Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter

Inhalt
Ronja, die Tochter des grossen Räuberhäuptlings Mattis, kann sich nichts Schöneres vorstellen, als im Wald herumzutoben. Sie kennt die Gefahren und stellt sich ihnen mutig entgegen. Eines Tages trifft sie auf Birk, den Sohn der gegnerischen Räuberbande. Das Verbot, einander sehen zu dürfen, wollen die beiden Räuberkinder nicht hinnehmen. Gemeinsam brechen sie in ein eigenes Leben auf. Damit stellen sie nicht nur ihr eigenes Leben auf den Kopf, sondern auch das der beiden Räuberbanden. Und: So ein Leben allein in der Wildnis ist gar nicht so einfach.

Gedanken zum Buch

„Ronja Räubertochter“ ist die wundervolle Geschichte über ein kleines Mädchen, das sich den Gefahren und dem Ernst des Lebens mit Mut und Zuversicht stellt. Es ist eine Geschichte über die Kraft der Liebe:

«Und obwohl keiner von beiden auch nur ein Wort verstehen konnte, sprachen sie miteinander. Über Dinge, die gesagt werden mussten, ehe es zu spät war. Darüber, wie gut es war, jemanden so zu lieben, dass man selbst das Schwerste nicht zu fürchten brauchte.»

Wie oft lebt man mit seinen Liebsten und verpasst, ihnen zu sagen, dass sie genau das sind? Selbst wenn man es voneinander weiss, stossen die Worte immer auf ein offenes Ohr und ein offenes Herz. Ronja und Birk realisieren ihr Versäumnis, als sie um ihr Leben kämpfen. Im letzten Moment können sie sich noch mitteilen, was sie einander bedeuten. Und wer weiss: Vielleicht hat genau das nochmals mehr Kraft gegeben, die Gefahr zu meistern.

Es ist aber auch eine Geschichte über Grossmut und Verzeihen:

«Weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, wie leicht man alles ganz unnötig zerstören kann.»… «Und weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, dass du mehr wert bist als tausend Messer.»

Wie bei allen Menschen kommt es auch bei Ronja und Birk zu Streit. Als zwei wilde und stolze Räuberkinder lassen sie sich ungern die Butter vom Brot nehmen und bestehen trotzig auf ihrem je eigenen Standpunkt. Zum Glück sehen sie bald ein, dass das blöd ist und nichts mehr zählt als der Mensch, der einem eigentlich das Wichtigste ist.

Und nicht zuletzt ist es eine Geschichte, die zeigt, dass Leid nur halb so schwer wiegt, wenn man es mit einem lieben Menschen teilen:

«Lange sassen sie dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.»

«Ronja Räubertochter» zeigt, was Familie, Zusammenhalt und Freundschaft bedeuten. Astrid Lindgren hat hier ein Buch geschrieben, das zu Herzen geht und einen mit einem warmen Gefühl zurücklässt. Ronja selbst lässt einen nicht so schnell los, der Gedanke an dieses wunderbare Mädchen zaubert immer wieder neu ein Lächeln aufs Gesicht.

Fazit
Ein wunderbares, warmherziges und zum Nachdenken und Mitfühlen anregendes Buch für kleine und grosse Leser.

Text, Illustration und Übersetzung
Astrid Lindgren (1907 – 2002) hat so unvergessliche Figuren wie Pippi Langstrumpf oder Michel aus Lönneberga geschaffen. Sie wurde u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Anna-Liese Kornitzky (*1909; †2000) war eine deutsche Übersetzerin schwedisch- und englischsprachiger Literatur. Sie wurde vor allem durch ihre Übersetzungen von 20 Astrid-Lindgren-Büchern bekannt.

Peter Bergting, geboren 1970, ist Autor und Illustrator. Er ist Mitglied der Schwedischen Kinderbuchakademie und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in der Nähe von Stockholm.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber‏: ‎ Oetinger; 1. Edition (11. September 2023)
  • Sprache‏: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 240 Seiten
  • ISBN-13‏: ‎ 978-3751204460
  • Lesealter‏: ‎ 9–11 Jahre

Lesemonat November

Was für ein trüber Monat das war. Konnte ich das Grau in Grau der Welt anfangs noch leichtnehmen, schlug es mir mehr und mehr auf die Seele. Ich merke, wie es mich runterzieht, ich immer mehr kämpfen muss, um etwas Leichtigkeit im Alltag zu spüren. Dinge gehen mir näher, belasten mich mehr. Ich dachte, dieses Jahr verschont er mich, der Winterblues, doch er zeigt sich unerbittlich.

Ich habe diesen Monat eine Weile wenig gelesen, mit vielen Büchern (wie mit dem Winter) gekämpft. Dann kam wieder mehr Lesefreude auf, ich hoffe, ich kann sie in den Dezember mitnehmen. Das Genre wird sich mehrheitlich ändern, ich habe mich wieder Krimis zugewandt und tauche immer mal wieder mit Freude in Kinderbücher ein. Ich freue mich, wenn ihr mich auch auf dieser Lesereise weiterbegleitet. Nun aber erst mal zu meinen Novemberbüchern:

Ich bin mit Homeira Qaderi nach Afghanistan gereist und blieb erschüttert zurück nach dieser Lektüre, die mir die Augen öffnete über Zustände, die ich zwar geahnt, aber nie in dem Ausmass gekannt habe. Ich bin mit Lizzie Doron in die Welt von Rivi eingetaucht, habe Paul Austers Baumgartner beim Weiterleben nach dem Tod seiner Frau beigewohnt. Ich las, wie man auch nach einer schwierigen Kindheit die Möglichkeit hat, sein Leben in die Hand zu nehmen (Levithan/Niven) und schwelgte mit Ronja im Leseglück (was für eine wunder-wunder-wundervolle Geschichte). Mit Kwiatowski fing ich den Kaugummidieb und fuhr mit dem Zug nach Malma, um eine Familiengeschichte zu ergründen. Mit Milo habe ich das Zimmer aufgeräumt und daneben gelesen, wie man solche wunderbaren Bücher macht.

Hier die vollständige Liste:

