Michael Stavaric: Brenntage

Das Leben erfindet sich selber in Erinnerungen

Nach dem Tod der Mutter wächst der namenlose Icherzähler bei seinem Onkel und seiner Tante auf. Sie leben in einem kleinen Dorf, das abgeschnitten von der Umwelt und auch von der Realität scheint. Die Riten und Bräuche erinnern an mittelalterliche, sind in tat und Wahrheit wohl nicht mal ganz verschieden davon. Einer davon sind die Brenntage, die zum Verbrennen überflüssiger Dinge gedacht sind, denen aber auch das eine oder andere zum Opfer fiel, das nicht zum Verbrennen gedacht war. Zumindest munkelt man das.

 Die Brenntage selbst waren oft genug Anlass für wilde Spekulationen… als etwa der Hund des Bäckers abhanden kam (den keiner leiden mochte) oder die Nachbarsköchin spurlos verschwand, als ein junges Mädchen im Teich untertauchte und die Luftblasen jählings abrissen, sie wurde von keinem je wieder gesehen.

Das Buch folgt keiner Chronologie, es ist ein Buch der Erinnerung an eine Vergangenheit, die sich in loser Form, sprachlich teilweise eigenwillig, vor dem Leser ausbreitet. Eine Erinnerung, die nicht mehr überall lückenlos ist, bewegt sich zwischen Erlebtem und Erdichtetem.

Viele Erinnerungen gingen auch im Laufe der Jahre verloren, ich selbst habe längst damit aufgehört, die Welt verstehen zu wollen, der Onkel behauptete sogar, dass wir im Augenblick unserer Geburt alles ins Feuer stiessen, dass wir verglühten allesamt in einem Feuerball und hinterliessen keinerlei Spuren. .

Beinahe beiläufig werden schreckliche, schöne, skurrile Erinnerungen dargelegt. Verbindend in der losen Abfolge der Geschichten sind immer wieder die Brenntage, sie scheinen neben dem Icherzähler die einzige Konstante in dem Buch zu sein, der rote Faden, der die einzelnen Episoden wie Perlen an eine Kette reiht. Und beide, Icherzähler wie Brenntage stehen ganz im Dienste der Erinnerung.

Nur wenn Brenntage gefeiert wurden, kamen viele der alten Geschichten noch einmal zur Sprache.

Brenntage ist ein Buch des Erwachsenwerdens, es ist ein Buch über die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit den Umständen, mit einer Welt, die sich ständig ändert und doch einige wenige Konstanten hat, die wie ein roter Faden durch das sich ändernde Leben führen. Es ist ein Buch über Erinnerung und Zukunft, über die Vergänglichkeit des Seins. Es ist ein Buch in einer poetisch-eigenwilligen Sprache geschrieben, das nicht chronologisch und teilweise assoziativ von Episode zu Episode springt. Es regt zum Nachdenken an, lässt ab und an innehalten, stocken, sich auch mal wundern.

 

Fazit:
Ein Buch über das Leben, die Erinnerung und das Erwachsenwerden. Sprachlich poetisch und eigenwillig. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Michael Stavaric
Michael Stavaric, 1972 in Brno geboren, lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer, Kolumnist und Kritiker in Wien. Er veröffentlichte u. a. die Romane stillborn (2006), Terminifera (2007) und Magma (2008), die Kinderbücher Gaggalagu (2006) und Biebu (2008) und den Essay „Europa – Eine Litanei“ (2005). Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien für seine Werke, zuletzt den „Förderungspreis der Stadt Wien“, den „Adelbert von Chamisso-Förderpreis“ und das „Projektstipendium des österreichischen Bundesministeriums für Kultur“.

Ein Interview mit dem Autor findet sich hier: Michael Stavaric – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
StavaricBrenntageGebundene Ausgabe: 232 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (20. Januar 2011)
ISBN-Nr.: 978-3406612657
Preis: EUR  18.95 / CHF 28.70

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Michael Stavarič – Nachgefragt

©Lukas Beck
©Lukas Beck

Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

Michael Stavarič hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten und mir damit einen Einblick in sein Schreiben gewährt.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich wollte schon immer Schriftsteller werden, liebte Bücher und es war alles in allem naheliegend. Hinzu kam meine Zweisprachigkeit und die damit verbundenen kleinen Traumata. Ich bin bis heute der Meinung, diese förderten die Lust zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie hast du gelernt zu schreiben?

 Ich glaube nicht, dass man „es“ lernen kann; es gibt so etwas wie eine Disposition in einem. Die hat man oder eben nicht. Das trifft auf jeden künstlerischen Beruf zu. Disposition meint natürlich auch Sozialisation etc. Man kann sich allerdings in Workshops, Unis etc. Rüstzeug aneignen.

Wie sieht dein Schreibprozess aus? Schreibst du einfach drauf los oder recherchierst du erst, planst, legst Notizen an, bevor du zu schreiben beginnst? Wann und wo schreibst du?

Ich schreibe meistens unterwegs, ich führe das Leben eines Nomaden. Ich überlege mir lange, WIE ich eine Geschichte erzählen möchte, wie die Sprache dazu aussieht, der Duktus etc. Der Rest kommt dann von allein. Das ist natürlich bei jedem Projekt verschieden. Meine Kinderbücher etwa sind viel „geplanter“.

Woher holst du die Ideen für deine Bücher? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert dich?

Woher kommt Inspiration? Keine Ahnung … manche Dinge bleiben im Verborgenen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schaltest du ab?

 Nein, weil das Schreiben kein „Job“ oder „Beruf“ ist, es ist die sprichwörtliche Berufung. Ich habe nie und immer Ferien.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Bist du auch in deinen Figuren? Gibt es eine, mit der du dich speziell identifizierst?

 Die Literatur beginnt mit dem Autobiographischen. Später wird sie fiktiver und irgendwann ist sie hoffentlich eine Imagination. Natürlich gibt es Details aus dem Leben, die ich gern in meine Bücher einfließen lasse. Manche Figuren sind mir näher, andere ferner, auf das Gesamte betrachtet, habe ich sehr wenig mit meinen Romanfiguren zu tun.

Deine Literatur ist sprachlich ausgefallen, es steckt sehr viel Poesie und Sprachspiel in deiner Sprache. Was fasziniert dich an der Sprache? Ist die Sprache teilweise wichtiger als der Inhalt?

Sprache ist unser wichtigstes Kulturgut. Sie ist das, was den Menschen an sich ausmacht. Ich war schon immer von Sprache fasziniert. Und auch die Literatur erschloss sich mir stets über eine besondere Sprache, weniger mittels Geschichten.

Böse Spiele stellt die klassische Beziehung in Frage, Beziehungen erscheinen als komplizierte Angelegenheit. Ist Liebe nur ein Spiel oder macht man eines draus, weil sie überfordert?

Immerhin kann man festhalten, dass nur intelligente Lebensformen verspielt sind. Die Liebe ist eine Konfliktzone. Die Liebe ist Himmel auf Erden. Wir leben und denken bipolar. Auch das ist menschlich.

Was muss ein Buch haben, dass es dich anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell magst?

Es muss mich sprachlich beeindrucken, alles andere bleibt für mich austauschbar.

Wenn du dich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Unbedacht. Unmöglich. Unverfälscht.

Ganz herzlichen Dank für diese Antworten über das Schreiben, die Sprache und den Autoren dahinter.

Ein Porträt von Michael Stavarič mit Bild und Ton findet sich hier: