Tagesgedanken: Von Zahlen und Menschen

Das war meine Lektüre der letzten Tage. Ich muss gestehen, sie fiel mir nicht leicht und sie brachte mir keine gute Laune. Auf der einen Seite waren es schlicht viele Zahlen, Tabellen, Diagramme, technischen Fakten, auf der anderen Seite zeigten die Inhalte auf Missstände der heutigen Welt, die so vor Augen zu haben, bedrückten. Was ich schon lange dachte, nämlich, dass wir unser ganzes Leben der Wirtschaft unterordnen, dass demokratische Werte den ökonomischen geopfert werden, dass Mitmenschlichkeit gegen Profit verliert, wird in diesen Büchern durch den klaren Blick auf die globalen Zustände und die Mechanismen, die dahin geführt haben, offensichtlich.

Die Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird grösser, Armut ist ein Problem, das moralisch kaum mehr zu vertreten ist, wirtschaftlich aber weiter gepflegt wird, während die Reichen mit ihrem Reichtum zusätzlich einen Grossteil der ökologischen Sünden verursachen, unter welchem dann mehrheitlich die Ärmsten auf der Welt leiden. Und wir sitzen zu Hause im bequemen Sofa und wollen es offensichtlich so haben. Wir würden schon etwas ändern, wenn die Anderen in der Pflicht wären, aber mit uns hat das nichts zu tun. Dabei gäbe es Lösungen. Machbare.

Man weiss, dass ab einer gewissen Grösse des Einkommens/Besitzes das Glück nicht mehr zunimmt. Nehmen wir einen Millionär mit einem Vermögen von 100 Millionen. Er hat mit einem Bruchteil dieser Millionen zu tun, er braucht sie nicht alle. Er hat sie und definiert sich durch dieses Haben. Hätte er – sagen wir – nur 50, lebte er noch genauso wie jetzt. Und wenn es vielleicht eine Yacht weniger wäre – ich denke nicht, dass er massiv unglücklicher wäre. Wieso also keine progressive Steuer auf diese hohen Vermögen? Wieso keine Umverteilung von denen, denen es nicht weh tut, zu denen, denen das Nichthaben grosse Schmerzen bereitet? Darauf habe ich leider keine Antwort. Und genau das treibt mich um, da ich verstehen möchte. Immer. Ich bleibe dran (allerdings lieber wieder mehr philosophisch, weniger ökonomisch).

Geld regiert die Welt

Man denke sich ein Land, das niedrigere Steuern hat als die meisten der umliegenden Länder. Dazu ist es ein nettes kleines Ländchen, idyllisch gelegen und sauber aufgeräumt. Es bietet gewissen Komfort für die, welche sich diesen leisten können, dass es auch viele andere hat, die kaum überleben mit dem, was sie verdienen, wollen wir mal aussen vor lassen, das ist nun nicht Thema und passt nicht ins Konzept.

Nun denkt sich doch so mancher kluge Kopf, vor allem, wenn er noch ein paar Konten hat, die gut gefüllt sind und Umsätze macht, die ein paar Nullen am hinteren Ende aufweisen, dass er das Geld nicht abgeben, sondern behalten möchte. Wäre da nicht dieser üble Fiskus, der einem die Spass an der Freud verdirbt und immer was vom Kuchen abhaben will. Je nach Land eher viel. Doch der kluge Kopf ist ja nicht umsonst klug, er kennt dieses nette kleine Land, er zieht um. Nun ist er nicht einfach ein kluger Kopf, sondern der kluge Kopf einer Firma, die er mit umzieht. Dadurch, dass diese Firma nun im kleinen Ländle sitzt, zahlt sie viel weniger Steuern als sie im Ursprungsland und in vielen anderen Ländern gezahlt hätte. So weit so gut. Man könnte fast sagen, dass sie nun glücklich bis ans Lebensende leben und das eingesparte Geld in grossen Schlucken aus den aufgetischten Champagnergläsern trinken.

Doch weit gefehlt. Nun hat man zwar was eingespart. Der Sieg macht ein oder zwei Jahre glücklich. Dann fängt man an, nach links und rechts zu schauen und sieht: Ja hallo, die Firmen, die hier ihren Ursprung haben, zahlen weniger Steuern als wir. Wir armen Zugezogenen werden quasi geschröpft. Das geht ja gar nicht, dass die in diesem Land eine solche Ungleichbesteuerung befürworten. Wir könnten noch viel mehr an Steuern einsparen, wenn wir wie die behandelt würden. Dienst am Land und andere ethischen Überlegungen sind egal, dass jede Steuerersparnis dieser Firma die Steuerkasse des Staates schwächen würde, damit den Schwächsten der Gesellschaft, die wir ja nicht erwähnen wollten, noch mehr genommen würde, bleibt ebenfalls aussen vor. Das ist ist nur idealistisches Geschwafel, das interessiert an dieser Stelle nicht. Auch die hier genutzte Infrastruktur, die ja auch den Firmen zugute kommt und deren klugen Köpfen dienlich ist, soll das Land doch bitte selber finanzieren. Darauf kann man keine Rücksicht nehmen, zumal man ja am längeren Hebel sitzt argumentationstechnisch.

