Gedankensplitter: Glück – «Irgendeinisch»

Als ich ein Kind war, sagte mir mein Vater einmal:

«Du taugst nicht zum Glücklichsein.»

Und ja, die Schwere lastete mehrheitlich auf mir. Wenn ich in meine Kindheit zurückdenke, fallen mir wenige unbeschwerte Momente ein. Aus späteren Jahren zum Glück einige mehr, sonst würde das hier nun eine Trauergeschichte, was schlecht zum Titel passen würde.

Kürzlich sass ich in wunderbarer Begleitung und ausgelassener Stimmung in meinem Lieblingslokal und plötzlich durchzuckte es mich:

«Ich bin glücklich.»

Das Glück ist eine schwierige Sache, da so schwer fassbar. Man kann es nicht einfangen und schon gar nicht bewahren. Man ist ihm ausgeliefert, denn es kommt und geht nach eigenem Gesetz. Es hilft nur eines: Bereit sein, damit es offene Türen einrennt, wenn es kommt. Ich war es wohl und es trat ein. Meine wunderbare Begleitung meinte, ich müsse auch mal über das Glück schreiben, nicht nur über das Schwere. Natürlich war mein erster Impuls der des Widerspruchs. Ich schreibe nicht nur vom Schweren, da ist auch viel Leichtes, Schönes, Gutes drin.

Aber ja. Ich bin Melancholiker. Mindestens. Das Schwere ist präsent. Mittlerweile – wohl auch durch die Milde des Alters – gemässigt. Es hilft wohl, dass das Leben es plötzlich gut mit mir meint. Weil da so viel Schönes ist. Weil ich das Glück habe, meine Leidenschaft leben zu können. Dafür bin ich dankbar. Tag für Tag. Dankbarkeit half mir durch die dunkelsten Zeiten meines Lebens, sie ist auch in den hellen ein Geschenk.

Und dann war da also dieser Glücksmoment. An einem normalen Abend, einfach da. Und vielleicht ist es genau das, was das Leben lebenswert macht: Die kleinen Momente sehen, die gut sind. Sich ihnen ausliefern. Sie geniessen. Im Wissen, es gibt auch andere. Aber im Moment ist alles gut. Alles ist gut.

Und das ist Glück.

Gedankensplitter: Menschsein

«Ohne jede Absicht studieren, bloss um sagen zu können, was andere getan haben, das heisst die letzte der Wissenschaften, solche Leute sind so wenig eigentliche Gelehrte, als Register Bücher sind. Nicht bloss wissen, sondern auch für die Nachwelt tun [sic!] was die Vorwelt für uns getan hat, heisst Mensch sein.» Georg Christoph Lichtenberg

Wissen um des reinen Wissens willen ist sinnlos. Blosse Wissensaneignung ist reines Hirnfüllen ohne Sinn und Zweck. Erst in der Anwendung zeigt sich der Nutzen dessen, was man sich angeeignet hat. Erst im Tun ist der Mensch ganz Mensch, indem er das, was er gelernt hat, einsetzen kann für die Welt und die Menschen in ihr. So heisst Menschsein eigentlich, sich zum Wohle der Menschen einzusetzen, und um das tun zu können, braucht es das Wissen, wie es gehen könnte.

«Der Mensch lebt allein [sic!] um sein und seines Mitmenschen Wohl so sehr zu befördern [sic!] als es seine Kräfte und seine Lage erlauben.» Georg Christoph Lichtenberg

Dies im Hinterkopf könnte man daran gehen, Schulen entsprechend zu gestalten. Es geht nicht darum, Kindern möglichst viel unnützes Wissen in die Köpfe zu trichtern, sondern darum, sie in ihrem Menschsein zu begleiten, zu unterstützen und zu fördern.

Politisches: Gemeinsam können wir etwas bewirken

«Man kann die Welt nicht alleine ändern. Jene, die diesen Weg beschreiten, tun das, indem sie sich organisieren und zusammenarbeiten. Die intellektuelle Selbstverteidigung, die ich meine, findet stets in einem sozialpolitischen Kontext statt, der für positive Veränderungen absolut notwendig ist.» Noam Chomsky

Schaut man auf totalitäre Systeme, fällt unter anderem etwas auf: Es wird versucht, Verbindungen zu vermeiden, den Menschen zu isolieren. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Einzelne Menschen sind besser steuer- und manipulierbar als Gruppen. Durch die Verbindung mit anderen gewinnt der Einzelne mehr Kraft und damit auch mehr Macht, die dem Herrschaftsregime entgegenschlagen könnte. Dies gilt es zu vermeiden.

Es ist umso erstaunlicher, wenn man sieht, wie sehr der heutige Mensch nach Individualität und Vereinzelung strebt. Andreas Reckwitz hat das in seinem Buch «Die Gesellschaft der Singularitäten» schön beschrieben. Menschen sind mit sich und den eigenen Belangen beschäftigt, sie kümmern sich wenig um die der anderen. Dass so Synergien nicht genutzt werden, liegt auf der Hand. Dass wir uns so unserer eigenen Wirkkraft berauben, ist die traurige Folge.

Wir sehen uns in einer Welt, welche einige Gefahren für uns und unser Leben bereithält. Neben Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen sind auch die Klimaveränderungen und ein möglicher Atomkrieg zu nennen. Das sind Gefahren und Probleme, die uns alle betreffen, weil wir alle daran beteiligt und viele davon betroffen sind. Um Lösungen zu finden und Gefahren abzuwenden, wäre es dringend nötig, die eigenen Verantwortlichkeiten zu sehen und gemeinsam nach gangbaren Wegen zur Lösung zu suchen.

Es ist an die Zeit, dass der Westen seine überhebliche Dominanz aufgibt und sich der Fehler bewusst wird, die zu den aktuellen globalen Krisen beigetragen haben. Aktuell versuchen wir noch immer, die Konsequenzen, die sich aus diesen ergaben, sprichwörtlich an der Grenze abzuwenden, indem teilweise fragwürdige Abkommen mit anderen Staaten getroffen werden, die sich des Problems annehmen. Dies alles geschieht auf Kosten der Ärmsten dieser Welt, auf Kosten derer, die die Leidtragenden vergangener und gegenwärtiger wirtschaftsgetriebener Machenschaften sind.

