Ich hebe mein Glas auf: Simone de Beauvoir

«Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein. Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig zornig.»

Das schrieb Simone de Beauvoir und beim Lesen ihrer Memoiren, die sich doch über einige 100 Seiten erstrecken, sieht man, dass es genauso war. Simone de Beauvoir wusste schon früh, was sie wollte im Leben: Frei sein und schreiben. Und beides lebte sie in grösstmöglichem Masse. In ihrem Lebenspartner Jean-Paul Sartre hatte sie dabei einen Begleiter gefunden, der eine ähnliche Lebensphilosophie vertrat, so dass die beiden Seite an Seite und doch auf eigenen Füssen und mit einigen Abstechern auf Nebenwegen durchs Leben gingen. 

«Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.»

Heute vor 38 Jahren ist Simone de Beauvoir gestorben. Sie hat uns viel hinterlassen. Mit „Das andere Geschlecht“ schrieb sie zum Beispiel ein Werk, das bis heute Gültigkeit hat, mit ihrem Lebens- und Liebeswandel erregte sie Gemüter, als lebenslange Begleiterin Sartres (der ebenso ihrer war) wurde sie bekannt, oft verkannt, manchmal verpönt. 

„Mein Unternehmen war mein Leben selbst.“

In meinen Augen eine grossartige Frau, eine intelligente Denkerin, ein fühlender Mensch, ein hinterfragender, nicht zuletzt sich selber, noch dazu. 

Ich hebe heute mein Glas auf diese grossartige Frau!

Gedankensplitter: Die Wahl, wie man leben will

«Jede Zeit wie jeder Mensch hat ein gewisses Gedankenfeld, über das hinaus nichts wahrgenommen wird.» Bertha von Suttner

Eigentlich ist es schon lange bekannt: Wir nehmen nur einen kleinen Bruchteil dessen wahr, was ist. Vor allem was einen selbst betrifft, hat man oft blinde Flecken, Dinge, die von aussen offensichtlich sind, die man selbst nicht sieht. Diese blinden Flecke bei sich und in der Wahrnehmung des Aussen sind vielem geschuldet: Der Zeit, in der wir leben, der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, und verschiedenen anderen Prägungen aus Erfahrungen und Erlebnissen. Wir sind geprägte Menschen und agieren aus diesen Prägungen heraus. Sind wir ihnen ausgeliefert?

Teilweise wohl schon, zumindest so lange, bis wir uns bewusst werden, dass wir sie haben und sie zu ergründen suchen. Dass dies nicht immer angenehm ist, liegt auf der Hand. Wer im Dunkeln buddelt, kann auf Dreck stossen. Den wollen wir oft nicht sehen, wollen uns die Hände nicht schmutzig machen. 

«Bedenke, was du bist: vor allem ein Mensch, das bedeutet, ein Wesen, dass keine wesentlichere Aufgabe hat als seinen freien Willen.» Epiktet

Im Buddhismus heisst es, dass die schönste Lotusblume aus dem Sumpf kommt. Es braucht wohl immer beide Seiten, um Leben zu kreieren. Die dunklen, düsteren Seiten zu verneinen, zu verurteilen, wird an keinen guten Ort führen, denn das macht uns zu Sklaven dieser Arbeit. Sie anzunehmen, hinzusehen, ihre Funktion anzuerkennen, aber ihnen dann nicht mehr Macht zu geben, sondern unser Sein und Tun aktiv dem Guten hinzuwenden, wäre die bessere Alternative. So würden wir zu den Menschen, die wir sein wollen, im Wissen, dass alles in uns steckt, aber wir die Wahl haben, was wir leben wollen. 


Lesemonat März 2024

„…eine Haltung, die ich mir instinktiv zu eigen gemacht hatte und die ich nie mehr ablegen wollte: Im Zweifelsfall auf Sieg setzen, den Leuten und den Umständen vertrauen ist besser, als sich vor ihnen zu hüten.“ Simone de Beauvoir

Was kann ich vom März sagen? Er war schön, es war alles gut, und doch ist er irgendwie an mir vorbeigerauscht. Ich habe so wenig gelesen, wie selten, noch weniger geschrieben. Ich habe mir viel Gedanken gemacht, das schon, Notizbücher wurden gefüllt. Aber ja, vielleicht ist auch nur die Bücheranzahl klein, ich habe vor allem ein Buch sehr intensiv gelesen: Simone de Beauvoirs zweiten Band ihrer Memoiren. Am liebsten hätte ich gleich weitergelesen im dritten, doch ich war in Spanien, der Zugriff auf meine Bücher fehlte also. Das hole ich bald nach.

Zu den Lesehighlights:
Nach einem fulminanten Start mit Elizabeth Strouts «Am Meer», das ich wirklich geliebt habe, kamen einige Enttäuschungen. Und dann wieder ein Highlight: Connie Palmen, die ich sowieso sehr liebe, schreibt in «Vor allem Frauen» von ihren Leselieben. Am liebsten hätte ich gleich alle selbst gelesen, ein Effekt, den ich das Schneeballprinzip des Lesens nenne: Von einem Buch kommt man auf fünf weitere Bücher, die dann wiederum je fünf mit sich bringen. Und so füllt sich die Liste der Bücher, die noch gelesen werden wollen, immer mehr. Nach nochmals einer Enttäuschung noch das ganz grosse Highlight mit Simone. Es war doch ein sehr guter Lesemonat, wenn ich das nun so Revue passieren lasse. Deshalb liebe ich solche Leserückblicke, sie dienen oft auch der eigenen Erinnerung.

