Gedankensplitter: Das Wichtige im Blick behalten

«Manchmal ist man nicht in der Lage, zu erkennen, dass so etwas wie Zufriedenheit möglich ist, weil diese Zufriedenheit so klein wirkt neben dem Glück, das man sich wünscht.» Daniel Schreiber, Zuhause

Es gibt die Diskussion, ob ein Glas halb voll oder halb leer ist. Aus der Antwort werden dann die möglichsten und unmöglichsten Schlüsse gezogen, ganze pseudopsychologische Profile lassen sich mal ernst, mal spasseshalber erstellen. Ich denke, es ist weniger relevant, welche Antwort wir geben, als dass wir uns überhaupt mit dieser Frage befassen. Sie setzt voraus, dass wir einerseits überhaupt ein Glas haben und auch die Möglichkeit, es zu füllen. Wir nehmen das selbstverständlich. Den Mangel sehen wir erst im Umstand, dass das Glas nicht ganz voll sein könnte.

Wir leben in unseren Welten und nehmen oft das als selbstverständlich, was wir haben. Wir sind daran gewöhnt und hinterfragen es nicht mehr. Wir sehen nicht die Vorteile, die wir anderen gegenüber haben, wir schätzen nicht all das, was gut ist, da es nicht in Frage gestellt ist. Stattdessen streben wir nach mehr. Ein grösseres Auto, noch eine Handtasche, das 40. Paar Schuhe und vieles mehr stehen auf der Liste der Dinge, die uns zu unserem vermeintlichen Glück noch fehlen.

Und oft sind wir so sehr mit diesen Wünschen beschäftigt, dass wir das verpassen, was wir schon haben. Dann stürzen wir das Glas runter, egal ob halb voll oder halb leer, und geniessen nicht mal wirklich den Inhalt desselben.

Buchtipp – Annie Ernaux: Die Scham

Die zwei Welten der Welt

Und plötzlich erinnert man sich an etwas, und man hat ihn, den

«Beweis für die Existenz zweier Welten und unsere Zugehörigkeit zur unteren.» Annie Ernaux

Oft heisst es, wir haben diese eine Welt, in der wir leben, wir teilen sie. Das mag rein physikalisch materiell so sein, doch im Leben, ideell, in den sozialen Strukturen sind es mehrere Welten, schon zwei reichen nicht aus. Früher sprach man von der Dritten Welt, um Länder zu bezeichnen, welche nach westlichen Massstäben weniger entwickelt und finanziell arm waren. Diese klare Hierarchie hat man sprachlich abgemildert, doch hat sich sonst etwas geändert?

Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist doch, welche Massstäbe auf das Leben und die Welt angelegt werden, um eine Hierarchie zu schaffen. Alle sind sie an einer Norm ausgerichtet, die nach den Werten der entsprechenden Gesellschaft, teilweise auch nur von Teilen davon, bestimmt sind.

Es sind Grundsätze, die in der Luft hängen, für jeden spürbar, als Geländer im Leben, das zeigt, dass nur diesem entlang ein richtiges, weil passendes möglich ist. Über einem Misstritt, einem Fehlverhalten schwebt das vernichtende Urteil:

«Was sollen die anderen von dir denken?»

Sitzt man drin im eigenen Leben, erscheint es als einzig mögliches, als einzig lebbares, als normal. Erst wenn der Blick auf andere Leben fällt, man sieht, was es auch noch gibt in dieser Welt an anderen Welten, kommt aus dem Vergleich das Werten. Man setzt den Bezug und je nachdem ist die Fallhöhe hoch. Was vorher die Welt war, ist nun ein kleiner Teil davon, schwierig wird es, wenn es nicht der wünschenswerte im Ganzen ist. Plötzlich fühlt man sich klein, sieht in den Augen der anderen die Abwertung, spürt sie in deren Verhalten, fühlt den eigenen Platz unten. Und damit kommt die Scham. Sie wird von nun an das Leben begleiten, sich über alles legen, bei allem mitschwingen. Sie wird das Nebengefühl beim eigenen Tun und Sein.

«Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so empfindet.» Annie Ernaux

Ein Merkmal der Scham ist, dass sie im Stillen herrscht, im Privaten. Dort schwingen Angst und Mangel mit. Die Scham behält man für sich, sie zu benennen fühlte sich noch beschämender an. Und mit diesem Schweigen verstärkt sie sich noch, sie füllt das eigene Denken und sie bewirkt, dass man sich damit allein fühlt, weil man sich nicht vorstellen kann, dass es noch jemanden gibt, der so denkt.

Und vielleicht liegt genau da das Heilmittel: Im Teilen und Mitteilen. Denn dadurch würde man merken, dass es noch mehr Menschen in der gleichen Welt gibt, welche die gleiche Scham teilen. Und wenn man merkt, dass man mit Dingen, derentwegen man sich schämt, nicht allein ist, stellt man fest, dass diese in der Welt normal sind, so dass sie keinen Grund zur Scham darstellen. Annie Ernaux hat das für sich erkannt und über ihre Scham geschrieben. Weil Schreiben Öffentlichkeit ist, es ist ein Heraustreten aus der eigenen Scham, aus dem eigenen privaten Empfinden des eigenen Unwerts hinaus in die Welt der Gleichgesinnten.

Zum Inhalt:
Ein Erlebnis 1952, das die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Die Erfahrung, dass es zwei Welten gibt, eine unten und eine oben, zu der sie, als eine von unten, nie gehören wird. Die Scham dieser Erkenntnis, die Scham, die sich im Leben festsetzt, die sich in den Zellen des Körpers speichert und immer wieder hervorbricht. All das sind die Themen dieses Buches, das aus Erinnerungen und Reflexionen des schreibenden Erinnerns besteht – Erinnerungen an die Schulzeit, an das Leben zu Hause, an die Eltern, an sich selbst.

Zur Autorin
Annie Ernaux, 1940 in Lillebonne (Frankreich) geboren, Schriftstellerin mit mehrheitlich autobiografisch geprägten Werken, die 2022 den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat.

Gedankensplitter: Wertschätzung

Viele kennen sie, die Erzählungen der verschrobenen Schriftsteller, die sich zum Schreiben in ihr Zimmer einschliessen und nicht gestört werden wollen. Ruhe brauchen sie, Alleinsein. Hinter mehr oder weniger vorgehaltenen Händen zerreisst man sich das Maul: Ein komischer Kauz sei das, ein asozialer Mensch, ein Eigenbrötler. Aber man ist ja tolerant. Wenn er es so will, lässt man ihn, denkt sich seinen Teil.

