Eine Geschichte: Alles aus Liebe (0)

Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse!
Friedrich Nietzsche

Einleitung

Hertha Müller schrieb mal, Schreiben sei ein innerer Halt. Ich gebe ihr recht und weiss nicht genau, wieso. Woran halte ich mich, während ich all das hier schreibe? Wo finde ich etwas, woran ich mich halten kann? Würde ich sonst fallen. Wohin? Ist es so schlimm, zu fallen? Was macht mir Angst? Oder bin ich schon unten und will hoch? Suche ich einen Halt, an dem ich mich hochziehen kann? Vielleicht ist der Halt auch von einer anderen Art: Durch das Schreiben werden Dinge fassbarer, die vorher lose und vage umherschwirrten. Vorher verwirrten sie mein Hirn, weil sie nicht zu greifen, nicht zu begreifen waren.  

Hannah Arendt schrieb, sie denke ohne Geländer. Sie verzichtet also auf den Halt. Sie meinte damit, dass sie ihre eigenen Gedanken dachte, ohne sich auf andere zu stützen oder an sich an diese zu halten. Kant beschwor den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Greife nicht auf schon Gedachtes zurück, sondern schau frei und frisch nach vorne. Es scheint, die eigenen Pfade sind nicht die einfachen. Sie sind nicht vorgespurt. Sie bergen Risiken.

Schreiben heisst für mich, verstehen. Durch das Aufschreiben stehen die Dinge vor Augen, ich kann sie betrachten und sie sagen mir etwas. Schreiben in dem Sinne soll mir etwas sagen. Und es ist ein Ausdruck dessen, was in mir ist. Bei dem hier Geschriebenen geht es nicht um Schuld, Klage oder Anklage, auch wenn das ab und zu so klingen mag. Es geht darum, zu verstehen, was gewesen sein könnte. Und vielleicht lässt sich daraus ableiten, was ist.

Schreiben muss wahrhaftig sein. Dem verpflichte ich mich. Das hier ist keine Autobiografie. Es ist nicht die Wahrheit, aber auch keine Lüge. Es ist ein Versuch, eine Geschichte zu erzählen. Stück für Stück, wie sie sich zeigen will.

(„Alles aus Liebe“, Einleitung)

Werkstattgespräche – Amelie Fried

Foto: Raimund Verspohl

Amelie Fried wurde 1958 in Ulm geboren. Nach Schule und Studium fing sie beim Fernsehen an, wo sie in verschiedenen Gefässen und unterschiedlichen Rollen über 35 Jahre blieb. Erinnerungskultur ist ihr ebenso ein Anliegen wie ihr Engagement für ein Kinderhospiz. Neben ihrem eigenen Schreiben leitet sie mit ihrem Mann, dem Drehbuchautor und Schriftsteller Peter Probst Schreib-Workshops.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Geboren in ein bildungsbürgerliches Elternhaus in Ulm, aufgewachsen mit Kunst, Theater und vielen Büchern. Abitur mit 16, lange nicht gewusst, was tun, alles Mögliche ausprobiert, beim Fernsehen gelandet, Moderatorin der ersten bundesweiten Talkshow „Live aus der alten Oper“ geworden, danach weitere 35 Jahre moderiert. Mann gefunden, zwei Kinder bekommen, Mann behalten. Mitte der 90er Jahre das erste Buch veröffentlicht, über Nacht zur Bestsellerautorin geworden, seither fast 30 Bücher geschrieben oder herausgegeben. Glückskind, dankbar.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Als ich elf war, las ich das Kinderbuch „Harriet, Spionage aller Art“ von Louise Fitzhugh. Es erzählt von der elfjährigen Harriet in New York, die – da sie plant, Schriftstellerin zu werden – ein Tagebuch führt und sich regelmäßig im Geschirraufzug der elterlichen Wohnung versteckt, um Gespräche der Erwachsenen zu belauschen. Das scharfsinnige Mädchen schreibt über deren seltsames und widersprüchliches Verhalten und notiert auch wenig Schmeichelhaftes über ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Als denen das Tagebuch in die Hände fällt, wird Harriet gemobbt und ausgegrenzt. Ich begriff: Schriftstellerin zu sein bedeutet, eine machtvolle Waffe zu besitzen. Worte können viel. Sie können trösten und erfreuen, aber auch zerstören und verletzen. Sie können den Leser in eine fremde Welt entführen, ihm die Augen öffnen oder ihn zum Weinen bringen. Worte können – gesprochen, geschrieben oder gelesen – etwas bewirken.

Als ich das Buch zuklappte, wusste ich, dass ich Schriftstellerin werden wollte.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Zu Beginn habe ich eher intuitiv drauflos geschrieben, was viele Jahre gut funktioniert hat. Dann begann ich, gemeinsam mit meinem Mann Peter Probst (ebenfalls Autor und Drehbuchautor) Workshops in Kreativem Schreiben zu geben. Dafür musste ich mich mit der Theorie des Schreibens auseinandersetzen und erstmals reflektieren, was ich da eigentlich mache. Prompt erlebte ich eine Schreibblockade, die ich zum Glück inzwischen überwunden habe. Seither plane und strukturiere ich meine Arbeit besser und merke, dass es nicht schaden kann, sich an die Tipps zu halten, die wir unseren Workshop-Teilnehmerinnen geben!

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich mache Notizen auf Papier, egal welchem, aber der eigentliche Schreibprozess findet vom ersten Wort an auf dem Laptop statt.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit oder stören dich andere Menschen nicht?

Ich brauche, vor allem zu Beginn eines Buches, absolute Ruhe und Einsamkeit. Manchmal ziehe ich mich sogar für einige Wochen an einen abgeschiedenen Ort zurück, wo ich manchmal tagelang mit keinem Menschen spreche. Sobald die Geschichte Form annimmt und ich das Gefühl habe, sie in den Griff zu bekommen, kann ich auch wieder zuhause in meinem Arbeitszimmer schreiben und zwischendurch andere Termine wahrnehmen oder Menschen treffen.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ich bin der Thomas Mann-Typ, also feste Zeiten, gleicher Ort, bloß kein Chaos. Manchmal muss ich die Wohnung aufräumen, bevor ich anfangen kann, zu schreiben.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Das Plotten und Strukturieren von Handlung bereiten mir Mühe. Ich werde beim Schreiben gern von mir selbst überrascht, deshalb ist bei mir – trotz besserer Planung als früher – immer noch Raum für Unerwartetes.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Eine Schriftstellerin ist eigentlich immer im Dienst, ihr ganzes Leben ist Recherche. Selbst unangenehme Situationen haben den Vorteil, dass ich sie irgendwann verwenden und dadurch positiv nutzbar machen kann. Bei mir gibt es die Unterteilung in Arbeit und Freizeit nicht. Ich habe auch keine Hobbies – meine liebste Tätigkeit ist das Schreiben.

In deinem neuesten Roman „Der längste Sommer ihres Lebens“ schreibst du von einer Frau, die ihre Träume verwirklichen will und dabei von allen Seiten Gegenwind bekommt. Was hat dich daran gereizt?

Eigentlich schreibe ich über eine Familie, also drei Frauen aus drei Generationen, die alle ihre sehr eigenen Vorstellungen vom Leben haben. Die Tochter radikalisiert sich als Klimaaktivistin ausgerechnet in dem Moment, als ihre Mutter sich um das Amt der Bürgermeisterin bewirbt. Die Großmutter, Matriarchin des familieneigenen Autohauses, findet die Ambitionen beider Frauen absurd, sie will, dass die beiden das Unternehmen weiterführen. Auch Vater und Bruder haben natürlich eine Haltung zum Aktivismus der Tochter, die immer riskantere Dinge tut und sich schließlich sogar in Lebensgefahr bringt. In diesem familiären Spannungsfeld entladen sich Konflikte, die stellvertretend für die Konflikte unserer Gesellschaft stehen und gleichzeitig spannend und unterhaltsam zu lesen sind.

Claudia will ihren Traum verwirklichen, als sie sich zur Wahl stellt. Schon Cora in „Traumfrau mit Ersatzteilen“ hatte Träume, die sie in Angriff nehmen wollte. Was sind deine Träume?

Ich habe meine Träume eigentlich alle verwirklicht, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich würde gerne noch eine Weile weiterschreiben, mit meinem Mann ein paar schöne Reisen machen und mich vielleicht irgendwann auf Enkelkinder freuen. Und ich hoffe, dass die sich zuspitzende Weltlage all das überhaupt noch zulassen wird…

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in einzelnen Figuren drin?

Meine Romane spiegeln immer etwas von der Lebensphase wider, in der ich mich gerade befinde, aber sie erzählen nicht mein Leben. Auch in vielen Figuren steckt etwas von mir oder den Menschen in meiner Umgebung, aber ich entwickle das immer literarisch weiter. Goethe hat schon recht: Jeder Autor blickt durch seine eigene Brille auf die Welt, und sein Schreiben durchläuft den Filter der Persönlichkeit und individuellen Lebenserfahrung.

Zusammen mit deinem Mann machst du Workshops zum kreativen Schreiben. In Deutschland ist die Meinung, Schreiben müsse man nicht lernen, sondern man hätte dafür Talent oder nicht, immer noch verbreitet. Woher kommt das deiner Meinung nach? Oder anders: Kann man literarisches Schreiben wirklich lernen?

Eine gewisse Grundbegabung fürs Erzählen und den Umgang mit Sprache ist schon Voraussetzung, aber darüber hinaus kann man vieles lernen. Es gibt dramaturgische Modelle und Tools, die einem helfen, eine Geschichte zu strukturieren, spannend zu erzählen und glaubhafte Figuren zu erschaffen. Aber wir bilden in unseren Workshops keine Nobelpreisträger aus, sondern Menschen, die Spaß am Schreiben haben und sich weiter entwickeln wollen. Manche wollen gern publizieren, andere eine Geschichte nur für sich oder ihre Familie erzählen. Wir holen alle da ab, wo sie stehen, und unterstützen sie in ihrer Entwicklung.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Ein Buch muss mich reinziehen und durch originelle Einfälle fesseln, die Charaktere müssen mich interessieren, die Handlung soll mich überraschen. In welchem Genre das stattfindet, ist eigentlich egal, ich lese alles vom Krimi bis zur Hochliteratur. Nur langweilen darf es mich nicht.

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Zu uns in den Schreibkurs zu kommen. Danach weiß er oder sie auf jeden Fall, ob und wie es weitergehen könnte.

T.M. Logan: The Parents

Dein Kind ist weg. Dein schlimmster Alptraum beginnt.

«..ich erkenne diesen wütenden, verängstigten Jungen, der mir gegenübersitzt, nicht wieder. Was hast du getan, Connor? Was hast du getan?“

Stell dir vor: Das Kind deines Bruders ist weg. Dann merkst, das ist da, aber deins ist weg. Irgendwann taucht dieses auf, aber ein drittes ist verschwunden – und bleibt es. Plötzlich ist dein Kind in Verdacht, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben. Alle wenden sich ab. Die Stricke ziehen sich zu. Du denkst, das kann nicht sein. Nicht dein Kind. Du kennst es. Stimmt das bei Teenagern? Dir wird bewusst, wie wenig du noch weisst von deinem Kind. Und da ist die offene Frage: Wo ist das verschwundene Kind? Was ist passiert und was hat dein Kind damit zu tun? 

