Der Halt im Leben

Man ist Kind, wächst auf unter der Obhut der Eltern. Zwar findet man nie alles toll, was die tun, findet vieles sogar ungerecht, falsch, zu streng, völlig daneben. Und doch sind sie ein sicherer Hafen (im guten Fall), ein Halt, ein Auffangnetz.

Irgendwann setzt die Pubertät ein. Man strampelt sich frei, rebelliert, setzt sich gegen die Eltern, steht auf, will eigene Wege gehen. Und doch sind sie im Ernstfall immer noch da (im besten Fall) und sind Halt, Stütze, Zuhause. Der sichere Wert, auf den man bauen kann.

Man wird erwachsen, zieht aus, geht wirklich eigene Wege. Die Eltern bleiben da. Auf Distanz, mal mehr, mal weniger, sie sind ein fester Bestandteil des Lebens. Sogar wenn man verkracht ist, sind sie ein Orientierungspunkt. Entweder will man sein wie sie oder gerade anders. Immer aber sind sie der Punkt, der ein sicherer Wert ist. Man fühlt sich nie verloren.

Beziehungen kommen, sie gehen. Die zu den Eltern bleibt. Ob gut oder schlecht, sie ist da. Was wäre man ohne Eltern? Haltlos? Man suchte wohl einen anderen Halt. Menschen brauchen irgendwo einen, sonst fühlten sie sich haltlos, würden ungehalten, gerieten in die Gefahr, zu fallen. Manchmal empfindet man den Halt als einengend, zürnt, hadert. Denkt, er schränke einen zu stark ein, man möchte ihn los sein. Doch wenn es hart auf hart kommt, wie froh ist man dann um ihn?

Wann wird man erwachsen? Wann kann man diesen Halt ablegen? Was, wenn er einfach entzogen wird? Wenn es von einem Tag auf den anderen heisst: Dein Platz hier ist nun weg. Wir geben ihn auf? Wir lieben dich, aber da ist einfach kein Platz mehr? Früher hatte man immer im Hinterkopf: Wenn alle Stricke reissen, da ist noch ein Platz, ich stehe nie im Schilf. Und dann ist der weg. Anderes war wichtiger (zurecht, es ist ihr Leben – oder sind Eltern ein Leben lang dazu da, ihre flügge gewordenen Kinder zu halten?), man musste sich entscheiden.

Der Verstand sagt: Alles gut, es war richtig und ich habe kein Recht, etwas anderes zu sagen. Das Herz blutet. Die Seele wankt. Alt genug bin ich. Etwas verlangt habe ich nie. Von niemandem. Ich bin so doof. Vielleicht gehofft… und vertraut. Und ein ums andere Mal gemerkt: Wenn es hart auf hart kommt, ist sich selber jeder der Nächste. Wieso also auf andere bauen? Kann man das?