Dem Schreibenden bleibt das kaum verborgen, ist er doch generell ein eher aufnahmefähiges Gemüt, weswegen er auch überall neue Ideen sieht und Inspirationen findet. Das ist übrigens mit ein Grund für den Wunsch der Ruhe und Abgeschiedenheit, denn ansonsten wären die Einflüsse so dominant, dass die Aufmerksamkeit nicht bei der zu beschreibenden Seite bleiben könnte. Einerseits schmerzt das Unverständnis, doch immerhin wird die Ruhe gewährt. Man kann wohl nicht alles haben im Leben, denkt sich der Schreibende, und wendet sich seinem leeren Blatt zu.

Wie schön, wenn es auch anders geht. Davon schreibt Deborah Levy in ihrem Buch «Was das Leben kostet». Ihr Leben ist gerade in seiner alten Form auseinandergebrochen, ein neues ist im Aufbau und wird nach und nach eingerichtet. Nur eines fehlt: Ein Ort zum Schreiben. Eine Freundin sieht das und hilft. Nicht nur stellt sie ihr den Raum zur Verfügung, sie sorgt auch für die nötige Ruhe:

«Solange sie Wache hielt, durfte niemand mich stören, niemand an meine Tür klopfen, um mich zum Plaudern anzustiften… Derart geschätzt und respektiert zu werden, als sei es das Normalste der Welt, war eine ganz neue Erfahrung.» Deborah Levy

In diesem Moment, es könnte die dunkelste Zeit ihres Lebens sein, wendet sich vieles zum Guten. Deborah Levy wird in diesem Raum drei Bücher schreiben und sie wird es aus der Sicht der ersten Person tun – als ob sie diese erst jetzt gefunden hätte. Was für ein Glück, einen Menschen zu finden, der einen nicht nur vordergründig toleriert, sondern im ganzen Sein und Tun wertschätzt.

«Einen Schutzengel wie Celia hat jeder Mensch verdient.» Deborah Levy

Gedankenströme: Verstehen wollen

«Sprache ist nicht Wahrheit, sondern reflektiert unser Dasein in der Welt.» Paul Auster

Wieso schreibe ich? Was treibt mich an, Tag für Tag Buchstaben zu Worten und Worte zu Sätzen zu formen? Es ist nicht mal so sehr ein Schreiben-Wollen, sondern eher ein Müssen, ein Wissen darum, dass ich nur im Schreiben das finde, was für mich lebensnotwendig ist, weil es mir im Leben immer wieder darum geht: Verstehen wollen. Ich will verstehen, wie die Dinge laufen. Ich will verstehen, wieso die Dinge sind, wie sie sind. Ich will verstehen, wieso ich bin, wie ich bin. Und ich will verstehen, wie ich durch die Welt gehe, und wieso ich es auf die Art und Weise tue, in der ich es tue. Ich möchte verstehen, wieso die Welt mir erscheint, wie sie es tut, und ich möchte verstehen, wieso Menschen auf mich reagieren, wie sie es tun. Und ich auf sie.

Ich schreibe, weil durch das Schreiben mir die Dinge verständlich werden. Wenn ich nicht schreibe, schwirren sie in wilden Formationen durch mein Hirn, drehen und wenden sich, werden kaum fassbar, sind oft ein Durcheinander von losen Fetzen, die mich umtreiben. Indem ich sie einfange, zu Papier bringen, nehmen sie langsam eine Ordnung an, werden sie zu etwas, das sich immer deutlicher zeigt, bis ich es fassen, erfassen kann. Dann komme ich dem Verstehen näher. Und mit dem Verstehen kommt die Ruhe.

Ich mag es nicht, wenn Dinge unklar sind. Ich mag es nicht, wenn ich Dinge nicht einordnen kann. Zwar mag ich Fragen, doch möchte ich sie dann klären. Das Ungeklärt lassen liegt mir nicht. Ich kann sie nicht einfach mal beiseiteschieben oder offenlassen. Sie lassen mir dann keine Ruhe, sondern drehen sich, löchern mich, bewegen mich, treiben mich um. Ich gehe den Dingen gerne nach, erforsche sie, will sie erkennen und erklären können. Zumindest für mich. Und oft, wenn in mir ein Wieso oder Warum auftaucht, greife ich zum Stift, weil ich gemerkt habe, dass sich die Lösungen meist im Prozess des Schreibens wie von selbst aufs Papier ergiessen.

Und manchmal denke ich, dass mein eigenes Leben ein grosses Geheimnis ist, eines, das ich noch nicht ergründet habe. Es liegt hinter mir, ist mit mir und erstreckt sich weiter in die Zukunft. Und im Heute denke ich manchmal, woher die Dinge kommen, die ich wahrnehme, wo sie ihren Ursprung nahmen. Wo sind all die Fragen, Sätze, Gefühle, Affekte entstanden, die ins Heute wirken, manchmal auch auf eine Weise, die ich mir selbst nicht erklären kann? Und so fange ich an, mich meinem Leben entlangzuschreiben, grabe in die Tiefen und hole, einem Archäologen gleich, die Fundstücke ans Licht. Vielleicht ist es genauso, wie es auch Daniel Schreiber in seinem Buch «Zuhause» schreibt, dass etwas in mir mich dazu trieb

«die Geschichten, die mich umtrieben, so oft zu erzählen, bis sie einen Platz in mir fanden, mit dem ich leben konnte.»

Gedankensplitter: Menschsein

«Ohne jede Absicht studieren, bloss um sagen zu können, was andere getan haben, das heisst die letzte der Wissenschaften, solche Leute sind so wenig eigentliche Gelehrte, als Register Bücher sind. Nicht bloss wissen, sondern auch für die Nachwelt tun [sic!] was die Vorwelt für uns getan hat, heisst Mensch sein.» Georg Christoph Lichtenberg

Wissen um des reinen Wissens willen ist sinnlos. Blosse Wissensaneignung ist reines Hirnfüllen ohne Sinn und Zweck. Erst in der Anwendung zeigt sich der Nutzen dessen, was man sich angeeignet hat. Erst im Tun ist der Mensch ganz Mensch, indem er das, was er gelernt hat, einsetzen kann für die Welt und die Menschen in ihr. So heisst Menschsein eigentlich, sich zum Wohle der Menschen einzusetzen, und um das tun zu können, braucht es das Wissen, wie es gehen könnte.

«Der Mensch lebt allein [sic!] um sein und seines Mitmenschen Wohl so sehr zu befördern [sic!] als es seine Kräfte und seine Lage erlauben.» Georg Christoph Lichtenberg

Dies im Hinterkopf könnte man daran gehen, Schulen entsprechend zu gestalten. Es geht nicht darum, Kindern möglichst viel unnützes Wissen in die Köpfe zu trichtern, sondern darum, sie in ihrem Menschsein zu begleiten, zu unterstützen und zu fördern.