Natalie Goldberg: Schreiben in Cafés. Kreatives SchreibtrainingEin Buch für alle, die schreiben wollen. Es geht mehr darum, ins Schreiben zu kommen, als eine technische Anleitung. Es ist ein motivierendes, persönliches, inspirierendes Buch mit vielen kleinen Tipps, die dazu führen, loszuschreiben, denn: Das wichtigste, um schreiben zu lernen, ist schreiben. – Eine Relektüre. Das erste Mal hat es mich mehr überzeugt, nun fand ich vieles zu esoterisch und «geplaudert». Trotzdem lesenswert.4
Homeira Qaderi: Dich zu verlieren oder michHomeira wächst in Herat, Afghanistan auf. Als Mädchen in einem rückständigen, konservativen, Frauen diskriminierenden Patriarchat lernt sie schnell, dass sie als Mädchen keine Rechte hat, dass sie als Mädchen nicht zählt. Als die Taliban ihr auch noch das Liebste nehmen, die Bücher und die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, zeigt sich endgültig ihr Kampfgeist. Sie will sich diesem System nicht unterordnen. Dieser Widerstand führt zu einigen gefährlichen Situationen für sie und ihre Familie. Schlussendlich kann sie sich nicht mehr widersetzen, das Leben der ganzen Familie steht auf dem Spiel. Homeira wird verheiratet. Kurz scheint doch alles einen guten Lauf zu nehmen, doch dann wird alles noch schlimmer.4
Terézia Mora: Muna – abgebrochenDie Geschichte klang vielversprechend, eigentlich war der Anfang auch interessant, aber die endlosen Beschreibungen von Abschmink-, Massage- und anderen Programmen, zusammen mit anderen eher langweiligen Ausführungen haben mich gleich verloren. 
Jesse Falzoi: Creative Writing. Texte und Bücher schreiben16 Lektionen hin zum Schreiben eines Textes oder gar eines Buches. Es geht über die Entwicklung eines Plots über die des Protagonisten bis hin zum stimmigen Aufbau, alles mit Übungen zur praktischen Umsetzung sowie Ideen, wie man ins Schreiben kommt. 4
Lizzie Doron: Nur nicht zu den LöwenRivis Haus, in dem sie ihr Leben lang wohnte, wird abgerissen, sie muss raus. Sie fängt an zu schreiben. Sie schreibt Briefe an Menschen, die ihr Unrecht taten, schreibt über ihre Erinnerungen, ihre Herkunft, ihr Leiden, ihre Einsamkeit. Und sie kämpft. Gegen den Abbruch, dagegen, Opfer zu sein. Und immer liegt über allem die Möglichkeit, dass alles viel schöner war, als sie sich erinnert, und vielleicht kommt es auch schöner, als sie befürchtet.
Nach anfänglichem Kampf und Fast-Abbruch nahm das Buch Fahrt auf und zog mich in seinen Bann. 
4
Paul Auster: BaumgartnerFast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch war nichts mehr wie früher. Baumgartner stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Er liest alte Dokumente von Anna, erinnert sich an sie, ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Eines Tages träumt er von Anna. Fast scheint ihm, der Traum wäre Wirklichkeit. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. 4
David Levithan, Jennifer Niven: Nimm mich mit dir, wenn du gehstBea und Ezra wachsen bei ihrer Mutter und dem gewalttätigen Stiefvater Darren auf. Gewalt und Abwertungen sind an der Tagesordnung. Eines Tages ist Bea verschwunden. Keiner weiss wohin. Bis sie via Mail mit Ezra Kontakt aufnimmt. Im Mailaustausch kommen mehr und mehr die Schrecken des Aufwachsens zur Sprache, das Schreiben dient dem Erinnern, der Erkenntnis, dem Herausfinden, wer Bea und Ezra sind und was sie vom Leben erwarten (können und wollen). Und über allem steht immer die Frage: Wie geht es nun weiter? Wohin führt der Weg in Freiheit?4
Astrid Lindgren: Ronja RäubertochterRonja, die Tochter des grossen Räuberhäuptlings Mattis, kann sich nichts schöneres vorstellen, als im Wald herumzutoben. Sie kennt die Gefahren und stellt sich ihnen mutig entgegen. Eines Tages trifft sie auf Birk, den Sohn der gegenerischen Räuberbande. Das Verbot, einander sehen zu dürfen, wollen die beiden Räuberkinder nicht hinnehmen. Gemeinsam brechen sie in ein eigenes Leben auf. Damit stellen sie nicht nur ihr eigenes Leben auf den Kopf, sondern auch das der beiden Räuberbanden. Und: So ein Leben allein in der Wildnis ist gar nicht so einfach. 5
Kathleen Glasgow: How to make friends with the dark – abgebrochenTiger wächst bei ihrer Mutter auf. Obwohl die finanziellen Verhältnisse prekär sind, kommen sie immer klar, sie sind ein eingeschworenes Team. Als Tiger in einer Schublade versteckt Mahnungen findet, wird sie unsicher. Zudem ärgert sie sich immer mehr über deren Kontrollwahn, bis es zu einem Streit kommt. Und dann ist die Mutter tot. Tiger fühlt sich allein in dieser Welt.
Die Sprache zog mich nicht ins Buch, zudem ist es zu episch, zu langatmig, und müsste verdichtet werden. 
Michael Wrede, Annabelle von Sperber: …und dann? Wie Kinderbücher Gestalt annehmenWie entsteht eigentlich ein Kinderbuch? Welche Arten gibt es, was zeichnet sie aus? Wie sieht der Schreib- und Gestaltungsprozess aus und wie wird aus einer Geschichte schlussendlich ein Buch? Diese und weitere Fragen werden in diesem wunderschön gestalteten Buch behandelt. 5
Jürgen Banscherus: Ein Fall für Kwiatkowski. Die KaugummiverschwörungOhne Milch und seine Lieblingskaugummis geht gar nichts bei Kwiatkoski. Als diese plötzlich regelmässig aus dem nahegelegenen Kiosk gestohlen werden, kann er das nicht auf sich beruhen lassen: Er hat einen neuen Fall.
Kurzweilig, witzig und liebenswert.
5
Alex Schulman: Endstation Malma (r)Ein Mädchen fährt mit seinem Papa im Zug nach Malma. Ebenso tut es ein Ehepaar, welches Glück nur noch im Präteritum kennt, und eine junge Frau, die Antworten auf ihre Fragen sucht. *Endstation Malma», das sind drei Geschichten, die sich wie drei Stränge zu einem Zopf verbinden. Dreimal fahren wir als Leser mit den Protagonisten nach Malma, dreimal werden Zeugen von Beziehungen, ihren Tiefen und Abgründen und ihren Dynamiken. Wir nehmen Teil am Leben einzelner Menschen und machen uns mit ihnen auf die Suche nach den Antworten auf ihre brennenden Lebens-Fragen.4
Ole & Paul: UnfairMilo muss sein Zimmer aufräumen und er findet das unfair. Er steigert sich förmlich in dieses Gefühl hinein. Ein Spielzeugritter will ihn mit Tadel und guten Argumenten belehren und zur Vernunft bringen. Damit kommt er bei Milo nicht weit. Da mischt sich das Schlaf-Schaf ein. Es zeigt Milo, dass jeder einen anderen Blick auf die Welt hat und jeder seine eigenen Schwierigkeiten mit sich trägt. Es ist manchmal gar nicht einfach, zu sagen, was fair und was unfair ist. Und gibt es schlussendlich nicht etwas, das über allem steht und viel wichtiger ist?4

Wecke den Esel in dir!

Da sitzt du nun und schaust den mit grossen Augen an, der dir das sagte. Du bist betroffen, betrübt, willst dich erklären, rechtfertigen, verteidigen. Es bringt alles nichts. Wieso nicht einfach antworten:

«Stimmt. Ich mag Esel.»

Schlussendlich sind wir nicht auf der Welt, um so zu sein, wie der andere uns gerne haben möchte. Zudem lebt es sich ganz wunderbar mit all den persönlichen Eigenheiten und Merkwürdigkeiten. Es wird uns nur zu oft weisgemacht, wir dürften diese nicht haben, sondern müssten uns anpassen, müssten irgendeiner Norm entsprechen. Und wir glauben es schlicht zu oft. Wieso eigentlich?

„Sei der Esel, der du schon immer sein wolltest.“

So oder so ähnlich könnte das neue Lebensmotto lauten.

Habt einen schönen Tag! 💕

Ole & Paul: Unfair

«Uuun-fair!!!!» schallt es durchs Kinderzimmer. «Mama darf ins Kino! Papa darf fernsehen! Ella schläft! Nur ich soll aufräumen – das ist sowas von unfair!!!!»

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, das sagt: «Alle anderen haben es viel besser als ich, nur ich muss…» oder «…nur ich darf nicht.»

So geht es Milo, der sein Zimmer aufräumen muss und denkt, dass die anderen seiner Familie es besser haben. Er steigert sich förmlich in dieses Gefühl hinein: die Wut steigt, das Leben erscheint ihm unfair. Ein Spielzeugritter will ihn mit Tadel und guten Argumenten belehren und zur Vernunft bringen. Damit kommt er bei Milo nicht weit. Da mischt sich das Schlaf-Schaf ein. Es zeigt Milo, dass jeder einen anderen Blick auf die Welt hat und jeder seine eigenen Schwierigkeiten mit sich trägt. Es ist manchmal gar nicht einfach, zu sagen, was fair und was unfair ist. Und gibt es schlussendlich nicht etwas, das über allem steht und viel wichtiger ist?

Ein wunderbares Buch darüber, dass es wichtig ist, verschiedene Standpunkte einzunehmen. Die Geschichte von Milo erinnert uns, dass wir immer nur einen Teil sehen und das oft nicht reicht, um wirklich ein Urteil zu bilden. Wenn Milo sein Zimmer aufräumen muss, bedeutet das auch, dass er eines hat und dass in diesem Zimmer viele Spielsachen liegen. Wäre das nicht eher ein Grund, dankbar zu sein als wütend?

