Eine Geschichte: Ordnung (XI)

Lieber Papa

Gerade hatte ich Lust auf einen Kaffee. Nun steht er neben mir, dampft vor sich hin und riecht gut. Ich liebe den Geruch von Kaffee. Es gibt Tage, da trinke ich viel Kaffee, an anderen nur wenige. Ohne Muster, ohne Regeln. Anders als früher. Bei euch. Ihr trankt genau drei Kaffees am Tag. Ich durfte keinen. Den ersten Kaffee gab es zum Frühstück. Ich musste Milch trinken. Zuerst mit Schokolade drin, es war grässlich. Ich kotzte fast. Danach durfte ich wenigstens die Schokolade weglassen. Der Brechreiz blieb. Begleitet von einem Schütteln, das durch den ganzen Körper fuhr.  Den zweiten Kaffee trankt ihr nach dem Mittagschlaf. Dazu gab es drei Guetzli. Nicht zwei oder vier. Drei. Schummeln ging nicht. Du hast es bemerkt.

In der Büchse war immer eine Mischung von zwei bis drei Sorten. Jeder durfte sich drei aussuchen. Irgendwann waren nur noch die da, die am wenigsten bliebt waren. Die mussten gegessen sein, bevor es neue gab. Und trotzdem wurde die Sorte immer mal wieder gekauft. Den dritten Kaffee gab es am Abend. Da war ich schon im Bett und ihr kurz davor, dahin zu gehen. Die drei Guetzli habe ich jeweils verpasst. Das war nicht schlimm. Ich mochte die meisten Guetzli nicht so sehr. Es war viel weniger Schlimm als die Milch zum Frühstück. Die ich bekam, um stark und gesund zu sein. Und mich beim Trinken weder noch fühlte.  

Das Abzählen gab es auch an anderen Orten. Mami zählte die Cherrytomaten für den Salat ab. Fünf pro Person. Nicht wie ich. Ich schütte sie einfach rein und höre auf, wenn ich finde, es reicht. Ich habe keine Ahnung, wie viele es dann sind, es ist eher so ein optisches Mass. Die Rotkleckse im grün gefallen mir.

Salat gab es nur, wenn du zu Hause warst. Wenn Mama und ich allein assen, gab es nur für mich eine Mahlzeit. Mama ass einen Apfel. Damit sie nicht dick würde. Sagte sie. Sie ass ihn immer ganz. Am Schluss war nur noch der Stil da. Das konnte ich nicht verstehen. Der Apfel ist so süss und gut, das Gehäuse so zäh und bitter. Damit zerstört man doch alles? Ich finde, beim Essen muss man mit dem Besten aufhören. So bleibt der Geschmack am längsten präsent. Erinnerst du dich? So ass ich immer. Du mochtest es nie. Ich ass zuerst das, was ich am wenigsten mochte, dann das nächste, am Schluss das Beste. Du hast immer gesagt, gehöre sich nicht. So esse man nicht. Iss anständig, sagtest du. Abwechselnd von allem. Sagtest du. Ich mochte es anders lieber. Wenigstens die letzte Gabel trug immer das Beste. Den Rest musste ich anpassen.

Was ich lernte: Alles hat seine Ordnung. Es gibt bei allem eine Art, wie man es macht. Kein Zufall, keine Masslosigkeit, alles abgemessen. Einfach mal Lust und Laune walten lassen? Wie ich mit meinem Kaffee? Undenkbar.

Ich weiss nicht, wieso das so war. So war es einfach. Und: Regeln waren bei uns nie dazu da, hinterfragt zu werden. Denen musste ich folgen. Ich glaube, Mama auch. Wenn ich das so schreibe, kommen mir Zwangsstörungen in den Sinn. Da gab es doch diesen Krimi, «Monk», in dem die Hauptfigur alles ordnen musste. So schlimm war es nicht bei dir. Und: Es war nicht nur auf dich bezogen, du hast es auf uns erweitert, mich dahingehend erziehen wollen.

Vielleicht war es ein Halt. Befürchtetest du, ihn sonst zu verlieren? Wohin wärst du in deinen Ängsten gefallen, hättest du ihn verloren?

Während ich all diese Erinnerungen aufschreibe, wie sie mir in den Sinn kommen, frage ich mich, was das Ganze bringen soll. Es ist vorbei. Heute ist heute. Sollte ich nicht in diesem so vielbeschworenen Hier und Jetzt leben, statt in Gedanken durch die Vergangenheit zu pflügen wie die Menschen beim Sommerschlussverkauf im Wühltisch? Ich las mal bei einem dieser Life-Coaches, die wie Pilze aus der Erde spriessen, man könne nur an einem Tag leben: Heute. Er versprach mir mit seinem Zahnpastalächeln, mir zu meinem Glück zu verhelfen. Ich liess ihn nicht. Und doch hat der Spruch etwas. Dieses Hier und Jetzt klingt gut. Da ist nichts mehr von früher, das schmerzt. Da kriecht nichts von dem, was man mal unter den Teppich kehrte, wieder hervor. Tabula rasa, das weisse Blatt Papier, das ich neu beschreiben kann. Tag für Tag. Leider funktioniert das Leben nicht so. Da ist immer etwas da. Etwas, das geprägt hat. Sich eingebrannt hat. Etwas, das unter dem Teppich liegt und beim Drüber Gehen schmerzt. Es gibt zwei Möglichkeiten: Schuhe mit harten Sohlen tragen oder aber mich dem stellen. Ich möchte den Boden spüren. Es bleibt also nur, die Dinge wieder unterm Teppich hervorzuholen.

Das Graben in den Schichten der eigenen Vergangenheit birgt Gefahren. Da sind vergessene Abgründe, die mich erneut in ihren Schlund ziehen wollen. Verdrängte Gefühle, die mich überwältigen. Was lauert da noch im Dunkel des Vergessenen? Will ich mich dem wirklich stellen? Kann ich es? Halte ich es aus? War es nicht gut verstaut da, wo es ist? Aus den Augen, aus dem Sinn?

Aber: Seit ich damit begonnen habe, zu graben, kann ich nicht mehr aufhören. Ich hoffe auf Antworten. Für die offenen Fragen in Situationen, in denen plötzlich etwas aus mir herausbrach, das ich nicht greifen konnte. Das ich nicht verstand. Etwas, das sich den Weg an die Oberfläche bahnte oder mich von innen anstachelte, das von irgendwoher kommen musste. All die Glaubenssätze, Überzeugungen, Einordnungen, an denen ich mich ausrichte, haben eine Herkunft. Ich hoffe, dass ich mehr verstehe, wenn ich sie finde. Ich hoffe, durch das Verstehen auch ein Stück Freiheit zu gewinnen, für meinen weiteren Weg.

(«Alles aus Liebe», XI)

Leseerlebnisse – Oliver Thalmann: Mord im Landesmuseum

«Monti war sich sicher, dass es das Richtige war, aber es fühlte sich trotzdem nicht gut an. «Was kann man gegen die Wahrheit tun?» Urech seufzte: «Man muss sie akzeptieren, sonst frisst sie einen auf.»

16 Jahre lebte ich in Zürich, es war eine schöne Zeit und ich lernte die Stadt nach gewissen Startschwierigkeiten lieben. Es fühlte sich also an wie Heimkommen, als ich in diesen Krimi eintauchte. Ich kannte die Lokationen, ich sah sie vor mir. Damit hatte das Buch sprichwörtlich einen Heimvorteil bei mir, den es aber gut nutzte.