Politisches: Gemeinsam können wir etwas bewirken

«Man kann die Welt nicht alleine ändern. Jene, die diesen Weg beschreiten, tun das, indem sie sich organisieren und zusammenarbeiten. Die intellektuelle Selbstverteidigung, die ich meine, findet stets in einem sozialpolitischen Kontext statt, der für positive Veränderungen absolut notwendig ist.» Noam Chomsky

Schaut man auf totalitäre Systeme, fällt unter anderem etwas auf: Es wird versucht, Verbindungen zu vermeiden, den Menschen zu isolieren. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Einzelne Menschen sind besser steuer- und manipulierbar als Gruppen. Durch die Verbindung mit anderen gewinnt der Einzelne mehr Kraft und damit auch mehr Macht, die dem Herrschaftsregime entgegenschlagen könnte. Dies gilt es zu vermeiden.

Es ist umso erstaunlicher, wenn man sieht, wie sehr der heutige Mensch nach Individualität und Vereinzelung strebt. Andreas Reckwitz hat das in seinem Buch «Die Gesellschaft der Singularitäten» schön beschrieben. Menschen sind mit sich und den eigenen Belangen beschäftigt, sie kümmern sich wenig um die der anderen. Dass so Synergien nicht genutzt werden, liegt auf der Hand. Dass wir uns so unserer eigenen Wirkkraft berauben, ist die traurige Folge.

Wir sehen uns in einer Welt, welche einige Gefahren für uns und unser Leben bereithält. Neben Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen sind auch die Klimaveränderungen und ein möglicher Atomkrieg zu nennen. Das sind Gefahren und Probleme, die uns alle betreffen, weil wir alle daran beteiligt und viele davon betroffen sind. Um Lösungen zu finden und Gefahren abzuwenden, wäre es dringend nötig, die eigenen Verantwortlichkeiten zu sehen und gemeinsam nach gangbaren Wegen zur Lösung zu suchen.

Es ist an die Zeit, dass der Westen seine überhebliche Dominanz aufgibt und sich der Fehler bewusst wird, die zu den aktuellen globalen Krisen beigetragen haben. Aktuell versuchen wir noch immer, die Konsequenzen, die sich aus diesen ergaben, sprichwörtlich an der Grenze abzuwenden, indem teilweise fragwürdige Abkommen mit anderen Staaten getroffen werden, die sich des Problems annehmen. Dies alles geschieht auf Kosten der Ärmsten dieser Welt, auf Kosten derer, die die Leidtragenden vergangener und gegenwärtiger wirtschaftsgetriebener Machenschaften sind.

«Die menschliche Natur macht es möglich, zum Heiligen oder zum Sünder zu werden. Jeder von uns hat diese Kapazitäten in sich… Bezüglich der Machbarkeit von gerechteren und sozialen Institutionen kann man sich im Vorhinein nie ganz sicher sein. Man muss einfach immer wieder versuchen, neue Maßstäbe zu setzen und das zu tun, was im Bereich des Möglichen liegt.»

Es ist Zeit, hinzusehen, zusammenzustehen, Veränderungen zu denken und diese umzusetzen. Mensch sein heisst auch, Verantwortung übernehmen. Es heisst, sich für das Richtige zu entscheiden, sprich, für eine gerechtere Welt für alle.

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Buchtipps dazu:

Noam Chomsky (im Gespräch mit Emran Feroz): Kampf oder Untergang! Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018.

Der große Denker unserer Zeit über die Gefahren der Klimakrise und eines Atomkrieges, über die manipulative Macht von Massen- und sozialen Medien, über die selbstgemachte Zerstörung unserer Welt. Er behandelt die Notwendigkeiten einer neuen Form von Bildung, die zu mündigen, kritischen Menschen führen ebenso wie die Hoffnung, die im Menschsein und dessen Fähigkeiten begründet ist. Wir tragen gute und schlechte Seiten in uns, wir haben die Wahl, welche wir stärken und wie wir sie einsetzen.

Das Buch umfasst viele der zentralen Themen Chomskys in konzentrierter Form. Wer sich weiter vertiefen möchte, dem seien die umfassenderen Bücher ans Herz gelegt, z. B.:

Noam Chomsky, Mary Waterstone: Konsequenzen des Kapitalismus. Der lange Weg von der Unzufriedenheit zum Widerstand, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2022.

Chomsky und Waterstone decken die Probleme und Grausamkeiten des gegenwärtigen kapitalistischen Systems und der Politik, die sich diesem Kapitalismus unterworfen hat, auf und diskutieren Möglichkeiten für eine gerechtere Welt. Dabei setzen sie auf die Eigenmächtigkeit der Menschen, welche die Möglichkeit hätten, eine Veränderung zu bewirken – wenn sie diese in die Hand nähmen.

Und:

Noam Chomsky, Edward S. Herman: Die Konsensfabrik. Die politische Ökonomie der Massenmedien, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2023.

Medien vertreten oft die Meinung, die der politischen Herrschaftsmeinung folgt. Damit lenken sie – oft unbewusst für diese – die Leser in eben diese Richtung, machen sie zu folgsamen Gehorchenden vorherrschender Doktrinen. Treibende Kraft hinter allem sind oft profitorientierte, ökonomische Interessen, selten wirklich soziale Werte oder gar gerechte Umstände für die, welche derer bedürften. Chomsky und Herman liefern eine differenzierte und sachliche Analyse der Mechanismen der gängigen Medienlandschaft, sie zeigen die Kriterien, nach welchen Themen gewählt werden, und die Mittel, wie sie präsentiert werden, um so die Meinungsbildung zu steuern.

Gedankensplitter: Zuhause

«Ein wahres Zuhause ist der Ort – jeder Ort –, an dem persönliche Entwicklung stattfinden kann, und der zugleich Beständigkeit bietet.» bell hooks

Wo bin ich zu Hause, wo ist der Ort, an den ich gehöre, der Ort, an dem ich sein kann, wer ich bin, weil ich merke, dass ich es auch sein darf? Was bedeutet dieses «Sein können, wer ich bin» überhaupt und wie realisiert es sich, realisiere ich es?

Als Mensch ohne wirkliche Wurzeln, weder bei Menschen noch an Orten, war das Gefühl von Heimat oder Zuhause für mich immer ein fremdes, eines, das zwar einer Sehnsucht entsprach, von dem ich aber nie wusste, was es genau ist und was es in einem bewirkt. Die Begriffe und das, wofür sie standen, wurden immer grösser und aufgeladener, das Hoffen, sie irgendwann ergründen und gar fühlen zu können, immer stärker.

