Angeregt durch die Schweizer Autorin Milena Moser machte ich heute eine Schreibübung. 45 Minuten schreiben ohne nachzudenken, ohne Korrektur, ohne Plan, Konzept oder anderen leitenden Vorstellungen. Das Resultat war folgendes (immer noch unkorrigiert – die Korrektorin in mir schreit laut -, immer noch unlektoriert – die Lektorin in mir sieht viel Verbesserungswürdiges):

 

Der Wecker, also eigentlich das iPhone, fing zu singen an. Eigentlich war es nicht mal das iPhone, sondern Shirley Bassey, die Suddenly sang. Und genau so suddenly war ich wach, zumindest in der Vorstufe von wach, in der ich mich jeden Morgen fragte, ob ich mich nicht einfach nochmals umdrehen könnte, weiter schlafen. Ich machte mir diese Gedanken täglich und wusste immer schon beim Denken, dass ich beim letzten Wort des Gedankens aufstehen würde und den Tag starten. Im immer selben Morgentrott würde ich ins Bad laufen – wobei laufen noch sehr übertrieben war, schlurfen träfe es besser und mangels wirklich wachem Blick war es wohl sogar eher ein Tasten.

Jeder Tag war gleich. Nach der Badroutine folgte der Gang zur Kaffeemaschine, mit einem Kaffee ginge ich weiter, setzte mich mit Buch, Notizbuch oder Computer (wenigstens da schien eine kleine Variation möglich) hin und fing zu lesen oder schreiben an.

Das klingt nach Klage, ist es aber nicht, ich will es so. Gefragt nach meinem Wunschleben, wäre es genau das: schreiben, lesen, schreiben, lesen. Und doch überkommt mich immer wieder der Zweifel, ob das wirklich alles sein könne. Ich schimpfe mit mir, dass das kein normales Leben sei, man doch etwas Anständiges, etwas Sinnvolles tun müsse, wie Leben retten, in Kriegsgebiete gehen und den armen Kindern helfen. Ich las nicht mal die Zeitung, um zu wissen, was mit diesen armen Kindern passierte. Ich war nicht informiert über den Gang der Welt.

Am Schlimmsten waren die Selbstzweifel, wenn ich gefragt wurde, was ich denn täte. „Schreiben.“ Der Blick darauf war immer derselbe, gefolgt von Schweigen, dann von der Frage: „Kann man davon leben?“ Ich hasse die Frage nach meinen Tun, weil alle daraus ableiten, wer ich bin. Und ich bin niemand, wenn ich nichts tue, wovon denken, dass ich es tun sollte, weil man schliesslich täte, was sie als tunwert erachten.

Letzthin fragte mich wieder jemand, ob ich davon leben könne und ich antwortete nur, dass ich bislang nicht verhungert sei, er mir aber gerne ein Fresspaket schicken könne, wenn er sich sorge. Darauf war Stille. Es kam noch ein halbherziger Versuch seinerseits, man könne ja mal essen gehen, worauf ich keine Lust hatte, was ich aber nicht sagte, nagte doch in mir die nach aussen abgeschmetterte Frage: „Was machst du?“

Dabei interessiert kaum je, was man wirklich tut oder gerne tut, meist nur, womit man Geld verdient und davon bitte viel, da man nur damit jemand ist in dieser Welt. Es gibt zwar immer mehr Gegenbewegungen, die auf Sein statt Haben setzten. Von Revolution und Umdenken ist die Rede. Die Parolen werden in die Welt geschrien, als ob die Lautstärke für mehr Wahrheit stünde.

Vielleicht hatten ja alle recht. Suddenly kam mir diese Eingebung. Ich sollte etwas Richtiges tun, etwas Weltbewegendes. Ich könnte nochmals studieren, dieses Mal etwas sinnvolles, nicht brotlose Kunst, bei der mich jeder fragt, was man damit mal anfangen könnte, was ich denn mal sein möchte, wenn ich denn endlich mal fertig sei mit dem Studium. So ein Studium, das taugt, Juristerei zum Beispiel. Später würde ich als Anwalt all die armen Menschen vertreten, denen Unrecht geschehen ist, wobei die, wenn sie arm sind, nicht zahlen könnten. Wovon sollte ich dann leben? Vermutlich würde mich das dann aber keiner mehr fragen. Zudem wollte ich gar nicht mehr studieren, eigentlich war ich doch einfach nur so unsäglich müde von allem. Müde vom ständigen mich fragen, was ich überhaupt tun soll, damit ich die Fragen beantworten könnte danach, was ich denn täte, ohne ständig zu denken, dass die nun denken, was ich eigentlich täte und mir dabei dächte, dass das gar nicht – so wirklich überhaupt nicht – ginge, was ich tat. Das tat man nicht, schon gar nicht als Beruf.

