Die beiden Männer sassen im Restaurant des Supermarktes an einem Tisch. Sie sassen da jeden Tag und unterhielten sich. Ich verstand nicht, was sie sagten, sie sprachen in einer mir fremden Sprache. Ab und an erhob einer die Stimme, der andere stimmte gleich mit ein. Sie schienen aber nicht zu streiten, viel mehr engagiert zu diskutieren.

Sie waren schon älter. Weisse Haare und zerfurchte Gesichter zeugten von einem gelebten Leben. Braune Augen blickten beim einen sanft und etwas fragend, beim anderen gewitzt und interessiert. Sie tranken Kaffee.

Wo sie wohl herkamen? Vermutlich irgendwo aus dem Süden. Jetzt sprach einer von Italien. Vermutlich, weil am selben Abend Italien im Viertelfinal der Fussball-EM stand. Ich war auch für Italien. Das wussten die beiden aber nicht und ich traute mich nicht, es Ihnen zu sagen. Zwar konnte ich mir vorstellen, dass sie sich gefreut und mich ins Gespräch einbezogen hätten – sofern wir eine gemeinsame Sprache gefunden hätten. Meine eigene Zurückhaltung liess es nicht zu.

Gedanken wie „nicht stören“, „niemandem zur Last fallen“, „mich nicht aufdrängen“ schossen mir durch den Kopf. Zudem redete ich mir ein, dass es unhöflich sei, anderen zuzuhören – wobei sie unüberhörbar laut redeten. Aber: Mit einem Votum hätte ich mich geoutet als Zuhörerin.Zwar war mir bewusst, dass in südlichen Ländern genau das üblich war: Man sass beisammen, Leute kamen und gingen und alle redeten miteinander – und durcheinander.

Zumindest war das früher so, heute hatten sich die Zeiten wohl auch in den Ländern ein wenig geändert, zumindest bei den jüngeren Generationen. Wobei ich das nicht so genau wusste, ich war nie im Süden gewesen. So oder so waren die Männer hier vor mir aus einer Generation, die genau das gekannt hatte: Die Stühle auf der Piazza, die angeregten Gespräche, das Zusammensein. Noch während ich das alles dachte, kam ein dritter älterer Herr, brachte gleich seinen Stuhl mit und setzte sich dazu.

Während draussen trotz des Sommermonats nur Regen und Grau herrschte, kam bei mir ein wenig Ferienstimmung auf. Ich fühlte mich selber wie in einer italienischen Pizzeria, lauschte den fremden Tönen und liess meine Gedanken schweifen, während ich meinen Kaffee trank. Ich stellte mir vor, wie es wäre, einfach alle Bedenken über Bord zu werfen, mich dazuzusetzen und mitzureden, dazuzugehören.

Dann war ich fertig mit meinem Kaffee. Ich packte meine Sachen, stand auf und lief in Richtung ihres Tisches. Als ich kurz davor war, blickte mich der Mann mit den sanften Augen an. Ich lächelte ihn an und er lächelte zurück.

 Es gibt Restaurants, in denen Kinder (vor allem in sie beinhaltenden Wagen) nicht geduldet sind. Auch andere Lokalitäten bestehen darauf, kinderfrei zu bleiben. Ein Aufschrei macht die Runde, wie man nur so kinderfeindlich sein könne und Kinder einfach ausschliessen, quasi verbannen.

Kinder müssen heute immer und überall gestillt werden dürfen, schlussendlich sei das Natur pur und zu dulden. Kinder gehören dazu, sei es in der Spätvorstellung im Kino oder im Wellnesspool im Hotel. Wir lieben unsere Kinder, also sollen auch alle anderen sie lieben – und dulden. Sie rennen im Restaurant zwischen den Tischen umher, ziehen an Tischtüchern, streifen die anderen Gäste mit Ketchup-Händen. Ist doch toll. Das muss man verstehen, sie sind lebendig, sie müssen sich bewegen, das ist kindgerecht. Ein Kind, das nur still am Tisch sässe, wäre ein unterdrücktes, ein verschüchtertes, eines ohne Selbstbewusstsein und vor allem ein phlegmatisches mit absolut übergriffigen, weil dominanten Eltern. Und wer tobende Kinder nicht gutheisst, ist ein Kinderhasser, ein intoleranter Mensch.

 Müssen Kinder wirklich immer dabei sein? Muss ich beim Essen mitansehen, wie eine Mutter am Nebentisch ihr Neugeborenes stillt, und der Vater drei Tische weiter seinen Sohn auf der Bank wickelt? Heisst, Kinder zu haben, fortan keinen Schritt mehr ohne machen zu können, wollen oder dürfen?

 Ich finde das Kinderverbot an manchen Orten nicht gar so schlimm. Es darf doch durchaus kinderfreie Zonen geben, zumal sich Kinder in eher erwachsenen Bereichen eh nicht wirklich wohl fühlen oder aber sich so aufführen aus Langeweile, dass sich Erwachsene (ohne Kinder und oft sogar solche mit) nicht mehr wohl fühlen. Wieso der Anspruch, Kinder müssten immer und überall dabei sein? Wieso der Anspruch, jeder müsse die eigenen Kinder genauso süss finden wie man selber, wenn sie grad Ketchup über alles Werfen und das Ganze dann unter Geschrei nicht mehr essen wollen (wobei man just in dem Moment auch eher Mühe hat und das Süsse ganz weit hinten steht bei der Beurteilung des eigenen Nachwuchses)?

 Ich mag kinderfreie Zeit, ganz ehrlich, und wenn ich denn schon mein Kind gut betreut (und kindergerecht, wie es ihm Spass macht, versorgt habe), dann will ich nicht von anderen gestört werden in meinem Entspannen. Macht mich das zur Rabenmutter oder gar zur Kinderhasserin? Ich denke eher, es macht mich zu einem entspannteren Menschen, der nach der Ruhe auch wieder genug Nerven für den Alltag mit allen seinen Anforderungen hat. Das kommt schlussendlich auch dem Kind zugute. Wohl mehr, als wenn es in einem Fresstempel Stunden hätte ruhig sitzen müssen, nur um dabei gewesen zu sein.