Tove Ditlevsen: Abhängigkeit

«Und mir wird immer stärker bewusst, dass ich zu nichts anderem tauge und von nichts anderem leidenschaftlich erfüllt werde, als Worte aneinanderzureihen, Sätze zu bilden und einfache, vierzeilige Verse zu schreiben. Um das zu können, muss ich die Menschen auf eine ganz bestimmte Weise beobachten, in etwa so, als würde ich sie für den späteren gebrauch in einem Archiv ablegen.»

Tove Ditlevsen schreibt über sich. Nach Kindheit und Jugend ist nun die Zeit des Erwachsenseins Thema, die Liebe, die Irrtümer, das Schreiben, die Feiern, das Trauern und schlussendlich die Sucht. Sie schreibt über ihre Ehen, über ihre Kinder, schreibt darüber, wie sie schreiben will und nur schreibend glücklich ist, dies dann verliert, weil sie sich an die Drogen verloren hat. Und sie schreibt über ihren Weg aus all dem wieder hinaus.

«Aber für mich ist das Leben nur ein Genuss, wenn ich schreiben kann.»

Tove Ditlevsen ist ein Mensch, der sich dem Schreiben verschrieben hat. Manchmal scheint es, als ob das ganze Leben nur dazu dient, dem Schreiben Stoff zu liefern. Menschen, die sie trifft, Menschen, die sie liebt, Dinge, die sie tut – all das ist immer in irgendeiner Form mit dem Schreiben verbunden. Nicht schreiben zu können, ist die schlimmste Strafe, das unvorstellbar Grausamste. Durch diesen Drang, schreiben zu müssen, manövriert sie sich in eine Anhängigkeit hinein, aus der sie nicht mehr herausfindet, und die ihr schlussendlich das nimmt, was ihr das Wichtigste war: das Schreiben.

«Warum möchtest du eigentlich so gern normal und gewöhnlich sein?», fragte Ebbe verwundert. «Es ist doch eindeutig, dass du es nicht bist.» Darauf kann ich ihm auch keine Antwort geben, aber ich habe es mir gewünscht, solange ich denken kann.»

Der Wunsch, normal zu sein, so wie die anderen, trägt immer eine Ambivalenz in sich. Einerseits gefällt einem selbst das, was man ist, weil man sich in dem wohl fühlt. Wenn man sich so verhält, wie es einem entspricht, fühlt sich das tief drin stimmig an. Doch merkt man bald, dass man damit zum Aussenseiter wird, zu dem, der anders ist, nicht wirklich dazugehört durch dieses Anderssein. Da der Mensch als soziales Wesen danach strebt, dazuzugehören, kommt zwangsläufig der Wunsch auf, so zu sein wie die anderen, eben normal. Das wäre die Chance für die Integration – aber mit dem Preis, sich nicht mehr in sich zu Hause zu fühlen. So gesehen ist man selten ganz im Reinen mit dem eigenen Sehnen, etwas vermisst man meist – das Ich oder die anderen.

Es fällt schwer, das Buch wirklich zu fassen, zusammenzufassen. Es ist zu dicht, zu tief, zeigt zu viele Wunden. Eine sachliche Zusammenfassung würde nie zu fassen vermögen, worum es in der Tiefe geht, das Empfinden beim Lesen findet keine Worte. Sich über die Sprache, die Form auszulassen wirkt zu analytisch, distanziert. Und lässt man sich ein, fehlen am Schluss die passenden Worte, die ausdrücken, was nur zu fühlen ist. Hilft nur: Selbst lesen. Das immerhin kann ich sagen: Es ist eine Empfehlung.

Fazit zum Buch
Ein schonungslos offenes Buch, ein ehrliches Buch, ein Buch voller Abgründe. Und doch auch ein mutiges Buch, ein Buch, das ermuntert, hinzuschauen, auch bei sich.

Werkstattgespräche – Doris Wirth

Doris Wirth wuchs in einem kleinen Ort im Kanton Zürich auf, studierte Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie an der Universität Zürich und der Humboldt Universität Berlin. Nach Berlin zog es sie auch irgendwann, immer mit ein wenig Sehnsucht zurück nach der Schweiz im Herzen. Nach verschiedenen Veröffentlichungen in Magazinen und Anthologien erschien 2013 der erste Erzählband (Edition Thaleia) und 2016 die Erzählung «Kinderspiele» in der Reihe «schöner lesen» bei SuKuLTuR. «Findet mich» ist ihr erster Roman. Doris Wirth unterrichtet Deutsch als Zweitsprache und leitet Schreibwerkstätten. Sie lebt in Berlin.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Eine tiefe und vielleicht auch unendliche Frage gleich zu Beginn… ich bin eine Frau, bin Schweizerin, bin eine Naturliebhaberin, bin Büchermensch und Frau der Sprache durch und durch. Ich bin bald 43 Jahre alt und lebe seit bald 14 Jahren in Berlin, was nie so geplant war, sondern nur als zweijähriger Schreibaufenthalt. Ich vermisse die Heimat, meine Muttersprache und die Freundlichkeit der Menschen, zugleich liebe ich Berlin und seine unendlichen Möglichkeiten, liebe es, wie es 300 Meter weiter ganz anders aussehen kann, liebe es, wie ich jeden Tag gespiegelt bekomme, wie unglaublich viele verschiedene Lebensentwürfe, Meinungen, Antworten auf das Leben und Schicksale es gibt.
Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, in Effretikon, einer Kleinstadt, die vor allem in der Kindheit die Vorzüge eines Freibades und eines Eisfeldes hatte. Der Wald vor der Haustür, Pferde, alles fußläufig erreichbar. In der Jugend fand ich es da zu eng und ich orientierte mich gen Winterthur und Zürich, wo ich auch das Kunstgymnasium besuchte. Entgegen meinem ursprünglichen Berufswunsch als Mädchen wurde ich nicht Hundecoiffeuse, sondern studierte Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich schreibe, weil ich schreiben muss. Schreiben ist wie atmen für mich. Schreiben klärt mich, schreiben hilft mir, meine Gedanken und Gefühle zu ordnen und für mich einen Kompass in der Welt zu haben, einen roten Faden, an dem ich mich entlanghangle, einen Ort, an den ich immer hin kann, zu jeder Tages- und Nachtzeit, in jeder Verfassung.
Ich wollte Autorin werden, ja, aber ich wollte auch Ärztin werden, Tänzerin und Sängerin. Und Lehrerin. Lehrerin und Autorin bin ich geworden, Ärztin, Tänzerin und Sängerin leider nicht. Das Leben ist etwas zu kurz, um alles zu leben, was ich gerne würde.
In meiner Jugend habe ich viel Tagebuch geschrieben. Es hat mich durch die Jugend getragen, es hat mich gerettet, es war mein Ventil. Und ich habe natürlich Aufsätze geliebt. Als es die Schule nicht mehr gab, und ich war eine der wenigen, die traurig war darüber, musste ich mir neue Gebiete suchen, wie ich Geschichten schreiben könnte. Ich begann, an Schreibwettbewerben teilzunehmen, weil es da Themenvorgaben gab und einen klaren Rahmen, den ich anfangs brauchte. Und so blieb das Schreiben bei mir.

Ich war in einer Berufsberatung und auch da sagte ich, dass ich schreiben will – aber ich sagte es verdruckst, irgendwie traute ich mich nicht, zu diesem Wunsch zu stehen, als wäre es etwas Unerhörtes. Es gibt ja in der Schweiz und auch in Deutschland diesen Geniekult, andere müssen einen entdecken, müssen sagen, dass man gut ist, eine „echte Autorin“ – anders als in Amerika, wo man schreiben lernen kann und mit Leichtigkeit sagen „ich will das“. Nun, ich hatte diese Leichtigkeit nicht, ich habe lange auf ein Eintrittsticket in diese Welt gewartet. Eines Tages im Rahmen der Solothurner Literaturtage und des Schreibwettbewerbs „Open Net“ fragte mich Beat Sterchi: Ist es dir ernst mit dem Schreiben? Daran muss ich heute noch manchmal denken. Ja, es ist mir ernst mit dem Schreiben.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich würde sagen, weder noch. Oder sowohl als auch… Also ich bin sicherlich nicht eine jener Autorinnen, die wie eine Architektin ihres eigenen Textes agiert, die alles ins kleinste Detail durchplant, die Figuren am Reißbrett entwirft und sich alle Zusammenhänge und Querverbindungen theoretisch und bis ans Ende ausmalt. Ein Konvolut an Notizen gibt es auf jeden Fall, das hatte ich auch schon bei meinen Kurzgeschichten.

Beim Roman war es anders. Da ich nicht komplett fiktional gearbeitet habe, war es nicht so wie bei einer Skulptur aus Ton, dass man aufbauend arbeitet, eine leere Fläche hat und alles möglich ist. Vielmehr gab es ein Vorbild, es gab diesen Klotz aus „Geschichte“, der vor mir stand. Um diesen Klotz erzählbar zu machen, habe ich erstmal ganz viel recherchiert: gelesen, Filme geschaut, Theoretisches und Interviews mit Betroffenen. Dann habe ich eigene Interviews geführt. Ich war im Archiv, um Familiengeschichten bis ins vorletzte Jahrhundert zu recherchieren. Ich habe also versucht, möglichst viel Objektivierung in diese Geschichte, dieses konkrete Vorbild reinzubringen. Dann habe ich mir die Lebensläufe der Figuren erschrieben. Dabei habe ich versucht, sie mir anzueignen und möglichst mich allen vier Figuren anzunähern, damit ich die Geschichte später nicht nur aus einer Perspektive erzählen würde. Das war mir sehr wichtig, weil jeder es anders erlebt und weil Familie immer ein System ist, ein Geflecht. Schließlich habe ich mir einzelne Szenen auf Post-ist notiert und eine grobe Dramaturgie erstellt. Dann erst, drei Jahre nach den ersten Notizen, habe ich „drauflos“ geschrieben und geschaut, wo mich dann das Schreiben hinführt. Ich habe dann versucht, wie eine Steinbildhauerin aus dem Klotz etwas zu meißeln, was das erzählen würde, was ich erzählen wollte. Was dem Vorbild gerecht würde und trotzdem etwas Neues, Eigenes, Fiktionales sein würde.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder haust du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich schreibe zum Beispiel die Figuren und was ihre Vektoren sind, was sie also antreibt, woher sie kommen und wohin sie gehen, welche Kräfte in ihnen wirken, oder eben auch ein größeres Geflecht aus Szenen, eine Art Mind Map, auf Papier. Ich liebe riesige Papiere, A2 oder A1 für dramaturgische Übersichten. Ich bin ein haptischer Mensch und liebe Papier und Stifte, natürlich ist dickes Zeichenpapier schöner als dünnes Umweltpapier, aber ich nehme, was ich grad zur Hand habe, zur Not Schmierpapier, die Hinterseite von Arbeitsblättern meiner Schüler… Die Lebensläufe der Figuren, das waren gegen 200, 250 Seiten pro Figur, habe ich per Computer geschrieben, die erste Fassung des Romans ebenso. Vielleicht ist es lustig zu erfahren, dass ich mit einem drei-Finger-System schreibe… aber das ganz ordentlich schnell.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit oder stören dich andere Menschen nicht?

