Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an

Papa Kiyak hat Krebs. Die Tochter kümmert sich. Sie spricht mit den Ärzten, kocht Essen, will für ihn da sein, redet gut zu und hat selbst keine Kraft. Sie weint plötzlich in den unmöglichsten Situationen, kämpft immer wieder an allen Fronten, wütet über die Bedingungen von Migranten und denen in Spitälern. Und zwischendurch lässt sie sich von ihrem Papa Geschichten erzählen. Von früher. Von der Familie.

«Zum ersten Mal denke ich, dass mein Vater es nicht packen wird.»

Als ich das Zitat gelesen habe, erkannte ich mich wieder. Genau so war das. So kenne ich es. Eine sachliche Rezension zu diesem Buch zu schreiben, ist mir unmöglich. Oder: Ich will es nicht.

Ich wollte das Buch beim Lesen so oft abbrechen. Es tat mir nicht gut. Es warf mich zurück. Zu den gleichen Sätzen, die ich vor einigen Jahren auch hörte. Zu den Kämpfen, obwohl ich tief drin die Hoffnung aufgegeben hatte – und doch weiter hoffte. Es versuchte. Zurück zum Weinen in Trams, in Einkaufszentren. Zurück zu Zusammenbrüchen, tiefer Trauer. Angst.

Mely Kiyak schreibt über sich und ihren Vater. Sie schreibt über dessen Krebs und wie er sich ausbreitete. Lunge. Nieren. Leber. All das hatte ich genauso. Und so vieles dazu. Wie will ich da einen sachlichen Text darüber schreiben? Ich habe geweint. Nein. Geheult beim Lesen.

«Das scheint vollkommen üblich zu sein. Dass man sterbenskranken Menschen ihr Essen nicht dann gibt, wenn sie es brauchen und wollen, sondern dann, wenn es dem System in den Kram passt.»

Natürlich war das Verständnis für das Personal bei mir da. Sie sind alle überlastet. Und doch lag da mein Vater. Als ich all die Beschreibungen des Spitalalltags las, erkannte ich alles wieder. Mehr noch, ich war wieder drin. In dieser Wut, diesem Ausgeliefertsein. Ja, wir hatten teilweise grossartige Pflegekräfte. Geduldige Ärzte. Aber auch das Gegenteil. Und in all dem liegt dein Vater. Der Mensch, der dir so viel beigebracht hat. Der dir so wichtig, so lebenswichtig, wie du dachtest, ist. Unerträglich. Und doch muss es ertragen werden. So ging es mir wieder beim Lesen. Ich konnte nicht aufhören. Obwohl ich es kaum ertragen habe. Was für das Buch spricht. Es ist ehrlich. Es ist schonungslos. Es ist persönlich. Es ist authentisch.

«Noch bevor ich sprechen kann, fange ich an zu weinen. Es ist mächtiger als ich. Ich habe mich nicht im Griff. Dabei beginnen wir erst.

Was soll ich schreiben: So war das. Die Direktheit von Mely Kiyaks Schreiben führt es mir nicht nochmals vor, sie wirft mich nochmals rein. Und in all das, was als nette Beigabe in solchen Situationen dazukommt: Die Isolation, das Abwenden von Freunden, weil man keine Zeit mehr hat. Weil man sich ja kümmern muss. Und danach keine Worte findet auf die Fragen, die kämen.

«Man gewöhnt sich an Menschen, liebt sie, und am Horizont winkt bereits der Tod. Man fragt sich doch, worin der Sinn des Lebens besteht, wenn am Ende gestorben wird.»

Ja, wo liegt der Sinn des Lebens? Worauf kann man bauen? Es ist das elende Gefühl, das Mascha Kaléko beschreibt, dass der eigene Tod kein Schrecken ist, aber der derer, die man liebt. Alle können einem immer genommen werden.  

Fazit zum Buch
Berührend. Bewegend. Tief.

(Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an, Carl Hanser Verlag GmbH, München 2024.)

Rebecca F. Kuang: Yellowface

Athena Liu und June Hayward sind seit ihrem gemeinsamen Literaturstudium Freundinnen, beide streben sie eine Karriere als Schriftstellerin an. Während Athena der Erfolg nur so zufliegt, will June der Durchbruch nicht gelingen. Beim Feiern eines weiteren Erfolges erstickt Athena vor Junes Augen und diese wittert ihre Chance: Sie stiehlt deren fertiges Manuskript und gibt es nach intensiver Umarbeitung als eigene Geschichte heraus. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, doch dann droht der Diebstahl aufzufliegen.

„Yellowface“ ist ein Buch über das Schreiben:

«Schreiben ist der Kern meiner Identität, seit ich ein Kind war… Und auch wenn es mich unglücklich macht, werde ich an dieser Magie festhalten, solange es mich gibt.»

Über die guten Seiten daran:

«Darum liebe ich das Schreiben so sehr – wir haben unendlich viele Möglichkeiten, uns selbst und unsere eigenen Geschichten neu zu erfinden.»

Und die schwierigen:

«Schreiben ist so eine einsame Tätigkeit. Du hast keine Gewissheit, ob deine Arbeit irgendeinen Wert hat, und jedes Indiz dafür, dass du den Anschluss verlierst, stürzt dich in den Abgrund der Verzweiflung.»

Es stellt die Frage, wer ein Buch wirklich geschrieben hat:

«Die ursprüngliche Idee für diesen Roman kam vielleicht nicht von mir, aber ich bin diejenige, die ihn gerettet und den ungeschliffenen Diamanten zum Glänzen gebracht hat.»

Und ein Buch über Aneignung:

«Zum ersten Mal seit ich das Manuskript abgegeben habe, überkommt mich ein tiefes Schamgefühl. Das ist nicht meine Geschichte, mein Erbe.»

Es ist ein Buch über Freundschaft:

«Schliesslich ist es schwer, mit jemandem befreundet zu sein, der dich bei jeder Gelegenheit aussticht. Vermutlich mag niemand Athena, weil niemand das Gefühl mag, im Vergleich mit ihr ständig den Kürzeren zu ziehen. Vermutlich stehe ich zu ihr, weil ich so armselig bin.»

Ein Buch über Neid:

«Neid bedeutet, mich ständig mit ihr zu vergleichen und dabei schlecht wegzukommen; Panik, dass ich nicht gut genug oder schnell genug schreibe, dass ich nicht gut genug bin und es nie sein werde.»

Und ein Buch über den Tod – und was danach von einem bleibt. Dabei schwingt auch die Angst mit, schon zu Lebzeiten in Vergessenheit zu geraten.

«Mir war nicht klar, wie viel Angst ich davor habe: unbekannt zu sein, vergessen zu werden.»

Fazit zum Buch
Ein gut lesbares, flüssig geschriebenes Buch, das Einblicke in die Welt hinter den Büchern, in die Welt des Schreibens und Publizierens und alles, was darin Schönes und Schwieriges steckt.  

Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt

Der Schriftsteller bei der Arbeit

«Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.» Franz Kafka

Andreas Kilcher wirft einen Blick hinter die Kulissen von franz Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und sein Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Andreas Kilcher analysiert Kafkas Lektüren, Interessen und die historischen und lebensnahen Kontexte und leitet daraus einen Bezug zu einzelnen Texten ab. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor.

«Ein gutes Buch ist der beste Freund.»

Wir lernen Kafka in diesem Buch als begeisterten und intensiven Leser kennen. Zwar blieb seine eigene Bibliothek immer überschaubar, in Briefen und auf Listen zeigt sich aber der Umfang seines Lesens.

«Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.» Franz Kafka

Der Philosophieprofessor und Schriftsteller Peter Bieri sagte über Literatur, dass sie im Leser etwas bewegen, etwas verändern müsse. Aus guter Literatur gehe man als anderer hervor. Das scheint auch Kafkas Meinung gewesen sein. Literatur bietet einen Blick in sich selbst, sie lässt einen die Möglichkeiten erkennen, was im Leben möglich ist, wie der Mensch sein kann. Sie lässt den Leser nachdenken, was davon in ihm selbst angelegt ist und bringt ihn so zu neuen Erkenntnissen.

«Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich.» Franz Kafka

Als Kafka schon im Sterben lag, die Tage waren gezählt, fragte er den behandelten Arzt nicht nach der Anzahl verbleibender Tage, sondern, wie viele Erzählungen er wohl noch schreiben können würde. Da waren noch so viele in seinem Kopf. Der Arzt meinte nur: «Fangen sie gleich mit dem Schreiben an.»

Zwar habe ich dieses Gespräch aus einem Film, doch es könnte sich genauso abgespielt haben. Kafka lebte für sein Schreiben. Alles, was diesem im Weg war, plagte ihn. Lesen und Schreiben, eine untrennbare Liaison – sie gehörten für Kafka zusammen, das Schreiben wuchs aus dem Lesen heraus. Das zeugen die vielen intertextuellen Bezüge in Kafkas Werk, die Anspielungen, das leise Aufklingen von Themen und literarischen Bildern.