«Die menschliche Natur macht es möglich, zum Heiligen oder zum Sünder zu werden. Jeder von uns hat diese Kapazitäten in sich… Bezüglich der Machbarkeit von gerechteren und sozialen Institutionen kann man sich im Vorhinein nie ganz sicher sein. Man muss einfach immer wieder versuchen, neue Maßstäbe zu setzen und das zu tun, was im Bereich des Möglichen liegt.»

Es ist Zeit, hinzusehen, zusammenzustehen, Veränderungen zu denken und diese umzusetzen. Mensch sein heisst auch, Verantwortung übernehmen. Es heisst, sich für das Richtige zu entscheiden, sprich, für eine gerechtere Welt für alle.

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Buchtipps dazu:

Noam Chomsky (im Gespräch mit Emran Feroz): Kampf oder Untergang! Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018.

Der große Denker unserer Zeit über die Gefahren der Klimakrise und eines Atomkrieges, über die manipulative Macht von Massen- und sozialen Medien, über die selbstgemachte Zerstörung unserer Welt. Er behandelt die Notwendigkeiten einer neuen Form von Bildung, die zu mündigen, kritischen Menschen führen ebenso wie die Hoffnung, die im Menschsein und dessen Fähigkeiten begründet ist. Wir tragen gute und schlechte Seiten in uns, wir haben die Wahl, welche wir stärken und wie wir sie einsetzen.

Das Buch umfasst viele der zentralen Themen Chomskys in konzentrierter Form. Wer sich weiter vertiefen möchte, dem seien die umfassenderen Bücher ans Herz gelegt, z. B.:

Noam Chomsky, Mary Waterstone: Konsequenzen des Kapitalismus. Der lange Weg von der Unzufriedenheit zum Widerstand, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2022.

Chomsky und Waterstone decken die Probleme und Grausamkeiten des gegenwärtigen kapitalistischen Systems und der Politik, die sich diesem Kapitalismus unterworfen hat, auf und diskutieren Möglichkeiten für eine gerechtere Welt. Dabei setzen sie auf die Eigenmächtigkeit der Menschen, welche die Möglichkeit hätten, eine Veränderung zu bewirken – wenn sie diese in die Hand nähmen.

Und:

Noam Chomsky, Edward S. Herman: Die Konsensfabrik. Die politische Ökonomie der Massenmedien, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2023.

Medien vertreten oft die Meinung, die der politischen Herrschaftsmeinung folgt. Damit lenken sie – oft unbewusst für diese – die Leser in eben diese Richtung, machen sie zu folgsamen Gehorchenden vorherrschender Doktrinen. Treibende Kraft hinter allem sind oft profitorientierte, ökonomische Interessen, selten wirklich soziale Werte oder gar gerechte Umstände für die, welche derer bedürften. Chomsky und Herman liefern eine differenzierte und sachliche Analyse der Mechanismen der gängigen Medienlandschaft, sie zeigen die Kriterien, nach welchen Themen gewählt werden, und die Mittel, wie sie präsentiert werden, um so die Meinungsbildung zu steuern.

Gedankensplitter: Zuhause

«Ein wahres Zuhause ist der Ort – jeder Ort –, an dem persönliche Entwicklung stattfinden kann, und der zugleich Beständigkeit bietet.» bell hooks

Wo bin ich zu Hause, wo ist der Ort, an den ich gehöre, der Ort, an dem ich sein kann, wer ich bin, weil ich merke, dass ich es auch sein darf? Was bedeutet dieses «Sein können, wer ich bin» überhaupt und wie realisiert es sich, realisiere ich es?

Als Mensch ohne wirkliche Wurzeln, weder bei Menschen noch an Orten, war das Gefühl von Heimat oder Zuhause für mich immer ein fremdes, eines, das zwar einer Sehnsucht entsprach, von dem ich aber nie wusste, was es genau ist und was es in einem bewirkt. Die Begriffe und das, wofür sie standen, wurden immer grösser und aufgeladener, das Hoffen, sie irgendwann ergründen und gar fühlen zu können, immer stärker.

Es gab immer wieder Momente, in denen ich dachte, nun gefunden zu haben, angekommen zu sein. Dieses Ankommen war ein Ziel gewesen, eines, das dem Sehnen und Bangen ein Ende setzen würde, das den gefühlten Mangel begleichen könnte. Immer wieder war es zerbrochen. Das Gefühl kam irgendwann auf, dass das einzige, worauf ich mich verlassen, worauf ich bauen, wo ich eine Art Zuhause finden könnte, ich selbst sei. Dies aber nicht in einer Selbstsicherheit des mir selbst Halt-Gebens, sondern vielmehr als Abkehr von anderen und dem Verlust jeglichen Vertrauens in sie, entstand es doch aus dem Gefühl heraus, dass sowieso nichts von Dauer und alles dem Verlust ausgeliefert sei.

Auf dieser Basis war ein Zuhause-Fühlen kaum möglich, auf dieser Basis war ein Wohlgefühl im Sein illusorisch, da dieses mangelnde Vertrauen auch aus einem Vertrauen in mich selbst rührte – oder das mangelnde Vertrauen zu anderen auf mich zurückwirkte, indem ich dachte, dass es an mir läge, wenn ich mich alleine fände, keinen hätte, auf den ich bauen könnte. Und vielleicht tat es dies, aber anders als gedacht: Nicht war ich in meinem SO-Sein nicht in Ordnung und damit nicht liebenswert, sondern in meinem fehlenden Vertrauen vermittelte ich selbst eine Form von Abwehr, verschanzte ich mich selbst hinter den selbstgebauten Schutzmauern, die sich schlussendlich als Gefängnismauern entpuppten.