Die klugen Köpfe der zum Zwecke der Steuerersparnis eingereisten Firmen überlegen sich, was sie tun könnten, um diesen Umstand zu ändern. Und merken natürlich sehr schnell, dass kein Mittel so gut wirkt, wie Drohungen. Wenn wir diesem Land drohen, dass wir wieder gehen, wenn sie unsere Forderungen nicht erfüllen, werden die schnell einlenken. Dann verlassen wir sie nämlich mit wehenden Fahnen und sie verlieren sämtliche Steuereinnahmen (und ein paar Arbeitsplätze) und nicht nur den Teil, den wir einsparen könnten, wenn wir unsere Forderungen durchbringen.

Nun hat das Argument durchaus etwas für sich, rein rechnerisch geht es auf. Das sieht natürlich auch der Wirtschaftsverband dieses kleinen Landes und hält schnell Vorträge, die den Firmen nach dem Munde reden. Gebügelt und krawattet sitzen sie da, reden davon, dass die Schweiz sich das leisten kann, leisten muss. Sind ja nur ein paar Milliarden (dass am Anfang der Gespräche um die Unternehmenssteuerreform „nur“ von Millionen die Rede war, ignorieren wir hier). Für einen guten Zweck quasi. Wir müssen uns so verhalten, wie die anderen das wollen, sonst haben sie uns nicht mehr gern. Das haben sie eh schon nicht, nur wenn sie Steuern sparen können. Und davon wollen sie noch mehr haben, sonst entziehen sie uns das letzte Bisschen Liebe.

Und das Ende der Geschicht’? Die Vortragenden werden gut entlöhnt von den klugen Köpfen der Drohenden, weil sie die Sache unter Dach und Fach gebracht haben. Und so werden immerhin die glücklich und zufrieden leben, bis dass der Tod sie scheidet. Ethik und Moral ignorieren wir mal schön weiter. Die zählen in dieser Geschichte nicht, da alle, die darauf  pochen entweder idealisierende Ignoranten der tatsächlichen harten Realität und Wirtschaft sind oder aber unvermögende Neider.

Bildung und andere Übel

Die Stadt Zürich hat ein Musikprojekt. Es gibt Bläser- und Streicherklassen. Das heisst, einige 4.- und 5.-Klässler kommen in den Genuss, ein Instrument zu spielen im Musikunterricht der Schule, das passende Instrument kriegen sie geliehen. Für die dem Projekt angeschlossenen Kinder ist das Ganze gratis. Den Steuerzahler kostet das pro Klasse und Jahr 20’000 Franken. Ausgeschrieben: Zwanzigtausend. Und es sind einige Klassen in Zürich, die Zahl habe ich leider vergessen, ich war wohl zu geschockt über die 20’000 pro Klasse und Jahr und spann meine Gedanken über die Sinnhaftigkeit des Unterfangens.

Ich höre schon die entsetzten Aufschreie, wieso ich ein so toll kulturelles, musisches Angebot in Frage stelle. Das hat Gründe. Am Elternabend, an welchem diese Zahl genannt wurde, kriegten die anwesenden Eltern nach einer ausführlichen Laufbahninformation der extra engagierten Musiklehrerinnen auch zu hören, dass dies vor allem für finanzschwache Familien toll wäre, da ihre Kinder so in den Genuss des Instrumentalunterrichts kämen. Das fand ich toll. Weniger toll fand ich aber, dass das Projekt nur 2 Jahre dauert, danach ist kein gratis Unterricht mehr da für die finanzschwachen Familien, und dass die Lehrerinnen sagten, nach diesen zwei Jahren könne kein Kind das gespielte Instrument spielen, der Schulunterricht ersetze sowieso den Einzelunterricht nicht. Also was nun? Da setzt also die Stadt Bildungsgelder für  Instrumentalunterricht ein, der a) nichts bringt und b) auf Scheinargumenten gründet?

Ich habe noch im Ohr, dass es immer hiess, wir sparen bei der Bildung. Und immer regte ich mich darüber auf. Und dann sowas? Wäre es nicht sinnvoller, wirklich interessierten Kindern Musikunterricht mitzufinanzieren, statt einer Horde ein paar Geigen in die Hand zu drücken, auf welchen sie dann mehr schlecht als recht rumzupfen (nicht alle dürfen streichen, was wohl zum Schutz der hörenden Gesellschaft gedacht ist).

Heute las ich, dass die Stadt Zürich viele Sportvereine unterstützt und so begeisterten Jugendlichen die Möglichkeit gibt, gratis oder gegen kleines Entgelt einer Sportart nachzukommen. Eine tolle Sache, denn hier werden die unterstützt, die wirklich etwas tun wollen. Wenn man sieht, was das Leben mit Kind heute kostet, da jedes ein Hobby mindestens, besser zwei oder drei braucht und alles kostet, dann ist das eine sehr tolle Sache.

Nun möchte ich mir nicht den Vorwurf gefallen lassen, ich bevorzuge Sport gegenüber musischen und künstlerischen Dingen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich denke aber, dass man Kinder da unterstützen sollte, wo ihre Stärken und Interessen liegen und sie nicht alle über einen Kamm scheren kann, der schlussendlich niemandem wirklich gerecht wird. Nicht wirklich spielen könnende Geiger nützen der holden Kunst gar nichts, im Gegenteil. Das verleidet eher noch die Freude an der Musik. Zudem will nicht jedes Kind Geiger werden (oder Bläser).

Ändern kann ich daran nichts, ich nehme es zur Kenntnis, rege mich ein wenig auf, höre entzückt bald dem Weihnachtskonzert auf kindlich gezupften Geigen zu und denke mir das Meine.