«Nun beging er den gleichen Fehler wie das Rotkäppchen im Märchen der Brüder Grimm: Er kam vom Weg ab.»

«Mord im Landesmuseum» ist der dritte Krimi von Oliver Thalmann. Fabio Monti muss zuerst in fremden Gewässern, da er sich statt mit Mord mit einem Diebstahl beschäftigt, doch das soll sich bald ändern:

Fabio Montis Schwiegervater, der renommierte Anwalt Christian Huber, bittet ihn um Hilfe: Monti soll den Besitzer des Bildes „Rotkäppchen“ von Albert Anker ausfindig machen. Er hatte es vor Jahren erworben und seiner Frau geschenkt, musste es dann wegen Geldsorgen wieder veräussern. Nun soll es in die Familie zurückkommen als Geschenk für seine Frau. Kurz darauf verschwindet just dieses Bild aus einer Ausstellung im Landesmuseum, wo es als Leihgabe hing, wenig später wird dessen Besitzerin umgebracht. Wie hängen der Raum und der Mord zusammen? Als auch noch der Kurator der Ausstellung verschwindet und ein Erpresserbrief auftaucht, tappen die Ermittler vollends im Dunkeln: Welches Motiv steckt hinter all dem und wer hat ein Interesse? Monti ahnt noch nicht, dass die Aufklärung dieses Falls auch für ihn gefährlich werden kann. 

Da haben wir ihn also, diesen grundsoliden Ermittler, der die persönlichen Emotionen aussenvor lässt und im Wissen, sich selbst das eine oder andere Grab zu schaufeln, der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Dass er selbst dabei die eigene Befangenheit und einiges mehr ignoriert, sei ihm vergeben bei so viel Einsatz. Ich glaube, ein solcher Krimi geht nur in der Schweiz, wie anders sähe er in Italien oder Spanien aus – man schaue nur auf die entsprechenden Krimis und ihre Plots und Nebenplots. Krimis, das liebe ich an ihnen, sind immer auch ein Spiegel der Kultur und der Gesellschaft. Sie decken Mentalitäten und Verhaltensmuster auf, weil sie die Situationen thematisieren, in welchen diese am besten ans Licht kommen: Konflikte zwischen widersprüchlichen Wünschen und Bedürfnissen.

Ein solider Krimi, den ich flüssig weggelesen habe und nun gespannt bin, wie es mit Monti weitergeht. Da muss ich mal nachfragen beim Autor – seid gespannt.

(Oliver Thalmann: Mord im Landesmuseum, emons Verlag, 2024.)

Ina Haller: Aargauer Grauen

Nach ein paar blutigen Thrillern tauchte ich in diesen Krimi ein und dachte erst, nun ein paar gemütliche Lesestunden vor mir zu haben. Weit gefehlt. Ich hätte es wissen können, ist «Aargauer Grauen» doch nicht der erste Krimi rund um Andrina, die sich immer wieder mittendrin in einem Verbrechen befindet und dieses dann auf eigene Faust aufzuklären versucht, wodurch sie selbst in Gefahr oder Verdacht (oder beides) gerät. Immerhin ist sie bei ihren Ermittlungen nie allein, neben Enrico, ihrem Mann, helfen auch ihre Freunde tatkräftig mit, so dass kein Täter ungestraft davonkommt.

«Andrina erblickte Gregor Hartmann auf dem Bett. Er lag auf dem Rücken und starrte mit aufgerissenen Augen zur Decke. Der Mund war wie zu einem Schrei geöffnet.»

Was ich sehr mag an einem Krimi: Die Geschichte nahm schnell Fahrt auf und bald schon fand ich mich atemlos blätternd auf dem Sofa. Worum geht es:

Ein Mitarbeiter aus Enricos Pharma-Unternehmen wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Bald stellt sich sein Tod als Mord durch eine Spinnenbiss heraus. Als kurz darauf Medikamente aus der Firma verschwinden, beschliessen Enrico und Andrina, die Sache selbst zu verfolgen, womit sie jemandem gewaltig auf die Füsse stehen und selbst in Gefahr geraten. Zudem stehen sie bei der Polizei plötzlich im Verdacht, selbst etwas mit allem zu tun zu haben.

„Halte dich lieber von ihr fern. Sie ist nicht die, die sie zu sein scheint.“

Zeitweise fand ich, die Autorin gibt zu viele Zeichen auf den möglichen Täter, doch streute sie gleich hinterher auch wieder Zweifel. Die Auflösung war dann sehr überraschend, mein vielleicht einziger Kritikpunkt.

Ein solider, spannender Krimi mit plastischen Figuren, authentischen Schauplätzen, die ich gut kannte, da ich selbst einmal in Aarau wohnte, und einem guten Plot.

(Ina Haller: Aargauer Grauen, Emons Verlag, Köln 2024)

Eine Geschichte: Verstehen (X)

Lieber Papa

Schreiben hilft, zu verstehen. Das las ich mal. Im Moment scheint mir, ich verstehe immer noch weniger. Und immer wieder ist da diese Stimme in mir. Du willst das alles gar nicht hören. Noch immer nicht. «War doch alles gut. Wir hatten es doch schön.» Das waren immer deine Worte. Sie hatten für mich etwas Bedrohliches. Etwas Gebietendes. Sie sagten: Bis hier hin und nicht weiter. Still jetzt. Daran gibt es nichts zu rütteln. «Zerstör doch nicht alles.»

Vielleicht muss ich das. Damit es für mich endlich ganz wird. Heil. Nein. Nicht vielleicht.

Was ich mich frage: Was ist richtig? Was falsch? Versuche ich, zu rational an alles heranzukommen? Zu emotional? Ich möchte es verstehen. Endlich. Nach so vielen Jahren. Und ich merke, wie sich alles immer wieder entzieht. Ich finde Erklärungen, kann Dinge zuordnen, einordnen, ableiten, fühle den Schmerz. Aber stimmen sie? Und: Was mache ich nun damit? Wie komme ich ins Verstehen?

Ich schreibe dir diese Briefe, weil ich unsere Geschichte aus meiner Sicht erzählen will. Damit du weisst, wie das alles für mich war. Das war bislang nicht möglich. Ein Gespräch war undenkbar. Ist undenkbar. Und ich schreibe dir, um mir selbst auf die Schliche zu kommen. Ich hoffe, beim Ordnen von Buchstaben auch die Dinge ordnen zu können. So viel Nebel. So wenig Licht. So viele offene Fragen. So wenig Antworten.

Da ist zum Beispiel die Frage, wieso ich so früh zum Ziel von Gewalt wurde. Von Mobbing. Was an mir stimmte nicht? Was mit mir? War ich zu brav angezogen? Du sagtest, die anderen seien nur neidisch. War ich zu brav? Zu gehorsam? Dir noch nicht genug. Sahen sie mir die Angst an? Strahlte sie aus meinem Gesicht wie aus Scheinwerfern? Spürten sie meine Unsicherheit, meinen eingebläuten Gehorsam? Meine erzwungene Angepasstheit? War ich zu klein unter all dem Anerzogenen und Auferlegten? Bot ich dadurch eine Angriffsfläche?

Hätte ich mehr mitmachen, mehr auffallen müssen? Mal wild sein, laut sein, mich wehren, hinstehen, aufbegehren? Das hätte Ärger mit dir bedeutet. So hatte ich ihn mit den Kindern. Das war für mich wohl das kleinere Übel. Oder konnte ich nicht mehr anders? Hatte ich keine Wahl mehr, weil ich alles schon so verinnerlicht hatte, dass es wie ein Programm ablief?