Es ist wohl gar nicht so falsch, dass ich schlussendlich in mir selbst zuhause sein muss, dass ich auf mich bauen und vertrauen muss. Nur wenn ich das tue, kann ich mich öffnen nach aussen, im Wissen, dass ich sein darf, wie ich bin, dass ich auch anders sein darf, und doch in Ordnung bin. Aus diesem Wissen heraus kann ich mit einem Selbstverständnis auf andere zugehen, das diesen ihr Sein auch lässt, das uns in unserem jeweiligen So-Sein verbindet auch als Verschiedene, so dass daraus eine Beziehung entsteht, die auf Verständnis, Vertrauen, Zugewandtheit basiert. Wo würde man sich wohler fühlen als im Kreis von Menschen, die ein solches Miteinander leben? Wo wäre man mehr zuhause als da, wo man sich als Ich anerkannt fühlt und sich nicht schützen muss vor Verletzungen und Angriffen, wo man nicht in Angriffsstellung stehen muss, um gefürchtete Verletzungen abwehren zu können?

Es ist nicht immer leicht, die alten Muster abzulegen, die durch jahrelange Erfahrungen und Prägungen zustande kamen. Oft greifen sie in die Kindheit zurück, wurden da gefestigt und in die Seele gemeisselt. Veränderung braucht immer Zeit. Am besten gelingt sie an einem Ort, an dem man sich geschützt weiss, an dem man weiss: Hier darf ich sein. Und auch werden.  Schön, wenn man (manchmal auch einen) Menschen gefunden hat, die (der) einem das vermittelt. Vielleicht ist das dann Zuhause. Weil da Liebe herrscht und nicht Hass und Ablehnung. Ganz im Sinne von bell hooks Satz:

«Liebe ist die einzige Kraft, die einen Feind in einen Freund verwandeln kann.» bell hooks

Nicht dass vorher alle Menschen Feinde gewesen wären, aber die Angst, dass sie es sein könnten, hat eine wahre Begegnung verunmöglicht und damit ein Zuhause unmöglich gemacht.

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Buchempfehlung zum Thema:
bell hooks: Dazugehören. Über eine Kultur der Verortung

bell hooks wächst in Kentucky auf, verlässt den ländlichen Staat, um in der Stadt ihr Leben weg von der Arbeiterklasse und im universitären Umfeld zu führen. Sie schreibt vom Wunsch, dazuzugehören, von Rassismus, der auf dem Papier abgeschafft, doch im Leben präsent wie eh und je ist. Sie schreibt vom Trost der Natur, vom Wert der Familie, der Kunst und des sorgsamen Umgangs mit Menschen und der Welt. Sie träumt von einer Welt des Miteinanders, einer Welt der Zugehörigkeit ohne Rassismus und Segregation. Und sie schreibt von ihrer Rückkehr nach Kentucky, den Ort, den sie überall hin mitgenommen hat durch die verinnerlichten Werte und Muster, und wo sie sich nun niederlassen will.

(bell hooks: Dazugehören. Über eine Kultur der Verortung, Unrast Verlag, Münster 2022.

Gedankansplitter: Herkunft prägt

«Das Leben meines Vaters, seine Persönlichkeit und Subjektivität wurden von einer doppelten Einschreibung in einen Ort und in eine Zeit bestimmt, deren Härten und Zwänge sich wechselseitig verstärkten. Der Schlüssel zu seinem Sein: wo und wann er geboren wurde. Ein Segment des sozialen Raums und der historischen Zeit entschied darüber, welchen Platz er in der Welt einnehmen, wie er die Welt entdecken und welchen Weltbezug er aufbauen konnte.» Didier Eribon

Sartre sagte, wir würden in die Welt geworfen und dann sei es an uns, etwas aus unserem Leben zu machen. Damit hat er insofern recht, als dieses Leben nicht durch und durch determiniert ist durch einen ihm inhärenten Sinn. Allerdings steht uns doch nicht ganz frei, was wir tun und werden, sind wir doch geprägt durch unsere Herkunft, die sich in uns einschreibt. Sie schreibt sich umso mehr ein, als von aussen geschaut wird, dass man sie auch ja nicht vergisst. So werden Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Haushalten in Schulen anders behandelt, wird ihnen weniger zugetraut als solchen aus reicheren Elternhäusern. Kinder aus Akademikerfamilien machen einen Grossteil der Gymnasiasten und späteren Studenten aus. Nicht weil sie wirklich intelligenter wären, sondern (auch), weil sie entsprechend geprägt sind und unterstützt werden.

Was für ein Unrecht tun wir ihnen an? Und welches Potential könnte sich entfalten, würden wir es zulassen und fördern? Gedanken zum Weiterspinnen…

Gedankensplitter: Eigene blinde Flecke

«Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.» Roger Willemsen

Immer wieder lese oder höre ich von diesem «Gender-Seich». Kürzlich wurde ich gefragt, was ich denn davon halte, von diesem «Gender-Seich», die Hoffnung, dass ich mit ihm einen Empörungschor bilden würde, stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Auch Argumente wie:

«Wir haben wahrlich genügend Krisen, wir sollten uns nicht mit solchen Gender-Idiotien rumschlagen müssen.»

Oder:

«Langsam machen mich diese woken Identitätspolitischen und Gender-Propagierer richtig aggressiv.»

Und ja, aggressiv ist das Klima der Diskussionen. Es geht schon lange nicht mehr um die Sache, wie mir scheint, es geht darum, recht zu haben, weil man die Wahrheit kennt, weil man weiss, wie es richtig läuft, und vor allem bei den Gegnern: Weil man es schon immer so gemacht hat und es doch klar ist, dass dies gut war.

Und es wird argumentiert, dass wenn man N* sage, meine man es niedlich, wenn man die männliche Form verwende, seien natürlich alle mitgemeint, nur ein Idiot kenne das generische Maskulinum nicht[1], wenn man finde, Kopftuch-Frauen gehören nicht in unser Land, verteidig man nur die häuslichen Sitten und Gebräuche.

Die Argumentation, man brauche all diese Diskussionen nicht, sondern sie lenken nur von den wirklichen Problemen wie dem des Klimas ab, ist, wie ich denke, eine typische Vermeidungsargumentation aus einer Position, die es sich leisten kann.