So schreibt denn auch Andreas Kilcher, dass Literatur nie aus dem Nichts entstehe, sondern immer aus anderen Büchern. Diese setzen sich im Unterbewusstsein fest und wirken daraus. Sie bilden eine (neben anderen) Grundlage des Denkens und dann des Schreibens. Damit deutet er darauf hin, was in vielen Schreibratgebern und von vielen Schriftstellern vertreten wird: Wer schreiben will, muss ein Leser sein. Kafka hat es vorgemacht.

Fazit zum Buch:
Einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk.

(Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit, C.H. Beck Verlag, München 2024.)

Paul Auster: Bericht aus dem Innern

«Gravierender… ich lebe in meinem Schreiben – es verschlingt meine Gedanken. Ich habe jede Menge Ideen, Pläne, alles auf einmal – in jeder freien Sekunde denke ich darüber nach, tüftle, revidiere, ohne aber das, woran ich im Augenblick arbeite, aus dem Blick zu verlieren…»

Paul Auster ist ein Schreibender. Er ist einer, der sich und sein Leben förmlich dem Schreiben verschrieben hat – und der Liebe. Doch die kommt erst später. Zuerst muss er zu dem heranwachsen, der er mal sein wird. Er muss eine Kindheit durchleben, die ihn zu dem macht oder aus der er das macht, was er als sein Leben bezeichnet. In diesem Buch beschreibt Paul Auster diese Kindheit und sein Heranwachsen. Er beleuchtet das, was er aus Erinnerungen und Erzählungen kennt und analysiert es mit seinem erwachsenen Blick. Er durchläuft all die Jahre vom Kind bis hin zum frühen Erwachsenen. Den letzten Teil dieser Erinnerungen bilden Briefe, die er seiner langjährigen Freundin und ersten Ehefrau Lydia Davis geschrieben hatte. Abgerundet wird das sehr persönliche Buch durch Einblicke in das familiäre Fotoalbum.

«…dies ist der Moment, in dem wir die Fähigkeit erwerben, uns selbst unsere Geschichten zu erzählen, die ununterbrochene Erzählung zu beginnen, die erst mit unserem Tod endet.»

Wann ist der Mensch so weit, dass er sich seines eigenen Seins bewusst ist? Wann erkennt er sich als Denkenden und Handelnden? Nach Paul Auster tritt ein Kind im Alter von sechs Jahren in diese neue Phase des Lebens. In diesem Alter, so Auster, denkt ein Kind und weiss, dass es etwas denkt. Es fängt an, sich dieses Denken und sein Leben zu erzählen. Das erinnert mich an Max Frisch, der in «Mein Name sei Gantenbein» schrieb:

«Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält…»

Beim Blick auf die Kindheit spielen die Eltern eine grosse Rolle. Sie sind es, die das nächste Umfeld bilden, die Beziehung zu ihnen legt den Grundstein unseres Seins. Paul Austers Blick zurück ist kein verklärender. Es ist ein offener und schonungsloser. Er legt dafür den Finger in seine Wunden und zeigt, wie sie entstanden sind.

«…die beiden haben es verpfuscht, und dass du diese Katastrophe als Kind miterleben musstest, hat dich zweifellos nach innen getrieben und einen Mann aus dir werden lassen, der den grössten Teil seines Lebens allein in seinem Zimmer verbracht hat.»

In einem Interview sagte Paul Auster, jeder Schriftsteller sei ein Verwundeter, ein glücklicher Mensch würde kaum jeden Tag in ein einsames Zimmer sitzen und schreiben. Der Schriftsteller gehe in die Kunst, in sein Schreiben, weil das der Ausdruck seiner Wunde sei.

«…dort hast du dir beigebracht, allein sein zu können, und nur wenn ein Mensch allein ist, kann er seinen Gedanken freien Lauf lassen.»

Es gibt zwei Sichten, das eigene Sein zu sehen: Man wurde, wer man ist, weil die Dinge waren, wie sie waren, oder man wurde es, obwohl sie so waren. Die schwierigen Familienverhältnisse waren belastend für den kleinen Jungen und dieses Belastende hat lange nachgehallt. Was er aber daraus gelernt hat ist, sich zurückzuziehen in seine eigene Welt. Das war die Welt, die sich in seinem Kopf zeigte, in seinen Fantasien. Beim Alleinsein konnte er diese Welten entstehen lassen und ausmalen. Etwas, womit er nie mehr aufgehört hat – zum Glück für seine Leser. Auch wenn es nicht immer nur einfach floss:

«Das alles klingt, als sei ich… sehr beschäftigt. Vielleicht bin ich das, aber es fühlt sich für mich nicht so an. Die meiste Zeit verbringe ich völlig allein – in äusserster und furchtbarer Einsamkeit. In meinem kleinen kalten Zimmer, wo ich entweder arbeite oder auf und ab gehe oder vor Niedergeschlagenheit gelähmt nichts tue.»

So erfolgreich Paul Auster auch war, die Unsicherheit dem eigenen Schreiben gegenüber ging nie ganz verloren. Nach jedem beendeten Buch fing sie von neuem an: Würde es nochmals gelingen? Es gelang!

«…und mag es viele Dinge geben, an die du dich erinnerst, so gibt es mehr, tausendmal mehr, auf die das nicht zutrifft.»

Was erinnern wir? Was vergessen wir? Schlussendlich ist das, was bleibt, wohl ein kleiner Teil all dessen, was war. Es ist der Teil, der sich in uns festgesetzt hat, weil wir ihm zum Zeitpunkt des Erlebens einen Wert beigemessen haben und ihn darum irgendwo bewahrt haben – oft auch im Unterbewusstsein, von wo er erst wieder auftaucht, wenn es einen Auslöser dafür gibt.

Als Schlusssatz kann ich eigentlich nur noch ein Zitat anhängen:

«Am Ende glaube ich mehr als alles andere, das Einzige, was überhaupt etwas zählt, ist die Liebe.»

Die hat er gefunden und lebte mit ihr für viele Jahre. Die Liebeserklärung, die man im «Winterjournal» lesen kann, ist wundervoll. So möchte man lieben können, so möchte man geliebt werden.

Ich hebe mein Glas auf Mascha Kaléko

«Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.»

Der Auszug aus diesem Gedicht fasst in wenigen Worten zusammen, was das Leben für Mascha Kaléko war: Ein ständiges Aufbrechen, Weiterziehen, nie ein Ankommen, Zuhause-Sein. Sie war eine Fremde zeitlebens, seit sie als kleines Mädchen den Ort ihrer Geburt verlassen musste.

In einem Leben ohne Halt und Hafen sucht man sich oft einen Begleiter. Der Kalékos war wohl die Melancholie. Sie steckt in vielen ihren Versen, dringt aus ihren Zeilen und versteckt sich mitunter dazwischen, im nicht Gesagten, nur Durscheinenden. Doch hatte sie noch einen zweiten Begleiter: den Humor. Sie ist wohl das perfekte Beispiel für dieses Trotzdem: sie lachte trotzdem, auch wenn ihr das Leben oft keinen Grund dazu gab.

«Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang
Nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?»

Die Liebe hat sie gefunden. Eine grosse. Ein Sohn war ihr beschert, sie liebte auch ihn. Der Sohn wurde ihr früh genommen, der Mann etwas später. Mascha ist müde, doch sie rappelt sich nochmals auf, zäh und mutig, wie sie ist. Reist durch Europa, besucht ihre alte Heimat Berlin, überlegt, zurückzukehren. Sie stirbt vor der Umsetzung dieser Pläne und hinterlässt uns die wunderbarsten Gedichte, die ich nur ans Herz legen kann.

Habt einen schönen Tag!

Ich hebe mein Glas auf Thomas Mann

Heute kommt es zu einer der schwersten Glaserhebungen überhaupt. Er hat Geburtstag. Der Schriftsteller, dessen Leben ich über Monate quasi mitgelebt habe. Ich habe seine Musik gehört, mit seinen Zipperlein gelitten, seine Schreibmüdigkeiten und -freuden ich nachempfunden. Ich habe alles von ihm (bis auf ein Werk) und unglaublich viel über ihn gelesen, gehört, gesehen. Man könnte es Liebe nennen. Er ist hinlänglich bekannt. Nur schon meine Regale sind gut mit ihm gefüllt, aber da wäre noch so viel mehr. Und so dachte ich, ich schreibe ein paar Dinge über meine Beziehung zu ihm, statt einfach seine Biografie aufzuschreiben:

1.    Ich liebe Bücher, behandle sie (ausser den Notizen und Markierungen) sehr sorgfältig. Es gab ein Buch, das ich völlig entnervt in die Ecke pfefferte – nur um ihm besorgt nachzurennen und zu schauen, ob es noch heil ist. Es war. 

2.    Ich ertrage es nicht, wenn ich etwas Negatives über ihn lese. Oft ist es so unfair, wie ich finde. Dann gehe ich sofort in den Verteidigungsmodus über.

3.    Als ein Professor mal meinte, man müsse in einem seiner Bücher nicht alles lesen, es sei etwas ausschweifend und könne überblättert werden, war ich empört. Ich habe die Passagen damals dann doch überblättert. 