«Man schliesst uns aus, und ich habe das Gefühl, als wüssten die anderen etwas über meinen Sohn, von dem ich keine Ahnung habe.“

Eine grossartige Idee, die mich gleich gepackt hat. Sie hält mich auch beim Lesen, als es etwas zäh wird. Plötzlich wird nur noch geredet, gesucht, geredet, nachgedacht, wieder geredet. Viele Namen, viele Hintergründe, Zusammenhänge. Die Figuren bleiben dabei merkwürdig unscharf. Die Handlung nimmt lange keine Fahrt auf. Schade!!! Das geht besser. Zumal mit einer solchen Idee!

Ich bin ein Schnellabbrecher. Das klappte hier nicht. Logan hat was richtig gemacht. Die Idee zieht. Es wäre mehr gegangen, doch es hat gereicht. ich lese fertig. Und zurück bleibt doch das Gefühl: Das ist ein gutes Buch. Es ist lesenswert, weil es zwar ab und zu an Spannung mangelt, aber doch viel drin steckt, das wir im Alltag vergessen: Wie gehen wir mit unseren Teenagern um? Wie stellt sich die Welt für sie dar? Wie wirken sich soziale Medien und ein Hype auf Einzelne und auf deren Nächste aus? 

Lest es. Spannung ist nicht alles, auch wenn sie hier durchaus vorhanden ist, einfach nicht durchgängig. Bücher sollen eine Botschaft haben. Dieses hat eine.

Katharina Seck: Die Vermesserin der Worte

Dieses Buch ist ein Buch voller poetischer Sätze und tiefer Gedanken. Es ermöglicht ein Eintauchen in die Geschichte von Menschen, die Geschichten lieben, die dafür und davon leben. Es ist eine Hommage an die Welt der Bücher und die des Erzählens. Worum geht es?

Ida ist Schriftstellerin, doch die Worte sind ihr abhandengekommen. Als das Geld knapp wird, nimmt sie eine Stelle als Haushaltshelferin an bei Ottilie, einer alten einsamen Frau, die alle vergrault, die sich ihr nähern – so scheint es. Ida ahnt noch nicht, dass dies für sie all das werden soll, was sie dringend braucht – und sie für Ottilie dasselbe ist. Ein Buch über das Schreiben, die Sprache, über Freundschaft und darüber, dass man Träume leben soll.

Als ich dieses Buch begonnen habe, war ich von der ersten Seite an verzaubert von der Schönheit der Sprache, von den bunten Bildern, die die Autorin damit malt.

„In ihrem Kopf herrschte eine seltsame Leere, ihr Ausdrucksvermögen verflüchtigte sich, und ihr Herz bröckelte mit jedem leeren Blatt und jedem verschwundenen Wort ein wenig mehr vor sich hin.“

Wer mit Herz und Seele schreibt, weiss, was es bedeutet, wenn einem die Wörter ausgehen. Dies passiert Ida am 1. Januar eines neuen Jahres und wirf damit ihr Leben durcheinander.

„Überhaupt war in den letzten Jahren vor der schicksalshaften Silvesternacht alles erträglich gewesen, solange sie nur in ihre Fantasie und das, was sie niederschrieb, eingehüllt war.

Was vorher für sie Lebensinhalt und auch Flucht aus der Welt war, ist nun verschwunden und hinterlässt eine klaffende Lücke. Nicht nur in ihrem Leben, auch in ihrem Portemonnaie. Nur aus diesem Grund nimmt sie die Stelle als Haushaltshilfe auf dem Land an. Bei ihrer Einführung in ihre Tätigkeit kann man schon auf die Idee kommen, dass sie an diesem neuen Ort nicht am falschen Platz, sondern genau an der richtigen Stelle ist:

„Nun, das Gute ist, dass sich in diesem Haus vermutlich mehr Worte verbergen, als sie nur erahnen können. Irgendwo zwischen Putzmittel, Handfeger und Staubfängern, versteht sich.“

Ottilie, die Hausherrin und Idas neue Chefin, soll recht behalten. Die Worte finden sich aber nicht nur im Putzschrank, sondern in tausenden von Büchern, die überall im Haus zu finden sind. Ida trifft aber nicht nur auf Bücher und eine schwer durchschaubare ältere Dame, sondern auch auf ein Geheimnis, das irgendwo in der Geschichte von Ottilie versteckt ist. Dieses will sie ergründen, auch, um Ottilie besser zu verstehen.

„Wenn es einen nach Wundern verlangt, sollte man nicht zu gierig werden.“

Leider passieren die erwünschten Dinge nie von heute auf morgen. Und meist auch nicht alle. Wunder brauchen ihren Raum und ihre Zeit. Eine wichtige Lehre, die Ottilie Ida mit auf den Weg gibt, als diese wieder verzweifelt ist wegen des Verlusts ihrer Worte.

„Was war sie denn schon ohne ihre Fähigkeit, Geschichten zu erzählen? Was war noch von ihr selbst übrig?

Verzweifelt ist sie oft, auch, weil sie sich über ihre Worte definiert. Von Grund auf mit einem geringen Selbstbewusstsein ausgestattet, das von ihrem Vater und dessen Geringschätzung für ihr Tun noch befördert wird, hält sie sich an dem, woran sie wirklich glaubt: Ihre Literatur, ihr Schreiben. Und genau das hat sie nun im Stich gelassen. Woran nun noch glauben?

„Wir sind niemals allein. Wir sind umgeben von Hunderten, ach was, Tausenden Buchcharakteren, was bedeutet, dass man gar nicht einsam sein kann.“

Bücher als Gesellschaft, Figuren aus Erzählungen als Freunde, lesen als Eintauchen in andere Welten, solche, in denen man aufgeht, in denen man sich wohl fühlt. Was für ein schönes Bild.

Dass das Buch am Schluss etwas lang wird, tut dem Lesegenuss keinen Abbruch. Die liebenswerten, authentischen Figuren, die wundervolle Sprache, die herzerwärmende Geschichte bewirken, dass dieses Buch zu Herzen geht und da bleibt.

Werkstattgespräche – Peter Prange

Foto: Gaby Gerster

Peter Prange, 1955 in Altena geboren, tauchte zuerst studientechnisch in die Romanistik, Germanistik und Philosophie ein und promovierte über die Sittengeschichte der Aufklärung. Den Einstieg ins elterliche Bettengeschäft konnte er sich nicht vorstellen, stattdessen versuchte er sein Glück als Unternehmensberater und in der Wissenschaft, um sich dann dem Schreiben zuzuwenden. Mit dem Bernstein-Amulett gelang ihm der Durchbruch, von da an führte er seine Leser mit seinen Geschichten erzählend durch die Jahrhunderte und Jahrtausende, bevölkert die verschiedenen Zeiten mit seinen Figuren und lässt sie so wieder lebendig werden.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Geboren im Sauerland („Wo Misthaufen qualmen, gibt’s keine Palmen“), lebe ich seit meinem Studium in Tübingen, dem Zentrum der Weltabgeschiedenheit – der perfekte Ort, um zu schreiben. Meine persönliche Biografie ist so langweilig, dass ich mein Leben fortwährend durch die Geschichten substituiere, die ich in meinen Romanen erzähle.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich wurde mit einer Dissertation über französische erotische Literatur promoviert: „Das Paradies im Boudoir.“ Welchen Beruf soll man mit einer solchen Ausbildung sonst ergreifen?

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Die Grundideen für meine Bücher fallen buchstäblich vom Himmel auf mich herab, ich kann gar nichts dafür. So kann ich auf die Minute genau bestimmen, wann ich zum Schriftsteller wurde: Am 19. August 1989 um 21:45 Uhr. An dem Tag machte das heute journal mit den Bildern der DDR-Bürger auf, die in Ungarn durch einen Zaun in den Westen flüchteten, Sinnbild des Endes einer Epoche – der Eiserne Vorhang war gefallen. In dem Moment hatte ich die Vision einer Geschichte, die ich selbst gern gelesen hätte: Eine Familie feiert gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ein großes Familienfest, zum Beispiel eine Hochzeit, dann schlägt die Faust Gottes in Gestalt des Kriegsendes in diese Familie hinein und zerstreut deren Mitglieder über ganz Deutschland. Diese brauchen dann ein halbes Jahrhundert, um wieder zusammenzufinden. Die Geschichte des geteilten und wiedervereinten Deutschlands vom Zusammenbruch bis zum Mauerfall. Da niemand sonst diese Geschichte geschrieben hat, musste ich das selbst tun. Dabei herausgekommen ist mein erster Roman, „Das Bernstein-Amulett“. – Ein solcher Einfall stehlt immer am Anfang meiner Romane. Damit stehen die großen Linien fest und es beginnt die Zeit der Arbeit, im Wechselspiel von Imagination und Recherche. Die Etappen dabei sind ein Kurzexposé, in dem ich mir das Warum und Wie der der Geschichte selbst klarmache, dann folgt eine Art Bildertreatment, in der ich Schritt für Schritt die Entwicklung der Handlung wie auch der Protagonisten skizziere, bevor ich mich schließlich an die Ausgestaltung mache.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Es klingt wie ein Witz, aber es ist so: Ich kann nicht schreiben, zumindest nicht von Hand verkrampft, denn dabei verkrampgt sich meine Muskulatur so sehr, dass nur völlig unleserliches Gekrakel dabei herauskommt. Weshalb ich seit den 80er Jahren ausschließlich am PC arbeite. 

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit oder stören dich andere Menschen nicht?

Mein größter Feind ist meine innere Unruhe. Ich kann mich nicht länger als einen Satz lang konzentrieren, weshalb ich alle paar Minuten aufstehe, telefoniere, in meiner virtuelle Caféteria namens Facebook „Freunde“ auf einen Sprung besuche, kurz vor die Haustür trete und nach dem Wetter schaue usw., bevor ich den nächsten Satz schreibe. Das ist anstrengend, aber anders kann ich nun mal nicht. Also habe ich meinen Frieden damit gemacht.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Von Natur aus bin ich faul und undiszipliniert. Also habe ich mir eine extreme Disziplin angewöhnt. Ich frage mich nie, ob ich inspiriert bin oder nicht, die Antwort wäre ja immer dieselbe: morgen, morgen, nur nicht heute … Also betrete ich jeden Morgen pünktlich um neun mein Arbeitszimmer, öffne weit das Fenster und bitte die Muse freundlich zu mir herein, mich zu küssen. Manchmal kommt sie, meistens nicht. Aber nie kann sie behaupten, ich sei nicht dagewesen.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Schreiben ist wahnsinnig anstrengend, oft auch quälend, man ist ja immer allein, hat niemand anderes als Gesprächspartner außer sich selbst – eine Arbeit für jemand, der Vater und Mutter erschlagen hat. Aber ich tue wahnsinnig gern geschrieben haben.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Nein. Nie.