Dieses wunderbare Buch entführt den Betrachter – egal, ob gross oder klein – mit einer warmherzigen Geschichte und fröhlichen, bunten Illustrationen an einen Ort, an dem wir alle schon mal waren: Den des Vorurteils. Es zeigt, ohne belehrend zu wirken, dass die Dinge ganz anders sein können, als wir vorschnell denken. Es zeigt, wie wichtig es ist, unseren Standpunkt zu verlassen und das Leben auch von einer anderen Seite zu betrachten. Nicht zuletzt ist es ein Hinweis darauf, dass über allem immer etwas stehen sollte, das grösser ist: die Liebe. Mit ihrer Hilfe lassen sich viele Situationen besser bewältigen.

Fazit
Eine liebenswürdige, kindgerechte, zum Nachdenken anregende Geschichte mit wunderbar bunten Illustrationen für kleine und grosse Menschen. Das Buch eignet sich sowohl zum Vorlesen als auch als Erst-Lesebuch.

Wer hat’s gemacht?
Ole Puls, Executive Creative Director der Düsseldorfer Agentur komm.passion, schreibt täglich Storylines für große Marken. Manchmal kleine Geschichten für seinen sechsjährigen Sohn. Und beides mit der gleichen Freude an besonderen Erzählperspektiven.

Paul Trakies ist als freiberuflicher Illustrator für die Werbe- und Architekturbranche tätig, hat sich aber irgendwann eingebildet auch Kinderbücher zu illustrieren. Er lebt mit seiner Familie in Freising bei München.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Herder; 1. Edition (30. Januar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 32 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3451716782
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 4 Jahren

Alex Schulman: Endstation Malma

Inhalt

«Diese legendäre Zugfahrt! Erzähl noch mal, wie das war! Sie haben die Geschichte so oft wiederholt, voreinander wie auch vor anderen. Einmal hat sie gesagt, sie wisse allmählich selbst nicht mehr, was daran stimme und was nicht, Oskar dagegen erinnert sich an alles.»

Ein Mädchen fährt mit seinem Papa im Zug nach Malma. Ebenso tut es ein Ehepaar, welches Glück nur noch im Präteritum kennt, und eine junge Frau, die Antworten auf ihre Fragen sucht. *Endstation Malma», das sind drei Geschichten, die sich wie drei Stränge zu einem Zopf verbinden. Dreimal fahren wir als Leser mit den Protagonisten nach Malma, dreimal werden Zeugen von Beziehungen, ihren Tiefen und Abgründen und ihren Dynamiken. Wir nehmen Teil am Leben einzelner Menschen und machen uns mit ihnen auf die Suche nach den Antworten auf ihre brennenden Lebens-Fragen.

Gedanken zum Buch

«Harriet sucht nach Anzeichen von Verärgerung in seinem Blick oder in seinen Bewegungen. Heute achtet sie besonders darauf, denn dass sie diese Reise unternehmen, liegt an ihr, sie fühlt sich deshalb in ihrer Schuld. Nur ihretwegen steht Papa jetzt dort, sie trägt die Verantwortung dafür…»

Nach der Trennung der Eltern bleibt Harriet bei ihrem Vater, ihre Schwester geht mit ihrer Mutter fort. Harriet weiss, dass ihr Vater auch lieber ihre Schwester bei sich gehabt hätte, sie hörte es bei einem Streit der Eltern. Harriet hat Mitleid mit ihrem Vater, weil er sich mit ihr abfinden musste, und sie versucht fortan, ihm alles recht zu machen. Sie fühlt sich verantwortlich für seinen Schmerz, seine Probleme, und auch dafür, wenn die Welt für ihn nicht rund läuft.

«Da haben wir sie, in all ihrer Pracht, die grossartige Geschichte, wie sie sich kennenlernten. Immer haben sie sie als etwas durch und durch Romantisches erzählt. Doch jetzt, angesichts der Ereignisse am Abend zuvor, fällt Oskar plötzlich auf, dass ihre Geschichte genauso begonnen, wie sie geendet hat: mit einer Lüge.»

Max Frisch sagte einst, wir erzählen uns Geschichten, die wir dann für unser Leben halten. So geht es auch unserem Paar in dieser Erzählung. Sie lebten ein (gemeinsames) Leben und haben verschiedene Versionen von Geschichten. In glücklichen Zeiten waren es romantische, jetzt, im Angesicht der Krise, sind es ernüchternde. Die Frage ist schlussendlich: Welches ist  die richtige Geschichte? Gibt es überhaupt diese eine richtige Geschichte oder erzählen wir Geschichten je nach Stimmungslage und Situation anders? Sind vielleicht alle Versionen richtig, weil sich ein Leben nur durch einen Kontext erfahren lässt, welcher der Geschichte und dem Leben eine Form und einen Sinn gibt? Was passiert, wenn wir uns unsere Geschichten bewusst anders erzählen, als sie sich aktuell richtig anfühlen?

«Sie dachte wieder an ihre Mutter. Seit Jahren hatte sie keinen Gedanken an sie verschwindet. An dem Tag, an dem sie vor zwanzig Jahren aus ihrem Leben getreten war, hatte sie beschlossen, sie auszuradieren… Doch jetzt erschien sie ihr plötzlich in neuen Erinnerungsbildern, die ihr keine Ruhe liessen.»

Wir neigen oft dazu, unliebsame Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu streichen. Wir verdrängen das Schmerzhafte, lassen nur dem Schönen Platz, um das Schwere aus der Vergangenheit nicht in die Gegenwart tragen zu müssen. Meist gelingt das nur vordergründig. Tief drin wirkt die Vergangenheit weiter, sie setzt sich fest, treibt ihr Unwesen im Unbewussten und bricht irgendwann wieder hervor. Nicht selten dann mit einer Gewalt, die vieles durcheinander wirbelt.

«Nur ein einziges Mal im Leben geschieht es, dass man einen Blick auf sich selbst erhascht. Und dies, und nur dies, wird entweder zum glücklichsten oder zum schrecklichsten Moment des eigenen Lebens.»

Drei Lebensgeschichten, eine Zugfahrt. Dass die drei Erzählstränge zusammenhängen, ist von Anfang an offensichtlich. Das tut der Spannung keinen Abbruch, da jede Geschichte viele offene Fragen mit sich bringt: Was haben die Protagonisten erlebt, wie wurden sie, wer sie sind, und wie hat die eine Geschichte die andere geprägt. Im Zentrum steht immer die Grundfrage, wie Verhaltensweisen, Muster und Eigenschaften in Familien weitervererbt werden. Für die Antworten dieser Fragen gilt: Einsteigen, Platz nehmen, lesen.

Das Buch scheint in seinem Erzählfluss das Thema aufzugreifen. Wie eine Dampflokomotive fährt die Geschichte schnaubend, etwas zäh an, nimmt dann mehr und mehr Fahrt auf, um schlussendlich mit Volldampf aufs Ende zuzusteuern.

Fazit

Ein tiefgründiger, vielschichtiger Roman darüber, wie Familien und Beziehungen prägen. Bewegend, warmherzig, zum Nachdenken anregend.

Bücher zum Vorlesen – für Kleine und Grosse

Ich liebe Kinderbücher. Ich liebe die Illustrationen und die bildhaften, kreativen, verdichteten Texte, die zum Weiterdenken anregen. Auf wenigen Seiten entwickeln sich neue Welten, in die man eintauchen kann. Es sind Welten voller Phantasie und Schönheit. Es sind bunte Welten, die ab und zu dem Grau der Welt um uns ein Gegengewicht geben. Schön ist an diesen Büchern auch, dass man sie vorlesen kann (oder noch besser: vorgelesen bekommt).

Ich erinnere mich nicht an viele Momente, in denen mir vorgelesen wurde (drum lernte ich wohl sehr früh, selbst zu lesen). Ab und zu aber, wenn ich krank war als Kind, passierte es. Meine Muter las aus Grimms Märchen vor und ich wollte immer wieder die gleiche Geschichte hören: „Der eiserne Heinrich“. Der Schluss hatte es mir angetan: „Heinrich, ich glaub, der Wagen bricht“. Doch es war der Wagen nicht, es waren die Ketten um das Herz des treuen Dieners, der nun froh war, seinen Herrn wieder zu haben. Keine Geschichte beschreibt in meinen Augen Liebe, Treue und Freundschaft schöner als dieses Märchen.