4.    Ich lief mit einem seiner Werke als Hörbuch auf den Ohren durch halb Chicago. Deswegen erinnert mich der Roman, der eigentlich für eine deutsche Stadt steht, heute noch an Chicago.  

5.    Manchmal denke ich, noch mehr als seine grossartige Literatur fasziniert mich seine Person. 

6.    Ich verdanke ihm den wohl wundervollsten Schreibprozess einer Masterarbeit, den ich mir vorstellen könnte. Und das Gefühl, was Leidenschaft fürs Schreiben ist.

7.    Mein liebstes Werk von ihm wird kaum je genannt, wenn es um seine Bücher geht. 

Heute würde Thomas Mann 149 Jahre alt. Ich hebe mein Glas auf ihn!

Didier Eribon: Eine Arbeiterin. Leben, Alter, Sterben

«Unsere Mutter sollte sich heimisch fühlen, denn, wie wir ihr im Laufe des Tages immer wieder sagten, hier wohnte sie jetzt, das war jetzt ihr «Zuhause», wogegen sie resigniert protestierte: «Nein, das wird nie mein Zuhause sein», dann: «Nein, das ist nicht mein Zuhause, bevor sie es leid war, dass wir sie scheinbar nicht verstanden, und sagte: «Jaja, ich weiss, aber es ist nicht dasselbe.»»

Didier Eribon erzählt von seiner Mutter, vordergründig, in Tat und Wahrheit erzählt er mehr von sich und seinem Verhältnis und Verhalten der Mutter gegenüber. Er liefert eine Sozialstudie dessen, was es heisst, alt und damit Minderheit zu sein. Er demonstriert, was es bedeutet, einer unteren Klasse zuzugehören, und welche Probleme damit verbunden sind.

«…mir wurde wieder einmal bewusst, wie befremdlich und nahezu unerträglich das sein kann, was man gemeinhin als «Familienbande» nennt. Was verband uns? Nichts. Rein gar nichts. Ausser der Tatsache, dass wir hier waren, um uns um unsere Mutter zu kümmern, dass wir hier sein mussten.»

Und: er zeigt die Zerwürfnisse und Schwierigkeiten in Familien, vor allem dann, wenn es darum geht, Lösungen zu finden, an denen alle beteiligt sind und die alle in einer Weise betreffen. Neben der persönlichen Ebene dieses Buches gibt es auch die soziale, die politische. Didier Eribon verweist auf die Lage von alten Menschen in unserer Gesellschaft, auf ihr Übergangensein, auf ihre Stellung am Rande der Gesellschaft und dieser quasi nicht mehr zugehörig. Sie haben keine Stimme mehr, Entscheidungen werden oft über ihren Kopf hinweg und für sie getroffen. Es ist, so Eribon, dringend nötig, alten Menschen wieder eine Stimme zu geben, ihnen die Würde zu belassen, die ihnen zusteht.

«Mittlerweile ist mir bewusst, dass ich zugleich dank meiner Mutter und in Abgrenzung zu ihr der Mensch geworden bin, der ich bin. In meinen Gedanken war das In-Abgrenzung-zu-ihr lange Zeit stärker als das Dank-ihr. Natürlich schäme ich mich seit langem für all die Beispiele meines Egoismus und meiner Undankbarkeit.»

Eribon schaut unbarmherzig auf seine Beziehung zu seiner Mutter. Er sieht seine Versäumnisse, sein mangelndes Einfühlungsvermögen und auch die Vernachlässigung der Beziehung. Er war in seinem Weg der Abgrenzung von seiner Herkunft, damit, all das, was dafürstand, abzulehnen, so gefangen, dass ihm der Blick auf die anderen, das Einfühlen in ihre Position und ihren Umgang mit der Situation, verborgen blieb. Nein, all das blieb nicht einfach verborgen, er schaute bewusst weg.  

Eribon bleibt aber nicht beim Persönlichen stehen, er zeichnet auch ein Bild der Gesellschaft, wie sie war, vor allem auch für Frauen:

«Als Frau hatte man es schwer, Männer konnten machen, was sie wollen, Frauen nicht.»

Seine Mutter kam aus einer Zeit, in welcher Frauen wenig Rechte und Möglichkeiten hatten. Den Frauen und deren Entscheidungen ausgeliefert hatten sie den Platz einzunehmen, der ihnen zugewiesen wurde. Dies war vor allem in den unteren Klassen der Fall, in welchen generell wenig Spiel- und Freiraum zur Lebensgestaltung herrschte.

«Selbst wenn eine Ohnmachtserfahrung der Vergangenheit angehört, wenn sie längst in Vergessenheit geraten ist, hinterlässt sie unauslöschliche Spuren.» 

Auch wenn sich die Zeiten verändert haben, Frauen mehr Rechte bekamen, so sitzen die Spuren dessen, was war, doch tief. Ein neues Verhalten, eine neue Gewissheit für den eigenen Platz in der Gesellschaft ergibt sich nicht von heute auf Morgen. Zudem hat sich das Neue auch in den Köpfen anderer noch nicht vollkommen eingenistet, so dass Spuren vom Alten noch immer aktuell sind und damit auch erlebt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass mit der fortschreitenden Zeit eine weitere Schwierigkeit auftaucht, ein neues Stigma, welches den Stand in der Gesellschaft erneut schwieriger macht: Das Alter. Mit diesem einher geht eine weitere Diskriminierung, die erneute Erfahrung, nicht mehr zum aktiven Teil der Gesellschaft gezählt zu werden und nach und nach, wenn die Gesundheit entsprechend ist, in Zwangssituationen zu geraten, die man selbst nicht möchte.

«Der Umzug ins Altenheim ist… der Eintritt in eine erzwungene Gemeinschaft, der man sich schwerlich entziehen kann.»

Wer sagte nicht in jungen Jahren, dass er nie in einem Altenheim leben möchte, weil man damit wenig Positives verbindet. Diese Sicht verfestigt sich und ist nicht einfach weg, wenn der Zeitpunkt kommt, dass man es in Erwägung ziehen muss – oder dazu genötigt wird, es in Erwägung zu ziehen. Dieser Umzug ist nicht einer von vielen, er gleicht einem aus der Freiheit des eigenen Seins und Tuns in ein geregeltes System mit Vorschriften und erzwungenen Nachbarschaften.

«Wenn alte Menschen keine Stimme haben. Oder nicht mehr haben oder sogar, im Fall Pflegebedürftiger, nicht mehr haben können – sind dann nicht andere angerufen, ihnen eine Stimme zu geben»?

Wir dürfen nicht wegschauen. Menschen sind Teil unserer Gemeinschaft. Immer. In jedem Alter, mit allen Fähigkeiten und Hindernissen. Oft vergessen wir die, welche sich nicht mehr wehren können. Wir lassen sie am Rand stehen. Vordergründig sind sie versorgt, doch was dieses «versorgt» wirklich bedeutet, blenden wir aus. Didier Eribon hat hingeschaut. Und er hat dieses Buch geschrieben. Er hält den Finger in die Wunde dieser Gesellschaft. Er gibt seiner Mutter eine Stimme, als diese keine mehr hat. Er gibt durch sie den Menschen eine Stimme, die keine haben. Damit wir sie hören. Und hinschauen.

Das Buch wurde von mir sehr erwartet und hatte damit wohl einen schweren Stand. Auch schwer war es, weil ich von den beiden vorher gelesenen Büchern «Rückkehr nach Reims» und «Gesellschaft als Urteil» mehr als begeistert war. Ich wurde, ich kann es gleich sagen, enttäuscht. Ob das nur der hohen Messlatte geschuldet war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber für mich war es sicher nicht Eribons bestes Buch. Trotzdem ist es absolut lesenswert und eine Empfehlung von mir.

Werkstattgespräche – Friedrich Ani

Foto: Susie Knoll

Friedrich Ani
Er trat als Sohn einer Schlesierin und eines syrischen Arztes am 7. Januar 1959 in Kochel am See in diese Welt, absolvierte die Schule bis zum Abitur und veröffentlichte bald danach erste Hörspiele und Theaterstücke. In der Drehbuchwerkstatt München der Hochschule für Fernsehen und Film lernte er das Handwerk des Schreibens und publizierte bald schon seinen ersten Roman. Er gewann mehrere Preise, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt, bewegt sich in den unterschiedlichsten Genres, vom Drehbuch über (Kriminal-) Romane bis hin zu Gedichten. Es ist nicht leicht, ihn in wenigen Worten zu beschreiben bei einer solchen Vielfalt.

