Zum 51. Todestag von Ingeborg Bachmann


«Ständig bewohnt von Gefühlen

Gespinst voll von Gespinsten
wehenden,
flatternden, zerrissenen

veränderlichen, denen ich ein

mangelhaftes Haus aus Fleisch und Wasser und Muskel

und Haut gebaut hab.»

Heute vor 51 Jahren starb Ingeborg Bachmann. Ich hebe mein Glas auf diese wunderbare, tiefgründige Frau und Schriftstellerin, die so viele verschiedene Facetten in sich trug, dass wohl nie alle ans Licht kommen werden. Das macht sie einerseits zum Mysterium, andererseits aber zutiefst menschlich, sind wir doch alle mit unterschiedlichen Sehnsüchten, Anlagen und Facetten bestückt.

Selbst gab sie kaum Informationen über sich preis, und wenn, dann widersprachen sich die einzelnen in einer Weise, dass man nie sicher sein konnte, was denn nun stimmte. Diese Mehrdeutigkeit war nicht nur in ihren Selbstaussagen zu finden, auch ihr Verhalten sprach eine ähnliche Sprache. Mal ungeschickt, schüchtern flüsternd, dann wieder ganz Ikone und Grand Dame der Deutschen Lyrik. Dass vieles davon nur Selbstinszenierung war, liegt auf der Hand, gedacht als Schutzschild, was auf eine unsichere Person hinter diesem deuten lässt. Liest man die Lebensgeschichte, lässt sich dieses Bild leicht bestätigen. Und doch wusste Bachmann schon früh, was sie will im Leben: Schreiben.

In diesem kommt man Ingeborg Bachmann wohl auch am nächsten. Dabei finden sich darin keine chronologischen Lebenserzählungen, sondern eher Bilder von Gefühlswelten. Oft schreibt sie von Frauen als verwundetes Wesen, von grausamen Männern, von nicht gelebter Liebe, von Tod, Angst, Mord, Unsicherheiten? Wäre es bloss eine Geschichte mit diesen Themen, könnte man an schöpferische Freiheit und phantasievolle Vorstellung glauben, doch in der Dichte? Glaubt man Goethes Aussage, dass alles Schreiben autobiographisch ist, so muss man zum Schluss kommen, dass ganz viel Ingeborg im Bachmannschen Werk steckt

«Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

Ist in die Feuerzone gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.»

Ingeborg Bachmann fühlte sich lange, wenn nicht zeitlebens schuldig für ihre Herkunft als Tätertochter. Sie hat es als Pflicht gesehen, ihren Teil dazu beizutragen, dass nicht einfach weiter geht, was so viel Unheil angerichtet hat. Dies tat sie unter anderen mit ihren Gedichten, später auch in der Prosa, indem sie die Geschichte und die durch diese aufgeladene Schuld immer wieder thematisierte, den (eigentlichen Nicht-) Umgang damit durch ihre Beschreibung der Kritik zugänglich machte.

Hinschauen wollte sie, nicht schweigen – zumindest im öffentlichen Raum, denn über das Private, vor allem die Vergangenheit ihres Vaters, schwieg auch sie.

«Allein sein. Frei sein.»

Sucht man einen einzigen Ausdruck, der Ingeborg Bachmann beschreiben soll, so könnte man sie wohl eine «unglücklich Liebende» nennen. Zeitlebens auf der Suche nach Liebe, wollte sich doch keine wirklich lebbare einstellen. Das mag teilweise an den Männern gelegen haben, hatte aber sicher auch einen grossen Anteil bei Bachmann selber. Sie konnte und wollte sich nicht anpassen, unterordnen, abhängig sein, sie kämpfte für ihre Freiheit, ihre Autonomie. Und: Sie stellte ihr Schreiben über alles. Sie war nicht bereit, dafür Zugeständnisse zu machen. So scheiterte ihre grosse Liebe zu Paul Celan, die Beziehung mit Max Frisch, und auch jede Liebelei zwischendurch. Zurück blieb eine einsame Frau, die am Leben und der fehlenden Liebe krankte. Und irgendwann blieben auch die Worte aus, um die sie sowieso zeitlebens kämpfte, da sie ihr selten einfach zuflogen.

„Meine Gedichte sind mir abhanden gekommen.

Ich suche sie in allen Zimmerwinkeln.

Weiss vor Schmerz nicht, wie man einen Schmerz

aufschreibt, weiss überhaupt nichts mehr.

Weiss, dass man so nicht daherreden kann,

es muss würziger sein, eine gepfefferte Metapher.

müsste einem einfallen. Aber mit dem Messer im Rücken.

Parlo e tacio, flüchte ich mich in ein Idion,

in dem sogar Spanisches vorkommt, los toros y

las planetas, auf einer alten gestohlenen Platte

vielleicht noch zu hören. Mit ezwas Französischem

geht es auch, tu es mon amour depuis si longtemps.

Adieu, ihr schönen Worte, mit euren Verheissungen.

Warum habt ihr mich verlassen. War euch nicht wohl?

Ich habe euch hinterlegt bei einem Herzen, aus Stein.

Tut dort für mich, Haltet dort aus, tut dort für mich ein Werk.“

Mit nur 47 Jahren ist Ingeborg Bachmann gestorben. Ihr Tod war genauso mysteriös wie ihr Leben. Ein Kreis schloss sic

„Wir halten. Beenden den Trott.

Sonst ist auch das Ende verdorben.

Und richten die Augen auf Gott:

wir haben den Abschied erworben!“

Werkstattgespräche – Ivar Leon Menger

Ivar Leon Menger, 1973 in Darmstadt geboren, ist Schriftsteller, Diplom-Designer, Werbetexter, Hörspielautor und Regisseur. Bekannt wurde er durch seine erfolgreichen Audible-Hörspielserien Ghostbox und Monster 1983, für die er 2023 mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde. 2022 erschien sein Thrillerdebüt Als das Böse kam, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und für den französischen Krimipreis 2025 nominiert ist, ein Jahr darauf sein zweiter Thriller Angst. Sein dritter Roman Finster ist SPIEGEL-Bestseller.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Meine Biografie ist eine Achterbahnfahrt, die für einen Roman taugen könnte. Nach dem Abitur habe ich Grafikdesign studiert und dabei meine Liebe für den Film entdeckt. Da mein Vater mir kein zweites Studium finanzieren wollte, habe ich fünf Jahre als Werbetexter gearbeitet, um Schreiben zu lernen. In dieser Zeit habe ich meinen ersten Kurzfilm gedreht, der auf der Berlinale ausgezeichnet wurde. Daraufhin habe ich meinen sicheren Job gekündigt und in einer Videothek gejobbt und an meinem nächsten Kurzfilm gearbeitet. Dieser Film hat glücklicherweise einen Regie-Award bei ProSieben gewonnen und ich durfte einen 20:15 Uhr Film mit Bjarne Mädel drehen. Dafür bin ich extra nach Berlin gezogen. Doch zwei Wochen vor Drehbeginn haben sich die Produktionsfirma und der Sender zerstritten und das Projekt ist gestorben. Ich wusste nicht weiter. Ein befreundeter Synchronsprecher, Jan-David Rönfeldt, hat daraufhin aus meinem Episodendrehbuch «Der Prinzessin», das ich kurz zuvor geschrieben hatte, ein Hörspiel produziert. Für die Rolle des Stalkers habe ich Jens Wawrczeck gewonnen, der bei der Hörspielreihe «Die drei ???» Peter Shaw spielt. Jens hat mich dann wiederum als Autor bei Sony/Europa empfohlen und so kam ich zum Hörspiel. Und dort blieb ich über fünfzehn Jahre lang. Im Jahr 2021 habe ich dann meinen Debütroman „Als das Böse kam“ geschrieben und wechselte in den Literaturbereich.
Das ist jetzt ein etwas längerer Text geworden, und doch ist es nur die Kurzversion.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich habe schon immer Geschichten erfunden und erzählt. Es begann in meiner Kindheit, wenn Freunde bei mir übernachtet haben. Dann habe ich mir gruselige Märchen ausgedacht und sie im Dunkeln erzählt. Einmal hat sich ein Freund so sehr gefürchtet, dass er von seinen Eltern wieder abgeholt werden wollte. Da wusste ich, das sollte ich beruflich machen.

Es heisst, Ideen liegen auf der Strasse, doch nicht jeder sieht dasselbe, interessiert sich für dasselbe. Wo findest du generell deine Ideen?

Meine Ideen finde ich tatsächlich im Alltag. Gespräche am Nachbartisch, in der Tageszeitung oder erlebte Situationen mit meiner Familie, in denen ich mich frage: Was wäre, wenn jetzt die Tür aufgehen würde und dann …

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Wenn ich eine Idee für einen besonderen Twist, ein ungewöhnliches Ende oder die Ausgangssituation für den ersten Akt habe, dann fange ich an zu schreiben. Ich mache mir keinen Plan. Ich bin kein Plotter, sondern schreibe, was aus meinem Bauch, Herz und Kopf kommt. Erst ab dem dritten Akt mache ich mir Gedanken, wie ich alle Fäden zusammen- und zu einem überraschenden Ende bringe.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich schreibe auf einer elektrischen Schreibmaschine. Meiner geliebten Hemingwrite. Die hilft mir, in den Flow zu kommen und nicht ständig während des Schreibprozesses zu editieren. Danach überarbeite ich den Text kapitelweise auf dem MacBook, mit der Software Papyrus.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Ich glaube, du würdest dem zustimmen?

Tatsächlich kann ich kaum bis gar nicht im Zug oder in Cafés schreiben. Ich mag es nicht, wenn mir jemand beim Arbeiten zusieht. Ich brauche einen kleinen Raum für mich selbst. Manchmal schreibe ich mit absoluter Stille, manchmal auch mit Film- oder klassischer Musik.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ich habe tatsächlich keinen strengen Tagesablauf. Morgens schreibe ich jedoch am liebsten. Aber nicht täglich. Es kommt vor, dass ich vier Tage lang Pause mache und nicht an der Schreibmaschine sitze, weil andere Projekte Vorrang haben. Wie zum Beispiel eine längere Buchhandelsreise oder eine Hörspielproduktion. Ich komme aber immer wieder in meine Texte rein, sogar wenn ich sechs Wochen lang nicht daran geschrieben habe. Ich vertraue in die geistige Welt, in meine Musen, die mich beim Schreiben unterstützen.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Meine Freuden als Schriftsteller sind definitiv, dass ich schreiben kann, wann und wo ich möchte. Ich brauche nichts anderes als meine Schreibmaschine. Das ist wahres Glück.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Ich schalte niemals ab. Zumindest nicht unbewusst. Überall wittere ich eine Geschichte, ein Kapitel oder eine Szene – halte Augen und Ohren offen. Aber das ist ja das Schöne an unserer Berufung.

Dein Weg führte vom Design-Studium über die Werbung (Vaters Fussstapfen?) hin zu Hörspielen. Dann kamen erste Bücher. Was treibt dich immer weiter? Und: Wohin geht es nun?

Im Literaturbetrieb gefällt es mir ausserordentlich gut. Hier fühle ich mich zuhause, angekommen. Wenn es nach mir geht, möchte den Rest meines Lebens nur noch Romane schreiben.

Was reizt dich am Genre Krimi/Thriller?

Die Überraschung. Das «Angst machen». Scheinbar ist das ein Teil meiner DNA, wie bei Katzen das Jagen.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Ich bin kein Freund der Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur. Aber ich kann verstehen, dass es für den Buchhandel einfacher ist. Schließlich wird in der Musik genauso verfahren. Am Ende findet jedes Buch seine Leserschaft.

Dein neustes Buch „Finster“ ist eine Anlehnung an die Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am helllichten Tag“ (die ich sehr liebe). Was hat dich dazu gebracht, diesen Stoff neu aufzugreifen?

Mich hat der Film als Jugendlicher sehr fasziniert. Besonders Gerd Fröbe als Antagonist. Erst später kam auch die Faszination zu Dürrenmatts weiteren Werken, die ich ebenfalls sehr liebe. Ich wollte das Gefühl, das ich damals beim Filmsehen hatte, in meine eigene Vision des Grauens umsetzen. Es ist meine Art der Verbeugung vor Dürrenmatt.

Dein Buch spielt 1986, eine Zeit, in der auch in der Schweiz immer wieder Kinder verschwanden. Wann und wie kann dir die Idee, deinen Thriller in der Zeit spielen zu lassen?

Da ich 1986 selbst dreizehn Jahre alt war, konnte ich mich gut in die Zeit von Tschernobyl, der Popmusik und dem kalten Krieg einfühlen – aus Kindersicht.

Ein weiteres Thema des Buches ist die Liebe zwischen Stahl und Geli. Liebe im Alter – in unserem Alter meistens noch nicht erste Priorität der Themen. Wieso doch?

Die Liebesgeschichte zwischen Stahl und Geli habe ich bewusst und mit Freude geschrieben, um meiner Leserschaft zu zeigen, dass Liebe nicht irgendwann aufhört. Nur weil man älter ist. Ich habe die beiden sehr in mein Herz geschlossen. Sind sie nicht süß?

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in den einzelnen Figuren?

Es gibt tatsächlich ein Kapitel in diesem Buch, das ich selbst als Kind erlebt habe. Eine schlimme Erfahrung. Es war mir ein Anliegen, sie durch dieses Buch zu verewigen.

Was treibt dich immer wieder an, noch ein Buch zu schreiben? Oder anders gefragt: Wäre ein Leben ohne zu schreiben denkbar für dich?

Ein Leben ohne Geschichten ist für mich nicht denkbar. Ich habe so viele Ideen, und täglich kommen neue dazu, so viele Bücher kann ich gar nicht schreiben.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Ich lege Wert auf Geschichten, die mich unterhalten. Die mich miträtseln lassen, so sehr, dass ich den ganzen Tag an das Buch denken muss und mich darauf freue, es endlich weiterzulesen. Es gibt aber auch Bücher, die ich hauptsächlich wegen ihres Stils sehr gerne lese. Dazu gehören die Werke von Martin Suter und Daniela Krien.

Wenn du fünf Bücher nennen müsstest, die in deinem Leben eine Bedeutung haben oder die du anderen empfehlen möchtest, welche wären es?

An allerster Stelle kommt „Das Parfüm“ von Patrick Süskind, von dem ich verschiedene Originalausgaben sammle. Mein großes Vorbild, durch das ich mich jahrelang nicht getraut habe, selbst zu schreiben. Weil ich dachte, so einen wundervollen Stil wirst du niemals entwickeln. Bis mir klar wurde, ich habe eine eigene Stimme. Darüber hinaus empfehle ich alle Bücher von Jason Starr, „Ein perfekter Freund“ von Martin Suter, aber auch „Melody“, „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ von Daniela Krien und Shirley Jackson „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“.

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Mein Ratschlag ist der, den ich selbst bei meinem Debütroman angewendet habe: Schreibe jeden Tag eine Seite. Nur eine Seite, das kann man im Alltag gut einrichten. Und in einem Jahr hast du 365 Seiten – einen fertigen Roman.

Eine Geschichte: Ein Stück Glück (XXIV)

Lieber Papa

Ich blättere mich weiter durch die Seiten des Albums. Ich arbeite mich von Bild zu Bild, stöbere in meiner Vergangenheit. Was mir auffällt: Ich lache kaum je auf den Bildern. Das deckt sich mit meinen Erinnerungen. Doch dann stosse ich auf ein Bild, auf dem ich glücklich aussehe. Ich stehe inmitten einer Schar von Kindern. Alle strecken die Arme zum Himmel, auf den Händen tragen wir einen grossen Drachen. Wir haben ihn, so erinnere ich mich, aus vielen Papieren zusammengesetzt und wollten ihn später fliegen lassen.

Das Bild ist in einem Sommerlager entstanden. Das Spielerlebnis fand jedes Jahr ganz in unserer Nähe statt und ich durfte hin. Zwei Wochen. Es war grossartig.

In der ersten Woche bauten wir in kleinen Gruppen Holzhütten. Das Material dazu, Holzlatten und -stangen gab es vor Ort. Die geübteren Baumeister schafften sogar doppelstöckige Häuser mit Leitern, die in den zweiten Stock führten. In einem Haus, ich erinnere mich genau, bauten wir sogar einen Balkon. Wie stolz wir waren. Unser Haus. Selbst gebaut.

In der zweiten Woche durften wir in diesen Hütten übernachten. Ich auch. Das gab es sonst nie. Ich war glücklich. Das Glück spricht aus dem Bild. Aus meinen Augen. Wie kaum sonst auf anderen Bildern.

Ich weiss noch, wie frei ich mich in diesen zwei Wochen fühlte. Da gehörte ich dazu. Da konnte ich sein, wie ich war. Da konnte ich ausleben, was in mir steckte. Ich konnte wild sein, konnte rennen, lachen, schreien, bauen, spielen. Wenn ich zurückdenke, jetzt beim Schreiben, merke ich, wie sich ein Lächeln auf meinem Gesicht gebildet hat. Die Erinnerung bringt das Glück zurück. Wie schön.

Wir hatten grossartige Lagerleiter. Sie waren auch in der Pfadi aktiv. Da kam mir die Idee: Was, wenn ich dieses Sommerglück ins Jahr hineinziehen könnte? Ich wollte in die Pfadi. Jeden Samstag ein Stück Freiheit. Jeden Samstag wieder ein Stück vom Glück erleben. Das stellte ich mir schön vor.

Du hast es verboten. Du wolltest mich am Wochenende zu Hause haben. Das Wochenende gehört der Familie. Hast du gesagt. Mama schwieg. Wie immer. Was immer du geboten, verboten, kritisiert, bestraft hast. Sie schwieg. Und stimmte so zu. Das habe ich ihr übelgenommen. Wieso setzte sie sich nicht mal ein für mich. Wieso kämpfte sie nicht für mich? Gegen dich? Heute denke ich, sie fühlte sich wohl genauso hilflos wie ich. Weil auch sie deine Reaktion fürchtete.

Das zu schreiben fällt mir schwer. Weil du kein böser Mensch warst. Weil du mein Papa bist, den ich liebe.  

(„Alles aus Liebe“, XXIV)

Gedankensplitter: Loslassen

«Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.» Heraklit

Der Herbst zeigt sich schon deutlich, bald färben sich die Blätter der Bäume bunt und fallen zu Boden. Die Welt ist im Wandel, sie lässt los und bereitet sich auf die winterliche Ruhe ein, nach der wieder Neues spriessen wird. In der indischen Philosophie gibt es die drei Götter Brahma, Vishnu und Shiva. Sie verkörpern den Kreislauf des Lebens mit dem Entstehen, Erhalten, Zerstören. Landläufig sehen wir im Zerstören, in den Brüchen und Umbrüchen ein Übel. Wir wollen das Gute behalten, es nicht loslassen. Doch wenn wir uns anklammern und nichts gehen lassen, kann auch nichts Neues entstehen. Wie viel wäre uns entgangen, wäre nicht immer wieder etwas Neues in unser Leben getreten. Wir sässen noch heute im Laufstall und würden mit Murmeln spielen. 

«Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.» Johann Wolfgang von Goethe

Ich passe mich wohl aktuell den Jahreszeiten an. Eine grosse Leseflaute brachte mich dazu, über die (eigenen) Bücher zu gehen und zu sehen, was ich will, was gut ist, was ich loslassen muss. Das sind immer schwierige Zeiten im Moment, die aber im Nachhinein Früchte tragen. 

«Die Zukunft hängt davon ab, was wir heute tun.» Buddha

So bin ich gespannt, wie die Reise weitergeht. Gegen die Leseflaute hilft hoffentlich ein Klassiker, es muss mal wieder Geistesnahrung sein. Und über allem schwebt noch immer die Musik und auch die Zeichenstifte habe ich wieder hervorgeholt nach langer Pause. 

Wie habt ihr’s mit dem Loslassen? Habt einen schönen Tag!

