#abcdeslesens – S wie Theodor Storm

Schaut man den heutigen Deutschunterricht an, finden sich da vor allem Storms Novellen, seine Gedichte sind kaum erwähnt. Das mutet komisch an, sah sich Storm selber doch vor allem als Lyriker und hatte als ebensolcher auch Verehrer: Thomas Mann lobte die Kraft der «Lebens- und Empfindungsaussagen», welche Storm in einfache Formen giesse, Fontane, Verspotter von Storms Prosa, nannte ihn einen der besten Dichter nach Goethe und Georg Lukács schloss sich dem Lob an.

Ausgangspunkt von Storms Gedichten, so seine eigene Aussage, ist immer das Ereignis. Es geht ihm dabei um Empfindungen, um das aktuelle Erleben und nicht einfach um personifizierte Bilder. Damit ist er in guter Gesellschaft, nannte doch auch Goethe «Gelegenheiten», aktuelles Erleben den Anstoss zu seinen Gedichten. Inspiriert haben ihn dabei sicher Eichendorff und Mörike.

Dahin!

Wie in stille Kammer
Heller Sonnenschein,
Schaut in stille Herzen
Mild die Lieb herein.

Kurz nur weilet die Sonne,
Schatten brechen herein,
Ach, wie so schnell entschwinden
Liebe und Sonnenschein.

Zentrale Motive seiner Gedichte sind die Natur, die Liebe und der Tod. Dabei wählt er oft eine einfache Sprache, ebensolche Metrik und Reimformen. Dies sollte allerdings nicht dazu führen, seine Lyrik abzuwerten oder gar als seicht zu sehen. Oft zeigen sich wahre Grösse und Können gerade in den einfachen Mitteln.

Nachts

Sternenschimmer, Schlummerleuchten
Hat nun rings die Welt umfangen;
Eingewiegt in tiefen Frieden
Schläft der Menschen Hast und Bangen.

Nur die seligen Engel wachen,
Leise durch den Himmel schwebend,
Alle, die hier unten schieden,
An die reinen Herzen hebend.

Und mir ist, als müßt ich einstens
Nach der letzten Not auf Erden
Tief befriedet, kinderselig
So von dir getragen werden.

Die Liebe, die Storm so oft in seinen Gedichten thematisierte, war natürlich auch in seinem Leben präsent. Die erste Verlobung endete allerdings bald, die Verlobte sprang ab. Der zweite Heiratsantrag war ebenfalls unglücklich, die von ihm Angebetete lehnte ab. Dass er sich schon als 19 Jähriger in die zu dem Zeitpunkt 10 Jährige verliebt hatte, wirft ein zwiespältiges Licht auf den Heiratswilligen. Ich will hier nicht weiter auf die Pädophilie-Vorwürfe eingehen, es gibt dazu eine Biografie, die dieses Thema beleuchtet. Schlussendlich heiratet Storm seine Cousine und hat mit ihr in der Folge 7 Kinder. Dass seine Frau nach der Geburts des siebten Kindes starb, stürzte Storm in tiefe Trauer.

Auf Wiedersehen

Das Mädchen spricht:

Auf Wiedersehn! Das ist ein trüglich Wort! –
O reiß dich nicht von meinem warmen Herzen!
Auf Wiedersehn! Das spricht von Seligkeit
Und bringt mir doch so tausend bittre Schmerzen.

Auf Wiedersehn! Das Wort ist für den Tod! –
Weißt du, wie über uns die Sterne stehen!
Noch schlägt mein Herz, und meine Lippe glüht –
Mein süßer Freund, ich will dich immer sehen.

Du schwurst mir ja, mein Aug bezaubre dich;
Schaut ich dich an, so könntst du nimmer gehen!
Mein bist du ja! – Erst wenn mein Auge bricht,
Dann küß mich sanft und sprich: Auf Wiedersehen!

Die Trauer währte allerdings nicht lange, schon ein Jahr später heiratete Theodor Storm erneut. Fast möchte man sagen, zum Glück, wären doch sonst wohl keine Liebeserlebnisse mehr Pate gestanden für seine wunderbaren Liebesgedichte.

Schließe mir die Augen beide

Schließe mir die Augen beide
mit den lieben Händen zu!
Geht doch alles, was ich leide,
unter deiner Hand zur Ruh.

