Aus dem Bücherschrank – Anselm Grün: Im Wandel wachsen


Wie wir freier, authentischer, gelassener und hoffnungsvoller werden können

«Verwandlung bedeutet: ich schaue zurück, aber auch nach vorne. Ich würdige mich und mein Leben, wie ich es bisher gelebt habe. Aber ich spüre: Ich bin noch nicht der oder die, die ich von meinem Wesen her sein könnte. Wandel kann nur geschehen, wenn ich das, was ist, annehme.»

Im Wandel wachsen ist kein Ratgeber im engeren Sinn, sondern ein geistlicher Begleiter durch die unterschiedlichen Phasen und Zumutungen des Lebens. Anselm Grün entfaltet sein Thema entlang zweier großer Bewegungen: den biografischen Entwicklungsstufen und den existenziellen Erschütterungen, die uns widerfahren – und die wir nicht gewählt haben.

Am Anfang stehen die ersten Stationen menschlicher Entwicklung: Geburt, Kindheit, Jugend, Ablösung, Elternschaft, Lebensmitte, das Altern der eigenen Eltern. Diese Phasen erscheinen nicht bloß als chronologische Abfolge, sondern als je eigene „Schulen“ der Reifung. Wachstum ist hier nie spannungsfrei. Ablösung bedeutet Verlust von Geborgenheit; Elternschaft ist zugleich Bindung und Loslassen; die Lebensmitte konfrontiert mit Begrenztheit.

Anselm Grün zeigt auf, dass es dabei nie um Optimierungsprojekte geht, nicht darum, sich neu zu erfinden oder sich permanent zu verbessern. Sein zentrales Motiv lautet vielmehr: Annahme als Voraussetzung von Veränderung. Nur wer sich selbst annimmt – mit Geschichte, Brüchen und Grenzen –, kann wirklich wachsen. Wer sich ändern will, weil er sich ablehnt, bleibt innerlich unfrei.

Das Leben schreitet nicht nur chronologisch von der Kindheit zum Alter, immer wieder konfrontiert es uns auch mit Erfahrungen: Ausgrenzung, Krankheit, Trennung, Begegnungen mit dem Tod, spirituelle Dunkelheit oder gesellschaftliche Umbrüche. All das iegt nicht in unserer Hand, betrifft uns aber oft nachhaltig. Es gilt hier – wie es schon Epiktet tat, zu unterscheiden, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Wir können nur beim ersten etwas bewirken, hier tragen wir die Verantwortung: Wir entscheiden, wie wir uns in Bezug auf das Leben und seine Zumutungen (im Guten wie im Schlechten) vergalten. Wachstum geschieht dort, wo wir nicht im Widerstand verharren, sondern unsere Reaktion bewusst gestalten.

«Es ist heute eine grosse Chance, dass wir uns im Dialog zwischen Kulturen und Religionen gegenseitig bereichern… Unterschiede sind eine Bereicherung, insofern verschiedene Perspektiven und unterschiedliche Erfahrungen zum Tragen kommen und die Wahrnehmung erweitern.»

Wir sind bei all dem nie allein, sondern in eine Welt eingebettet und von anderen Menschen umgeben. Wachstum ist denn auch kein individualistisches Projekt, sondern immer eingebettet in Beziehung.

Grüns geistliche Perspektive ist bei all dem präsent, aber nicht missionarisch. Gott erscheint weniger als dogmatischer Lehrsatz denn als Vertrauensraum. Das Buch lässt sich daher auch säkular lesen: als Einladung, die eigene Biografie anzunehmen und Krisen nicht nur als Störung, sondern als Möglichkeit zur Vertiefung zu verstehen. Es verbindet Lebenshilfe, spirituelle Deutung und anthropologische Reflexion. Wer eine analytische Gesellschaftsdiagnose sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch Orientierung im persönlichen Wandel sucht, findet ruhige, klärende Impulse.

«Das wäre das Ziel der Verwandlung, mein wahres Selbst zu erkennen und es zu leben.»

Fazit
Im Wandel wachsen plädiert nicht für Selbstoptimierung, sondern für Selbstannahme. Wachstum ist kein Akt der Selbstüberwindung, sondern der Versöhnung mit sich selbst. Gerade darin liegt die befreiende Kraft des Buches: Veränderung wird nicht erzwungen, sondern ermöglicht – durch Annahme, Vertrauen und bewusste Gestaltung der eigenen Haltung.