Eine Geschichte: Elternbesuchstag (XXIII)

Lieber Papa

Ich mochte vieles an der Schule nicht, ganz schlimm fand ich die Elternbesuchstage. Erinnerst du dich auch? Es muss einer der ersten gewesen sein. Meine Tischnachbarin sagte etwas zu mir, ich musste lachen. Die Lehrerin schaute uns an, machte weiter. Sie schimpfte nicht. Das machtest du dann zu Hause. Ich hatte mir solche Mühe gegeben den ganzen Tag. So vieles habe ich gut gemacht. Ich wurde sogar gelobt von der Lehrerin. Das war alles kein Thema mehr. Nur das eine Lachen. Das warfst du mir vor die Füsse. Alle anderen hätten sich benommen. Nur ich nicht. Alle anderen seien brav gewesen. Nur ich sei negativ aufgefallen. Wieder einmal. Ich. Nicht gut genug. Alle anderen. Nur ich nicht.

Als der nächste Elternbesuchstag anstand, war ich aufgeregt. Ich wollte mir noch mehr Mühe geben. Ich sass da. Machte mit. War brav. Alles lief super. Am Schluss mussten wir aufstehen und nach vorne gehen, wo wir noch ein Lied sangen. Zum Abschluss. Ich war froh. Es war gut gelaufen. Du wärst stolz auf mich. Endlich. Unser Klassenclown stellte sich neben mich. Er schnitt Grimassen. Ich liess mich davon nicht ablenken. Lachte nicht, auch wenn es mich innerlich fast zerriss. Er war zu komisch. Ich habe es geschafft. Und lief dir freudig entgegen. Wir sind schweigend nach Hause gelaufen. Ich wusste, etwas ist nicht gut. Nur was war es? Ich war doch das Mädchen gewesen, das du dir wünschst. Brav, aufmerksam, still. Wie falsch ich lag. Ausgerechnet ich hätte neben diesem Jungen stehen müssen, der auffiel. Das hast du mir vorgeworfen.

Ich glaube, du hattest dieses klare Bild im Sinn, wie ein Mädchen sein sollte. Wie «man» zu sein hatte, wenn man ein Mädchen war. Ich musste nur noch passend gemacht werden. Ich musste zu diesem «man» werden. Ich habe gnadenlos versagt. Gnadenlos war auch deine Reaktion immer wieder. Enttäuschung. Verachtung. Schweigen. Ich wurde inexistent, weil ich nicht war, wie ich hätte sein sollen. Weil ich nicht war, wie man war.

Wenn ich das schreibe, fühle ich noch tief in mir die Einsamkeit. Und die Hilflosigkeit. Und eine grosse Trauer. Allem voran aber auch eine Unsicherheit. Ich bin wohl noch heute nicht so, wie man sein sollte. Ich höre es immer wieder:

«Wieso tut sie das? Wieso ist sie so?»

Du hattest wohl recht mit allem. So ist man nicht. So anders. Und es tut auch oft weh. Und doch kann ich nicht anders sein. Ich bin so. Und will es auch sein. Weil ich mich so wohlfühle mit mir. Nur mit den anderen nicht. Mit denen, die mich auch gerne anders hätten, mehr als jemanden, weniger als mich. Vielleicht wolltest du mich nur davor schützen? Vielleicht hofftest du, mir diesen Schmerz ersparen zu können, wenn du mich frühzeitig «normal» machst. Ich versuchte lange, mich anzupassen, indem ich mich verbog. Passend machte. Was selten gelang. Vermutlich, weil es für mich auch nicht mehr stimmte. Heute weiss ich, dass vieles einfacher gewesen wäre, wenn ich schon früh gelernt hätte, dass jeder sein darf, wie er ist. Weil ich in mir hätte vertrauen können, dass ich liebenswert bin als ich. Dass ich geliebt werde. Das Vertrauen fehlte mir. Ich musste es lernen. Für mich.

«Was man tut» und «was sich gehört» sind wohl Kategorien, mit denen viele aufgewachsen sind. Das «man» war die Richtgrösse, an der wir gemessen wurden. Gefolgt wurden sie vom Spruch

«Was sollen bloss die Leute denken?»

Er geistert noch heute in meinen Hirnwindungen herum. Bei vielem, was ich tun will, kommt er mir in den Sinn: Was werden die Leute denken, wenn… Der Satz ist zu einer Prägung geworden, zu einem Prüfstein, an dem ich mich messe und meist für zu leicht befinde.

Das Schreiben hilft mir, diese Prägungen zu erkennen. Es hilft mir, die Enge, das Korsett, den Druck in der Brust zuzuordnen, wenn ich in meine Muster verfalle. Es hilft, den Atem wieder frei fliessen zu lassen. Sogar beim Schreiben fiel mir auf, dass ich ihn angehalten habe. Vermutlich schreibe ich auch darum: Um wieder frei atmen zu können.

(«Alles aus Liebe», XXIII)

Eine Geschichte: Skifahren (XXII)

Lieber Papa

Auf der Suche nach Erinnerungen blätterte durch ein Album und stiess auf ein Foto. Mama und ich auf Skiern. Ich bin etwa sieben Jahre alt. Das Foto irritiert mich, denn ich merke, dass ich mich beim Skifahren nur an dich und mich denke. Ich weiss, dass Mama immer dabei gewesen ist. Ich erinnere mich nur nicht an sie. Und nun war das Foto vor mir. Es führte mir vor Augen, was mir nicht mehr im Sinn war. Da warst immer nur du. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe früh mit dem Skifahren begonnen. Erinnerst du dich? Natürlich tust du das. Du hast so oft davon erzählt, dass aus all den Geschichten etwas entstand, das sich wie meine eigene Erinnerung anfühlt. Ich sehe die Bilder förmlich vor mir. Oder erinnere ich mich doch?

Ich war knapp vier Jahre alt und wir waren wie jedes Jahr im Berner Oberland, im Hotel Bergli. Während ich das schreibe, setzt sich in mir das Lied fest.

„Det äne am Bergli, det staat e wiissi Geiss.
Ich ha sie welle mälche, da haut sie mir eis.“

Das läuft mir nun wohl den ganzen Tag nach. Kennst du das auch? Dass sich Lieder in deinem Kopf einnisten und dich dann durch den Tag begleiten? In Endlosschlaufe? Ich liebe Musik in Endlosschleife sonst, darüber hast du dich immer gewundert. Diese Ohrwürmer beginnen mit der Zeit zu nerven. Aber ich schweife ab.

Das Hotel lag hoch oben auf dem Berg mit Blick über das Simmenthal. Hinter dem Haus fiel der Hang steil zum Tal hinab. Einmal schneite es den ganzen Tag. Dicke Flocken fielen vom Himmel und deckten die Erde zu. Am nächsten Morgen hörte ich schon früh den Schneepflug, der die Strassen räumte. Es war so weit. Wir gingen hinter das Haus, du schnalltest deine Ski an und fuhrst damit hinunter. Du sahst auch aus wie ein Schneepflug mit diesen zum Spitz zusammenlaufenden Skiern. Danach stapftest du seitwärts den Hang hoch. Ich schaute dir neugierig zu. Die nächste Fahrt machten wir gemeinsam. Du nahmst mich zwischen die Beine und fuhrst mit mir runter. Nun musste auch ich mit meinen kleinen Skiern den Schnee plattdrücken beim Hochgehen. Das gehörte zum Fahren dazu. Sagtest du. Es war anstrengend. Ich stelle mir vor, dass du noch sowas sagtest wie

„Ohne Fleiss kein Preis.“

Das weiss ich aber nicht mehr. Es würde nur zu dir passen. Auf alle Fälle entstand so unsere Piste. Und wieder frage ich mich, ob ich mich erinnere oder alles nur noch aus deinen Erzählungen weiss. Noch immer sehe ich Bilder aufblitzen. Nur kurz. Sind es Vorstellungen oder Erinnerungsfetzen?

Auf alle Fälle nahm unsere Piste Gestalt an, wurde breiter. Die ersten Fahrten machte ich zwischen deinen Beinen, danach fuhrst du vor mir, ich hinter dir. Du hieltst deine Stöcke nach hinten, dass ich mich daran halten konnte. Mit der Zeit wurde ich müde. Das Runterfahren war einfach und leider immer schnell vorbei. Das Raufstapfen war anstrengend. Manchmal erbarmtest du dich und zogst mich an einem Skistock wieder hoch. Du warst so stark. Du warst mein Held.

Nach diesen ersten Erfahrungen gingen wir ins nahegelegene Skigebiet. Da hatte es einen Kinderlift, aber wir stapften immer noch ein wenig abseits immer wieder hoch nach der Abfahrt. Ich sah andere Kinder auf Skiern. In Gruppen waren sie unterwegs und hatten offensichtlich Spass zusammen. Ich wäre auch gerne in die Skischule gegangen. Du meintest, auf deine Weise lerne ich besser Skifahren. Weil ich lerne, die Skier und die ganze Ausrüstung zu beherrschen. Es hatte wohl was für sich, denn ich lernte schnell und gut Skifahren. Und doch. Diese fröhlichen Gesichter, das Geplauder und Lachen – da wäre ich gerne dabei gewesen. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich das dachte, denn du gabst dir solche Mühe. Und ich hatte Angst, dich zu verletzen, weil du denken könntest, ich wolle nicht bei dir sein. Sei dir nicht dankbar genug. Ich sagte nichts mehr.

Viel später hast du gesagt, ich hätte nie in die Skischule wollen. Ich hätte jederzeit gehen dürfen. Das stimmt nicht, Papa. Das wusstest du. Du musstest es wissen. Nur: Wieso sagtest du das? Und spannend war: Irgendwann glaubte ich dir. Zumindest eine Zeit lang.

In all diesen Erinnerungen kommt Mama nicht vor. Als wäre sie nur die Zuschauerin des Lebens gewesen, das du für mich und dich vorgesehen hast. Das habe ich damals nicht so wahrgenommen. Mein Blick war auf dich gerichtet. Nun fällt mir das auf. Und ich fühle mich schuldig. Was habe ich ihr damit angetan?

(«Alles aus Liebe», XXII)

Eine Geschichte: Heile Familie (XIX)

Lieber Papa

„Du hattest es schön! Du hattest eine heile Familie.“

Das hörte ich mal. Es war nicht positiv gemeint, sondern als Vorwurf. Von jemandem, der fand, er selbst hätte das nicht gehabt. Diese heile Familie. Und schön wäre es drum bei ihm nicht gewesen. Ich sei privilegiert. Das wollte er mir sagen. Und ja, ich habe das lange auch so gesehen. Als ich die Augen verschloss vor all dem, was nicht in dieses Bild passte. Das Bild, das von aussen sichtbar war.