Deine Romane spielen in der Vergangenheit, was reizt dich daran, diese Zeiten wieder aufleben zu lassen?

Die Antwort ist ebenso unoriginell wie zutiefst ernst gemeint: Um zu erkennen, wie ich wurde, der ich bin bzw. nicht geworden bin.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in einzelnen Figuren drin?

Ich denke, die Grundvoraussetzung für einen Autor ist eine solide multiple Persönlichkeit. Meine Protagonisten sind allesamt Ausgeburten meiner eigenen Seele, auch die historischen. Wobei ganz interessant ist, dass mir die Schurken immer leichter fallen als die sogenannten Guten.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Mein Credo lautet: Komplexe Geschichten einfach erzählen, ohne simpel zu sein. Wie andere das einordnen, ist mir mittlerweile egal. Zumal ich Horaz auf meiner Seite weiß. Ich zitiere aus dem Kopf: „Aut delectare aut prodesse volunt poetae, aut simul iocunda et idonea dicere vitae.“ Ars poetica, Vers 333 

Dein Buch „Unsere wunderbaren Jahre“ wurde verfilmt. Wie warst du da involviert? Hast du das Drehbuch geschrieben oder mitgeschrieben? Warst du bei der Auswahl der Schauspieler oder am Set dabei?

Die Antwort auf jede Frage lautet nein. Wenn man die Verfilmungsrechte an einen Produzenten verkauft hat, kann er mit dem Stoff machen, was er will.

Wie war es für dich, dein Buch plötzlich als Film zu sehen?

Überraschend. Ich habe mein Buch kaum wiedererkannt. Aber das ging mir bei der Verfilmung meines ersten Romans „Das Bernstein-Amulett“ nicht anders.

Was treibt dich immer wieder an, noch ein Buch zu schreiben? Oder anders gefragt: Wäre ein Leben ohne zu schreiben denkbar für dich?

Nein. Ich kann und will nichts anderes als schreiben. Und das Schreiben ist so wohltuend anders als das wahre Leben. Beim Schreiben bin ich der manchmal liebe, manchmal böse Gott. Nur ich allein habe das Sagen, alle Figuren hören auf mein Kommando. Na ja, meistens … Oder manchmal … Oder vielleicht auch eher selten … 

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und weiso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Darauf habe ich keine pauschale Antwort. Manchmal fasziniert mich das Thema, ein anderes Mal die Sprache, dann wieder die Geschichte. Idealerweise natürlich, wenn alle drei Aspekte zutreffen. Nur eines darf ein Buch nicht: mich langweilen.

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Die Finger davon zu lassen. Oder, um es mit einem Psalmvers zu sagen: «Und ist es auch köstlich gewesen, so war es nur Mühe und Arbeit.» Soll heißen: Man sollte sich alles vor Augen führen, was das Schreiben eines Buches kostet. Verzicht auf einträglichere Arbeit, Verzicht auf Freizeit und Müßiggang, Leben in Isolationshaft, permanente Selbstzweifel bis zur Verzweiflung und Schreibblockaden, die Angst vor dem Scheitern, das Verlachtwerden durch das Publikum, die Einsicht am Ende, dass das eigentlich alles Quatsch ist, was man da macht, immer wieder Geldsorgen – und nicht zuletzt die Frage, ob man das alles nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Liebsten zumuten will. – Will man nach ehrlicher Selbstprüfung dann immer noch schreiben – nun denn, mit Gottes Segen!

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Für die, welche nun Lust zum Lesen bekommen haben, hier zwei Empfehlungen:

Peter Prange: Der Traumpalast

«Ach, was war das Leben doch für eine grossartige Erfindung… Heute, so seine Hoffnung, würde sein Leben endlich wieder in jene erfreulichen Bahnen zurückkehren, die der liebe Gott oder wer auch immer sein Schicksal leitete, seit Anbeginn der Schöpfung für ihn vorgesehen hatte.»

Rahel, eine junge und mutige Journalistin kämpft für ihren Weg in einer Domäne, die für Frauen nicht vorgesehen ist, Tino, Bankier und Freund der schönen Künste, gründet mit der Ufa ein Pendant zu Hollywood. Als die beiden sich begegnen, treffen

grosse Träume, Freiheitssehnsucht, Liebe und Politik aufeinander. Worauf nun setzen und bauen? Es bleibt kein Stein auf dem anderen und das Leben der beiden nimmt eine ungeahnte Wendung.

Peter Prange: Unsere wunderbaren Jahre

«Stell Dir vor, wir zögen in die Ferne, unser Traumland anzuseh’n… Über uns der Mond und tausend Sterne, unser Glück wär’ traumhaft schön…»

Stell dir vor, du hättest Träume und könntest neu anfangen, die Welt stünde dir offen und du hättest 40 DM Startkapital. So geht es sechs jungen Leuten am Tag der Währungsreform 1948. Jeder sucht sein Glück, jeder geht seinen Weg und jeder ist Kind seiner Zeit und repräsentiert diese. Entstanden ist ein Porträt verschiedener Familiengeschichten und ihrer Verbindungen über Generationen sowie ein episches Bild der  Zeitgeschichte.

Elizabeth Strout: Oh, William!

«So jemanden wie dich gibt es kein zweites Mal auf der Welt… Du fängst Seelen, Lucy.»

Sie waren ein Paar, nun sind sie Freunde: Lucy Barton und William. Als William von seiner aktuellen Frau verlassen wird, ist es Lucy, an die er sich wendet. Auch sie ist wieder allein, nachdem ihr Mann gestorben ist. Zusammen machen sie eine Reise nach Maine, weil William herausgefunden hat, dass er eine Halbschwester hat, von der er nichts wusste. Auf dieser Reise in Williams Vergangenheit erinnert sich Lucy immer wieder an ihre eigene, aber auch an die gemeinsame Vergangenheit mit William.

«Ein klein wenig brach mir der Anblick das Herz. Aber an das Gefühl war ich gewöhnt – es überkam mich nach fast jedem Treffen mit ihm.»

Elizabeth Strout schafft es, mich von der ersten Seite an mitzunehmen auf die Reise. Ich fahre mit Lucy und William in dessen Vergangenheit, finde mich in einer Art Roadmovie im Heute, versetzt mit Erinnerungen an ein gemeinsames Gestern und die Gefühle und Erlebnisse früherer Zeiten. Ich spüre die Verbundenheit der beiden Menschen, fühle ihre Vertrautheit mit den kleinen Eigenheiten des jeweils anderen. Auf eine lesende und dabei mitfühlende Weise verbinde ich mich mit ihnen, wissend, dass ich Williams Sicht immer nur durch Lucy vermittelt sehe. Es ist ihre Interpretation des Ganzen, eine Interpretation, die ich nachvollziehen kann, weil ich mich in vielen ihrer Gedanken wiedererkenne und mir darum vorstellen kann, dass ich die Dinge genauso sähe, wäre ich an ihrer Stelle.

«Trauern ist etwas, ja, etwas so Einsames, das ist vielleicht das Schlimmste daran. Als würde man an der Aussenseite eines gläsernen Wolkenkratzers herunterrutschen, und keiner merkte es.»

Lucy denkt zurück an die gemeinsamen Zeiten, an ihr Leben als Familie mit ihren beiden Töchtern. Sie erinnert sich an Williams Mutter, an die Familiengeschichte. Und sie erinnert sich an die traurigen Momente, an die Situationen, die schlussendlich zum Bruch zwischen William und ihr führten.

«Wobei ich sagen muss, dass ich das amerikanische Klassensystem nie komplett durchschaut habe, weil ich selbst von ganz unten komme, und das wird man nie vollständig los.»

Ein wichtiges Thema, das immer wieder auftaucht, ist der Klassenunterschied. Lucy, aus armen Verhältnissen stammend, traf irgendwann auf William, der aus begütertem Elternhaus kommt. Es ist ein Faszinosum, doch so sehr man sich auch bemüht, die Herkunft haftet sitzt vielen Menschen ein Leben lang im Nacken. Sie webt sich wie eine zweite Haut um einen, die man mit teuren Kleidern verhüllen, aber nie ganz abstreifen kann. Lucy wird sich dessen immer wieder bewusst, vor allem auch, als sie von Williams Mutter zu hören kriegt, dass sie vor ihrer Einheirat in die Familie nichts gewesen sei.

«Ich zweifle an meinem Vorhandensein, das beschreibt es vielleicht noch am ehesten. Die Welt existiert ohne mich, das ist das Gefühl, das ich habe… ich fühle mich, auf ganz grundlegende Weise, für die Welt unsichtbar.»

Aus Lucys Erzählung klingt keine böse Absicht der Schwiegermutter, es wirkt sogar fast, als könne Lucy deren Sicht nachvollziehen, sieht sie sich doch selbst oft als unsichtbar. Umso grösser ist die Überraschung, als William und Lucy auf ihrer Reise in die Vergangenheit von Williams Familie herausfinden, wie seine Mutter aufgewachsen ist: In ärmsten Verhältnissen, abseits des Dorfes und von dessen Bewohnern verstossen.

Elizabeth Strouts Roman fährt nicht mit einer grossen Geschichte auf, es besteht kein Spannungsbogen, nicht mal ein grosser Konflikt lässt sich finden. Doch, vielleicht ist da war: Es sind die eigenen inneren Konflikte und Ambivalenzen, die immer wieder durchdringen. Es sind die Momente, in denen man sich als Mensch selbst im Weg steht.

«Oh, William!» ist eine feine, leise, persönliche Geschichte zweier Menschen, die als Getrennte und doch Verbundene ein Stück Weg gemeinsam gehen und dabei mehr über sich und ihr Leben erfahren. Das Buch lebt von den Gedanken und Gefühlen, die es bei mir als Leser auslöst. Ich stosse auf authentische Menschen, die mir ans Herz wachsen und die ich ein Stück begleiten möchte. Das Einzige, was schade ist bei dem Ganzen: Ich werde mich nach der letzten Seite von ihnen verabschieden und wieder in mein Leben treten müssen. Ein grosses Glück habe ich in dem Fall: Die Geschichte von Lucy und William geht weiter. Und sie hat eine Vorgeschichte. Ich kann also wieder eintauchen.

(Elizabeth Strout: Oh, William!, btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München 2023.)

Cécile Tlili: Ein Sommerabend

«Zwei Jahre zuvor hatte Claudia sich an Étiennes Liebesversprechen geklammert wie eine Schiffbrüchige an das rettende Boot, an das sie nicht mehr geglaubt hatte. Seither hat sie sich Stück für Stück von der Strömung in das kalte graue Meer der Einsamkeit ziehen lassen.»