Die ganze Liste

Elizabeth Strout: Am MeerAls Covid ausbricht, bringt William, Lucy Bartons Exmann und noch immer bester Freund, diese aus der Stadt New York nach Maine, um sie vor dem Virus zu schützen. Was für ein paar Wochen geplant war, zieht sich hin. In einem Haus mit Meerblick verbringen sie den Lockdown, richten sich in einer Zweierbeziehung ein, die vor vielen Jahren wegen einer Affaire Williams zerbrochen ist. Die Zurückgezogenheit von der Welt wird nur dann und wann durch Gespräche mit neugewonnenen Freunden oder Spaziergängen am Meer unterbrochen, dazwischen bleibt viel Zeit zum Nachdenken: Über die Vergangenheit, die eigene Herkunft, das Leben und den Gang der Welt. Ein Buch, das durch die Tage plätschert, Gedanken zum Nachdenken in den Lesefluss trägt und in dem man Seite für Seite tiefer in die Figuren und ihr Leben hineingesogen wird. 5
Jonathan Lee: Joy – abgebrochenJoy kommt nach Hause, die Tür steht offen, sie schimpft innerlich über ihren nachlässigen Mann, hört ein Geräusch in der Küche, kann es nicht zu ordnen. Inhaltlich banal langweilig, sprachlich bemüht witzig  hat mich das Buch leider gar nicht angesprochen. 
Katie Kitamura: Intimitäten – abgebrochenDie Erzählerin kommt nach Den Haag, wo sie am Gerichtshof arbeiten will, Sie besucht eine Freundin, hat einen Freund, reflektiert im inneren Monolog ihr Leben, Denken, Fühlen. Nach 52 Seiten ist noch nicht mehr als das passiert, das hat meine Geduld zu sehr strapaziert.
Connie Palmen: Vor allem FrauenEine Auseinandersetzung mit Literatur, mit verehrten Schriftstellerinnen, mit den Gefühlen beim Lesen, der Verbundenheit. Immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, dem eigenen Leben, Empfinden, Schreiben. es sind vor allem Frauen: Virginia Woolf, Sylvia Plath, Joan Didion und weitere – aber auch ein Mann, Philip Roth. Ein persönliches, ein tiefgründiges Buch, eines, das eintauchen, mitdenken und fühlen lässtr. 5
Sibille Aleramo: Eine Frau – abgebrochenWas für ein Anfang. Eine Vater-Tochterbeziehung, wie sie authentischer nicht hätte erzählt werden können. Alles spielte mit: Die Fixierung auf den Vater, die Überhöhung seiner Person, die Geringschätzung der Mutter, das Gefühl der eigenen Grösse durch die Beachtung durch den Vater, die Klassengesellschaft, in welcher der Vater eine seltsam unzuordenbare Rolle spielte, bei welcher aber doch Respekt (wenn auch oft nur vordergründig) mitspielte.    Dann bröckelte das Bild des Vaters und damit auch die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Zwischen mir als Leserin und dieser Figur ist eine regelrechte Entfremdung eingetreten, so dass ich ihrem Leben nicht mehr weiter folgen wollte. Schade. Der Anfang war grossartig!
Bernhard Schlink: Das späte LebenMartin erfährt von seinem Arzt, dass er nicht mehr lang zu leben hat. Seine Gedanken gehen zu David, seinem kleinen Sohn, und Ulla, seiner jungen Frau. Er überlegt, was er ihnen zurücklassen kann und beschliesst, für David Briefe zu schreiben. Er schreibt über den lieben Gott, über die Liebe, über Gerechtigkeit, über den Tod. Er baut einen Komposthaufen, findet heraus, dass Ulla eine Affäre hat und macht irgendwie weiter, wie bisher. Auf Gefühle, etwas Berührendes, Bewegendes wartet man vergeblich beim Lesen, das Buch und seine Figuren bleiben merkwürdig flach und blass. 3
Simone de Beauvoir: In den besten JahrenDie autobiografische Erzählung von Simone de Beauvoirs über ihr Leben ab 20, das ihr endlich die ersehnte Freiheit gibt. Es ist die Erzählung ihrer Beziehung zu Sartre, zu ihren Beziehungen und Freundschaften, die sich über die Jahre bilden. Es ist ein Schreiben über ihr eigenes Schreiben und das Ringen um die ersten Romane sowie ein Blick in das Erstarken des Nationalsozialismus und den Ausbruch des Weltkrieges, wie die Kriegsjahre sich auf das Leben und die Gesinnung der Menschen auswirkte, sowie die Analyse der eigenen Verwandlung von einem apolitischen hin zu einem politisch engagierten Menschen.5
Julia Korbik, Julia Bernhard: Simone de BeauvoirGraphic Novel über das Leben (und ein wenig auch das Denken) von Simone de Beauvoir. Ein ansprechender und gut gewählter Einblick in die Biografie einer der grössten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Illustration besticht durch eine schöne Bildsprache und eine stimmige Farbgebung.5

Gedankensplitter: Schokoladenseiten des Lebens

Kürzlich dachte ich so mir, ob nicht oft die Ferien, die wir verlebten, in den Erzählungen im Nachhinein am schönsten sind. Sind wir nicht oft darauf bedacht, ein möglichst strahlendes Bild von uns selbst zu zeichnen, um in den Augen der anderen gut dazustehen? Alles, was nicht schön ist, was schief geht, werten wir als persönliche Niederlage, die wir nicht zeigen wollen. Es wird aber auch von uns erwartet: Wenn wir schon das Glück haben, in die Ferien gehen zu dürfen (und Ferien sind immer positiv konnotiert, Arbeit als Pflicht und Muss – dass es auch Menschen gibt, die das anders sehen, kann und will man nicht verstehen), dann sollen wir uns gefällig auch freuen, dankbar sein und das zeigen. Es gab einen Auslöser für diese Gedanken:

Ich bin seit einiger Zeit in Spanien, an einer wirklich traumhaften Lage in einem ebensolchen Haus. Das Wetter war die ganze Zeit bewölkt, es regnete sogar viele Tage und auch der Wind trieb sein stürmisch-himmlisches Spiel. An den kühlen Tagen sass ich bei 16 Grad in meinem Arbeitszimmer, da dieses schlecht isoliert ist – für eine Frostbeule wie mich nicht ganz leicht.