„Eigentlich hatte ich eine Scheisskindheit.“

Das sagte ich kürzlich zu Mama. Sie schaute mich an. Nickte.

„Du hast recht.“

Das sagte sie. Kannst du dir das vorstellen, Papa? Von dir hörte ich immer nur eines:

„Wir hatten es schön. Es war alles gut.“

Ich habe dir geglaubt. Selbst wenn es sich nicht so anfühlte. Ich stellte nicht dich und deine Aussage in Frage. Ich stellte mich und mein Gefühl in Frage. Schalt mich all das, was du immer sagtest, wenn ich nicht war, wie ich sein sollte.

Die Abgründe hielten wir gut verborgen. Es war wie beim Film: Vorne die schöne Kulisse, hinten der Kabelsalat und das Chaos. Manchmal sah einer hinter die Kulissen. Sagte etwas. Keiner wollte es hören. Auch ich nicht. Ich schützte dich und gefühlt auch mich. Ich wollte nicht die sein, welche aus einer schrägen Familie kommt. Ich wollte das Bild bewahren. Damit keiner die Nase rümpft. Über uns. Über mich.  Ich wollte glücklich wirken.

„Sonst mag dich keiner!“

Sagtest du mir immer wieder. Weil man nur die glücklichen möge.

Ich bin zerrissen. Was war und was nicht? Was war real und was nur Kulisse? Es heisst, die Zukunft sei ungewiss, die Vergangenheit könne einem keiner nehmen. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Ich merke, dass ich vieles nicht fassen kann. Auch dich nicht. Wer bist du? Was wolltest du von mir? Was für mich?

Jedes Nach- und Überdenken unserer Beziehung führt zu einem anderen Bild. Mal ist es düster. Voller Schmerz, Wut und Trauer. Dann wieder ist eine Stimme mir, die sagt, ich übertreibe. Es sei doch alles gut gewesen. Ich schreibe darüber. Und schreibe um. Und glaube dem Geschriebenen. Bis ich es wieder umschreibe. Weil es sich nicht richtig anfühlt. Und dann sind da diese Löcher. Die ich nicht füllen kann. Und die, in die ich zu fallen drohe.

Kürzlich sagte mir jemand, ich solle das lassen mit dem Schreiben. Das bringe nichts ausser Licht auf Dinge, die besser im Dunkeln bleiben, damit sie keiner sieht. Und manchmal denke ich, er hat recht.

(„Alles aus Liebe“, XXI)

Eine Geschichte: Das Trottinett (XX)

Lieber Papa

Bei Lichte betrachtet waren es ja nicht nur wir drei. Da waren noch mehr. Andere. Zum Beispiel meine Grosseltern. Ich kannte sie kaum. Deine Eltern etwas besser, die von Mama praktisch nicht. Und zum ganzen Rest der Familie bestand keine Verbindung. Zumindest nicht für mich.

Erinnerst du dich? Als ich noch klein war, besuchten wir Grosi und Grossvati jeden Sonntag. Deine Schwester, meine Gotte, wohnte auch bei ihnen. Immer um 16 Uhr zogen wir los. Es waren nur zwei Strassen. Wir gingen zu Fuss. Während ich das schreibe, fällt mir auf, dass wir nie spontan gingen. Wir trafen sie auch nie zufällig. So nah waren sie. Und doch so fern.

Mamas Mutter und deren Mann besuchten wir sehr unregelmässig. Selten. Ich fühlte mich da nie wohl. Alles war so fremd. Das Haus. Die Menschen. Ihr trankt Kaffee. Ich sass in einem Ohrensessel. Klein. Still. Unbeteiligt. Da und doch nicht dabei. Irgendwie fand ich alles merkwürdig. Da war nichts Lebendiges. Kein Lachen. Nichts Liebes. Die Grossmutter und ihr Mann waren wie hölzerne Masken. Erinnerst du dich an die Holzmasken mit den schwarzen Haaren und den zerfurchten Gesichtern, die ich euch aus einem Schullager im Lötschental mitbrachte? So wirkten die Grosseltern auf mich, als ich noch klein war. Das konnte ich damals noch nicht so deuten, da ich die Masken erst viel später kennenlernen sollte. Habe ich sie euch drum gebracht? Wohl nicht. Sie waren im Wallis einfach sehr präsent. Und eindrücklich. Die habt ihr nicht mehr, oder? Ich frage mich gerade, wieso mir diese Masken plötzlich so wichtig sind. Vielleicht, weil ich mich für den Vergleich schäme.

Der Mann meiner Grossmutter, mein Grossvater, war nicht Mutters richtiger Vater, sondern ihr Stiefvater. Ihr Vater war gestorben, als sie noch ein Kind war. Das erfuhr ich erst viel später. Vielleicht habe ich etwas gefühlt. Ich glaube es. Später erfuhr ich, dass Mama als Kind unter diesem Mann gelitten hat. Aber über solche Dinge spracht ihr nie. Die fielen unter den Tisch.

Einmal waren wir bei diesen Grosseltern zum Essen eingeladen. Ich glaube, es war Grossmutters Geburtstag. Ich erinnere mich an keine andere Einladung da, obwohl die Grossmutter lange lebte. Merkwürdig. Auf alle Fälle waren alle da, auch meine Onkel und Cousinen. Ich kannte keinen. Wir waren alle in Festkleidung, ich trug eines der „schönen Kleider“, die ich nur bei speziellen Anlässen tragen durfte. So war sicher, dass sie nicht zerrissen waren von meinen Ausflügen über Zäune und auf Bäume.

Das kleine Haus meiner Grossmutter lag ganz oben am Hügel. Unter dem Haus kamen viele weitere Einfamilienhäuser. In unserer Familie war sie die Einzige, die ein Haus hatte, alle anderen wohnten in Wohnungen. Sie war auch die Einzige, die immer jammerte, dass sie kein Geld hätte. Das betonte sie vor allem dann, wenn mein Geburtstag oder Weihnachten anstanden. Sie drückte mir dann verstohlen eine kleine Note in die Hand und sagte, dass es für Geburtstag und Weihnachten zusammen sei. Ich musste mich artig bedanken. Das gehörte sich so. Dem Grossvater durfte ich nicht danken, da er nichts wissen durfte.

„Psst, sag deinem Grossvater nichts davon.“

Sagte sie. Das war mir nicht recht. Ich glaube, ich hätte lieber nichts bekommen.

Bei dem Geburtstagsfest war mir langweilig. Mein Grossvater merkte das und nahm mich mit in seine Werkstatt. Da hatte es ein Trottinett. Noch nie war ich mit sowas gefahren. Er reichte es mir und ich wollte es probieren. Ich stand oben am Hang. Die Strasse ging steil runter und dann wieder steil rauf. Die ersten Male fuhr ich zögerlich bergab. Es war mehr ein ständiges Bremsen als ein Fahren. Danach lief ich auf der anderen Seite wieder hoch, das Trottinett stossend. Da kam mir die Idee: Ich wollte könnte, das Trottinett stossend, hinunterrennen, unten aufs Trottinett springen, den Schwung mitnehmen und so hochsausen. Das klang nach einem guten Plan. Ich rannte los, schob das Trottinett mit, sprang unten auf – leider nur fast, denn ich verfehlte das Trottinett. Ich schlug der Länge nach hin, das Trottinett knallte auf den Boden.

Was für ein Schock. Hoffentlich hatte ich es nicht kaputt gemacht. Ich stellte mir vor, wie du schimpfen würdest, wenn ich das Trottinett nicht mehr heil zurückbrachte. Du würdest sagen, dass die Cousinen brav waren, nur ich mache Mist. Nur ich sei mal wieder dumm, nur ich hätte mal wieder Unsinn im Kopf, nur ich blamiere dich. Danach wäre Schweigen. Wohl für lange.

Ich hatte Glück. Das Trottinett war heil. Der nächste Schreck: Das Kleid. Ich blickte an mir herunter. Ausser ein paar Dreckflecken war auch das in Ordnung. Dann fiel mein Blick aufs Knie. Es war komplett blutig geschlagen, viele kleine Kieselsteine steckten drin. Ein Schreck durchfuhr mich. Was würdest du sagen? Dass es schmerzte, realisierte ich nur am Rande, zu sehr war ich mit meinen Sorgen beschäftigt.

Langsam lief ich zum Haus zurück, stellte das Trottinett vor die Garage, ging in die Pergola und setzte mich an den Tisch. Keiner nahm Notiz von mir. Ich war froh. Plötzlich fragte mich meine Grossmutter, wie es gewesen sei. „Hast du Spass gehabt?“, fragte sie. Ich nickte stumm. Sie liess nicht nach. Sie fragte nach: „Ist alles in Ordnung?“ Ich nickte. Wohl mit ein paar Tränen in den Augen. Das Knie brannte. Es tat weh. Ich sagte nichts. Alle blickten her (stelle ich mir heute vor, ich weiss es nicht mehr). Du hast eine Augenbraue hochgezogen. Wohl, weil ich schon wieder auffiel. Das weiss ich noch. Was ich nicht weiss, ist, wie es rauskam. Das mit meinem Knie. Irgendwann wussten sie es. Meine Grossmutter nahm mich mit in die Küche. Ich sollte auf den Küchenschemel sitzen und sie wollte das Knie verarzten. Ich hatte Angst davor. Die Wunde war gross. Das könne man nicht so lassen. Sagte sie. Sie lief zum Medizinschrank und kam mit einer braunen Flasche wieder zurück. Ich wollte weg, doch sie meinte, sie müsse die Steine aus der Wunde ziehen. Das entzünde sich sonst. Sie war mir so fremd und sie war so nah vor mir. Und mein Knie war wund. Und schmerzte. Und ich fühlte mich so allein.

Als sie alle Steine entfernt hatte, nahm sie die braune Flasche. Jod sei das. Das kannte ich nicht. Es brannte. Und da kamen die Tränen. Sie hat mich getröstet. Sie machte mir ein Pflaster auf das Knie. Eigentlich war sie sehr lieb da. Ich ging zum Tisch zurück.

Du hast mich nicht angeschaut. Du hast kein Wort zu mir gesagt. Du redetest mit den anderen weiter. Ich konnte das nicht einordnen. Es verunsicherte mich. Ich weiss nicht mehr, ob danach noch was kam. Erinnerst du dich noch an diesen Tag?