Es gab immer wieder Momente, in denen ich dachte, nun gefunden zu haben, angekommen zu sein. Dieses Ankommen war ein Ziel gewesen, eines, das dem Sehnen und Bangen ein Ende setzen würde, das den gefühlten Mangel begleichen könnte. Immer wieder war es zerbrochen. Das Gefühl kam irgendwann auf, dass das einzige, worauf ich mich verlassen, worauf ich bauen, wo ich eine Art Zuhause finden könnte, ich selbst sei. Dies aber nicht in einer Selbstsicherheit des mir selbst Halt-Gebens, sondern vielmehr als Abkehr von anderen und dem Verlust jeglichen Vertrauens in sie, entstand es doch aus dem Gefühl heraus, dass sowieso nichts von Dauer und alles dem Verlust ausgeliefert sei.

Auf dieser Basis war ein Zuhause-Fühlen kaum möglich, auf dieser Basis war ein Wohlgefühl im Sein illusorisch, da dieses mangelnde Vertrauen auch aus einem Vertrauen in mich selbst rührte – oder das mangelnde Vertrauen zu anderen auf mich zurückwirkte, indem ich dachte, dass es an mir läge, wenn ich mich alleine fände, keinen hätte, auf den ich bauen könnte. Und vielleicht tat es dies, aber anders als gedacht: Nicht war ich in meinem SO-Sein nicht in Ordnung und damit nicht liebenswert, sondern in meinem fehlenden Vertrauen vermittelte ich selbst eine Form von Abwehr, verschanzte ich mich selbst hinter den selbstgebauten Schutzmauern, die sich schlussendlich als Gefängnismauern entpuppten.

Es ist wohl gar nicht so falsch, dass ich schlussendlich in mir selbst zuhause sein muss, dass ich auf mich bauen und vertrauen muss. Nur wenn ich das tue, kann ich mich öffnen nach aussen, im Wissen, dass ich sein darf, wie ich bin, dass ich auch anders sein darf, und doch in Ordnung bin. Aus diesem Wissen heraus kann ich mit einem Selbstverständnis auf andere zugehen, das diesen ihr Sein auch lässt, das uns in unserem jeweiligen So-Sein verbindet auch als Verschiedene, so dass daraus eine Beziehung entsteht, die auf Verständnis, Vertrauen, Zugewandtheit basiert. Wo würde man sich wohler fühlen als im Kreis von Menschen, die ein solches Miteinander leben? Wo wäre man mehr zuhause als da, wo man sich als Ich anerkannt fühlt und sich nicht schützen muss vor Verletzungen und Angriffen, wo man nicht in Angriffsstellung stehen muss, um gefürchtete Verletzungen abwehren zu können?

Es ist nicht immer leicht, die alten Muster abzulegen, die durch jahrelange Erfahrungen und Prägungen zustande kamen. Oft greifen sie in die Kindheit zurück, wurden da gefestigt und in die Seele gemeisselt. Veränderung braucht immer Zeit. Am besten gelingt sie an einem Ort, an dem man sich geschützt weiss, an dem man weiss: Hier darf ich sein. Und auch werden.  Schön, wenn man (manchmal auch einen) Menschen gefunden hat, die (der) einem das vermittelt. Vielleicht ist das dann Zuhause. Weil da Liebe herrscht und nicht Hass und Ablehnung. Ganz im Sinne von bell hooks Satz:

«Liebe ist die einzige Kraft, die einen Feind in einen Freund verwandeln kann.» bell hooks

Nicht dass vorher alle Menschen Feinde gewesen wären, aber die Angst, dass sie es sein könnten, hat eine wahre Begegnung verunmöglicht und damit ein Zuhause unmöglich gemacht.

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Buchempfehlung zum Thema:
bell hooks: Dazugehören. Über eine Kultur der Verortung

bell hooks wächst in Kentucky auf, verlässt den ländlichen Staat, um in der Stadt ihr Leben weg von der Arbeiterklasse und im universitären Umfeld zu führen. Sie schreibt vom Wunsch, dazuzugehören, von Rassismus, der auf dem Papier abgeschafft, doch im Leben präsent wie eh und je ist. Sie schreibt vom Trost der Natur, vom Wert der Familie, der Kunst und des sorgsamen Umgangs mit Menschen und der Welt. Sie träumt von einer Welt des Miteinanders, einer Welt der Zugehörigkeit ohne Rassismus und Segregation. Und sie schreibt von ihrer Rückkehr nach Kentucky, den Ort, den sie überall hin mitgenommen hat durch die verinnerlichten Werte und Muster, und wo sie sich nun niederlassen will.

(bell hooks: Dazugehören. Über eine Kultur der Verortung, Unrast Verlag, Münster 2022.

Gedankansplitter: Herkunft prägt

«Das Leben meines Vaters, seine Persönlichkeit und Subjektivität wurden von einer doppelten Einschreibung in einen Ort und in eine Zeit bestimmt, deren Härten und Zwänge sich wechselseitig verstärkten. Der Schlüssel zu seinem Sein: wo und wann er geboren wurde. Ein Segment des sozialen Raums und der historischen Zeit entschied darüber, welchen Platz er in der Welt einnehmen, wie er die Welt entdecken und welchen Weltbezug er aufbauen konnte.» Didier Eribon

Sartre sagte, wir würden in die Welt geworfen und dann sei es an uns, etwas aus unserem Leben zu machen. Damit hat er insofern recht, als dieses Leben nicht durch und durch determiniert ist durch einen ihm inhärenten Sinn. Allerdings steht uns doch nicht ganz frei, was wir tun und werden, sind wir doch geprägt durch unsere Herkunft, die sich in uns einschreibt. Sie schreibt sich umso mehr ein, als von aussen geschaut wird, dass man sie auch ja nicht vergisst. So werden Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Haushalten in Schulen anders behandelt, wird ihnen weniger zugetraut als solchen aus reicheren Elternhäusern. Kinder aus Akademikerfamilien machen einen Grossteil der Gymnasiasten und späteren Studenten aus. Nicht weil sie wirklich intelligenter wären, sondern (auch), weil sie entsprechend geprägt sind und unterstützt werden.

Was für ein Unrecht tun wir ihnen an? Und welches Potential könnte sich entfalten, würden wir es zulassen und fördern? Gedanken zum Weiterspinnen…

Vom Suchen und Denken – Iris Murdochs Suche nach dem Guten

Iris Murdoch: Die Souveränität des Guten

Inhalt

«Was macht einen guten Menschen aus? Wie können wir uns moralische verbessern? Können wir uns moralisch verbessern? Das sind Fragen, die Philosoph:innen versuchen sollten, zu beantworten.»