Ja, ich würde diesem Menschen zustimmen. Ich bin niemand, die in Cafés arbeitet oder Menschenansammlungen aufsucht. Ich habe einen Schreibraum, wo ich nicht einmal Internet habe (seit ich ein Smartphone mit mobilen Daten besitze, macht es mir einen Strich durch die Rechnung), dieser Raum ist sehr karg eingerichtet und das liebe ich: Dass da nur mein Schreiben stattfindet, sonst nichts.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ja, Thomas Mann hatte auch diese Möglichkeiten… ich muss Geld verdienen, um meine Wohnung zu bezahlen, meine Rechnungen, Essen und Kleidung und alles Nötige (und auch Unnötiges) für mich und meinen Sohn zu kaufen. Ich ringe seit Jahren damit, wie es am besten ist, aber ich komme immer wieder darauf zurück, dass das Beste zurzeit ist, den Freitag als Schreibtag zu haben. Natürlich hätte ich gerne mehr Zeit zum Schreiben, aber das haut finanziell nicht hin. Ich glaube, dass es viel Disziplin braucht, ja. Ich finde es schwierig, meinen Alltag hinter mir zu lassen und auf Knopfdruck in diese andere Seinsart reinzukommen, die langsamer ist, zulassender, suchender, weniger gesteuert.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftstellerin, was bereitet dir Mühe?

Freude ist: in meinem Raum zu schreiben. In einen Text einzutauchen. Das Gefühl, wenn ich glaube, dass eine Passage gut funktioniert. Und natürlich ist es ein wunderbarer Moment, das eigene Buch in den Händen zu halten. Ich lese auch sehr gerne.
Ich bin nicht so gut darin, Fragen zu beantworten, schreibend schon, aber nicht sprechend. Und manchmal finde ich den Literaturbetrieb anstrengend. Ich finde es schwer, dass man sich immer wieder aufs Neue beweisen und auch verkaufen muss.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Ich freue mich eher, wenn ich Zeit zum Schreiben habe. Auch in den Ferien. Vom Schreiben brauche ich nicht abzuschalten. Ich finde es schwieriger, von meiner Brotarbeit abzuschalten, wo ich Verantwortung für andere Menschen habe. Aber wunderbar abschalten kann ich im und auf dem Wasser. Und im Wald.

In deinem Roman spielt eine psychische Krankheit eine Rolle. Was hat dich an dem Thema gereizt?

Das war, was ich vorher mit dem Klotz meinte: Das Thema war einfach da, ragte in mein Leben hinein auf verschiedene Arten. Ich wurde damit konfrontiert in meinem näheren Umfeld, es betraf mich im größeren familiären Umfeld und auch über Freunde. Ich fühlte eine Art Notwenigkeit, diese Geschichte zu erzählen und mich mit dem Thema der psychischen Krankheit auseinanderzusetzen. Ich fand es sowohl für mich persönlich als auch gesellschaftlich unglaublich wichtig und dringlich.

War es einfach, aus der Sicht eines psychisch Kranken zu schreiben? Wie hast du dich da hineingefühlt?

Nein, einfach war es nicht. Es war spannend. Es gab ja die Idee, dass beim Aufbruch des namenlosen Mannes nicht sofort klar werden würde, dass dieser Mann psychisch krank ist. Sondern dass man es genauso als Abenteuer- oder Schelmengeschichte lesen kann, dass man vielleicht eine leichte Getriebenheit spürt, aber mehr nicht. Und dann erst nach und nach auch durch die Reaktionen der Menschen, denen er begegnet, und durch eine Steigerung in der Sprache, schließlich durch den völligen Verlust der Syntax, in der dieser Erzählstrang gipfelt, deutlich wird, dass der Mann sich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet.

Geholfen haben mir vor allem die Interviews mit Betroffenen und die Filme, die ich geschaut habe. Dann habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, dieses innere Erleben sprachlich umzusetzen. Davor hatte ich Respekt, aber ich finde, es ist gut gelungen.

Erwin, dein Protagonist, bricht aus. Trotzdem hinterlässt er Zeichen, will also gefunden werden. Es ist, als ob er einerseits Freiheit suchte, aber doch den Wunsch hat, wichtig genug zu sein, dass man ihn zurückholt. Woher rührt diese Ambivalenz? Oder ist es nur ein Spiel.

Das ist eine sehr gute Frage. Einerseits muss man sagen, dass er ja nicht als psychisch gesunder Mensch die Entscheidung trifft, aus seinem Leben auszubrechen und einen Neustart zu wagen. Sondern es ist eben Teil seiner Psychose, Teil seines Gedankenkonstrukts, in das er sich mehr und mehr verfängt. Ihn fasziniert, und ich glaube, das geht vielen Menschen so, die Möglichkeit, nochmals ganz neu anzufangen, nicht festgelegt zu sein durch all das gelebte Leben, nicht determiniert durch seine Rolle als Familienvater, Geschäftsmann, Nachbar etc. Zugleich gefällt ihm der Gedanke, dass er wie bei diesem Brettspiel, dass es in den 1980er gab, Scotland Yard, wie in den Thrillern, die er liest, der findige Gejagte ist, der sich eine neue Identität zulegt und nach dem gesucht wird. In seinem Wahn ist das ein großes Abenteuer, dass er im Wald lebt, dass er ohne Geld auskommt, dass er der Held ist, nach dem gesucht wird, dass er die Familie in ein „Spiel“ verwickelt. Und ja, da ist diese Ambivalenz: Er will ausbrechen und ganz frei sein, ohne jede Vergangenheit, und zugleich will er gesucht, gefunden werden, schneidet die Bande zu seiner Familie nicht ganz ab, sondern legt ihnen eine Fährte.

Du erzählst die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Was hat dich dazu verleitet? Man könnte doch denken, es wäre einfacher, nur in einen Kopf schauen zu müssen.

Gerade weil es in meinem Umfeld verschiedene Vorfälle gab, die Auslöser waren, diese Geschichte zu erzählen, war es mir wichtig, dass es nicht ein „Betroffenen-Bericht“ werden würde. Das hätte ich auch machen können und das wäre genauso legitim, aber das wollte ich nicht. Ich wollte einen Roman, eine Fiktion, und ich wollte nicht aus der Perspektive einer Betroffenen schreiben, die über ihre psychisch kranke Mutter, ihren Vater, Bruder oder Schwester schreibt. Ich wollte vermeiden, dass es eine Ich-Perspektive eines Menschen gibt, der nur aus seiner Sicht auf den „Verrückten“ draufschaut. Weil psychische Krankheit immer die ganze Familie betrifft, wollte ich unbedingt allen vier Personen eine Stimme geben und sie aus ihrer Perspektive auf das Geschehen blicken lassen. Trotz allem liegt natürlich ein besonderes Gewicht auf Erwin, weil er ja quasi eine doppelte Perspektive hat: Einmal in seinen Kapiteln, dazu zusätzlich im ganzen Strang der Abenteuergeschichte, wo wir noch näher an ihm dran sind und dicht mit ihm erleben, in seinen Kopf schauen können.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in einzelnen Figuren drin?

Auf jeden Fall viel. Manchmal fand ich es schwierig, diesen Vorbildern, die es gab, gerecht zu werden. Es war ein gewisses Korsett, das ich mir gewählt hatte. Dann wiederum gab es unendlich viele Passagen, wo ich ganz frei erfinden und mich ausleben konnte. Letztlich frage ich mich: Wo steckt mehr von mir drin, in den Passagen, wo ich mich näher an die Vorlage gehalten habe, oder dort, wo ich ganz frei erfunden habe? Ich frage mich: Würde ich über den Kaiser von China schreiben, steckte nicht genau so viel von mir dort drin, weil ich ja nur meine Synapsen habe, mein Gehirn, weil ja alles die Barriere des für mich Vorstellbaren passieren muss und ich letztlich meinen Erfahrungshorizont, zumindest den hypothetischen, nicht verlassen kann? Weil ich ja immer mich als Referenz habe, selbst wenn ich eine Figur schaffe, die genau gegenteilig ist von mir? Also, um Deine Frage zu beantworten: In Florence, Lukas, Erwin und Maria, aber auch in den Großeltern Werner und Claire, steckt viel von mir drin.

Nun ist das Buch endlich da, der Arbeitsprozess dauerte – so habe ich gehört – lange. Ist schon ein nächster Roman in Planung?

Ja, der Arbeitsprozess war sehr lange… zehn Jahre. Und ich hoffe, dass es beim nächsten Buch nicht so lange dauert! Ich werde bald ein Stipendium haben in den Bergen und dort dann zumindest mit den Vorarbeiten für den nächsten Roman beginnen.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Das Buch muss mich reinziehen. Ganz einfach. Ob es das über die Geschichte macht, das Thema oder sie Sprache, ist letztlich einerlei. Ich habe zum Beispiel, als ich während des Studiums ganz viele Bücher für die Akzessliste lesen musste, festgestellt, dass ich Remarque nicht mehr aus der Hand legen wollte und wie ein Kind nachts unter der Bettdecke mit der Taschenlampe weiterlesen wollte. Da wurde mir, nach vielem etwas mühseligen, intellektuellem Lesen wieder bewusst, wieviel Spaß es macht, wenn ein Buch einfach spannend ist und einen guten Plot hat. Natürlich liebe ich Bücher, wenn sie eine herausragende Sprache haben. Da braucht es dann nicht viel Handlung, da kann zum Beispiel Ilma Rakusa eine Nachmittagsstimmung in einem Zimmer im Süden in ihren Bildern heraufbeschwören und es ist ein Hochgenuss, das zu lesen. Nur das Thema an sich reicht glaube ich nicht aus, wenn das Thema spannend ist, aber weder Geschichte noch Sprache überzeugen, dann muss mich das Thema schon sehr fesseln, dass ich das Buch nicht weglege.
Ich glaube, Michael Ende hat mal gesagt oder geschrieben, dass Literatur das Fantastische haben muss, das Andere – seine unendliche Geschichte ist ja eine wahnsinnig schöne und unglaublich gut gelungene Parabel auch über das Erzählen selbst. Das hat mich oft beschäftigt, und ja, es stimmt, natürlich ist es wundervoll, wenn ein Buch Dinge ermöglich, die im echten Leben nicht möglich sind, wenn es einen mitnimmt auf eine Reise. Und zugleich war immer mein Interesse, sowohl beim eigenen Schreiben als auch beim Lesen, dass auch das Normale, das Leben selbst, das kleine Alltägliche erzählbar gemacht werden soll und kann und dass wir da genau so viel Schönes, Abgründiges und Spannendes finden.

Wenn du fünf Bücher deines Lebens (vielleicht auch zu verschiedenen Zeiten desselben) nennen könntest, welche wären das?