Für uns hat er die Tür zu seiner Schreib-Werkstatt geöffnet und gewährt uns einen Blick hinein.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Ich bin Schriftsteller, Verfasser melancholischer Kriminalromane, von Gedichten, Hörspielen und Theaterstücken. Geboren an einem See, zu Hause in einem Zimmer in der Stadt.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Zu schreiben begann ich, weil ich feststellte, dass mir das Erfinden von Geschichten oder Szenen Freude bereitete. Meine Großmutter las mir viel vor, und ich bekam Lust, mir selbst etwas auszudenken. Ich schrieb, wie andere Kinder auf einer Trommel herumhauen oder plötzlich auf dem Klavier Noten beherrschen, ohne jede Vorkenntnis. Ich schrieb, als hätte ich einen neuen Atem für mich erfunden.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich erstelle ein vages Konzept, ein Exposé mit den Hauptfiguren und einem ungefähren Verlauf der Geschichte. Die Biografien der Figuren sind mir früh vertraut, alles andere muss folgen während des Schreibens.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Die meisten Vorarbeiten – Recherchen, Ideen, Fetzen von Dialogen – schreibe ich mit der Hand. Manchmal benutze ich eine meiner mechanischen Schreibmaschinen, wie früher. Dann haue ich in die Tasten, als wären es die siebziger Jahre.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Ich glaube, du würdest dem zustimmen?

Menschen stören grundsätzlich oft. Der größte Feind des Schriftstellers ist der Tod.

Ich las in einem Interview, du bezeichnest dich als Zimmerling. Ein Mensch also, der am liebsten allein in einem Zimmer schreibt. Paul Auster meinte, Schriftsteller seien verwundete Menschen, da sich keiner ansonsten in ein einsames Zimmer zurückzöge. Paul Nizon sagte etwas ähnliches. Beuys würde nun wohl sagen: Zeige deine Wunde. Woher kommt der Wunsch nach dem Alleinsein?

Das Alleinsein beherrsche ich seit früher Kindheit, das habe ich aus verschiedenen Gründen früh lernen müssen, und es wurde Einsamkeit. Aber ich gehe darin umher wie in einem Mantel, ich trage ihn aufrecht, manchmal schnürt er mich ein, dann lege ich ihn vorübergehend ab. Das klappt. Meistens. Nicht lang.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Meine Schreibzeit ist morgens. Bis zum frühen Nachmittag. Das heißt nicht, dass ich die ganze Zeit etwas aufs Papier bringe, es heißt nur, ich laufe nicht weg, bleibe in der Nähe der schweigenden und unsichtbaren Figuren. Sie entscheiden, wann sie auf die Bühne wollen. Na ja, manchmal scheuche ich sie auch raus. Vermutlich gar nicht so selten.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Mühen beim Schreiben sind nicht das Gegenteil von Freude. Schreiben ist mein Werk, ich habe mich dafür entschieden und versuche, der Herausforderung gewachsen zu bleiben.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Wenn ich nicht schreibe, sehe ich mich selten als Schriftsteller, eher als jemanden, der etwas ratlos herumsteht. Ich glaube, für solche Leute wurde die Gastronomie erfunden.

Du schreibst in verschiedenen Genres, vom Krimi über Jugendbücher bis hin zur Lyrik. Landläufig heisst es, „Schuster bleib bei deinen Leisten“ – wieso diese Vielfalt?

Anders kann ich nicht leben.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Dein Ermittler trägt dein Pseudonym von früher. Wie viel von dir steckt in ihm? Und generell in deinen Krimis und anderen Werken?

Meine Autobiografie ist das, was ich schreibe, ich bin in allen Figuren. Vielleicht habe ich deswegen damit begonnen: Um eine Zeitlang wahrhaftig in der Welt zu sein.

Du schreibst keine Krimis nach Lehrbuch, immer überwiegen die Tiefenansichten von Menschen am Rand der Gesellschaft. Was fasziniert dich daran?

Ich wüsste nicht, worüber ich sonst schreiben sollte.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Diese Kategorien sind außerhalb meines Schreibens. Ich bewerte sie nicht, und sie bedeuten mir nichts.

Was treibt dich immer wieder an, noch ein Buch zu schreiben? Oder anders gefragt: Wäre ein Leben ohne zu schreiben denkbar für dich?

Vermutlich, aber ich kenne kein anderes Leben.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Ich lese Bücher wegen der Sprache, weniger wegen der Handlung, wegen der Gedanken der Figuren und des Autors, der Autorin, wegen deren Haltung zur Welt und den Menschen. Ich lese, um zu lernen.

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Wenn jemand ernsthaft ein Buch schreiben möchte, muss man ihm nichts raten, dann schreibt er es schon.

Zwei aktuelle Buchempfehlungen aus der grossen Vielfalt von Publikationen:

Friedrich Ani: Lichtjahre im Dunkel (Roman)

„Eines frühen Morgens im Juli wankte ich ins Bad, sah in den Spiegel und bemerkte, dass ich alt geworden war. Das erschien mir kurios.“

Das Aufwachen nach einer durchzechten Nacht ist mitunter schwer. Noch schwerer ist das Leben an sich, in welchem mysteriöse Dinge passieren. Zum Beispiel verschwindet Leo Ahorn eines Tages nach vergeblichen Versuchen, Geld für seinen maroden Laden aufzutreiben. Obwohl seine Frau noch unschlüssig ist, ob sie ihn überhaupt wiederhaben will, muss sie etwas tun. Polizei kommt nicht in Frage, also wendet sie sich an den Privatdetektiv Tabor Süden, von welchem sie allerdings auch nicht vollends überzeugt ist. Bei seinen Ermittlungen trifft dieser auf die unterschiedlichsten Gestalten und erfährt mehr über das wenig glückliche Leben des Verschwundenen. Als ob das nicht alles schon genug wäre, findet sich auch noch eine Leiche, die Polizei mischt nun auch mit und sich ein und plötzlich sieht alles nochmals ganz anders aus.

Friedrich Ani: Stift (Gedichte)

„Worte hauchen, allmählich
Gewöhn ich mich ein, wie die
Anderen auch, so muss es
Sein, wir leben zum Gebrauch“

Friedrich Ani nimmt die Sprache, zerlegt sie in Worte, zerbricht ihre Sätze, gliedert sie neu und entdeckt so die doppelten Böden und eröffnet neue Felder. Seine Gedichte sind Sprachanalysen in Poesie gegossen. Es sind Freilegungen von tieferen Schichten, die zwischen den Zeilen, über Punkte hinaus und durch Buchstaben hindurch schimmern. Es sind Gedichte zum Wiederlesen, zum Wiederkäuen, zum Bedenken. Gedichte, die sich setzen lassen müssen.

100 Jahre ohne Franz Kafka

«Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.»

Heute vor 100 Jahren starb Franz Kafka. Es waren ihm nur 40 Jahre vergönnt gewesen, 40 Jahre, in denen er an vielem gelitten und vor allem eines geliebt hat: Das Schreiben.

Die Etappen seines Lebens aufzuzählen, würde wenig von dem Menschen aufzeigen, der er war. Ganz erfassen kann man ihn wohl sowieso kaum. Wie viele Versuche sind schon unternommen worden, ganze Regalbretter biegen sich durch unter der Last der Deutungen. Am ehesten findet man ihn vermutlich in seinen Schriften, denn in ihnen liegt sein Herzblut. Da hat er die geheimen Windungen seines Denkens und Fühlens auszudrücken versucht, indem er sie in abstruse Geschichten verpackte, die bei Lichte betrachtet nicht an den Haaren herbeigezogen sind, sondern die Absurdität des Lebens, wie er es sah, abbilden.

Er hat sogar ein Wort geprägt: Kafkaesk. So nennt man eine Situation, in welcher der Mensch sich in einer bedrohlich erscheinenden Lage hilflos ausgeliefert fühlt. Von Solchen Situationen handeln seine Werke: Sei es als Josef K., der einfach verhaftet wird, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, sei es als Landvermesser, der den Vorschriften der Verwaltung des Schlosses ausgeliefert ist, sei es als Gregor Samsa, der eines Morgens als Käfer im Bett aufwacht.

Immer wieder schreibt er vom Suchen und vom Hadern, etwas, das ihm wohl aus dem eigenen Leben vertraut war. Er haderte mit dem Vater, dem er einen Brief schrieb, aber auch mit der Liebe. Zwar verliebte und verlobte er sich, zeigte sich dann aber doch eher zögerlich und entschied sich am Schluss dagegen und für das Schreiben. Bis es fast zu spät war. Ein Jahr Liebe war ihm noch vergönnt, leider schon von seiner Krankheit gezeichnet. Mir gefällt der Gedanke, dass er nach diesem kurzen Leben das Glück doch noch kennenlernte. Die Liebe sehen und sterben.

Lesemonat Mai

«Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist.» Paul Auster

Ich war sehr suchend und immer wieder findend, um wieder zu verwerfen und neu zu suchen. Und manchmal suchte ich nicht mal, merkte nur, dass ich noch nicht gefunden habe. Und ich ermahnte mich zu mehr Geduld und fand sie nicht. Das war die Grundstimmung im Mai. Zu schreiben, was diesen Monat sonst geprägt hat, fällt mir schwer, er ist mir bei all dem sprichwörtlich zwischen den Fingern zerronnen. Ich habe viel geschrieben, viel gelesen, wobei ich selbst die Fülle des Lesens nicht wirklich realisiert habe, sondern immer dachte, ich käme zu wenig dazu – die Liste belehrte mich eines Besseren. Was ich aber weiss: Es waren grossartige Lektüren.