Dem will ich auf den Grund gehen. Hannah Arendt sagte in einem Interview:

«Ich schreibe, um zu verstehen.»

Und Max Frisch schrieb:

Wir erzählen uns Geschichten, die wir dann für unser Leben halten.»

Erzähle ich oder erinnere ich mich? Erfinde ich mich? Kann ich mich in all dem finden? Ich muss es versuchen. Ich will die Geschichte finden, die mein Leben war. Und wenn es mehrere Geschichten gibt, die alle mein Leben sind und waren? Dann finde ich auch die. Leben ist wohl nie eindeutig. Vielleicht lässt sich aus den vielen Geschichten und Deutungen etwas ableiten, das mir nahekommt.

Eine Geschichte: Klein bleiben (IX)

Lieber Papa

Kürzlich fuhr ich zum Einkaufen. Es war der erste Schultag nach den Sommerferien, meine Strecke führte am Kindergarten vorbei. Da sah ich sie. All die kleinen Kinder mit ihren Müttern, die ihren ersten Tag im Kindertag vor sich hatten. Einige liefen stramm und zielstrebig, zogen ihre Mütter förmlich hinterher. Sie fühlten sich sichtlich gebremst in ihrem Entdeckerdrang. Andere wiederum trotteten mit gesenktem Kopf so weit hinter ihrer Mutter her, wie die Armlängen es zuliessen. Es wirkte, als sollten sie zu ihrer Hinrichtung geführt werden. Sie mussten um die fünf Jahre alt sein. Sie waren so klein. Es lag so viel vor ihnen. Ganz nah ein grosser Schritt. Ich war gerührt. Und dachte zurück.

Manchmal taucht eine Erinnerung auf. Als ob ein Blitz sie in der Dunkelheit des Vergessens erleuchten würde. Ich sehe mich kurz an einem Ort oder wie ich etwas tue. Dann ist alles wieder dunkel. Und mit der Dunkelheit kommt die Unsicherheit: War das wirklich eine Erinnerung oder nur ein Bild, das ich mir aus Erzählungen anderer gemalt habe. Je mehr ich mich erinnere, desto mehr stellt sich mir die Frage: Wie viel von diesem Erinnern ist blosser Glaube an eine Vergangenheit, die aus heutiger Sicht stimmig erscheint, so aber gar nicht existiert hat? Die wenigen Erinnerungen sind wie helle Sterne an einem sonst dunklen Firmament.  

In dem Jahr, in dem ich in den Kindergarten kam, habe ich gesagt, ich wolle immer fünf bleiben. Das erzählte Mama. Ich kann mich nicht daran erinnern. Woher kam dieser Wunsch? Aus dem Moment heraus oder war das ein dauerhaftes Gefühl? Ich weiss es nicht. Oder vielleicht doch?

Steckte die Angst vor dem Neuen dahinter? Hat sie diesen Wunsch ausgelöst? Ihr habt mir erzählt, wie das im Kindergarten sei. Ich müsse dortbleiben, sagtet ihr. Da seien viele Kinder, sagtet ihr. So viel Neues. Bis dahin war ich immer zu Hause, meist allein mit Mama und dir. Wenn wir unter Leuten waren, dann nur mit Erwachsenen. Ihr habt euch unterhalten, habt gelacht. Ich war das Kind, das dabeisass. Benimm dich. Sei still. Iss schön. Spiel nicht mit dem Besteck. Aus heutiger Sicht hätte ich mich auf den Kindergarten freuen müssen. Raus aus der Stille. Raus aus den Regeln. Wobei nein: Du sagtest mir, wie ich mich da benehmen müsse. Dass ich still sein solle. Nicht auffallen. Gehorchen. Hast du das alles gesagt? Oder denke ich es mir nun aus? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du es nicht gesagt hast.

Ich kann mich an keine Freude erinnern.

Mein erster Tag im Kindergarten kam. Mami hat mich begleitet, es gibt ein Foto davon, wie wir in praktisch identischen roten Regenmänteln vor unserer Haustür stehen, ich mit umgehängter Znünitasche. Ich blicke ernst in die Kamera. Da ist nichts von Aufregung oder Vorfreude. Ich hatte Angst. Sie sollte sich erfüllen.

Bald musste ich allein zum Kindergarten laufen. Es war kein langer Weg. Eines Morgens lauerten sie mir auf. Eine Gruppe, angeführt von einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Ich erinnere mich nicht, vorher mit ihr oder einem der Gruppe Kontakt gehabt zu haben oder gar zusammengestossen zu sein. Wie auch. Ich war still. Ich war brav. Ich gehorchte. Wie du gesagt hast. Vielleicht war das der Grund.

Sie stürmten auf mich zu. Sie stiessen mich zu Boden. Ich versuchte mich zu wehren. Sie waren zu viele. Sie waren stärker. Und dann? Ich habe es vergessen. Irgendwann war ich wohl wieder frei. Von da an war ich vorsichtig. Sobald ich einen der Gruppe sah hinter einem Busch oder Pfosten, drehte ich um und rannte heim. Und dann? Hat Mami mich begleitet? Ich glaube nicht. Schaute sie vom Balkon, soweit sie den Weg sehen konnte? Das wäre möglich. Hast du davon erfahren? Wohl schon. Warst du enttäuscht von mir? Weil ich schon wieder Probleme machte? Wohl schon.

Irgendwann ging Mami mit mir zu den Eltern der Anführerin. Danach hattet ihr mit diesen Eltern ab und zu Kontakt. Einmal paar Mal gingen wir alle zusammen kegeln. Dann brach der Kontakt ab. An mehr erinnere ich mich nicht mehr. Nur, dass das Mädchen und ich danach Freundinnen wurden. Das zerbrach dann auch. Immerhin blieben die Scherben einfach liegen und entwickelten sich nicht zurück in Gewalt.

Eine enge oder beste Freundin hatte ich danach kaum mehr. Ich hatte wohl gelernt, dass das Alleinsein der sicherste Ort ist. Es war auch der Ort, den ich am besten kannte. Alle anderen können dich jederzeit verlassen – und sie tun es auch. Das hast du mir mal gesagt. Nur ihr wärt immer für mich da, hast du gesagt. Doch auch das hast du irgendwann zurückgenommen. Ich sei nun gross, meintest du. Mami und du seid nun wieder für euch, ich müsse für mich meinen eigenen Weg gehen. War das Freiheit? Es fühlte sich nicht so an. Es gibt dieses eine Lied von Udo Jürgens, das ich liebte. Vor allem ein Satz ging mir immer tief: «Du sagst, du bist frei, und meinst dabei, du bist allein…»

Vielleicht spürte ich, dass Grosswerden Gefahren mit sich bringt. Vielleicht sagte ich drum, ich möchte klein bleiben, möchte immer fünf bleiben. Vielleicht spürte ich, dass der erste Schritt aus dem Zuhause auch der erste Schritt in die Distanz war, die sich von nun an vergrössern sollte. Anzeichen gab es, kleine Andeutungen, Gesten, Blicke. Fürchtete ich den Verstoss? Die Bedrohung des Verlustes? Wollte ich drum klein bleiben? Und tat alles dafür? Hörte sogar auf zu essen irgendwann? Oder wollte ich mich damit zum Verschwinden bringen?  Weil ich mich als nicht wichtig, nicht gesehen fühlte? Ein Versuch, dem Schmerz, der Trauer, der Verzweiflung zu entkommen?