Iris Murdoch geht der Frage nach, was das Gute wirklich ist. Sie beruft sich auf Kant, Platon, Kierkegaard, setzt sich von den Existenzialisten ab, indem sie deren Ansatz als zu wenig weit reichend darlegt. Das Gute ist in sich nicht fassbar, doch liegt es allem sonst zugrunde, ist es das, wonach alles strebt, allen voran die Liebe. Das Buch lässt einen roten Faden vermissen, es hat keine abschließende Antwort, es ist ein Suchen und sich Annähern, dessen letzter Schritt offenbleiben muss.

Gedanken zum Buch

«Das Gute ist ein leerer Raum, in den menschliche Entscheidungen einziehen können.» Iris Murdoch

Das Gute ist kein Wert an sich, es muss erst verwirklicht werden durch das, was man tut. Indem man sich auf eine Weise verhält, die frei von (negativen) Absichten ist, wenn wir mit einem Blick auf die Welt schauen, der von Liebe durchdrungen ist, kommen wir dem Guten auf die Spur.

«Nach dem Guten zu fragen, ist nicht das Gleiche, wie danach zu fragen, was Wahrheit oder was Mut ist, da die Idee des Guten in eine Erklärung der Letzteren einfliessen muss.»

Das Gute lässt sich nicht fassen, nicht definieren, es ist das, was allem zugrunde liegt, sofern dieses nach dem Guten, was immer auch das Schöne und Richtige ist, weil es von Liebe durchdrungen ist, strebt.

«Der gute Mensch ist demütig.» Iris Murdoch

Nach Iris Murdoch ist der Mensch von Natur selbstsüchtig, indem er immer sich im Blick hat und alles, was er sieht, durch dieses Ich passiert. Nun ist der Blick dieses Ichs nie ungetrübt, er kommt aus einem Geist, der ständig in Bewegung ist, oft mit Sorgen beschäftigt, die sich wie ein Schleier über die Welt legen.

Hier setzt nach Iris Murdoch die Demut an, indem sie den Menschen erkennen lässt, dass das eigene Selbst nichtig ist, so dass er die Dinge sehen kann, wie sie sind – und nicht, wie Anais Nin es ausdrückte, so wie er ist. Er liest keinen Zweck oder Sinn in die Welt hinein, sondern sieht sie als Wert an sich. Als solcher Mensch ist es ihm möglich, ein guter zu werden.

«Als moralische Akteure müssen wir versuchen, gerecht zu sehen, Vorurteile anzulegen, Versuchungen aus dem Weg zu gehen, Einbildungen zu kontrollieren und zu zügeln, unsere Gedankengänge zu lenken… Güte und Schönheit sollten einander nicht gegenübergestellt werden, sondern gehören weitgehend zur selben Struktur.»

Fazit
Ein Buch, das sich mit eigenständigen Gedanken auf die Suche nach dem Guten macht, das den Leser mitnimmt auf diese Suche und ihn zum Mitdenken anregt.

Gedankensplitter: Eigene blinde Flecke

«Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.» Roger Willemsen

Immer wieder lese oder höre ich von diesem «Gender-Seich». Kürzlich wurde ich gefragt, was ich denn davon halte, von diesem «Gender-Seich», die Hoffnung, dass ich mit ihm einen Empörungschor bilden würde, stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Auch Argumente wie:

«Wir haben wahrlich genügend Krisen, wir sollten uns nicht mit solchen Gender-Idiotien rumschlagen müssen.»

Oder:

«Langsam machen mich diese woken Identitätspolitischen und Gender-Propagierer richtig aggressiv.»

Und ja, aggressiv ist das Klima der Diskussionen. Es geht schon lange nicht mehr um die Sache, wie mir scheint, es geht darum, recht zu haben, weil man die Wahrheit kennt, weil man weiss, wie es richtig läuft, und vor allem bei den Gegnern: Weil man es schon immer so gemacht hat und es doch klar ist, dass dies gut war.

Und es wird argumentiert, dass wenn man N* sage, meine man es niedlich, wenn man die männliche Form verwende, seien natürlich alle mitgemeint, nur ein Idiot kenne das generische Maskulinum nicht[1], wenn man finde, Kopftuch-Frauen gehören nicht in unser Land, verteidig man nur die häuslichen Sitten und Gebräuche.

Die Argumentation, man brauche all diese Diskussionen nicht, sondern sie lenken nur von den wirklichen Problemen wie dem des Klimas ab, ist, wie ich denke, eine typische Vermeidungsargumentation aus einer Position, die es sich leisten kann.

Wir haben viele Probleme aktuell und ich denke, wir können sie nur gemeinsam angehen, da sie sich gegenseitig befruchten und wiederum so wirken. Diskriminierungen auf verschiedenen Ebenen und aus verschiedenen Gründen sind sicher nicht einfach Kleinigkeiten, wenn man zur Gruppe der Unterdrückten gehört. Die Diskussion über das Gendern könnte man sich sparen, wenn nicht so viele teilweise aggressiv dagegen kämpfen würden (dann wäre auch eine gemässigtere Form als diese teilweise wirklich schwierigen Auswüchse) möglich. Wir könnten uns ebenso Diskussionen über Antisemitismus, Rassismus, Klassismus, soziale Ungerechtigkeiten auf lokaler und globaler Ebene sparen – wenn wir endlich hinsehen würden und gemeinsam für eine Welt kämpfen, die eine gemeinsame wird.

Aber: Wir sind nicht da. Menschen werden unterdrückt, Frauen sind in vielen Bereichen in einer benachteiligten Position und sind zu wenig gehört und gesehen. Migrant*Innen, Schwarze, Juden, Transsexuelle und viele nicht der weissen, westlichen Norm entsprechende Menschen werden diskriminiert und ausgeschlossen. Und solange das so ist, müssen wir darüber reden und dafür kämpfen, dass es ändern. Weil wir es ihnen und uns wert sind, weil es in der Verantwortung derer liegt, die es können, weil sie all die Privilegien haben, die anderen verschlossen sind.


[1] Das erinnert mich an die Frau Ende des 19. Jahrhunderts, welche vor Gericht ging, weil sie nicht zum Studium zugelassen wurde. Ihre Klage, die sich auf das Recht jedes Menschen auf Bildungszugang berief, wurde abgewiesen mit der Begründung, es sei klar, dass damit nur Männer gemeint seien. So viel zum generischen Maskulinum.

Politisches: Woher der Rutsch nach rechts?

In vielen Ländern ist ein bedenklicher Rutsch nach rechts festzustellen. Parteien spielen plötzlich vorne mit, die Erinnerungen an düstere Kapitel unserer Geschichte wach werden lassen. Woher kommt dieser Gesinnungswandel bei einem mittlerweile grossen Teil der Bevölkerung?