Weil es so viele wunderbare Märchen- und Geschichtwelten gibt, möchte ich mich hier ab und zu auch diesen widmen. Ich bin überzeugt, dass Kinderbücher für Kinder wichtig und wertvoll sind. Und ich bin überzeugt, dass sie es auch für uns Erwachsenen sind. Heute hier von mir vier Bücher zum Vor- oder selbst Lesen:

Anka Schwelgin: Ich habe einen Traum, sagte die kleine Waldmaus (Oetinger Verlag)
Eine kleine Maus will mit Eicheln neue Bäume pflanzen. Da solche grossen Projekte allein schwer sind, sucht sie Helfer. Gemeinsam geht vieles besser.

Erich Kästner: Die Schildbürger (Atrium Verlag)
Es gibt Dinge, die gibt es nicht, denkt man. Falsch gedacht! In Schilda ist vieles möglich, da entstehen Häuser ohne Fenster und Krebse kommen vor Gericht. Doch was auch passiert, die Schildbürger wissen sich zu helfen und machen nicht selten aus der Not eine Tugend.

Christian Morgenstern für Grosse und Kleine. Gedichte (dtv)
Ein Seufzer fährt Schlittschuh, Maulwürfe küssen sich, ein Huhn steht in der Bahnhofshalle. Dies und viel mehr bringt Christian Morgenstern in humorvollen Versen zu Papier, die Zeichnungen dazu von Reinhard Michl sind schlicht wundervoll.

Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte, neu erzählt von Bettina Obrecht (Penguin Randomhouse)
Der Weihnachtsklassiker neu erzählt. Die Geschichte eines Geizhalses, der sein Herz findet und sein Leben ändert. Immer wieder herzerwärmend.

Welches Buch wurde euch als Kind vorgelesen?

David Levithan, Jennifer Niven: Nimm mich mit dir, wenn du gehst

Inhalt

«Vielleicht hatte ich einfach genug davon, immer alle zu enttäuschen. Hatte die Nase voll davon, dass jeder von mir zu erwarten schien, ich würde eines Tages genau das tun, was ich jetzt getan habe – einfach verschwinden. »

Bea und Ezra wachsen bei ihrer Mutter und dem gewalttätigen Stiefvater Darren auf. Gewalt und Abwertungen sind an der Tagesordnung. Eines Tages ist Bea verschwunden. Keiner weiss wohin. Bis sie via Mail mit Ezra Kontakt aufnimmt. Im Mailaustausch kommen mehr und mehr die Schrecken des Aufwachsens zur Sprache, das Schreiben dient dem Erinnern, der Erkenntnis, dem Herausfinden, wer Bea und Ezra sind und was sie vom Leben erwarten (können und wollen). Und über allem steht immer die Frage: Wie geht es nun weiter? Wohin führt der Weg in Freiheit?

Gedanken zum Buch

««Ist bei euch zu Hause irgendetwas vorgefallen? Gibt es Probleme?»

Da verliess mich meine Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit. Ich konnte ja schlecht antworten: Bei uns zu Hause gibt es immer Probleme. Das wäre ja wie eine Einladung gewesen, bei mir noch weiter nachzuhaken. Und dann hätte ich noch mehr Probleme bekommen.»

Kinder, die zu Hause Gewalt erleben oder in prekären Verhältnissen aufwachsen, schämen sich oft dafür. Die Täter müssen ihnen oft nicht mal einbläuen, nach aussen den Schein zu wahren, die Scham und oft auch Schuldgefühle, selbst der Grund für diese Zustände zu sein, hindern sie am Reden. Und dann ist da noch die Angst: Angst, es könnte noch schlimmer werden, wenn jemand von all dem erfährt. Angst, dass die Gewalt sich potenziert und sich noch mehr auf ihnen entlädt. Diese Angst kann nur weniger werden, wenn sie lernen, zu vertrauen. Wenn sie merken, dass es Menschen gibt, die nichts Böses wollen, die da sind, die gut sind. Dabei ist Gewalt nie nie nur äusserlich, sie dringt tief in die Kinderseele ein und richtet da viel Unheil an. 

«Im Hinterkopf habe ich immer diesen fetten, nagenden Zweifel, der mir zuruft: Das schaffst du nicht. Du wirst scheitern. Du wirst immer bei allem scheitern, egal, was du tust, denn so ist es mit dir, das bist du, du bist eine Versagerin, eine Loserin, ein Nichts.»

Wenn ein Kind oft und lange hört, was es alles falsch macht, dass es zu nichts taugt, dass es nichts wert ist, brennt sich das ein. Die realen Stimmen mögen aus dem Leben verschwunden sein, doch sie wirken tief drin weiter. Sie setzen sich in Glaubenssätzen fest, die immer wieder auftauchen, die sagen: «Du bist nicht genug, du schaffst das nicht.“

«Wenn du daran gewohnt bist, dass alle Menschen mies mit dir umgehen, fällt es dir schwer, damit klarzukommen, wenn jemand einfach nur nett zu dir ist. Deine instinktive Reaktion ist dann, alles kaputtzumachen. Davonzurennen.»

Vertrauen bildet sich in der Kindheit. Das Aufwachsen in einem liebevollen Umfeld hilft dabei, einerseits Selbstvertrauen aufzubauen, andererseits auch auf andere Menschen zu vertrauen. Fehlt beides, steht man oft auf unsicherem Boden. Man zweifelt an sich und der Welt, kann kaum glauben, dass jemand einen liebt, dass jemand bei einem bleibt. Der möglichen Enttäuschung kommt man gerne zuvor, indem man selbst aus Beziehungen und Situationen flieht, bevor man gehen muss, weil der andere einen wegstösst.

Mit all dem hat vor allem Bea zu kämpfen, aber auch Ezra ist betroffen. Wir begleiten die beiden Jugendlichen auf ihrem Weg in ein eigenes Leben, das frei ist von all der Gewalt und seelischen Grausamkeit ihres Aufwachsens. Wir begleiten zwei junge Menschen dabei, herauszufinden, dass es möglich ist, auszubrechen und das eigene Leben in die Hand zu nehmen.  

Fazit
Ein packendes Buch zu einem wichtigen (und schwerwiegenden) Thema, das gerade bei Betroffenen viel auslösen kann. Darum: Eine Triggerwarnung ans Ende des Buchs zu stellen, ist etwa gleich sinnvoll wie ein Regenschirm, der einen zu Hause erwartet nach einem Spaziergang im strömenden Regen. Aber auch ein Buch, das Mut macht, das Hoffnung gibt, weil es Wege aufzeigt, weil es zeigt, dass viel möglich ist. Trotzdem.

(Jugendbuch, ab 14 Jahren)

Paul Auster: Baumgartner

Inhalt

«Sie fehlt mir, das ist alles. Sie war die Einzige auf der Welt, die ich jemals geliebt habe, und jetzt muss ich herausfinden, wie ich ohne sie weiterleben kann.»

Fast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch nichts wie früher war. Baumgartner hält nur den Schein aufrecht, er stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Anna war Dichterin und Übersetzerin. Eines Tages geht er in ihr Arbeitszimmer, das bis heute aussieht, wie sie es verliess. Er findet ihre Manuskripte, liest sie. Er erinnert sich an Anna, an ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Das Leben gibt es nicht mehr, ein neues stellt sich nicht ein. Bis er eines Tages von Anna träumt. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. Wohin es ihn wohl führen wird?

Gedanken zum Buch

«…Zeit ist jetzt das Wesentliche, und wie soll er wissen, wie viel ihm noch bleibt. Nicht nur, wie viele Jahre, bis er ins Gras beisst, sondern wichtiger, wie viele Jahre tätigen, produktiven Lebens, bevor sein Geist oder sein Körper oder beide ihn im Stich lassen und er zu einem schmerzgepeinigten, verblödeten Trottel wird, der nicht mehr lesen und schreiben kann, der vergisst, was vor vier Sekunden jemand zu ihm gesagt hat, und schlicht keinen mehr hochkriegt, ein Horror, an den er gar nicht denken will.»

Professor Seymor T. Baumgartner, so heisst unser Held, ist Pragmatiker. Er geht durchs Leben und sucht nach Lösungen für alles, was ansteht. Wir begleiten den Phänomenologen durch seinen Alltag, folgen ihm bei seinen Erinnerungen durch seine Kindheit, sein Aufwachsen, seine Beziehung mit Anna, und sind schliesslich Zeugen seines Umgangs mit deren Tod. Er ist älter geworden. Er vergisst Dinge, Missgeschicke passieren. All dem begegnet er mit Selbstironie. Er nimmt sich selbst nicht zu ernst. Damit kommt er mit allem gut zurande, nur mit einem nicht: Dem Verlust von Anna.