Vielleicht höre ich hier besser auf. Für heute.

(«Alles aus Liebe», IX)

Leseerlebnis – Ingeborg Bachmann: «Senza Casa»

Autobiographische Skizzen, Notate und Tagebucheintragungen

«Ständig bewohnt von Gefühlen
Gespinst voll von Gespinsten
wehenden, flatternden, zerrissenen
veränderlichen, denen ich ein
mangelhaftes Haus aus Fleisch und Wasser und Muskel
und Haut gebaut hab.»

Es gibt wohl kaum eine Zweite, mit der ich mich so verbunden fühle, weil ich mich in ihren Zeilen immer wiedererkenne, wie Ingeborg Bachmann. Das ist sicher auch der Grund, wieso ich an keinem Buch von ihr oder über sie vorbeikomme. Ich muss sie haben, ich muss in sie eintauchen, ich muss mehr erfahren. Und finde immer auch mich in den Texten.

«Einbruch des Vergangenen in die Intensität. Die Liebe: das Zurückrufen der Liebe aus einer Zeit, in der sie es nicht war.»

«Senza Casa» ist wohl eines der persönlichsten Bücher. Hier finden sich Notate aus ihren Tagebüchern, hier finden sich ihre tiefsten Gedanken, Gefühle, aufgeschrieben aus der Situation heraus, wie sie gerade auftauchten, sich drehten und damit Ingeborg Bachmann umtrieben. Liest man es als erstes Buch, um ihr näher zu kommen, stösst man in die Tiefe vor, sieht sich mit Gefühlen konfrontiert, die man nicht zuordnen kann, die aber für sich Bilder auslösen. Liest man es vor dem Hintergrund eines schon vorhandenen Wissens über ihr Leben, Denken und Schaffen, finden sich zusätzlich Bezüge zu diesem, weiss man die einzelnen Stellen zuzuordnen.

«Allein sein. Frei sein.»

Ein Herzensbuch, das ich nur ans Herz legen kann. All denen, die eine spannende, wunderbare und sehr eigensinnige, eigenwillige Frau näher ergründen wollen.

Eine Geschichte: Schweigen (VIII)

Lieber Papa

Wenn ich in Spanien bin, sehe ich sie oft: Die Familien, die am Wochenende oder an Feiertagen an den Strand fahren und dort ein zweites Wohnzimmer aufbauen. Alle helfen mit. Sie haben an alles gedacht: ein Zelt, Sonnenschirme, Tische, Stühle, Liegen, Kühltruhen und Essen. Berge von Essen. Ganze Buffets werden aufgestellt. Alle reden und lachen laut durcheinander, sie feiern das Leben.

Erinnerst du dich? Wir gingen früher auch manchmal zum Picknick. Meist in den Wald. Nur wir drei. Ohne Lachen und ohne Zelt, aber mit Klappstühlen, einer Kühlbox, Getränken, gekochten Eiern, Würsten, Brot, einer Decke, Gläsern, Teller, Besteck. Alles hatte seine Ordnung.

Wir luden alles ins Auto, fuhren zum nahegelegenen Wald, parkten auf dem Parkplatz und schleppten alles zur Feuerstelle im Innern des Waldes. Grössere Scheite lagen schon vor Ort bereit, die kleineren, feineren zum Anfeuern gingst du sammeln. Ein Picknick, wie es im Schulbuch steht.

Während ich das so schreibe, merke ich, wie in mir Unmut hochkommt. Es wirkt alles so leblos, so freudlos, so einstudiert und durchorganisiert. Wo ist das Freudige, das Bunte, Improvisierte? Und gleichzeitig schelte ich mich für diese Gefühle und Gedanken. Ist es nicht gut, wenn man Dinge so plant, dass sie klappen? Ich frage mich zudem, ob ich nicht zu viel hineinlege in diese Erinnerung. Will ich es düster sehen? Habe ich ein Bild, in das ich die Geschichte einpassen will? Und ich gehe weiter, frage mich, ob das überhaupt Erinnerungen sind. Ich erinnere mich an einen Ausspruch von Max Frisch, wonach wir uns Geschichten erzählen und sie dann für unser Leben halten. In Ivrin D. Yaloms Memoiren las ich etwas ähnliches. Er schrieb, dass er die Realität für eine wandelbare Sache halte, dass Erinnerungen dadurch oft fiktiver seien als man glaube. So fühlt sich das an. Woher also kommt diese Geschichte in mir? Ich weiss es nicht, aber ich möchte sie weitererzählen:

Das Anfeuern dauerte oft lang, eine Geduldprobe. Wenn das Feuer so richtig schön brannte, hatte das Warten noch kein Ende, dann mussten die Flammen sich erst wieder legen. Erst dann konnten wir die Würste braten. Ich sage heute oft, das G in meinem Namen stehe für Geduld – sie fehlte mir schon damals. Dieses stille Warten war nichts für mich.

Aus der Langeweile heraus entstehen die schönsten Ideen, so packte ich meinen Klappstuhl und lief damit zum Waldrand. Ich setzte mich hin und wartete auf Spaziergänger, die vorbeikamen. Sie schienen sich zu freuen, auf alle Fälle erwiderten sie alle meinen Gruss und plauderten mit mir. Ich genoss es – leider nicht lange. Plötzlich standst du hinter mir, offensichtlich wütend. Was mir eigentlich einfalle, die Leute zu belästigen, fragtest du. Ich sagte, die hätten sich gefreut. Irrtum, meintest du, die seien nur höflich gewesen. Wie hatte ich mich nur so täuschen können. So dachte ich. Es tat ein wenig weh.

Ich musste auf der Stelle zurück an die Feuerstelle, und eines war klar: Ich hatte die strenge Ordnung des Picknicks gestört. Ich war mal wieder nicht in Ordnung gewesen. Der Rest des Picknicks verlief schweigend.

Erinnerst du dich? Das war immer deine Taktik. Durch Schweigen zeigtest du mir, dass ich vom richtigen Weg abgekommen bin. Dein Schweigen nahm den ganzen Raum ein, liess mich deine Enttäuschung über mich spüren. Manchmal dauerte es lange. Zwei Wochen ohne ein Wort von dir. Dein Blick glitt an mir vorüber, du nahmst mich nicht mehr wahr.

Interessant, dass dieses Schweigen für mich die Höchststrafe bedeutete, waren wir doch auch sonst keine sehr beredte Familie. Aber so war das. Wenn die wenigen Worte zur Totenstille anwuchsen, dann fühlte es sich an, als sei damit alles gestorben: deine Liebe zu mir, ich für dich – und damit auch ich für mich.

Ich weiss nicht mehr, wie es nach dem Schweigen jeweils zum ersten Wort kam. Was löste es aus? Wie fühlte es sich an? Ich stelle mir vor, es war wie der erste Schluck Wasser für einen, der fast verdurstete. Aber das ist reine Fantasie, ich erinnere mich nicht.

(„Alles aus Liebe“, VIII)

Leseerlebnis – Chris Whitaker: In den Farben des Dunkels

«Ringsum wogten Bäume, als Saint die Zweige einer Weide teilte und auf Wurzeln stiess, die wie grosse Hände aus der Erde ragten und bei jedem Schritt zur Vorsicht mahnten.»

Was für eine Sprache! Sie hat mich gleich in ihren Bann gezogen. Dafür, das soll hier erwähnt sein, ist auch der Übersetzerin Conny Lösch ein grosses Lob auszusprechen: Eine grossartige Arbeit!