  • Die unendliche Geschichte (Michael Ende)
  • Montauk (Max Frisch – mit Auszügen aus dem wunderbaren Gedicht von Ingeborg Bachman „In diesen Tagen steh ich auf mit den Birken“…)
  • Die hellen Tage (Zsuzsa Bánk)
  • Der rote Seidenschal (Federica de Cesco)
  • Sommerhaus, später (Judith Hermann)

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Es klingt lapidar, aber: Tu es. Ich habe mir in meinem Schreibraum einen Zettel aufgehängt: Schreib den verdammten Roman, niemand sonst außer du kann es tun! Manchmal, wenn ich dabei war, den Mut zu verlieren, habe ich den Zettel wieder gelesen. Das Wichtigste ist, es zu tun. Dranzubleiben. Sich die Geschichte zu erschreiben, sie zu überarbeiten, nicht aufzugeben. Durchhaltewillen und Disziplin zu haben. Nicht an später zu denken, sondern ans Jetzt. Und trotzdem manchmal auch zu visionieren: Davon zu träumen, wie es sein würde, das Buch in den Händen zu halten, wie es riechen würde, wie dick, wie schwer es wäre, welche Farbe es haben würde, wie sich der Leineneinband unter der Fingerkuppe anfühlte.

Wer nun neugierig geworden ist:

Doris Wirth: Findet mich

„Es ist ein Spiel, das er schon immer mal spielen wollte: Finding me. Auf und davon. Alles zurücklassen, was ihn bisher ausmachte… Irgendeiner sein. Einer von vielen. Keiner kennt ihn, keiner nagelt ihn fest.“

Erwin bricht aus. Was anfangs so vielversprechend aussah, hat sich mehr und mehr in etwas verkehrt, das ihm nicht mehr zusagt. Von der heilen Familie, die er einst gründen wollte, ist nur mehr ein Alltag in Eintönigkeit übrig, in dem ihm die Bestätigung und vieles mehr fehlen. Erwin verändert sich, wird ungeduldiger, aggressiver, bis er irgendwann die Ketten sprechen und Heim und Familie verlassen muss. Frei sein will er. Das Leben in der Natur erscheint ihm als Traum, in den schönsten Bildern malt er dieses aus und merkt nicht, dass sie einer Psychose entspringen. Eine Situation, die sich für alle Beteiligten unterschiedlich auswirkt, weswegen jeder von ihnen anders drauf blickt und uns an diesem Blick teilhaben lässt.

Paul Auster: Winterjournal

Paul Auster blickt auf sein Leben. Er schreibt sich von Liebe zu Liebe, listet die Wohnungen seines Lebens auf, reflektiert sein Leben in ihnen. Er denkt über seinen Körper nach und dessen Veränderungen in der Zeit, über Krankheiten und den Verfall bis hin zum Tod. Er zieht Bilanz weit vor dem Ende. Noch ist Zeit zum Schreiben. Das Zentrale in seinem Leben neben der Liebe.

«Du denkst, das wird dir niemals passieren, das kann dir niemals passieren, du seist der einzige Mensch auf der Welt, dem nichts von alldem jemals passieren wird, und dann geht es los, und eins nach dem anderen passiert dir all das genau so, wie es jedem anderen passiert.»

Paul Austers Blick ist ein offener, ein entlarvender. Er zeigt seine Illusionen, seine Irrtümer. Er offenbart seine Schwächen und zeigt sich dadurch mutig und stark. Er steht zu dem, was er ist, ohne zu beschönigen, zu verklären. Es ist aber auch keine Selbstanklage, sondern zeugt von der Anerkennung des eigenen So-Seins.

«Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist.»

Die Endlichkeit der Zeit ist immer wieder Thema. Sie zu nutzen im Wissen, dass nicht ewig Zeit sein wird, ist die Botschaft. Wie oft schweigen wir, denken später, zu spät, wir hätten etwas sagen sollen. Wir trauern den ungeklärten Dingen hinterher, Dinge, deren Klärung wir aufschoben. Ein Schriftsteller lebt davon, Dinge zu sagen. Er sucht den Ausdruck für das, was ist, was er ist. Was um ihn ist. Wie er damit umgehen will, kann, wie er es tut. Die Zeit dafür ist immer jetzt. Morgen kann es zu spät sein. Paul Auster hat das selbst erfahren und auch so beschrieben:

«und weil du immer geglaubt hast, er werde ein hohes Alter erreichen, hat es dich nie gedrängt, den zeitlebens zwischen euch hängenden Nebel zu lichten.»

Als Paul Austers Vater unerwartet plötzlich stirbt, wird er sich all dessen bewusst, was unausgesprochen blieb, was zu klären versäumt worden war. Die Illusion einer noch lange dauernden Zeit lässt uns zögern, das zu tun, was uns auf dem Herzen liegt und vielleicht nicht so leicht ist. Wir schieben es so lange auf später, bis die Zeit und die Chance, es zu tun, vorbei sind.

«Zweifellos bist du ein beschädigter, ein verwundeter Mensch, ein Mann, der von Anfang an eine Wunde in sich herumgetragen hat (warum sonst hättest du dein ganzes Erwachsenenleben damit verbringen sollen, Worte zu Papier zu bluten?), und der Gewinn, den du aus Alkohol und Tabak ziehst, dient dir als Krücke, dein verkrüppeltes Ich aufrecht zu halten und durch die Welt zu tragen.»

Paul Auster sieht sich als Verwundeten. Er sieht die Narben im Gesicht ebenso wie sein Tun, das wohl aus keinem heilen Wesen entspringen kann. Würde ein gesundes Wesen, ein unverwundetes, sich nicht ins blühende Leben stürzen statt in der stillen Kammer zu versuchen, Worte aneinanderzureihen?

«…das eine Ich, der Einzelne, der sich täglich für sieben oder acht Stunden in diesen Bunker verkriecht, ein stiller Menn, der abgeschnitten vom Rest der Welt, Tag für Tag an seinem Schreibtisch sitzt, mit nichts anderem im Sinn, als das Innere seines Schädels zu erforschen.»

Das eigene Schreiben dient dazu, sich und das Leben zu erforschen und zu verstehen. Es ist eine Innenschau, die nach aussen dringt und dadurch erfahrbar wird. Für Auster selbst und später für den Leser. Da Menschen nicht so unterschiedlich sind, wie sie manchmal glauben, erkennt man sich in diesem Geschriebenen wieder. Man geht selbst in sich und erkennt etwas, das vorher vielleicht nicht so offen dalag.

«Wir alle sind uns selbst fremd, und wenn wir irgendeine Ahnung haben, wer wir sind, dann nur, weil wir in den Augen anderer leben.»

Dieses Erkennen kann durch Bücher, aber auch durch andere Menschen passieren. Indem wir sehen, wie wir bei anderen ankommen, wie sie sich zu uns verhalten, was sie uns spiegeln, erhalten wir eine Ahnung dafür, wer wir sind.

«Eine Tür ist zugefallen. Eine andere Tür hat sich geöffnet. Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten.»

Und irgendwann wird es die letzte Tür sein.

Fazit zum Buch
Ich habe das Buch kurz nach Paul Austers Tod gelesen. Es hat mich berührt durch seine Sprache, durch seine Offenheit. Es hat mich dem Menschen Paul Auster nähergebracht und Lust gemacht, tiefer in sein Werk einzutauchen. Ein sehr persönliches Buch, das den Menschen Paul Auster in seinem Sein zeigt und erfahrbar macht.

(Paul Auster: Winterjournal, Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 2013)

Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an

Papa Kiyak hat Krebs. Die Tochter kümmert sich. Sie spricht mit den Ärzten, kocht Essen, will für ihn da sein, redet gut zu und hat selbst keine Kraft. Sie weint plötzlich in den unmöglichsten Situationen, kämpft immer wieder an allen Fronten, wütet über die Bedingungen von Migranten und denen in Spitälern. Und zwischendurch lässt sie sich von ihrem Papa Geschichten erzählen. Von früher. Von der Familie.

«Zum ersten Mal denke ich, dass mein Vater es nicht packen wird.»

Als ich das Zitat gelesen habe, erkannte ich mich wieder. Genau so war das. So kenne ich es. Eine sachliche Rezension zu diesem Buch zu schreiben, ist mir unmöglich. Oder: Ich will es nicht.

Ich wollte das Buch beim Lesen so oft abbrechen. Es tat mir nicht gut. Es warf mich zurück. Zu den gleichen Sätzen, die ich vor einigen Jahren auch hörte. Zu den Kämpfen, obwohl ich tief drin die Hoffnung aufgegeben hatte – und doch weiter hoffte. Es versuchte. Zurück zum Weinen in Trams, in Einkaufszentren. Zurück zu Zusammenbrüchen, tiefer Trauer. Angst.

Mely Kiyak schreibt über sich und ihren Vater. Sie schreibt über dessen Krebs und wie er sich ausbreitete. Lunge. Nieren. Leber. All das hatte ich genauso. Und so vieles dazu. Wie will ich da einen sachlichen Text darüber schreiben? Ich habe geweint. Nein. Geheult beim Lesen.

«Das scheint vollkommen üblich zu sein. Dass man sterbenskranken Menschen ihr Essen nicht dann gibt, wenn sie es brauchen und wollen, sondern dann, wenn es dem System in den Kram passt.»

Natürlich war das Verständnis für das Personal bei mir da. Sie sind alle überlastet. Und doch lag da mein Vater. Als ich all die Beschreibungen des Spitalalltags las, erkannte ich alles wieder. Mehr noch, ich war wieder drin. In dieser Wut, diesem Ausgeliefertsein. Ja, wir hatten teilweise grossartige Pflegekräfte. Geduldige Ärzte. Aber auch das Gegenteil. Und in all dem liegt dein Vater. Der Mensch, der dir so viel beigebracht hat. Der dir so wichtig, so lebenswichtig, wie du dachtest, ist. Unerträglich. Und doch muss es ertragen werden. So ging es mir wieder beim Lesen. Ich konnte nicht aufhören. Obwohl ich es kaum ertragen habe. Was für das Buch spricht. Es ist ehrlich. Es ist schonungslos. Es ist persönlich. Es ist authentisch.

«Noch bevor ich sprechen kann, fange ich an zu weinen. Es ist mächtiger als ich. Ich habe mich nicht im Griff. Dabei beginnen wir erst.

Was soll ich schreiben: So war das. Die Direktheit von Mely Kiyaks Schreiben führt es mir nicht nochmals vor, sie wirft mich nochmals rein. Und in all das, was als nette Beigabe in solchen Situationen dazukommt: Die Isolation, das Abwenden von Freunden, weil man keine Zeit mehr hat. Weil man sich ja kümmern muss. Und danach keine Worte findet auf die Fragen, die kämen.

«Man gewöhnt sich an Menschen, liebt sie, und am Horizont winkt bereits der Tod. Man fragt sich doch, worin der Sinn des Lebens besteht, wenn am Ende gestorben wird.»

