Mascha Kaléko: Memento

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muß man leben.

(1945)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn jemand gestorben ist oder schwer krank ist

Es gibt wenig, das schwerer wiegt, als der Gedanke an ein Leben ohne die, welche man liebt.

(Zitiert nach Mascha Kaléko, Sämtliche Werke und Briefe, S. 227)

Rainer Maria Rilke: Die Liebende

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

Stilblüten des Internets….

Daraus müsste man ne Reihe machen, es gibt so viele. Eine, die mir heute grad wieder unterkam….

Die Unpackings. Das ist, wenn jemand ein Paket kriegt und das mit der Welt teilen will… also lässt er die Kamera laufen und holt dann… so ganz spontan… das Paket ins Bild.

Leute, ich habe das Paket gekriegt. Lasst uns gemeinsam schauen, was drin ist.

Die Leute dürfen dann zuschauen, wie besagter Mensch an der Verpackung rumnestelt, es schliesslich geöffnet kriegt und den ach so tollen Inhalt präsentiert. Aber he:

Was kümmern mich Pakete anderer Menschen? Und: Ich habe noch nie was abgekriegt. Wie egoistisch ist das denn? Nur neidisch machen wollen? Ne… geht ja gar nicht. Und überhaupt: Wenn ich was brauche, bestelle ich es gerne selber. Und packe es dann mit viel Freude ohne Kamera aus.

#sachegits

Jean-Francois Mallet: Das einfachste Kochbuch der Welt deluxe (Rezension)

Richtig gut kochen mit maximal 6 Zutaten

MalletdeluxeFesttage sind immer auch eine Gelegenheit, zusammenzusitzen, etwas Leckeres auf den Tisch zu stellen und gemeinsam zu essen. Gerade an Weihnachten darf es auch mal etwas Anspruchsvolleres sein, nur: Der zu erwartende Aufwand lässt einen schon vor dem Fest innerlich schwitzen.

Dass es auch anders geht, zeigt der französische Koch Jean-François Mallet. Nachdem er schon mit „Das einfachste Kochbuch der Welt“ zeigte, dass kochen nicht aufwändig sein muss, legt er mit der deluxe-Version nach und beweist, dass auch Festtagsmenues mit einfachen Mitteln gekocht werden kann.

Im Buch finden sich Rezepte für Aperitifs, Vorspeisen, Hauptgänge sowie Käse & Desserts, darunter sind so lecker klingende Sachen wie Blätterteigpasteten mit Antipasti, Sardinen-Clementinen-Tarteletts, Trüffel-Crostini mit Olivenöl, Caesar Salad mit Langusten, Sesam-Scampi mit Romanesco, Käsesoufflees, Kalbsröllchen mit Steinpilzen, Lammkarree mit Minze und Apfeltarten mit Mandelschnitten – um nur einige zu nennen.

Die Rezepte sind wirklich simpel, die Bandbreite riesig und: Kein Rezept hat mehr als 6 Zutaten und die Zubereitung ist einfach und wenig zeitintensiv. Es ist für jeden Geldbeutel was dabei, man muss, um die Gerichte zu kochen, kein Meisterkoch sein und bei einigen Rezepten gibt es auch Alternativen, mit denen sich die Gerichte verändern lassen. Um sich im Buch zurechtzufinden, gibt es ein Register, das nach Kategorie geordnet ist, und ein zweites, welches die Gerichte nach ihren Hauptzutaten auflistet.

Einem Weihnachtsessen deluxe ohne Stress steht also nichts mehr im Weg.

Fazit:
Ein tolles Buch für alle, die gerne mal etwas Ausgefallenes kochen, dabei aber nicht stundenlang in der Küche stehen wollen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Edition Michael Fischer; Auflage: 1 (14. September 2017)
ISBN-NR: 978-3863557829
Preis: EUR: 24.99 ; CHF 38.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rainer Maria Rilke: Abschied

Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.
Wie weiß ich’s noch: ein dunkles, unverwund’nes,
grausames Etwas, das ein schön verbund’nes
noch einmal zeigt und hinhält und – zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
Das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
Zurückblieb, so als wären’s alle Frauen
Und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
Ein leise Weiterwinkendes -, schon kaum
Erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
Von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

Schon kehrt der Saft aus jener Allgemeinheit,
Die dunkel in den Wurzeln sich erneut,
Zurück ans Licht und speist die grüne Reinheit,
Die unter Rinden noch die Winde scheut.

Die Innenseite der Natur belebt sich,
Verheimlichend ein neues Freuet euch;
Und eines ganzen Jahres Jugend hebt sich,
Unkenntlich noch, ins starrende Gesträuch.