Wir schreiben das Jahr 1975. In malerischen Bildern führt mich Chris Whitaker in die Welt von Saint Brown ein, entwickelt eine Stimmung, die das bevorstehende Unheil anklingen lässt. Und dann passiert es: Saints bester Freund Patch wird entführt, als er Misty Meyer rettet, auf die es der Mann im Van eigentlich abgesehen hat. Danach ist nichts mehr, wie es war. Saints Gedanken sind bei Patch, sie will ihn wiederfinden und forscht auf eigene Faust. Ein Jahr wird es dauern, dann wird Patch gefunden. Er war nicht allein festgehalten worden, mit ihm war ein Mädchen eingesperrt, Grace. Weil von ihr jede Spur fehlt, glaubt ihm niemand, die Polizei denkt, er hätte Grace erfunden. Patch will nicht länger ruhen, bis er Grace gefunden hat.

Saint, die all ihre Kräfte in die Suche nach Patch gesteckt hat, ist verletzt in ihrer Liebe und Freundschaft, trotzdem hilft sie ihm. Die Suche wird über dreissig Jahre dauern.

Chris Whitaker ist ein Meister im Erzählen. Er entwirft Figuren, die lebendig und authentisch sind, die sich in ihren Sehnsüchten, Wünschen, Eigenheiten zeigen und ihre ganz eigene Sprache sprechen. Er schafft es, Landschaften und Begebenheiten so zu beschreiben, dass man sich mittendrin wähnt. Er zeichnet das Bild einer amerikanischen Kleinstadt mit all ihren Energien und Dynamiken, indem er den Leser einfach mittenhineinführt und teilhaben lässt.

«In den Farben des Dunkels» ist ein episches Werk von 592 Seiten. Es ist Gesellschafts- und Charakterstudie, Coming of Age Roman, Krimi und Thriller in einem. Es handelt von Freundschaft, von Loyalität, vom Erwachsenwerden, von Familie und Zugehörigkeit und vor allem von Freundschaft und Liebe. Und über alles zieht sich diese eine Frage: Was ist damals passiert, als das Leben so vieler Menschen von einem Tag auf den anderen in ein Davor und ein Danach eingeteilt wurde. Trotzdem steht die Aufklärung des Falls nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um die Menschen und wie sie mit dem Erlebten umgehen, es geht darum, was Menschen bewegt und wie sie traumatische Ereignisse verarbeiten.

Dass ein so dickes Buch seine Längen hat, bleibt nicht aus, doch wie so oft ist es wohl auch hier: Was dem einen zu lange ist, in dem schwelgt der andere. So oder so: Eine absolute Leseempfehlung.

(Chris Whitaker: In den Farben des Dunkels, Piper Verlag, München 2024.)

Eine Geschichte: Verloren (VII)

Lieber Papa

Kürzlich hatte ich einen Traum. Ich fand nicht mehr nach Hause. Ich lief durch die Strassen, kam zu der Stelle, wo unser Haus immer gestanden hatte, aber es sah völlig anders aus. Ich ging hinein. Auch drinnen war alles verändert. Und doch schien ich überzeugt, hier zu wohnen. Ich klingelte. Keiner öffnete. Alles war stumm. Ich zweifelte, ob ich nicht doch am falschen Ort sei. Nur: Wo wäre der richtige? Ich hatte keine Ahnung. Ich fühlte mich verloren.

Ich habe diesen Traum schon oft geträumt. Es ist immer alles gleich. Während ich dir von diesem Traum schreibe, erinnere ich mich an etwas, das passiert ist, als ich etwa drei oder vier war. Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich verschwunden bin?

Ich ging mit Mama zum Einkaufen. Vor dem Eingang des Einkaufszentrums gab es einen kleinen Bildschirm mit einer Sitzbank davor. Wenn man Geld einwarf, konnte man ein Märchen anschauen. Jedes Mal, wenn wir da waren, fragte ich, ob ich den Film schauen darf. Einkaufen fand ich langweilig. Mama sagte immer nein. Doch dieses eine Mal stimmte sie zu. Freudig setzte ich mich hin und war schon bald völlig in den Film vertieft. Ich bin nicht sicher, aber manchmal bilde ich mir ein, ich sähe noch die Bilder vor mir und hörte die Zwerge singen, wenn sie von der Arbeit heimkehrten zu Schneewittchen.

Plötzlich sah ich aus den Augenwinkeln Mama, wie sie aus dem Gebäude ging. Hatte sie mich vergessen? Schnell sprang ich auf und lief zum Ausgang. Ich sah sie nirgends mehr. Vielleicht hatte ich mich getäuscht. Ich setzte mich wieder hin und schaute weiter, konnte mich aber nicht mehr auf den Film konzentrieren. Immer wieder schaute ich zum Ausgang, befürchtete, ich könnte Mama verpassen. Doch sie kam nicht. Vielleicht hatte ich mich vorher gar nicht getäuscht, vielleicht war sie tatsächlich nach Hause gegangen und hatte mich hier vergessen.

Ich konnte es kaum glauben, dass sie mich einfach vergessen konnte. Sie musste noch irgendwo sein. Ich wollte sie suchen. Ich lief durch das ganze Einkaufszentrum, lief in alle Läden, die ich kannte: Die Tierhandlung mit den Fischen, Vögeln und den Meerschweinchen, die ich immer streicheln wollte, die Drogerie, in welcher wir dieses grässliche Biomalt kauften, das ich jeden Morgen schlucken musste, die chemische Reinigung, den Kiosk, wo sie manchmal den Lottoschein ausfüllte, das Café ganz hinten im Einkaufszentrum, auch wenn wir da noch nie drin gewesen waren. Nichts. Ich lief zum hinteren Ausgang hinaus, lief um das Einkaufszentrum herum und landete wieder beim vorderen Eingang. Nirgends sah ich sie.

Zum Glück bin ich schon oft mit Mama zum Einkaufszentrum gelaufen, so dass ich den Weg gut kannte. Ich beschloss, allein nach Hause zu gehen, vielleicht konnte ich sie noch einholen.

Zuerst musste ich eine grosse Strasse überqueren, danach führte mein Weg eine Wiese entlang, in deren Mitte ein Bauernhof stand. Ab und zu grasten Ziegen und Schafe auf der Wiese, die ich zu streicheln versuchte. Dafür hatte ich nun keine Zeit. Auf der anderen Seite des Weges war ein kleines Mäuerchen, auf dem ich gerne balancierte, auch wenn Mama das nicht mochte. Heute fehlte mir der Sinn dafür. Ich fühlte mich allein und traurig, und ja, ich hatte Angst. Ich fürchtete, dass ich etwas falsch gemacht hatte, dass Mama mit mir schimpfen würde. Ich hatte Angst, dass sie es dir erzählt und du mich mit dem Blick anschauen würdest, der sagte: «Wieso kannst du nicht mal normal sein, wieso musst du dich immer danebenbenehmen?»

Als nächstes musste ich wieder eine grosse Strasse überqueren. Zum Glück kamen nicht viele Autos, aber so allein wirkte sie doch bedrohlicher, als wenn ich mit Mama unterwegs war. Zum Glück wurde es nun einfacher. Ich musste nur noch einer Strasse folgen, die zwar ein paar Kurven machte, dann aber zu unserem Haus führte. Wenn ich mich richtig erinnere, traf ich auf dem ganzen Weg keinen einzigen Menschen. Nicht nur ich war allein, die ganze Welt schien verlassen zu sein. Wenn mir jemand begegnet wäre, hätte er sich gewundert, dass ein so kleines Mädchen allein unterwegs war? Hätte er mir meine Angst angesehen? Habe ich geweint? Ich erinnere mich nicht. Ich glaube, ich weinte nicht. Während ich das schreibe, merke ich, dass ich auch schon kleine Kinder allein auf dem Trottoir sah und mich fragte, ob ich etwas tun müsste. Ich habe nie etwas gemacht. Ich hatte immer Angst, mich irgendwo einzumischen und dann Ärger zu kriegen. Eigentlich feige. Ich will das ändern.  