Didier Eribon hat dies in seinem Buch «Rückkehr nach Reims» aufgrund autobiographischer Erlebnisse thematisiert. Waren sein Vater und das ganze Arbeiterumfeld früher Links-Wähler und Kommunisten, haben sie ein paar Jahre später den rechten Parteien zugejubelt. Das weckte beim Soziologen die Frage nach dem Warum:

«Wie konnte es dazu kommen, dass man in derselben Familie wenig später rechte oder rechtsextreme Parteien wählte und dies sogar manchmal als die «natürliche» Wahl empfand?»

Eine erste Begründung fand er nach dem Eintritt von Mitterrand in die Regierung:

«…nach dem Sieg der Linken… setzten im Volk bald Ernüchterung und Verdrossenheit gegenüber der politischen Klasse ein. Man fühlte sich von den Gewählten vernachlässigt.»

Die Bürger fühlten sich nicht mehr angesprochen, sie fühlten sich vernachlässigt und erneut zu Opfern des Systems gestempelten:

«Die Politiker sind alle gleich. Ob links oder rechts, die Rechnung zahlen immer dieselben»

Dies lag auch daran, dass sich die thematischen Inhalte drastisch verändert hatten:

«Die Idee der Unterdrückung, einer strukturierenden Polarität zwischen Herrschenden und Beherrschten verschwand aus dem Diskurs der offiziellen Linken und wurde durch eine neutralisierende Vorstellung des Gesellschaftsvertrags ersetzt, in dessen Rahmen «gleichberechtigte» Individuen (gleich? Was für ein obszöner Witz) auf die Artikulation von Partikularinteressen zu verzichten (das heisst zu schweigen und sich von den Regierenden nach deren Gusto regieren zu lassen) hätten.»

Und weiter:

«Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden, sie nahmen gegenüber der Welt nun einen Regierungsstandpunkt ein und wiesen den Standpunkt der Regierten verächtlich von sich…»

Eine neue Hierarchie zeigte sich:

…»liess man sich bestenfalls dazu herab, diejenigen, die gestern noch «unterdrückt» und «beherrscht» gewesen waren und politisch «gekämpft» hatten, als «Ausgeschlossene» darzustellen, als «Opfer» von Armut, Prekarisierung und Ausgrenzung» und somit als passive und stumme potenzielle Empfänger technokratischer Hilfsmassnahmen.»

Geschrieben 2009 über die Zeit in den 70er und 80er Jahren in Frankreich, und heute aktuell wie nie. Wieso also kommt es zu einem Rutsch nach rechts? Wieso laufen ehemals Linke zu rechten Parteien über?

Weil die Linken ihre Ursprünge verleugnen und sich gegen die, für die sie früher einstanden, mit denen sie sich solidarisch zeigten, stellen. Weil sie sich von ihnen entfernen, ihre Sprache nicht mehr sprechen, ihre Themen nicht mehr vertreten, stattdessen mit Inhalten um sich werfen, die im akademischen Zirkus erdacht und nicht im Leben erlitten werden. Und die vormaligen Linken und Wähler der Linken verstehen die Welt nicht mehr, in die diese entschwunden sind, fühlen sich zurückgelassen, verraten, ungehalten – und das werden sie. Und sie suchen einen Ort, wo sie ihre Themen vertreten sehen, wo sie das Gefühl haben, es gehe um sie.

Um es (zugegeben etwas plakativ und verkürzt) zusammenzufassen

«Dem, der kein Brot hat, ist es egal, ob es der oder die Brot heisst, er möchte satt werden.»

Und es scheint, als ob das auf der linkenAgenda kaum mehr einen Stellenrang hat.

Lesemonat August

Der Monat glich eher einem April als einem August. Nach einer unsäglichen Hitze in strahlendem Sonnenschein, tobten bald schon Unwetter und das Grau in Grau der verregneten Umwelt verschleierte den Blick aus dem Fenster. Immerhin war es das passende Wetter, mich in die Bücher zu versenken, so dass ich teilweise wenig davon mitkriegte. Der Monat war – im Gegensatz zu den meisten anderen – thematisch konzentriert, die gelesenen Bücher behandelten Themen der Politik und der Gesellschaft, sie handelten von Herkunft und deren prägendem Charakter für den Menschen und die Gesellschaft, von Macht und Herrschaft und damit einhergehender Diskriminierung derer, welche nicht den Normen des dominanten Herrschaftsmehrs entsprechen.

Das erste Buch war ein Abgesang an die romantische Liebe, im zweiten sollten wütend Wände eingerissen werden. Danach ging es sachlicher zu und her, Mittel und Wege gegen Klassismus wurden aufgezeigt, die Fremde und ihre Grenzen wurden beleuchtet, das Gefühl der Entfremdung in der Gesellschaft erforscht. Ich befasste mich mit dem Liberalismus, um dann wieder zum Klassismus zurückzukehren. Ich beschäftigte mich mit Bildung und Ungerechtigkeit und der Frage, was das Gute ist. Und dann….

Dann kam das Highlight wohl nicht nur des Augusts, sondern einer langen Lesegeschichte – und es wird nachhallen: Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» und dessen Fortsetzung «Gesellschaft als Urteil». Selten, dass mich ein Buch so gepackt hat. Selten, dass ich aus einem Buch so viel mitgenommen, so viel für mich erkannt habe. Selten, dass mich ein Buch so begeistert hat und ich daraus so viel Inspiration für eigene Projekte gewann.

Was waren eure Highlights im August?

Die ganze Liste:

Andrea Newerla: Das Ende des Romantikdiktats. Warum wir Nähe, Beziehungen und Liebe neu denken solltenUnsere Liebesbeziehungen sind nicht Privatsache, sondern soziale Konstrukte, die wir verinnerlicht haben. Die Herausstellung der romantischen Liebesbeziehung ist eine neue, konventionelle Errungenschaft und sie unterliegt patriarchalischen und gesellschaftsrelevanten Normen. Dieses Bewusstsein sollte dazu führen, unsere Beziehungen neu zu denken, Freundschaft einen anderen Stellenwert einzuräumen, Sexualität aus der romantischen Beziehung zu nehmen und Intimität vielfältiger lebbar zu machen, um zu neuen Formen des Miteinanders zu kommen, die Individualität, Autonomie und Gemeinsamkeit besser vereinbaren lassen. Viele Wiederholungen, viele Gemeinplätze und Altbekanntes, wobei ein Aufruf zur Anerkennung vielfältiger Lebensformen und -gestaltungen durchaus wichtig ist. 3
Pia Klemp: Wutschrift. Wände einreissen, anstatt sie hochzugehenEin wichtiges, ein dringendes Thema (soziale, strukturelle und systematische politische Entscheidungen, die Flucht und Migration zu einem menschenunwürdigen und oft tödlichen Unterfangen machen), doch ich musste das Buch abbrechen. Die Sprache ist dermassen mündlich, fast vulgär, dass ich das so nicht lesen möchte. Es ist vielleicht des wirklich brennenden Themas wegen in Wut und Rage geschrieben, was zum Titel passen würde, doch hier verleidet mir die Form den Inhalt und wende mich lieber anderen Büchern zu dem Thema zu. 
Francis Seek, Brigitte Theißl: Solidarisch gegen Klassismus. organisieren, intervenieren, umverteilenKlassismus ist überall, und doch kaum ein Thema. Klassismus grenzt Menschen aus, führt in die Isolation, macht krank. Klassismus muss diskutiert werden, muss sichtbar werden, muss als Problem mit all seinen vielen Ausprägungen bewusst werden. Und wir brauchen Lösungen. 26 Texte, teils sachlich, teils Interviews, teils persönlich aus der Betroffenheit heraus zeigen die verschiedenen Aspekte von Klassismus. Das Ziel ist, das Problem sichtbar zu machen, Projekte vorzustellen, die Lösungen anstreben, Strategien zu erläutern, die wir ergreifen können, um etwas zu verändern.