(«Alles aus Liebe», XX)

Eine Geschichte: Mädchenkram (XIX)

Fotografiert im Autobau in Romanshorn

Lieber Papa

Kürzlich las ich, dass immer mehr Kinder und Jugendliche ihr Geschlecht ändern wollen, weil sie sich im falschen geboren fühlen. Ich weiss nicht, ob es das gleiche Gefühl ist, das ich auch hatte. Ich wäre lieber ein Junge gewesen. Erinnerst du dich? Du warst alles andere als erfreut darüber. Ich kann meinen Wunsch noch heute verstehen. Damals erschien mir das Leben der Jings spannender. Lebendiger. Die durften mehr. Wild sein. Laut sein. Mit Rennautos spielen. Auf Bäume klettern. Alles, wovon es hiess:

«Du bist doch kein Junge, benimm dich mal, wie es sich für ein Mädchen gehört.»

Aber ich wollte auch laut sein, toben, raufen, klettern. Und ich tat es. Keine Hose war mehr ganz, weil sie alle bei einer Partie über Stacheldraht oder auf die Bäume ihre Blessuren abbekommen haben. Mama musste überall diese Flickflecken draufbügeln.

Am liebsten spielte ich auf dem Spielplatz vor unserem Haus mit einem Jungen. Er hiess Beat. Leider war er nur mein Freund, wenn wir allein waren. Sobald andere Jungs auftauchten, verlor ich diesen Stellenwert. Dann war ich nur noch geduldet. Das tat weh. Ich wäre gerne einer von ihnen gewesen. So ganz. Immerhin durfte ich mitspielen.  Ich strengte mich an, verausgabte mich wohl mehr als die anderen, um nicht «das Mädchen» zu sein. Ich zeigte nie, wenn mir etwas zu wild war oder ich mich verletzt hatte und es schmerzte. Bloss nicht zimperlich tun, sonst würden sie mich verachten.

Du liessest mich gewähren. Es gab keine Strafen, nur Ermahnungen, die aber eher halbherzig. Darüber war ich froh, denn ich weiss nicht, was ich sonst gemacht hätte. Grenzen gab es aber: Einmal wünschte ich mir zu Weihnachten eine Autorennbahn. Das sei was für Jungs. Sagtest du. Ich kriegte sie nicht. Was ich stattdessen bekam, weiss ich nicht mehr. Wäre es die Rennbahn gewesen, wüsste ich es. Noch heute schaue ich diese Rennbahnen sehnsüchtig an. Zu gerne hätte ich mal die Autos um die Kurven rasen lassen.

Es gab noch einen anderen Bereich, in denen es doof war, ein Mädchen zu sein: In der Schule musste ich mich mit Nadeln und Fäden rumschlagen, während die Jungs mit Hammer und Säge werkelten. Was habe ich mich gelangweilt. Die Folge war, dass ich die ganzen Stunden nonstop schwatzte im Unterricht. Die Lehrerin war wenig erfreut. Sie ermahnte mich immer wieder, ich solle still sein. Das habe ich nie verstanden. Beim Stricken spricht es sich prima. Zudem: Wenn ich am Werkraum vorbeikam, hörte ich da immer ein wildes Durcheinander von Reden, Lachen und Schaffen, während bei uns nur klappernde Nadeln erwünscht waren. Nun, ich redete trotz Ermahnungen weiter. Ich flog deswegen so manches Mal vor die Tür (wie auch in anderen Schulstunden). Die Handarbeitslehrerin mochte mich eigentlich. Da hatte ich Glück. Gegen Ende des Semesters forderte sie mich immer auf, doch wenigstens nur zu flüstern. Dann könnte sie mir zumindest ein «Gut» im Betragen ins Zeugnis schreiben. Einmal wurde es dann doch «Ungenügend». Ich erinnere mich, wie du dich aufgeregt hast. Für dich war das schlimmer als eine schlechte Note es hätte sein können. Da habe ich mich geschämt. Ich hatte dich enttäuscht.

Fast noch schlimmer als das Häkeln und Stricken selbst waren die Ergebnisse – vor allem im Vergleich mit denen des Werkunterrichts. Während wir Topflappen, Tierchen und ähnliches hatten, fuhren die Jungs mit Drachen und Schiffen auf.  Du warst toll. Ich durfte beim Lehrer die Pläne holen und dann sassen wir zusammen hin und bauten alles nach. Ich habe es geliebt. Klar hätte ich gerne selbst gebaut, aber du sägtest und hämmertest mehrheitlich, ich lieferte das Material. Es sollte schliesslich exakt werden. Das war dir wichtig. Dass die Dinge richtig waren. Kein Pfusch. Nicht windschief. Immerhin lernte ich da, wie man mit Werkzeug umgeht. Und was wofür ist. Ich schaute dir zu und sog es auf.

Als ich viel später auszog, hast du mir einen Werkzeugkoffer mit auf den Weg ins Erwachsenenleben gegeben. Da war alles drin, was ich deiner Meinung nach für ein Leben allein in der grossen weiten Welt brauchte. Ich habe sie all die Jahre in Ehren gehalten, es gibt sie noch heute. Und immer, wenn ich sie anschaue, denke ich an dich und bin dankbar, dass ich immer selbst Hand anlegen konnte, wenn Not am Mann war.

Das ist mir wichtig. Dinge selbst machen zu können. Selbstständig zu sein, nicht angewiesen oder abhängig von der Hilfe anderer. Du hast immer gesagt:

«Mach die Dinge selbst, dann weisst du, dass sie richtig gemacht sind.»

Oder auch:

«Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner.»

Diese beiden Sätze haben mich mein Leben lang begleitet. Und sie haben sich oft bewahrheitet. Vielleicht habe ich mir auch ab und zu das Leben schwer gemacht, weil ich immer dachte, alles allein schaffen zu müssen. Aber immerhin habe ich es geschafft. Meistens. Und manchmal kam plötzlich von irgendwo Hilfe, wenn gar nichts mehr ging. Vielleicht hätte ich doch mehr darauf vertrauen können oder sollen.

(«Alles aus Liebe», XIX)

Philosophisches: Vom Anfangen

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen,“ Heraklit

Ich tauche ein in die alten Weisheiten des Taos. Es ist nicht das erste Mal und doch ist es neu. Weil ich nicht die bin, die ich war, als ich es beim letzten Mal las. Wie viel ist seit da passiert. Wie viel Neues habe ich erlebt, gelernt, gesehen. All das nehme ich mit auf meine Reise in die Philosophie des Taos, es wirkt mit beim Aufnehmen der Gedanken. 

Das ist es wohl auch, was Rilke meint mit seinen wachsenden Ringen. Alles wird immer grösser, weil wir selbst wachsen durch all das, was wir tun und erleben. Ich mag Rilkes Bild, das Gedicht ist eines meiner liebsten, wenn nicht das liebste. 

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, 
die sich über die Dinge ziehen. 
Ich werde den letzten wohl nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.“

Ich mag auch den Gedanken des Weitergehens. NIe aufhören. Selbst wenn etwas gross scheint, zu gross. Es versuchen. Den Mut haben. Im Tao heisst es dazu:

„Das ist der Moment, einzusteigen,
alle günstigen Zeichen sind vorhanden.“

Dann mal los. Ich wünsche euch einen schönen Tag!

Werkstattgespräche – Oliver Thalmann

Oliver Thalmann (1975) wuchs in Hergiswil am Napf im Kanton Luzern auf. Das Studium der Wirtschaftswissenschaften führte ihn nach St. Gallen, danach tobte er sich in Projekten im In- und Ausland aus. Das war noch nicht genug, daneben schrieb er eine Dissertation und bildete sich weiter. Nach weiteren innovativen und arbeitsintensiven Projekten kam die Kehrtwende: Der erste Roman entstand (»Mord im Hotel Savoy«) und landete gleich in den Top-Ten der offiziellen Schweizer Taschenbuch-Bestsellerliste. Weitere folgten, alle mit Ranglistenerfolg.

Oliver Thalmann lebt mit seiner Frau und seinen Kindern im Kanton Zürich.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Nächstes Jahr werde ich fünfzig Jahre alt. Ich bin unverhofft durch ein Schlüsselereignis Schriftsteller geworden und habe drei Kriminalromane geschrieben. Zuvor war ich als Unternehmer im Bereich der erneuerbaren Energien tätig, was auch spannend war, aber viel Reisetätigkeit mit sich brachte, auf die ich heute gerne verzichte. Ich bin glücklich verheiratet und habe zwei Töchter.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Rückblickend betrachtete, habe ich immer gerne geschrieben. Alles nur nicht Romane. Sportberichterstattungen in den Lokalzeitungen, Maturarbeit, Diplomarbeit und dann auch die Doktorarbeit haben mir keine Mühe abverlangt. Schriftsteller bin ich dann durch ein kleines, unscheinbares Ereignis geworden. Ich hörte in einem Restaurant einen Streit einer amerikanischen Familie und stellte mir vor, was geschähe, wenn eine Person vergiftet würde. Zurück im Zimmer nahm ich den Laptop hervor, begann eine Geschichte zu schreiben, die in „Mord im Hotel Savoy“ ihren Abschluss fand.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich wage zu behaupten, dass ich einen Schreibprozess habe. Bei mir beginnt er mit einem Problem aus dem Alltag, das mich beschäftigt und nicht mehr loslässt. Danach schreibe ich mir Fragen dazu auf – ohne Einschränkungen – einfach alles, was mir in den Sinn kommt. Mein Gehirn führt mich so zum Thema des Romans, und dieses dient dann als Leitplanke für meine Geschichte. Ich schreibe anschließend eine Zusammenfassung, versuche also Anfang, Mitte und Ende der Geschichte vorherzusagen. Aber wenn ich ehrlich bin, verändert sich die Geschichte während dem Schreiben noch einige Male. Und ich denke, das ist auch gut so. Denn das Leben verläuft größtenteils planlos, und so sollte auch ein guter Roman daherkommen.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich schreibe direkt am Computer. Das hat zwei Gründe. Erstens gefällt mir meine Handschrift nicht. Ich finde es schöner, wenn ich den Text auf dem Bildschirm sehe. Er erscheint mir dann so, als ob er bereits in einem Buch abgedruckt wäre. Das sieht professionell aus und wirkt motivierend auf mich. Zweitens bin ich viel schneller, als wenn ich auf Papier oder Tablet von Hand schreiben würde, da ich dem Zehnfingersystem auf der Tastatur mächtig bin.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit oder stören dich andere Menschen nicht?