Nachdem ich mit André Gorz die Liebe gefeiert habe und berührt wurde, tauchte ich in die Welt Simone de Beauvoirs zurück, las von ihren Reisen, Lektüren, ihrem Schreiben und der politischen Lage ihrer Zeit. Mit Lena Gorelik erforschte ich, was Herkunft bedeutet und wie sie uns prägt. Bei Sartre erfuhr ich mehr über dessen Kindheit und bewunderte seine grossartige Sprache, seinen Humor. Ich tauchte in das Leben von Paul Auster ein, nachdem er selbst gestorben war, und habe mich verliebt in seine Sprache und seine Art des Erzählens. Ich litt mit Tove Ditlevsen und war erschüttert über Salman Rushdies Bericht darüber, wozu Menschen in der Lage sind und was sie damit bewirken. Zum Glück fand Salman Rushdie einen guten Umgang damit: Er schrieb darüber. Und ich las übers Schreiben und Stehlen und Sterben und Erzählen – ach, es war so viel und es war grossartig.

Im Juni stehen noch einige Memoirs an, zudem möchte ich mal wieder historische oder Gesellschaftsromane lesen. Ein paar liegen schon bereit, sie werden mit mir nach Spanien reisen, denn es ist wieder so weit. Leider nicht für lange dieses Mal.

Was habt ihr im Mai gelesen? Habt ihr schon (Lese-)Pläne für den Juni?

Die ganze Mai-Liste findet sich hier:

André Gorz: Brief an G. Geschichte einer LiebeNach achtundfünfzig gemeinsamen Jahren schreibt André Gorz seiner Frau Dorine diese wundervolle Liebeserklärung, die voller Tiefe, Wärme, Poesie ist. Die Liebe dieser beiden Menschen ist förmlich spürbar und sie rührt zeitweise zu Tränen. Bei aller Liebe geht André Gorz aber auch hart mit sich ins Gericht und schilt sich einiger Fehler, denen er mit dieser Schrift entgegenwirken möchte. Berührend!6 von 5
Simone de Beauvoir: Alles in allemSimone de Beauvoir geht weiter in ihrer Lebensgeschichte, dieses Mal nicht mehr ganz chronologisch, sondern oft auch thematisch. Im Grossen und Ganzen behandelt sie die 60er-Jahre, erzählt von gemeinsamen Reisen mit Sartre, von ihrer Beschäftigung mit Musik, Kunst und Kultur, von ihrem Schreiben und sehr intensiv auch von den globalen politischen Ereignissen. 5
Lena Gorelik: Wer wir sindWas nehmen wir mit, wenn wir fliehen müssen, was lassen wir zurück? Wie prägt uns unsere Herkunft, unsere Familie, wie sind wir mit ihr verbunden? Die Geschichte eines Aufwachsens als Tochter und Enkelin, als Mitglied einer Familie mit all ihren Brüchen, Umbrüchen, Erlebnissen und Prägungen. Ein persönliches Buch, das sich Erinnerungen entlang tastet, diese durch das Schreiben verständlich und erfahrbar macht. Der Sog der Sprache, die so eigen ist, zieht am Anfang in die Geschichte herein, lässt dann aber nach und nach und ein Gefühl der Länge auftauchen. 4
Yasushi Inoue: Meine Mutter – abgebrochenIm Alter zieht die Mutter des Autors zu ihm und seiner Familie. Das Buch handelt von diesem Zusammenleben mit der älter werdenden Mutter mit all ihren Vergesslichkeiten und Eigenheiten, sowie von Gedanken darüber und über die Vergangenheit und die Erinnerungen daran. Mich hat es nicht überzeugt, das Buch blieb seltsam blass und distanziert, so dass ich keinen wirklichen Zugang fand. 
Jean-Paul Sartre: Die WörterSartres Erinnerungen an seine Herkunft, auf seine Familie, auf seine Schreibanfänge und darauf, was ihm das Schreiben bedeutet, wofür es steht. Ein sehr analytischer, selbstkritischer, teilweise ironischer, schonungslos offener Blick auf sich selbst und die eigenen Eigenheiten und auch Selbstüberschätzungen.5
Gisèle Halimi: Alles, was ich bin. Tagebuch einer ungeliebten TochterGisèle Halimi schreibt über ihr Aufwachsen mit einer Mutter, die sie nicht liebt. Sie analysiert, wie es zu dieser fehlenden Liebe kommen konnte, wie das ihre Kindheit, ihr Aufwachsen und ihr Sein prägte. Was bewirkte dieses Ungeliebtsein in ihrem Leben, wie beeinflusste es ihre Ziele und ihre Haltung im Leben. Sie breitet ihr Leben von der Kindheit bis zum Tod der Mutter aus und lässt den Leser durch das Erzählen der Geschichten, wie alles war, teilhaben.3
Rebecca F. Kuang: YellowfaceAthena Liu und June Hayward sind seit ihrem gemeinsamen Literaturstudium Freundinnen, beide streben sie eine Karriere als Schriftstellerin an. Während Athena der Erfolg nur so zufliegt, will June der Durchbruch nicht gelingen. Beim Feiern eines weiteren Erfolges erstickt Athena vor Junes Augen und diese wittert ihre Chance: Sie stiehlt deren fertiges Manuskript und gibt es nach intensiver Umarbeitung als eigene Geschichte heraus. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, doch dann droht der Diebstahl aufzufliegen. Ein Buch Themen wie das Schreiben, den Buchmarkt, Rassismus, Aneignung und die Frage, wer Autor eines Werkes ist. Und vieles mehr. 4
Paul Auster: Bericht aus dem InnernPaul Auster erinnert sich an seine Kindheit, an sein Aufwachsen und seinen Weg hin zum Schreiben. Er spricht sein kleines Ich an, geht in den Dialog mit ihm, erzählt ihm, was war und wie er es aus der heutigen Sicht sieht. Und er nimmt den Leser mit auf diese Reise, die eine persönliche ist, eine Reise in sein Inneres, das er herausholt und sichtbar werden lässt.6 von 5
Veronika Reichl: Das Gefühl zu denkenGeschichten vom Lesen, davon, wie das Lesen und die Lektüre das eigene Leben prägen, wie sie ins Leben eingreifen, weil man sich dem Lesen hingibt und nach Antworten sucht, die man schlussendlich nicht in den Büchern, sondern in den eigenen Gedanken zu diesen finden. Veronika Reichl hat diverse Interviews und Gespräche zum Thema Lesen geführt und diese in die in diesem Buch enthaltenen Erzählungen fliessen lassen. 3
Paul Auster: WinterjournalPaul Auster erzählt aus seinem Erwachsenenleben, er zählt auf: Seine Behausungen, seine Lieben, seine Verletzungen, seine Reisen, Begegnungen mit dem Tod und vieles mehr. Es sind dieses Mal mehr die äusseren Dinge im Blick, und doch prägen auch die ganz tief. Davon handelt dieses Buch.5
Marjan Slobo: Der leere Himmel. Lob der Einsamkeit – abgebrochenMarjan Slobo erkundet das Gefühl der Einsamkeit, sieht es in einer mangelnden Verbundenheit mit der Welt begründet und vor allem auch in der menschlichen Fähigkeit des Selbst-Bewusstseins, durch welches wir diese mangelnde Verbundenheit und die Gefühle, die diese hervorruft mittels Sprache wahrnehmen. Sie beruft sich dabei auf Daniel Dennett, verweist auf Philosophen und Literaten, Filme und Musik. Sie mäandert in ihrem Text durch die verschiedensten Bereiche, ohne die konzis auf das Thema zu beziehen, so dass es an Stringenz fehlt. Viele Wiederholungen, falsche Schlüsse (die Logik stimmt nicht) und eine gewisse Ziellosigkeit führten zum Abbruch meinerseits. Schade, das Thema hätte mich interessiert. 
Tove Ditlevsen: AbhängigkeitTove Ditlevsens Erinnerung an ihre Ehen, ihr Abdriften in die Abhängigkeit nach Schmerzmitteln und anderen Medikamenten. Die Geschichte einer Flucht in eine Scheinwelt, weil die wirkliche nicht ertragbar war, die Geschichte des Kampfes, sich mit der Wirklichkeit wieder zurechtzufinden und den Weg aus der Sucht zu schaffen. Ein eindringlicher Roman, der einen durch die Sprache, durch die Unmittelbarkeit, mit der das beschriebene Leben aus den Zeilen spricht, fesselt und nicht mehr loslässt.5
Salman Rushdie: KnifeIn «Knife» schildert er seine Geschichte rund um den Anschlag auf sein Leben. Er schreibt von der Erschütterung durch die wieder aufgebrochene Gefahr, über den Schmerz beim Angriff und den weiteren beim Bewusstsein, womit er die Zukunft seines Lebens umgehen lernen muss. Er schreibt aber auch von der Kraft der Liebe und wie diese ihn durch all das Leid hindurchtrug. Er schreibt offen, zeigt sich verwundet und verwundbar. Er berührt, bewegt, erschüttert, hallt nach. Ein Buch, das mich mit jeder Faser meines Körpers und Fühlens ergriffen hat. Bis in die Träume hinein.5
Oskar Negt: Überlebensglück – abgebrochenOskar Negt ist es gelungen, aus einer durch Flucht geprägten Kindheit auf dem Bauernhof den sozialen Aufstieg ins Bildungsbürgertum mit Universitätsabschluss zu schaffen. Davon handelt diese Autobiografie. Sie beleuchtet die Hintergründe, weswegen die einen als Gebrochene und Opfer, die anderen als Kämpfer und Gesunde aus schwierigen Lebensumständen hervorgehen. Er schaut auf Theorien und behandelt Philosophien und schafft damit eine Distanz zum Gegenstand einer Autobiografie – zu sich selbst. Ich habe ihn verloren in all den Zeilen und irgendwann abgehängt. 
Sigrid Nunez: Sempre SusanEin sehr persönliches Porträt von Susan Sontag. Sigrid Nunez ist 25, als sie beginnt, für Susan Sontag zu arbeiten. Bald zieht sie bei ihr ein, ist die Freundin von deren Sohn, mit dem sie zusammen ist.  Ein Zusammenleben, das aufreibend ist, das sie in eine Mutter-Sohn-Dynamik hineinzieht, in welcher eine dritte Person einen schweren Stand hat. Es ist ein schonungsloser Blick, aber kein verletzender, ein ehrlicher, unverstellter, der sowohl Hochachtung wie auch Unverständnis ausdrückt, die Sigrid Nunez Susan Sontag in verschiedenen Situationen entgegenbringt. 4
Joan Didion: Wir erzählen uns Geschichten, um zu lebenEssays über sich, ihr Leben und die Welt – vor allem auch die der Kunst und des Films, der Künstler und Bohemiens – um sich. Einblicke und Analysen, persönlich und klar, ein unverstellter Blick auf die Wirklichkeit Amerikas in den Sechzigerjahren.4
Nelio Biedermann: Anton will bleibenNach seiner Krebsdiagnose überlegt Anton, wie er das verbleiende Jahr verbringen könnte, um in die Geschichte einzugehen, schliesslich sollte nach seinem Tod etwas von ihm zurückbleiben. Er versucht sich im Schreiben, mit Fotografieren, Malen, Philosophieren. Er schliesst neue Freundschaften, macht eine Reise, überzeugt einen Jungen mit Selbstmordabsicht von der Schönheit des Lebens. Nur der ewige Ruhm, der scheint ihm nicht gegönnt. Oder doch?4
Andreas Kilcher: Kafkas WerkstattEin Blick hinter die Kulissen von Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Eine Analyse seiner Lektüren, Interessen und der historischen und lebensnahen Kontexte und daraus abgeleitet ein Bezug zu einzelnen Texten. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor, einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk. 4
Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens anPapa Kiyak hat Krebs. Die Tochter kümmert sich. Sie spricht mit den Ärzten, kocht Essen, will für ihn da sein, redet gut zu und hat selbst keine Kraft. Sie weint plötzlich in den unmöglichsten Situationen, kämpft immer wieder an allen Fronten, wütet über die Bedingungen von Migranten. Und zwischendurch lässt sie sich von ihrem Papa Geschichten erzählen. Von früher. Von der Familie. Berührend. Bewegend. Tief. 5