Ja, wo liegt der Sinn des Lebens? Worauf kann man bauen? Es ist das elende Gefühl, das Mascha Kaléko beschreibt, dass der eigene Tod kein Schrecken ist, aber der derer, die man liebt. Alle können einem immer genommen werden.  

Fazit zum Buch
Berührend. Bewegend. Tief.

(Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an, Carl Hanser Verlag GmbH, München 2024.)

Rebecca F. Kuang: Yellowface

Athena Liu und June Hayward sind seit ihrem gemeinsamen Literaturstudium Freundinnen, beide streben sie eine Karriere als Schriftstellerin an. Während Athena der Erfolg nur so zufliegt, will June der Durchbruch nicht gelingen. Beim Feiern eines weiteren Erfolges erstickt Athena vor Junes Augen und diese wittert ihre Chance: Sie stiehlt deren fertiges Manuskript und gibt es nach intensiver Umarbeitung als eigene Geschichte heraus. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, doch dann droht der Diebstahl aufzufliegen.

„Yellowface“ ist ein Buch über das Schreiben:

«Schreiben ist der Kern meiner Identität, seit ich ein Kind war… Und auch wenn es mich unglücklich macht, werde ich an dieser Magie festhalten, solange es mich gibt.»

Über die guten Seiten daran:

«Darum liebe ich das Schreiben so sehr – wir haben unendlich viele Möglichkeiten, uns selbst und unsere eigenen Geschichten neu zu erfinden.»

Und die schwierigen:

«Schreiben ist so eine einsame Tätigkeit. Du hast keine Gewissheit, ob deine Arbeit irgendeinen Wert hat, und jedes Indiz dafür, dass du den Anschluss verlierst, stürzt dich in den Abgrund der Verzweiflung.»

Es stellt die Frage, wer ein Buch wirklich geschrieben hat:

«Die ursprüngliche Idee für diesen Roman kam vielleicht nicht von mir, aber ich bin diejenige, die ihn gerettet und den ungeschliffenen Diamanten zum Glänzen gebracht hat.»

Und ein Buch über Aneignung:

«Zum ersten Mal seit ich das Manuskript abgegeben habe, überkommt mich ein tiefes Schamgefühl. Das ist nicht meine Geschichte, mein Erbe.»

Es ist ein Buch über Freundschaft:

«Schliesslich ist es schwer, mit jemandem befreundet zu sein, der dich bei jeder Gelegenheit aussticht. Vermutlich mag niemand Athena, weil niemand das Gefühl mag, im Vergleich mit ihr ständig den Kürzeren zu ziehen. Vermutlich stehe ich zu ihr, weil ich so armselig bin.»

Ein Buch über Neid:

«Neid bedeutet, mich ständig mit ihr zu vergleichen und dabei schlecht wegzukommen; Panik, dass ich nicht gut genug oder schnell genug schreibe, dass ich nicht gut genug bin und es nie sein werde.»

Und ein Buch über den Tod – und was danach von einem bleibt. Dabei schwingt auch die Angst mit, schon zu Lebzeiten in Vergessenheit zu geraten.

«Mir war nicht klar, wie viel Angst ich davor habe: unbekannt zu sein, vergessen zu werden.»

Fazit zum Buch
Ein gut lesbares, flüssig geschriebenes Buch, das Einblicke in die Welt hinter den Büchern, in die Welt des Schreibens und Publizierens und alles, was darin Schönes und Schwieriges steckt.  

Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt

Der Schriftsteller bei der Arbeit

«Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.» Franz Kafka

Andreas Kilcher wirft einen Blick hinter die Kulissen von franz Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und sein Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Andreas Kilcher analysiert Kafkas Lektüren, Interessen und die historischen und lebensnahen Kontexte und leitet daraus einen Bezug zu einzelnen Texten ab. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor.

«Ein gutes Buch ist der beste Freund.»

Wir lernen Kafka in diesem Buch als begeisterten und intensiven Leser kennen. Zwar blieb seine eigene Bibliothek immer überschaubar, in Briefen und auf Listen zeigt sich aber der Umfang seines Lesens.

«Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.» Franz Kafka

Der Philosophieprofessor und Schriftsteller Peter Bieri sagte über Literatur, dass sie im Leser etwas bewegen, etwas verändern müsse. Aus guter Literatur gehe man als anderer hervor. Das scheint auch Kafkas Meinung gewesen sein. Literatur bietet einen Blick in sich selbst, sie lässt einen die Möglichkeiten erkennen, was im Leben möglich ist, wie der Mensch sein kann. Sie lässt den Leser nachdenken, was davon in ihm selbst angelegt ist und bringt ihn so zu neuen Erkenntnissen.

«Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich.» Franz Kafka

Als Kafka schon im Sterben lag, die Tage waren gezählt, fragte er den behandelten Arzt nicht nach der Anzahl verbleibender Tage, sondern, wie viele Erzählungen er wohl noch schreiben können würde. Da waren noch so viele in seinem Kopf. Der Arzt meinte nur: «Fangen sie gleich mit dem Schreiben an.»

Zwar habe ich dieses Gespräch aus einem Film, doch es könnte sich genauso abgespielt haben. Kafka lebte für sein Schreiben. Alles, was diesem im Weg war, plagte ihn. Lesen und Schreiben, eine untrennbare Liaison – sie gehörten für Kafka zusammen, das Schreiben wuchs aus dem Lesen heraus. Das zeugen die vielen intertextuellen Bezüge in Kafkas Werk, die Anspielungen, das leise Aufklingen von Themen und literarischen Bildern.

So schreibt denn auch Andreas Kilcher, dass Literatur nie aus dem Nichts entstehe, sondern immer aus anderen Büchern. Diese setzen sich im Unterbewusstsein fest und wirken daraus. Sie bilden eine (neben anderen) Grundlage des Denkens und dann des Schreibens. Damit deutet er darauf hin, was in vielen Schreibratgebern und von vielen Schriftstellern vertreten wird: Wer schreiben will, muss ein Leser sein. Kafka hat es vorgemacht.

Fazit zum Buch:
Einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk.

(Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit, C.H. Beck Verlag, München 2024.)

Paul Auster: Bericht aus dem Innern

«Gravierender… ich lebe in meinem Schreiben – es verschlingt meine Gedanken. Ich habe jede Menge Ideen, Pläne, alles auf einmal – in jeder freien Sekunde denke ich darüber nach, tüftle, revidiere, ohne aber das, woran ich im Augenblick arbeite, aus dem Blick zu verlieren…»

Paul Auster ist ein Schreibender. Er ist einer, der sich und sein Leben förmlich dem Schreiben verschrieben hat – und der Liebe. Doch die kommt erst später. Zuerst muss er zu dem heranwachsen, der er mal sein wird. Er muss eine Kindheit durchleben, die ihn zu dem macht oder aus der er das macht, was er als sein Leben bezeichnet. In diesem Buch beschreibt Paul Auster diese Kindheit und sein Heranwachsen. Er beleuchtet das, was er aus Erinnerungen und Erzählungen kennt und analysiert es mit seinem erwachsenen Blick. Er durchläuft all die Jahre vom Kind bis hin zum frühen Erwachsenen. Den letzten Teil dieser Erinnerungen bilden Briefe, die er seiner langjährigen Freundin und ersten Ehefrau Lydia Davis geschrieben hatte. Abgerundet wird das sehr persönliche Buch durch Einblicke in das familiäre Fotoalbum.

«…dies ist der Moment, in dem wir die Fähigkeit erwerben, uns selbst unsere Geschichten zu erzählen, die ununterbrochene Erzählung zu beginnen, die erst mit unserem Tod endet.»

Wann ist der Mensch so weit, dass er sich seines eigenen Seins bewusst ist? Wann erkennt er sich als Denkenden und Handelnden? Nach Paul Auster tritt ein Kind im Alter von sechs Jahren in diese neue Phase des Lebens. In diesem Alter, so Auster, denkt ein Kind und weiss, dass es etwas denkt. Es fängt an, sich dieses Denken und sein Leben zu erzählen. Das erinnert mich an Max Frisch, der in «Mein Name sei Gantenbein» schrieb:

«Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält…»

Beim Blick auf die Kindheit spielen die Eltern eine grosse Rolle. Sie sind es, die das nächste Umfeld bilden, die Beziehung zu ihnen legt den Grundstein unseres Seins. Paul Austers Blick zurück ist kein verklärender. Es ist ein offener und schonungsloser. Er legt dafür den Finger in seine Wunden und zeigt, wie sie entstanden sind.

«…die beiden haben es verpfuscht, und dass du diese Katastrophe als Kind miterleben musstest, hat dich zweifellos nach innen getrieben und einen Mann aus dir werden lassen, der den grössten Teil seines Lebens allein in seinem Zimmer verbracht hat.»

In einem Interview sagte Paul Auster, jeder Schriftsteller sei ein Verwundeter, ein glücklicher Mensch würde kaum jeden Tag in ein einsames Zimmer sitzen und schreiben. Der Schriftsteller gehe in die Kunst, in sein Schreiben, weil das der Ausdruck seiner Wunde sei.

«…dort hast du dir beigebracht, allein sein zu können, und nur wenn ein Mensch allein ist, kann er seinen Gedanken freien Lauf lassen.»

Es gibt zwei Sichten, das eigene Sein zu sehen: Man wurde, wer man ist, weil die Dinge waren, wie sie waren, oder man wurde es, obwohl sie so waren. Die schwierigen Familienverhältnisse waren belastend für den kleinen Jungen und dieses Belastende hat lange nachgehallt. Was er aber daraus gelernt hat ist, sich zurückzuziehen in seine eigene Welt. Das war die Welt, die sich in seinem Kopf zeigte, in seinen Fantasien. Beim Alleinsein konnte er diese Welten entstehen lassen und ausmalen. Etwas, womit er nie mehr aufgehört hat – zum Glück für seine Leser. Auch wenn es nicht immer nur einfach floss:

«Das alles klingt, als sei ich… sehr beschäftigt. Vielleicht bin ich das, aber es fühlt sich für mich nicht so an. Die meiste Zeit verbringe ich völlig allein – in äusserster und furchtbarer Einsamkeit. In meinem kleinen kalten Zimmer, wo ich entweder arbeite oder auf und ab gehe oder vor Niedergeschlagenheit gelähmt nichts tue.»

So erfolgreich Paul Auster auch war, die Unsicherheit dem eigenen Schreiben gegenüber ging nie ganz verloren. Nach jedem beendeten Buch fing sie von neuem an: Würde es nochmals gelingen? Es gelang!

«…und mag es viele Dinge geben, an die du dich erinnerst, so gibt es mehr, tausendmal mehr, auf die das nicht zutrifft.»

Was erinnern wir? Was vergessen wir? Schlussendlich ist das, was bleibt, wohl ein kleiner Teil all dessen, was war. Es ist der Teil, der sich in uns festgesetzt hat, weil wir ihm zum Zeitpunkt des Erlebens einen Wert beigemessen haben und ihn darum irgendwo bewahrt haben – oft auch im Unterbewusstsein, von wo er erst wieder auftaucht, wenn es einen Auslöser dafür gibt.