Zwei Paare treffen sich an einem Abend zum Essen. Ein Abend, der die Trostlosigkeit der eingeschlagenen Lebensentwürfe an den Tag bringt. Nicht Liebe, Freundschaft oder Verbundenheit sind die Werte, die zählen, sondern Erfolg. Etienne hat sich in Claudia eine fügsame Partnerin gesucht, die ihm nicht gefährlich ist, während diese, geplagt von Selbstzweifeln, versucht, sich in ihre Rolle zu fügen. Johar lebt für ihren Job, ihr Mann Remy fühlt sich als Lehrer minderwertig und ungesehen, so dass er sich in eine Affäre flüchtet. Es ist offensichtlich, dass es so nicht weitergehen kann – nur: auszubrechen erfordert Mut.

„Sie mustert sich im Badezimmerspiegel, und sie sieht sich, wie Étiennes Freunde sie sehen werden: eine fade und unbeholfene Frau, eine Frau, die nichts zu sagen hat, eine Frau, die er wahrscheinlich wegen ihrer Hausfrauenqualitäten gewählt hat, keine, die ihn in den Schatten stellen könnte. Gewissenhaft und dumm hat sie alles dafür gegeben, dieser Karikatur zu entsprechen.“

Ich gleite lesend in einen Abend, der von Anfang an wenig freudvoll zu werden verspricht. Étienne hat ihn organisiert, weil er sich für seine berufliche Karriere etwas von Johar verspricht. Claudia fühlt sich im Kreis von Étiennes Freunden unwohl, muss sich aber als Gastgeberin benehmen. Johar hat auf den ganzen Abend keine Lust und ihr Mann Rémi wäre lieber bei seiner Geliebten als bei dem Essen.

Immer wieder steht bei mir das grosse Fragezeichen: Wieso tun die sich das an? Wieso bleibt man in solchen Beziehungen, pflegt man solche Freundschaften, die den Namen nicht verdienen?

«Sie möchte sich unsichtbar machen, und doch trägt sie es allen nach, die sie nicht sehen.»

Claudia hoffte auf Liebe. Sie hoffte, aus ihrer kleinen Welt in eine grössere zu kommen, in der sie endlich gesehen würde. Und merkte bald, dass sie sich noch kleiner fühlt als vorher schon. Auch, weil sie kleingehalten, klein gemacht wird von Étienne, der sich nur für sie entschied, um seine Grösse demonstrieren zu können.

Auch die anderen hatten ihre Träume und Wünsche. Und sind irgendwann gestrandet – auf dem Boden einer Realität, die wenig freudvoll ist.

«Ihr wisst noch nichts von den Kompromissen, die man schliessen muss, um als Paar gegen die Zeit zu bestehen. Ihr seid noch nicht wie Artisten auf dem Seil eurer Liebesgeschichte, immer Gefahr laufend, in die Freundschaft, die Gleichgültigkeit oder den Hass abzurutschen.»

Vielleicht leben viele Menschen in solchen Konstrukten. Irgendwann hat man sich für einen Weg entschieden, ihn eingeschlagen und sich darin eingerichtet. Anfangs merkte man nicht, dass er sich mehr und mehr veränderte, nicht mehr dem entspricht, was man sich einmal erhofft und erträumt hat. Und dann ist es zu spät. Und man bleibt.

Vielleicht hilft diese Geschichte, hinzuschauen, das eigene Leben zu hinterfragen. Vielleicht hilft es, wenn man selbst in einem solchen Leben steckt und es einem beim Lesen bewusst wird. Ich weiss es nicht. Was ich weiss, ist, dass ich hier in eine Geschichte getaucht bin, in welcher mir keine der Figuren wirklich sympathisch wurde. Sie blieben merkwürdig fremd, undurchschaubar, blass. Die Geschichte selbst kann kaum eine solche genannt werden, auch Roman greift zu weit. Es ist höchstens eine Erzählung, eine Momentaufnahme.

Zurück bleibt ein undefinierbares Gefühl.

(Cécile Tlili: Ein Sommerabend, Kein & Aber, Zürich – Berlin 2024.)

Werkstattgespräche – Nelio Biedermann

2003 kam Nelio Biedermann zur Welt und wuchs am Zürichsee auf. Schon früh entdeckte er seine Freude am Schreiben, gewann im Gymasium seinen ersten Wettwerb und wusste: Das will ich weitertun. Schon während seiner Gymnasialzeit erschien sein erster Roman „Verwischte Welt“ und eine Kurzgeschichtensammlung wurde vom Kanton Zürich ausgezeichnet. Aktuell studiert Nelio Biedermann Germanistik und Filmwissenschaften an der Universität Zürich und arbeitet nebenbei als Kellner.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Ich würde über ein Kind schreiben, das sehr viel wahrnahm und fühlte und oft in Gedanken versunken war. Mein Erwachsenenleben ist noch zu kurz für eine Biografie. 

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Zu dieser Frage könnte ich gleich ein nächstes Buch schreiben. Kurz gesagt: Weil es mir mehr erfüllt als alles andere. Der Auslöser war das Buch «The Goldfinch» von Donna Tartt. Nach dieser Lektüre wollte ich irgendwann einmal etwas ebenso Grossartiges schreiben.

In einem Interview hörte ich mal, du hättest im Schreiben endlich gefunden, was du lange gesucht hast. Wie merktest du, dass das so ist? Wie äussert sich das?

Als ich meine erste Kurzgeschichte für einen Wettbewerb meines Gymnasiums schrieb, verschwand ich zwei Tage in meinem Zimmer und tat nichts anderes. Ich war wie in einem Rausch und wusste, dass ich das weiterhin tun möchte. Als ich den Wettbewerb dann auch noch gewann, begriff ich, dass ich das nicht nur gerne tue, sondern auch gut kann.  

Woher holst du die Ideen für dein Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte draus?

Das können sehr kleine Ideen und Gedanken sein, die man immer weiter verfolgen und verknüpfen muss. Tut man das genug lang, wird irgendwann ein Buch daraus. Woher die Anfangsideen dieser langen Assoziationskette kommen, ist rückblickend schwer zu sagen.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ein durchdachtes Gerüst habe ich nie, die Ideen kommen mir meist beim Schreiben selbst. Je länger ich an einer Geschichte schreibe, desto klarer wird das Gefühl dafür, wohin sie sich entwickeln und wie sie enden wird.

Wenn man an Schriftsteller denkt und auch Interviews liest, schreiben viele die ersten Entwürfe von Hand, oft sogar mit dem immergleichen Schreibmaterial (Legal Pad oder Notizbuch und Bleistift oder ein bestimmter Füller). Wie sieht das bei dir aus? Mit Stift oder gleich in die Tasten?

Ich schreibe alles von Hand und tippe es dann kontinuierlich ab. Das hilft mir, im Fluss zu bleiben und den Text schon ein erstes Mal zu überarbeiten, während er sich noch entwickelt.

Wann und wo schreibst du?

Meist schreibe ich spät abends an meinem Schreibtisch, wobei ich «Anton will bleiben» auf einer dreimonatigen Reise durch Südostasien verfasst habe. 

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören dich andere Menschen nicht?

Ich hörte mal, dass Mark Twain immer die Türklinke zu seinem Schreibzimmer abschraubte, um nicht gestört zu werden. In Stille und Einsamkeit zu schreiben, ist sicher einfacher als im Zug; schafft man es, völlig in die Geschichte einzutauchen, geht es aber überall. 

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Die grössten Freuden sind, immer eine Welt zu haben, in die ich mich flüchten kann, jeden Tag etwas zu erschaffen und mich selbst zu fordern. Mehr Mühe als das Schreiben bereitet mir alles, was zum Leben als Schriftsteller dazugehört wie das Beantworten von Mails, das Rechnungen stellen oder das Reisen zu Lesungsorten. 

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Nein, ich schreibe auch in den Ferien. Abschalten will ich gar nicht, ich sauge alles auf. Kann ich nicht schreiben, geht es mir schlecht.

Der Mann von Joan Didion riet ihr, immer ein Notizbuch dabei zu haben. Die Notizbücher gewisser Schriftsteller sind legendär. Führst du auch eines und wenn ja, was kommt da rein?

Ein Notizbuch führe ich nicht. Ich habe aber unzählige Notizen auf meinem Handy, mit denen ich alles festhalte, was mir durch den Kopf geht oder was ich sehe. Vieles davon verwende ich jedoch gar nie.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist Anton aus deinem Roman „Anton will bleiben“ ein älterer Herr und Witwer, damit kein Ebenbild von dir. Wie viel von Nelio Biedermann steckt in Anton oder in deinem Roman generell?

In Anton steckt sehr viel von mir, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheint. Goethe hatte mit seiner Aussage sicher recht (immerhin war er Goethe); ohne aus sich selbst und seinen Erfahrungen zu schöpfen, kann keine Literatur entstehen.

«Anton will bleiben» handelt vom Tod und davon, was von uns bleibt, wenn wir gehen. Wie kommt es, dass du dir über solche Themen Gedanken machst? Und: Ist Schreiben dein Weg, etwas zu hinterlassen irgendwann?

Ich hoffe sehr, dass mich mein Schreiben überdauern wird, wobei ich an Anton ja auch gezeigt habe, dass es Erstrebenswerteres gibt. Woher diese Gedanken kommen, weiss ich nicht, aber mir war die Vergänglichkeit, das Rinnen der Zeit schon immer sehr bewusst.  

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Ich denke, dass auch hohe Literatur, sehr unterhaltend sein kann, weshalb die Einteilung wenig sinnvoll ist. Mein Ziel ist es, genau das zu schaffen: Literatur, die literarisch wertvoll ist und die man nicht aus der Hand legen will.  

In Amerika sind Kurse in kreativem Schreiben schon lange populär, in unseren Breitengraden scheint immer noch die Idee vom Genie vorzuherrschen und das Lernen des Handwerks wird eher stiefmütterlich behandelt. Ist Schreiben lernbar? Wie ist/war das bei dir?

Seit «Anton will bleiben» habe ich mir enorm verbessert, was vor allem daran liegt, dass ich jeden Tag geschrieben habe. Ein gewisses Grundtalent, eine Veranlagung zur Sprache und zum Schreiben müssen sicher vorhanden sein, allein dadurch wird man jedoch nicht zum Schriftsteller. Dazu braucht es viel Übung und Disziplin. Ich schreibe nun seit fünf Jahren, was nach wenig klingt. Wenn man aber bedenkt, dass ich jeden Tag geschrieben habe, sind das fast 2000 Tage üben.

Wie geht dein Weg weiter? Gibt es schon Ideen für ein neues Buch? Oder willst du nun etwas ganz anderes machen?

Das neue Buch ist fast fertig und schon verkauft. Wenn alles nach Plan läuft, wird es im Herbst 2025 erscheinen. Etwas anderes zu machen, kann ich mir nicht einmal vorstellen.

Was rätst du einem (jungen) Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Sich hinzusetzen und anzufangen. Fünfhundert Wörter zu schreiben. Am nächsten Tag das gleiche. Am übernächsten ebenfalls. Und so weiter. Bis man irgendwann realisiert, dass man ein Buch geschrieben hat.