Als ich an einem frühen Morgen rausschaute, ging die Sonne hinter dem Berg auf, der Himmel war blau, das Meer lag malerisch still drunter. Ich machte ein Foto und stellte es ins Netz. Dieses Bild vor meinem Fenster hielt genau 10 Minuten an, danach kamen Wolken, Nebel, Regen und Sturm. Aber das war das Bild, das ich von meinem Tag postete. Ist es auf den Sozialen Medien nicht oft so? Es wird der Schein eines Glücksmoments ins Licht gerückt und die Summe solcher Momente als ganzes Leben verkauft. Der Betrachter sitzt vor seinem Bildschirm und denkt an die eigenen vielen weniger glitzernden Momente und fühlt sich der Ungerechtigkeit des Lebens ausgesetzt. Würde man all die ins Netz stellen, würde man damit kaum 1000e von Likes erhalten, ausser, man verpackt auch die in eine im Grossen und Ganzen sehr privilegiert aussehende Bilderwelt.

Vor einigen Tagen wurde ich gefragt, wie es mir ginge, wie es in Spanien sei, sagte ich, dass es mir ausser einer verlebten Lebensmittelvergiftung sehr gut gegangen war und noch ging, nur das Wetter hätte nicht ganz mitgespielt. Ich erzählte von den Stürmen und den Regenschauern, nicht als Klage, doch ich war gefragt worden und das war die Realität. Da hörte ich: «Du sitzt an einem so schönen Ort und beklagst dich?» Nein, tue ich nicht, aber soll ich wirklich eitel Sonnenschein erzählen, wenn Regen fliesst?

«Es geht mich nichts an, was andere über mich sagen und denken.» Anthony Hopkins

Vermutlich ist es ja so: Wer an mir etwas Negatives finden will, der wird das wohl ohne Mühe tun. Wie viel Zeit habe ich in meinem Leben damit verbracht, Menschen beweisen zu wollen, wer ich bin und dass das in Ordnung ist. Es reicht, wenn ich es weiss, und es gibt viele, die das auch so sehen.

Simone de Beauvoir: In den besten Jahren

Inhalt

«Als ich im September 1929 wieder nach Paris kam, berauschte mich vor allem meine Freiheit. Seit meiner Kindheit hatte ich von ihr geträumt…»

Nach Memoiren eines Mädchens aus gutem Haus ist dies der zweite Teil von Simone de Beauvoirs autobiografischen Schriften. Sie schreibt darin über ihr Leben ab 20, das ihr endlich die ersehnte Freiheit gibt. Es ist die Erzählung ihrer Beziehung zu Sartre, zu ihren Beziehungen und Freundschaften, die sich über die Jahre bilden. Es ist ein Schreiben über ihr eigenes Schreiben und das Ringen um die ersten Romane sowie ein Blick in das Erstarken des Nationalsozialismus und den Ausbruch des Weltkrieges, wie die Kriegsjahre sich auf das Leben und die Gesinnung der Menschen auswirkten, sowie die Analyse der eigenen Verwandlung von einem apolitischen hin zu einem politisch engagierten Menschen.

Gedanken zum Buch

«Mit fünfzig Jahren hielt ich den Augenblick für gekommen; mein erinnerndes Bewusstsein hat für das Kind und das junge Mädchen – die beide auf dem Grunde der verlorenen Zeit ausgesetzt und mit ihr verloren sind – das Wort ergriffen. Ich habe ihnen eine Existenz in Schwarz und Weiss geschaffen.»

Es gibt Bücher, die eignen sich nicht fürs Lesen mit dem D-Zug, Bücher, die Satz für Satz gelesen werden wollen. Jeder Satz erschliesst dabei neue Gedankenwelten, die man ergründen, in die man sich hineindenken will. Solche Bücher weisen über sich hinaus, sie verleiten zu weiteren Lektüren, sie wecken neue Interessen. Wenn man sie dann gelesen hat, ist man nicht am Ende angelangt, sondern am Anfang, weil man am liebsten nach dem Umblättern der letzten Seite mit der ersten wieder beginnen möchte, es oft auch tut, und sei es nur, um nochmals einzelnen Sätzen nachzuspüren.

Ich habe Simone durch die Jahre nach dem Studium begleitet, habe mit ihr die Wandlung von einer politisch uninteressierten Frau hin zu einer, die sich engagieren will, erlebt. Ich habe sie ihr Schreiben bezweifeln und feiern sehen und die Kriegsjahre politisch wie lebenswirksam Revue passieren lassen. Ich habe sie auf ihre Wander- und Velotouren durch Frankreich begleitet und neue Freundschaften zu grossen Namen der damaligen Zeit kennengelernt.

Ich bin in Simone und in Sartres Schreiben und Denken eingetaucht, habe mitgedacht, markiert und notiert. Ich bin tiefer in das Leben und Schaffen einer Frau eingedrungen, die mich mehr und mehr fasziniert, weil ich immer wieder Parallelen entdecke, weil mich ihr Denken und ihr Leben faszinieren. Ich bin gespannt, wohin mich die weitere Reise mit Simone bringen wird.

«Ich möchte vom Leben alles.»

Zu Simone de Beauvoir
Simone de Beauvoir wurde am 9.1.1908 in Paris in ein ursprünglich wohlhabendes, später mit den Finanzen kämpfendes Elternhaus geboren. Mit fünfeinhalb Jahren kam Simone an das katholische Mädcheninstitut, den Cours Désir, Rue Jacob; als Musterschülerin legte sie dort den Baccalauréat, das französische Abitur, ab. 1925/26 studierte sie französische Philologie am Institut Sainte-Marie in Neuilly und Mathematik am Institut Catholique, bevor sie 1926/27 die Sorbonne bezog, um Philosophie zu studieren. 1928 erhielt sie die Licence, schrieb eine Diplomarbeit über Leibnitz, legte gemeinsam mit Merleau-Ponty und Lévi-Strauss ihre Probezeit als Lehramtskandidatin am Lycée Janson-de-Sailly ab und bereitete sich an der Sorbonne und der École Normale Supérieure auf die Agrégation in Philosophie vor. In ihrem letzten Studienjahr lernte sie dort eine Reihe später berühmt gewordener Schriftsteller kennen, darunter Jean-Paul Sartre, ihren Lebensgefährten seit jener Zeit.