Als Schlusssatz kann ich eigentlich nur noch ein Zitat anhängen:

«Am Ende glaube ich mehr als alles andere, das Einzige, was überhaupt etwas zählt, ist die Liebe.»

Die hat er gefunden und lebte mit ihr für viele Jahre. Die Liebeserklärung, die man im «Winterjournal» lesen kann, ist wundervoll. So möchte man lieben können, so möchte man geliebt werden.

Ich hebe mein Glas auf Mascha Kaléko

«Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.»

Der Auszug aus diesem Gedicht fasst in wenigen Worten zusammen, was das Leben für Mascha Kaléko war: Ein ständiges Aufbrechen, Weiterziehen, nie ein Ankommen, Zuhause-Sein. Sie war eine Fremde zeitlebens, seit sie als kleines Mädchen den Ort ihrer Geburt verlassen musste.

In einem Leben ohne Halt und Hafen sucht man sich oft einen Begleiter. Der Kalékos war wohl die Melancholie. Sie steckt in vielen ihren Versen, dringt aus ihren Zeilen und versteckt sich mitunter dazwischen, im nicht Gesagten, nur Durscheinenden. Doch hatte sie noch einen zweiten Begleiter: den Humor. Sie ist wohl das perfekte Beispiel für dieses Trotzdem: sie lachte trotzdem, auch wenn ihr das Leben oft keinen Grund dazu gab.

«Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang
Nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?»

Die Liebe hat sie gefunden. Eine grosse. Ein Sohn war ihr beschert, sie liebte auch ihn. Der Sohn wurde ihr früh genommen, der Mann etwas später. Mascha ist müde, doch sie rappelt sich nochmals auf, zäh und mutig, wie sie ist. Reist durch Europa, besucht ihre alte Heimat Berlin, überlegt, zurückzukehren. Sie stirbt vor der Umsetzung dieser Pläne und hinterlässt uns die wunderbarsten Gedichte, die ich nur ans Herz legen kann.

Habt einen schönen Tag!

Ich hebe mein Glas auf Thomas Mann

Heute kommt es zu einer der schwersten Glaserhebungen überhaupt. Er hat Geburtstag. Der Schriftsteller, dessen Leben ich über Monate quasi mitgelebt habe. Ich habe seine Musik gehört, mit seinen Zipperlein gelitten, seine Schreibmüdigkeiten und -freuden ich nachempfunden. Ich habe alles von ihm (bis auf ein Werk) und unglaublich viel über ihn gelesen, gehört, gesehen. Man könnte es Liebe nennen. Er ist hinlänglich bekannt. Nur schon meine Regale sind gut mit ihm gefüllt, aber da wäre noch so viel mehr. Und so dachte ich, ich schreibe ein paar Dinge über meine Beziehung zu ihm, statt einfach seine Biografie aufzuschreiben:

1.    Ich liebe Bücher, behandle sie (ausser den Notizen und Markierungen) sehr sorgfältig. Es gab ein Buch, das ich völlig entnervt in die Ecke pfefferte – nur um ihm besorgt nachzurennen und zu schauen, ob es noch heil ist. Es war. 

2.    Ich ertrage es nicht, wenn ich etwas Negatives über ihn lese. Oft ist es so unfair, wie ich finde. Dann gehe ich sofort in den Verteidigungsmodus über.

3.    Als ein Professor mal meinte, man müsse in einem seiner Bücher nicht alles lesen, es sei etwas ausschweifend und könne überblättert werden, war ich empört. Ich habe die Passagen damals dann doch überblättert. 

4.    Ich lief mit einem seiner Werke als Hörbuch auf den Ohren durch halb Chicago. Deswegen erinnert mich der Roman, der eigentlich für eine deutsche Stadt steht, heute noch an Chicago.  

5.    Manchmal denke ich, noch mehr als seine grossartige Literatur fasziniert mich seine Person. 

6.    Ich verdanke ihm den wohl wundervollsten Schreibprozess einer Masterarbeit, den ich mir vorstellen könnte. Und das Gefühl, was Leidenschaft fürs Schreiben ist.

7.    Mein liebstes Werk von ihm wird kaum je genannt, wenn es um seine Bücher geht. 

Heute würde Thomas Mann 149 Jahre alt. Ich hebe mein Glas auf ihn!

Didier Eribon: Eine Arbeiterin. Leben, Alter, Sterben

«Unsere Mutter sollte sich heimisch fühlen, denn, wie wir ihr im Laufe des Tages immer wieder sagten, hier wohnte sie jetzt, das war jetzt ihr «Zuhause», wogegen sie resigniert protestierte: «Nein, das wird nie mein Zuhause sein», dann: «Nein, das ist nicht mein Zuhause, bevor sie es leid war, dass wir sie scheinbar nicht verstanden, und sagte: «Jaja, ich weiss, aber es ist nicht dasselbe.»»

Didier Eribon erzählt von seiner Mutter, vordergründig, in Tat und Wahrheit erzählt er mehr von sich und seinem Verhältnis und Verhalten der Mutter gegenüber. Er liefert eine Sozialstudie dessen, was es heisst, alt und damit Minderheit zu sein. Er demonstriert, was es bedeutet, einer unteren Klasse zuzugehören, und welche Probleme damit verbunden sind.

«…mir wurde wieder einmal bewusst, wie befremdlich und nahezu unerträglich das sein kann, was man gemeinhin als «Familienbande» nennt. Was verband uns? Nichts. Rein gar nichts. Ausser der Tatsache, dass wir hier waren, um uns um unsere Mutter zu kümmern, dass wir hier sein mussten.»

Und: er zeigt die Zerwürfnisse und Schwierigkeiten in Familien, vor allem dann, wenn es darum geht, Lösungen zu finden, an denen alle beteiligt sind und die alle in einer Weise betreffen. Neben der persönlichen Ebene dieses Buches gibt es auch die soziale, die politische. Didier Eribon verweist auf die Lage von alten Menschen in unserer Gesellschaft, auf ihr Übergangensein, auf ihre Stellung am Rande der Gesellschaft und dieser quasi nicht mehr zugehörig. Sie haben keine Stimme mehr, Entscheidungen werden oft über ihren Kopf hinweg und für sie getroffen. Es ist, so Eribon, dringend nötig, alten Menschen wieder eine Stimme zu geben, ihnen die Würde zu belassen, die ihnen zusteht.

«Mittlerweile ist mir bewusst, dass ich zugleich dank meiner Mutter und in Abgrenzung zu ihr der Mensch geworden bin, der ich bin. In meinen Gedanken war das In-Abgrenzung-zu-ihr lange Zeit stärker als das Dank-ihr. Natürlich schäme ich mich seit langem für all die Beispiele meines Egoismus und meiner Undankbarkeit.»

Eribon schaut unbarmherzig auf seine Beziehung zu seiner Mutter. Er sieht seine Versäumnisse, sein mangelndes Einfühlungsvermögen und auch die Vernachlässigung der Beziehung. Er war in seinem Weg der Abgrenzung von seiner Herkunft, damit, all das, was dafürstand, abzulehnen, so gefangen, dass ihm der Blick auf die anderen, das Einfühlen in ihre Position und ihren Umgang mit der Situation, verborgen blieb. Nein, all das blieb nicht einfach verborgen, er schaute bewusst weg.  

Eribon bleibt aber nicht beim Persönlichen stehen, er zeichnet auch ein Bild der Gesellschaft, wie sie war, vor allem auch für Frauen:

«Als Frau hatte man es schwer, Männer konnten machen, was sie wollen, Frauen nicht.»

Seine Mutter kam aus einer Zeit, in welcher Frauen wenig Rechte und Möglichkeiten hatten. Den Frauen und deren Entscheidungen ausgeliefert hatten sie den Platz einzunehmen, der ihnen zugewiesen wurde. Dies war vor allem in den unteren Klassen der Fall, in welchen generell wenig Spiel- und Freiraum zur Lebensgestaltung herrschte.

«Selbst wenn eine Ohnmachtserfahrung der Vergangenheit angehört, wenn sie längst in Vergessenheit geraten ist, hinterlässt sie unauslöschliche Spuren.» 

Auch wenn sich die Zeiten verändert haben, Frauen mehr Rechte bekamen, so sitzen die Spuren dessen, was war, doch tief. Ein neues Verhalten, eine neue Gewissheit für den eigenen Platz in der Gesellschaft ergibt sich nicht von heute auf Morgen. Zudem hat sich das Neue auch in den Köpfen anderer noch nicht vollkommen eingenistet, so dass Spuren vom Alten noch immer aktuell sind und damit auch erlebt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass mit der fortschreitenden Zeit eine weitere Schwierigkeit auftaucht, ein neues Stigma, welches den Stand in der Gesellschaft erneut schwieriger macht: Das Alter. Mit diesem einher geht eine weitere Diskriminierung, die erneute Erfahrung, nicht mehr zum aktiven Teil der Gesellschaft gezählt zu werden und nach und nach, wenn die Gesundheit entsprechend ist, in Zwangssituationen zu geraten, die man selbst nicht möchte.

«Der Umzug ins Altenheim ist… der Eintritt in eine erzwungene Gemeinschaft, der man sich schwerlich entziehen kann.»

Wer sagte nicht in jungen Jahren, dass er nie in einem Altenheim leben möchte, weil man damit wenig Positives verbindet. Diese Sicht verfestigt sich und ist nicht einfach weg, wenn der Zeitpunkt kommt, dass man es in Erwägung ziehen muss – oder dazu genötigt wird, es in Erwägung zu ziehen. Dieser Umzug ist nicht einer von vielen, er gleicht einem aus der Freiheit des eigenen Seins und Tuns in ein geregeltes System mit Vorschriften und erzwungenen Nachbarschaften.

«Wenn alte Menschen keine Stimme haben. Oder nicht mehr haben oder sogar, im Fall Pflegebedürftiger, nicht mehr haben können – sind dann nicht andere angerufen, ihnen eine Stimme zu geben»?

Wir dürfen nicht wegschauen. Menschen sind Teil unserer Gemeinschaft. Immer. In jedem Alter, mit allen Fähigkeiten und Hindernissen. Oft vergessen wir die, welche sich nicht mehr wehren können. Wir lassen sie am Rand stehen. Vordergründig sind sie versorgt, doch was dieses «versorgt» wirklich bedeutet, blenden wir aus. Didier Eribon hat hingeschaut. Und er hat dieses Buch geschrieben. Er hält den Finger in die Wunde dieser Gesellschaft. Er gibt seiner Mutter eine Stimme, als diese keine mehr hat. Er gibt durch sie den Menschen eine Stimme, die keine haben. Damit wir sie hören. Und hinschauen.

Das Buch wurde von mir sehr erwartet und hatte damit wohl einen schweren Stand. Auch schwer war es, weil ich von den beiden vorher gelesenen Büchern «Rückkehr nach Reims» und «Gesellschaft als Urteil» mehr als begeistert war. Ich wurde, ich kann es gleich sagen, enttäuscht. Ob das nur der hohen Messlatte geschuldet war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber für mich war es sicher nicht Eribons bestes Buch. Trotzdem ist es absolut lesenswert und eine Empfehlung von mir.

