Die Tageswoche thematisiert heute das Thema Rassismus im Zusammenhang mit den sozialen Medien. Wieso da von halben Rassisten die Rede ist, verstehe ich allerdings nicht. Was genau soll ein halber Rassist sein? Kann man nur halbwegs rassistisch argumentieren? Und wie sähe das aus? Geht man davon aus, dass ein Mensch nie nur gut oder schlecht ist, nie nur zu verurteilende Züge hat, so stellt jeder Mensch ein Mischwesen dar. Trotzdem ist ein Mensch, der rassistisches Gedankengut vertritt ein ganzer Rassist, kein halber. Sonst gäbe es auch Teilschwangere (wobei es Teilzeitmütter gibt – in meinen Augen ebenfalls ein Definitionskonstrukt, das nicht aufgeht).
Soweit so gut. Der Artikel befindet, dass die sozialen Medien Rassisten eine Plattform geben, ihr Gedankengut unter die Menschen zu bringen. In Statusmeldungen bei Facebook oder Tweets in Twitter wird geschimpft, gepöbelt und diffamiert, frei von der Leber und meist unbehelligt. Der Skandal um den Kristallnachtstweet war eine Ausbahme, die Folgen hatte. Vieles andere bleibt ungeahndet. Wieso ist das so?
Ein Grund ist sicher die fehlende Kontrollinstanz. Wenn nicht Leser solcher Mitteilungen eingreifen und aktiv werden, rutschen die rassistischen Bemerkungen langsam in der Timeline nach unten und versanden. Vor dem Versanden haben sie sich allerdings in gleich denkenden Köpfen festgesetzt, diese wieder angeheizt und neue Meldungen produzieren lassen. Ein weiterer Grund ist wohl, dass soziale Medien Spasstummelplatz sind. Man tauscht sich locker flockig aus. Bringt einer eine kritische Meinung, ist er Spassbremse. Und niemand will das sein, was die Zurückhaltung grösser werden lässt. Zu Lasten derer, die unter die Räder kommen, weil sie und ihre Ehre und Integrität dem Spassfaktor geopfert werden. Schweigen, um dazuzugehören.
Die unkontrollierte und schnelle Verbreitung von Gedanken ist wohl der herausragende Faktor bei sozialen Medien. Man schart 100e von Freunden um sich, kennt die wenigsten, nimmt an, wer sich meldet und wird damit mit so vielen Meldungen pro Tag zugetextet, dass man selber gar nicht mehr alles fassen kann. Trotzdem durchlaufen fortan die Gedanken das Netz, teilweise ungelesen, oft auch gelesen. Und der, welcher sie schreibt, fühlt sich gehört, verstanden, akzeptiert in seinem rassistischen Gedankengut und macht weiter. Geduldet, weil niemand mehr die Zeit hat, überhaupt hinzusehen. Und wenn jemand es sieht, lässt er es stehen. Kritische Stimmen will man nicht hören, die sind öde.
Einfach ein Zeichen der Zeit? Darf in einer liberalen Gesellschaft, die durch solche Medien schneller, unmittelbarer wurde, jeder seine Meinung frei von Einschränkungen in die Welt twittern? Sind die Schranken von Rassismus und Diskriminierung dem Spassfaktor unterworfen worden? Greift das Argument, keine Zeit zur Prüfung aller Freunde zu haben, wirklich? Wäre es nicht Pflicht, hinzusehen? Zu agieren? Einzustehen für Recht und Gerechtigkeit? Auch in solchen Medien? Gerade da?
Entdecke mehr von Denkzeiten - Philosophie in Theorie und Praxis
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.