1932-1936 unterrichtete sie zunächst in Rouen und bis 1943 dann am Lycée Molière und Camille Sée in Paris. Danach zog sie sich aus dem Schulleben zurück, um sich ganz der schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Zusammen mit Sartre hat Simone de Beauvoir am politischen und gesellschaftlichen Geschehen ihrer Zeit stets aktiv teilgenommen. Sie hat sich, insbesondere seit Gründung des MLF (Mouvement de Libération des Femmes) 1970, stark in der französischen Frauenbewegung engagiert. 1971 unterzeichnete sie das französische Manifest zur Abtreibung. 1974 wurde sie Präsidentin der Partei für Frauenrechte, schlug allerdings die «Légion d’Honneur» aus, die ihr Mitterrand angetragen hatte. Am 14.4.1986 ist sie, 78-jährig, im Hospital Cochin gestorben. Sie wurde neben Sartre auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Taschenbuch; 32. Edition (1. Januar 1969)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Pocket Book ‏ : ‎ 744 Seiten
  • Übersetzung ‏ : ‎ Rolf Soellner
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3499111129

Reisen mit Simone: Italien

Ich bin ein Reisemuffel. Nur schon der Gedanke, ich müsste packen und mich auf den Weg machen, löst eine Unruhe und ein leichtes Unwohlsein in mir aus. Die Vorstellung, wie ich all mein mitzunehmendes Hab und Gut von A nach B schleppe, auf Fortbewegungsmittel warte, auf Anschlüsse und problemlose Umstände hoffe, vermag nicht, in mir Freudengefühle zu wecken. Nicht mal die Vorstellung auf die Zieldestination kann das uneingeschränkt, denn die Fragen, ob da auch alles klappt, was ich da den ganzen Tag machen soll, weil das, was ich am liebsten tue, sich eigentlich verbietet, wecken wenig Vorfreude, sondern lassen weitere Sorgenfalten im Gesicht auftauchen. «Du musst doch kein Buch einpacken, zum Lesen muss man nicht verreisen, da kann man auch zu Hause bleiben.» Ja, das würde ich auch am liebsten tun. Nun habe ich eine Form des Reisens gefunden, die mir entspricht:

Ich reise mit Simone de Beauvoir. Mit ihr entdecke ich Rouen, Le Havre, wir nehmen Sartre mit und es geht nach Rom, was ausnehmend schön ist:

«Ich liebte Rom, seine Küche, seinen Lärm, seine Plätze, seine Steine, seine Pinien.»

In Rom sollte Simone später auch eine Zeit lang wohnen, es scheint, bei dieser ersten Reise ist eine Liebe fürs Leben gepflanzt worden. So kann es also auch gehen auf Reisen. Ich kenne so eine Liebe auf den ersten Besuch mit München, das mir gleich zu Herzen ging und da für viele Jahre blieb.

Ganz anders als in Rom treffen wir es in Neapel:

«Neapel war uns ein Rätsel.»

Schon von ihrer Schwester, die unlängst selbst in Neapel gewesen war, hatte Simone gehört, dass Neapel nicht schön, sondern dreckig sei, und es reift die Erkenntnis, dass Dreck und verfallene Häuser allein nicht reichen, um einer Stadt eine Patina zu verleihen. Simone schlussfolgert weiter, dass der Umstand, dass man eine Stadt trotz ihrer Mängel mag, an den Menschen liegen muss. Auch da stimme ich mit meiner Reisebegleitung überein: Wie oft erkor ich Orte, auch Restaurants zu meinen Favoriten, nicht, weil sie besonders schön waren, sondern weil die Menschen mich ansprachen, ich eine Verbindung spürte.

Auf Reisen lernt man oft auch eine Menge, so auch ich auf meiner mit Simone:

«Wir wussten nicht, dass Lebensmittel immer dort mit besonderer Aufdringlichkeit zur Schau gestellt wurden, wo die Menschen Hunger leiden.»

Diese Verbindung hatte ich noch nie gemacht, fühlte mich durch sie aber an Bilder aus Indien und anderen Ländern erinnert, wo Armut und auch Hunger den Alltag vieler Menschen prägen (übrigens auch das Länder, die ich durch Bücher und Filme bereist habe). Ich frage mich, was dahintersteckt. Will man nach aussen ein Bild des Überflusses zeigen, welches den eigenen Mangel überdeckt? Herrscht der Hunger, weil man nur durch den Verkauf dessen, was man selbst am meisten benötigen würde, überhaupt überleben kann – im wahrsten Sinne des Wortes, da es zum Leben kaum reicht.

Simone und Sartre versöhnen sich auf ihre Weise mit Neapel:

«Wenn wir die Unbarmherzigkeit dieser Stadt ignorierten, fanden wir an Neapel manche liebenswürdige Seite.»

Und doch bleibt ein zwiespältiges Bild:

«Überall jedoch und jederzeit trug der Wind uns den trostlosen Staub der Docks oder feuchte, zweifelhafte Gerüche zu. Als wir den Posilipo erstiegen, konnte die ferne, trügerische Weisse Neapels uns nicht täuschen.»

Ich denke bei diesen Reisebeschreibungen an Goethes Ausspruch aus seiner «Italienischen Reise»:

«Io sono Napolitano. Vedi Napoli, e poi muori«

Er bezieht sich dabei auf eine neapolitanische Redensart, wonach man Neapel sehen und sterben könne, da man damit das Schönste und Höchste der Gefühle erlebt hätte, danach bliebe nur noch der Tod. Nun denn – die Geschmäcker scheinen verschieden. Trotzdem lassen sich Simone und Sartre nicht verdriessen, vor allem Sartre will als «emsiger Tourist» alles sehen und so erkunden die beiden alle Sehenswürdigkeiten der Stadt und die im Umland. Ich werde schon beim Lesen etwas müde ob all der Umtriebigkeiten und bin froh, diesen nur lesend beiwohnen zu müssen. Eigentlich ideal, auch wenn ich gestehe, dass ich auch beim Lesen Reisen nach Innen mehr liebe als solche durch die Welt.

Meine Reiseleiter fahren weiter nach Pompeji, wo Sartre einiges zu kritisch zu bemängeln hat, was er gleich seiner jungen Freundin Olga nach Hause schreiben muss. Überhaupt fällt mir der sehr kritische Blick der beiden auf vieles auf. War ihnen Neapel zu dreckig und hässlich, ist Pompeji nun zu schön:

«Sartre war verwirrt, weil er, wie er sagte: ‘nirgends einhaken kann’. Auch mir schien diese Schönheit zu einfach, zu glatt. Ich fand sie nicht ‘griffig’.»

Es ist vielleicht doch so, dass so manche Reise dann am schönsten ist, wenn man, wieder zu Hause, über sie erzählen kann. Und nun bin ich gespannt, wo mich meine Reise mit Simone noch hinführt.

***
Alle Zitate (ausser das Goethe-Zitat) stammen aus: Simone de Beauvoir: In den besten Jahren

Ich hebe mein Glas auf: Virginia Woolf

Screenshot

„Mein Tagebuch soll sein wie eine Reisetasche, in die ich ungeprüft allen Krimskrams hineinwerfe. Wenn ich später nachsehe, ist das Durcheinander wie von Geisterhand geordnet, gesintert zu einem Ganzen, so fest und unnahbar wie ein Kunstwerk – aber so transparent, daß das Licht des Lebens durchscheint.“

Heute vor 83 Jahren starb Virginia Woolf nach einem bewegten und produktivenLeben. Von Kind an musste sie sich mit Schicksalsschlägen und anderen Widrigkeiten umgehen, welchen die sensible Psyche des empfindsamen Mädchens nicht standhielten. Virginia wuchs in einem Haus auf, in welchem Schriftsteller und Künstler verkehrten. Schon bald war ihr klar: Sie will auch Schriftstellerin werden. Dieses Ziel verfolgte sie fortan konsequent, wurde sich bald bewusst, dass dieser Weg für eine Frau ungleich schwerer war als für einen Mann. Überhaupt stellte sie die ungleichen Massstäbe immer wieder fest, die an die beiden Geschlechter angesetzt wurden. Sie thematisierte dieses Problem immer wieder:

„Viele erfolgreiche Männer haben keine sichtbare Qualifikation, ausser der, keine Frau zu sein.“

Die Schwierigkeiten, mit denen sich eine schreibende Frau konfrontiert sieht, sind auch Thema ihres Essays „A Room of One’s Own“, aus welchem der berühmte Satz (der mir so aus dem Herzen spricht) stammt:

„Eine Frau braucht Geld und ein eigenes Zimmer, wenn sie Literatur schreiben will.“

Trotz fehlender Liebe heiratetVirginia Woolf, der Umstand, dass Leonard Woolf sie liebte, reichte ihr und gab ihr wohl, trotz widerstreitender Gefühle, Halt und sogar so etwas wie zeitweises Glück. Die beiden lebten fortan gemeinsam für die Literatur, sowohl als Schreibende als auch als Verleger. Virginia Woolf hinterlässt ein reiches Werk mit grossen Romanen, die die Psyche des Menschen ergründen wollen und dazu verschiedene Techniken (Montagetechnik, inneren Monolog, experimentelle Ansätze) verwenden. Auch ihre Tagebücher und Essays sind sehr zu empfehlen, sie überzeugen durch die Tiefe der Gedanken wie auch die Schönheit der Sprache.

Ich hebe mein Glas auf diese wunderbare Künstlerin!

Gedankensplitter: Der sichere Ort

„In der Trostlosigkeit der Provinz muss man sich etwas schaffen, das wir… ‘Querencia’ nannten, einen Ort, an dem man sich gegen alles gesichert fühlt.» Simone de Beauvoir («In den besten Jahren)

Im Spanischen gibt es den Begriff „querencia“. Er bedeutet, sich einen Ort zu schaffen, an dem man sich geborgen und sicher fühlt, ein Zuhause für die eigene Seele quasi. Ich mag dieses Bild. Es trägt in sich die Sehnsucht nach der Geborgenheit und auch die Möglichkeit, die für sich selbst zu schaffen, selbst – und gerade, wenn – es im Aussen unangenehm, gefährlich, betrüblich scheint. Das kann das eigene Bett sein, das Sofa, ein Stuhl am Küchentisch, ein Baum im Wald – es ist ein Ort, den man für sich dazu bestimmt, dieser Zufluchtsort zu sein. Manchmal baut man ihn sich auch im Innern. Man bildet Mauern, hinter denen man sich verschanzt, so dass nichts von all dem, was einen traurig macht, stört, verunsichert, mehr durchdringt. Leider dringt dann auch viel Schönes nicht mehr durch, wir werden verschlossen, undurchdringlich, sind abgekapselt vom wirklichen Empfinden dessen, was ist und was gut ist, guttun könnte. 

„Auch der grösste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt.“ Laotse

Wo ist die Grenze? Wo kann ich Mauern einreissen, wo brauche ich sie? Welche Mauern haben ihre Funktion erfüllt und ich brauche sie nicht mehr, welche sind noch immer dringend nötig? Manchmal hilft es vielleicht, zuerst ein Fenster in die Mauer zu schlagen, aus dem man rausschauen kann. Vielleicht ist es manchmal der erste kleine Schritt, der hilft, weitere zu gehen. Es muss nicht alles aufs Mal sein, nicht immer von jetzt auf gleich. Auch kleine Schritte führen zum Ziel. Manchmal sogar nur die. 

Kleine Deutung: Else Lasker- Schüler: Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen…
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.

Du, wir wollen uns tief küssen…
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen.