«Er denkt an Mütter und Väter, die um ihre toten Kinder trauern…, und wie sehr ihr Leid den Folgeerscheinungen einer Amputation gleicht, gehörte doch das fehlende Bein oder der fehlende Arm einmal zu einem lebenden Körper, wie der fehlende Mensch einmal zu einem anderen lebenden Menschen gehörte…»

Nachdem er schon viele philosophische Bücher geschrieben hat, befasst er sich aktuell mit Kierkegaard. Das ist wohl kein Zufall, handelt doch eines von dessen berühmtesten Werken von Krankheit und Tod. Baumgartner versucht, den Verlust seiner geliebten Frau wissenschaftlich zu erfassen, er zieht den Vergleich mit einer Amputation und dem Phantomschmerz, den der Betroffene sein Leben lang fühlt. Das Gefühl, dass ihm eine Hälfte (und wohl im wahrsten Sinne des Wortes die bessere) wegfiel und ihn unvollständig zurückliess, lässt nicht nach.

Knapp zehn Jahre nach Annas Tod träumt er einen Traum, in dem Anna lebt und zu ihm spricht. Obwohl er weiss, dass dies alles nicht Realität ist, hat es auf ihn eine Wirkung: Er ist frei für ein Weiterleben. Musste er sich zuerst all den Erinnerungen stellen, um an den Punkt zu kommen? Brauchen gewisse Dinge einfach ihre Zeit, die für jeden Menschen anders sind?

Fazit
Grossartige Literatur von einem wahren Meister seines Fachs. Das Buch ist still und leise, nie pathetisch, ohne Kitsch und Sentimentalität. Obwohl das Thema traurig ist, Baumgartner eigentlich ein Leidender, besticht das Buch durch eine Leichtigkeit, eine Hoffnung, die zwischen den Zeilen mitschwingt, dass das Leben doch gelebt werden will und soll und es auch wird. Wie nur soll so ein Buch enden? Auch das ist Paul Auster wunderbar gelungen. Ich ziehe meinen Hut!

Hinter dem Horizont…

«Hinter dem Horizont geht’s weiter…»

«Oh schön, Udo Jürgens. Den mochte ich immer.»

«Das ist Udo Lindenberg. Ich singe doch kein Lied von so einem Oma-Lieder-Sänger wie Udo Jürgens. Das hier ist anspruchsvolle Musik.»

«Weisst du eigentlich, dass du manchmal ganz schön kleinkariert bist mit deinem Schubladendenken?»

«Das ist nicht kleinkariert, das ist differenziert. Man kann nicht alles in einen Topf werfen. Musik ist nicht gleich Musik, sondern sie wird in Sparten unterteilt. Gehaltvolle Musik für Leute mit Stil – wie mich, oder eben Schnulzetten für die einfachen Gemüter.»

«Du hast doch keine Ahnung! Da muss ich für Udo Jürgens eintreten: Der singt keine Schnulzetten. Und selbst wenn: Ich mag Schnulzetten.»

«Ach ja, du bist auch ein einfaches Gemüt. Die mögen Anspruchsloses.»

«Apropos einfaches Gemüt: Du magst mich. Das sagt wohl alles.»

«Wir haben doch mehr gemeinsam, als wir dachten.»

«Dass du auch immer das letzte Wort haben musst.»

***

Christine hat mal wieder eine Schreibeinladung verschickt, ich bin ihr gefolgt. Die Geschichte ist das Resultat. Die Regeln:

Drei Begriffe in maximal 300 Wörtern, die Wortspende kommt dieses Mal von Myriade und ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée.

Hoizont
kleinkariert
eintreten.

Lizzie Doron: Nur nicht zu den Löwen

Inhalt

«Ich wollte, dass man versteht, dieser Ort ist nicht nur ein Zuhause, es ist eigentlich ein Museum, oder wenn Sie so wollen, eine Gedenkstätte für alles, was mir im Leben passiert ist. Und noch passieren wird.»

Rivis Haus, in dem sie ihr Leben lang wohnte, wird abgerissen. Sie verliert ihr Zuhause, sie muss raus. Rivi fängt an zu schreiben. Sie schreibt Briefe an Menschen, die ihr Unrecht taten, schreibt über ihre Erinnerungen, ihre Herkunft, ihr Leiden, ihre Einsamkeit. Und sie kämpft. Gegen den Abbruch, dagegen, Opfer zu sein. Doch bei all dem Leiden liegt die Möglichkeit, dass alles viel schöner war, als sie sich erinnert. Und wer weiss, vielleicht wird die Zukunft auch schöner, als sie im Moment befürchtet. 


Gedanken zum Buch

«Ich war ein Mädchen, das die meiste Zeit schwieg, doch tatsächlich wollte ich mein ganzes Leben lang reden, wollte nichts lieber als das. Und jetzt kommt der Tag, und ich rede, oder schreibe vielmehr.»

Rivi hat lange das gemacht, was andere für sie bestimmt haben. Sie liess sich – auf eine manchmal fast erzürnend naive Weise – umherschieben, an der Nase herumführen und hinhalten. Sie spielte das Spiel der Männer mit, die mit ihr ein leichtes hatten. Nun ist der Moment, das zu ändern. Die Aussicht, dass ihr Zuhause abgerissen werden soll, dass sie fremden Bestimmungen weichen muss, weckt ihre Widerstandskräfte, lässt sie endlich ihre Stimme entdecken. Sie will kämpfen. Und sie will aufräumen mit ihrer Vergangenheit und den Menschen, die diese geprägt haben.

«Grosser Gott, wusstest du, dass die Vergangenheit niemals etwas ist, das aus und vorbei ist?»

Auch wenn vergangene Zeiten und was in ihnen geschehen ist, vorbei sind, greifen sie in die Gegenwart hinein. Sie hinterlassen ihre Spuren, prägen das Denken, Fühlen und Handeln. Durch Verdrängen wird man die Vergangenheit nie los, man muss sich ihr stellen. Das will Rivi tun. Sie tut es auf ihre Weise, indem sie Briefe schreibt und den Menschen aus ihrer Vergangenheit ihre Sicht darlegt.

«Diese Idee des Schreibens hat Besitz von mir ergriffen, mein Kopf rast vorwärts, oder besser, rückwärts, und du kennst mich, meine Obsessionen und ich schwenken keine weisse Fahne, ehe die Aufgabe nicht bewältigt ist.»

Einmal angefangen, kann sie nicht mehr aufhören. Immer weitere Gedanken gehen ihr durch den Kopf, immer mehr will sie zu Papier bringen und an die entsprechenden Menschen schicken. Fast scheint es, als ob ein Ventil aufgegangen ist und sich nun alles ergiesst, was vorher angestaut war.

Fazit

Ein Buch in Briefen, Fragmente von Lebenserinnerungen werden zusammengetragen und adressiert. Nach anfänglichem Kampf und Fast-Abbruch nahm das Buch Fahrt auf und zog mich in seinen Bann.

Annie Ernaux: Die Jahre

Inhalt

«Sie würde die vielen verschiedenen Bilder ihrer selbst, die getrennt voneinander existieren, asynchron, gern in einer Erzählung vereinen, der Erzählung ihres Lebens, von der Geburt während des Zweiten Weltkriegs bis heute. Eine einzelne Existenz, die in der Bewegung einer ganzen Generation aufgeht.»

Annie Ernaux zeichnet das Bild einer Generation, sie erzählt von den sich verändernden Umständen und den eigenen Gefühlen, Erfahrungen und Lebensentwürfen. Sie will ein Buch über all das schreiben, sammelt Notizen, Fotos, fängt doch nicht an. Sie hat eine Idee, verwirft sie, häuft Material an – es bleibt beim Vorhaben. Und irgendwann hat sie es doch geschrieben und wir lesen es. Wir lesen das Porträt einer Zeit und eines Lebens, eine Mischung aus Erinnerungen an das Zeitgeschehen, soziale wie politische Gegebenheiten, Redewendungen, Gesinnungen, Sitten und Gebräuche. Und mitten drin immer wieder das eigene Leben.