Am besten schreibe ich allein und einsam in der Dunkelkammer zu Hause, meist mit Musik.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ich schreibe meine Texte am Vormittag respektive frühen Nachmittag zu Hause, da ich zu diesen Stunden am kreativsten bin. Bevor ich nicht tausend Wörter geschrieben habe, höre ich nicht auf.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Das schönste für mich ist das Schreiben der Texte selbst. Wenn ich am Computer sitze, die Geschichte entwerfe, weiterentwickle und dann wieder verändere, weil eine neue Idee mich in Euphorie versetzt hat. Weniger schön ist die fünfte Überarbeitung, wenn man am Feinschliff der Geschichte ist. In dieser Phase hat der kreative Anteil sein absolutes Minimum erreicht.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Nein, ich schalte nicht ab, das will und brauche ich auch nicht. Denn häufig kommen mir Einfälle, Ideen und Lösungen zu Problemstellen in der Geschichte nicht während den Bürozeiten, sondern in der Freizeit oder in der Nacht. Deshalb trage ich immer etwas zu Schreiben auf mir und notiere die Gedanken sofort.

In einem Interview bezeichnetest du Schreiben als dein Hobby. Es ist ein zeitaufwändiges. Was reizt dich an diesem doch eher einsamen Hobby? Was unterscheidet das Schreiben von einem Beruf?

Hobby ist es nicht mehr. In der Zwischenzeit ist es zu meinem Beruf geworden. In den meisten anderen Beruf geht es im Vergleich zum Autorenschaffen sehr strukturiert und prozessorientiert zu, und man hat andere Mitarbeiter, die einen unterstützen. Beim Schreiben ist man, bis auf die Lektorin, die einem am Schluss als Sparringpartner dient, auf sich allein gestellt.

Deine Krimis spielen in Zürich und auch mehrheitlich in einem Umfeld, in dem du dich wohl selbst bewegst. Kannst du da aus dem Vollen schöpfen oder brauchtest du doch noch Recherche?

Das Recherchieren gefällt mir, es regt meine Gedanken an. Es ist mein Doping als Schriftsteller. Ich gehe zu den Schauplätzen und laufe sie ab, um ein Gefühl für die Atmosphäre zu bekommen, die ich dann in den Text einfließen lasse. Ich führe gerne Interviews mit Polizisten, Forensiker, Gerichtsmediziner, Fachspezialisten, Mitarbeitern. Oft erhalte ich Informationen oder Details, die auch die beste Suchmaschine der Welt nicht findet.

Dein neuster Krimi spielt in der Kunstszene. Welchen Bezug hast du persönlich zu Kunst und dem dazugehörigen Markt?

Ich liebe durch Ausstellungen zu flanieren, obwohl ich kein Kunstexperte bin. Oft kommen mir viele Ideen für meine Buchprojekte in einem Museum. Komischerweise weisen diese Gedanken oft keinen (mir bekannten) Zusammenhang mit der Exposition auf.

Donna Leon liess ihre Romane nie ins Italienische übersetzen, andere Autoren schreiben unter Pseudonym. Hast du keine Angst, jemandem auf die Füsse zu treten?

Nein, die Figuren meiner Romane sind frei erfunden, und ich mache keine Politik. Natürlich kommt es vor, dass LeserInnen etwas reininterpretieren und mir etwas unterstellen, aber das gehört dazu. Jede Person darf sich ihre eigenen Gedanken und Vorstellungen machen. Das ist gerade das Schöne am Lesen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in einzelnen Figuren drin?

Schreiben ist eine Kunst, wo der Autor seine Fantasie, seine Gedanken, seine Gefühle, seine Stimmung, aber auch seine eigenen Erfahrungen in einem Buch niederschreibt. Die Autobiografie hat einen Anteil, aber denn würde ich nicht überbewerten.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Ein Buch muss spannend sein, einen bewegen und die eigene Vorstellungskraft anregen. Man muss sich die Figuren im Roman vorstellen können, als ob man als Zuschauer oder Akteur direkt Vorort beteiligt wäre. Wenn ich eine Geschichte schreibe, muss sie mir als Leser gefallen. Zum Glück haben meine Bücher bisher auch Anklang beim Publikum gefunden, sonst hätten wir ein Problem…

Wenn du fünf Bücher deines Lebens (vielleicht auch zu verschiedenen Zeiten desselben) nennen könntest, welche wären das?

  1. To kill a mockingbird von Harper Lee
  2. The nightingale von Kristin Hannah
  3. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert von Joël Dicker
  4. The islands of missing trees von Elif Shafak
  5. Strangers on a Train von Patricia Highsmith

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

So viel wie möglich schreiben, und nicht auf die bösen Geister hören, die sagen: „Du bist nicht gut genug.“

Eine Geschichte: Mittagessen (XVIII)

Lieber Papa

Wenn du zu Hause warst, hiess das: Familienzeit. Ich hatte zu Hause zu sein, wir machen Dinge gemeinsam. Einerseits waren da die Ausflüge am Wochenende. Die, für die ich dankbar sein musste, da ihr sie ja nur für mich machtet. Damit ich am Montag etwas zu erzählen hätte in der Schule. Dass sich niemand für diese ständigen Wanderungen interessierte, wolltest du nicht hören. Dass ich sie nicht machen wollte, auch nicht. Die anderen wären neidisch. Sagtest du. Und von mir warst du enttäuscht.

Auch eine wichtige gemeinsame Sache war das Essen. Bei anderen Familien ist das ungesittet. Sagtest du manchmal. Die kochen nicht mal richtig. Sagtest du. Keine Ordnung haben die. Wir hatten eine. Ich höre heute oft, das gemeinsame Essen sei wichtig. Da könne man sich austauschen. Ich kann mich nicht erinnern, dass bei uns geredet oder gar gelacht wurde. Wenn wir assen, liefen im Radio die Nachrichten. Die wolltest du hören.

«Pscht!»

Sagtest du, wenn ich etwas erzählen wollte. Du wolltest wissen, was in der Welt vor sich ging. Dazu last du auch täglich die Zeitung. Von vorne bis hinten. Schautest die Tagesschau, auf allen möglichen Sendern. Meine Rolle dabei? Nicht auffallen. Nicht hör- oder sichtbar werden. Das war am besten. Dann passte ich am besten ins Bild.   

Ich weiss gar nicht mehr, was ich dabei fühlte. Allein? Nicht wahrgenommen? Nicht interessant genug? Vermutlich schon. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Sicher lernte ich so, dass das, was ich erzähle, keiner hören will. Dass das, was ich zu sagen habe, nicht interessant ist. Schweigen wurde meine Welt. Ich liebte es, allein in meinem Zimmer zu sein. Da war keiner, der mich nicht hören wollte. Da waren meine Welten, in die ich eintauchen konnte: Bücher. Und Musik. Viel Musik.

Während ich das alles schreibe, merke ich die tiefe Trauer in mir. War sie damals schon da? Wohl schon. Und doch weinte ich nicht. Und vergass alles. Nach und nach. Bis heute. Und nun schreibe ich es auf. Und frage mich immer wieder: Wozu eigentlich? Ist doch nicht mehr wichtig. Wieso interessiert es mich plötzlich? Wieso will ich dir all das schreiben? Ich weiss es nicht. Was erwarte ich? Deine Antwort war immer

«Wir hatten es doch immer schön.»

Das wird nun nicht mehr ändern.

Ich erinnere mich noch an etwas bei diesen gemeinsamen Essen.

«Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.»

Ich weiss, das kennen viele. Und doch. Es war schrecklich. Ihr habt mir aufgetragen und eingeschenkt. Egal, ob ich das Essen oder Trinken mochte, egal ob ich Hunger hatte oder nicht. Alles musste weg. Reste waren keine Option. Wenn ich nicht zu Zeiten fertig wurde, standet ihr auf und gingt. Ich sass da. Allein. Mit dem vollen Teller. Das Essen wurde kalt. Und noch schlimmer. Am schlimmsten waren Lebern und Polenta. Da war immer dieser Brechreiz, wenn ich es essen musste. Und wenn die Lebern kalt wurden, bildete sich diese Haut auf der Sauce. Und die Polenta wurde oben krustig. Ich hasste diesen Schuhkarton mit dem fiesen, bitteren Geschmack. Und dieses Kitzeln am Gaumen von diesem körnig-breiigen Maispudding. Aber es half nichts. Der Teller musste leer sein.

Es wurde 13 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr. Ich sass da, den noch praktisch vollen Teller vor mir. Du warst wortlos im Wohnzimmer verschwunden. Mama zeigte sich auch nicht mehr. Und da kam mir die Idee: die Blumentöpfe. Sie standen rund um den Esstisch. Sie hingen von den Wänden. Standen auf Simsen und auf dem Boden. Ich begann, Lebern und Mais in den Töpfen zu vergraben. Irgendwann war der Teller leer. Ich trug ihn in die Küche. Mama nahm ihn wortlos entgegen und ich ging in mein Zimmer. Ich schämte mich so. Ich habe es nie erzählt.

(«Alles aus Liebe», XVIII)

Eine Geschichte: Vom Träumen (XVII)

Lieber Papa

Lieber Papa

Kürzlich war ich an einem Fest. So viele Menschen. So viel Lachen, Reden, Feiern. So waren unsere Feste nie. Es gab kaum welche ausser dem alljährlichen Geburtstag von Grossmutter. Da kamen alle zusammen. Sonst waren da nur wir drei. Sonst keiner. Niemand gehörte zur Familie. Zu unserer. Manchmal dachte ich sogar, nicht mal ich gehöre dazu. Weil ich anders war. Nicht wie ihr. Nicht wie ihr mich wolltet. Das sagtest du mir oft.

«Du bist anders.»

Und

«So will dich keiner. Wir sind deine Eltern, wir müssen bleiben. Die anderen können gehen.»