Ein wichtiges Buch, ein Buch, das Pflichtlektüre werden sollte. 
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Elisabeth Wellershaus: Wo die Fremde beginntGedankenräume über erfahrenen Rassismus, Nachdenken über blinde Flecken bei sich und in der Gesellschaft, eine persönliche Lebensreise durch verschiedene Stationen der eigenen Biografie, pendelnd zwischen Spanien und Deutschland, zwischen verschiedenen Identitäten und Zuschreibungen. Ein persönliches, ein augenöffnendes Buch, ein Buch über systemische, strukturelle und individuelle Diskriminierung. 5
Peter v. Zima: Entfremdung. Pathologien der postmodernen GesellschaftEine Untersuchung der verschiedenen Bereiche der Entfremdung wie Arbeit, Familie, Konsum, Psyche, Medien, etc. sowie das Aufzeigen der Verbindung derselben untereinander. Der Mensch in seinem Fremdsein im Umfeld wird beleuchtet, die Rolle von Geld, Tauschwirtschaft und immer grösser Partikularisierung aufgezeigt, welche den Menschen unter einen Leistungsdruck in zunehmender Anonymisierung der Umwelt treiben, so dass er versucht, ein Image aufrechtzuerhalten, um wenigstens auf Bewunderung zu stossen, so dass er (vermeintlich) seinen Selbstwert bewahren kann. Das Kranken der Gesellschaft an immer grösserer Indifferenz, in welcher sich der Einzelne, auf sich selbst zurückgeworfen und als dieser nicht wirklich anerkannt, von sich und der Welt entfremdet.  5
Elif Özem: Was ist Liberalismus?Was macht den Liberalismus aus, auf welchen Grundsätzen beruht er und wie lassen sich die in der Praxis durchsetzen, so dass eine Gesellschaftsform aus freien, gleichen und individuell pluralistischen Bürgern entsteht? Elif Özem diskutiert fundiert und tiefgründig vor dem Hintergrund von Rawls Gerechtigkeitstheorie, Hannah Arendts Ansätzen zum Pluralismus und anderen philosophischen Wegbereitern bis zurück in die Antike die Idee des Liberalismus und zeigt, wieso die liberale Demokratie «die schlechteste Regierungs- und Lebensform – abgesehen von allen anderen» ist. 5
Andreas Kemper, Heike Weinbach: Klassismus. Eine EinführungKlassismus als Begriff für individuelle, institutionelle und kulturelle Diskriminierung und Unterdrückung ist kaum bekannt als Form der Diskriminierung, dabei wirkt sie auf dieselbe Weise auf Menschen und Menschengruppen wie die besser erforschten Formen des Sexismus, Rassismus und anderer. Das Buch will die verschiedenen Formen des Klassismus aufzeigen, will die Stereotypen offenlegen, mit denen Menschen konfrontiert wird und den Blick auf das Unrecht lenken, das zu oft ignoriert wird sowohl von der Politik wie auch von der Gesellschaft. 5
Maria do Mar Castro Vaerla & Bahar Oghalai: Freund*innenschaft. Dreiklang einer politischen PraxisEs soll eine Vermittlung zwischen rechten Strömungen und linker Identitätspolitik sein, doch ich fand sie nicht. Das Thema der Fraundschaft in seiner Abhandlung bei anderen Philosophen, Begriffe wie Allyship und Solidarität oder Sisterhood wurden behandelt und es fehlte schlicht der rote Faden oder das Ziel, wohin das alles führen soll. 2
Meike Sophia Baader, Tatjana Freytag (Hrsg.): Bildung und Ungleichheit in DeutschlandArtikel zum Thema, welche eine Vielzahl an Studien kommentieren und zusammenfassen, Soziologen zitieren, Artikel nennen. Oft bleibt ein wirkliches Fazit aus, die Aussage, dass gewisse Bereiche noch zu wenig erforscht seien, findet sich nicht selten, und wirkliche Umsetzungsvorschläge sucht man vergeblich. So bleibt man mit vielen Fragezeichen zurück und hat keine Ahnung, wozu das Buch nun wirklich gut war. Vielleicht für angehende Bildungssoziologen, die den Stand der aktuellen Forschung kennenlernen wollen, wobei das Buch dazu wohl einen Anhaltspunkt, aber sicher keine abschliessende Antwort liefern kann. 3
Didier Eribon: Rückkehr nach ReimsDie autobiografische Erzählung von Didier Eribon, welcher zu seinen Wurzeln im Arbeitermilieu zurückkehrt, aus dem er für lange Zeit geflohen war – körperlich und geistig. Eribon verwebt autobiografische Erlebnisse mit politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen, er zeichnet das Bild einer Zeit und einer Gesellschaft, erläutert politische Gesinnungen und Gesinnungswechsel, legt eigene Gedanken und Verhaltensmuster offen. Ein kluges, ein tiefes, ein bewegendes, ein wichtiges Buch. Ein Herzensbuch.6 von 5
Iris Murdoch: Die Souveränität des GutenIris Murdoch geht der Frage nach, was das Gute wirklich ist. Sie beruft sich auf Kant, Platon, Kierkegaard, setzt sich von den Existenzialisten ab, indem sie deren Ansatz als zu wenig weit reichend darlegt. Das Gute ist in sich nicht fassbar, doch liegt es allem sonst zugrunde, ist es das, wonach alles strebt, allen voran die Liebe. Das Buch lässt einen roten Faden vermissen, es hat keine abschliessende Antwort, es ist ein Suchen und sich Annähern, dessen letzter Schritt offen bleiben muss. 4
Didier Eribon: Gesellschaft als UrteilDie Fortsetzung zu «Rückkehr nach Reims», eine weitere Innenschau und Analyse der äusseren Verhältnisse, der Klassenkämpfe und anderer Herrschaftskämpfe in der Gesellschaft. Die Aufschlüsselung verschiedener Macht- und Unterdrückungsstrukturen, die Beschreibung der eigenen verinnerlichten Muster und Zwiespältigkeiten, vor allem auch nach Klassenwechseln. Ein weiteres grossartiges Buch, das neben den Bezügen auf das eigene Leben auch vielfältige Verweise zu soziologischen, philosophischen und literarischen Werken macht. 5

Annie Ernaux (1. September 1940)

«Der Gedanke, ich könnte sterben, ohne über das Mädchen geschrieben zu haben…. lässt mir keine Ruhe. Eines Tages wird es niemanden mehr geben, der sich erinnert…. Kein anderes Schreibvorhaben erscheint mir so lebensnotwendig.»