Werkstattgespräche – Friedrich Ani

Foto: Susie Knoll

Friedrich Ani
Er trat als Sohn einer Schlesierin und eines syrischen Arztes am 7. Januar 1959 in Kochel am See in diese Welt, absolvierte die Schule bis zum Abitur und veröffentlichte bald danach erste Hörspiele und Theaterstücke. In der Drehbuchwerkstatt München der Hochschule für Fernsehen und Film lernte er das Handwerk des Schreibens und publizierte bald schon seinen ersten Roman. Er gewann mehrere Preise, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt, bewegt sich in den unterschiedlichsten Genres, vom Drehbuch über (Kriminal-) Romane bis hin zu Gedichten. Es ist nicht leicht, ihn in wenigen Worten zu beschreiben bei einer solchen Vielfalt.

Für uns hat er die Tür zu seiner Schreib-Werkstatt geöffnet und gewährt uns einen Blick hinein.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Ich bin Schriftsteller, Verfasser melancholischer Kriminalromane, von Gedichten, Hörspielen und Theaterstücken. Geboren an einem See, zu Hause in einem Zimmer in der Stadt.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Zu schreiben begann ich, weil ich feststellte, dass mir das Erfinden von Geschichten oder Szenen Freude bereitete. Meine Großmutter las mir viel vor, und ich bekam Lust, mir selbst etwas auszudenken. Ich schrieb, wie andere Kinder auf einer Trommel herumhauen oder plötzlich auf dem Klavier Noten beherrschen, ohne jede Vorkenntnis. Ich schrieb, als hätte ich einen neuen Atem für mich erfunden.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich erstelle ein vages Konzept, ein Exposé mit den Hauptfiguren und einem ungefähren Verlauf der Geschichte. Die Biografien der Figuren sind mir früh vertraut, alles andere muss folgen während des Schreibens.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Die meisten Vorarbeiten – Recherchen, Ideen, Fetzen von Dialogen – schreibe ich mit der Hand. Manchmal benutze ich eine meiner mechanischen Schreibmaschinen, wie früher. Dann haue ich in die Tasten, als wären es die siebziger Jahre.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Ich glaube, du würdest dem zustimmen?

Menschen stören grundsätzlich oft. Der größte Feind des Schriftstellers ist der Tod.

Ich las in einem Interview, du bezeichnest dich als Zimmerling. Ein Mensch also, der am liebsten allein in einem Zimmer schreibt. Paul Auster meinte, Schriftsteller seien verwundete Menschen, da sich keiner ansonsten in ein einsames Zimmer zurückzöge. Paul Nizon sagte etwas ähnliches. Beuys würde nun wohl sagen: Zeige deine Wunde. Woher kommt der Wunsch nach dem Alleinsein?

Das Alleinsein beherrsche ich seit früher Kindheit, das habe ich aus verschiedenen Gründen früh lernen müssen, und es wurde Einsamkeit. Aber ich gehe darin umher wie in einem Mantel, ich trage ihn aufrecht, manchmal schnürt er mich ein, dann lege ich ihn vorübergehend ab. Das klappt. Meistens. Nicht lang.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Meine Schreibzeit ist morgens. Bis zum frühen Nachmittag. Das heißt nicht, dass ich die ganze Zeit etwas aufs Papier bringe, es heißt nur, ich laufe nicht weg, bleibe in der Nähe der schweigenden und unsichtbaren Figuren. Sie entscheiden, wann sie auf die Bühne wollen. Na ja, manchmal scheuche ich sie auch raus. Vermutlich gar nicht so selten.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Mühen beim Schreiben sind nicht das Gegenteil von Freude. Schreiben ist mein Werk, ich habe mich dafür entschieden und versuche, der Herausforderung gewachsen zu bleiben.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Wenn ich nicht schreibe, sehe ich mich selten als Schriftsteller, eher als jemanden, der etwas ratlos herumsteht. Ich glaube, für solche Leute wurde die Gastronomie erfunden.

Du schreibst in verschiedenen Genres, vom Krimi über Jugendbücher bis hin zur Lyrik. Landläufig heisst es, „Schuster bleib bei deinen Leisten“ – wieso diese Vielfalt?

Anders kann ich nicht leben.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Dein Ermittler trägt dein Pseudonym von früher. Wie viel von dir steckt in ihm? Und generell in deinen Krimis und anderen Werken?

Meine Autobiografie ist das, was ich schreibe, ich bin in allen Figuren. Vielleicht habe ich deswegen damit begonnen: Um eine Zeitlang wahrhaftig in der Welt zu sein.

Du schreibst keine Krimis nach Lehrbuch, immer überwiegen die Tiefenansichten von Menschen am Rand der Gesellschaft. Was fasziniert dich daran?

Ich wüsste nicht, worüber ich sonst schreiben sollte.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Diese Kategorien sind außerhalb meines Schreibens. Ich bewerte sie nicht, und sie bedeuten mir nichts.

Was treibt dich immer wieder an, noch ein Buch zu schreiben? Oder anders gefragt: Wäre ein Leben ohne zu schreiben denkbar für dich?

Vermutlich, aber ich kenne kein anderes Leben.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Ich lese Bücher wegen der Sprache, weniger wegen der Handlung, wegen der Gedanken der Figuren und des Autors, der Autorin, wegen deren Haltung zur Welt und den Menschen. Ich lese, um zu lernen.

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Wenn jemand ernsthaft ein Buch schreiben möchte, muss man ihm nichts raten, dann schreibt er es schon.

Zwei aktuelle Buchempfehlungen aus der grossen Vielfalt von Publikationen:

Friedrich Ani: Lichtjahre im Dunkel (Roman)

„Eines frühen Morgens im Juli wankte ich ins Bad, sah in den Spiegel und bemerkte, dass ich alt geworden war. Das erschien mir kurios.“

Das Aufwachen nach einer durchzechten Nacht ist mitunter schwer. Noch schwerer ist das Leben an sich, in welchem mysteriöse Dinge passieren. Zum Beispiel verschwindet Leo Ahorn eines Tages nach vergeblichen Versuchen, Geld für seinen maroden Laden aufzutreiben. Obwohl seine Frau noch unschlüssig ist, ob sie ihn überhaupt wiederhaben will, muss sie etwas tun. Polizei kommt nicht in Frage, also wendet sie sich an den Privatdetektiv Tabor Süden, von welchem sie allerdings auch nicht vollends überzeugt ist. Bei seinen Ermittlungen trifft dieser auf die unterschiedlichsten Gestalten und erfährt mehr über das wenig glückliche Leben des Verschwundenen. Als ob das nicht alles schon genug wäre, findet sich auch noch eine Leiche, die Polizei mischt nun auch mit und sich ein und plötzlich sieht alles nochmals ganz anders aus.

Friedrich Ani: Stift (Gedichte)

„Worte hauchen, allmählich
Gewöhn ich mich ein, wie die
Anderen auch, so muss es
Sein, wir leben zum Gebrauch“

Friedrich Ani nimmt die Sprache, zerlegt sie in Worte, zerbricht ihre Sätze, gliedert sie neu und entdeckt so die doppelten Böden und eröffnet neue Felder. Seine Gedichte sind Sprachanalysen in Poesie gegossen. Es sind Freilegungen von tieferen Schichten, die zwischen den Zeilen, über Punkte hinaus und durch Buchstaben hindurch schimmern. Es sind Gedichte zum Wiederlesen, zum Wiederkäuen, zum Bedenken. Gedichte, die sich setzen lassen müssen.

100 Jahre ohne Franz Kafka

«Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.»

Heute vor 100 Jahren starb Franz Kafka. Es waren ihm nur 40 Jahre vergönnt gewesen, 40 Jahre, in denen er an vielem gelitten und vor allem eines geliebt hat: Das Schreiben.

Die Etappen seines Lebens aufzuzählen, würde wenig von dem Menschen aufzeigen, der er war. Ganz erfassen kann man ihn wohl sowieso kaum. Wie viele Versuche sind schon unternommen worden, ganze Regalbretter biegen sich durch unter der Last der Deutungen. Am ehesten findet man ihn vermutlich in seinen Schriften, denn in ihnen liegt sein Herzblut. Da hat er die geheimen Windungen seines Denkens und Fühlens auszudrücken versucht, indem er sie in abstruse Geschichten verpackte, die bei Lichte betrachtet nicht an den Haaren herbeigezogen sind, sondern die Absurdität des Lebens, wie er es sah, abbilden.

Er hat sogar ein Wort geprägt: Kafkaesk. So nennt man eine Situation, in welcher der Mensch sich in einer bedrohlich erscheinenden Lage hilflos ausgeliefert fühlt. Von Solchen Situationen handeln seine Werke: Sei es als Josef K., der einfach verhaftet wird, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, sei es als Landvermesser, der den Vorschriften der Verwaltung des Schlosses ausgeliefert ist, sei es als Gregor Samsa, der eines Morgens als Käfer im Bett aufwacht.

Immer wieder schreibt er vom Suchen und vom Hadern, etwas, das ihm wohl aus dem eigenen Leben vertraut war. Er haderte mit dem Vater, dem er einen Brief schrieb, aber auch mit der Liebe. Zwar verliebte und verlobte er sich, zeigte sich dann aber doch eher zögerlich und entschied sich am Schluss dagegen und für das Schreiben. Bis es fast zu spät war. Ein Jahr Liebe war ihm noch vergönnt, leider schon von seiner Krankheit gezeichnet. Mir gefällt der Gedanke, dass er nach diesem kurzen Leben das Glück doch noch kennenlernte. Die Liebe sehen und sterben.

Lesemonat Mai

«Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist.» Paul Auster

Ich war sehr suchend und immer wieder findend, um wieder zu verwerfen und neu zu suchen. Und manchmal suchte ich nicht mal, merkte nur, dass ich noch nicht gefunden habe. Und ich ermahnte mich zu mehr Geduld und fand sie nicht. Das war die Grundstimmung im Mai. Zu schreiben, was diesen Monat sonst geprägt hat, fällt mir schwer, er ist mir bei all dem sprichwörtlich zwischen den Fingern zerronnen. Ich habe viel geschrieben, viel gelesen, wobei ich selbst die Fülle des Lesens nicht wirklich realisiert habe, sondern immer dachte, ich käme zu wenig dazu – die Liste belehrte mich eines Besseren. Was ich aber weiss: Es waren grossartige Lektüren.