Gedanken zum Buch

«Ich habe Angst, mich in diesem bequemen Leben einzurichten, Angst, irgendwann festzustellen, dass ich nicht bewusst gelebt habe.»

Annie Ernaux hat sich aus der sozialen Unterschicht ins Kleinbürgertum hochgekämpft, sie ist Lehrerin geworden und hat, wie es in diesem Milieu üblich ist, eine Familie gegründet. Die Träume aus der Kindheit und Jugend, der Traum vom Schreiben, von einem freien und unabhängigen Leben, sind verblasst, der Alltag mit Kindern, Mann und Haus ist zum gewählten Leben geworden. Manchmal blitzen die alten Träume auf, doch der Gedanke, das jetzige Leben zu verlieren, ist zu schmerzhaft, sie hat sich eingerichtet.

«Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird.»

Als die Ehe zerbricht, kommt eine neue Dynamik in ihr Leben. Die neugewonnene Freiheit wirkt sich auf allen Ebenen aus, eröffnet neue Möglichkeiten. Fast fühlt sie sich, als wäre das Leben dazwischen nur ein Intermezzo gewesen, nach welchem sie nun nahtlos an die Jugendzeit anknüpft. Nun reift auch der Wunsch, endlich das Buch zu schreiben, das sie schon so lange in sich trägt. Annie Ernaux will erzählen, von all dem, was war, von sich, von der Zeit.

«Es gab keine unsagbar schöne Welt, die wundersamerweise durch eine inspirierte Sprache zum Vorschein kommen würde, sie hatte nur ihre eigene Sprache zur Verfügung, die Sprache aller, sie war da einzige Werkzeug, mit dem sie sich gegen das, was sie empörte, auflehnen konnte. Das zu schreibende Buch würde ihr Beitrag zur Revolte.»

Über viele Jahre hat Annie Ernaux Notizen angehäuft, Tagebucheinträge und Fotos gesammelt. Sie sucht nach der richtigen Form für ihr Buch, sie sucht nach der passenden Sprache, um ihr Leben zu erzählen und wie dieses in die Zeit gebettet war. Sie verbindet persönliche Erfahrungen mit politischem Zeitgeschehen, zeichnet ein Bild der sozialen Schichten und den jeweiligen Gebräuchen in denselben. Sie webt aus den verschiedenen Fäden einen Teppich ihres Lebens und der Zeitspanne, die dieses überdauerte.

Fazit
Ein persönliches Buch über das eigene Leben und wie es in die Zeit gestellt ist. Sehr empfehlenswert!

Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter

Inhalt

„Ich schäme mich, weil ich Mutter angerufen hatte. Es war gegen die Regeln, aber ich hatte es trotzdem getan. Ich hatte gegen ein Verbot, das ich mir selbst auferlegt hatte, und gegen ein Verbot, das mir auferlegt worden war, verstossen.“

Die Künstlerin Johanna verlässt den frischgebackenen, angemessen Ehemann und die gutbürgerliche Familie, um in Amerika mit ihrer grossen Liebe, einem Künstler, ein neues Leben aufzubauen. Nach 30 Jahren ohne Kontakt zu ihrer Familie kehrt sie wegen einer Ausstellung ihrer Bilder in ihre Heimat zurück und möchte die Vergangenheit mit ihrer Mutter aufarbeiten. Sie ruft an, doch Mutter drückt sie weg. Sie verweigert den Kontakt. Ein Versteckspiel beginnt.

Ein Roman aus der Tiefe des Ichs einer verletzten Tochter, die von vielen offenen Fragen geplagt wird und nach Antworten sucht. Eine Erzählung aus der Sicht einer Tochter, die sich in inneren Monologen klarzuwerden versucht, wer diese Mutter wirklich war und heute noch ist. Ein Roman ums Mutter- und Tochtersein, um Schuld und Verpflichtung, um Familie und Eigenständigkeit. Packend, einnehmend, grossartig.

Gedanken zum Buch

«Ich fahre schweissnass aus dem Schlaf hoch und begreife, dass unsere frühere Beziehung in mir überlebt hat, dass die Abhängigkeit, in der ich einmal zu ihr stand und die ich gleichzeitig geliebt und verabscheut habe, in mir lebt.»

Beziehungen, gerade solche, die schwierig waren, würden wir oft gerne hinter uns lassen. Wir möchten das Schwere vergessen, die Vergangenheit abhaken, nach vorne schauen, unbeschwert. Meist ist das nicht so leicht, schon gar nicht, wenn es sich bei der Beziehung um die zur eigenen Mutter handelt. Sie hängt einem nach, meist ein Leben lang, egal, ob man real Kontakt zu ihr hat oder nicht, egal, ob man die Beziehung als störend, verstörend gar, vielleicht auch verletzend empfand. Sie ist und wird es immer bleiben: Die Mutter. Schon in dem Wort stecken Bilder, Hoffnungen, (erfüllte und noch mehr unerfüllte) Sehnsüchte – und mit allem muss man sich irgendwie zurechtfinden.

«Mutter hat sich längst mit dem Tochterverlust abgefunden. Sie will das Beste aus ihrem Leben machen. Warum finde ich mich nicht mit dem Mutterverlust ab? Ich finde mich mit dem Mutterverlust ab, aber ich finde mich nicht damit ab, dass Mutter sich mit dem Tochterverlust abgefunden hat?»

Ist es für eine Mutter möglich, zu sagen, sie habe kein Kind mehr? Kann eine Mutter ihr Kind einfach vergessen, ihr Leben weiterführen, als hätte es dieses Kind nie gegeben? Wie geht man als Kind mit einem solchen Gedanken um? Wie fühlt es sich als Kind an, von der eigenen Mutter vergessen worden zu sein, der Mutter, die man im Gegenzug nicht aus den eigenen Gedanken bringt, egal, wie sehr man es möchte? Wünscht man sich, dass sie sich genauso quält wie man selbst? Weil man denkt, so wenigstens einen Stellenwert bei ihr zu haben, wie sie ihn bei einem selbst hat? Oder ist es eine Form der Rache? Sie soll keine Ruhe haben, weil sie mir keine lässt?

«Sie kann es nicht geschafft haben, mich so in sich zu töten, dass sie nicht mehr wissen will, wie es mir geht. Aber ich weiss, dass sie nicht ans Telefon kommen wird, ich habe es ja probiert, und trotzdem rufe ich an.»

Es ist kaum zu glauben, dass es einer Mutter gelingen sollte, das eigene Kind in sich abzutöten, indem sie es so weit verdrängt hat, dass es de facto nicht mehr existiert. Der Gedanke, von dem Menschen vergessen worden zu sein, dem die bedingungslose Liebe in die Rolle geschrieben ist, schmerzt. Die Verzweiflung, die aus dieser Verleugnung, dieser Verdrängung wächst, hat etwas Monumentales, denn sie ist nicht vorgesehen in unserem Bild vom Leben, vom Muttersein, vom Kindsein.

«…ich bin die verlorene Tochter, die heimgekehrt ist, aber niemand nimmt sie in Empfang, das ist meine Schuld.»

Die biblische Geschichte vom heimgekehrten Sohn hält dieses Bild aufrecht. Der Sohn, der ging, der alles hinter sich liess. Als er wiederkommt, wird er mit einem Fest und mit Freude empfangen. Was, wenn dieses Bild falsch ist? Wenn dieses Bild nicht auf einen selbst und die Mutterbeziehung passt? Was, wenn man die Tochter ist, die nicht mehr heimkehren kann, weil die Tür zubleibt? Wie viel gerät da ins Wanken?

«Mutter, ich erdichte dich mit Wörtern, um ein Bild von dir zu haben.»

Das Buch «Wahrheiten meiner Mutter» stellt die Mutter-Tochter-Beziehung in Frage. Es wirft Fragen auf und zeigt die innere Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrer Mutter, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, ihn aber wieder aufnehmen möchte. Die Vergangenheit hat offene Fragen zurückgelassen, doch die Antworten bleiben aus, weil die einzige Person, die sie geben könnte, sich verweigert. Die Mutter schweigt. Der Tochter bleibt nur, sich ihr eigenes Bild der Mutter zu zeichnen. Ob sie dabei die Wirklichkeit trifft oder nicht, bleibt offen.