Endlich kam ich bei unserem Haus an. Ich wollte klingeln. Ich konnte zwar nicht lesen, aber ich wusste genau, welches unser Schild war. Ich frage mich, wieso ich es wusste. Habt ihr es mir gezeigt? Wieso hättet ihr das tun sollen? Zu dem Zeitpunkt war ich noch nie allein draussen gewesen. Auch war ich nie mit anderen unterwegs, die hätten klingeln müssen. Ich weiss es nicht, aber es ist unwichtig. Das Schild hing zu hoch. Ich kam nicht ran. Da stand ich nun und wusste nicht, was tun. Meine Angst wurde grösser. Ich war hier allein und ihr schient unerreichbar.

In dem Moment kam unsere Nachbarin, Frau Vogelmeier, aus dem Haus. Sie bückte sich zu mir runter. «Was machst du hier? Wo ist deine Mama?» Ich glaube, da begann ich zu weinen. Ich erzählte ihr von Schneewittchen und von Mama, die mich vergessen hatte. Ich erzählte ihr von meiner Suche und dem Heimweg, erzählte von der Klingel, die zu hoch hing. Frau Vogelmeier tröstete mich: «Deine Mama hat dich bestimmt nicht vergessen, sie sucht dich bestimmt schon.» Sie nahm mich an der Hand und gemeinsam liefen wir zum Einkaufszentrum zurück. Ich weiss nicht mehr genau, was dann passiert ist. Alles, was ich noch weiss, habt ihr mir später erzählt. Oder weiss ich auch das bis hierhin nur aus euren Erzählungen und erzähle es mir nun selbst als meine Erinnerung? Ich bin mir nicht sicher.

Mama erzählte, dass sie aus dem Laden kam und ich verschwunden war. Du erzähltest, dass Mama dich angerufen habe. Du hättest alles stehen und liegen lassen, ein Taxi gerufen und seist zum Einkaufszentrum gefahren. Bis du kamst, lief Mama immer wieder durch das Einkaufszentrum, fragte überall nach mir. Keiner hatte mich gesehen. Nirgends war eine Spur von mir. Das alles passierte in einer Zeit, in welcher mehrere Kinder in meinem Alter verschwunden sind. Entsprechend gross war eure Sorge.

Endlich kamen Frau Vogelmeier und ich beim Einkaufszentrum an. Ich glaube, du bist zu mir runtergekniet und hast mich in den Arm genommen. War das so? Sicher bin ich nicht. Ich stelle es mir so vor. Und Mama? Was machte sie? Was fühlte ich? Das ist alles ausgelöscht.

Ich weiss nicht, wieso ich bei meinem Traum an diese Geschichte denke. Haben sie etwas miteinander zu tun? Gemeinsam ist ihnen sicher die tiefe Verlorenheit, das Gefühl, kein Zuhause zu haben, nirgends hinzugehören. Noch heute frage ich mich manchmal, was das ist: Zuhause. Oder Heimat. Ich habe nur leise Ahnungen, ich kann beides nicht ganz fassen.

(«Alles aus Liebe», VII)

Leseerlebnisse – Max Bentow: Der Federmann

«Unsere Ängste können uns beherrschen und unser Verhalten bestimmen. Wir müssen uns ihnen stellen. Nur so gewinnen wir die Kontrolle zurück.»

Ich hüpfe lesend von einem zum anderen, der Erzählfluss stoppt immer wieder schnell, um an einer anderen Stelle wieder einzusetzen. Die einzelnen Figuren bleiben mir so anfangs fremd, ich lese ihre Namen, sehe, was sie tun, doch ich komme ihnen nicht näher, weil sie immer wieder zu schnell verschwinden. Auch die Handlung bleibt an der Oberfläche. Es passiert einiges, auch Grausames, doch es geht nicht tief, ich kann es nur zur Kenntnis nehmen, weil es sich nicht setzt, da ich schnell wieder an einem anderen Punkt bin. Und doch zieht mich die Geschichte mit. Worum geht es?

Sie sind alle jung, blond und schön. Er schneidet ihnen die Haare ab, zerfleischt ihren Körper mit Messern, hinterlässt als Markenzeichen einen ausgeweideten Vogel ohne Federn. Der Berliner Kommissar Nils Trojan muss diesen verrückten Serientäter finden, bevor noch eine Frau sterben muss. Dass seine eigene Tochter in das Beuteschema passt, erhöht den Druck, zudem war da diese Warnung, dass auch Trojan selbst das alles nicht überleben wird. Blutig, temporeich und von der ersten bis zur letzten Seite packend.

Das scheint das neue Erzählen zu sein, dieser Wechsel von einer Perspektive zum nächsten, dieses Hin- und Herfliegen zwischen Personen und Orten und teilweise auch Zeiten (das hier zum Glück nicht auch noch). Und ja, ich mag es nicht, ich bin wirklich ein Fan der schön linearen Erzählweise, in der ich dem Geschehen ununterbrochen folgen kann. Vielleicht habe ich mich mittlerweile ein wenig daran gewöhnt, so dass ich nicht gleich abbreche, sondern durchhalte, aber nach kurzem Stöhnen begab ich mich in die Geschichte und folgte ihr trotz einiger sehr abrupter Wechsel gut. Die Wechsel sollen wohl der Spannung dienen, ich frage mich nur, ob das a) wirklich klappt und b) nicht ein billiger Trick ist, um komplexere Techniken vermeiden zu können.

Max Bentow kennt den Werkzeugkasten des Thriller-Schriftstellers und nutzt die ihm zur Verfügung stehenden Mittel gut. Wir haben die steigende Spannung, die Twists, die persönliche Gefahr, den Wettkampf mit der Zeit und schlussendlich ein Finale, in dem nochmals alles an einen Höhepunkt kommt. Auf diese Weise erzählt er einen soliden, teilweise gruslig blutigen Thriller. Zum Glück werden mit der Zeit auch die Figuren erfahrbarer, zumindest die Hauptfigur offenbart ihre menschlichen Seiten, die anderen erzählen immerhin davon, dass sie welche haben.

«Auch Du wirst sterben, Trojan.»

Diese Drohung wurde zum Glück nicht wahr. Dieses war der erste Streich, sprich, der erste Band der Reihe um den Kommissar Nils Trojan. Das Schöne daran, Reihen erst lange nach ihrem ersten Band zu beginnen ist, dass auf einen Schlag ganz viele weitere Bände auf einen warten. Das ist ein bisschen wie beim Streamingdienst: Früher musste man bei Krimiserien eine Woche warten, um die nächste Folge sehen zu können, heute kann man sich in einer Nacht ganze Staffeln einverleiben. Sicher ist: Ich bleibe dran, meine Zeit mit Nils Trojan ist noch nicht zu Ende.