Nachdem ich mit André Gorz die Liebe gefeiert habe und berührt wurde, tauchte ich in die Welt Simone de Beauvoirs zurück, las von ihren Reisen, Lektüren, ihrem Schreiben und der politischen Lage ihrer Zeit. Mit Lena Gorelik erforschte ich, was Herkunft bedeutet und wie sie uns prägt. Bei Sartre erfuhr ich mehr über dessen Kindheit und bewunderte seine grossartige Sprache, seinen Humor. Ich tauchte in das Leben von Paul Auster ein, nachdem er selbst gestorben war, und habe mich verliebt in seine Sprache und seine Art des Erzählens. Ich litt mit Tove Ditlevsen und war erschüttert über Salman Rushdies Bericht darüber, wozu Menschen in der Lage sind und was sie damit bewirken. Zum Glück fand Salman Rushdie einen guten Umgang damit: Er schrieb darüber. Und ich las übers Schreiben und Stehlen und Sterben und Erzählen – ach, es war so viel und es war grossartig.

Im Juni stehen noch einige Memoirs an, zudem möchte ich mal wieder historische oder Gesellschaftsromane lesen. Ein paar liegen schon bereit, sie werden mit mir nach Spanien reisen, denn es ist wieder so weit. Leider nicht für lange dieses Mal.

Was habt ihr im Mai gelesen? Habt ihr schon (Lese-)Pläne für den Juni?

Die ganze Mai-Liste findet sich hier:

André Gorz: Brief an G. Geschichte einer LiebeNach achtundfünfzig gemeinsamen Jahren schreibt André Gorz seiner Frau Dorine diese wundervolle Liebeserklärung, die voller Tiefe, Wärme, Poesie ist. Die Liebe dieser beiden Menschen ist förmlich spürbar und sie rührt zeitweise zu Tränen. Bei aller Liebe geht André Gorz aber auch hart mit sich ins Gericht und schilt sich einiger Fehler, denen er mit dieser Schrift entgegenwirken möchte. Berührend!6 von 5
Simone de Beauvoir: Alles in allemSimone de Beauvoir geht weiter in ihrer Lebensgeschichte, dieses Mal nicht mehr ganz chronologisch, sondern oft auch thematisch. Im Grossen und Ganzen behandelt sie die 60er-Jahre, erzählt von gemeinsamen Reisen mit Sartre, von ihrer Beschäftigung mit Musik, Kunst und Kultur, von ihrem Schreiben und sehr intensiv auch von den globalen politischen Ereignissen. 5
Lena Gorelik: Wer wir sindWas nehmen wir mit, wenn wir fliehen müssen, was lassen wir zurück? Wie prägt uns unsere Herkunft, unsere Familie, wie sind wir mit ihr verbunden? Die Geschichte eines Aufwachsens als Tochter und Enkelin, als Mitglied einer Familie mit all ihren Brüchen, Umbrüchen, Erlebnissen und Prägungen. Ein persönliches Buch, das sich Erinnerungen entlang tastet, diese durch das Schreiben verständlich und erfahrbar macht. Der Sog der Sprache, die so eigen ist, zieht am Anfang in die Geschichte herein, lässt dann aber nach und nach und ein Gefühl der Länge auftauchen. 4
Yasushi Inoue: Meine Mutter – abgebrochenIm Alter zieht die Mutter des Autors zu ihm und seiner Familie. Das Buch handelt von diesem Zusammenleben mit der älter werdenden Mutter mit all ihren Vergesslichkeiten und Eigenheiten, sowie von Gedanken darüber und über die Vergangenheit und die Erinnerungen daran. Mich hat es nicht überzeugt, das Buch blieb seltsam blass und distanziert, so dass ich keinen wirklichen Zugang fand. 
Jean-Paul Sartre: Die WörterSartres Erinnerungen an seine Herkunft, auf seine Familie, auf seine Schreibanfänge und darauf, was ihm das Schreiben bedeutet, wofür es steht. Ein sehr analytischer, selbstkritischer, teilweise ironischer, schonungslos offener Blick auf sich selbst und die eigenen Eigenheiten und auch Selbstüberschätzungen.5
Gisèle Halimi: Alles, was ich bin. Tagebuch einer ungeliebten TochterGisèle Halimi schreibt über ihr Aufwachsen mit einer Mutter, die sie nicht liebt. Sie analysiert, wie es zu dieser fehlenden Liebe kommen konnte, wie das ihre Kindheit, ihr Aufwachsen und ihr Sein prägte. Was bewirkte dieses Ungeliebtsein in ihrem Leben, wie beeinflusste es ihre Ziele und ihre Haltung im Leben. Sie breitet ihr Leben von der Kindheit bis zum Tod der Mutter aus und lässt den Leser durch das Erzählen der Geschichten, wie alles war, teilhaben.3
Rebecca F. Kuang: YellowfaceAthena Liu und June Hayward sind seit ihrem gemeinsamen Literaturstudium Freundinnen, beide streben sie eine Karriere als Schriftstellerin an. Während Athena der Erfolg nur so zufliegt, will June der Durchbruch nicht gelingen. Beim Feiern eines weiteren Erfolges erstickt Athena vor Junes Augen und diese wittert ihre Chance: Sie stiehlt deren fertiges Manuskript und gibt es nach intensiver Umarbeitung als eigene Geschichte heraus. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, doch dann droht der Diebstahl aufzufliegen. Ein Buch Themen wie das Schreiben, den Buchmarkt, Rassismus, Aneignung und die Frage, wer Autor eines Werkes ist. Und vieles mehr. 4
Paul Auster: Bericht aus dem InnernPaul Auster erinnert sich an seine Kindheit, an sein Aufwachsen und seinen Weg hin zum Schreiben. Er spricht sein kleines Ich an, geht in den Dialog mit ihm, erzählt ihm, was war und wie er es aus der heutigen Sicht sieht. Und er nimmt den Leser mit auf diese Reise, die eine persönliche ist, eine Reise in sein Inneres, das er herausholt und sichtbar werden lässt.6 von 5
Veronika Reichl: Das Gefühl zu denkenGeschichten vom Lesen, davon, wie das Lesen und die Lektüre das eigene Leben prägen, wie sie ins Leben eingreifen, weil man sich dem Lesen hingibt und nach Antworten sucht, die man schlussendlich nicht in den Büchern, sondern in den eigenen Gedanken zu diesen finden. Veronika Reichl hat diverse Interviews und Gespräche zum Thema Lesen geführt und diese in die in diesem Buch enthaltenen Erzählungen fliessen lassen. 3
Paul Auster: WinterjournalPaul Auster erzählt aus seinem Erwachsenenleben, er zählt auf: Seine Behausungen, seine Lieben, seine Verletzungen, seine Reisen, Begegnungen mit dem Tod und vieles mehr. Es sind dieses Mal mehr die äusseren Dinge im Blick, und doch prägen auch die ganz tief. Davon handelt dieses Buch.5
Marjan Slobo: Der leere Himmel. Lob der Einsamkeit – abgebrochenMarjan Slobo erkundet das Gefühl der Einsamkeit, sieht es in einer mangelnden Verbundenheit mit der Welt begründet und vor allem auch in der menschlichen Fähigkeit des Selbst-Bewusstseins, durch welches wir diese mangelnde Verbundenheit und die Gefühle, die diese hervorruft mittels Sprache wahrnehmen. Sie beruft sich dabei auf Daniel Dennett, verweist auf Philosophen und Literaten, Filme und Musik. Sie mäandert in ihrem Text durch die verschiedensten Bereiche, ohne die konzis auf das Thema zu beziehen, so dass es an Stringenz fehlt. Viele Wiederholungen, falsche Schlüsse (die Logik stimmt nicht) und eine gewisse Ziellosigkeit führten zum Abbruch meinerseits. Schade, das Thema hätte mich interessiert. 
Tove Ditlevsen: AbhängigkeitTove Ditlevsens Erinnerung an ihre Ehen, ihr Abdriften in die Abhängigkeit nach Schmerzmitteln und anderen Medikamenten. Die Geschichte einer Flucht in eine Scheinwelt, weil die wirkliche nicht ertragbar war, die Geschichte des Kampfes, sich mit der Wirklichkeit wieder zurechtzufinden und den Weg aus der Sucht zu schaffen. Ein eindringlicher Roman, der einen durch die Sprache, durch die Unmittelbarkeit, mit der das beschriebene Leben aus den Zeilen spricht, fesselt und nicht mehr loslässt.5
Salman Rushdie: KnifeIn «Knife» schildert er seine Geschichte rund um den Anschlag auf sein Leben. Er schreibt von der Erschütterung durch die wieder aufgebrochene Gefahr, über den Schmerz beim Angriff und den weiteren beim Bewusstsein, womit er die Zukunft seines Lebens umgehen lernen muss. Er schreibt aber auch von der Kraft der Liebe und wie diese ihn durch all das Leid hindurchtrug. Er schreibt offen, zeigt sich verwundet und verwundbar. Er berührt, bewegt, erschüttert, hallt nach. Ein Buch, das mich mit jeder Faser meines Körpers und Fühlens ergriffen hat. Bis in die Träume hinein.5
Oskar Negt: Überlebensglück – abgebrochenOskar Negt ist es gelungen, aus einer durch Flucht geprägten Kindheit auf dem Bauernhof den sozialen Aufstieg ins Bildungsbürgertum mit Universitätsabschluss zu schaffen. Davon handelt diese Autobiografie. Sie beleuchtet die Hintergründe, weswegen die einen als Gebrochene und Opfer, die anderen als Kämpfer und Gesunde aus schwierigen Lebensumständen hervorgehen. Er schaut auf Theorien und behandelt Philosophien und schafft damit eine Distanz zum Gegenstand einer Autobiografie – zu sich selbst. Ich habe ihn verloren in all den Zeilen und irgendwann abgehängt. 
Sigrid Nunez: Sempre SusanEin sehr persönliches Porträt von Susan Sontag. Sigrid Nunez ist 25, als sie beginnt, für Susan Sontag zu arbeiten. Bald zieht sie bei ihr ein, ist die Freundin von deren Sohn, mit dem sie zusammen ist.  Ein Zusammenleben, das aufreibend ist, das sie in eine Mutter-Sohn-Dynamik hineinzieht, in welcher eine dritte Person einen schweren Stand hat. Es ist ein schonungsloser Blick, aber kein verletzender, ein ehrlicher, unverstellter, der sowohl Hochachtung wie auch Unverständnis ausdrückt, die Sigrid Nunez Susan Sontag in verschiedenen Situationen entgegenbringt. 4
Joan Didion: Wir erzählen uns Geschichten, um zu lebenEssays über sich, ihr Leben und die Welt – vor allem auch die der Kunst und des Films, der Künstler und Bohemiens – um sich. Einblicke und Analysen, persönlich und klar, ein unverstellter Blick auf die Wirklichkeit Amerikas in den Sechzigerjahren.4
Nelio Biedermann: Anton will bleibenNach seiner Krebsdiagnose überlegt Anton, wie er das verbleiende Jahr verbringen könnte, um in die Geschichte einzugehen, schliesslich sollte nach seinem Tod etwas von ihm zurückbleiben. Er versucht sich im Schreiben, mit Fotografieren, Malen, Philosophieren. Er schliesst neue Freundschaften, macht eine Reise, überzeugt einen Jungen mit Selbstmordabsicht von der Schönheit des Lebens. Nur der ewige Ruhm, der scheint ihm nicht gegönnt. Oder doch?4
Andreas Kilcher: Kafkas WerkstattEin Blick hinter die Kulissen von Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Eine Analyse seiner Lektüren, Interessen und der historischen und lebensnahen Kontexte und daraus abgeleitet ein Bezug zu einzelnen Texten. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor, einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk. 4
Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens anPapa Kiyak hat Krebs. Die Tochter kümmert sich. Sie spricht mit den Ärzten, kocht Essen, will für ihn da sein, redet gut zu und hat selbst keine Kraft. Sie weint plötzlich in den unmöglichsten Situationen, kämpft immer wieder an allen Fronten, wütet über die Bedingungen von Migranten. Und zwischendurch lässt sie sich von ihrem Papa Geschichten erzählen. Von früher. Von der Familie. Berührend. Bewegend. Tief. 5

Salman Rushdie: Knife

«Ich musste das Buch schreiben, das Sie jetzt lesen, denn das Schreiben war mein Weg, das Vorgefallene anzuerkennen, die Kontrolle zurückzugewinnen, mir das Geschehene anzueignen und nicht ein blosses Opfer zu sein. Auf Gewalt wollte ich mit Kunst antworten.»