Die Gedanken waren nicht wirklich dazu gut, wacher zu werden, und ich verfluchte Shirley Bassey, dass sie mich in den Tag gesungen hatte. Ich verfluchte mich, dass ich sie nicht einfach mal ignorieren konnte, und ich verfluchte die Welt, die mir solche Fragen stellte, auf die ich keine Antworten hatte, zumindest keine, die sie hörten wollte, keine, die mich in ihren Augen cool machten, zu einem Gewinner.

Ich war immer noch müde, aber es half nichts, ich musste nun starten als die, die ich war, mit dem, was ich tat, weil es das einzige war, was ich tun konnte. Ich klappte den Computer auf, das weisse Blatte leuchtete mir schon erwartungsvoll entgegen, es schrie förmlich: „Beschreib mich!“ Und ich fing zu schreiben an:

 

[…hier stand ein Text einer Romanidee, die ich wirklich noch verfolge, drum löschte ich die hier nun… man darf gespannt sein, vielleicht gibt es das mal als Buch…who knows 😉]

 

Und ich wollte schreiben? Wenn mir nur solcher Mist in den Sinn kommt? Das ging ja wirklich nicht. Ich sollte doch mal ernsthaft über die Bücher und überlegen, was es sonst noch gäbe. Ich könnte zur Polizei – Freund und Helfer werden. Vielleicht erhielte ich da auch Ideen für einen Krimi. Oder ich ginge nach Afrika und hälfe (was ist eigentlich der Konjunktiv von helfen? Hülfe? Nein, hälfe, wobei das alles fürchterlich klingt, aber es muss wohl nicht schön klingen, es muss nur korrekt sein. Ich war mir immer noch nicht sicher). Vielleicht lernte ich in Afrika auch endlich den Mann meiner Träume kennen und suddenly wäre mein Leben aus den Angeln gehoben und aus der ideenlosen Schreibtante wäre eine Menschenretterin mit Traummann an ihrer Seite geworden. Ich könnte über die Geschichte ein Buch schreiben und es würde verfilmt mit Julia Roberts in der Hauptrolle. Nicht, dass ich so aussehe wie sie, aber wenn ich schon träume….

 

Oft fragt man sich im Leben, wenn einem Schlechtes widerfährt, womit man das verdient hat. Was hat man getan, um so bestraft zu werden? Wieso trifft es einen und keinen anderen – wobei man es niemandem wünschen würde, nur nicht selber haben möchte. Ab und an fragt man sich auch in schönen Momenten, wie man sie verdient habe. Womit den tollen Mann, womit die Glücksmomente. Und nie kriegt man eine Antwort.

Man ist wohl eher bereit, das Gute als verdient anzusehen als das Schlechte, denkt wohl eher, dass dieses angebracht ist. Das Schlechte würde man lieber von sich weisen, sieht es als Irrtum, als ungerecht, als Fehler im (Lebens-)System. 

Die Frage nach dem Warum entspringt der menschlichen Suche nach Sinn im Leben. Alles muss einen Sinn ergeben, denn nur so ist es logisch nachvollziehbar. Mit dem Verstand nicht Erfassbares ist schwer einzuordnen, es kann auch Angst machen, da man es nicht unter Kontrolle hat. Man weiss nicht, wie einem geschieht, kann nichts dagegen tun, wenig dafür. Doch wer sagt, dass die Dinge wirklich Sinn ergeben müssen? Wer sagt, dass das Leben sinnvoll ist, hinter dem Leben ein tieferer Sinn steht? 

Haben wir das Leben verdient? Wir sind quasi reingeworfen worden. Ein kurzer Moment des Spasses, eine zufällige siegreiche Vereinigung von Zellen und daraus entstand das, was wir „Ich“ nennen, was wir als unseren Körper, unser Sein begreifen. Wenn wir das Leben an sich nicht verdient haben, wie sollen wir das, was in ihm passiert verdienen? Ist es nicht genauso Zufall wie alles andere? Sinn des Lebens an sich ist allgemein das Überleben. Evolutionär kommt es zu einer natürlichen Selektion aufgrund verschiedener Kriterien. Das, was bleibt, überlebt, der Rest geht unter. 

Der Mensch will mehr als bloss zu überleben. Er will Glück, will alles, was gut ist, was richtig ist. Den Rest möchte er ausklammern, da er ihm sinnlos erscheint. Und was sinnlos ist, scheint wertlos. Und wenn man nicht mal einen Grund dafür erkennen kann, wieso man sich damit rumschlagen soll, dann hat man es schlicht nicht verdient. Trotzdem ist es da und man muss sich wohl damit abfinden, dass das Leben nie eigener Verdienst ist. Einiges hat man in der Hand (oder glaubt das zumindest), anderes fällt einen aus heiterem Himmel an, ob gut oder schlecht. Aufgabe im Leben ist es, damit umzugehen, Dankbarkeit für all das Gute zu empfinden und Gelassenheit und Mut, das Schlechte zu tragen.