Wer neugierig geworden ist auf Nelio Biedermanns Buch:

Nelio Biedermann: Anton will bleiben

Nach seiner Krebsdiagnose überlegt Anton, wie er das verbleiende Jahr verbringen könnte, um in die Geschichte einzugehen, schliesslich sollte nach seinem Tod etwas von ihm zurückbleiben. Er versucht sich im Schreiben, mit Fotografieren, Malen, Philosophieren. Er schliesst neue Freundschaften, macht eine Reise, überzeugt einen Jungen mit Selbstmordabsicht von der Schönheit des Lebens. Nur der ewige Ruhm, der scheint ihm nicht gegönnt. Oder doch?

Anna Katharina Fröhlich: Die Yacht. Eine Sommernovelle

«…es war einer jener Sommerabende, an denen der Mensch spürt, was für ein ungeheuerliches Geschenk das Leben ist.»

Martha reist nach Italien, in das Dorf N., um das Malen zu studieren. Sie trifft auf einen Mann, der sie in seiner Weltgewandtheit, seiner Erscheinung und seinem Verhalten, als sei er aus einer anderen Zeit, fasziniert. Mit ihm reist sie nach Sizilien, lernt den Geldadel und eine Künstlerin kennen. Sie sitzt Modell, lernt das Malen und sich selbst besser kennen. Als auch noch die Liebe an die Tür klopft, scheint das Leben vordergründig perfekt.

So viel zum Inhalt der Geschichte, die nicht viel Raum einnimmt in diesem sowieso eher schmalen Buch.  Den grossen Teil macht die Sprache aus. Sie hat mich eingenommen und umgehauen. Diese Bildhaftigkeit, diese Sprachschönheit, dieses messerscharfe Sezieren mit Worten, das poetische Verweben hin zu formvollendeten Gebilden. Meisterhaft! Über Seiten hat sie mich getragen, bis immer mehr die Frage aufkam: Worum geht es eigentlich? Am Anfang waren da ein geliebter toter Grossvater, eine nicht liebende, pedantische Mutter und die künstlerisch suchende Protagonistin, die nach Italien fährt, um das Kunsthandwerk zu lernen. Da trifft sie ihn:

«Spinelli war der einzige Mensch, den sie kannte, der keinen Beruf, keine Versicherung, keinen Status, kein Bankkonto, keine Frau und keine Kinder hatte, in denen er das Erbe seines Wesens hätte sichern können. Er vertrat nichts und niemanden mehr ausser sich selbst.»

Salvatore Spinelli. Sein Name ist Programm. Er rettet sie nicht nur, indem er ihr zu einem Tisch verhilft, als dies aussichtslos erscheint, er führt sie auch in neue Welten ein, lässt sie die alte, nicht unproblematische, mehrheitlich vergessen.

«Madame Tabarin war weder schön noch exzentrisch, sondern eine bis ins Mark domestizierte Frau, unter deren dünner Haut das Magma einer erschreckenden Selbstliebe kochte.»

Sie tritt ein in die Welt der Reichen, der Menschen, die alles zu haben scheinen, es auch zeigen, und doch nicht glücklich wirken. Sie werden in diesem Buch durchleuchtet, analysiert und blossgestellt. Es sind Menschen, die darum bemüht sind, Macht und Ruhm zu bewahren und dasselbe den anderen zu neiden. Müsste man eine «Moral von der Geschicht» finden, wäre es die: Geld macht nicht glücklich. Oder etwas prägnanter: Die Reichen sind alles arme Schweine und die Armen die wirklich Reichen, denn sie wissen um Kunst, Kultur und wahre Werte und sie haben ein Herz.

«Es geschieht manchmal, dass ein Mensch uns den Schlüssel zu einem unbekannten Gefühl gibt.»

Es ist aber nicht nur ein Buch mit einer platten Aussage und bitterbösen Analysen von menschlichen Schwächen, es ist auch ein Buch darüber, was Menschen sein und bewirken können. Ein Buch, das zeigt, mit welchen Masken und in welchen Rollen wir uns durch die Welt bewegen, bis wir auf jemanden treffen, der uns erlaubt, all das fallen zu lassen.

«…kein Ding ist, wie es ist, da es aus zahllosen Augen betrachtet wird.»

Es ist ein Buch über die Schönheit der Welt und des Lebens und die Aufforderung, all das wirklich zu sehen, indem man genau hinschaut. Das genaue Schauen lernt Martha von ihrem Grossvater. Es ist wichtig in Bezug auf die Kunst, aber auch in Bezug auf die Menschen.

«Diese Kleider kamen Martha wie bunte Flügel vor, mit denen Mrs. Moore vielleicht zeit ihres Lebens versucht hatte, sich über das wirkliche Leben zu erheben, das mit Sicherheit in keinem Verhältnis zu ihren Phantasien gestanden hatte.»

Das Buch macht Lust auf Farben, auf Formen, darauf, in die Welt zu gehen und sie anzuschauen in ihrer ganzen Pracht. Es ist ein Buch über die Illusionen, denen wir uns hingeben, über die Faszinationen, die uns oft blenden, ein Buch über Kunst und die Kraft der Vergangenheit.

Das Buch hat mich verzaubert mit seiner Sprachschönheit und seinen Sprachbildern. Und doch sass ich am Schluss etwas ratlos da: Was ist eigentlich geschehen? Und: Was ist die Aussage? Ich verzeihe es diesem Buch.

(Anna Katharina Fröhlich: Die Yacht. Eine Sommernovelle, Friedenauer Presse,

Tove Ditlevsen: Abhängigkeit

«Und mir wird immer stärker bewusst, dass ich zu nichts anderem tauge und von nichts anderem leidenschaftlich erfüllt werde, als Worte aneinanderzureihen, Sätze zu bilden und einfache, vierzeilige Verse zu schreiben. Um das zu können, muss ich die Menschen auf eine ganz bestimmte Weise beobachten, in etwa so, als würde ich sie für den späteren gebrauch in einem Archiv ablegen.»

Tove Ditlevsen schreibt über sich. Nach Kindheit und Jugend ist nun die Zeit des Erwachsenseins Thema, die Liebe, die Irrtümer, das Schreiben, die Feiern, das Trauern und schlussendlich die Sucht. Sie schreibt über ihre Ehen, über ihre Kinder, schreibt darüber, wie sie schreiben will und nur schreibend glücklich ist, dies dann verliert, weil sie sich an die Drogen verloren hat. Und sie schreibt über ihren Weg aus all dem wieder hinaus.

«Aber für mich ist das Leben nur ein Genuss, wenn ich schreiben kann.»

Tove Ditlevsen ist ein Mensch, der sich dem Schreiben verschrieben hat. Manchmal scheint es, als ob das ganze Leben nur dazu dient, dem Schreiben Stoff zu liefern. Menschen, die sie trifft, Menschen, die sie liebt, Dinge, die sie tut – all das ist immer in irgendeiner Form mit dem Schreiben verbunden. Nicht schreiben zu können, ist die schlimmste Strafe, das unvorstellbar Grausamste. Durch diesen Drang, schreiben zu müssen, manövriert sie sich in eine Anhängigkeit hinein, aus der sie nicht mehr herausfindet, und die ihr schlussendlich das nimmt, was ihr das Wichtigste war: das Schreiben.

«Warum möchtest du eigentlich so gern normal und gewöhnlich sein?», fragte Ebbe verwundert. «Es ist doch eindeutig, dass du es nicht bist.» Darauf kann ich ihm auch keine Antwort geben, aber ich habe es mir gewünscht, solange ich denken kann.»

Der Wunsch, normal zu sein, so wie die anderen, trägt immer eine Ambivalenz in sich. Einerseits gefällt einem selbst das, was man ist, weil man sich in dem wohl fühlt. Wenn man sich so verhält, wie es einem entspricht, fühlt sich das tief drin stimmig an. Doch merkt man bald, dass man damit zum Aussenseiter wird, zu dem, der anders ist, nicht wirklich dazugehört durch dieses Anderssein. Da der Mensch als soziales Wesen danach strebt, dazuzugehören, kommt zwangsläufig der Wunsch auf, so zu sein wie die anderen, eben normal. Das wäre die Chance für die Integration – aber mit dem Preis, sich nicht mehr in sich zu Hause zu fühlen. So gesehen ist man selten ganz im Reinen mit dem eigenen Sehnen, etwas vermisst man meist – das Ich oder die anderen.

Es fällt schwer, das Buch wirklich zu fassen, zusammenzufassen. Es ist zu dicht, zu tief, zeigt zu viele Wunden. Eine sachliche Zusammenfassung würde nie zu fassen vermögen, worum es in der Tiefe geht, das Empfinden beim Lesen findet keine Worte. Sich über die Sprache, die Form auszulassen wirkt zu analytisch, distanziert. Und lässt man sich ein, fehlen am Schluss die passenden Worte, die ausdrücken, was nur zu fühlen ist. Hilft nur: Selbst lesen. Das immerhin kann ich sagen: Es ist eine Empfehlung.

Fazit zum Buch
Ein schonungslos offenes Buch, ein ehrliches Buch, ein Buch voller Abgründe. Und doch auch ein mutiges Buch, ein Buch, das ermuntert, hinzuschauen, auch bei sich.

Werkstattgespräche – Doris Wirth

Doris Wirth wuchs in einem kleinen Ort im Kanton Zürich auf, studierte Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie an der Universität Zürich und der Humboldt Universität Berlin. Nach Berlin zog es sie auch irgendwann, immer mit ein wenig Sehnsucht zurück nach der Schweiz im Herzen. Nach verschiedenen Veröffentlichungen in Magazinen und Anthologien erschien 2013 der erste Erzählband (Edition Thaleia) und 2016 die Erzählung «Kinderspiele» in der Reihe «schöner lesen» bei SuKuLTuR. «Findet mich» ist ihr erster Roman. Doris Wirth unterrichtet Deutsch als Zweitsprache und leitet Schreibwerkstätten. Sie lebt in Berlin.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Eine tiefe und vielleicht auch unendliche Frage gleich zu Beginn… ich bin eine Frau, bin Schweizerin, bin eine Naturliebhaberin, bin Büchermensch und Frau der Sprache durch und durch. Ich bin bald 43 Jahre alt und lebe seit bald 14 Jahren in Berlin, was nie so geplant war, sondern nur als zweijähriger Schreibaufenthalt. Ich vermisse die Heimat, meine Muttersprache und die Freundlichkeit der Menschen, zugleich liebe ich Berlin und seine unendlichen Möglichkeiten, liebe es, wie es 300 Meter weiter ganz anders aussehen kann, liebe es, wie ich jeden Tag gespiegelt bekomme, wie unglaublich viele verschiedene Lebensentwürfe, Meinungen, Antworten auf das Leben und Schicksale es gibt.
Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, in Effretikon, einer Kleinstadt, die vor allem in der Kindheit die Vorzüge eines Freibades und eines Eisfeldes hatte. Der Wald vor der Haustür, Pferde, alles fußläufig erreichbar. In der Jugend fand ich es da zu eng und ich orientierte mich gen Winterthur und Zürich, wo ich auch das Kunstgymnasium besuchte. Entgegen meinem ursprünglichen Berufswunsch als Mädchen wurde ich nicht Hundecoiffeuse, sondern studierte Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich schreibe, weil ich schreiben muss. Schreiben ist wie atmen für mich. Schreiben klärt mich, schreiben hilft mir, meine Gedanken und Gefühle zu ordnen und für mich einen Kompass in der Welt zu haben, einen roten Faden, an dem ich mich entlanghangle, einen Ort, an den ich immer hin kann, zu jeder Tages- und Nachtzeit, in jeder Verfassung.
Ich wollte Autorin werden, ja, aber ich wollte auch Ärztin werden, Tänzerin und Sängerin. Und Lehrerin. Lehrerin und Autorin bin ich geworden, Ärztin, Tänzerin und Sängerin leider nicht. Das Leben ist etwas zu kurz, um alles zu leben, was ich gerne würde.
In meiner Jugend habe ich viel Tagebuch geschrieben. Es hat mich durch die Jugend getragen, es hat mich gerettet, es war mein Ventil. Und ich habe natürlich Aufsätze geliebt. Als es die Schule nicht mehr gab, und ich war eine der wenigen, die traurig war darüber, musste ich mir neue Gebiete suchen, wie ich Geschichten schreiben könnte. Ich begann, an Schreibwettbewerben teilzunehmen, weil es da Themenvorgaben gab und einen klaren Rahmen, den ich anfangs brauchte. Und so blieb das Schreiben bei mir.