Wir haben viele Probleme aktuell und ich denke, wir können sie nur gemeinsam angehen, da sie sich gegenseitig befruchten und wiederum so wirken. Diskriminierungen auf verschiedenen Ebenen und aus verschiedenen Gründen sind sicher nicht einfach Kleinigkeiten, wenn man zur Gruppe der Unterdrückten gehört. Die Diskussion über das Gendern könnte man sich sparen, wenn nicht so viele teilweise aggressiv dagegen kämpfen würden (dann wäre auch eine gemässigtere Form als diese teilweise wirklich schwierigen Auswüchse) möglich. Wir könnten uns ebenso Diskussionen über Antisemitismus, Rassismus, Klassismus, soziale Ungerechtigkeiten auf lokaler und globaler Ebene sparen – wenn wir endlich hinsehen würden und gemeinsam für eine Welt kämpfen, die eine gemeinsame wird.

Aber: Wir sind nicht da. Menschen werden unterdrückt, Frauen sind in vielen Bereichen in einer benachteiligten Position und sind zu wenig gehört und gesehen. Migrant*Innen, Schwarze, Juden, Transsexuelle und viele nicht der weissen, westlichen Norm entsprechende Menschen werden diskriminiert und ausgeschlossen. Und solange das so ist, müssen wir darüber reden und dafür kämpfen, dass es ändern. Weil wir es ihnen und uns wert sind, weil es in der Verantwortung derer liegt, die es können, weil sie all die Privilegien haben, die anderen verschlossen sind.


[1] Das erinnert mich an die Frau Ende des 19. Jahrhunderts, welche vor Gericht ging, weil sie nicht zum Studium zugelassen wurde. Ihre Klage, die sich auf das Recht jedes Menschen auf Bildungszugang berief, wurde abgewiesen mit der Begründung, es sei klar, dass damit nur Männer gemeint seien. So viel zum generischen Maskulinum.

Politisches: Woher der Rutsch nach rechts?

In vielen Ländern ist ein bedenklicher Rutsch nach rechts festzustellen. Parteien spielen plötzlich vorne mit, die Erinnerungen an düstere Kapitel unserer Geschichte wach werden lassen. Woher kommt dieser Gesinnungswandel bei einem mittlerweile grossen Teil der Bevölkerung?

Didier Eribon hat dies in seinem Buch «Rückkehr nach Reims» aufgrund autobiographischer Erlebnisse thematisiert. Waren sein Vater und das ganze Arbeiterumfeld früher Links-Wähler und Kommunisten, haben sie ein paar Jahre später den rechten Parteien zugejubelt. Das weckte beim Soziologen die Frage nach dem Warum:

«Wie konnte es dazu kommen, dass man in derselben Familie wenig später rechte oder rechtsextreme Parteien wählte und dies sogar manchmal als die «natürliche» Wahl empfand?»

Eine erste Begründung fand er nach dem Eintritt von Mitterrand in die Regierung:

«…nach dem Sieg der Linken… setzten im Volk bald Ernüchterung und Verdrossenheit gegenüber der politischen Klasse ein. Man fühlte sich von den Gewählten vernachlässigt.»

Die Bürger fühlten sich nicht mehr angesprochen, sie fühlten sich vernachlässigt und erneut zu Opfern des Systems gestempelten:

«Die Politiker sind alle gleich. Ob links oder rechts, die Rechnung zahlen immer dieselben»

Dies lag auch daran, dass sich die thematischen Inhalte drastisch verändert hatten:

«Die Idee der Unterdrückung, einer strukturierenden Polarität zwischen Herrschenden und Beherrschten verschwand aus dem Diskurs der offiziellen Linken und wurde durch eine neutralisierende Vorstellung des Gesellschaftsvertrags ersetzt, in dessen Rahmen «gleichberechtigte» Individuen (gleich? Was für ein obszöner Witz) auf die Artikulation von Partikularinteressen zu verzichten (das heisst zu schweigen und sich von den Regierenden nach deren Gusto regieren zu lassen) hätten.»

Und weiter:

«Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden, sie nahmen gegenüber der Welt nun einen Regierungsstandpunkt ein und wiesen den Standpunkt der Regierten verächtlich von sich…»

Eine neue Hierarchie zeigte sich:

…»liess man sich bestenfalls dazu herab, diejenigen, die gestern noch «unterdrückt» und «beherrscht» gewesen waren und politisch «gekämpft» hatten, als «Ausgeschlossene» darzustellen, als «Opfer» von Armut, Prekarisierung und Ausgrenzung» und somit als passive und stumme potenzielle Empfänger technokratischer Hilfsmassnahmen.»

Geschrieben 2009 über die Zeit in den 70er und 80er Jahren in Frankreich, und heute aktuell wie nie. Wieso also kommt es zu einem Rutsch nach rechts? Wieso laufen ehemals Linke zu rechten Parteien über?

Weil die Linken ihre Ursprünge verleugnen und sich gegen die, für die sie früher einstanden, mit denen sie sich solidarisch zeigten, stellen. Weil sie sich von ihnen entfernen, ihre Sprache nicht mehr sprechen, ihre Themen nicht mehr vertreten, stattdessen mit Inhalten um sich werfen, die im akademischen Zirkus erdacht und nicht im Leben erlitten werden. Und die vormaligen Linken und Wähler der Linken verstehen die Welt nicht mehr, in die diese entschwunden sind, fühlen sich zurückgelassen, verraten, ungehalten – und das werden sie. Und sie suchen einen Ort, wo sie ihre Themen vertreten sehen, wo sie das Gefühl haben, es gehe um sie.

Um es (zugegeben etwas plakativ und verkürzt) zusammenzufassen

«Dem, der kein Brot hat, ist es egal, ob es der oder die Brot heisst, er möchte satt werden.»

Und es scheint, als ob das auf der linkenAgenda kaum mehr einen Stellenrang hat.