Es gibt Gedichte, die finden immer wieder eine Zeit, in die sie passen, sie weisen über den eigenen Zeitrahmen hinaus in die Ewigkeit, in der sich wiederholt und immer wiederholen wird, was im Menschen angelegt ist. Wir können noch so hehre Wünsche und grosse Theorien haben, der Mensch wird sie durchbrechen und seinen (An-)Trieben folgen, die nicht selten auch Verderben und Krieg mit sich bringen.

Else Lasker-Schüler weist auf das Grauen in der Welt hin, in der wir leben, sie zeigt aber auch, dass gerade in einer solchen Welt die Liebe und der geliebte Mensch einen Halt darstellen können. Das eigene Überleben hängt am Miteinander, nur durch dieses findet man Halt, findet man das Schöne, kann man die tiefsten Sehnsüchte leben, während da draussen die Welt wartet, an der wir einmal sterben werden.

Ein trauriges Gedicht, umso trauriger, weil es keine Phantasie, sondern bittere Wahrheit transportiert. Aber auch ein Aufruf an den Einzelnen, in seinem eigenen Umkreis auf das Gute und die Liebe zu bauen, um wenigstens diesen Kreis zu einem besseren Ort zu machen.

Ich hebe mein Glas auf Peter Bichsel

„Mich hat eigentlich immer nur die Sprache interessiert.“

Das sagte Peter Bichsel in einem Interview über sein Schreiben. Damit wollte er ausdrücken, dass er lieber das Leben lebte, wie es war, statt es als Fundgribe für sein Schreiben zu nehmen. Dieses Leben, von dem er selbst sagte, es sei ein so langweiliges gewesen, dass es zu keiner Biografie tauge, jährt sich heute zum 89. Mal. Ich hebe mein Glas auf diesen wunderbaren Schriftsteller, der uns mit vielen wunderbaren kleinen Geschichten bereichert hat.

Anekdoten: Gute Vorsätze

Es geht ja nichts über gute Vorsätze. In klugen Momenten, in denen man weiss, wie die Welt richtig lauft, fasst man sie und sieht die Zukunft in trockenen Tüchern, denn man weiss ja nun, wie es geht. Einer meiner guten Vorsätze war:

«Ich kaufe erst ein neues Buch, wenn ich die vorhandenen Bücher gelesen habe.»

Ein einfacher Satz (also nicht ganz, immerhin zusammengesetzt), gut verständlich, es kann also nichts mehr schief gehen. Bis ich merkte: Das ist verdammt schwer. ALs Literatur liebender Mensch beschäftige ich mich auch neben dem eigentlichen Lesen mit Büchern, höre Podcasts, lese Artikel, schaue mir Rezensionen und Bücherportale an und stosse dabei immer wieder auf Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss. Oder ich höre ein Interview mit einem Schriftsteller, der so intelligent, so sympathisch, so humorvoll, so… toll ist, dass ich unbedingt etwas lesen will. Wenn er dann auch noch von seinen liebsten Büchern schwärmt, ist es schon fast um mich geschehen: Die müssen ja gut sein, wenn er sie gut findet. 

Und ich finde mich kurz darauf vor dem Computer wieder, nach den so gefundenen Büchern suchend, voller Elan und Tatendrang – und vor allem: Voller Vergessen der einmal gefassten Vorsätze. Die versuchen sich dann manchmal, einen Weg zu meinem Bewusstsein freizuschaufeln, was sogar kurz gelingen will, in einem inneren Kampf weiter geht und doch häufig in der Niederlage der Vorsätze. 

Es ist und bleibt schwierig mit Vorsätzen…

Habt einen schönen Tag!

Bücherwelten: Leseabbrüche

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“(Franz Kafka)

Ich habe irgendwann beschlossen, dass ich Bücher, die mich nicht ansprechen, nicht fertiglese. Manchen gebe ich mehr Raum, um etwas für mich Packendes zu entwickeln, manche beende ich schon nach wenigen Seiten, wenn mich der Stil überhaupt nicht anspricht. Denn für mich zählt die Art der Sprache auch viel, sie muss mich sprichwörtlich ansprechen, um bei mir ein Lesevergnügen zu wecken. 

Ferdinand von Schirach sagte in einem Interview, dass das einzige Kriterium, das darüber entscheide, ob Kunst gut sei oder nicht, sei, ob sie berührt. Etwas, das mich nicht berührt, ist (für mich) keine gute Kunst. Das überlässt Kunst der individuellen Beurteilung. Kunst so aufgefasst kennt dann kaum wirklich objektive Kriterien, sondern nur das rein persönliche Empfinden. Als Wissenschaftler möchte man dem irgendwie widersprechen, ist man doch immer darauf aus, Wahrheiten (die es offenkundig nicht gib) zu ergründen und zu präsentieren. Ich mag Ferdinand von Schirachs Aussage, für mich stimmt sie. 

Ich habe auch beschlossen, Bücher, die mich nicht ansprechen, nicht zu rezensieren oder vorzustellen. Vor dem Hintergrund des vorher Gesagten würde das wenig Sinn ergeben (gut, die Frage ist, welchen dann eine positive Besprechung hat – aber irgendwie ist Leidenschaft und Freude ein schönerer Grund, etwas zu zeigen, als Ablehnung) und doch juckt es mich manchmal in den Fingern. Nicht, um das Buch zu verreissen, sondern aus Neugier, wie es anderen mit dem Buch ging.

Zwei Beispiele von abgebrochenen Büchern waren folgende:

Katie Kitamura: Intimitäten
Die Erzählerin kommt nach Den Haag, wo sie am Gerichtshof arbeiten will, Sie besucht eine Freundin, hat einen Freund, reflektiert im inneren Monolog ihr Leben, Denken, Fühlen. Nach 52 Seiten ist noch nicht mehr als das passiert, das hat meine Geduld zu sehr strapaziert.

Jonathan Lee: Joy
Joy kommt nach Hause, die Tür steht offen, sie schimpft innerlich über ihren nachlässigen Mann, hört ein Geräusch in der Küche, kann es nicht zu ordnen. Inhaltlich banal langweilig, sprachlich bemüht witzig  hat mich das Buch leider gar nicht angesprochen.