Salman Rushdie: Knife

«Ich musste das Buch schreiben, das Sie jetzt lesen, denn das Schreiben war mein Weg, das Vorgefallene anzuerkennen, die Kontrolle zurückzugewinnen, mir das Geschehene anzueignen und nicht ein blosses Opfer zu sein. Auf Gewalt wollte ich mit Kunst antworten.»

Am 12. August 2022 wurde der weltbekannte Autor Salman Rushdie während einer Lesung in Chautauqua, New York, Opfer eines brutalen Messerangriffs. Rushdie, bekannt durch sein Buch „Die satanischen Verse“, welches in vielen islamischen Ländern als blasphemisch gilt, wurde schwer verletzt. Der Angriff auf Rushdie ist nicht nur ein Angriff auf eine Einzelperson, sondern auch auf die Werte der freien Meinungsäußerung und die demokratischen Grundprinzipien. Zum Thema Meinungsfreiheit äussert sich Rushdie folgendermassen:

«Hat man Angst, was man sagt, könnte unangenehme Folgen haben, ist man nicht frei. Und als ich Die satanischen Verse schrieb, wäre mir nicht im Traum eingefallen, Angst zu haben.»

Salman Rushdie ist seit der Veröffentlichung seines Buches im Jahr 1988 einer der prominentesten Verfechter der Redefreiheit. Die „satanischen Verse“ lösten eine Welle der Empörung und Gewalt aus, die 1989 in einer Fatwa des iranischen Ayatollah Khomeini gipfelte, die zur Tötung Rushdies aufrief. Danach lebte Rushdie jahrelang im Untergrund und unter ständiger Bedrohung.

«Ich errang meine Freiheit dadurch, dass ich wie ein freier Mensch lebte.»

Dass dieses Leben im Versteck nicht das sein konnte, war bald klar. Er wechselte den Kontinent, fing nochmals von vorne an und bemühte sich in den Staaten, ein öffentliches, ein sichtbares, ein unbeschütztes Leben zu führen. Im Glauben daran, dass die so gelebte Normalität Wirklichkeit sei, die Gefahr vorüber.

Der Angriff von 2022 zeigt auf erschreckende Weise, dass die Bedrohung durch extremistische Gewalt gegen freie Meinungsäußerung noch immer präsent ist. Rushdies Verletzungen erinnern uns daran, wie fragil die demokratischen Errungenschaften sein können und wie wichtig es ist, diese zu verteidigen. Die Redefreiheit ist eine der Grundsäulen jeder Demokratie. Sie erlaubt es, unterschiedliche Meinungen zu äußern und Debatten zu führen, ohne Angst vor Repressalien oder Gewalt haben zu müssen.

In einer Zeit, in der Populismus und autoritäre Tendenzen weltweit auf dem Vormarsch sind, ist der Angriff auf Rushdie ein Weckruf. Es geht nicht nur um die Sicherheit eines einzelnen Autors, sondern um die Verteidigung grundlegender demokratischer Werte gegen extremistische Bedrohungen. Der Vorfall mahnt uns, dass der Kampf für Demokratie und Freiheit ein fortwährender Prozess ist, der ständigen Einsatz und Wachsamkeit erfordert.

Darüber hinaus zeigt der Angriff auch die Gefahr, die von religiösem Fanatismus ausgeht. Wenn Meinungsverschiedenheiten in Gewalt münden, wird der öffentliche Diskurs vergiftet und die Basis für eine pluralistische Gesellschaft untergraben. Es ist die Aufgabe demokratischer Gesellschaften, für die Sicherheit und Freiheit ihrer Bürger einzutreten und Gewalt in jeder Form zu verurteilen.

Zusammengefasst steht der Angriff auf Salman Rushdie symbolisch für die anhaltenden Kämpfe um Meinungsfreiheit und Demokratie. Es liegt an uns allen, diese Werte zu schützen und zu verteidigen, um sicherzustellen, dass Stimmen wie die von Rushdie weiterhin Gehör finden können.

«Ich begriff, dass ich mich mittels Literatur selbst reparieren konnte.»

Einen Weg hin zu diesem Gehör hat Salman Rushdie mit seinem neusten Buch unternommen. In «Knife» schildert er seine Geschichte rund um den Anschlag auf sein Leben. Er schreibt von der Erschütterung durch die wieder aufgebrochene Gefahr, über den Schmerz beim Angriff und den weiteren beim Bewusstsein, womit er die Zukunft seines Lebens umgehen lernen muss. Er schreibt aber auch von der Kraft der Liebe und wie diese ihn durch all das Leid hindurchtrug. Er schreibt offen, zeigt sich verwundet und verwundbar. Er berührt, bewegt, erschüttert, hallt nach. Ein Buch, das mich mit jeder Faser meines Körpers und Fühlens ergriffen hat. Bis in die Träume hinein.

«Ohne die Katastrophen von gestern wären wir nicht die, die wir heute sind.»

Was kann ich über ein solches Buch schreiben? Welche Worte sind angemessen, welche hinreichend? Was Salman Rushdie passiert ist, kann nur als grosses Unglück bezeichnet werden. Und doch ist da noch mehr.

«Auch Sprache ist ein Messer. Sie kann die Welt aufschneiden und ihre Bedeutung zeigen, ihre inneren Mechanismen, ihre Geheimnisse, ihre Wahrheit.»

Fast möchte ich sagen, der Täter hat versagt. Zwar ist es ihm gelungen, Salman Rushdies Leben mit Schmerz, Leid und auch Angst zu belasten. Was ihm aber nicht gelungen ist: Ihn auszulöschen, ihn zum Verstummen zu bringen. Im Gegenteil. Salman Rushdie hat noch mehr zu seiner Stimme gefunden, er lässt sie sprechen, sucht Gehör und findet es. Er steht ein für das Gute, für Werte und vor allem für die Liebe und das Miteinander, welche ihm die Kraft gaben, weiterzuleben, weiterzumachen.