Gedankensplitter: Neuanfang

«Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und etwas Neues in Bewegung setzen.» (Hannah Arendt)

Wer kennt sie nicht, die Stimmen, die immer sagen: «Das war schon immer so, das haben wir immer so gemacht.» Sie implizieren, dass es nur so und nicht anders geht. Diese Sicht hat sicher ihre Berechtigung, denn wieso sollte man Dinge ändern, die funktionieren und in Umstände umstossen, in denen man sich eingerichtet hat? Die Bequemlichkeit ruft oft zum Bewahren, denn so muss man sich auf nichts Neues einstellen, man muss nichts Neues lernen. Zudem gaukelt das Bewahren eine Sicherheit vor, indem man darauf baut, dass das, was bislang gut ging, es auch weiter tun wird. Diese Sicherheit ziehen wir oft dem Neuen sogar vor, wenn das Alte gar nicht wirklich gut war, sondern eher so leidlich oder gar nicht gut. Immerhin wissen wir, wie der Hase läuft, alles andere wäre offen und damit gefährlich.

Und doch bleibt irgendwo leise die Stimme: Das kann doch nicht ewig so weiter gehen? Das muss doch auch anders gehen? Und vor allem: Ich möchte das anders haben! Und dann?

Alles, was ist, hat einmal begonnen. Es kam in diese Welt und bestand dann in ihr fort. Selbst die Dinge, die so wirken, als seien sie immer so gewesen, nahmen irgendwann ihren Anfang – die guten wie die schlechten. In dieser Erkenntnis liegt etwas Tröstliches und etwas Hoffnungsvolles. Es liegt eine Motivation drin, denn: Wenn alles irgendwann begann, kann auch etwas Neues beginnen. Und: Es könnte mit mir seinen Anfang nehmen. Ich könnte ein neues, leeres Blatt aufschlagen und eine neue Geschichte schreiben, eine, die mir entspricht, eine, die meine Vision weiterträgt.

Heute wäre ein guter Tag für einen solchen Neuanfang!

Gedankensplitter: Herkunft, die nicht vergeht

«Die lange verleugnete Wahrheit über das, was ich war, kam zu mir zurück und zwang mir ihr Gesetz auf.»

Wir kommen in diese Welt und sie schreibt sich in uns fest. Wir gehen unseren Weg, doch nehmen wir mit, was wir unterwegs auflesen. Jean Paul Sartre schrieb in seinem Stück Saint Genet:

«Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.»

Als Existenzialist vertrat er die Meinung, dass wir sein können, wer wir wollen, dass das Leben keinen Sinn hat ausser dem, den wir ihm zuschreiben durch unser Dasein. Und doch: Wir sind, wer wir sind, auch aufgrund dessen, woher wir kommen. Und diese Herkunft prägt unser Sein bis tief in unsere Gene, sie ist in unserer Haltung, unserer Sprache, unserem Denken eingeschrieben und wirkt sich da aus. Zwar können wir die Herkunft verlassen, doch los werden wir sie nie.

Als ich Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» las, kamen mir unter der Dusche spontan folgende Zeilen in den Sinn, so dass ich diese verliess, um sie sofort aufzuschreiben:

«Es gibt Bücher, die sind für dich geschrieben. Sie tragen Sätze in sich, die zu dir sprechen, weil sie gleichsam auch aus dir sprechen. Sie scheinen dazu geschrieben worden zu sein, dass du dich in ihnen erkennst und dir endlich erklären kannst, was du bislang nur gefühlt hast, aber nicht erfassen und einordnen konntest – oder dich nicht trautest, es zu tun.»

Müsste ich ein Buch nennen, das mir wichtig ist, das mir am Herzen liegt, das ich nicht missen möchte, es wäre dieses.

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Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Suhrkamp Verlag, 2023.

Die autobiografische Erzählung von Didier Eribon, welcher zu seinen Wurzeln im Arbeitermilieu zurückkehrt, aus dem er für lange Zeit geflohen war – körperlich und geistig. Eribon verwebt autobiografische Erlebnisse mit politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen, er zeichnet das Bild einer Zeit und einer Gesellschaft, erläutert politische Gesinnungen und Gesinnungswechsel, legt eigene Gedanken und Verhaltensmuster offen. Ein kluges, ein tiefes, ein bewegendes, ein wichtiges Buch. Ein Herzensbuch.

Gedankensplitter: Ehrfurcht vor sich selbst

«Das Unrechte, das man getan hat, ist die Last auf den Schultern, etwas, das man trägt, weil man es sich aufgeladen hat.» Hannah Arendt, Denktagebuch

Hannah Arendt spricht hier im Sinne Sokrates’, welcher sagte, dass es besser sei, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. In einer Zeit wie heute, in der das Individuum zuoberst steht, in der das eigene Wohl vor dem der anderen gesichert sein will (was aber durchaus auch im Menschen angelegt ist), klingt das auf den ersten Blick widersinnig. Wie meint sie das?

Wenn ich Unrecht tue, bin ich mir dessen bewusst. In mir gibt es diese Stimme, die sagt, dass das, was ich tue, nicht richtig ist. Man kann sie Gewissen nennen, man kann sie aber auch Stimme der Vernunft sehen, wie Kant es sah, welcher die Vernunft als universalen inneren Massstab über richtig und falsch erachtete. Wenn ich also Unrecht tue, so wird das in mir zu einem Gefühl der Unstimmigkeit führen, weil ich grundsätzlich das Richtige tun will. Dieses Gefühl werde ich mitnehmen, auch wenn das Unrecht schon längst getan ist. Von diesem Gefühl kann ich mich nicht einfach lösen, weil ich mit mir zusammenleben muss. Also wirkt es in mir fort. Unrecht zu vermeiden ist also nicht nur Dienst am anderen, sondern vor allem auch an sich selbst. Ich kann mit mir nur in Frieden leben, wenn ich so handle, dass ich mit mir im Reinen bin. Man könnte sagen, richtiges Handeln geht auch zurück auf eine, wie Schiller sich ausdrückte, «rettende Ehrfurcht vor sich selbst».

