Wann?

Wir haben getanzt
Wann ist die Musik verstummt?
Oder hören wir sie nicht mehr?

Wir haben gesungen.
Wann sind die Melodien verklungen?
Oder haben wir keine Stimme mehr?

Wir haben gelacht.
Wann ist der Humor verschwunden?
Oder verstehen wir ihn nicht mehr?

Wir haben geträumt.
Wann sind die Träume geplatzt?
Oder haben wir sie zerstört?

Wir haben geliebt.
Wann sind die Gefühle erkaltet?
Oder trauen wir uns nicht mehr?

 

 

Weinfreuden

10152405_10202465066121293_7551675068753514742_nHeute hatte ich das Glück, eine wunderbare Degustation besuchen zu dürfen. Ich liebe Wein seit langem, verstehe nichts davon, weiss aber, was mir schmeckt und wenn er schmeckt, ist Wein der Himmel auf Erden. Es geht nicht um Alkohol und Besäufnis, es geht um Geschmack, um eine Bandbreite von Süssen und Säuren, von Früchten, Tiefe, Erde, Holz, Charakter. Es ist eine eigene Welt und diese eröffnet wiederum eine Welt in dir. Wein mit Genuss getrunken lädt dich ein, Genuss pur zu erkunden, zu erkennen, zu erleben. Er lässt dich dazu dich selber entdecken, indem er Dinge freilegt, die in dir angelegt sind, schlummern, nicht durch kommen, weil sie von selbst gebauten Mauern umschlossen sind, gehemmt, nicht zugelassen vom inneren Zensor.

Hier sitze ich nun und bin gar kein armer Tor mehr wie Goethes Faust. Ich spüre Glück und Freude, sehe mein Leben und es ist schön. Sehe die Poesie in den Dingen und sehe die Farben der Welt. Und ich weiss, die dunklen gehören dazu wie die momentan vorherrschenden bunten – und das ist gut, denn ich bin sicher, ich werde auch sie bezwingen, denn die bunten, guten, wunderbaren sind so viel stärker. Und das nicht nur des Weines wegen, dieser lässt sie vielleicht noch ein wenig bunter leuchten, kann aber nichts erschaffen, was nicht schon da war.

Und aus dem Nichts kommt mir eines meiner Lieblingsgedichte in den Sinn:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang. (Rilke)

Mein Gedanke dazu ist nur:

 Es liegt Poesie im Wein,
im ganzen Leben.
Man muss sie erkennen,
man muss sie leben.

In diesem Sinne – es wird noch was gehen. Und davon ganz viel. Zu finden sein wird es hier: Philovinum

Mit Gedichten durchs Jahr. Ein lyrischer Kalender mit 365 Gedichten

 

Goethe: Zum neuen Jahr
Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.
Jede Gabe sei begrüsst,
Doch vor allen Dingen,
Das, worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen.

Als Geschenk und noch als gelungenes dazu darf man das Buch „Mit Gedichten durchs Jahr“ des DioBildgenes Verlag sehen. Quer durch die mit wenigen Ausnahmen deutsche Poesie führt uns dieser literarische Kalender, hält für jeden Tag des Jahres ein Gedicht bereit. Manche Gedichte beziehen sich explizit auf die Zeit, in der sie im Kalender stehen, andere fügen sich belebend in die Reihe ein, entführen den Leser für kurz in eine andere Welt.

Das Buch bietet sich an, sich ein tägliches Ritual zu schaffen, eine kleine poetische Oase im Alltag einzurichten. Ob man mit dem Gedicht in den Tag starten will oder ihn damit beenden, jeder Tag ist ein guter Tag für ein Gedicht.

Rilke: Guter Tag
Guter Tag. Da prüft man noch:: was bringt er?
Und wie langsam liest man seine Schrift.
Rascher, reiner, kühner, unbedingter:
Oh wie uns die Freude übertrifft.

Mein Sohn und ich hatten schon einmal die Tradition, mit Gedichten beim Frühstück in den Tag zu starten. Leider schlief sie ein, wurde aber mit diesem Gedichtband wieder ins Leben gerufen. Wir lesen das Gedicht, überlegen, was es uns sagen will und nehmen diese Gedanken mit in den Tag. Manche Gedichte gehen tiefer, manche sind leicht, einige sind bekannt, andere persönliche Neuentdeckungen. Eine schöne Idee für Menschen, die Lyrik lieben und solche, die gerne mehr davon kennen lernen wollen und nicht wissen, wo suchen, womit anfangen.

Fazit:
Ein wunderbares Geschenk für jeden Tag. Zwar sind die meisten Gedichte der Deutschen Literatur entnommen, nur wenige stammen von ausserhalb des deutschsprachigen Raumes, doch tut dies dem Wert des Buches keinen Abbruch. Absolut empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 507 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (Dezember 2012)
Sprache: Deutsch
Preis: EUR: 11.90 ; 18.90 CHF
Zu kaufen u.a. bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH