewig aufbewahren.»

Was für Biografien zu A könnt ihr empfehlen?

Wieso ich Hannah Arendt liebe?

„Nicht der Mensch bewohnt diesen Planeten, sondern Menschen. Die Mehrzahl ist das Gesetz der Erde.“

«Denken ohne Geländer» wollte sie und das erwartete sie auch von anderen. Sie hielt nichts von Gehorsam, da dieser das eigene Denken ausschalte und die Unterordnung unter von anderen definierte Systeme bedeute. Die Welt und die Gemeinschaft gibt es nicht einfach, wir sind es, die sie gestalten, indem wir uns miteinander austauschen. Dazu bedarf es des offenen Dialogs, der Bereitschaft, sich auf den anderen einzulassen. Nur dann sind wir frei, wenn wir diese Möglichkeiten der Mitgestaltung wahrnehmen. Freiheit des Denkens und Handelns waren Kernthemen bei Hannah Arendt, ebenso Macht, Gewalt, Wahrheit, Politik und wichtig: Pluralität. 

„Politik (…) ist etwas, was für menschliches Leben eine unabweisbare Notwendigkeit ist, und zwar sowohl für das Leben des Einzelnen wie das der Gesellschaft.“

Wir bewohnen diese Welt als Gleiche und doch Verschiedene. Im Wissen um das Verbindende gilt es, die Vielheit, die Verschiedenheit anzunehmen und zu versuchen, die Welt nicht nur nach eigenen Massstäben und mit eigenen Augen zu sehen, sondern auch durch die Sicht der anderen. Wir müssen unsere Erfahrungen in den Diskurs um eine künftige Welt einbringen und die Erfahrungen der anderen anhören, weil sie auch Möglichkeiten des Erfahrens in dieser Welt darstellen. Aus all diesen Erfahrungserkenntnissen können wir gemeinsam eine Welt schaffen, in der wir als die leben können, als die wir leben wollen, auf die Weise, wie wir es wollen. 

Wo die Möglichkeiten der Pluralität eingeschränkt werden, kommt es zu Ausgrenzungen, die zu einem Gefühl der Verlassenheit und schliesslich zur Entfremdung führen. Nur das «Mit-Sein» hilft, dem zu entgehen, weil dieses alle miteinbezieht. Wir haben jeden Tag die Chance, uns in diese Richtung zu entwickeln. Jede Geburt ist ein neuer Anfang in einer bestehenden Welt, sie bringt neue Impulse in diese, wenn neue Gedanken entstehen dürfen und gehört werden. 

„Man könnte wohl sagen, dass die lebendige Menschlichkeit eines Menschen in dem Maße abnimmt, in dem er auf das Denken verzichtet.“

Dies in Kürze, wieso ich diese Frau hochhalte, wieso ich denke, sie hat uns auch heute noch viel zu sagen und wir sollten mit ihr denken, für uns denken, miteinander denken. 

Gedankensplitter: Entfremdung

«Wenn ich meine Hand betrachte
Fremdes Ding mit mir verwandt-
Stehe ich in keinem Land…» (Hannah Arendt)

Fremd sein. In mir und mit mir. Um mich herum.

«Bin an kein Hier und Jetzt
Bin an kein Was gesetzt.» (Hannah Arendt)

Mit Befremden auf die Welt schauen, wie auch auf mich. Entfremdet im Sein und im In-der-Welt-Sein, weil die Welt mich im So-Sein ausschliesst, mich nicht einbezieht, mich kaum mehr angeht, weil ich sie nicht angehe. Fremde unter Fremden sein, weil mein Sein sie befremdet, so dass es auch mich befremdet. Mein So-Sein und mein Da-Sein.

Manchmal morgens lasse ich meine Gedanken spazieren gehen und folge ihnen mit dem Stift. Und plötzlich denke ich an ein Gedicht und verwebe beide. Dann hänge ich dem Gefühl nach, das dabei entsteht, bin in Gedanken verloren und doch ganz bei mir.

Ingeborg Gleichauf: Jetzt nicht die Wut verlieren.

Max Frisch – eine Biografie

Inhalt

«Es scheint eine Leidenschaft zu sein, die sich da entwickelt, unabhängig von äusserem Erfolg. Da will und muss sich einer Luft verschaffen, sich ausdrücken, sich aufteilen auf mehrere Stimmen, Rollen entwerfen, die man für das Leben halten könnte.»

Max Frisch war ein Zweifelnder. Ein Suchender. Er war ein Mensch voller Gegensätze und ein Mensch der Sprache, mit denen er all das zu erfassen suchte. Diesem Menschen hat sich Ingeborg Gleichauf in der vorliegenden Biografie auf eine persönliche, kenttnisreiche und poetische Weise angenommen. Sie beleuchtet das Leben und Schaffen eines Menschen, bei dem beides nicht zu trennen ist, weil ohne das Leben und seine Erfahrungen das Schreiben nicht möglich wäre, ohne das Schreiben ein Leben ebenso wenig. Zumindest könnte es ohne die Sprache und das Schreiben nicht verstanden werden.

In chronologischer Reihenfolge begleiten wir Max Frisch durch sein Leben, seine Reisen, seine Beziehungen und seine Werke, die jeweils kurz dargestellt werden. Entstanden ist ein romanhaft anmutendes Buch, welches für ein junges Publikum genauso zugänglich und aufschlussreich ist wie für ein erwachsenes.

Gedanken zum Buch

«Diese Frage nach sich selbst, nach dem, was man ist und sein könnte: Bereits der junge Frisch sieht hierin ein existenzielles Problem.»

Max Frisch wurde oft vorgeworfen, er drehe nur um sich, er sei quasi sein einziges Thema, um das er nachher alles geschrieben hat. Dass dies sicher zu kurz gegriffen ist, liegt auf der Hand, allerdings ist nicht zu bestreiten, dass das Thema der (eigenen) Identität eines seiner zentralen war. Was ist der Mensch und wer kann er sein? Wie steht er in der Gesellschaft und was bedarf es, darin und nicht am Rand zu stehen? Gerade die letzte Frage beschäftigte ihn stark, schwankte er doch in jungen Jahren zwischen seiner Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, nach Zugehörigkeit, und seinem Drang, Schriftsteller, und damit am Rande stehender Beobachter, zu sein.

«Wie man sich doch immer in die Quere kommt, wenn man eigentlich ‘sachlich’ sein soll. IN allem, was man schreibt, ist man selbst enthalten. Und so ist das Schreiben, auch das journalistische Schreiben, immer eine Möglichkeit, mir und meinen Erfahrungen auf die Spur zu kommen.»

Schon Goethe sagte, dass alles Schreiben autobiographisch sei. Das bedeutet nicht, dass einer immer nur die eigene Lebensgeschichte schreibt, sondern es bleibt nicht aus, dass sich im Schreiben die eigenen Gedanken, Erfahrungen und Gefühle widerspiegeln. Frisch sah sich denn auch als Beobachter, als Augenmensch war ihm das klare (Hin-) Sehen wichtig. Wirklich gesehen und erfahren, vor allem aber verstanden, hat er die Dinge aber nur, wenn er für sie eine Sprache gefunden hat.

«Mit dem Seltsamen des Lebens umgehen wird für ihn bedeuten, sich vor allem sprachlich damit auseinanderzusetzen.»

Das Schreiben war immer auch sein Weg zu sich selbst, sein Weg zum klareren Verständnis. Daneben war es aber auch die Möglichkeit des Ausdrucks. Ohne einen solchen, so Frischs Überzeugung, sei das Leben kaum ertragbar. Frisch selbst sagte einst, dass Schreiben sei wie Reisen, indem er durch die Sprache aus sich herausgehe, um schliesslich wieder bei sich zu landen.

«Nichts ist dem Menschen so fern als das eigene Ich, er ist sich selbst das Fremde, daher kommt er sich gerade dann näher, wenn er in einen grossen Abstand zu sich tritt.»

Dass es notwendig ist, sich selbst auf die Spur zu kommen, führt Max Frisch auf den Umstand zurück, dass man sich eigentlich fremd ist. Wir leben in unserem Alltag und bewegen uns oft unbewusst in ihm. Viele unserer Reaktionen und Handlungen sind Automatismen, sind Gewohnheiten geschuldet. Max Frisch gibt sich damit nicht zufrieden, er will tiefer gehen, sich kennenlernen, herausfinden, wer er wirklich ist. Dazu dient ihm das Schreiben. Das ist auch eines der Hauptthemen seines Schreibens: Identität sowie die Verortung des Ichs in der Welt. Am besten gelingt das in Frischs Augen durch das Theater, weil dies immer eine Auseinandersetzung mit sich und der Gesellschaft darstellt. Das Stückeschreiben ist eine Form von Zeitzeugenschaft, die sich aktuellen Themen wie sozialer Ungerechtigkeit, den Fesseln des bürgerlichen Lebens und der Freiheit zuwendet.

Max Frisch erfindet keine neuen Welten, er beobachtet die vorhandene genau. Er ist ein Augenmensch, der sich im Sehen schult und das so Erfahrene in Sprache, in Sprachbilder umformt. SO geht er als Sehender durch die Welt, beobachtet sie, die Menschen in ihr und das Zeitgeschehen. Doch erst, wenn er es schafft, das alles in Sprache zu fassen, kann er es verstehen, existiert es im tatsächlichen Sinn.

Fazit
Ingeborg Gleichauf ist eine leicht zu lesende, dadurch auch einem jungen Publikum zugängliche, fast schon romanhafte, und doch fundierte Biografie gelungen, die einen sehr persönlichen Blick auf Max Frisch offenbart.

Zur Autorin
Ingeborg Gleichauf wurde 1953 in Freiburg geboren, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Ingeborg Bachmann. Sie veröffentlichte erfolgreiche Biographien, darunter Hannah Arendt (2000), Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir (2007) und Denken aus Leidenschaft (2008). Zuletzt erschien bei Nagel und Kimche Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine Biografie (2010).
Ingeborg Gleichauf wurde 1953 in Freiburg geboren, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Ingeborg Bachmann. Sie veröffentlichte erfolgreiche Biographien, darunter Hannah Arendt (2000), Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir (2007) und Denken aus Leidenschaft (2008). Zuletzt erschien bei Nagel und Kimche Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine Biografie (2010).

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Nagel & Kimche AG; 2. Edition (16. August 2010)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3312009893

Gepsräche mit Max Frisch: Der unerkannte Geliebte

«Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält…» (Tagebuch 1, 27)

Jemanden zu sehr zu kennen, bedeutet danach, dass das Lebendige einer Art Starre weicht. Wenn ich denke, jemanden durch und durch zu kennen, dann weiss ich, wie er ist, was er tut, ich muss nicht mehr hinschauen, mich nicht mehr interessieren, es steht alles fest.

«Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden: weil wir sie lieben, solang wir sie lieben.» (Tagebuch 1, 27)

Die Liebe führt dazu, immer weiterzugehen, tiefer zu tauchen, den anderen in seinem Sein zu durchschauen. Nur wird das nie gelingen, weil alles, was die Natur hervorbringt, unerschöpflich ist, schrankenlos, wie es Max Frisch ausdrückt «alles Möglichen voll».

Vielleicht ist es aber auch so, dass wir den kennen, den wir nicht lieben, weil wir nur soviel erkennen wollen, wie sich uns darbietet. Wir haben gar nicht den Wunsch, tiefer zu tauchen, immer mehr zu kennen. Wir sind weniger forsch forschend, eher zurückhaltend erkennend und annehmend. Die kleinen Eigenheiten, die tiefen Geheimnisse, sie offenbaren sich erst in der Nähe, deren grösste die Liebe darstellt.

Lebenskunst: Glauben

Mein Zugang zum Yoga kam über die Philosophie. Ich kannte zuerst die Hintergründe, stieg erst dann auf die Matte. Man könnte sagen, dass dies dem entspricht, was ich bin: Ich will zuerst wissen, was ich tue, bevor ich es tue. Diesen Zug habe ich nie ganz ablegen können, er ist aber auf der Matte anders geworden: Ich habe gelernt, etwas zu tun, um dann zu erfahren, was dahinter steckt, wie es wirkt. Dies nun von der Matte ins Leben zu holen, ist nicht immer einfach, aber immer befriedigend, wenn es gelingt, da es einen unmittelbareren Zugang zum Leben mit sich bringt, einen, der nicht von vorauseilenden Gedanken, Bewertungen, auch Ängsten beschwert ist. Es ist eine neue, mir vorher sehr fremde Art des Vertrauens in das Tun und dessen Wirkung, ein Vertrauen auf die Erfahrung dadurch und daraus.

Meine erste Begegnung mit Ganesha kam erst später. Und: Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte in verschiedenen Yogastudios verschiedene Statuen hinduistischer Gottheiten gesehen, sie haben ich alle nicht sonderlich angesprochen, hier war es anders. Dass Ganesha der Gott der Intelligenz und der Künste ist, dass er Glück bringt und Hindernisse aus dem Weg räumt, erfuhr ich dann bei der weiteren Auseinandersetzung und befand: Das passt, das kann ich brauchen.

„Om Gam Ganapataye Namaha“ (Ganesha-Mantra)

Nun bin ich kein gläubiger Mensch und in vielem doch eher westlich als östlich ausgerichtet, da so geprägt, und doch gefällt mir das hinduistische Konzept der Anbetung verschiedener Götter je nach Lebenssituation und Bedürfnissen. Für mich bedeutet das, die Energie auf das zu lenken, was im Leben aktuell ist. Ich stehe vor einer Aufgabe und sehe Hindernisse? Ganesha ist da. Für mich nicht als Gott, sondern eher als Symbol dafür, dass Hindernisse aus dem Weg geräumt werden können. Wenn ich daran glaube und das Meinige dazu tue. Diese Haltung kommt aus dem Glauben, dass das, worauf ich meine Energie lenke, stark wird, weil die gelenkte Energie ihm Kraft gibt. Und wer weiss: Vielleicht hilft Ganesha ja doch mit. Und sonst ist er einfach «mein Elefäntli», das mich begleitet in meinem Leben. (Dass ich Elefanten liebe und sammle, hat sicher auch ein wenig zu dieser Liebe beigetragen)

Keine Demokratie ohne Dialog

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Das hört man in der heutigen Zeit häufig und meistens werden als Grund dafür Corona und die deswegen vom Staat verhängten Massnahmen ins Feld geführt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses die Gründe für die Spaltung sind oder aber sie dieselbe, schon dagewesene, deutlich machten. Neu, davon bin ich überzeugt, ist diese Spaltung nicht, denn Spaltungen gab es immer, sowohl strukturell (arm-reich, das Patriarchat mit der Unterdrückung der Frau, etc.) wie auch in den Gesinnungen der Mitglieder der Gesellschaft. Sie teilen diese immer in zwei Lager: Dafür und dagegen.

Ich bin schon lange der Meinung, dass unser Verhalten einer Demokratie nicht würdig ist, dass wir mit unserer Art des Zusammenlebens die Demokratie gefährden und ad absurdum führen. Wenn man sich anschaut, was Demokratie bedeutet, ergibt sich folgende kurze Definition:

„Als demokratisch im weitesten Sinne bezeichnet man daher heute Machtverhältnisse, in denen Staatstätigkeiten (…) vom Volk durch die Wahl von Vertretern (Repräsentanten) und Vertreterkörperschaften ausgeübt wird, die auf mannigfache Weise (…) zustande kommen und verschieden zusammengesetzt sind. […] Demokratisch nennt man ferner innere Meinungsbildungsprozesse und Beschlussverfahren in Organisationen und Verbänden, zu welchen (analog zur demokratischen Staats- und Gemeindeverfassung) alle Mitglieder chancengleich Zugang haben und in denen sie gleichberechtigt mitwirken können.“ (Wörterbuch der philosophischen Begriffe)

Nun gibt es verschiedene Formen der Demokratie, welche ich hier nicht weiter behandeln möchte. Relevant für mein Thema hier ist nur noch, dass in einer Demokratie freie Menschen frei wählen können und bei solchen Wahlen das sogenannte Mehrheitsprinzip zum Tragen kommt. Das heisst: Bei demokratischen Entscheidungen gilt, was von der Mehrheit der Wählenden (verfassungskonform) bestimmt wird. Dass dies nicht immer befriedigend ist für die Minderheit, die den Entscheid mittragen muss, liegt auf der Hand. Was aber wäre die Alternative? In meinen Augen keine, welche die Vorzüge einer Demokratie behält und etwaige Problematiken beseitigen könnte.

«Die Majorität hat viele Herzen, aber ein Herz hat sie nicht.» Otto von Bismarck

Zentral für eine funktionierende Demokratie ist in meinen Augen ein funktionierender Austausch zwischen denen, welche die Entscheidungsgewalt haben. Nur so kann es gelingen, eine Lösung für Probleme zu erhalten, welche für die grösstmögliche Mehrheit stimmt und für die kleinstmögliche Minderheit trotz allem tragbar ist.

«Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen.» Benjamin Franklin

Im Wissen darum, dass die überstimmte Minderheit die gefällten Entscheidungen mittragen muss, und in Anbetracht dessen, dass wir auch teilweise über Dinge entscheiden, die gerade die Minderheiten betreffen, ist es wichtig bei solchen Entscheidungen, dass die Minderheiten mit ihren Anliegen mitbedacht werden.

„Man ist gewöhnlich immer desto weniger republikanisch gesinnt, je höher der Rang ist, den man in der Welt bekleidet.» Georg Christoph Lichtenberg

Das Wissen um und das Ausnutzen der eigenen Übermacht ohne Rücksicht und Solidarität sind einer (als sozial verstandenen) Demokratie nicht angemessen. Da fangen die Probleme an, daran krankt in der heutigen Zeit die Demokratie:

Die Fronten sind verhärtet. Es scheint, als ob Menschen nicht mehr an einem Diskurs interessiert sind, als ob Dialektik ein vergessenes Gut und stures Beharren auf der je eigenen Sicht das einzige Anliegen ist. Andere Meinungen werden nicht mehr gehört, sie werden mit eigenen Argumenten in Grund und Boden gestampft. Nützt das nichts, wird der Anders-Denkende als Idiot bezeichnet und bevorzugt zum Schweigen gebracht – in den Sozialen Medien dadurch, dass man ihn ignoriert oder blockiert.

Ausgehend von meiner Hypothese, dass ohne Austausch keine (gelebte und gelingende) Demokratie möglich ist, bedeutet dies den Tod derselben. Wir müssen aber nicht mal in die Politik gehen, obwohl die Staatsform natürlich eine Sicherung der persönlichen Interessen einer Gesellschaft ausdrücken soll (im Idealfall) und damit natürlich relevant ist für den einzelnen Menschen. Schon die Gesellschaft ist eine grosse Gruppe, die oft zu abstrakt klingt. Wir leben darin, aber was ist sie konkret? Schauen wir uns also das Problem im kleineren Rahmen an: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders denken? Hören wir uns an, was sie zu sagen haben, wie sie zu ihrer Meinung kommen? Können wir ihre Meinung auch einmal stehen lassen und akzeptieren, dass wir in gewissen Punkten nicht einer Meinung sind? Oder stimmt für uns ein Miteinander nur, wenn einer den anderen überzeugt hat (bevorzugt wir den Anderen)? Die Vehemenz, mit welcher heute Diskussionen ausgefochten (die Kriegsmetaphorik ist bewusst gewählt) werden, besorgt mich.

«Die Demokratie ist die edelste Form, in der eine Nation zugrundegehen kann.» Heimito von Doderer

Was mich ebenso besorgt, ist, dass in solchen Diskussionen nicht nur nicht genau hingehört wird, sondern die Gegenargumente oft auch aus dem Zusammenhang gerissen, falsch wiedergegeben werden und der sie Äussernde durch solche Fehlzuschreibungen verunglimpft wird. Es ist gut und wichtig, eine Meinung zu haben, und eine Meinung muss auch vertreten werden, schliesslich steckt eine Überzeugung dahinter. Was ich aber vermisse, ist die Einsicht, dass wohl keiner allein in jedem Fall immer die ganze Wahrheit sieht oder alles wissen kann. Wer glaubt, Wahrheit erkenne man nur von einem (dem eigenen) Standpunkt heraus, muss auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist – oder hat er die Krümmung gesehen von da, wo er steht? Hinzuhören, wie man etwas auch noch anders sehen kann, oder wie es von einer anderen Warte aus gesehen wird, kann helfen, den eigenen Blick zu weiten. Das kann dazu führen, dass man merkt, dass die eigene Sicht richtig war, weil man im Gedanken des Anderen einen Denkfehler findet, es kann dazu führen, die eigene Sicht zu revidieren oder anzupassen, weil man merkt, dass man etwas nicht bedacht hat, oder es kann zu einer gemeinsamen neuen Meinung führen, welche mehr ist als nur die Summe ihrer Teile, sondern ein ganzheitlicherer Blick auf eine Welt, die so komplex ist, dass einer allein sie kaum je wird erfassen können.

Wenn wir das nun auf die Demokratie anwenden und darauf, wie Menschen, die diese gestalten sollen, agieren müssten, komme ich zu dem Schluss: Es wird uns nur gemeinsam gelingen, die Welt so zu schaffen, dass sie für all die, welche sie bewohnen müssen, eine gute Welt ist, in welcher jeder sich nach seinen Fähigkeiten als Gleichberechtigter entwickeln kann und die Chance hat, zu partizipieren. Dazu bedarf es eines offenen Dialogs unter als gleichwertig Anerkannten, die man als mit sich verbunden sieht, weil sie wie man selber auch, in eine Welt geworfen wurden, die sie sich nicht ausgesucht haben, in welcher sie nun aber ein gelingendes Leben leben möchten.

Lesemonat April

Wieder ist ein Monat vorbei, es war lesetechnisch ein grossartiger, bereichernder, beglückender. Dass ich ihn in Spanien verbrachte, liess die Sonne nicht nur aus Büchern, sondern auch vom Himmel scheinen, was ich sehr genoss.

Ich bin diesen Monat intensiv mit Max Frisch beschäftigt gewesen, habe einige Dokumentationen und Interviews geschaut und auch zwei Biografien gelesen. Dazu fand ich auf Youtube noch eine grossartige Inszenierung von Max Frischs «Andorra», die ich euch nur ans Herz legen kann.

Müsste ich meine Lesehighlights nennen, wären natürlich alle Bücher von und zu Max Frisch dabei, ich beschränke mich auf eines und so wären es dann die vier:

Ich tauchte mit Judith Hermann in ihr Schreiben und Leben ein, wir pendelten zwischen Traum und Wirklichkeit und waren uns nie ganz im Klaren, was nun wozu gehörte. 

Ich las bei Claire Keegan vom Leben eines Mädchens in einem Umfeld, in dem es an Liebe und eigentlich auch allem anderen fehlt, und das in einem neuen Umfeld erst lernen muss, dass es Liebe, Vertrauen und Zuwendung gibt und es diese auch geniessen darf. 

Ich lebte bei Martin Suter mit Tom und Dr. Stotz in dessen Villa und saugte die Geschichten über Melody, die verschollene Liebe von Dr. Stotz auf. Immer schwebte die Frage über uns allen: Was geschah mit Melody?

Ich pendelte mit Max Frisch zwischen Technik und Liebe hin und her, reiste mit Homo Faber nach Südamerika und Italien, um schliesslich in Griechenland zu landen, wo ein Kreis sich schloss. 

Ich beschäftigte mit Themen Schreiben, Wahrheit und Illusion, Identität und Zuschreibung, Schuld, Liebe und vielen mehr. Und ich freue mich auf einen neuen Lesemonat. 

Was waren eure Lesehighlights im April?

Hier die vollständige Liste:

Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagtEine Geschichte vom Schreiben und vom Leben und von der Verwebung von beidem. Eine Geschichte, die zwischen Traum und Wirklichkeit pendelt, nie ganz klar offenbarend, was wozu gehört. Eine Geschichte, die eigentlich keine ist, sondern ein Schreibfluss der Erinnerungen und der versuchten Einordnung derselben. Wir hätten uns alles gesagt – und irgendwie doch alles verschwiegen. 4
Claire Keegan: Das dritte LichtEin kleines Mädchen wird bei Verwandten abgeladen, weil die Mutter wieder schwanger und so ein Maul weniger zu stopfen ist. Plötzlich findet sich das Kind in einer Umgebung voller Liebe und Leichtigkeit, kann sich kaum drauf einlassen, weil klar ist: Irgendwann muss sie zurück. Ein Buch voller Wärme und Poesie. 5
Ingeborg Gleichauf: Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine BiografieEin sehr literarisches, informatives, persönliches Porträt eines Schriftstellers und Menschen mit kurzen Analysen der wichtigsten Werken.5
Daniel Glattauer: Die spürst du nichtEine Sozialstudie in Romanform, bei der ein Flüchtlingsmädchen im Ferienpool reicher Leute ertrinkt, was von den Medien und in den Kommentarspalten derselben ausgeschlachtet wird. Angereichert wird alles mit ein paar Klischees und einem Erzähler, der sich immer wieder quasi an den Leser wendet und sich mit diesem verbündet. Nicht uninteressant, aber teilweise zu gewollt. 4
Anneleen van Offel: Hier ist alles sicherAls Immanuel seine Mutter Lydia bittet, nach 10 Jahren Funkstille nach Israel zu kommen, zögert sie erst. Als sie dann da ist, ist er tot, er hat sich das Leben genommen. Lydia reist durch Israel und gleichzeitig auch durch ihre Vergangenheit, auf der Suche nach ihrem toten Sohn, nach sich, nach allem, was sie verloren hat. Nach einem fast körperlich schmerzhaften, niederdrückenden Anfang sprachlich und inhaltlich gut und einnehmend, doch dann liess es langsam los und hat mich verloren.  3
Joy Williams: Stories13 Kurzgeschichten aus dem amerikanischen Alltag des Kleinbürgertums. Sozialstudien, welche die Herausforderungen desselben offenlegen, ohne dabei zu psychologisieren oder zu plakativ darstellend zu werden. Mit viel Charme, Sprachkunst und einer guten Prise Humor gewürzt. Mich hat es doch nicht durchgehend gepackt, es wirkte oft zu beliebig und planlos. 3
Martin Suter: MelodyTom, ein junger Jurist, wird vom Altnationalrat Dr. Stotz, seine Lebenserwartung beträgt noch ein Jahr, beauftragt, seine noch vorhandenen Dokumente zu ordnen und durch gezielte Selektion nur das zu bewahren, das dem Bild entspricht, das Dr. Stotz hinterlassen möchte. In der gemeinsamen Zeit erzählt Dr. Stotz Tom von seiner grossen Liebe Melody, die eines Tages, kurz vor der Hochzeit, einfach verschwunden ist, ihn aber ein Leben lang nicht mehr losgelassen hat. Nach Stotz’ Tod macht sich Tom mit Laura, der Grossnichte von Dr. Stotz auf der Suche nach der Wahrheit um die Geschichte mit Melody. Was ist wirklich passiert damals?5
Urs Bircher: Zorn und Freundschaft. Max Frisch 1911 – 1981Eine sehr umfassende, objektive Biografie, die das Leben und Schreiben Max Frischs in die politische Zeit der Schweiz und die kulturellen Gegebenheiten einbettet. Ohne Verklärung aber mit der nötigen Zugewandtheit zeichnet Urs Bircher das Bild dieses streitbaren, tiefgründigen, selbstreflexiven, neugierigen, dem Schreiben mit Akribie und Sprachgenauigkeit verfallenen Menschen. Er stützt sich dabei auf das Werk und auf Gespräche mit noch lebenden Weggenossen Frischs. Vermutlich für Schweizer Leser interessanter als für andere. 4
Max Frisch: AndorraEin Lehrer rettet Andri, vorgeblich einen jüdischen Jungen, von den Schwarzen jenseits der Grenze und zieht ihn als seinen Sohn auf. Andri wird von den Andorranern diskriminiert und mit Klischeevorstellungen überhäuft, die er schliesslich selbst glaubt – obwohl er eigentlich kein Jude ist, sondern der leibliche Sohn des Lehrers und einer Frau aus dem Land der Schwarzen. Als diese zu Besuch kommt, will der Lehrer Andri die Wahrheit sagen, doch dieser glaubt ihm nicht, dass er sein Sohn ist, zu sehr haben die Zuschreibungen sein Selbstbild geprägt. Schliesslich dringen die Schwarzen in Andorra ein, nehmen Andri mit und töten ihn. Ein Stück über Macht, Rassismus, Vorurteile und Identität. 5
Max Frisch: Homo FaberEin Techniker lernt auf einer Schiffsreise eine junge Frau, Sabeth, kennen. Die beiden reisen zusammen nach Rom, später nach Athen zu ihrer Mutter, Hanna, die Fabers frühere Freundin war. Dass Sabeth seine Tochter sein könnte, will er nicht sehen. Doch dann geschieht ein Unglück. Ein grossartiger Roman über das Leben, über Lebensentwürfe, über Schuld und Liebe.5
Layla AlAmmar: Das Schweigen in mirTag für Tag beobachtet die junge Frau die Nachbarn hinter ihren Fenstern in ihren Wohnungen. Es ist die einzige Form, wie Beziehungen zu Menschen für sie möglich sind. Sie kriegt Einblicke in die ganzen Gewohnheiten der einzelnen Menschen, in Leben, die so fern von ihrem eigenen sind. Selbst ist sie aus dem Krieg geflüchtet, aus Syrien mit Schleppern und zu Fuss, unter traumatischen Bedingungen in England gelandet. Es hat ihr förmlich die Sprache verschlagen. Für eine Zeitung soll sie ihre Erinnerungen an den Krieg und die Flucht festhalten, damit mehr Verständnis für die Situation von Flüchtlingen geschaffen werden kann. Nur: Wie könnte man das je verstehen?   4

Hier noch der Link zum Youtube-Video:

https://www.youtube.com/watch?v=gxjjz1U7sgU

Gespräche mit Max Frisch: Utopien

«Ob es die Utopie ist von einer brüderlichen Gesellschaft ohne Herrschaft von Menschen über Menschen oder die Utopie einer Ehe ohne Unterwerfungen, die Utopie einer Emanzipation beider Geschlechter; die Utopie einer Menschenliebe, die sich kein Bildnis macht vom ändern, oder die Utopie einer Seligkeit im Kierkegaard’schen Sinn, indem uns das allerschwerste gelänge, nämlich daß wir uns selbst wählen und dadurch in den Zustand der Freiheit kommen; die Utopie einer permanenten Spontaneität und Bereitschaft zu Gestaltung-Umgestaltung (nach Johann Wolfgang Goethe: Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung), alles in allem: die Utopie eines kreativen und also verwirklichten Daseins zwischen Geburt und Tod – eine Utopie ist dadurch nicht entwertet, daß wir vor ihr nicht bestehen. Sie ist es, was uns im Scheitern noch Wert gibt. Sie ist unerläßlich, der Magnet, der uns zwar nicht von diesem Boden hebt, aber unserem Wesen eine Richtung gibt in schätzungsweise 25000 Alltagen. Ohne Utopie wären wir Lebewesen ohne Transzendenz.»

(Max Frisch in seiner Dankensrede anlässlich des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1976)

Als ich ein Kind war, spielte ich gerne mit Lego. Ich hatte immer ausgefallene Ideen, was ich bauen wollte (es gab noch nicht so viele fertige Bausätze mit seitenlangen Bauanleitungen) und versuchte dann, dies umzusetzen. Mein Vater wollte mir immer helfen, mir zeigen, wie es geht, doch das machte mich wütend. Ich wollte es selbst herausfinden. Mein Vater hat mir bis ins Erwachsenenalter vorgeworfen, dass ich mir schon als Kind nicht helfen lassen wollte. Zwar stimmt das nicht ganz, da ich durchaus Hilfe annehme, wo ich etwas nicht selbst kann (oder können will), aber nicht da, wo ich der Überzeugung bin, es selbst zu schaffen.

In der Fachsprache gibt es den Begriff der Selbstermächtigung. Das bedeutet, Strategien zu entwickeln, die dem einzelnen Menschen helfen, autonom und selbstbestimmt ihr Leben zu leben und ihre Herausforderungen zu meistern. In meinen Augen ist das ein zentraler Aspekt des Menschseins. Darauf baut die Selbstachtung, das Selbstbewusstsein, und auch die Würde auf. Menschen, die nicht wissen, dass sie selbst etwas bewirken können, fühlen sich (und sind meist auch wirklich) Opfer der Umstände und damit hilflos und abhängig von anderen. Dieses Gefühl der eigenen Ohnmacht beeinträchtigt das Selbstbild und nagt an der Selbstachtung.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand sich als Opfer sehen will, es sei denn, er verspricht sich von dem Status etwas. Was ich mir aber gar nicht vorstellen kann und will, ist, dass jemand zum Opfer gemacht werden möchte. Wenn ich allerdings die aktuellen Diskussionen um Geschlechterakzeptanz, Diskriminierung und Rassismus verfolge, scheint genau das zu passieren: Es werden Täter und Opfer zementiert. Nehmen wir das Beispiel des Rassismus:

Eine aktuell populäre Sicht bei der heutigen Thematisierung von Rassismus (die ursprünglich aus den Staaten zu uns kam) ist, dass Weisse aufgrund ihrer Hautfarbe per se rassistisch seien, weil es Weisse waren, die in der Geschichte die Schwarzen unterdrückt haben. Rassismus ist so gesehen in die Gene eingebrannt, es gibt kein Entkommen.

Diese Sicht zementiert nicht nur die Fronten schwarz-weiss, sie macht Schwarze auch zu ewigen Opfern. Wenn dem Weissen der Täterstatus eingebrannt ist, ist es dem Schwarzen das Opfertum. Tun wir jemandem damit einen Gefallen oder macht diese Sicht irgendetwas besser? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Menschen, so gesehen, wird auf diese Weise die Würde abgesprochen (auf beiden Seiten). Diese Argumentation leugnet, dass Menschen frei sind, sich zu ändern – darauf gründet unter anderem ihre Würde. Avishai Margalit schreibt in seinem Buch „Politik der Würde“:

„der grundlegende Respekt vor jedem einzelnen orientiert sich an dem, was er in Zukunft tun könnte, nicht an dem, was er in der Vergangenheit getan hat. Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Leben tatsächlich zu ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Veränderung.“

Margalit fährt fort, dass ein Mensch nicht durch seine Vergangenheit determiniert (wenn auch durchaus geprägt), sondern zu jedem Zeitpunkt frei ist, sich und sein Verhalten zu ändern. Wenn dies schon für das eigene Verhalten gilt, wie viel grösser muss also die Möglichkeit einer Veränderung über Generationen sein, in denen durchaus ein Denkprozess stattfand und auch Massnahmen zur Abschaffung von Rassismus erfolgreich durchgesetzt wurden. Leider ist er noch lange nicht aus der Welt, nur denke ich, es bedürfte eines Miteinanders und keiner neuen Fronten, diesen Weg erfolgreich weiterzugehen.

Ich bin der Meinung, es ist wichtig, genau hinzuschauen, wo heute noch strukturelle Benachteiligungen existieren. Diese dürfen nicht hingenommen werden. Die davon Betroffenen sollten aber nicht nur Opfer sein, sondern selbst Akteure. Sie sollten nicht nur von den anderen Veränderungen erwarten, sondern sich auch selbst in der Möglichkeit sehen, aktiv zu werden. Als Teil eines Ganzen mit anderen Teilen. Dafür ist ein Miteinander wichtig, Fronten schaden mehr. Es muss ein Raum geschaffen werden, in welchem es möglich ist, für die eigenen Rechte und gegen Benachteiligungen einzustehen. Dann gibt es keine Täter und Opfer durch von aussen definierte Kriterien, sondern eine gemeinsame Welt mit gemeinsamen Werten und Zielen, welche von allen miteinander gestaltet wird. Eine Welt, in der jeder seinen Platz hat.

Eine Utopie? Ich mag Utopien… und ich glaube, sie könnten oft verwirklicht werden. Und ich glaube, dass die Utopie das ist, was uns immer wieder antreibt, weil wir an etwas glauben, es als machbar sehen, unseren Platz in dem Vorhaben wahrnehmen und als ausfüllbar erachten. Wir sind als Ganze Teil eines Ganzen. Diese Doppelrolle wollen wir ausfüllen, denn nur durch diese sind wir ganz Mensch. Und weniger sollte kein Mensch sein müssen.

Gespräche mit Max Frisch

Wenn ich zurückblicke, kommt es mir manchmal so vor, als sei ich um ihn rumgeschlichen. Ich habe ihn immer wieder präsentiert bekommen. Im Gymnasium mit der Pflichtlektüre «Andorra», die ich (natürlich!) so ziemlich verweigert habe. Die Auszüge, die ich mitkriegte, waren wenig prickelnd. Später sah ich Reden. Interviews. Sie waren beeindruckend. Er beeindruckte mich. In seiner Vehemenz, seiner Streitbarkeit, seiner Tiefe, seiner Argumentation. Ich war radikal. Er auch. Das gefiel mir. Ich hob ihn innerlich hoch, wollte reinstechen, doch beim Lesen seiner Bücher lockerte sich der Griff merklich. Zeit ging ins Land.

Diese Dynamik hat sich mehrfach wiederholt. Wieder auf ihn stiess ich über meine Faszination für Ingeborg Bachmann – die abgrundtiefe Beziehungsgeschichte zog mich in den Bann und die Behandlung derselben durch die germanistische Zunft liess die gerechtigkeitsorientierte Philosophin in mir lauthals (innerlich) protestieren. So sehr ich sie schätzte und mich verbunden und sogar vertreten fühlte: Das war zu einseitig. Ich wollte Max Frisch sicher keinen Persilschein ausstellen, den er für sich selbst nie gefordert und wo er ausgeteilt wurde, immer verurteilt hatte, aber: Die unglaublich wunderbare, bewundernswerte, charismatische, begabte Dichterin war selbst kein Kind von Traurigkeit, kein Unschuldsengel und sicher kein einfaches Wesen. Die Täter-Opfer-Zuschreibung konnte nicht aufgehen. Die nun jüngst endlich zugänglichen Briefe legen es offen – auf beiden Seiten.

War es nur landsmännische Loyalität, die mich immer wieder in die Bresche springen liess? Nein. Es war ein tief empfundenes Verständnis für die Zweifel, Nöte, Radikalitäten, und eine Neugier. Und der gehe ich nun nach. Nicht biographisch. Nicht germanistisch. Nicht wissenschaftlich. Rein interesse-gelenkt. Ich trete ins Gespräch mit dem Autoren, der den Dialog hochhielt. Und ich teile ab und zu meine Gedanken zu Sätzen, die ich so finde bei ihm.

Ich freue mich auf dieses Eintauchen. Ich würde mich freuen, wenn der Dialog ein offener würde, neue Gedanken zu Sätzen geäussert würden, ein Diskurs entstünde, Denken gelebt und laut gemacht würde. Seid ihr dabei?

Lebenskunst: Vertrauen statt Zweifeln

„Lenke deine Energien mehr und mehr in dein Vertrauen und deine Liebe – denn die Energie, die zu Zweifel wird, ist die gleiche Energie, die zu Vertrauen wird.“ Osho

Und plötzlich ist da diese Idee. Du willst etwas machen und malst dir alles in den buntesten Farben aus. Und dann kommen sie: die leisen und immer lauter werdenden Stimmen, die überall Probleme sehen, die alles in Zweifel ziehen, die eine Hürde nach der anderen sehen und einem Gelingen kaum mehr Chancen geben. Es sind die Stimmen der Angst vor dem Scheitern, die Stimmen, die alles im Keime ersticken, was gross werden könnte. Es sind die Stimmen, die Risikos vermeiden wollen um der Sicherheit willen – die eigentlich der Tod alles Lebendigen ist.

Wie viele Träume hast du schon nicht verwirklicht, wie viele Wege bist du nicht gegangen aus Angst, sie könnten in die Irre führen? Wie viele Entscheidungen hast du nicht getroffen, nur um später zurückzuschauen und zu denken: Hätte ich doch… Und wieso? Um keinen Fehler zu machen? Nicht zu „scheitern“? Was wäre so schlimm? Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte, wenn etwas misslingt?

Oft fürchten wir einen Gesichtsverlust oder fürchten, etwas zu verlieren bei der falschen Entscheidung. Nur: Ohne Entscheidung verlieren wir mehr: Unser Vertrauen in uns, unseren Glauben an unsere Möglichkeit, unser Leben zu gestalten, und: Unsere Freiheit. Zweifel sind die Stäbe eines selbstgebauten Gefängnisses, Vertrauen ist der Boden, auf dem wir stehen und aus diesem hinauswachsen können.

Zweifel unterdrücken zu wollen, bringt nichts, sie werden tief drin weiter wüten. Aber wir können anfangen, Möglichkeiten zu sehen statt Hindernisse, können Wege finden statt Blockaden. Und dann machen wir den ersten Schritt. Und den nächsten. Und irgendwann kommen wir am Ziel an. Vielleicht ist es sogar ein anderes als geplant, aber es ist eines, das wir mutig erreicht haben.

Max Frischs Tagebücher

«Der verehrte Leser – einmal angenommen, dass es ihn gibt, dass jemand ein Interesse hat, diesen Aufzeichnungen und Skizzen eines jüngeren Zeitgenossen zu folgen, dessen Schreibrecht niemals in seiner Person, nur in seiner Zeitgenossenschaft begründet sein kann…»

In Max Frischs Tagebüchern sucht man vergebens nach persönlichen Befindlichkeiten, Alltagserlebnissen oder kränklichen Zuständen. Es mag sein, dass Max Frisch sein Tagebuch für eine potenzielle Leserschaft geschrieben hat, zumindest klingt sein Vorwort in den veröffentlichten Büchern so. Er spricht den Leser an und wünscht sich, dass dieser die Reihenfolge beachte, da diese wichtig sei für das Verständnis der Zusammenhänge. Da ist also einer, der einerseits gelesen werden wollte, aber nicht auf eine beliebige Weise, sondern auf die seinem Schreiben angemessene – in seinen Augen.

Auch wenn die Leserschaft beim Schreiben mitgedacht ist, bleibt das Tagebuch doch ein Übungsplatz. In ihm notiert Max Frisch seine Gedanken, kämpft mit der Sprache als Art und Weise des möglichen Ausdrucks für das Vorgefundene, Bedachte, für das Zeitgeschehen. Schreiben, so ist sich Max Frisch sicher, ist ein Ordnen der Gedanken und ein Verstehen derselben. Es hilft, sich selbst und der Welt auf die Spur zu kommen, indem man sie in Sprache fasst.

Die Tagebücher von Max Frisch sind so gesehen literarische Formen. In ihnen steckt eigentlich der ganze Frisch schon drin, sein Gesamtwerk ist hier in den Hintergründen, in den Grundthemen und -gedanken angelegt.

Ich werde mich in der nächsten Zeit vermehrt mit Max Frisch auseinandersetzen und werde auch hier sicher über den einen oder anderen Gedanken von und zu ihm, über das eine oder andere Buch oder Thema schreiben.

Lebenskunst: Ich sein – weil ich es darf!

Als Kind der (vor-?)letzten Generation bin ich mit Aufforderungen aufgewachsen, bloss nicht zu laut zu sein, bloss nicht aufzufallen, mich auch ja schön artig zu benehmen. Am besten war es, wenn man mich nicht wahrnahm, ich quasi als braver Mitläufer in dieser Welt existierte, der seine Leistungen gut und richtig (nach äusserem Massstab) erfüllte und wenn eine Wirkung, dann eine positive hervorrief. Unter allem lag die latente Botschaft: Sei nicht so (wie du bist). und bei Nicht-Gelingen sofort: „Du bist nicht gut genug.“

Leider nehmen wir solche Prägungen oft ins Erwachsenenleben, die Sätze setzen sich fest, sie werden Glaubenssätze, an denen wir unser Denken, Fühlen und Handeln ausrichten. Der Satz „Das kann ich nicht.“, die eigene Verurteilung „Ich bin nicht gut genug.“ und das harte Gericht mit uns selbst, wenn etwas misslingt, sind Zeugen davon. Sich davon loszusagen, erfordert Mut. Ja, man könnte anecken, ja, es könnte nicht jedem gefallen. Nur: „So what?“ Gefällt es dir, es nicht zu tun?

Es ist (auch) deine Welt, es ist (nur) dein Leben!

Warum ich keine Verrisse schreibe

Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, keine Verrisse zu schreiben. Einerseits würde ein fundierter Verriss verlangen, dass ich das Buch zu Ende lese, wofür mir die Zeit zu schade ist, weil so viele Bücher auf mich warten, die ich wirklich lesen mag. Bücher, die mich nicht packen, breche ich ab. Oft nach wenigen Seiten, manchmal auch später. Zudem würde auch das Schreiben des Verrisses Zeit brauchen, die mir auch wieder von für mich passenderer Literatur abginge – und ich sage explizit nicht besserer Literatur.

Nun bin ich von Haus aus Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin, darin geübt, Literatur zu analysieren, zu taxieren nach diversen Kriterien. Von einer Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin hörte ich in einem Interview, dass Literaturkritik sich selbst verrate, wenn keine Verrisse geschrieben würden. Erst diese machten die Kunst der Kritik zu einer objektiven, sachlichen, wertvollen. Der Verweis auf das, was nicht funktioniert, was schlecht geschrieben ist, was Mängel aufweist, runde das Bild der Literatur auf dem Markt ab. Verzichte man darauf, schaffe man damit auch die Literaturkritik ab.

Wenn man sich fragt, wozu Literaturkritik überhaupt dienen soll, vor allem, wenn sie in den Medien stattfindet, dann steht für mich die Literaturvermittlung an vorderster Stelle. Ich möchte Menschen zum Lesen animieren, ich möchte auf Bücher hinweise, die ich gut fand, und auch sagen, wieso ich sie gut fand (wobei auch Schwächen durchaus thematisiert werden können). Ich sehe schlicht keinen Sinn darin, die Zeit der Lesenden und den Platz in den Medien für etwas zu nutzen, von dem sie nichts haben ausser dem Rat, etwas nicht zu lesen. Und dieser Rat beruht auf meinem persönlichen Geschmack und meiner individuellen Lesevorliebe.

Die Frage, die sich zudem stellt, ist: Was ist gute Literatur, was macht sie aus? Formale Kriterien wie Stil, Ausdruck, Sprache, Aufbau und einige mehr sind sicher wichtig und richtig, doch was für mich beim Lesen immer am meisten zählt, ist: Packt mich das Buch so, dass ich es lesen will? Stösst das Buch in mir auf Resonanz, so dass ich mich in das Buch hineinziehen lasse und am Schluss als eine andere herauskomme, als ich es am Anfang war? Bücher sind für mich Welten, in die wir tauchen. Nicht jede Welt ist für jeden Menschen, aber es gibt sicher für jeden Menschen eine passende Welt (in Form von Büchern sogar viele passende Welten).

Ich sehe es als meine Aufgabe (und der widme ich mich mit Herzblut und aus Überzeugung), Menschen zum Lesen zu animieren, indem ich auf Bücher hinweise, die ich für lesenswert halte. Und so bleibe ich bei meinem Entschluss, auch künftig keine Verrisse zu schreiben. So bleibt es nicht aus, dass ich viele Bücher nicht bespreche, die aktuell wären, die vielleicht auch gelobt werden oder gar in einem Kanon vorkommen. Johann Wolfgang von Goethe schrieb in seinem «Faust»:

«Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll.»

So halte ich es mit den Kritiken: Die Bücher, welche mir zu Herzen gingen, bespreche ich von Herzen, in der Hoffnung, dass sie noch weiteren LeserInnen zu Herzen gehen werden.

Lesemonat März – ein Rückblick

Es sind viele Bücher zusammen gekommen im März, es war ein wilder Ritt durch die Welt der Literatur, einer mit den wundervollsten Highlights und doch einigen Abbrüchen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich habe Long/Schwebbe, Natalie Goldberg, Olga Tokarczuk und Jesse Falzoi das Schreiben erkundet, mit Julia Schoch das Leben und die Liebe erforscht, bin mit Annie Ernaux in Erinnerungen gewatet und habe eine junge Frau auf ihrer Suche nach sich begleitet. Ich habe mich in lichtenden Nebeln ein wenig verloren, und mich mit King Kong und den Nachmittagen ein wenig schwergetan. Ich habe bei Tillie Olsen gelesen, was nie geschrieben wurde und weshalb, und mich in Sachen Chemie weitergebildet. Und ich habe mir ein Liebespingpong von abgrundtraurigen Briefen zugemutet, von dem ich nicht wusste, ob ich bei dem Spiel nicht eigentlich ein unerwünschter Zuschauer war. Und schliesslich und endlich habe ich vier Frauen begleitet, die nach Umbrüchen den Mut hatten, das Leben neu in die Hand zu nehmen.

Es war ein schöner Lesemonat, der April hat schon begonnen ich hoffe, er wird ebenso gut. Was waren eure Lesehighlights im März?

Hier die komplette Liste meiner Bücher:

Aljoscha Long/Ronald Schweppe: Schreib dein Ding! Authentisch – achtsam – kreativ. Dein eigenes Buch – der Weg zu dir selbstEin Schreibratgeber, der mehr auf den werdenden Schriftsteller als auf konkrete Schreibtipps ausgerichtet ist. Die innere Haltung, das Drumrum des Schreibens stehen im Zentrum, doch auch der eine oder andere Tipp, wie aus dem Wunsch Realität werden kann, angefangen vom Schreibritual über Etappen des Prozesses bis hin zur Verlagssuche finden sich in diesem kleinen, gut lesbaren, informativen Buch.5
Julia Schoch: Das Liebespaar des JahrhundertsDie Geschichte einer Liebe über Jahrzehnte, deren einziger Wert im Bestehen scheint, so dass das Ende als notwendig gedacht wird. Wie trennt man sich nach all den Jahren? Was hat man alles gemeinsam erlebt? Wo ging das Verbindende verloren? Was bleibt? Eine unglaublich schöne, tiefe, unsentimental gefühlvolle Geschichte. 5
Annie Ernaux: Der junge MannDie Geschichte einer älteren Frau mit einem jungen Mann, das Leben zwischen den Zeiten und Orten, das Leben als Wiederholung der jungen Jahre, gelebt im Heute, im Wissen um das Ende, dass auch dieses Heute schon zum Gestern macht. Das wohl kürzeste Buch meines Lebens, von dem ich weit mehr erwartet hätte. 3
Clare Pollard: Delphi – abgebrochenKurze Kapitel mit Titeln, die Weissagungen tragen. Das Leben einer kleinen Familie, die Ich-Erzählerin, Jason und ihr. beider Sohn, der Anfang der Covid-Pandemie und die alltäglichen Ängste und Vorkommnisse plus Gedankengänge. Alles zerhackt, nirgends ein Fluss. Ich musste aussteigen, nachdem ich zweimal begonnen hatte, weil ich nicht reinkam und sofort wieder vergessen hatte, was ich schon gelesen habe. 
Matthias Göritz: Die Sprache der Sonne – abgebrochenEine junge Frau reist auf den Spuren ihrer Grossmutter nach Istanbul und hofft, auch Antworten zu ihrer eigenen Vergangenheit zu finden. Das Thema wäre nicht uninteressant, doch ich kam in keinen Lesefluss, es war alles zu zerhackt, es hat mich weder mit den Figuren, noch mit der Erzählweise, noch mit der Geschichte soweit gepackt. 
Julia Schoch: Das VorkommnisJulia Schoch lässt uns durch die Protagonistin, die namenlose Ich-Erzählerin eintauchen in die Welt und vor allem die Gedanken einer Frau, die durch ein Vorkommnis, das unerwartete Auftauchen einer bislang unbekannten Schwester, aus der Bahn geworfen wird und plötzlich nicht mehr weiss, ob sie bisher überhaupt in einer drin war. Als Leser findet man sich unweigerlich in einem Dialog zwischen den Gedanken der Protagonistin und den eigenen. 5
Caroline Schmitt: LiebewesenDie Geschichte einer jungen Frau, die mit sich, ihrer Vergangenheit, und mit der Liebe in all ihren Formen kämpft. Es ist die Geschichte einer Suche zu sich selbst, die ihre Opfer fordert. 4
Manuel Niedermeier: Das ist einer, der lebt! – abgebrochenIch kam in dieses Buch nicht rein. Zuerst verstand ich nicht, was der Anfang mit dem zu tun haben soll, was als Beschreibung stand, dann fand ich es über den Klappentext raus, machte mit dem zweiten Kapitel weiter, da das erste so wenig einnehmend war, doch auch das verlor mich nach wenigen Zeilen. 
Jesse Falzoi: Creative Writing. Texte und Bücher schreiben16 Lektionen hin zum Schreiben eines Textes oder gar eines Buches. Es geht über die Entwicklung eines Plots über die des Protagonisten bis hin zum stimmigen Aufbau, alles mit Übungen zur praktischen Umsetzung sowie Ideen, wie man ins Schreiben kommt. 5
Christian Haller: Sich lichtende NebelEin junger Wissenschaftler beobachtet eines Nachts einen Mann, der im Licht auftaucht und wieder in der Dunkelheit verschwindet, er kommt dadurch zu neuen Erkenntnissen, die in seinen Kreisen auf Skepsis stossen. Der Beobachtete merkt davon nichts, er versucht, über den Tod seiner Frau hinwegzukommen, indem er sich neuen Gebieten zuwendet, die allerdings kein anderer verstehen kann. Zwei unabhängige Leben, die sich zufällig kreuzen, ohne es zu merken, nur der Leser kennt das verbindende Element, welches aber ein wenig dürftig ist für ein ganzes Buch mit zwei parallel laufenden Strängen.3
Toni Morrison: Sehr blaue Augen – abgebrochenEine Geschichte über das Aufwachsen von schwarzen Kindern in einer von Weissen dominierten Welt. Ich kam in keinen Lesefluss, die Geschichte hat mich nirgends abgeholt. 
Natalie Goldberg: Schreiben in Cafés. Kreatives SchreibtrainingEin Buch für alle, die schreiben wollen. Es geht mehr darum, ins Schreiben zu kommen, als eine technische Anleitung. Es ist ein motivierendes, persönliches, inspirierendes Buch mit vielen kleinen Tipps, die dazu führen, loszuschreiben, denn: Das wichtigste, um schreiben zu lernen, ist schreiben. 5
Jochen Schmidt: Ich weiss noch, wie King Kong starbEin humoristischer Blick auf das alltägliche Leben, begleitet von kleinen Comics des Autors. Die Kindheitsträume eines DDR-Jungen sind ebenso Thema wie die Natur, Kunstwerke, Bananen und Bommelmützen. Vielleicht wäre es lustiger, wenn man selbst in der DDR aufgewachsen wäre, auf alle Fälle nimmt das scharfsinnig Witzige mit der Zeit eher ab und die Längen nehmen zu. 3
Ferdinand von Schirach: NachmittageIn seinem ruhigen sachlichen Ton schreibt sich Ferdinand Schirach durch die Gegebenheiten seiner Geschichten, langsam plätschern die Texte dahin, so dass die Gedanken beim Lesen zu oft abschweifen zu früheren Büchern des Autors, die so grossartig waren, dass man dieses Buch blind gekauft hat und nun doch etwas enttäuscht ist.3
Ingeborg Bachmann, Max Frisch: «Wir haben es nicht gut gemachtDer Briefwechsel zwischen dem Liebespaar, dessen Beziehung von Anfang an mit dem drohenden Absturz kämpfte, das so gerne wollte, was erst schwierig erschien, dann war, schlussendlich untragbar wurde, und zwei zurückliess, die trotz allem wohl eine Liebe füreinander bewahrten, die jedoch nicht nährte, sondern eher auszehrte. Ein sehr bedrückendes Buch, ein (vielleicht zu) intimer Blick tief in die Seelen und Herzen zweier Menschen.4
Olga Tokarczuk: Übungen im FremdseinEssays und Reden zum Schreiben und zur Welt, in der wir leben. Wie schaffen wir durch Sprache neue Welten, wohin läuft die Welt und wie gehen die Geschichten mit? Wie entstehen Figuren, woher kommen Ideen, was haben sie mit der Welt draussen zu tun und wie viel von der inneren Welt steckt drin? Ein Blick hinter die Kulissen der Literaturnobelpreisträgerin. 4
Bonnie Garmus: Eine Frage der ChemieDie Geschichte einer Frau, die dafür kämpft, auch als Frau ernst genommen zu werden, zu einer Zeit, als das kein Thema war. Als alleinerziehende Mutter, eigentlich Chemikerin von Beruf, findet sie sich in einer Fernsehsendung zum Kochen wieder, doch sie hat mehr im Sinn, als nur Essen auf den Tisch zu bringen. Und: Die Geschichte einer grossen Liebe, die zwar endet, aber doch das Leben weiter prägt. 4
Stephan Porombka: Kritiken schreiben. Ein TrainingsbuchMan könnte es genauso gut als Schreibratgeber generell ansehen: Eine Anleitung, was eine Erzählung ausmacht, wie man sie angeht, woraus sie besteht. Kritik beinhaltet all das, aber immer in Bezug auf etwas, auf ein Werk. Eine gelungene Einführung und Übungsanleitung.5
Thorsten Pilz: Weite SichtNach dem Tod von Friedrich erfährt Charlotte bei der Testamenteröffnung, dass dieser eine lange Zeit eine Affaire mit ihrer Schwester hatte. Doch das ist nicht die einzige Lebenslüge, die ans Licht kommt. Die Gelegenheit ist da, die eigenen Beziehungen zu überdenken und das Leben neu auszurichten. 5
Tillie Olsen: Was fehltEssays über das Schweigen in der Literatur, darüber, was dem Schreiben im Weg steht und was nötig wäre, um schreiben zu können. Mit vielen Beispielen aus Tagebüchern und Briefen schreibender Menschen lässt Tillie Olsen den Blick hinter die Kulissen von Schreibenden (und nicht mehr Schreibenden) zu und beleuchtet die Schwierigkeiten, mit denen schreibende Menschen (vor allem Frauen) zu kämpfen haben. 4
Simone Atangana Bekono: Salomés Zorn – abgebrochenEs soll die Geschichte eines Mädchens sein, das durch erlebtes Unrecht wütend und dann gewalttätig wird. Ich fand nicht rein. Der Erzählfluss stoppt alle paar Seiten, um an einem anderen Punkt wieder anzusetzen. Die Protagonistin wird nicht deutlich, wir haben nur Erinnerungsfetzen und ein paar aktuelle Erfahrungen. Es gab nichts, woran ich mich hätte halten können, um weiterlesen zu wollen. 
Nicolas Mathieu: Rose Royal – abgebrochenDiese typisch männliche Frauenbeschreibung war schon fast Grund zum Abbruch, doch die folgenden Klischees von Bars, Männern in Bars, alleinstehenden Frauen um die 50 und die Klischee-Geschlechterrollen haben den Rest gegeben. 
Nick Hornby: Mein Leben als Leser – abgebrochenEine Auflistung der gekauften und gelesenen Bücher sowie ein dem Lesen entlang Schreiben und Kommentieren der Leseerfahrungen und des eigenen Lebens rund ums Lesen. Mich sprach die zu joviale Sprache nicht an, ich wurde mit dem Stil nicht warm.