Eine Geschichte: Zeichnen (VI)

Lieber Papa

Als ich vor einigen Jahren wieder begann zu zeichnen, hast du dich gefreut. Ich zeigte dir ein paar Skizzen aus meinem Skizzenbuch und du hast gelächelt und gemeint, ich hätte schon immer gut zeichnen können. Das Zeichnen half mir in dieser Zeit, als mir so vieles im Leben weggebrochen war. Damit kriegte ich meinen Kopf frei. Ich konnte mich in etwas hineingeben, das mich vom Nachdenken wegbrachte.

Erinnerst du dich, Papa, wie das war, als ich ein Kind war? Du musstest mir nur Papier und Stifte geben, dann war ich glücklich. Dann sass ich da und zeichnete. Ich liebte es und für euch war das ein sicherer Wert in Restaurants oder anderen Situationen, in denen ich mich gelangweilt hätte. So fiel ich wenigstens nicht auf.

Ich war etwa drei Jahre alt, als ich ein Bild mit einer Sonne über einer Blumenwiese gezeichnet habe. Du warst begeistert. Manchmal glaube ich mich daran zu erinnern, wie ich das Bild gemalt habe. Vermutlich ist das eine Illusion. Ich erinnere mich wohl nur an mich, wie ich an einem Tisch sass und zeichnete, weil ich das oft tat, damals. Das Bild kenne ich nur vom Sehen und von deinen Erzählungen. Ich erinnere mich auch nicht daran, wie ich es dir gezeigt habe oder wie du darauf reagiert hast. Auch das weiss ich alles nur aus deinen Erzählungen. All diese Erzählungen wurden zu etwas, das sich anfühlt wie eine eigene Erinnerung. Interessant, wie man Menschen Erinnerungen einpflanzen kann, indem man ihnen etwas oft genug erzählt. Irgendwie auch gruselig.

Das Bild hing all die Jahre in unserem Wohnzimmer. Du hast allen, die kamen, sichtlich stolz erzählt, dass ich das mit drei gezeichnet habe. Das sei grossartig für eine Dreijährige, hast du hinzugefügt. Darum hättest du es aufgehängt. Daraufhin sei ich schludrig geworden, hätte immer mehr und schneller Bilder gezeichnet, nicht mehr so gut. Das hättest du natürlich nicht mehr belohnt. Ich müsse merken, dass ich mir Mühe geben muss. Das alles hast du erzählt, wenn Leute das Bild ansahen.

Es war mir damals nicht bewusst gewesen, dass ich pfuschte. Ich dachte, ich hätte gezeichnet, was ich konnte, und es mit Freude schenken wollen. „Das ist nicht gut genug, um es aufzuhängen“, sagtest du oft. Das hat das Lob über die gute Zeichnung aufgehoben. Ich konnte mich nicht mehr freuen. Der Rest wog ungleich schwerer. Zu deinen Worten kamen die Blicke der anderen. Sie richteten sich weg vom Bild und hin zu mir. Ich kam mir klein vor. Ich war die, die pfuschte und sie wüssten es nun alle. War es mir am Anfang nur um die Freude am Zeichnen, um das Ausprobieren und Spielen mit Farben gegangen, merkte ich nun, dass meine Bilder Kriterien erfüllen mussten, was sie mehrheitlich nicht taten. Sie waren nicht gut genug. So wollte ich nicht weitermachen. Ich hörte auf zu zeichnen. Bei den wenigen Versuchen, die ich später unternahm, sagte gleich eine innere Stimme: „Das taugt nicht. Das ist Pfusch. Das hängt keiner auf.“

Und doch: Irgendwann, nach vielen Jahren, Jahrzehnten gar, probierte ich es wieder aus. Du freutest dich. „Du hattest immer Talent“, sagtest du. Doch meine innere Stimme war noch da. Und sie befand, mein Talent reiche nicht. Ich habe wieder aufgehört.

An all das musste ich kürzlich denken, als ich in meinen alten Skizzenbüchern blätterte. Im Nachhinein fand ich vieles gar nicht so schlecht. Aber vielleicht hat auch alles seine Zeit und jeder seine Stimme. Meine zeigt sich in Worten, weswegen ich dir nun diesen Brief schreibe und kein Bild male.

(„Alles aus Liebe“, VI)

Leseerlebnisse – David Baldacci: Gefährliches Komplott

«In dem Moment klingelte ihr Telefon. Und Mickey Gibsons ganzes Leben als alleinerziehende Vorstadtmutter ging den Bach runter.»

Ich weiss, wieso ich nicht gerne telefoniere: Ein einziger Anruf kann das ganze Leben auf den Kopf stellen. Das passierte Mickey Gibson, einer ehemaligen Polizistin, die aufgrund ihrer Mutterschaft den aktiven Polizeidienst an den Nagel gehängt und eine investigative Computerarbeit angefangen hat. Eigentlich wollte sie mit diesem Wechsel ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder schützen, beides ist nun in Gefahr. Aber worum geht es:

Mickey Gibson kündigt wegen ihrer Mutterschaft den Polizeidienst und arbeitet von zu Hause bei einer Firma, die Vermögen aufspürt. Als sie von einer ihr unbekannten Mitarbeiterin in dieser Funktion zu einem Haus geschickt wird, um ein Inventar zu erstellen, denkt sie sich nichts dabei und läuft damit in die Falle einer Betrügerin. Nicht nur stösst sie im Haus auf eine Leiche, deren Mord ihr angelastet wird, sie muss auch um das Leben ihrer Kinder und ihr eigenes bangen, wenn sie der Betrügerin nicht hilft, etwas zu finden, das diese haben will. Bald ist nicht mehr klar, wem sie überhaupt noch trauen kann und ob sie aus dieser Sache heil rauskommt.

Baldacci macht vieles richtig: Die Geschichte dreht und wendet sich, es ist nicht wirklich ersichtlich, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Wem soll man in dem ganzen Kuddelmuddel trauen?

Die Protagonistin ist menschlich schwer fassbar, ich komme nicht an sie ran. Die ominöse Anruferin führt Böses im Schild, die Motive dahinter liegen im Dunkeln. Sie nervt mich mit der Zeit ziemlich, sie stellt sich zu sehr in den Mittelpunkt, drängt sich mir auf mit ihren abstrusen Gedanken und Verhaltensweisen. Zudem wirkt vieles sehr konstruiert, so dass dann und wann das Gefühl aufkommt: Ach ne, nicht auch das noch.

„Der Raum war dunkel, genau wie sie es mochte. Licht enthüllte Dinge und zeigte viel zu viel, was wahr sein könnte.“

Und dann, in all der Distanz und den Gefühlen des Abgestossenseins, überrascht mich Baldacci mit sprachlich schönen Wendungen, mit Bildern, die Gefühle plastisch werden lassen, die fühlbar machen, was in den Figuren vorgeht. Die zum Nachdenken anregen.

„Das Leben war ein Hütchenspiel. Die Gewinner konnten die Wahrheit nur besser verbergen als die Verlierer.“

So kann ich mich nur wiederholen: Baldacci macht vieles richtig, denn er hält die Spannung, weckt immer wieder neu meine Neugier, führt mir die noch offenen Fragen vor Augen, zu denen ich eine Antwort haben möchte. Also halte ich durch und lese das Buch bis zum Ende. Und da schau her: Der Meister schafft es, alle Fäden zu vereinen, alles zu einem Ende zu führen, so dass ich am Schluss fast mit einem dem Kitsch geweihten Happy-End-Tränchen dasitze und denke: Hach ja, nun ist die Welt wieder in Ordnung. So soll es bleiben. (Bis zum nächsten Buch.)  