Politisches: Demokratie muss gelernt und gelebt werden

«Je mehr wir miteinander streiten, desto weniger müssen wir uns empören.» Jörg Sommer

Wir sitzen zuhause vor unseren Bildschirmen, klicken uns durch die sozialen Medien, applaudieren bei denen, deren Meinung wir vertreten, blockieren die, welche uns nicht genehm sind. Idioten sind das, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Wir klagen auf den Staat, der uns Freiheiten streicht, uns ausnimmt, nichts tut für uns, vor allem nicht das, was wir wollen. Wir fühlen uns nicht gesehen und gehört und denken, dass «die da oben» sowieso machen, was sie wollen. Am Sonntag schlafen wir gerne aus, zu Wahlen oder Abstimmungen gehen wir bevorzugt nicht, was zählt schon unsere Stimme. Und wenn dann das Ergebnis nicht in unserem Sinne ist, fühlen wir uns bestätigt.

«Nur die Demokratie kann uns frei machen, weil wir nur in der Demokratie Urheber der Mächte sind, die uns regieren.» Wendy Brown

Wir sind vom Bürger zum Konsumenten geworden, streben nach mehr Geld, Freiheit und Wunscherfüllung, wir sehen den Staat in der Pflicht, zu liefern, ohne dass wir etwas dafür tun. Dass dies nicht der Sinn von Demokratie ist, liegt auf der Hand, dass diese so nicht funktioniert, ist nicht fraglich. Solange wir nicht wissen, dass wir nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben, solange wir unsere Aufgabe der Selbstbestimmung und der Teilhabe an politischen Entscheiden nicht ernst nehmen, so lange sind wir Mittäter bei der Zerstörung unserer Demokratie und damit des Staatssystems, das von allen zur Verfügung stehenden doch das sinnvollste wäre.

«Demokratie […] ist eine Form kollektiver Selbstbestimmung, die alle Bürgerinnen und Bürger als gleiche und freie anerkennt. Mit anderen Worten: Demokratie basiert und realisiert Freiheit, Gleichheit und kollektive Selbstbestimmung. Sie ist also Prozess und Ergebnis.» Julian Nida-Rümelin


Was also tun? Wir müssen nicht mal schnell die Welt retten, aber wir sollten damit anfangen, die Demokratie zu retten, indem wir uns wieder als Bürger im Sinne von Citoyen verstehen. Das heisst, wir müssen wieder lernen, aktiv das Gemeinwesen mitzugestalten als Gleiche unter Gleichen und in Anerkennung der Verschiedenheit eines jeden. Oder wie Jean-Jacques Rousseau sich ausdrückte:

„Der Citoyen ist ein höchst politisches Wesen, das nicht sein individuelles Interesse, sondern das gemeinsame Interesse ausdrückt. Dieses gemeinsame Interesse beschränkt sich nicht auf die Summe der einzelnen Willensäußerungen, sondern geht über sie hinaus.“

Nun kommt man nicht einfach als Demokrat zur Welt, Demokratie will gelernt werden und das von klein an. Nur wenn erfährt, was es heisst, als Einzelner Teil eines Ganzen zu sein, mitzubestimmen und mitzugestalten, wird diese Fähigkeiten genügend einüben, um sie dann auch im Hinblick auf das politische Geschehen einzusetzen, so dass wir als pluralistische Gesellschaft unseren Staat und das Zusammenleben darin aktiv gestalten.

Wir müssen demokratische Schulen schaffen, Schulen, die Kindern gerecht werden, in denen sie aktiv beteiligt werden und bei der Umsetzung erfahren, was es heisst, Entscheidungen zu treffen, und die Konsequenzen zu tragen. Sie müssen lernen, Teil eines Ganzen zu sein und als je einzelner in seiner Einzigartigkeit anerkannt sein. Wir müssen Schulen schaffen, die wirklich bilden, nämlich Menschen bilden, die in der Welt, in die sie hineinwachsen, bestehen können, und die sich in dieser als Selbstwirksam erfahren.

Buchtipp:

Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet
Wie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.

Zum Autor und Mitwirkenden
Julian Nida-Rümelin lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München im berufsbegleitenden Masterstudiengang Philosophie – Politik – Wirtschaft, als Honorarprofessor an der Humboldt Universität Berlin und als Gastprofessor an ausländischen Hochschulen. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Europäischen Akademie der Wissenschaften, und Direktor am Bayerischen Institut für digitale Transformation. Er ist Vorstand der Parmenides Foundation. Julian Nida-Rümelin publiziert regelmäßig Zeitungsartikel, Bücher und wissenschaftliche Aufsätze und hält Vorträge in Unternehmen und Verbänden.

Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Sein Buch „Ein Jahr zum Vergessen – Wie wir die drohende Bildungskatastrophe nach Corona verhindern können“ versteht sich als pädagogischer Weckruf, der nicht nur die Folgen der Corona-Pandemie in den Blick nimmt, sondern grundsätzlich für eine Weiterentwicklung des Schulsystems entlang humanistischer Grundsätze und empirischer Forschungsergebnisse plädiert.

Angaben zum Buch:
Nida-Rümelin, Julian/ Zierer, Klaus: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet, Hirzel Verlag, Stuttgart 2023.

Politisches: Alles Menschen

Als ich kürzlich die Nachrichten der verschiedenen Portale las, stiess ich bei einem ganz weit unten, nach all den Prominews, nach Informationen zu sich paarenden Seekühen und der Mitteilung, dass Barbie und Ken durch den Film zu beliebten Kindernamen geworden sind, auf die Nachricht (mit ganz kleinem Bild und sehr wenig Text), dass ein Boot mit Migranten „verunglückt“ sei, 40 Menschen würden noch vermisst.

Diese Nachricht macht mich aus verschiedenen Gründen wütend:

Erstens ist die Platzierung in der Zeitung mehr als deplatziert, sie ist menschenverachtend und zeigt einmal mehr, welchen Wert Migranten in unseren Breitengraden haben. Der Umstand, dass sich diese Nachricht in keiner anderen Zeitung, die ich durchsuchte, finden liess, erst in den Radionachrichten hörte ich mehr dazu.