Und so schrieb Annie Ernaux immer wieder über sich und ihren Lebensweg. Ich hebe mein Glas auf die Schriftstellerin, die heute 83 Jahre alt wird. Annie Ernaux, die in Frankreich schon lange bekannt war, die sich ihrem Leben entlang schrieb, ihren Weg vom Arbeiterkind zur studierten Lehrerin und Schriftstellerin immer wieder thematisierte, die von Didier Eribon zitiert, mit Bourdieu in einem Atemzug genannt wird wegen ähnlicher Themen, hat letztes Jahr den Literaturnobelpreis gewonnen und ist nun auch in den deutschen Sprachraum eingezogen. 

«Je weiter ich schreibe, umso mehr kommt mir die Einfachheit der Erzählung abhanden, die in meiner Erinnerung aufbewahrt ist.“

Die Zeit des Preises war wohl nicht zufällig, schiessen doch autofiktionale Erzählungen aktuell buchstäblich aus dem Boden. Zwar spielen die von Annie Ernaux in der Vergangenheit ihrer Kindheit und Jugend, in der Zeit ihres Lebens, ihres Erwachsenwerdens und -seins, doch haben sie an Aktualität nichts verloren. Noch immer pendeln Menschen zwischen Klassen, noch immer ist es schwer, sozial aufzusteigen, weil es oft nicht gelingt, und wenn doch, man irgendwie nie ganz ankommt und fortan zwischen den Welten lebt. 

All das und noch viel mehr findet sich Annie Ernaux’ Büchern, Bücher, die aus dem Leben heraus entstanden sind und die in das Leben der Leser hineinwirken. 

Gedankensplitter: Neuanfang

«Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und etwas Neues in Bewegung setzen.» (Hannah Arendt)

Wer kennt sie nicht, die Stimmen, die immer sagen: «Das war schon immer so, das haben wir immer so gemacht.» Sie implizieren, dass es nur so und nicht anders geht. Diese Sicht hat sicher ihre Berechtigung, denn wieso sollte man Dinge ändern, die funktionieren und in Umstände umstossen, in denen man sich eingerichtet hat? Die Bequemlichkeit ruft oft zum Bewahren, denn so muss man sich auf nichts Neues einstellen, man muss nichts Neues lernen. Zudem gaukelt das Bewahren eine Sicherheit vor, indem man darauf baut, dass das, was bislang gut ging, es auch weiter tun wird. Diese Sicherheit ziehen wir oft dem Neuen sogar vor, wenn das Alte gar nicht wirklich gut war, sondern eher so leidlich oder gar nicht gut. Immerhin wissen wir, wie der Hase läuft, alles andere wäre offen und damit gefährlich.

Und doch bleibt irgendwo leise die Stimme: Das kann doch nicht ewig so weiter gehen? Das muss doch auch anders gehen? Und vor allem: Ich möchte das anders haben! Und dann?

Alles, was ist, hat einmal begonnen. Es kam in diese Welt und bestand dann in ihr fort. Selbst die Dinge, die so wirken, als seien sie immer so gewesen, nahmen irgendwann ihren Anfang – die guten wie die schlechten. In dieser Erkenntnis liegt etwas Tröstliches und etwas Hoffnungsvolles. Es liegt eine Motivation drin, denn: Wenn alles irgendwann begann, kann auch etwas Neues beginnen. Und: Es könnte mit mir seinen Anfang nehmen. Ich könnte ein neues, leeres Blatt aufschlagen und eine neue Geschichte schreiben, eine, die mir entspricht, eine, die meine Vision weiterträgt.

Heute wäre ein guter Tag für einen solchen Neuanfang!

Gedankensplitter: Herkunft, die nicht vergeht

«Die lange verleugnete Wahrheit über das, was ich war, kam zu mir zurück und zwang mir ihr Gesetz auf.»

Wir kommen in diese Welt und sie schreibt sich in uns fest. Wir gehen unseren Weg, doch nehmen wir mit, was wir unterwegs auflesen. Jean Paul Sartre schrieb in seinem Stück Saint Genet:

«Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.»

Als Existenzialist vertrat er die Meinung, dass wir sein können, wer wir wollen, dass das Leben keinen Sinn hat ausser dem, den wir ihm zuschreiben durch unser Dasein. Und doch: Wir sind, wer wir sind, auch aufgrund dessen, woher wir kommen. Und diese Herkunft prägt unser Sein bis tief in unsere Gene, sie ist in unserer Haltung, unserer Sprache, unserem Denken eingeschrieben und wirkt sich da aus. Zwar können wir die Herkunft verlassen, doch los werden wir sie nie.

Als ich Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» las, kamen mir unter der Dusche spontan folgende Zeilen in den Sinn, so dass ich diese verliess, um sie sofort aufzuschreiben:

«Es gibt Bücher, die sind für dich geschrieben. Sie tragen Sätze in sich, die zu dir sprechen, weil sie gleichsam auch aus dir sprechen. Sie scheinen dazu geschrieben worden zu sein, dass du dich in ihnen erkennst und dir endlich erklären kannst, was du bislang nur gefühlt hast, aber nicht erfassen und einordnen konntest – oder dich nicht trautest, es zu tun.»

Müsste ich ein Buch nennen, das mir wichtig ist, das mir am Herzen liegt, das ich nicht missen möchte, es wäre dieses.

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Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Suhrkamp Verlag, 2023.

Die autobiografische Erzählung von Didier Eribon, welcher zu seinen Wurzeln im Arbeitermilieu zurückkehrt, aus dem er für lange Zeit geflohen war – körperlich und geistig. Eribon verwebt autobiografische Erlebnisse mit politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen, er zeichnet das Bild einer Zeit und einer Gesellschaft, erläutert politische Gesinnungen und Gesinnungswechsel, legt eigene Gedanken und Verhaltensmuster offen. Ein kluges, ein tiefes, ein bewegendes, ein wichtiges Buch. Ein Herzensbuch.