Bücherwelten: Psychothriller

Heute stöberte ich in meinem Krimi- und Thrillerregal und suchte nach Psychothrillern. Dabei fragte ich mich plötzlich, ob das nicht eigentlich ein Pleonasmus ist. Ich meine: Welcher normale Mensch käme auf die Idee, auf grausame und meist blutige Weise Menschen zu töten, oft in Serie? Und nicht selten wird dem Ganzen ein Psychospiel vom Feinsten zur Seite gestellt, das den Leser gleich mit verwirrt.

Vermutlich liegt aber gerade da ein Teil des Reizes dieses Genres: Zu erleben, wie vordergründig normale Menschen plötzlich als Bestie enttarnt werden. Der nette Schwiegersohn von nebenan, der freundliche Postbote, der nach aussen hin charmante Ehemann – und plötzlich ist alles anders. Kann jeder zu einer Bestie werden? Tragen wir dieses Böse wirklich in uns, wie Hobbes antönte, als er den Menschen als von Grund auf Böse hinstellte und daraus die Berechtigung eines (Rechts-)Staates ableitete?

Was mir wieder einmal auffällt, ist: In keinem anderen Genre stecken so viele philosophische und psychologische Fragen wie bei den Krimis und Thrillern. Die menschliche Natur auf dem Seziertisch. Und das alles auf eine so wunderbar packende Weise übermittelt – hätten Kant und Konsorten mal so geschrieben, das hätte den Zugang zu ihren wunderbaren Gedanken für viele erleichtert.

Ich glaube, ich bin abgeschweift. Nun denn – im Bild drei Psychothriller mit Prädikat «Absolute Leseempfehlung»:

  • Max Bentow: Der Federmann
  • Arno Strobel: Der Trip
  • Sebastian Fitzek: Mimik

    Habt ein schönes Wochenende! 💕

Eine Geschichte: Salzstangen (V)

Lieber Papa

Wenn ich ein Glas Wein trinke, esse ich gerne Salzbrezeln dazu. Andere bevorzugen Chips oder Nüsse, bei mir sind es die Salzbrezen. Nicht alle, nur die, welche knacken und wirklich salzig sind. Wenn ich sie esse, denke ich oft an früher. Damals gab es in Restaurants diese Körbe mit Chips, Nüssen, Salzstangen und abgepacktem Süssgebäck. Ich durfte mir was aussuchen und wählte sie Salzstangen.

Am liebsten ass ich sie wie ein Kaninchen, mümmelte mich von einem Ende zum anderen. Das gefiel dir gar nicht. „Iss anständig!“, sagtest du. „Kannst du nicht einmal etwas normal machen?“, sagtest du – es war keine Frage, eher ein entnervtes Aufstöhnen mit einem Fragezeichen zur Tarnung. Natürlich konnte ich und tat es sogleich. Die Salzstangen schmeckten dann nur noch halb so gut. Das sagte ich natürlich nicht, denn du hättest es nicht verstanden. Du hättest es für eine weitere meiner Absonderlichkeiten gehalten.

Der positive Nebeneffekt dieser Salzstangen war, dass ich dadurch ruhig war. Oft waren wir nicht allein, sondern es sassen noch andere Leute am Tisch. Ihr habt euch mit ihnen unterhalten. Über Erwachsenenthemen, Dinge, von denen ich nichts verstand, die mich nicht betrafen. Kein Problem, ich war ja beschäftigt. Mit Salzstangen, die ich nun normal ass.

Ich war ein braves Kind. Manchmal frage ich mich, wieso ich nicht aufbegehrte. Aber es war nicht möglich. Wenn ich das schreibe, klingt es merkwürdig. Wenn ich es nochmals lese, klingt es immer noch so. Ich möchte mir zurufen: „Wehr dich, es ist möglich!“ Aber nein. Das war keine Option. Merkwürdig.

Wenn wir unter Leuten waren, bist du immer aufgeblüht. Du warst witzig, redetest mit allen und über alles, amüsiertest dich und die anderen. Du hattest ein gewinnendes Wesen und hast auch mich immer wieder gewonnen damit. Mama sass eher schweigsam daneben. Ich blickte zu dir auf für deine Art, schätzte Mama wohl geringer wegen ihrer. Nahm ich sie überhaupt wahr? Wenn ich heute zurückdenke, kommt es mir manchmal so vor, als wären wir nur dein Publikum gewesen. Wir waren die Zuhörer, die du auf sicher hattest, die anderen gewannst du hinzu.

Ich erinnere mich, wie du gelacht hast in solchen Runden. Manchmal lachtest du so sehr, dass dein Mund weitaufging und du den Kopf in den Nacken warfst. Heraus kam ein gepresstes und doch laut schallendes Lachen. War das echt, frage ich mich heute. Damals stellte ich mir diese Frage nicht. Ich hinterfragte generell wenig, da ich sowieso keine Antworten fand. Ich kannte sie nicht, du gabst sie mir nicht. Zudem wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass man ein Lachen erzwingen kann. Wozu auch? Gut, manchmal dachte ich, es wäre schön, auch so zu lachen wie du. Aber ich war nicht wie du. Manchmal hast du mir gesagt, ich solle mehr lachen. Man möge nur fröhliche Menschen und ich sei zu ernst. Ich konnte nicht ohne Grund lachen.

Ich mag heute lieber Salzbrezeln als Salzstangen. Am liebsten nage ich sie Rundung für Rundung ab. So schmecken sie am besten. Manchmal denke ich, dass es ein Glück sei, dass du das nicht siehst. Was du sagen würdest, habe ich tief in mir und höre es immer, wenn ich meine Brezeln so esse.

(„Alles aus Liebe“, V)

Bücherwelten: Vom Lesen und Erzählen

«Wichtig ist, was man während des Lesens erlebt, die Gefühlszustände, die eine Geschichte hervorruft, die Fragen, die einem dazu einfallen, und nicht die fiktionalen Ereignisse, die geschildert werden.» Sigrid Nunez

Draussen regnet es, obwohl die Woche eigentlich als sonnige angekündigt war. Gestern drehten die Prognosen, zeigten Regen auf den heutigen Abend. Er hat es vorgezogen, schon früher vom Himmel zu strömen. Ich sitze hier, höre das Prasseln, lese mich durch die verschiedenen Bücher, die meine aktuellen Lektüren sind. Eines habe ich gerade beendet, dafür ein neues begonnen, drei weitere lese ich nebenher, dazu liegt irgendwo noch ein Magazin über Freundschaft, durch das ich mich dann und wann blättere, es in Häppchen aufnehme. 

Während ich in einem meiner Bücher lese, kommt mir der Gedanke, dass immer mehr Romanen die Geschichten abhanden zu kommen scheinen. Sie hangeln sich erzählten Ereignissen, Beobachtungen, Gedanken entlang und scheinen kein Ziel zu haben. Irgendwann sind sie fertig. Manchmal war ich schon viel früher an ein Ende gelangt und fand den Rest nur noch überflüssig, es kommt aber auch vor, das mir am Ende das Ende fehlt. Nabokov schrieb einmal, dass nicht der Autor, sondern der Leser bestimme, wann ein Buch zu Ende sei. Da könne er es dann zuschlagen und sich neuer Lektüre widmen. Da steht mir manchmal die Neugier im Weg: Es könnte noch was kommen. Tut es meist nicht. 

Ich sitze im Licht der Lampe, weil von draussen kaum welches hereindringt, hänge meinen Gedanken nach und bin gespannt, wohin mein Tag noch führt.