Zweitens ist es kein Unglück, wenn ein Boot kentert, auf dem sich 40+ Menschen befinden, weil sie aus dem Land, das ihre Heimat war, fliehen mussten. Das ist eine von Menschen gemachte Katastrophe. Das kann nur darum passieren, weil Menschen, die in grösster Not sind, die alles hinter sich lassen müssen, weil da, wo sie sind, kein Leben mehr möglich ist, und sie kaum Möglichkeiten haben, das zu ändern. Diese Not wird von einigen wenigen ausgenutzt, indem Unsummen für eine Flucht erhoben werden, die immerhin einen Ausweg erhoffen lässt, auch wenn er mehr als gefährlich ist. Viele Familien legen dann alles, was sie auftreiben können, zusammen, damit wenigstens einer rauskommt.

Ist dieser Eine dann mit vielen anderen (mehrheitlich zu vielen für die Transportmittel, die den Weg in eine bessere Welt versprechen) unterwegs stossen sie an Grenzen – an Landesgrenzen und an Grenzen der Menschlichkeit. Keiner will sie haben. Schaut man auf die jüngsten Verträge, die im Rahmen des Asylwesens geschlossen wurden, sprechen sie eine deutlich menschenverachtende Sprache. Hört man, dass auch die Schweiz Tunesien viel Geld bezahlt, dass sie dafür sorgen, dass die Migranten nie in die Schweiz kommen, bläst das ins gleiche Horn. Dies vor allem auch deswegen, weil der aktuelle tunesische Präsident Kais Saied mit rechtem Gedankengut die Bevölkerung gegen die Migranten aufhetzt, indem er von «organisiertem Bevölkerungsaustausch» spricht und andere Verschwörungstheorien bemüht, so dass es vermehrt zu rassistisch motivierten Übergriffen kommt. Auch werden Migranten in Tunesien in die Wüste verschleppt, wo sie elend sterben. Wir unterstützen ein solches menschenunwürdiges, menschenverachtendes System mit unserem Geld, damit wir uns um nichts kümmern müssen und unsere Hände in Unschuld (zu) waschen (vorgeben) können.

Nennt man nun ein gekentertes Boot ein Unglück, verklärt man all diese Hintergründe. Dann bewirkt man, dass der Empfänger der Nachricht vielleicht einen betroffenen Seufzer von sich gibt, und sich dann wieder den Nachrichten über Barbie, Ken und Seekühe zuwendet. Man bewirkt, dass man wegschauen kann, dass man nicht genauer hinschauen muss, dass man die Hintergründe ausblenden kann und damit die Schuld, die das eigene Land mit seiner Politik auf sich lädt, ignorieren kann. Dann werden weiter Menschen in zu kleinen Booten «verunglücken», während wir in der warmen Stube vor dem Fernseher sitzen.

„Nicht der Mensch bewohnt diesen Planeten, sondern Menschen. Die Mehrzahl ist das Gesetz der Erde.“ (Hannah Arendt)

Wenn es diese Menschen doch schaffen, auf ihren beschwerlichen Wegen in ein sogenannt sicheres Land zu kommen, ist ihre Odyssee bei weitem nicht zu Ende, dann fängt sie oft erst an: Man will sie nicht haben. Man prüft oft über lange Monate, Jahre, ob diese Menschen (immer Flüchtlinge genannt und damit als Kategorie und nicht mehr als einzelne Menschen mit Schicksalen, Trauer, Leid, Hoffnungen und Wünschen wahrgenommen) überhaupt das Recht haben, hier zu sein (und es mutet fast so an, als hofft man, Gründe dagegen zu finden). Wer ein solches Verfahren nicht mit positivem Ausgang übersteht, ist nicht legal, der muss gehen. Legalität als Entscheidung über das weitere (Über-?)Leben eines Menschen. Vergessen wird dabei folgendes:

„Legalität ist eine Frage der Macht, nicht der Gerechtigkeit.“ (Jose Antonio Vargas)

Ich bin mir durchaus bewusst, dass Migration eine Herausforderung darstellt für alle Beteiligten, auch für die aufnehmenden Länder. Ich bin mir bewusst, dass Lösungen nicht einfach zu finden sind und dass sie auch Umdenken und wohl Abstriche bedeuten würden. Doch sollten wir mit dem Umdenken beginnen, damit nicht noch mehr Menschen einfach ertrinken, nur weil sie sich erhoffen, was eigentlich allen Menschen zusteht aufgrund ihres Menschseins (und in den Menschenrechten verankert):  Ein würdevolles Leben.

Gedankensplitter: «Ich bin so frei»

Ein höflicher Satz. Ein Satz des Anstands, oft begleitet mit einer entsprechenden Geste. So hat sich das eingeprägt, das ist unsere kulturelle und damit unhinterfragte Sicht. Schaut man aber genauer hin, holt man die Wendung aus ihrer gewohnten und damit unreflektierten Bedeutung heraus, zeigt sich ein anderes Bild. Verwendet wird diese Wendung mehrheitlich dann, wenn man einen eigentlichen Grenzüberschritt höflich verpacken will. Man würde es nicht sagen, wenn man nicht tief drin wüsste, dass das, was man zu tun vorhat, eine Grenze überschreitet, nämlich die des anderen: Man tritt ihm zu nah. Man begrenzt dessen Freiheit indem man sich explizit die eigene gewährt. Damit ist diese Wendung in Tat und Wahrheit eigentlich eine höfliche Entschuldigung, die aber nicht nach einer passierten Handlung nachgereicht wird und damit eine Einsicht des eigenen Fehlverhaltens impliziert, sondern eine vorweggenommene Rechtfertigung für ein noch auszuführendes Tun.

Würde man stattdessen fragen: «Darf ich?» und (ganz wichtig) die Antwort abwarten, um sie dann auch wirklich als Richtschnur für das eigene Handeln zu nehmen, sähe die Sache ganz anders aus. Dann hätten wir zwei Menschen auf Augenhöhe, von denen einer etwas will, bei dem er an die Grenzen eines anderen stösst. Der andere hat dann die Möglichkeit, seine eigenen Bedürfnisse oder Abneigungen zu formulieren, in denen er gesehen und respektiert würde. Ansonsten werden diese ignoriert und übergangen.