Nach einem wirklich grossartigen Buch, wie es Elizabeth Strouts „Am Meer“ war, frage ich mich, ob es daran lag, dass dieses so gut war, dass die anderen abfielen, weil ich lieber noch da weitergelesen hätte, oder ob es wirklich „nur“ die Bücher selbst waren. 

Lest ihr Bücher fertig?
Was haltet ihr von Rezensionen oder Verrissen?
Kennt jemand die beiden Bücher und wie waren sie für euch?

Elizabeth Strout: Am Meer

Inhalt

«»Ich war so traurig an diesem Abend; ich begriff mit einer Klarheit, wie nur zu wenigen anderen Zeiten meines Lebens, dass die Isolation meiner Kindheit, die Angst und die Einsamkeit, mich nie ganz loslassen würden. Meine Kindheit war ein einziger Lockdown gewesen.»

Als Covid ausbricht, bringt William, Lucy Bartons Exmann und noch immer bester Freund, diese aus der Stadt New York nach Maine, um sie vor dem Virus zu schützen. Was für ein paar Wochen geplant war, zieht sich hin. In einem Haus mit Meerblick verbringen sie den Lockdown, richten sich in einer Zweierbeziehung ein, die vor vielen Jahren wegen einer Affäre Williams zerbrochen ist.

Die Zurückgezogenheit von der Welt wird nur dann und wann durch Gespräche mit neugewonnenen Freunden oder Spaziergängen am Meer unterbrochen, dazwischen ist Lucy auf sich selbst zurückgeworden, es bleibt viel Zeit zum Nachdenken: Über die Vergangenheit, die eigene Herkunft, das Leben und den Gang der Welt. Ein Buch, das durch die Tage plätschert, Gedanken zum Nachdenken in den Lesefluss trägt und in dem man Seite für Seite tiefer in die Figuren und ihr Leben hineingesogen wird.

Gedanken zum Buch

«Auch das war also eine Tatsache. Er war immer noch William. Und ich war immer noch ich.
Aber wir waren auch sehr glücklich dabei. Das muss ich sagen.»

Menschen sind, wie sie sind. Sie werden sich zwar in gewissen Dingen verändern, doch darauf zu hoffen oder es gar zu erwarten, wäre ein Unding. Schlussendlich ist kein Mensch auf der Welt, um so zu sein, wie der andere ihn gern hätte, es ist an uns, mit einem Menschen, den wir mögen, ein Zusammenleben zu finden, das für beide funktioniert und beide in ihrem Sein respektiert und leben lässt.

«Wenn wir Glück haben, stossen wir auf jemanden. Aber wir prallen auch immer wieder voneinander ab, ein Stückchen zumindest.»

An einem anderen Menschen ist nie alles perfekt, es gibt immer diese kleinen Dinge, an denen wir uns stossen, über die wir uns ärgern. Oft sind es Kleinigkeiten und doch bringen sie in uns viel in Wallung. Lucy erinnert sich an Dinge von früher, an die kleinen Ärgernisse mit William, die nun, in der heutigen Situation, plötzlich anders auf sie wirken. Es kann sogar vorkommen, dass sie sich heute über die Dinge freut, die sie früher geärgert haben. Der Umstand, dass dies so ist, zeigt deutlich, dass es nicht die Dinge selbst sind, die ärgerlich sind, sondern wir es sind, welche sie so sehen. Vielleicht sollte man das im Hinterkopf behalten, wenn man sich wieder einmal über etwas ärgert.

«Die Frage, warum manche mehr Glück haben als andere – es gibt wohl keine Antwort darauf.

Sartre sagte, wir würden in die Welt geworfen und es sei an uns, diese dann für uns zu gestalten. Das mag einigen leichter fallen als anderen, nicht jeder ist mit den gleichen Talenten und Möglichkeiten ausgestattet. Fair ist das nicht, aber es ist alles, was wir haben. Es ist an uns, das Beste aus dem, was ist, zu machen.

«Woran liegt das, dass die Menschen so verschieden sind? Wir kommen mit einer bestimmten Veranlagung zur Welt, denke ich. Und dann treibt das Leben sein Spiel mit uns.»

Wie oft verurteilen wir Menschen, weil sie anders sind oder denken als wir, dabei ist es eine Tatsache, dass Menschen verschieden sind und dadurch auch die Welt um sich unterschiedlich wahrnehmen. Wenn wir uns dessen bewusst sind, wird klar, dass sich ein Urteil über die Art eines anderen Menschen, nicht ziemt, vielmehr ist es für das gegenseitige Verständnis wichtig, zu versuchen, die Welt aus den Augen des anderen zu sehen.

«Merkwürdig, wie das Hirn sich weigert, gewisse Dinge aufzunehmen, bis es bereit dafür ist.»

Wie oft kommt es vor, dass man sich fragt, wieso man etwas nicht früher gemerkt, gesehen oder getan hat. Im Nachhinein scheint alles klar, nur damals war es dies nicht. Und vielleicht musste es so sein. Alles hat seine Zeit und für manche Dinge ist es zu früh oder zu spät. Wir können nie nachholen, was wir irgendwann verpasst haben, und vielleicht können wir auch nicht vorgreifen, wenn etwas schlicht noch nicht an der Reihe ist.

Fazit
Ein stilles Buch, ein Buch, das zum Mitfühlen und Mitdenken anregt. Ein Buch über Verluste, Wiederentdeckungen und die Liebe. Grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Sie zählt zu den großen amerikanischen Erzählstimmen der Gegenwart. Ihre Bücher sind internationale Bestseller. Für ihren Roman »Mit Blick aufs Meer« erhielt sie den Pulitzerpreis. »Oh, William!« und »Die Unvollkommenheit der Liebe« waren für den Man Booker Prize nominiert. »Alles ist möglich« wurde mit dem Story Prize ausgezeichnet. 2022 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Siegfried Lenz Preis ausgezeichnet. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Luchterhand Literaturverlag (14. Februar 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten
  • Übersetzung :  Sabine Roth
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3630877488
  • Originaltitel ‏ : ‎ Lucy by the Sea

Bärbel Reetz: Emmy Ball-Hennings. Leben im Vielleicht

Inhalt
Will man Emmy Hennings beschreiben, weiss man kaum, wo anfangen, so vieles war sie: Tänzerin, Schauspielerin, Dichterin, Schriftstellerin, Künstlerin und vor allem auch Mensch. Sie wollte hoch hinaus, hatte Träume, und fiel immer wieder. Sie kämpfte um ihr Leben, ums Überleben gegen Mächte, Zwänge, Widrigkeiten und Sorgen. Sie hatte Talent und wurde einerseits hochgeschätzt und gelobt, andererseits doch verkannt. Sie fand kein Auskommen und kein Ankommen. Eigentlich eine tragische Geschichte.