Des alten Nußbaums rühmliche Gestaltung
Füllt sich mit Zukunft, außen grau und kühl;
Doch junges Buschwerk zittert vor Verhaltung
Unter der kleinen Vögel Vorgefühl.

Ab und an fehlen eigene Worte. Es sind meist Zeiten, die weniger Worte bedürfen, weil das, was ist, gefühlt ist. In den Zeiten ist die Lyrik besonders wertvoll, denn was, wenn nicht sie, stiesse vor ins Herz und träfe den Punkt?

Thomas Mann schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg mal (sinngemäss) an Mascha Kaléko, sie solle weiterschreiben, denn Lyrik sei es, was die Menschen brauchen. Die beiden liegen mir sehr am Herzen, Rilke ist für mich der Stern am Himmel der Dichtung.

Drum möchte ich das Gedicht mit euch teilen. Es passt grad in mein Leben. Und bringt auch Hoffnung mit.

Das Jahr, das war – 2017

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, unter anderem immer auch Zeit, Bilanz zu ziehen. Ich habe mich dieses Jahr gefragt, ob ich einen Rückblick schreiben soll, denn erfreulich war das Jahr nicht. Ende 2016 dachte ich, das Jahr sei nicht zu toppen, 2017 könne nur besser werden. Ich hatte mich getäuscht. 2017 packte alles aus, was es gab. Ich kam psychisch und körperlich an und über meine Grenzen. Will man das jemandem zumuten oder nicht besser einfach still schweigend ins neue Jahr rutschen?

Das müsste man wohl tun. Den Schein wahren. So war ich nie. Und drum gibt es den Rückblick. Er wird nicht alles beinhalten, ich möchte versuchen, dem Positiven mehr Raum zu geben als dem Rest – und ja, so schlimm alles sein mag, es gibt immer auch das Schöne. Und: Es hilft, das zu sehen, gerade in dunklen Zeiten.

2017 war ein Jahr voller Brüche und Umbrüche. Das ist nicht neu, ich war noch nie linear unterwegs. Ich habe 2017 meine Gedichte als Buch herausgegeben, was schön war. Ich bin Teil des Lyrikkalenders von 2018, was auch eine schöne Sache ist. Gedichte sind für mich eine Form, das Leben zu zeigen, zu interpretieren, auch ins Bewusstsein zu rufen, die mir liegt. Ich mag die reduzierte Form, das Auf-den-Punkt-Bringen. Was zum nächsten Punkt führt: Ich kann nicht mehr lesen. Seit der Krebsdiagnose meines Vaters im Sommer sind die Phantasiewelten für mich nicht mehr betretbar. Als er noch im Spital war, reiste ich täglich über 4 Stunden insgesamt, um ihn zu sehen, den Ärztevisiten beizuwohnen, da zu sein. Nun ist er wieder zu Hause, aber die Geschichte wird im 2018 weiter gehen.

Zusammenfassend kann man sagen: Familiär ist 2017 mein ganzes Leben zusammengebrochen. Mehr ins Detail möchte ich nicht gehen. Die Auswirkungen werden an Weihnachten sichtbar sein: Es wird das erste Weihnachtsfest seit vielen Jahren sein, das ich ganz alleine verbringe. Bislang war ich bei meinen Eltern mit meinem Sohn, das wird dieses Jahr nicht möglich sein. Ich bin kein religiöser Mensch, es ist mehr eine Tradition, die dieses Jahr gebrochen wird.

Aufgrund all der Schwierigkeiten rundrum musste ich im Sommer diesen Jahres meine Tätigkeit als Yogalehrerin aufgeben. Ich hatte schlicht keine Kraft mehr. Zog mich ganz von der Matte zurück, da ich auch sonst körperlich angeschlagen war. Aber: Als das Lesen und auch der Yoga aufhörten, kam ich zum Zeichnen zurück. Es war das, was mir gut tat. Ich startete wieder mit Urban Sketching, zeichnete alles, was ich so rundrum unterwegs antraf, ging dann weiter. Ich startete das Projekt der Crazy Birds – jeden Tag entstand ein neuer schräger Vogel. Es hat Spass gemacht, es tat gut, es war ein Schritt in eine Richtung, die schon immer in mir schlummerte. Ich habe den Weg oft begonnen, bin dann anders abgebogen.

Vom Zeichnen kam bald wieder die Lust zum Malen. Und ich legte los, ein neues Projekt wurde geboren: Das tägliche Bild. Die Vögel werden nächstens enden, dafür startet etwas Neues da, das Bild möchte ich durch 2018 durchziehen. Ein grosses Vorhaben. Zwar sind die Bilder sehr klein (20×20), aber sie wollen täglich gemalt sein. Spannend ist, zu sehen, wohin mich die Bilder führen. In eine Richtung, die ich nie von mir gedacht hätte: Stillleben. Und ich erfahre täglich mehr über mich. Dafür bin ich dankbar, auch wenn die Erkenntnis nicht immer ganz ohne Frust zu haben ist. So ist das mit Innenschauen aber wohl oft.

