#abcdeslesens – W wie William Wordsworth

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der englischen Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. William Wordsworth liebte es, zu wandern, sei es in Schottland, Irland, im Süden Englands, oder aber auch in Italien, Frankreich oder der Schweiz: Der englische Dichter durchstreifte die Natur und nahm diese mit allen Sinnen in sich auf. Dies alles floss dann in seine Gedichte, welche meistens draussen verfasst wurden.

‘A whirl-blast from behind the hill’

A whirl-blast from behind the hill
Rushed o’er the wood with startling sound;
Then – all at once the air was still,
And showers of hailstones pattered round.
Where leafless oaks towered high above,
I sat within an undergrove
of tallest hollies, tall and green;
A fairer bower was never seen.
From year to year the spacious floor
With withered leaves is covered o’er,
And all the year the bower is green.
But see! wher’er the hailstones drop
The withered leaves all skip and hop;
There’s not a breeze – no breath of air –
Yet here, and there, and every where
Along the floor, beneath the shade
By those embowering hollies made
The leaves in myriads jump and spring,
As if with pipes and music rare
Some Robin Good-fellow where there,
And all those leaves in festive glee
Were dancing to the minstrelsy.[1]

Wordsworth sah in der Natur einen Ort, in welcher der Mensch in sich hineinhorchen kann, wo er dem Lärm der immer weiter anwachsenden Städten entgehen kann. Er selber genoss die Abwesenheit anderer Menschen, die Abwesenheit von Lärm und Hektik.

In Wordsworths Zeit kam gerade der Blankvers (fünfhebiger Jambus mit weiblicher oder männlicher Kadenz, reimlos) auf, welchen der englische Dichter oft benutzte. Der Rhythmus desselben nahm den des Gehens auf und liess darin die Gedanken entstehen, die dann in Verse gegossen wurden.

Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

“Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802

Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”[2]

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.


[1] Deutsche Übersetzung:

‘Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang’

Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang,
daß es ein Brausen in den Wipfeln gab,
doch dann hielt plötzlich er den Atem an,
es folgt ein Prasseln von des Hagels Schlag.

Dort, wo die Eichen kahl vorm Himmel stehn,
im Unterholz ich ließ mir’s wohlergehn:
Stechpalmen, hoch gewachsen, grün und dicht,
dort bildeten ein Dach, zu schützen mich,
und weit im Umkreis liegen da die toten
braunen Stachelblätter auf dem Boden,
denn auch der Hülsen Immergrün erneuert sich.

Doch schau! Wohin auch falln des Schauers eis’ge Tropfen,
nicht nur die Hagelkörner, auch die dürren Blätter hopsen!
Im Schattenraum der Hülsen weht kein einz’ges Lüftchen,
doch in Myriaden rings die welken Blätter hüpfen,
als ob ein schelmisch guter Geist spielt’ auf dem Dudelsack
und allesamt sie mit Musik zum Tanz verzaubert hat.

[2] Eine deutsche Übersetzung:

«Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!»

William Wordsworth (7. April 1770 – 23. April 1850)

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802
Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.

Hier noch eine deutsche Übersetzung:

Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!“