Persönliches Fazit

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Es regte mich zum Nachdenken, zum Nachfühlen an, als ich zum Ende kam, wollte ich einerseits wissen, wie alles aufgelöst wird – glaubend, dass es kein wirkliches Ende geben konnte –, aber ich wollte es auch herauszögern, weil ich nicht aus dieser Welt auftauchen wollte, in der ich mich so tief drin fühlte. Grossartig!

Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens

Inhalt

«Das Leben ändert sich schnell
Das Leben ändert sich in einem Augenblick.
Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben,
das man kennt, hört auf.
Die Frage des Selbstmitleids»

Joan Didions Mann stirbt bei einem Nachtessen an einem Herzinfarkt, ein Tod aus dem Nichts, den sie lange nicht fassen kann, nicht wahrhaben will. In diesem Buch erzählt sie vom Tod und seinen Hinterlassenschaften, von ihren Gefühlen, von ihrem Erleben, von all den Dingen und Begebenheiten, die sich mit und nach dem Tod eingestellt haben.

«Leid kommt, wenn es eintrifft, in nichts dem gleich, was wir erwarten.»

Sie schreibt dicht aus dem Leben, dem Denken und Fühlen entlang. Sie entlarvt ihre eigenen Gedanken und Gefühle schreibend, versucht, sie so selbst zu verstehen. Sie erklärt, wieso sie in Situationen handelte, wie sie es tat, sie hatte Gründe, die erst im Nachhinein klar wurden. Sie erkennt die Mechanismen und Ängste, die in allem stecken, sie ordnet ihre Reaktionen ein.

«Dies ist ein Fall, in dem ich mehr als Worte brauche, um den Sinn zu finden. Dies ist ein Fall, in dem ich alles brauche, was die Fassade durchdringt oder durchdringen könnte, wenigstens für mich.»

Entstanden ist ein feines, stilles, zum Nachdenken anregendes Buch, das ohne Pathos oder Selbstmitleid vom persönlichen Umgang mit dem Tod spricht. Ein Buch, das zu Herzen geht, weil es von Herzen kommt.

Gedanken zum Buch

«Leid ist anders. Leid kennt keinen Abstand. Leid kommt in Wellen, in Anfällen, in plötzlichen Befürchtungen, die die Knie weich machen und die Augen blind und den Alltag auslöschen.»

Leid lässt sich nicht planen. Es lässt sich auch nicht steuern. Leid kommt und ist dann unmittelbar da, trifft den Menschen mit ganzer Wucht, durchdringt all seine Zellen. Leid ist kein Zustand, es ist ein Aufwallen und langsames Abebben – bis zum nächsten Mal. Im Leid prägt dieses alles, was passiert, es ist überall Teil, ein bestimmender, alles übrige einfärbender.

«Natürlich wusste ich, dass John tot war… Trotzdem war ich keineswegs darauf vorbereitet, diese Nachricht als eine endgültige zu akzeptieren: Es gab eine Ebene, auf der ich glaubte, dass das, was passiert war, rückgängig gemacht werden konnte. Deshalb musste ich allein sein… Ich musste allein sein, damit er zurückkommen konnte. So begann mein Jahr des magischen Denkens.»

Joan Didion zögert, Johns Schuhe und anderen Dinge wegzugeben. Er würde sie brauchen, wenn er zurückkäme. Sie zögert mit allem, was den Tod offensichtlich, unwiderruflich macht. Die Logik des Verstands ist ausgeschaltet, die diffuse Hoffnung, jegliche Wahrscheinlichkeit entbehrend, behält die Oberhand.

«Hatte er mich nicht immer ermahnt, wenn ich mein Notizbuch vergessen hatte, dass die Möglichkeit, einen Gedanken sofort zu notieren, ausschlaggebend war für den Unterschied zwischen Schreiben-können und Nicht-schreiben-können?»

Schreiben ist für Joan Didion das, was sie ausmacht. Von Kind an steht diese Berufung fest, sie ist die Konstante das ganze Leben hindurch. Mit John Dunne hat sie einen Mann an ihrer Seite gehabt, der sein Leben ebenso dem Schreiben widmete wie sie selbst. Neben gemeinsamen Projekten gab es auch die je eigenen, bei denen der jeweils andere aber immer Anteil hatte. Das Schreiben bleibt auch nach dem Tod von John Dunne zentral. Es ist Halt, es ist Mittel, zu verdrängen, aber auch Mittel, um sich dem Verstehen anzunähern.  

«Ich war mein Leben lang Schriftstellerin. Als Schriftstellerin sogar als Kind und lange bevor das, was ich schrieb, überhaupt veröffentlicht wurde, entwickelte ich ein Gefühl dafür, dass der eigentliche Sinn bereits im Rhythmus der Worte und Sätze und Abschnitte angelegt ist; eine Technik, um genau das zu verschweigen, was sich, wie ich vermutete, hinter der immer undurchdringlicheren Fassade befand. Die Art, wie ich schreibe, ist das, was ich bin oder geworden bin.»

Fazit
Ein stilles, ruhiges, persönliches, nachdenkliches und zum mitfühlen und -denken anregendes Buch.

Judith Kohlenberger: Das Fluchtparadox

Über unseren widersprüchlichen Umgang mit Vertreibung und Vertriebenen

Inhalt
Hannah Arendt beschrieb die Menschenrechte einst als «das Recht, Rechte zu haben». Dieses Recht müsste jedem Menschen zustehen, würde aber genau da ausser Kraft gesetzt, wo es den grössten Bedarf gäbe: Bei den Flüchtlingen. Judith Kohlenberger hat einen ähnlichen Ansatz, wenn sie schreibt:

„Grundrechte kann man nicht einfach für die einen abstellen, während sie für die anderen weiter gelten. Sie sind, wie Maya Angelou, die amerikanische Schriftstellerin und Ikone der Bürgerrechtsbewegung, so treffend formulierte, wie Luft: Entweder alle haben sie – oder niemand.“

In ihrem Buch «Das Fluchtparadox» widmet sie sich der paradoxen Situation rund um das Thema Flucht. Sie beleuchtet die Widersprüche, die darin verborgen sind, macht die Not und das Leid der Flüchtenden sichtbar sowie die Hürden, mit denen sie zu kämpfen haben. Menschen, die aus ihrer Heimat müssen, setzen ihr Leben aufs Spiel, um an einen sicheren Ort zu kommen, wo sie nicht wirklich gewollt sind. Einerseits sollen sie sich integrieren, andererseits aber bitte unsichtbar bleiben. Dieses und weitere Paradoxe sind zentrale Themen, die an aktuellen Beispielen wie Syrien, der Ukraine und vielen anderen deutlich gemacht werden.

Kohlenberger gelingt eine differenzierte, sachliche, informative Analyse unseres Umgangs mit Flüchtlingen, sie legt den Finger in die Wunden der heutigen Regelungen und beleuchtet, wo wir versagen, weil wir unserer Verantwortung nicht gerecht werden.

Gedanken zum Buch

„Vertrieben zu sein verdeutlicht in seiner passiven Form nämlich, dass man keine Wahl hat, dass man den Umständen, die zum Aufbruch zwingen, unterworfen ist.“

Wie oft hört man, dass Flüchtlinge doch bitte dankbar sein sollen, dass sie aufgenommen werden, Forderungen und Ansprüche seien da fehl am Platz. Aber auch – oder gerade – Flüchtlinge haben Bedürfnisse. Sie sind die Vertriebenen, welche keine Heimat mehr haben, die oft ihre Familien und liebsten Menschen hinter sich lassen mussten. An den Umständen, dass es soweit kam, sind wir westlichen Länder oft nicht unschuldig. Wir haben mit unseren globalen, wirtschaftlichen Machenschaften dazu beigetragen, dass arme (und oft) korrupte Länder ausgebeutet werden. Wir haben ihnen ihre Ressourcen genommen und sie im Elend zurückgelassen. Aus diesem Elend sind nicht selten Unruhen entstanden oder die Lebensbedingungen wurden sonst unzumutbar.