Lena Gorelik: Wer wir sind

«Das ist meine Geschichte. Ich schreibe sie auf, in der Sprache, die mir am besten gehorcht. Ich schreibe Worte auf, verletze Menschen, weiss Liebe, spüre Respekt, streiche weg, gehe zurück, bleibe stehen. Murmle Entschuldigung, zwischen die Zeilen hinein. Tippe Buchstaben, sortiere Worte, habe Angst vor Fragen, vor denen, die ich liebe, vor dem, was ich schreiben könnte, ordne Worte an. Die Worte beugen sich ächzend. Das ist meine Geschichte, tippe ich, Buchstaben für Buchstaben trotzig.»

Mit 11 Jahren lässt die Ich-Erzählerin Sankt Petersburg und alles, was da war, zurück: Die Kindheit, die Erinnerungen, die Freunde, den Hund. Sie kommt in Deutschland mit nichts als den Eltern und der Grossmutter und ein paar notwendigen Dingen, die in einem kleinen Koffer Platz hatten, an. Sie merkt bald, dass ein wirkliches Ankommen nicht möglich ist, weil sie immer die Fremde, die andere ist. Weil sie aussieht, wie keiner aussieht, weil sie ausgelacht wird für das, was sie trägt. Weil die Eltern es nicht schaffen, die Sehnsüchte, die sie an den Westen, an die Freiheit hatten, umzusetzen, zu leben, zu geniessen gar. Und dann findet sie in der Sprache eine neue Heimat, eine, die von allem, was war, Distanz schafft, weil sie nicht eine mit den Eltern geteilte Heimat wird. Und immer ist da Scham. Und auch Stolz. Aufbegehren, um wieder in Anpassung überzugehen.

Davon handelt dieser autobiografische Roman.

««Hast du Pläne, ein Buch zu schreiben?», fragt mein Vater. Ich schreibe nichts. Ich schreibe über dich, über uns. Ich schreibe uns auf, ich erzähle von mir, ich kann dich nicht weglassen, ich bin, weil ihr seid, und wir sind, auch wenn du die Arme verschränkst und ich mit den Zehen wackle. Was schreibe ich, wenn ich versuche, nicht zu viel zu erzählen? «Ich weiss nicht, was für Pläne ich habe.»»

Ich lese mich durch die ersten Seiten und verstehe nicht, was da passiert. Vielleicht passiert auch nichts. Es sind lose zusammengewürfelte Erinnerungen, Gespräche mit den Eltern, Erinnerungen an solche Gespräche. Der Inhalt erscheint bedeutungslos und doch ist er bedeutsam. Er steht schwarz auf weiss geschrieben. Vielleicht steht er für etwas anderes, ist er ein Abbild, ein Ausdruck der Bedeutungslosigkeit, der Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Kind.

«Wir haben so viel auf dem Weg verloren… Meine Mutter denkt, vielleicht auch uns. Die Familie haben wir verloren, alles, was wir einmal waren an Gefühl. Den Zusammenhalt, dieses Gefühl: … Wir, gemeinsam.»

Eine Verbindung, die nur durch die Herkunft noch hält, der die Sprache fehlt, das Gefühl. Die gilt es zu ergründen. Was hält Familien zusammen? Welches Band steht zwischen Eltern und ihren Kindern, wenn da keine Gemeinsamkeiten mehr sind und das, was war, lieber vergessen als erinnert würde? Was war gut, wo wurde es schwer? Was hallt noch nach, was bleibt?

Und dann sind da diese wunderbaren Sätze. Sie sind in eine Geschichte gebettet und in ihnen steckt eine weitere Geschichte, vielleicht sogar die meine eigene als Lesende:

«…wir sprechen über nichts. Verhindern die Stille.»

Ich finde mich in solchen Sätzen. Ich weiss, wie sie sich anfühlen. Sie wecken in mir Erinnerungen, Gefühle. Das Wissen um all das Ungesagte, das Wissen um das Schweigen da, wo viele Worte gewünscht, aber nicht aussprechbar gewesen sind. Es findet sich in vielen Familien wohl. Und dann denke ich, vor allem beim Lesen eines Buches wie diesem, dass ich hätte sprechen sollen. Oder es noch könnte. Und dann sitze ich da, schweigend, das Buch in der Hand. Es wirkt nach.

(Lena Gorelik: Wer wir sind, Rowohlt Verlag, 2022.

Inspirationen für die Woche – KW 22

Während meine Tagesstrukturen immer gleich sind (was von anderen oft belächelt oder gar verspottet wird, aber dem Umstand geschuldet ist, dass das selbständige Tun eines Menschen, der im Kopf immer von diversen Reizen in verschiedene Richtungen getrieben ist und herumschwirrt zwischen Themen und Orten und Projekten und Gedanken und Ideen, einer äusseren Struktur bedarf, da er sonst a) den Halt verliert und b) die Disziplin nicht aufbringt, Dinge täglich ohne äusseren Zwang und zielgesteuert auf ein Ende zuzuführen), ändern sich die Inhalte doch immer wieder und das teilweise enorm. Ich mag das. Ich mag das freie Fliegen zwischen den Themen, zwischen Zeiten und Denk (!!)-Räumen. Ich mag meinen strukturierten Alltag, denn nur so ist das freie und kreative Fliegen möglich.

Ich weiss gar nicht, wieso ich nun darauf komme. Vielleicht, weil die Ferien vor der Tür stehen und damit gewisse – bei mir zum Glück geringfügige – Änderungen auf mich zukommen. Zu meiner Woche:

Worauf stiess ich? Was kam mir in den Sinn und was möchte ich mit euch teilen? Hier die Inspirationen für die Woche 22: Zuerst wir versprochen, mein

Krimi-Special

Es ist nicht das, woran man als erstes denkt, wenn man ihre Namen: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre lasen gerne Krimis. Sie verschlangen sie teilweise regelrecht, diskutierten drüber, schätzten die abgrundtiefen Welten, die sich in Krimis auftaten. Nun stehen die Sommerferien vor der Tür, für viele Gelegenheit, sich einfach mal in Bücher fallenzulassen. Was wäre da schöner als ein spannender Krimi oder Thriller? Darum hier ein paar, die ich gerne empfehlen möchte:

Claire Douglas: Girls Night – Nur eine kennt die ganze Wahrheit

«Von Furcht und Schmerz gepackt, begann Olivia unkontrolliert zu zittern; alles in ihr erstarrte u Eis, als ihr wieder einfiel, wie es zu dem Unfall gekommen war… Die Gestalt auf der Strasse, die jetzt menschenleer dalag und sich in eine endlose dunkle Leere zu erstrecken schien. Wer war das gewesen? Und wohin waren ihre Freundinnen entschwunden?»

Vor zwanzig Jahren war Olivia mit ihren drei Freundinnen im Auto unterwegs und geriet in einen Unfall. Sie überlebt schwer verletzt, von den anderen fehlte jegliche Spur. Der Fall wurde nie geklärt, die Vermissten tauchten nie mehr auf, was blieb, war das Misstrauen, dem Olivia fortan in ihrer Kleinstadt ausgesetzt war.

Die Journalistin Jenna plant einen Podcast zum Jahrestag, befragt dabei Bekannte und Verwandte der Beteiligten, um sich ein genaues Bild des Unglückstags zu verschaffen. Damit tritt sie offensichtlich jemandem auf die Füsse, denn plötzlich sieht sie sich mit Drohungen konfrontiert. Was ist damals wirklich passiert? Wer befürchtet, dass man ihm auf die Schliche kommt? Klar ist: Das Ganze scheint gefährlich zu werden.

Christine Brand: Vermisst. Der Fall Anna

«Es ist kurz nach sieben. In einer halben Stunde muss er los; es bleibt gerade noch genug Zeit, den ersten Schritt ztu tun, um seinen Entschluss von heute Abend umzusetzen… Dario öffnet das Dokument, an dem er sei einer gef¨ühlten Ewigkeit arbeitet… Er löscht den ersten Satz, und schreibt ihn noch einmal neu.

Mein Name ist Dario Forster. Ich brauche Eure Hilfe.»

Oft schreibt Christine Brand über wahre Kriminalfälle, nun hat sie eine Ermittlerin erfunden, die sich ungeklärten Verbrechen annimmt, weil sie Gerechtigkeit sucht. In ihrem ersten, mittlerweile dreissigjährigen ungelösten Fall sieht sich Malou Löwenberg, keine konventionelle Polizistin, sondern eine eigenwillige junge Frau mit einem mit Namen versehenen Roller, Tattoos und einem sonderbaren Hobby, mit einer Mutter konfrontiert, die just als ihr Sohn Dario fünf Jahre alt wird, verschwindet. Bei ihren Nachforschungen stösst Malou auf ähnliche, ebenfalls ungeklärte Fälle: Frauen, die am fünften Geburtstag ihrer Kinder verschwinden. Sind die jährlichen Geburtstagskarten, welche alle Kinder erhalten, ein Zeichen, dass die Mütter noch leben, oder aber ein makabres Spiel mit den Hoffnungen der Zurückgebliebenen?