Ich war in einer Berufsberatung und auch da sagte ich, dass ich schreiben will – aber ich sagte es verdruckst, irgendwie traute ich mich nicht, zu diesem Wunsch zu stehen, als wäre es etwas Unerhörtes. Es gibt ja in der Schweiz und auch in Deutschland diesen Geniekult, andere müssen einen entdecken, müssen sagen, dass man gut ist, eine „echte Autorin“ – anders als in Amerika, wo man schreiben lernen kann und mit Leichtigkeit sagen „ich will das“. Nun, ich hatte diese Leichtigkeit nicht, ich habe lange auf ein Eintrittsticket in diese Welt gewartet. Eines Tages im Rahmen der Solothurner Literaturtage und des Schreibwettbewerbs „Open Net“ fragte mich Beat Sterchi: Ist es dir ernst mit dem Schreiben? Daran muss ich heute noch manchmal denken. Ja, es ist mir ernst mit dem Schreiben.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich würde sagen, weder noch. Oder sowohl als auch… Also ich bin sicherlich nicht eine jener Autorinnen, die wie eine Architektin ihres eigenen Textes agiert, die alles ins kleinste Detail durchplant, die Figuren am Reißbrett entwirft und sich alle Zusammenhänge und Querverbindungen theoretisch und bis ans Ende ausmalt. Ein Konvolut an Notizen gibt es auf jeden Fall, das hatte ich auch schon bei meinen Kurzgeschichten.

Beim Roman war es anders. Da ich nicht komplett fiktional gearbeitet habe, war es nicht so wie bei einer Skulptur aus Ton, dass man aufbauend arbeitet, eine leere Fläche hat und alles möglich ist. Vielmehr gab es ein Vorbild, es gab diesen Klotz aus „Geschichte“, der vor mir stand. Um diesen Klotz erzählbar zu machen, habe ich erstmal ganz viel recherchiert: gelesen, Filme geschaut, Theoretisches und Interviews mit Betroffenen. Dann habe ich eigene Interviews geführt. Ich war im Archiv, um Familiengeschichten bis ins vorletzte Jahrhundert zu recherchieren. Ich habe also versucht, möglichst viel Objektivierung in diese Geschichte, dieses konkrete Vorbild reinzubringen. Dann habe ich mir die Lebensläufe der Figuren erschrieben. Dabei habe ich versucht, sie mir anzueignen und möglichst mich allen vier Figuren anzunähern, damit ich die Geschichte später nicht nur aus einer Perspektive erzählen würde. Das war mir sehr wichtig, weil jeder es anders erlebt und weil Familie immer ein System ist, ein Geflecht. Schließlich habe ich mir einzelne Szenen auf Post-ist notiert und eine grobe Dramaturgie erstellt. Dann erst, drei Jahre nach den ersten Notizen, habe ich „drauflos“ geschrieben und geschaut, wo mich dann das Schreiben hinführt. Ich habe dann versucht, wie eine Steinbildhauerin aus dem Klotz etwas zu meißeln, was das erzählen würde, was ich erzählen wollte. Was dem Vorbild gerecht würde und trotzdem etwas Neues, Eigenes, Fiktionales sein würde.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder haust du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich schreibe zum Beispiel die Figuren und was ihre Vektoren sind, was sie also antreibt, woher sie kommen und wohin sie gehen, welche Kräfte in ihnen wirken, oder eben auch ein größeres Geflecht aus Szenen, eine Art Mind Map, auf Papier. Ich liebe riesige Papiere, A2 oder A1 für dramaturgische Übersichten. Ich bin ein haptischer Mensch und liebe Papier und Stifte, natürlich ist dickes Zeichenpapier schöner als dünnes Umweltpapier, aber ich nehme, was ich grad zur Hand habe, zur Not Schmierpapier, die Hinterseite von Arbeitsblättern meiner Schüler… Die Lebensläufe der Figuren, das waren gegen 200, 250 Seiten pro Figur, habe ich per Computer geschrieben, die erste Fassung des Romans ebenso. Vielleicht ist es lustig zu erfahren, dass ich mit einem drei-Finger-System schreibe… aber das ganz ordentlich schnell.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit oder stören dich andere Menschen nicht?

Ja, ich würde diesem Menschen zustimmen. Ich bin niemand, die in Cafés arbeitet oder Menschenansammlungen aufsucht. Ich habe einen Schreibraum, wo ich nicht einmal Internet habe (seit ich ein Smartphone mit mobilen Daten besitze, macht es mir einen Strich durch die Rechnung), dieser Raum ist sehr karg eingerichtet und das liebe ich: Dass da nur mein Schreiben stattfindet, sonst nichts.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ja, Thomas Mann hatte auch diese Möglichkeiten… ich muss Geld verdienen, um meine Wohnung zu bezahlen, meine Rechnungen, Essen und Kleidung und alles Nötige (und auch Unnötiges) für mich und meinen Sohn zu kaufen. Ich ringe seit Jahren damit, wie es am besten ist, aber ich komme immer wieder darauf zurück, dass das Beste zurzeit ist, den Freitag als Schreibtag zu haben. Natürlich hätte ich gerne mehr Zeit zum Schreiben, aber das haut finanziell nicht hin. Ich glaube, dass es viel Disziplin braucht, ja. Ich finde es schwierig, meinen Alltag hinter mir zu lassen und auf Knopfdruck in diese andere Seinsart reinzukommen, die langsamer ist, zulassender, suchender, weniger gesteuert.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftstellerin, was bereitet dir Mühe?

Freude ist: in meinem Raum zu schreiben. In einen Text einzutauchen. Das Gefühl, wenn ich glaube, dass eine Passage gut funktioniert. Und natürlich ist es ein wunderbarer Moment, das eigene Buch in den Händen zu halten. Ich lese auch sehr gerne.
Ich bin nicht so gut darin, Fragen zu beantworten, schreibend schon, aber nicht sprechend. Und manchmal finde ich den Literaturbetrieb anstrengend. Ich finde es schwer, dass man sich immer wieder aufs Neue beweisen und auch verkaufen muss.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Ich freue mich eher, wenn ich Zeit zum Schreiben habe. Auch in den Ferien. Vom Schreiben brauche ich nicht abzuschalten. Ich finde es schwieriger, von meiner Brotarbeit abzuschalten, wo ich Verantwortung für andere Menschen habe. Aber wunderbar abschalten kann ich im und auf dem Wasser. Und im Wald.

In deinem Roman spielt eine psychische Krankheit eine Rolle. Was hat dich an dem Thema gereizt?

Das war, was ich vorher mit dem Klotz meinte: Das Thema war einfach da, ragte in mein Leben hinein auf verschiedene Arten. Ich wurde damit konfrontiert in meinem näheren Umfeld, es betraf mich im größeren familiären Umfeld und auch über Freunde. Ich fühlte eine Art Notwenigkeit, diese Geschichte zu erzählen und mich mit dem Thema der psychischen Krankheit auseinanderzusetzen. Ich fand es sowohl für mich persönlich als auch gesellschaftlich unglaublich wichtig und dringlich.

War es einfach, aus der Sicht eines psychisch Kranken zu schreiben? Wie hast du dich da hineingefühlt?

Nein, einfach war es nicht. Es war spannend. Es gab ja die Idee, dass beim Aufbruch des namenlosen Mannes nicht sofort klar werden würde, dass dieser Mann psychisch krank ist. Sondern dass man es genauso als Abenteuer- oder Schelmengeschichte lesen kann, dass man vielleicht eine leichte Getriebenheit spürt, aber mehr nicht. Und dann erst nach und nach auch durch die Reaktionen der Menschen, denen er begegnet, und durch eine Steigerung in der Sprache, schließlich durch den völligen Verlust der Syntax, in der dieser Erzählstrang gipfelt, deutlich wird, dass der Mann sich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet.

Geholfen haben mir vor allem die Interviews mit Betroffenen und die Filme, die ich geschaut habe. Dann habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, dieses innere Erleben sprachlich umzusetzen. Davor hatte ich Respekt, aber ich finde, es ist gut gelungen.

Erwin, dein Protagonist, bricht aus. Trotzdem hinterlässt er Zeichen, will also gefunden werden. Es ist, als ob er einerseits Freiheit suchte, aber doch den Wunsch hat, wichtig genug zu sein, dass man ihn zurückholt. Woher rührt diese Ambivalenz? Oder ist es nur ein Spiel.

Das ist eine sehr gute Frage. Einerseits muss man sagen, dass er ja nicht als psychisch gesunder Mensch die Entscheidung trifft, aus seinem Leben auszubrechen und einen Neustart zu wagen. Sondern es ist eben Teil seiner Psychose, Teil seines Gedankenkonstrukts, in das er sich mehr und mehr verfängt. Ihn fasziniert, und ich glaube, das geht vielen Menschen so, die Möglichkeit, nochmals ganz neu anzufangen, nicht festgelegt zu sein durch all das gelebte Leben, nicht determiniert durch seine Rolle als Familienvater, Geschäftsmann, Nachbar etc. Zugleich gefällt ihm der Gedanke, dass er wie bei diesem Brettspiel, dass es in den 1980er gab, Scotland Yard, wie in den Thrillern, die er liest, der findige Gejagte ist, der sich eine neue Identität zulegt und nach dem gesucht wird. In seinem Wahn ist das ein großes Abenteuer, dass er im Wald lebt, dass er ohne Geld auskommt, dass er der Held ist, nach dem gesucht wird, dass er die Familie in ein „Spiel“ verwickelt. Und ja, da ist diese Ambivalenz: Er will ausbrechen und ganz frei sein, ohne jede Vergangenheit, und zugleich will er gesucht, gefunden werden, schneidet die Bande zu seiner Familie nicht ganz ab, sondern legt ihnen eine Fährte.