Wenn nun diese Menschen fliehen und bei uns Zuflucht suchen, wäre es in unserer Verantwortung, dafür auch geradezustehen, im Wissen, was wir an Schuld auf uns geladen haben. Doch wir verschliessen die Augen. Wir wollen unseren Wohlstand schützen (der auch auf der Ausbeutung generiert wurde), und ihn nicht von den Flüchtlingen gefährdet sehen, weil wir teilen müssten.

Wir stellen Grenzen auf und Forderungen an die Menschen, die kommen, Forderungen, die in sich paradox und teilweise menschenverachtend sind.

„…worum es in der Asyl- und Migrationsfrage eigentlich gehen sollte: nicht um Almosen, um Akte der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, zu der wir uns durch Bilder von Leid, Elend und absoluter Verzweiflung bemüßigt fühlen, sondern um Rechte.“

Es muss sich etwas ändern, und zwar dringend. Wir müssen die strukturelle Ungerechtigkeit erkennen und unsere Verantwortung anerkennen. Menschen müssen Rechte haben. Alle Menschen. Sie müssen ein Recht auf diese Rechte haben, die ihnen niemand nehmen darf, weil sie Menschen sind.

Fazit
Ein sachliches, informatives, differenziertes Buch zu einem aktuellen und brennenden Thema.

Franz Hohler: Das Jahr, das bis heute andauert

Ein Gespräch mit Klaus Siblewski

Inhalt

«Alles, was man selbst erlebt hat, fliesst mit ein in das, was man erzählen möchte. Ich denke, das gilt für die Literatur, das gilt aber auch für die bildende Kunst, die Musik. Schreiben schliesst alles mit ein, ob man es merkt oder nicht.»

Franz Hohler spricht mit Klaus Siblewski über seine Herkunft, seine Familie und sein Aufwachsen. Er erzählt von seinem Weg hin zum Schriftsteller, von seinen einzelnen Stationen und verschiedenen Projekten. Er lässt den Leser teilhaben an seinem Schreibprozess, an Gedanken hinter und zu seinen Büchern, bietet Einblicke in sein Leben und Schaffen. Ein sehr persönliches Buch, das sich mit den verschiedensten Themen beschäftigt, das von Hunden und Spaziergängen, von Fussball und Herkunft, von Ideen und deren Weiterentwicklung, und immer auch vom Schreiben handelt.

Gedanken zum Buch

«Jetzt mache ich ein Jahr lang Auftritte und schreibe, dann sehe ich weiter. Für dieses Jahr meldete ich mich von der Universität ab, und dieses Jahr dauert bis heute an.»

Franz Hohler studierte Germanistik und Romanistik, schrieb daneben kurze Texte, Lieder, Monologe und kleine Szenen. Ihm kam der Gedanke, diese auf die Bühne zu bringen, was ein grosser Erfolg wurde. Obwohl seine Eltern lieber gesehen hätten, wenn er zuerst das Studium abschliesst und dann ein Leben als Schriftsteller ausprobiert, entschied er sich für den anderen Weg: er wollte ein Jahr lang ausprobieren, ob er mit dem Schreiben weitere Erfolge habe, ansonsten ginge er an die Uni zurück. Mittlerweile schaut er auf einige Jahrzehnte dieses freien Schaffens zurück, entstanden sind mehrere Erzählbände, Romane und Bühnenprogramme.

«Für mich war die Welt der Phantasie von grosser Bedeutung. Dort habe ich meine Sujets gesucht, und in der Phantasie ist auch die Groteske daheim. Die Phantasie half mir vorzustellen, wie etwas sein könnte, und nicht bei dem stehen zu bleiben, wie es war.»

Wir gehen durchs Leben und sehen die Welt, wie sie sich uns darstellt. Wir erleben Situationen und nehmen sie für die Realität. Doch ist das alles? Könnte nicht vieles auch anders sein? Könnten aus der scheinbaren Realität nicht viele Möglichkeiten entstehen, wie es auch sein könnte? Was wäre, wenn sich etwas ändern würde? Was wäre, wenn man sich an einem Punkt des Lebens anders entschieden oder die Geschichte einen anderen Gang genommen hätte? Die Fantasie ist ein Türöffner in all die Welten, die hinter der eigentlichen, der sichtbaren, verborgen schlummern und nur darauf warten, entdeckt zu werden. Durch die Fantasie wird eine Vielzahl von Möglichkeiten zum Leben erweckt – realistische, surreale und groteske.

«Ich blickte jetzt auf die Welt, in der ich mich aufhielt. Ich habe immer stärker daran zu glauben begonnen, dass das, was du siehst und erlebst, wenn du aus dem Haus rausgehst, dein Gartentor öffnest und hinter dir lässt, dass dort die Welt beginnt, gleich hinter dem Gartentor oder schon im Garten. Und dass das, was du im Normalbetrieb siehst, die Welt ist, so wie sie ist, und dass es sich lohnt, diese Welt zu beschreiben.»

Aber auch die Welt selbst bietet viel für den, der die Augen offenhält. Wie oft laufen wir durch sie hindurch, sind in Gedanken vertieft und im Geist an einem anderen Ort? Wie oft verpassen wir so das Leben um uns, die kleinen Besonderheiten, die sich im Alltäglichen verbergen? All dies sieht Franz Hohler und beschreibt es in seinen Büchern. Er erzählt von Spaziergängen und davon, was er am Wegesrand sieht, er erzählt von Begegnungen, Eindrücken, Gegenständen und Menschen. Es sind keine spektakulären Berichte von herausragenden Geschehnissen, sondern die kleinen feinen Alltagsbeobachtungen, denen er seine Aufmerksamkeit widmet und dadurch die des Lesers weckt.

«Wir gehen dauernd durch Geschichten. Jeden Tag streifen wir Geschichten, erleben Geschichten, aber bemerken es nicht.»

Es sagte mal jemand, dass der, welcher seine Kindheit überlebt hätte, genug Material zum Schreiben für ein ganzes Leben hätte. Geschichten machen das Leben aus, durch Geschichten erzählen wir uns, wer wir sind und was wir erlebt haben. Geschichten gehören zum Menschsein dazu, sie dienen dem Bewusstwerden der eigenen Existenz. Von Joan Didion stammt der Ausspruch, dass wir uns Geschichten erzählen, um zu leben. Geschichten machen unser Menschsein aus, sie gehören zu unserer Existenz. O5Max Frisch führte den Gedanken fort und sagte, dass wir uns Geschichten erzählen und sie für unser Leben halten. Die Geschichten, die wir uns erzählen, sind nie die ganze Wahrheit, es sind kleine Auszüge aus einem grossen Ganzen, das wir selten wirklich überblicken. Aus dem Grund sind da immer noch viele andere Geschichten im Verborgenen, die wir ausgraben und erzählen könnten.

«Jede Seite wurde so lange geschrieben und wieder geschrieben, bis keine Korrekturen mehr nötig waren. Das mehrmalige Schreiben jeder Seite hat den Vorteil, dass ich in den Schreibfluss hineinkomme und jedes Wort persönlich kenne.»

Jeder Schriftsteller hat seinen eigenen Schreibprozess, der für ihn stimmt. Die einen machen erst genaue Skizzen, wie alles sich entwickelt, um es dann niederzuschreiben, andere schreiben darauf los, um zu sehen, wo die sich entwickelnde Geschichte sie hinführt. Franz Hohler gehört zur zweiten Sorte. Er geht von einer Idee aus und kennt am Anfang das Ende noch nicht – er lässt sich von der sich entwickelnden Geschichte selbst überraschen. Dieses Überraschende, dieses Suchen nach der in der Idee verborgenen Geschichte, macht das Schreiben spannend, so Hohler. Was auf den ersten Blick nach reinem Zufall aussieht, ist auf den zweiten Blick, wenn es um die Sprache geht, alles andere als zufällig, sondern Arbeit, eine Art Komposition mit Worten. Franz Hohler feilt an einzelnen Ausdrücken und Sätzen, bis der Lesefluss zur Geschichte passt. Er zielt auf eine innere Stimmigkeit von Wort, Satz, Melodie.

Fazit
Ein persönliches Buch über das Leben und Schreiben des Schriftstellers Franz Hohler, ein Blick hinter die Kulissen, der ein lebendiges Bild des Menschen hinter den vielen Erzählungen, Romanen und Bühnenstücken zeigt.