Anfangs dachte ich, ich sei nur das falsche Kind für euch.. Vielleicht war ich vertauscht worden. Das war unwahrscheinlich. Vielleicht habt ihr mich adoptiert. Einige Male durchwühlte ich in heimlichen Momenten alle Ordner. Suchte nach Beweisen. Las mich durch Unterlagen und Dokumente. Aber ich nichts. Vielleicht war ich nicht das falsche Kind für euch, vielleicht war ich grundsätzlich falsch. Nicht in Ordnung.

Als ich an diesem Fest mit zwei wunderbaren Menschen ins Gespräch kam, stellte ich mir plötzlich vor, sie könnten mich adoptieren. Der Gedanke löste ein kleines Glücksgefühl aus. Ich dachte kurz, ich könnte mir meine eigene Familie suchen. Ganz naiv. Und voller Freude. Schon kurz danach hörte ich eine innere Stimme. Sie sprach von Flausen. Davon, dass ich nicht solche Hirngespinste haben solle. Ich sei nun gross. Müsse alleine klarkommen. Und doch war da diese leise Sehnsucht. Nach einer Familie. Meiner Familie. Eine, die lacht. Die mich aufnimmt. In der ich mich wohl fühle. Dazugehörend.

Uns drei gibt es schon so lange nicht mehr. Schon als ich 16 war, drohtest du, ich könne gehen, wenn ich mich nicht an deine Regeln halte. Du und Mama, das sei der wichtige Kern. Wenn ich den störe, sei ich nicht mehr erwünscht. Das sagtest du und ich spürte eine Klinge, die tief stach. Mit 22 endete das Kapitel Familie endgültig. Ich zog aus. Noch heute höre ich deine Worte, sachlich, rational, klar:

„Nun trennen sich unsere Wege. Wir gehen unseren. du deinen.“

Das Messer von früher drehte sich. Das tat verdammt weh. Diese explizite Trennung.
Wenn ich heute zurückblicke, hätte es eine Befreiung sein können. Dazu kam es nicht. Ich habe dich innerlich mitgenommen. Als Stimme. Doch da war auch dieses Loch. Der tiefe Wunsch nach einer Familie für mich, nach Menschen, die mich verstehen, Menschen, bei denen ich zuhause und gewollt bin. Menschen, bei denen ich nicht falsch, nicht ungenügend, nicht abnormal und eine Enttäuschung wäre. Das war ein Traum. Meiner. Und wird es wohl bleiben.

Und ich schimpfe mit mir. Ich bin zu gross für solche Träume. Für solche Sehnsüchte. „Werd’ endlich erwachsen!“, höre ich deine Stimme in mir. „Werd’ endlich normal.“ Und dann sagst du noch:

«Du bist eigentlich intelligent, aber menschlich, in Lebensdingen, so dumm.»

Und immer ist es deine Stimme. Und sie spricht in mir. Und ich glaube ihr. Und fühle mich klein. Und falsch. Und doch: Die Träume bleiben. Und ich bin froh, sie zu haben. Sie sind wie leuchtende Sterne am dunklen Himmel. Und manchmal denke ich, irgendwann kann ich vielleicht den einen oder anderen ergreifen.

Vielleicht ist es besser, wenn du diesen Brief nie liest. Aber schreiben musste ich ihn, bevor ich mit unserer Geschichte weitermachen kann.

(«Alles aus Liebe», XVII)

Eine Geschichte: Regeln XVI

Lieber Papa

Erinnerungen sind geschmeidig. Sie lassen sich formen. Manchmal ist auch nicht klar, ob ich etwas wirklich selbst erlebt oder nur gehört habe. Wenn etwas immer wieder erzählt wird, fühlt es sich plötzlich so an, als wäre es erlebt. Dann glaube ich, ins eigene Erinnern zu greifen, wenn ich daran denke, während ich in Tat und Wahrheit nur die Erinnerung von jemand anderem nacherzähle. Auch das ist ein Erinnern, quasi eines der zweiten Ordnung. Ein Erinnern an eine Erinnerung, die selbst auch wieder ein un-fassbares Produkt ist.

An eines erinnere ich mich aber gut: Bei uns gab es immer klare Regeln. Du stelltest sie auf, ich hatte sie zu befolgen. So hattest du alles unter Kontrolle. Vor allem mich.

Wir hatten diesen Spielplatz vor dem Haus. Das Haus lag inmitten anderer Häuser mit eigenen Spielplätzen. Sie alle waren verbunden durch ein Netz von Gehwegen. Keine Autos, keine Gefahren. Wir Kinder zirkulierten zwischen den Spielplätzen, weil auf allen wieder andere Geräte waren und andere Kinder spielten.

So wäre es schön gewesen, aber: Das Wir stimmt nicht. Nur die anderen Kinder zirkulierten, ich durfte nicht weg von dem Spielplatz vor unserem Haus, weil du die anderen nicht sehen konntest von unserem Balkon aus. Wenn also alle anderen weiterzogen, musste ich allein zurückbleiben. Anfangs fragten sie noch, ob ich mitkomme. Sie hörten bald auf damit. Ich gehörte nicht mehr dazu, stand am Rand. «Die kommt eh nie mit.» Sagten sie. Während die anderen immer mehr zusammenwuchsen durch ihre Touren von Platz zu Platz, fiel ich hinaus durch mein Dableiben.

Ich war auch immer die Erste, die heimmusste. «Kinder gehören zu gewissen Zeiten nach Hause.» Sagtest du. «Die anderen haben keine Ordnung.» Dein Ton dabei war eindeutig. Abschätzig. So geht das nicht. Das klang laut mit. Begehrte ich auf, hörte ich, wie undankbar ich sei.

«Ich meine es nur gut.»

Sagtest du.

«Es ist zu deinem Besten.»

Sagtest du. Regeln und Ordnung seien wichtig. Ich glaubte immer, wir seien die einzigen, die diese Regeln und die Ordnung kannten. Ich hätte sie lieber nicht gekannt. Aber das durfte ich nicht sagen. Wie ich nur so sein könne. Fragtest du dann und blicktest mich mit diesen traurigen und enttäuschten Augen an. Und schwiegst. Drehtest dich um und liefst weg. Von mir. Ich war allein.

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.»

Der Spruch wird Lenin zugeschrieben. Ich frage mich manchmal, woher dein Kontrollbedürfnis kam. War es ausschliesslich die Sorge um mich? Oder vielleicht mehr eine Angst von dir? Kürzlich las ich sinngemäss:

«So lange ich die Kontrolle über mein Leben habe, habe ich keine Angst, den Halt zu verlieren.»

Ich weiss nicht mehr, wer es sagte, aber ich kann den Gedanken verstehen. Die Angst, dass alles aus den Fugen gerät, kein Stein auf dem anderen bleibt. Die Angst, etwas zu verlieren, das wichtig ist. Die Angst vor dem Unvorhergesehenen, dem Drohenden, das passieren könnte. War dir die Kontrolle darum so wichtig? War sie dein Versuch, mit den Gefahren des Lebens umzugehen? Konntest du so deine Angst vor einem Unglück im Zaum halten? Weil du schon einmal alles verloren hattest – deinen Lebensmut inklusive? Das erfuhr ich allerdings erst viel später, als Kind wusste ich nichts davon. Ich konnte das alles nicht einordnen. Ich machte mir auch keine solchen Gedanken. Ich kannte nur die Regeln und wusste, dass es nicht gut kommt, wenn ich sie nicht befolge. Ich stellte sie ab und zu noch in Frage, aber es gab kein Entkommen. Du warst unnachgiebig.

Ich fand all das oft unfair. Sah all die Freiheiten der anderen und meine engen Grenzen. Spürte all die Gebote und Verbote und dass sie mich von den anderen trennten. Ich habe dir nie eine böse Absicht unterstellt. Glaube ich. Ich tue es vor allem heute nicht. Aber es machte mich traurig. Macht es noch heute, merke ich, während ich das schreibe. Denn ich war ausgeschlossen dadurch. Und allein. Nur dich, dich hatte ich noch, wenn ich die Regeln befolgte. So warst du alles.  

(«Alles aus Liebe», XVI)

Werkstattgespräche – Ina Haller

Ina Haller wurde in Wuppertal geboren. Nach der Schule studierte sie Geologie und arbeitete danach in einem Schweizer Versicherungsunternehmen. Sie lebt mit ihrer Familie im Kanton Aargau (in der Schweiz). Seit der Geburt ihrer drei Kinder ist sie »Vollzeit-Familienmanagerin« und Autorin. Zu ihrem Repertoire gehören Kriminalromane sowie Kurz- und Kindergeschichten.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Viel Spektakuläres gibt es da nichts zu erzählen. Ich wurde in Nordrhein-Westfalen geboren und bin dort zusammen mit meinem älteren Bruder aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach dem Abitur lernte ich meinen heutigen Mann bei einem Sprachaufenthalt kennen und zog nach dem Geologiestudium zu ihm in die Schweiz.

Heute lebe ich mit meiner Familie im Aargau.

Ich reise gerne und ich bin ein Bewegungsmensch – Joggen, Wandern, Velofahren gehören für mich zum Alltag. Ich muss jeden Tag raus, auch wenn es nur ein Spaziergang ist. Besonders liebe ich es in der Natur zu sein. Dort finde ich Ruhe und meine kriminellen Ideen, vor allem, wenn ich beim Schreiben einmal steckengeblieben bin

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Eigentlich habe ich nie gerne geschrieben. Meine Deutschlehrerin fand das, was ich zu Papier brachte, nicht besonders gut. Entsprechend sahen meine Noten aus 😊. Das war nicht gerade die Motivation, mit dem Schreiben zu beginnen …

Nach der Geburt unserer zweiten Tochter las zufällig ich in der Zeitung vom „Novemberschreiben“. Da habe ich einfach mal mitgemacht und merkte schnell, dass das Schreiben ein wunderbarer Ausgleich zum turbulenten Familienalltag mit kleinen Kindern ist, der emotional und körperlich anstrengend ist. Doch der Kopf kommt dabei zu kurz. Beim Schreiben war plötzlich der Kopf gefordert und das hat gutgetan. Als die Kinder grösser wurden, bin ich dabei geblieben.

Es heisst, Ideen liegen auf der Strasse, doch nicht jeder sieht dasselbe, interessiert sich für dasselbe. Wo findest du generell deine Ideen?