Du erzählst die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Was hat dich dazu verleitet? Man könnte doch denken, es wäre einfacher, nur in einen Kopf schauen zu müssen.

Gerade weil es in meinem Umfeld verschiedene Vorfälle gab, die Auslöser waren, diese Geschichte zu erzählen, war es mir wichtig, dass es nicht ein „Betroffenen-Bericht“ werden würde. Das hätte ich auch machen können und das wäre genauso legitim, aber das wollte ich nicht. Ich wollte einen Roman, eine Fiktion, und ich wollte nicht aus der Perspektive einer Betroffenen schreiben, die über ihre psychisch kranke Mutter, ihren Vater, Bruder oder Schwester schreibt. Ich wollte vermeiden, dass es eine Ich-Perspektive eines Menschen gibt, der nur aus seiner Sicht auf den „Verrückten“ draufschaut. Weil psychische Krankheit immer die ganze Familie betrifft, wollte ich unbedingt allen vier Personen eine Stimme geben und sie aus ihrer Perspektive auf das Geschehen blicken lassen. Trotz allem liegt natürlich ein besonderes Gewicht auf Erwin, weil er ja quasi eine doppelte Perspektive hat: Einmal in seinen Kapiteln, dazu zusätzlich im ganzen Strang der Abenteuergeschichte, wo wir noch näher an ihm dran sind und dicht mit ihm erleben, in seinen Kopf schauen können.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in einzelnen Figuren drin?

Auf jeden Fall viel. Manchmal fand ich es schwierig, diesen Vorbildern, die es gab, gerecht zu werden. Es war ein gewisses Korsett, das ich mir gewählt hatte. Dann wiederum gab es unendlich viele Passagen, wo ich ganz frei erfinden und mich ausleben konnte. Letztlich frage ich mich: Wo steckt mehr von mir drin, in den Passagen, wo ich mich näher an die Vorlage gehalten habe, oder dort, wo ich ganz frei erfunden habe? Ich frage mich: Würde ich über den Kaiser von China schreiben, steckte nicht genau so viel von mir dort drin, weil ich ja nur meine Synapsen habe, mein Gehirn, weil ja alles die Barriere des für mich Vorstellbaren passieren muss und ich letztlich meinen Erfahrungshorizont, zumindest den hypothetischen, nicht verlassen kann? Weil ich ja immer mich als Referenz habe, selbst wenn ich eine Figur schaffe, die genau gegenteilig ist von mir? Also, um Deine Frage zu beantworten: In Florence, Lukas, Erwin und Maria, aber auch in den Großeltern Werner und Claire, steckt viel von mir drin.

Nun ist das Buch endlich da, der Arbeitsprozess dauerte – so habe ich gehört – lange. Ist schon ein nächster Roman in Planung?

Ja, der Arbeitsprozess war sehr lange… zehn Jahre. Und ich hoffe, dass es beim nächsten Buch nicht so lange dauert! Ich werde bald ein Stipendium haben in den Bergen und dort dann zumindest mit den Vorarbeiten für den nächsten Roman beginnen.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Das Buch muss mich reinziehen. Ganz einfach. Ob es das über die Geschichte macht, das Thema oder sie Sprache, ist letztlich einerlei. Ich habe zum Beispiel, als ich während des Studiums ganz viele Bücher für die Akzessliste lesen musste, festgestellt, dass ich Remarque nicht mehr aus der Hand legen wollte und wie ein Kind nachts unter der Bettdecke mit der Taschenlampe weiterlesen wollte. Da wurde mir, nach vielem etwas mühseligen, intellektuellem Lesen wieder bewusst, wieviel Spaß es macht, wenn ein Buch einfach spannend ist und einen guten Plot hat. Natürlich liebe ich Bücher, wenn sie eine herausragende Sprache haben. Da braucht es dann nicht viel Handlung, da kann zum Beispiel Ilma Rakusa eine Nachmittagsstimmung in einem Zimmer im Süden in ihren Bildern heraufbeschwören und es ist ein Hochgenuss, das zu lesen. Nur das Thema an sich reicht glaube ich nicht aus, wenn das Thema spannend ist, aber weder Geschichte noch Sprache überzeugen, dann muss mich das Thema schon sehr fesseln, dass ich das Buch nicht weglege.
Ich glaube, Michael Ende hat mal gesagt oder geschrieben, dass Literatur das Fantastische haben muss, das Andere – seine unendliche Geschichte ist ja eine wahnsinnig schöne und unglaublich gut gelungene Parabel auch über das Erzählen selbst. Das hat mich oft beschäftigt, und ja, es stimmt, natürlich ist es wundervoll, wenn ein Buch Dinge ermöglich, die im echten Leben nicht möglich sind, wenn es einen mitnimmt auf eine Reise. Und zugleich war immer mein Interesse, sowohl beim eigenen Schreiben als auch beim Lesen, dass auch das Normale, das Leben selbst, das kleine Alltägliche erzählbar gemacht werden soll und kann und dass wir da genau so viel Schönes, Abgründiges und Spannendes finden.

Wenn du fünf Bücher deines Lebens (vielleicht auch zu verschiedenen Zeiten desselben) nennen könntest, welche wären das?

  • Die unendliche Geschichte (Michael Ende)
  • Montauk (Max Frisch – mit Auszügen aus dem wunderbaren Gedicht von Ingeborg Bachman „In diesen Tagen steh ich auf mit den Birken“…)
  • Die hellen Tage (Zsuzsa Bánk)
  • Der rote Seidenschal (Federica de Cesco)
  • Sommerhaus, später (Judith Hermann)

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Es klingt lapidar, aber: Tu es. Ich habe mir in meinem Schreibraum einen Zettel aufgehängt: Schreib den verdammten Roman, niemand sonst außer du kann es tun! Manchmal, wenn ich dabei war, den Mut zu verlieren, habe ich den Zettel wieder gelesen. Das Wichtigste ist, es zu tun. Dranzubleiben. Sich die Geschichte zu erschreiben, sie zu überarbeiten, nicht aufzugeben. Durchhaltewillen und Disziplin zu haben. Nicht an später zu denken, sondern ans Jetzt. Und trotzdem manchmal auch zu visionieren: Davon zu träumen, wie es sein würde, das Buch in den Händen zu halten, wie es riechen würde, wie dick, wie schwer es wäre, welche Farbe es haben würde, wie sich der Leineneinband unter der Fingerkuppe anfühlte.

Wer nun neugierig geworden ist:

Doris Wirth: Findet mich

„Es ist ein Spiel, das er schon immer mal spielen wollte: Finding me. Auf und davon. Alles zurücklassen, was ihn bisher ausmachte… Irgendeiner sein. Einer von vielen. Keiner kennt ihn, keiner nagelt ihn fest.“

Erwin bricht aus. Was anfangs so vielversprechend aussah, hat sich mehr und mehr in etwas verkehrt, das ihm nicht mehr zusagt. Von der heilen Familie, die er einst gründen wollte, ist nur mehr ein Alltag in Eintönigkeit übrig, in dem ihm die Bestätigung und vieles mehr fehlen. Erwin verändert sich, wird ungeduldiger, aggressiver, bis er irgendwann die Ketten sprechen und Heim und Familie verlassen muss. Frei sein will er. Das Leben in der Natur erscheint ihm als Traum, in den schönsten Bildern malt er dieses aus und merkt nicht, dass sie einer Psychose entspringen. Eine Situation, die sich für alle Beteiligten unterschiedlich auswirkt, weswegen jeder von ihnen anders drauf blickt und uns an diesem Blick teilhaben lässt.

Paul Auster: Winterjournal

Paul Auster blickt auf sein Leben. Er schreibt sich von Liebe zu Liebe, listet die Wohnungen seines Lebens auf, reflektiert sein Leben in ihnen. Er denkt über seinen Körper nach und dessen Veränderungen in der Zeit, über Krankheiten und den Verfall bis hin zum Tod. Er zieht Bilanz weit vor dem Ende. Noch ist Zeit zum Schreiben. Das Zentrale in seinem Leben neben der Liebe.

«Du denkst, das wird dir niemals passieren, das kann dir niemals passieren, du seist der einzige Mensch auf der Welt, dem nichts von alldem jemals passieren wird, und dann geht es los, und eins nach dem anderen passiert dir all das genau so, wie es jedem anderen passiert.»

Paul Austers Blick ist ein offener, ein entlarvender. Er zeigt seine Illusionen, seine Irrtümer. Er offenbart seine Schwächen und zeigt sich dadurch mutig und stark. Er steht zu dem, was er ist, ohne zu beschönigen, zu verklären. Es ist aber auch keine Selbstanklage, sondern zeugt von der Anerkennung des eigenen So-Seins.

«Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist.»

Die Endlichkeit der Zeit ist immer wieder Thema. Sie zu nutzen im Wissen, dass nicht ewig Zeit sein wird, ist die Botschaft. Wie oft schweigen wir, denken später, zu spät, wir hätten etwas sagen sollen. Wir trauern den ungeklärten Dingen hinterher, Dinge, deren Klärung wir aufschoben. Ein Schriftsteller lebt davon, Dinge zu sagen. Er sucht den Ausdruck für das, was ist, was er ist. Was um ihn ist. Wie er damit umgehen will, kann, wie er es tut. Die Zeit dafür ist immer jetzt. Morgen kann es zu spät sein. Paul Auster hat das selbst erfahren und auch so beschrieben:

«und weil du immer geglaubt hast, er werde ein hohes Alter erreichen, hat es dich nie gedrängt, den zeitlebens zwischen euch hängenden Nebel zu lichten.»

Als Paul Austers Vater unerwartet plötzlich stirbt, wird er sich all dessen bewusst, was unausgesprochen blieb, was zu klären versäumt worden war. Die Illusion einer noch lange dauernden Zeit lässt uns zögern, das zu tun, was uns auf dem Herzen liegt und vielleicht nicht so leicht ist. Wir schieben es so lange auf später, bis die Zeit und die Chance, es zu tun, vorbei sind.

«Zweifellos bist du ein beschädigter, ein verwundeter Mensch, ein Mann, der von Anfang an eine Wunde in sich herumgetragen hat (warum sonst hättest du dein ganzes Erwachsenenleben damit verbringen sollen, Worte zu Papier zu bluten?), und der Gewinn, den du aus Alkohol und Tabak ziehst, dient dir als Krücke, dein verkrüppeltes Ich aufrecht zu halten und durch die Welt zu tragen.»

Paul Auster sieht sich als Verwundeten. Er sieht die Narben im Gesicht ebenso wie sein Tun, das wohl aus keinem heilen Wesen entspringen kann. Würde ein gesundes Wesen, ein unverwundetes, sich nicht ins blühende Leben stürzen statt in der stillen Kammer zu versuchen, Worte aneinanderzureihen?

«…das eine Ich, der Einzelne, der sich täglich für sieben oder acht Stunden in diesen Bunker verkriecht, ein stiller Menn, der abgeschnitten vom Rest der Welt, Tag für Tag an seinem Schreibtisch sitzt, mit nichts anderem im Sinn, als das Innere seines Schädels zu erforschen.»

Das eigene Schreiben dient dazu, sich und das Leben zu erforschen und zu verstehen. Es ist eine Innenschau, die nach aussen dringt und dadurch erfahrbar wird. Für Auster selbst und später für den Leser. Da Menschen nicht so unterschiedlich sind, wie sie manchmal glauben, erkennt man sich in diesem Geschriebenen wieder. Man geht selbst in sich und erkennt etwas, das vorher vielleicht nicht so offen dalag.

«Wir alle sind uns selbst fremd, und wenn wir irgendeine Ahnung haben, wer wir sind, dann nur, weil wir in den Augen anderer leben.»

Dieses Erkennen kann durch Bücher, aber auch durch andere Menschen passieren. Indem wir sehen, wie wir bei anderen ankommen, wie sie sich zu uns verhalten, was sie uns spiegeln, erhalten wir eine Ahnung dafür, wer wir sind.

«Eine Tür ist zugefallen. Eine andere Tür hat sich geöffnet. Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten.»

Und irgendwann wird es die letzte Tür sein.

Fazit zum Buch
Ich habe das Buch kurz nach Paul Austers Tod gelesen. Es hat mich berührt durch seine Sprache, durch seine Offenheit. Es hat mich dem Menschen Paul Auster nähergebracht und Lust gemacht, tiefer in sein Werk einzutauchen. Ein sehr persönliches Buch, das den Menschen Paul Auster in seinem Sein zeigt und erfahrbar macht.

(Paul Auster: Winterjournal, Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 2013)

Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an

Papa Kiyak hat Krebs. Die Tochter kümmert sich. Sie spricht mit den Ärzten, kocht Essen, will für ihn da sein, redet gut zu und hat selbst keine Kraft. Sie weint plötzlich in den unmöglichsten Situationen, kämpft immer wieder an allen Fronten, wütet über die Bedingungen von Migranten und denen in Spitälern. Und zwischendurch lässt sie sich von ihrem Papa Geschichten erzählen. Von früher. Von der Familie.

«Zum ersten Mal denke ich, dass mein Vater es nicht packen wird.»

Als ich das Zitat gelesen habe, erkannte ich mich wieder. Genau so war das. So kenne ich es. Eine sachliche Rezension zu diesem Buch zu schreiben, ist mir unmöglich. Oder: Ich will es nicht.

Ich wollte das Buch beim Lesen so oft abbrechen. Es tat mir nicht gut. Es warf mich zurück. Zu den gleichen Sätzen, die ich vor einigen Jahren auch hörte. Zu den Kämpfen, obwohl ich tief drin die Hoffnung aufgegeben hatte – und doch weiter hoffte. Es versuchte. Zurück zum Weinen in Trams, in Einkaufszentren. Zurück zu Zusammenbrüchen, tiefer Trauer. Angst.

Mely Kiyak schreibt über sich und ihren Vater. Sie schreibt über dessen Krebs und wie er sich ausbreitete. Lunge. Nieren. Leber. All das hatte ich genauso. Und so vieles dazu. Wie will ich da einen sachlichen Text darüber schreiben? Ich habe geweint. Nein. Geheult beim Lesen.

«Das scheint vollkommen üblich zu sein. Dass man sterbenskranken Menschen ihr Essen nicht dann gibt, wenn sie es brauchen und wollen, sondern dann, wenn es dem System in den Kram passt.»

Natürlich war das Verständnis für das Personal bei mir da. Sie sind alle überlastet. Und doch lag da mein Vater. Als ich all die Beschreibungen des Spitalalltags las, erkannte ich alles wieder. Mehr noch, ich war wieder drin. In dieser Wut, diesem Ausgeliefertsein. Ja, wir hatten teilweise grossartige Pflegekräfte. Geduldige Ärzte. Aber auch das Gegenteil. Und in all dem liegt dein Vater. Der Mensch, der dir so viel beigebracht hat. Der dir so wichtig, so lebenswichtig, wie du dachtest, ist. Unerträglich. Und doch muss es ertragen werden. So ging es mir wieder beim Lesen. Ich konnte nicht aufhören. Obwohl ich es kaum ertragen habe. Was für das Buch spricht. Es ist ehrlich. Es ist schonungslos. Es ist persönlich. Es ist authentisch.

«Noch bevor ich sprechen kann, fange ich an zu weinen. Es ist mächtiger als ich. Ich habe mich nicht im Griff. Dabei beginnen wir erst.

Was soll ich schreiben: So war das. Die Direktheit von Mely Kiyaks Schreiben führt es mir nicht nochmals vor, sie wirft mich nochmals rein. Und in all das, was als nette Beigabe in solchen Situationen dazukommt: Die Isolation, das Abwenden von Freunden, weil man keine Zeit mehr hat. Weil man sich ja kümmern muss. Und danach keine Worte findet auf die Fragen, die kämen.

«Man gewöhnt sich an Menschen, liebt sie, und am Horizont winkt bereits der Tod. Man fragt sich doch, worin der Sinn des Lebens besteht, wenn am Ende gestorben wird.»

Ja, wo liegt der Sinn des Lebens? Worauf kann man bauen? Es ist das elende Gefühl, das Mascha Kaléko beschreibt, dass der eigene Tod kein Schrecken ist, aber der derer, die man liebt. Alle können einem immer genommen werden.  

Fazit zum Buch
Berührend. Bewegend. Tief.

(Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an, Carl Hanser Verlag GmbH, München 2024.)

Rebecca F. Kuang: Yellowface

Athena Liu und June Hayward sind seit ihrem gemeinsamen Literaturstudium Freundinnen, beide streben sie eine Karriere als Schriftstellerin an. Während Athena der Erfolg nur so zufliegt, will June der Durchbruch nicht gelingen. Beim Feiern eines weiteren Erfolges erstickt Athena vor Junes Augen und diese wittert ihre Chance: Sie stiehlt deren fertiges Manuskript und gibt es nach intensiver Umarbeitung als eigene Geschichte heraus. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, doch dann droht der Diebstahl aufzufliegen.

„Yellowface“ ist ein Buch über das Schreiben:

«Schreiben ist der Kern meiner Identität, seit ich ein Kind war… Und auch wenn es mich unglücklich macht, werde ich an dieser Magie festhalten, solange es mich gibt.»

Über die guten Seiten daran:

«Darum liebe ich das Schreiben so sehr – wir haben unendlich viele Möglichkeiten, uns selbst und unsere eigenen Geschichten neu zu erfinden.»

Und die schwierigen:

«Schreiben ist so eine einsame Tätigkeit. Du hast keine Gewissheit, ob deine Arbeit irgendeinen Wert hat, und jedes Indiz dafür, dass du den Anschluss verlierst, stürzt dich in den Abgrund der Verzweiflung.»

Es stellt die Frage, wer ein Buch wirklich geschrieben hat:

«Die ursprüngliche Idee für diesen Roman kam vielleicht nicht von mir, aber ich bin diejenige, die ihn gerettet und den ungeschliffenen Diamanten zum Glänzen gebracht hat.»

Und ein Buch über Aneignung:

«Zum ersten Mal seit ich das Manuskript abgegeben habe, überkommt mich ein tiefes Schamgefühl. Das ist nicht meine Geschichte, mein Erbe.»

Es ist ein Buch über Freundschaft:

«Schliesslich ist es schwer, mit jemandem befreundet zu sein, der dich bei jeder Gelegenheit aussticht. Vermutlich mag niemand Athena, weil niemand das Gefühl mag, im Vergleich mit ihr ständig den Kürzeren zu ziehen. Vermutlich stehe ich zu ihr, weil ich so armselig bin.»

Ein Buch über Neid:

«Neid bedeutet, mich ständig mit ihr zu vergleichen und dabei schlecht wegzukommen; Panik, dass ich nicht gut genug oder schnell genug schreibe, dass ich nicht gut genug bin und es nie sein werde.»

Und ein Buch über den Tod – und was danach von einem bleibt. Dabei schwingt auch die Angst mit, schon zu Lebzeiten in Vergessenheit zu geraten.

«Mir war nicht klar, wie viel Angst ich davor habe: unbekannt zu sein, vergessen zu werden.»

Fazit zum Buch
Ein gut lesbares, flüssig geschriebenes Buch, das Einblicke in die Welt hinter den Büchern, in die Welt des Schreibens und Publizierens und alles, was darin Schönes und Schwieriges steckt.  

Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt

Der Schriftsteller bei der Arbeit

«Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.» Franz Kafka

Andreas Kilcher wirft einen Blick hinter die Kulissen von franz Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und sein Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Andreas Kilcher analysiert Kafkas Lektüren, Interessen und die historischen und lebensnahen Kontexte und leitet daraus einen Bezug zu einzelnen Texten ab. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor.

«Ein gutes Buch ist der beste Freund.»

Wir lernen Kafka in diesem Buch als begeisterten und intensiven Leser kennen. Zwar blieb seine eigene Bibliothek immer überschaubar, in Briefen und auf Listen zeigt sich aber der Umfang seines Lesens.

«Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.» Franz Kafka

Der Philosophieprofessor und Schriftsteller Peter Bieri sagte über Literatur, dass sie im Leser etwas bewegen, etwas verändern müsse. Aus guter Literatur gehe man als anderer hervor. Das scheint auch Kafkas Meinung gewesen sein. Literatur bietet einen Blick in sich selbst, sie lässt einen die Möglichkeiten erkennen, was im Leben möglich ist, wie der Mensch sein kann. Sie lässt den Leser nachdenken, was davon in ihm selbst angelegt ist und bringt ihn so zu neuen Erkenntnissen.

«Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich.» Franz Kafka

Als Kafka schon im Sterben lag, die Tage waren gezählt, fragte er den behandelten Arzt nicht nach der Anzahl verbleibender Tage, sondern, wie viele Erzählungen er wohl noch schreiben können würde. Da waren noch so viele in seinem Kopf. Der Arzt meinte nur: «Fangen sie gleich mit dem Schreiben an.»

Zwar habe ich dieses Gespräch aus einem Film, doch es könnte sich genauso abgespielt haben. Kafka lebte für sein Schreiben. Alles, was diesem im Weg war, plagte ihn. Lesen und Schreiben, eine untrennbare Liaison – sie gehörten für Kafka zusammen, das Schreiben wuchs aus dem Lesen heraus. Das zeugen die vielen intertextuellen Bezüge in Kafkas Werk, die Anspielungen, das leise Aufklingen von Themen und literarischen Bildern.

So schreibt denn auch Andreas Kilcher, dass Literatur nie aus dem Nichts entstehe, sondern immer aus anderen Büchern. Diese setzen sich im Unterbewusstsein fest und wirken daraus. Sie bilden eine (neben anderen) Grundlage des Denkens und dann des Schreibens. Damit deutet er darauf hin, was in vielen Schreibratgebern und von vielen Schriftstellern vertreten wird: Wer schreiben will, muss ein Leser sein. Kafka hat es vorgemacht.

Fazit zum Buch:
Einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk.

(Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit, C.H. Beck Verlag, München 2024.)