Aus dem Bücherregal – Niklaus Brantschen: Du bist die Welt

«Religionen sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind menschengemacht. Und da sie in der Zeit des sogenannten Patriarchats entstanden sind, also männerzentriert und hierarchisch strukturiert sind, fallen sie aus der Zeit – buchstäblich.»

Niklaus Brantschens Buch Du bist die Welt beginnt unspektakulär – mit einem Besuch bei seiner Nichte. Sie pflegt einen Kräutergarten, arbeitet naturverbunden und bezeichnet sich unter anderem als Schamanin. Für Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, ist das zunächst ein Feld von Projektionen. Schamanismus verbindet er mit gängigen Klischees: Exotik, Trommeln, Ekstase, vielleicht etwas esoterischer Unschärfe.
Gerade von dieser Skepsis aus setzt das Buch an.

«…offen zu sein bedeutet für mich vor allem dies: Ich muss nicht verteidigen, muss nicht rechtfertigen.»

Brantschen unternimmt keine analytische Klärung des Begriffs „Schamanismus“. Er liefert weder eine systematische Definition noch eine historische Einordnung. Sein Zugang ist ein existenzieller: Er will verstehen, was seine Nichte tut. Dafür hinterfragt er immer wieder sich und sein Leben, untersucht Begegnungen, in denen schon angelegt ist, was er nun zu ergründen sucht, nämlich das Leben in und mit der Natur und anderen Menschen in ihrer Vielfalt.

«Wie lebe ich so auf diesem schönen Planeten, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen? Wer bin ich, wenn ich ein Teil der Welt bin und die Welt ein Teil von mir? Wenn ich die Welt bin?
Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.“

Im Zentrum seines Forschens steht nicht die Frage „Was ist Schamanismus?“, sondern: Was haben wir verlernt? Dabei stellt er eine Entfremdung von der Natur – und damit von uns selbst – fest. Vor diesem Hintergrund erscheint ihm der Schamanismus als eine Praxis, die den Menschen wieder in ein Beziehungsgeflecht stellt: mit Pflanzen, Tieren, Elementen, mit anderen Menschen. „Du bist die Welt“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Du stehst ihr nicht gegenüber, du bist Teil ihres lebendigen Zusammenhangs.

Es ist ein gewisses »Etwas«, das man bodenständige, weltoffene Spiritualität nennen kann. Oder interreligiöse Spiritualität. Oder schamanische Lebensweise. Oder man kann es einfach »Leben« nennen. Leben, das alles ein- und nichts ausschließt, das mir als Individuum Sinn gibt, das mich trägt und zu dessen Gelingen ich beitragen darf
Dieses Buch ist eher eine Spurensuche als eine Lehre. Schamanismus wird zu einer Chiffre für eine Lebensweise, die die Natur achtet, ihre Eigenwürde anerkennt und sie gerade deshalb schützen will. In Zeiten ökologischer Krisen gewinnt diese Haltung für Niklaus Brantschen normative Kraft.

Das Buch ist getragen von einer ruhigen, menschlichen Stimme. Nachdem ich Niklaus Brantschen aus vielen Interviews und Gesprächen kenne, sah ich ihn beim Lesen förmlich vor mir. So kam mir das Buch manchmal wie eine Erzählung vor, der ich nur zu gerne folgte.

Fazit
Wer eine Einführung in schamanische Praktiken oder eine ethnologische Abhandlung erwartet, wird enttäuscht sein. Brantschen schreibt als Suchender. Er tastet sich vor, reflektiert eigene Vorurteile, lässt Erfahrungen wirken. Der Text lebt vom Perspektivenwechsel: vom anfänglichen Befremden zur Anerkennung einer spirituellen Intelligenz, die im Umgang mit Natur gründet.

Gerade diese persönliche Anlage macht die Stärke – und zugleich die Begrenzung – des Buches aus. Es argumentiert nicht streng, sondern erzählend. Es überzeugt weniger durch Belege als durch Nachdenklichkeit.
Getragen wird das Ganze durch eine ruhige, schlichte Sprache, welche erzählendes und reflektierendes Beobachten mit spiritueller Einsicht verbindet. Ein wahrlich menschliches Buch, das berührt und zum Nachdenken anregt.