Jens Henrik Jensen: Oxen. Pilgrim

«Er sah das Schwert vor seinem geistigen Auge aufblitzen und spürte die Anstrengung wie einen Phantomschmerz in seinem rechten Arm. Den Hieb schräg nach unten. Die klaffende Wunde, die er hinterliess… Er meinte, noch immer den Schaft des Schwertes zu umklammern. Doch seine rechte Hand war fest geballt um… nichts…»

Der sechste Band der Reihe, aber auch für sich allein gut lesbar: Wochenlang war Niels Oxen in den Katakomben gefangen gewesen, grausame Kämpfe galt es zu überstehen, doch er hat überlebt. Und braucht nun vor allem eines: Abstand von dem, was war. Er geht wandern. Margarethe Franck, vom dänischen Geheimdienst suspendiert wegen eines Zerwürfnisses, sucht eine neue Herausforderung, die sich bald einstellt – nichts Grosses, nur ein kleiner Finanzbetrug. Heisst es. Schon bald hat Franck die leise Ahnung, dass es sich doch um mehr handeln könnte, und Oxen sieht sich mit dem nächsten Albtraum konfrontiert.

Arne Dahl: Stummer Schrei: Eva Nymans Erster Fall

«Er fängt Feuer, der Fahrer verliert die Kontrolle und schert in der Kurve in die falsche Richtung aus, rast von der Autobahn und pflügt wie ein Feuerball durch das goldgelbe Rapsfeld. Das Letzte, was von dem Fahrer zu sehen ist, ist sein ausgestreckter Mittelfinger, der wie eine Fackel brennt.
Das Fernglas senkt sich in der einen Hand, der Fernzünder in der anderen… Es hat begonnen.»

Wenn man gerne Krimireihen liest, ist es besonders schön, von Anfang an dabei zu sein. Diese Chance gibt uns Arne Dahl, indem er nach seiner sehr erfolgreichen Serie um Carl Mørck eine neue Ermittlerin an den Start schickt: Eva Nyman. Zwei selbstgebaute Bomben töten zwei Menschen: Einen Marketingmanager, der sich der Autolobby verschrieben hat, und einen Konzernboss aus der Stahlindustrie. Die Bekennerbriefe deuten auf einen Klimaaktivisten hin, der seine Anliegen mit fanatischen Parolen und sehr brutalen Mitteln zu verfolgen scheint. Oder steckt doch noch mehr dahinter? Das glaubt zumindest Eva Nyman und nimmt die Fährte auf.

Ich lese normalerweise eher selten Krimis, die Leidenschaft kommt immer in Phasen und dann packen sie mich dermassen, dass ich einen nach dem anderen verschlinge. Dann endet die Phase wieder und es folgt eine lange Pause. Was ich immer gerne mache, das gestehe ich nur hier und ganz unter uns: Ich liebe die ganz banalen, eher seichten Krimiserien wie SOKO Stuttgart, Die Chefin, etc. sehr. Ja, sie sind nicht so packend und schillernd wie Netflixserien. Sie hinken an Tempo und Brutalität massiv hinter amerikanischen Serien hinterher. Aber sie haben ihren eigenen Charme. Und so viel Menschliches neben den Fällen. Das mag ich. Ganz praktisch ist: Man kann sie in der ZDF-Mediathek nachschauen. Grossartig (und gefährlich für Prokrastinierer).

Ich stiess über sieben Ecken, wie das oft so geht bei mir, auf folgende Poetik-Dozentur aus Tübingen (grossartige Reihe, die ich nicht kannte, aber nun auf dem Radar behalten möchte) auf die Vorlesung von Eva Menasse aus dem Jahr 2021. Der schöne Titel des Ganzen: «Treppen, Rampen, Räume». Spannende Einblicke in die Entstehung eines Romans, die ich gerne teilen möchte: Poetikdozentur mit Eva Menasse

Ich wünsche euch eine schöne Woche!

Anne Pauly: Bevor ich es vergesse

«Der Tod ist nichts: Ich bin nur ins Zimmer nebenan gegangen. Ich bin ich. Ihr seid ihr. Was ich für euch war, das bin ich nach wie vor.» Charles Péguy

Als Anne Paulys Vater stirbt, müssen sie und ihr Bruder die Formalitäten regeln und die Abdankung planen. Die Konfrontation mit dem toten Vater, mit den Erinnerungen an die vielfältigen Erfahrungen, Gefühle, Erlebnisse aus der gemeinsamen Vergangenheit sowie die Aufarbeitung der zurückbleibenden Gefühle an diesen Menschen, der so viele Seiten in sich trug, vom gewaltvollen Alkoholiker über den Liebhaber von Gedichten bis hin zum Interessierten für Spiritualität und östliche wie westliche Philosophien handelt dieses Buch.

«Während ich seine Hand hielt, die in meiner langsam kalt wurde, wünschte ich mir von ganzem Herzen, niemals seinen Duft zu vergessen und wie weich seine trockene Haut war.»

Was wird bleiben nach dem Tod, wenn der Mensch, der mal war, der zum eigenen Leben gehörte, durch den dieses wurde und war, wie es war, stirbt? Was wird man mitnehmen können ins neue Leben, in das ohne diesen Menschen? Die Angst, dass die Erinnerung an die Dinge verloren geht, die so wichtig schienen, die diesen Menschen ausmachten, ist oft gross. Man fürchtet, damit alles zu verlieren, vielleicht ein Stück von sich selbst.

«Im Gegensatz zu meiner Mutter habe ich immer verstanden, welchen Trost er daraus zog, Bücher zu besitzen, und welche Sehnsucht sich dahinter verbarg.»

Bücher sind Tore zur Welt. Sie können helfen, die Welt, in der man sitzt und sich vielleicht nicht wohlfühlt, für einen Moment zu verlassen. Nur schon sie zu besitzen heisst, die Möglichkeit zu haben, die in den Büchern steckt. Bücher sind auch ein kulturelles Symbol. Bücher im Regal zu haben, deutet darauf hin, einer bestimmten Schicht, einer bestimmten kulturellen Klasse zuzugehören. Sie vermitteln zumindest den Schein der Zugehörigkeit.

«Ja, sicher, er hatte es übertrieben, und doch war es diese Seele, die mir in all den Jahren nah gewesen war, und es war dieser Mann, der mich, zwischen zwei Besäufnissen, fest in seine langen Arme geschlossen hatte, wenn er fühlte, dass die Angst mit ihren schwarzen Händen nach mir griff.»

Kein Mensch hat nur eine Seite. Selbst der gewaltvollste Vater, ein Vater mit all seinen Schwächen und dunklen Seiten, hat auch die andere, die, auf die man bauen und vertrauen möchte. Die kleinen lieben Gesten zwischendurch, die, welche Halt geben, wenn man ihn braucht, mildern das Gesamtbild.

«Ich fand am Ende immer eine Entschuldigung für ihn: seine Schwermut, seine Einsamkeit und seine Langeweile, der nichts je hatte bekommen können, machten ihn verrückt.»

Wenn wir jemanden lieben, möchten wir ihn im besten Licht sehen. Das ist nicht immer möglich, vor allem, wenn die Schattenseiten zu deutlich herausstechen. Wie oft suchen wir dann Gründe, diese zu entschuldigen, suchen nach Erklärungen, die mildernd wirken, die den Blick nachgiebiger machen sollen. Belügen wir uns damit selbst? Oder sind wir damit der Wahrheit auf der Spur, die immer keine einfache ist, sondern mehrere Seiten aufweist?

Mascha Kaléko schrieb in ihrem Gedicht «Memento»:

«Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?»

Wenn jemand stirbt, bleibt eine Lücke. Lücken haben etwas Bedrohliches: Wie sollen wir sie füllen? Lücken bedeuten Leere, bedeuten, dass da, wo etwas war, nun nichts mehr ist. Ein Nichts ist unbestimmt, wir sind daran gewohnt, dass immer etwas ist, etwas zu sein hat. Wir haben, in heutigen Zeiten noch viel mehr als früher, das Bedürfnis, alle Leerstellen zu füllen. Wir packen förmlich unser Leben voll, um nicht ins Nichts zu fallen. Die Lücke durch einen Tod lässt sich nicht einfach füllen. Sie ist endgültig. Vielleicht liegt auch darin ein grosser Teil der Angst vor dem Tod.

Anne Pauly setzt sich in ihrem Buch mit dieser Lücke auseinander. Sie beleuchtet ihre Beziehung zu ihrem Vater, schaut hin, welchen Stellenwert dieser in ihrem Leben hatte. Sie erinnert sich an ihr Aufwachsen, an die Reibungen, Auseinandersetzungen und das Verbindende zwischen sich und ihrem Vater. Sie denkt über ihre Gefühle nach, über ihre Sehnsüchte, Ängste, Enttäuschungen. Was hiess es, Tochter dieses Vaters zu sein? Und was bleibt davon nun noch übrig? Was kann sie mitnehmen? Was ist verloren? Was wird sie weiter erinnern, was fällt dem Vergessen anheim?

Von all dem handelt dieses Buch. Es ist ein Buch über Liebe, Gewalt, Trauer und Trost, es ist ein Buch über Abschied und ein Buch über eine Beziehung zwischen Vater und Tochter.