Ist das alles reine Sprachklauberei, eine weitere Form eines woken oder identitären Sprachverhunzungsprogramms, wie sie heute oft angeklagt werden? Nein, es ist die Aufforderung, hinzuschauen, was wir wirklich tun und sagen, die Worte auf ihren tatsächlichen Inhalt und die damit verbundenen Implikationen zu prüfen. Es ist die Aufforderung, Abwertungen und Machtverhältnisse im alltäglichen Sprachgebraucht zu sehen und zu überwinden, da diese die Strukturen unserer Welt schaffen. Sprache schafft Wirklichkeit oder wie Ludwig Wittgenstein sagte:

«Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»

Die Art und Weise, wie ich spreche, offenbart viel von meinem Weltbild. Oft agieren wir unbewusst aus diesem heraus, weil wir schon die Sprache unbewusst verwenden. Wenn wir mit einem «Ich denke, also bin ich» durch die Welt gehen, unsere Gedanken als die richtigen sehen und diese den anderen überstülpen wollen, bleiben wir in unserer eigenen kleinen Welt gefangen und sehen die Weite hinterm Horizont nicht. Es entstehen Fronten von lauter Ichs, die die Welt erklären können, nur verstehen sie sich leider gegenseitig nicht, so dass jeder in seiner eigenen Welt vereinzelt lebt.

Wir müssen hin zu einem «Wir denken, also sind wir» kommen, im Wissen, dass der gemeinsame Blick auf eine Sache diese erst wirklich sichtbar macht – nämlich von verschiedenen Seiten. Indem wir unser Denken durch eine zugewandte und respektvolle Sprache mit dem Denken anderer zusammenbringen, schaffen wir eine gemeinsame Welt, in der jeder seinen Platz findet, weil durch das gegenseitige Verständnis und die Erweiterung des eigenen Blicks ein Miteinander möglich wird. So finden wir eine gemeinsame Sprache und schaffen damit eine gemeinsame Welt. Dann ist diese Welt grösser, da die Grenzen meiner Sprache nicht mehr die Grenze meiner Welt ist, sondern sie sich ausweitet hin zu den Grenzen unserer Sprache, die eine gemeinsame Welt begründen.

Gedankensplitter: Ehrlich leben

«Tue, was sich in deinem Herzen richtig anfühlt, kritisiert wirst du so oder so.» Eleanor Roosevelt

Und plötzlich merkte ich: Ich habe genug, ich mag nicht mehr. Was mal Freude war, verkam zur Pflicht, was mal Leidenschaft war, wurde zur Aufgabe. Und dann dachte ich, ich kann das nicht einfach ändern, schliesslich gehört das zu mir und ich werde damit identifiziert. Und als ich mal aufhörte, kamen gleich die Stimmen:

«Du hast doch immer…», «War das gelogen?», «Du kannst doch nicht…»

Sie kamen von aussen und verlagerten sich ins Innen. Da wühlten sie weiter, vor allem mich auf. Getrieben von widerstrebenden Gedanken sass ich da, fragte mich, ob ich weiter tun müsste, was ich schon immer tat. Mit ach so rationalen Argumenten kam ich zum Ergebnis, dass man sich ja immer ändere, dass das ja wohl legitim sei, dass… und ich kam mir vor mir selbst vor wie ein leerer Phrasendrescher.

Und irgendwann sagte ich zu mir: «Es reicht!»

Und ich hatte die Antworten auf die Einwände: Ja, ich habe immer und das gerne. Es war also nie gelogen. Gelogen wäre, wenn ich nun weitermachen würde, wie bisher, denn dann würde ich eine alte Leidenschaft vorspielen, die erloschen ist. Und doch: Ich kann. Drum tue ich es.

Hannah Arendt sagte, dass mit jedem Menschen etwas Neues in die Welt kommt, dass jede Geburt ein neuer Anfang sei. Wir haben in unserem Leben viele mögliche Geburtsmomente, wir können neu anfangen und Neues schaffen. Das ist ein Geschenk und wir sollten es annehmen.

Gedankensplitter: Das Schöne wollen

« Es taumelt eine von Verdummung trunkene, verwahrloste Menschheit unter Ausschreien technischer und sportlicher Sensationsrekorde ihrem gar nicht mehr ungewollten Untergang entgegen»

Diese Worte wählte Thomas Mann 1955 in seinem «Versuch über Schiller anlässlich dessen 150. Geburtstag. Sie wären heute noch genauso passend, es scheint, die Welt ist, stillgestanden. Ich korrigiere: Die Welt hat sich (leider?) weitergedreht, doch wir Menschen sind stillgestanden und schauen ihr zu beim Untergang. Hier und da hört man ein schwaches «Man kann halt nichts tun.» Es erinnert mich immer an das «Man konnte halt nichts tun.» aus anderen Zeiten, aus dunklen Zeiten, aus Zeiten, aus denen wir offensichtlich wenig gelernt haben, schaut man sich in der Politik um.

Friedrich Schiller glaubte an die Moral, er glaubte an einen unbedingten Willen zur Moral, zu einer ästhetisierenden Moral. Indem der Mensch sich mit schöner Kunst beschäftige, finde er den Zugang zur Freiheit und zu vernünftigem Handeln, das auf moralischen Einsichten gründet. Das befördere nicht nur das Glück des Einzelnen, sondern das aller. 

Thomas Mann attestierte Schiller einen

„Willen zum Schönen, Wahren und Guten, zur Gesittung, zur inneren Freiheit, zur Kunst, zur Liebe, zum Frieden, zu rettender Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst»

Und vielleicht ist das der Weg hin zu einer Welt mit weniger Angst, zu einer Welt mit mehr Miteinander, zu einer Welt, in der der Mensch Mensch ist und als solcher zählt als Gleicher unter Gleichen. Das wäre Freiheit. Das wäre Menschenwürde. Sie stehen allen zu.