Tagesgedanken: Trost der Lyrik

Als ich während meiner Dissertation viel Literatur und Zeugnisse von Überlebenden des Holocaust gelesen habe, stiess ich immer wieder auf Aussagen, dass sie in der Lyrik, in der Literatur Halt und Trost gefunden hätten in diesen grausamen und menschenunwürdigen Zeiten. Beim Lesen von Hannah Arendts Biografie stiess ich auf diese eindrückliche und bewegende Geschichte:

Hannah Arendt und Heinrich Blücher mussten während des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland fliehen und sie gingen nach Frankreich. Als die Deutschen Besatzungen Frankreich besetzten, war das Leben auch da nicht mehr sicher. Eines Tages kam der Befehl für Heinrich Blücher, er müsse, wie viele der Flüchtlinge damals, in ein Lager. Heinrich Blücher nahm ein Gedicht von Bertolt Brecht mit auf den Weg, es sollte sein Talisman sein. Das Gedicht hatte da schon eine lange Reise hinter sich: Walter Benjamin hatte es von einem Besuch bei Brecht aus Dänemark mitgebracht und Blüchers übergeben. Hannah Arendt lernte das Gedicht auswendig und gab das gedruckte Exemplar Blücher mit. Für Blücher enthielten diese Zeilen eine persönliche Botschaft, sie versprachen Hoffnung und gaben ihm Halt.

Blücher sprach dem Gedicht magische Kräfte zu, indem er dachte, dass er die als Freunde erkennen würde, die dieses Gedicht verstehen. Bei dem Gedicht handelte es sich um Brechts „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. Es brachte Heinrich Blücher nicht nur Gleichgesinnte und Kameradschaften, es hatte generell grosse Wirkung im Lager und wurde für viele ein Rettungsanker in der Hoffnungslosigkeit. Besonders eine Stelle mag gewirkt haben:

…dass das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“

Es bringt wenig Gutes, im Angesicht von Problemen hart zu werden, die harten Bandagen sind selten das geeignete Mittel für eine gute Veränderung. Aus diesen Zeilen spricht die Hoffnung, dass im Zarten und Weichen die Lösung liegt, wir müssen diesem nur genug Raum und Zeit geben – und darauf vertrauen.