Und wie leise sich der Schmerz
Well’ um Welle schlafen leget,
wie der letzte Schlag sich reget,
füllest du mein ganzes Herz.

Oder auch dieses:

Wer je gelebt in Liebesarmen

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müßt er sterben fern, allein,
Er fühlte noch die selge Stunde,
Wo er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

Theodor Storm war aber nicht nur für seine Liebesgedichte bekannt, er drückte auch seine Liebe zu seiner Heimat Husum in immer wieder wunderbaren Gedichten aus:

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn’ Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storm starb 1888 im Alter von 71 Jahren an Krebs. Erst kurz zuvor hat er noch sein wohl bekanntestes Werk, «Der Schimmelreiter», fertiggestellt. Er hinterlässt ein Werk, das in meinen Augen viel zu gering geschätzt wird, vor allem, was seine Lyrik betrifft.

Trost

So komme, was da kommen mag!
So lang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,
Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,
Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

Theodor Storm: Wohin du gehst, wohin du irrst

Notwendige feine Gedichte

StormWohinSo betitelt und untertitelt kommt dieser kleine, aber feine Gedichtband daher. Kannte ich aus Schulzeiten nur den Schimmelreiter und die ach so norddeutschen Novellen, entdeckte ich den Lyriker Storm erst spät. Das bedaure ich sehr, bin aber froh, dass es nicht zu spät war, ich ihn entdeckte. Eine wunderbar klare Sicht aufs Leben, so viel Herz und Verstand.

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müsst’ er sterben, fern, allein,
Er fühlte noch die selge Stunde,
Da er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

Ein wunderbares Buch voller Gefühl, voller Poesie, voller Leben und aus dem Leben.

Was mich sehr traurig stimmt – und da kommt nun eine Kritik in eine Rezension, die nicht dem Inhalt des Buches, sondern der heutigen Zeit gilt: Lyrik wird zu gering geschätzt. Lyrik trägt so viel an Leben, an Philosophie, an Gefühl. Sie regt zum Denken an, lädt zum Innehalten ein, kann Halt in schweren Stunden sein oder Begleiter in den leichten.

Wir haben hier ein gebundenes Buch. Für 6 Euro. 9.90 CHF. Jeder seichte Krimi ist teurer. Und der wird nie nachhallen. Er ist Unterhaltung und dafür toll, ich las viele davon und möchte sie nicht schlecht reden. Nur: Wo bleiben unsere Werte? Dies ein kurzer Exkurs einer Lyrik-Liebhaberin.

Fazit:
Ein kleiner, feiner, tiefgründiger, gefühlvoller Gedichtband. Lyrik, die berührt. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor und den Mitwirkenden
Theodor Storm wurde 1817 in Husum geboren und studierte Jura in Kiel und Berlin. Anschließend ließ er sich als Rechtsanwalt in seiner Heimatstadt nieder. Neben seinem Beruf widmete er sich jedoch leidenschaftlich seinem eigenen literarischen Schaffen: Er schrieb Gedichte, Märchen und Novellen. Im Jahr 1888 verfassteStorm sein letztes und erfolgreichstes Werk: die Novelle ‚Der Schimmelreiter‘. Noch im gleichen Jahr erlag er einer schweren Erkrankung und starb am 4. Juli.

Prof. Dr. Gerd Eversberg war 22 Jahre lang Sekretär der Theodor-Storm-Gesellschaft in Husum. Er studierte Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Köln und leitet seit 1989 das Theodor- Storm-Zentrum mit Archiv und Museum in Husum. Er war Herausgeber der Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft, der Editionen aus dem Storm-Haus und der Storm-Briefwechsel. Neben seinen Arbeiten zur Literatur des poetischen Realismus und zur Mediengeschichte veröffentlichte er Beiträge zur „Fachdidaktik Deutsch“ und zum Philosophieunterricht sowie zur Ausstellungsdidaktik und zur Kulturgeschichte Nordfrieslands. Seit 2011 lehrt er als Honorarprofessor am Seminar für deutsche Philologie der Georg-August-Universität in Göttingen.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg; Auflage: 1 (18. August 2017)
ISBN-Nr: 978-3737410526
Preis: EUR 6/ CHF 9.90
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