Das kann ich gar nicht so genau beantworten. Häufig ist die Idee plötzlich da.

Hilfreich beim Finden von Ideen ist es, mit offenen Augen und Ohren durch die Gegend zu laufen. Viel braucht es nicht, damit die Gedankenmaschinerie in meinem Kopf anspringt.

Eine weitere wunderbare Fundgrube ist meine Familie. Die Themen am Familientisch sind nicht unbedingt etwas für schwache Nerven. Z.B. der Auslöser der Idee zu Aargauer Grauen war meine Tochter. Wir waren Skifahren und machten gerade Mittagspause. Sie sagte, sie habe etwas Grässliches im Internet gesehen und zeigte mir das Bild einer Spinne. Und schon steckten wir in der Entwicklung eines Plots …

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich bin überhaupt nicht organisiert, sondern total chaotisch.

Der Schluss meiner Geschichte bildet stets den Ausgangspunkt: Das Motiv, die Tatwaffe, der Täter oder die Täterin. Von dort aus entwickle ich die Handlungen. Aber, wie gesagt, nicht geordnet, sondern ich schreibe drauf los. Generell ist das Schreiben für mich wie das Lesen eines Buches, das aber noch nicht existiert und daher aufgeschrieben werden muss. Oft passiert es mir, dass meine Protagonisten mir sagen, wo es lang geht, und ich erlebe dabei viele Überraschungen.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich schreibe direkt am Computer. Entweder im Büro oder bei schönem Wetter mit meinem Laptop auf der Terrasse. Wenn mir etwas einfällt und ich nicht gerade am Computer sitze, wird der Gedanke auf einem Notizzettel notiert.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Ich glaube, du würdest dem zustimmen?

Keine Ahnung. Bisher werde ich nur durch meine Familie gestört. Meine Töchter haben ein besonderes Talent, genau dann zu mir zu kommen, sobald ich mich hingesetzt habe. Aber Auswirkungen auf mein Schreiben hat das nicht.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Mit einer Familie muss ich mir Schreibzeiten einrichten. Besonders, als die Kinder klein waren. Da hatte ich „meine Zeit“, während sie Mittagsschlaf gemacht haben. Diese Zeit ist heute geblieben.

Meine Schreiborte sind mein Büro oder mit dem Laptop auf der Terrasse. In einem Café, wie andere das machen, könnte ich nicht schreiben. Ich hätte das Gefühl, es würde mir immer jemand über die Schulter schauen und das ist etwas, das ich gar nicht mag.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Schreiben ist für mich ein Hobby (leben kann ich davon nicht). Und was bereitet mehr Freude, als das zu tun, was einem Spaß macht? Aber ich mache nicht alles gleich gern, wie zum Beispiel das sprachliche Überarbeiten, das zwar notwendig aber mühselig ist.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Abschalten kann ich am besten beim Sport oder wenn ich in der Natur bin. Das heißt aber nicht, dass meine Gedanken dann nicht hin und wieder zu meinen Protagonisten driften. Das finde ich aber nicht belastend – sie gehören ja zu mir.

Doch Ferien vom Schreiben habe ich auch. Hin und wieder muss der Kopf geleert werden, damit Neues Platz hat – zum Beispiel bei einer mehrtägigen Wanderung in diesem Sommer.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in den einzelnen Figuren?

Ich denke, das passiert automatisch und unabsichtlich, dass in den Figuren und im Roman etwas von mir steckt. Sicher fließen Erfahrungen von mir ein und Dinge, die ich selbst erlebt habe. Sei es kleine Szenen aus dem Alltag oder „größere“ Erfahrungen. Bei Rüebliland sind zum Beispiel die Szenen in Indien Eindrücke und Erfahrungen, die ich auf unserer Reise erlebt habe.

Deine Krimis spielen in der Region, in der du selbst lebst. Wieso hast du dich dafür entschieden und nicht die Chance gepackt, schreibend neue Gegenden zu erkunden?

Bei der Aargauer Reihe ist es so, da ich hier wohne. Aber bei der Reihe mit Samantha ist es anders. Ich kannte das Baselbiet nicht und lerne zusammen mit Samantha schreibend diesen Kanton kennen.

Für mich ist es wichtig, dass die Leserin/der Leser die Gegend in meinen Büchern „spüren“ kann. Es reichen schon Kleinigkeiten wie das Rauschen des Verkehrs auf einer Straße oder der Duft einer Bergwiese, um die Geschichte lebendig werden zu lassen. Das kann Google Maps nicht vermitteln und daher muss ich an den Ort gehen. Da ist es natürlich praktisch, wenn der Handlungsort vor der Haustür liegt.

Wenn ich die Gelegenheit habe, weiter weg zu reisen, lasse ich diese Eindrücke in meine Bücher einfließen (z.B. wie in Rüebliland oder Samanthas neuen Fall, der im Frühling 2025 erscheint).

Wie findest du die Namen deiner Figuren? Mir fiel auf, dass die Protagonisten alle italienischen Ursprung hatten (ausser Jamila), die anderen Figuren hiesigen. Gibt es dafür einen Grund?

Das ist Zufall. Wobei Andrina eine Bündner Großmutter hat und Enrico aus Süditalien stammt.

Für die Namen meiner Figuren schnappe ich entweder einen Namen auf oder ich surfe durch Telefonbücher oder auf Webseiten für Babynamen.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Mir gefällt diese Unterteilung gar nicht, besonders, wenn es abwertend gemeint ist. Mehr als einmal wurde mir gesagt, Krimis sind keine Literatur. Aber das stimmt überhaupt nicht. Literatur ist für mich alles, was mit dem Verfassen von Texten zu tun hat, also egal, ob es ein Gedicht, ein Krimi oder ein Liebesroman ist. In jedem Text steckt Herzblut und jeder Text unterhält auf seine eigene Art.

Auf mein Schreiben hat diese Unterteilung keinen Einfluss. Ich schreibe das, was mir gefällt und was mir Spaß macht.

Was treibt dich immer wieder an, noch ein Buch zu schreiben? Oder anders gefragt: Wäre ein Leben ohne zu schreiben denkbar für dich?

Ein Leben ohne Schreiben … Ganz ehrlich kann ich es mir im Moment nicht vorstellen. Schreiben ist ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Es ist für mich ein Ausgleich und ich kann in eine andere Welt eintauchen.

Allerdings weiß ich nicht, was in fünf oder zehn Jahren ist. Doch solange ich Ideen und weiterhin Freude daran habe, werde ich auf jeden Fall weiterschreiben.

Du bewegst dich in unterschiedlichen Genres, schreibst Krimis, Kurzgeschichten, Kindergeschichten. Wieso diese Vielfalt? Wäre es nicht einfacher, bei einem, das „funktioniert“, zu bleiben?

Einfacher wäre es vielleicht schon, aber auch langweiliger. Auch beim Schreiben braucht es hin und wieder eine Abwechslung und Herausforderung, wobei mein Hauptfokus die Krimis sind.

Gibt es einen Unterschied in deinem Schreibprozess in den unterschiedlichen Genres?

Eigentlich nicht. Ich habe eine Idee, fange einfach an und schreibe die Geschichte. Danach muss jeder Text den Überarbeitungsprozess durchlaufen. Dabei ist es egal, ob es ein Krimi oder eine Kurzgeschichte ist.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Allgemein schaue ich zuerst auf den Klappentext. Wenn dieser mich vom Thema und der Geschichte her anspricht, hat das Buch eine Chance, gelesen zu werden.

Ich muss die Protagonisten spüren und in sie hineinschlüpfen können. Der Anfang sollte nicht langatmig gehalten sein und die Sprache muss für mich passen. Wenn es mich nach zwanzig / dreißig Seiten nicht in den Bann gezogen hat, hat das Buch keine Chance mehr bei mir.

Zum Beispiel schätze ich es gar nicht, wenn das Erzählen in den verschiedenen Perspektiven nicht sauber umgesetzt ist, es viele inhaltliche Wiederholungen, zu viele Längen mit Nebensächlichkeiten, Adjektive oder Füllwörter hat.

Das sind alles Dinge, auf die ich beim eigenen Schreiben ebenfalls achte, wobei es mir bei anderen eher auffällt, wenn etwas nicht stimmig ist, als bei mir selbst. Daher bin ich meiner Lektorin und ihrem scharfen Auge dankbar, wenn sie gnadenlos ihren Rotstift schwenkt.

Wenn du fünf Bücher nennen müsstest, die in deinem Leben eine Bedeutung haben oder die du anderen empfehlen möchtest, welche wären es?

Puh, das ist schwierig. Allgemein hat jedes Buch für mich eine Bedeutung.

Von meinen eigenen Büchern gibt drei, die eine starke persönliche Bedeutung für mich haben: Rüebliland, Aargauer Grauen und Samanthas 7. Fall, der 2025 erscheint, dessen Titel ich aber hier noch nicht sagen darf.

Ansonsten fallen mir spontan die Krimis von Romy Fölck und Kathy Reichs ein. Mir gefallen ihre Erzählstile und die Leichtigkeit, mit denen sie geschrieben sind.

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

  • Zuerst: Lesen, lesen, lesen.
  • Recherchieren (sowohl den Ort als auch Fachliches)
  • Und dann: anfangen.
  • Sich nicht verunsichern lassen, nie aufgeben, sich nicht selbst im Weg stehen, Zweifeln keine Chance geben, hartnäckig sein und an sich glauben.
  • (Konstruktive) Kritik zulassen und offen für Ratschläge sein, sich aber auch dickes Fell zulegen und nicht herunterziehen lassen.
  • Nicht verbissen werden, sondern Freude am Schreiben haben und behalten.
  • Ein offenes Ohr für seine Protagonisten haben und zulassen, was sie dir zuflüstern, auch wenn die Wendung der Geschichte womöglich für den Moment nicht passend scheint.
  • Es nicht von Anfang an perfekt machen zu wollen, sondern einfach schreiben. Das Überarbeiten (was sehr wichtig ist) kommt später, muss aber dann gewissenhaft erledigt werden.
  • Kontakt zu anderen Schreibenden haben. Nur im Austausch bekommst du Tipps und Hilfe.

Herzlichen Dank, liebe Ina, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen und uns so ein paar Einblicke in deinen Schreiballtag gewährt hast.