Ich bin übrigens zurück auf der Yogamatte. Und es ist einfach nur schön. Auch in dem Bereich habe ich viel über mich gelernt. Vor allem lernte ich viel über meine falschen Ansprüche früher, die meist von so glänzenden und akrobatischen Videos im Netzt angestachelt worden waren – und auf meine Gesundheit gingen. Nach so vielen Jahren, in denen ich meinen Schülern immer erzählte, sie sollten das nicht tun – Theorie und Praxis. Ich freue mich, das nun besser umsetzen zu können. Vor allem freue ich mich, dass ich nächstes Jahr die leider abgebrochene Weiterbildung weiterführen darf, weil mein wirklich wunderbarer Lehrer grünes Licht gegeben hat.

Und so geht das Jahr zu Ende. Die nächste Woche wird noch den Turbulenzen des Alltags gewidmet sein, danach kehrt hoffentlich ein wenig Ruhe ein. Mein Leben wird sich zwischen Yogamatte, Staffelei, Zeichenstiften und geruhsamen Abenden mit guter Musik, einem Glas Wein und selbstgebackenen Häppchen, die ich illustrieren werde, abspielen. Das Negative versuche ich, so gut wie möglich auszublenden, möchte meinem Papa eine Stütze sein, hoffe für meinen Sohn weiterhin, dass er seinen Weg findet und geht. Und der Rest? Den wird 2018 dann zeigen.

Das war das Jahr, das war. Und noch ist. Es hatte seine schönen Seiten. Ich hoffe, es ist nicht vermessen, zu sagen: Ich hätte 2018 gerne ein paar schlechte weniger.

Kleine Deutung – Conrad Ferdinand Meyer: Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Conrad Meyer (1825 – 1898) hat dieses Gedicht 1882 verfasst. Sonst eher für seine melancholischen Gedichte bekannt, stimmt er hier eine positive Grundstimmung an. Das Gedicht gehört durch seine idealisierten Züge zur Epoche des Symbolismus.

Man sieht es vor sich, das kleine Segelschiff mit den zwei Segeln. Es tanzt auf den Wellen, Wind kommt auf, bläst eines der Segel auf und das zweite geht mit. In schneller Fahrt gleitet das Schiff nun dahin, die beiden Segel ziehen es zusammen in die gleiche Richtung, bestimmen zusammen das Tempo. Würde eines in eine andere Richtung ziehen, bestünde für das Schiff die Gefahr, zu kentern.

Das Gedicht nimmt den Inhalt in die Form auf. Es ist in einem regelmässigen Rhythmus geschrieben, drei Strophen mit je vier Versen, alle zweihebig mit Auftakt, nur der letzte Vers verzichtet auf denselben, wechselt den Rhythmus, so dass das Gedicht, das vorher den Segelschiffen gleich dahinglitt, auch formal zum Stehen kommt.

Das ist die eine, bildhafte Ebene, das, was dasteht. Darunter liegt aber natürlich eine zweite, eine, für welche die bildhafte Ebene als Metapher steht.

Wenn wir mit einem Menschen zusammen sein wollen, gilt es, sich diesen Segeln ähnlich zu verhalten. Nur wenn man in die gleiche Richtung schaut, das gleiche Ziel ansteuert, ergibt sich ein gemeinsamer Weg. Nur wenn einer auf den anderen Rücksicht nimmt, sich vom anderen berühren und mitziehen lässt, befindet man sich auf gemeinsamer Fahrt.

Vielleicht würde man gewisse Dinge alleine anders angehen, hätte auch mal andere Ziele, ist nicht immer einer Meinung – es hilft nichts: Wenn zwei auf Dauer in entgegengesetzte Richtungen steuern, verliert man das gemeinsame Ziel aus den Augen. So verlangt ein Miteinander immer mal wieder, nachzugeben, Kompromisse einzugehen. Es heisst, sich anzupassen, auch mal den Wind des anderen aufzunehmen und am gleichen Strick zu ziehen. Alles andere wäre ein Kräftezehren, ein ständiger Kampf und Wettbewerb, die schlussendlich das Beziehungsschiff zum Kentern bringen, weil sie das Ende der ruhigen Fahrt bedeuten würden.

Das heisst nicht, dass man sich selber aufgeben sollte. Jedes Segel steht trotz allem für sich und jedes Segel ist mal am Zug, die Richtung anzugeben, je nachdem, woher der Wind kommt. Das Schiff bewegt sich nur gut auf dem Wasser, wenn beide Segel für sich intakt sind, beide ihren Dienst fürs Ganze tun.