Am 12. August 2022 wurde der weltbekannte Autor Salman Rushdie während einer Lesung in Chautauqua, New York, Opfer eines brutalen Messerangriffs. Rushdie, bekannt durch sein Buch „Die satanischen Verse“, welches in vielen islamischen Ländern als blasphemisch gilt, wurde schwer verletzt. Der Angriff auf Rushdie ist nicht nur ein Angriff auf eine Einzelperson, sondern auch auf die Werte der freien Meinungsäußerung und die demokratischen Grundprinzipien. Zum Thema Meinungsfreiheit äussert sich Rushdie folgendermassen:

«Hat man Angst, was man sagt, könnte unangenehme Folgen haben, ist man nicht frei. Und als ich Die satanischen Verse schrieb, wäre mir nicht im Traum eingefallen, Angst zu haben.»

Salman Rushdie ist seit der Veröffentlichung seines Buches im Jahr 1988 einer der prominentesten Verfechter der Redefreiheit. Die „satanischen Verse“ lösten eine Welle der Empörung und Gewalt aus, die 1989 in einer Fatwa des iranischen Ayatollah Khomeini gipfelte, die zur Tötung Rushdies aufrief. Danach lebte Rushdie jahrelang im Untergrund und unter ständiger Bedrohung.

«Ich errang meine Freiheit dadurch, dass ich wie ein freier Mensch lebte.»

Dass dieses Leben im Versteck nicht das sein konnte, war bald klar. Er wechselte den Kontinent, fing nochmals von vorne an und bemühte sich in den Staaten, ein öffentliches, ein sichtbares, ein unbeschütztes Leben zu führen. Im Glauben daran, dass die so gelebte Normalität Wirklichkeit sei, die Gefahr vorüber.

Der Angriff von 2022 zeigt auf erschreckende Weise, dass die Bedrohung durch extremistische Gewalt gegen freie Meinungsäußerung noch immer präsent ist. Rushdies Verletzungen erinnern uns daran, wie fragil die demokratischen Errungenschaften sein können und wie wichtig es ist, diese zu verteidigen. Die Redefreiheit ist eine der Grundsäulen jeder Demokratie. Sie erlaubt es, unterschiedliche Meinungen zu äußern und Debatten zu führen, ohne Angst vor Repressalien oder Gewalt haben zu müssen.

In einer Zeit, in der Populismus und autoritäre Tendenzen weltweit auf dem Vormarsch sind, ist der Angriff auf Rushdie ein Weckruf. Es geht nicht nur um die Sicherheit eines einzelnen Autors, sondern um die Verteidigung grundlegender demokratischer Werte gegen extremistische Bedrohungen. Der Vorfall mahnt uns, dass der Kampf für Demokratie und Freiheit ein fortwährender Prozess ist, der ständigen Einsatz und Wachsamkeit erfordert.

Darüber hinaus zeigt der Angriff auch die Gefahr, die von religiösem Fanatismus ausgeht. Wenn Meinungsverschiedenheiten in Gewalt münden, wird der öffentliche Diskurs vergiftet und die Basis für eine pluralistische Gesellschaft untergraben. Es ist die Aufgabe demokratischer Gesellschaften, für die Sicherheit und Freiheit ihrer Bürger einzutreten und Gewalt in jeder Form zu verurteilen.

Zusammengefasst steht der Angriff auf Salman Rushdie symbolisch für die anhaltenden Kämpfe um Meinungsfreiheit und Demokratie. Es liegt an uns allen, diese Werte zu schützen und zu verteidigen, um sicherzustellen, dass Stimmen wie die von Rushdie weiterhin Gehör finden können.

«Ich begriff, dass ich mich mittels Literatur selbst reparieren konnte.»

Einen Weg hin zu diesem Gehör hat Salman Rushdie mit seinem neusten Buch unternommen. In «Knife» schildert er seine Geschichte rund um den Anschlag auf sein Leben. Er schreibt von der Erschütterung durch die wieder aufgebrochene Gefahr, über den Schmerz beim Angriff und den weiteren beim Bewusstsein, womit er die Zukunft seines Lebens umgehen lernen muss. Er schreibt aber auch von der Kraft der Liebe und wie diese ihn durch all das Leid hindurchtrug. Er schreibt offen, zeigt sich verwundet und verwundbar. Er berührt, bewegt, erschüttert, hallt nach. Ein Buch, das mich mit jeder Faser meines Körpers und Fühlens ergriffen hat. Bis in die Träume hinein.

«Ohne die Katastrophen von gestern wären wir nicht die, die wir heute sind.»

Was kann ich über ein solches Buch schreiben? Welche Worte sind angemessen, welche hinreichend? Was Salman Rushdie passiert ist, kann nur als grosses Unglück bezeichnet werden. Und doch ist da noch mehr.

«Auch Sprache ist ein Messer. Sie kann die Welt aufschneiden und ihre Bedeutung zeigen, ihre inneren Mechanismen, ihre Geheimnisse, ihre Wahrheit.»

Fast möchte ich sagen, der Täter hat versagt. Zwar ist es ihm gelungen, Salman Rushdies Leben mit Schmerz, Leid und auch Angst zu belasten. Was ihm aber nicht gelungen ist: Ihn auszulöschen, ihn zum Verstummen zu bringen. Im Gegenteil. Salman Rushdie hat noch mehr zu seiner Stimme gefunden, er lässt sie sprechen, sucht Gehör und findet es. Er steht ein für das Gute, für Werte und vor allem für die Liebe und das Miteinander, welche ihm die Kraft gaben, weiterzuleben, weiterzumachen.

Lena Gorelik: Wer wir sind

«Das ist meine Geschichte. Ich schreibe sie auf, in der Sprache, die mir am besten gehorcht. Ich schreibe Worte auf, verletze Menschen, weiss Liebe, spüre Respekt, streiche weg, gehe zurück, bleibe stehen. Murmle Entschuldigung, zwischen die Zeilen hinein. Tippe Buchstaben, sortiere Worte, habe Angst vor Fragen, vor denen, die ich liebe, vor dem, was ich schreiben könnte, ordne Worte an. Die Worte beugen sich ächzend. Das ist meine Geschichte, tippe ich, Buchstaben für Buchstaben trotzig.»

Mit 11 Jahren lässt die Ich-Erzählerin Sankt Petersburg und alles, was da war, zurück: Die Kindheit, die Erinnerungen, die Freunde, den Hund. Sie kommt in Deutschland mit nichts als den Eltern und der Grossmutter und ein paar notwendigen Dingen, die in einem kleinen Koffer Platz hatten, an. Sie merkt bald, dass ein wirkliches Ankommen nicht möglich ist, weil sie immer die Fremde, die andere ist. Weil sie aussieht, wie keiner aussieht, weil sie ausgelacht wird für das, was sie trägt. Weil die Eltern es nicht schaffen, die Sehnsüchte, die sie an den Westen, an die Freiheit hatten, umzusetzen, zu leben, zu geniessen gar. Und dann findet sie in der Sprache eine neue Heimat, eine, die von allem, was war, Distanz schafft, weil sie nicht eine mit den Eltern geteilte Heimat wird. Und immer ist da Scham. Und auch Stolz. Aufbegehren, um wieder in Anpassung überzugehen.

Davon handelt dieser autobiografische Roman.

««Hast du Pläne, ein Buch zu schreiben?», fragt mein Vater. Ich schreibe nichts. Ich schreibe über dich, über uns. Ich schreibe uns auf, ich erzähle von mir, ich kann dich nicht weglassen, ich bin, weil ihr seid, und wir sind, auch wenn du die Arme verschränkst und ich mit den Zehen wackle. Was schreibe ich, wenn ich versuche, nicht zu viel zu erzählen? «Ich weiss nicht, was für Pläne ich habe.»»

Ich lese mich durch die ersten Seiten und verstehe nicht, was da passiert. Vielleicht passiert auch nichts. Es sind lose zusammengewürfelte Erinnerungen, Gespräche mit den Eltern, Erinnerungen an solche Gespräche. Der Inhalt erscheint bedeutungslos und doch ist er bedeutsam. Er steht schwarz auf weiss geschrieben. Vielleicht steht er für etwas anderes, ist er ein Abbild, ein Ausdruck der Bedeutungslosigkeit, der Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Kind.

«Wir haben so viel auf dem Weg verloren… Meine Mutter denkt, vielleicht auch uns. Die Familie haben wir verloren, alles, was wir einmal waren an Gefühl. Den Zusammenhalt, dieses Gefühl: … Wir, gemeinsam.»

Eine Verbindung, die nur durch die Herkunft noch hält, der die Sprache fehlt, das Gefühl. Die gilt es zu ergründen. Was hält Familien zusammen? Welches Band steht zwischen Eltern und ihren Kindern, wenn da keine Gemeinsamkeiten mehr sind und das, was war, lieber vergessen als erinnert würde? Was war gut, wo wurde es schwer? Was hallt noch nach, was bleibt?

Und dann sind da diese wunderbaren Sätze. Sie sind in eine Geschichte gebettet und in ihnen steckt eine weitere Geschichte, vielleicht sogar die meine eigene als Lesende:

«…wir sprechen über nichts. Verhindern die Stille.»

Ich finde mich in solchen Sätzen. Ich weiss, wie sie sich anfühlen. Sie wecken in mir Erinnerungen, Gefühle. Das Wissen um all das Ungesagte, das Wissen um das Schweigen da, wo viele Worte gewünscht, aber nicht aussprechbar gewesen sind. Es findet sich in vielen Familien wohl. Und dann denke ich, vor allem beim Lesen eines Buches wie diesem, dass ich hätte sprechen sollen. Oder es noch könnte. Und dann sitze ich da, schweigend, das Buch in der Hand. Es wirkt nach.

(Lena Gorelik: Wer wir sind, Rowohlt Verlag, 2022.