Bärbel Reetz beschreibt in ihrer Biografie das Leben dieser aussergewöhnlichen Frau, sie zitiert aus Briefen und Tagebüchern von Weggefährten, sprach mit Leuten, die sie gekannt oder von ihr gehört haben, zeigt die Stationen ihres Lebens auf und zeichnet ihre Wege nach.

Gedanken zum Buch

„Es ist so seltsam, keine Legitimation zu haben. Es ist so traurig, vaterlandslos zu sein. Ich kann nichts dafür, dass ich es bin, aber meine Sprache ist doch deutsch und meine Sprache sollte verraten, wohin ich gehöre… du kannst es nicht so verstehen, wie das ist, Hugo, nirgends eine Aufenthaltsbewilligung zu haben.“

Sie war eine Reisende, mal aus eigener „Weltflucht“, mal, weil sie nicht bleiben durfte, wo sie war. Die Gründe für die Reisen waren vielfältig. Sie träumte von besseren Orten, die politischen Bestimmungen duldeten ihr Bleiben nicht mehr, das Geld war zu knapp. So zog sie von Ort zu Ort, immer eine Suchende, die aber nie fand und von ihrer Sehnsucht nach einem Ankommen innerlich zermürbt wurde.

„Aber wie immer, wenn sie ernstlich gefordert wird, zeigt die labile Emmy überraschende Stärke.“

Emmy Hennings war oft auf Hilfe angewiesen. Ihre vielen Freunde machten sich viele Sorgen um sie, ihre Gesundheit, ihre Zu- und Umstände. Doch sie war nicht nur die Schwache und Kränkelnde, sie war auch immer für ihre Freunde da, setzte sich ein, kämpfte. Wo sie hinkam, nahm sie die Herzen der Menschen durch ihre spielerische, leicht kindliche, frische Art ein. Sie zeigte Humor, Enthusiasmus, Esprit und vor allem immer viel Herz.

«Es kommt freilich nicht darauf an, wie das Leben wirklich ist, sondern wie es einem vorkommt. Ich hielt es für verfehlt.»

Ein Mädchen, eine junge Frau mit Tatendrang, Visionen, Träumen und Zielen, die den Mut hat, all diese zu verfolgen, die in die Welt aufbricht, sich alles erkämpfen muss und dabei unten durch geht, die tanzt, dichtet, liebt, sich verkauft, abstürzt, im Gefängnis landet, sich immer wieder aufrappelt. Sie beweist immer wieder, dass sie etwas kann, viele verehren sie – und doch reicht es nie zum Leben, knapp nur zum Überleben. Wie oft stürzte sie das in Zweifel, in eine Erschöpfung, Krankheit gar. Wie oft haderte sie mit dem Leben, mit sich, mit der Welt. Und doch rappelte sie sich immer wieder auf, schritt mutig voran, um ihre Träume, ihre Leidenschaften, ihr Schreiben weiterzutreiben. Die grossen Namen (allen voran Hermann Hesse) hielten grosse Stücke auf sie, schätzten ihr Talent und ihre Literatur hoch ein, doch sie fand keine Verleger und wenig Publikum.

«Ein gefallenes Mädchen… von gefallen Männern hörte man bei uns nie. Männer konnten wahrscheinlich nicht fallen.»

Für ihren Traum, auf der Bühne zu stehen, nimmt Emmy Hennings viel auf sich. In grosser Geldnot prostituiert sie sich, endlich beim Theater angekommen, merkt sie, dass es auch da mehr um Körper als um Kunst geht, dass der Einsatz nach dem Fall des Vorhangs noch nicht zu Ende ist. Sie fühlt sich dreckig, fragt sich sogar, ob sie nicht auf der Strasse reiner gewesen ist als nun auf der Bühne. Sie wird von Männern (teilweise vorgeblich liebevoll) Hure genannt, während die Männer selbst doch fantasieren, wann sie sie wieder sehen, was mehrheitlich auch nehmen bedeutet. In Erich Mühsams Tagebüchern (um nur einen zu nennen) finden sich viele explizite Passagen dazu. Emmy erlebt, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, am eigenen Leib, was für ein Nachteil es ist, als Frau in dieser Welt zu leben.

Bärbel Reetz zeichnet das Leben und Schaffen der Emmy Hemmings nach, wobei sie zu viel Gewicht auf all die Figuren um sie herum und zu wenig auf Emmy selbst schaut. Dadurch ist eine sehr langatmige, oft verwirrende, zeitlich hin und her springende Biografie entstanden, welche den Menschen Emmy Hemmings nicht wirklich fassbar macht.

Fazit
Bärbel Reetz beschreibt das Leben von Emmy Hennings informativ und mit Verweis auf viele Quellen und Zitate. Sie lässt dabei den roten Faden und die Chronologie etwas zu oft aus dem Blick, so dass das Ergebnis etwas unübersichtlich wird. Trotzdem sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Bärbel Reetz, geb. 1942, Studium der Germanistik und Anglistik lebt als Autorin und freie Journalistin in Berlin; ihre Arbeiten wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, u.a. 1994 Bettina-von-Arnim-Preis für die Erzählung Virginia oder die Gleichzeitigkeit.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Suhrkamp Verlag; Originalausgabe. Edition (21. Mai 2001)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 399 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3518397404