Eine Geschichte: Nachwort (XXXXX)

Nachwort

Mondnacht
„Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis‘ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande
als flöge sie nach Haus.“

(Joseph von Eichendorff)

Dieses Buch wurde nicht aus dem Nichts geboren. Als ich Didier Eribons Buch «Rückkehr nach Reims» gelesen habe, regte sich etwas in mir. Das wollte raus. So begann ich, ohne ein Ziel, ausser dem, schreibend meinen Erinnerungen auf die Spur zu kommen, von Hand Notizen zu machen. An gewissen Tagen füllte ich mehrere Seiten, an anderen knapp eine. Irgendwann war das Buch voll. Ich begann ein neues und füllte auch das.

Was nun? In die Schublade damit und gut ist? Ich beschloss, es abzuschreiben und digital zu erfassen. Danach ordnete ich es neu. Überarbeitete nochmals. Wollte es wieder dabei belassen. Da kam mir die Idee mit den Briefen. Und alles führte zu dem, was ihr die letzten Wochen und Monate lesen konntet.

Ich möchte all jenen von Herzen danken, die mich auf meiner Reise begleitet haben. Ich möchte mich bedanken für die lieben Reaktionen, die mich erreicht haben. Sie bedeuten mir viel. Diese Reise ist nun zu Ende. Und das ist gut so. Wie sagte schon Hermann Hesse:

«Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!»

Eine Geschichte: Epilog (XXXXIX)

Lieber Papa

Kürzlich bin ich beim Aufräumen auf ein Foto von dir gestossen. Auf dem Bild lachst du. Richtig gelöst und fröhlich. Entspannt. Hatte ich dich oft so erlebt? Vor allem in den späteren Jahren wirktest du oft angespannt. Eine Falte auf der Stirn, die Augen leicht zusammengekniffen. Was hat dich so angestrengt? Das Leben, wie es war? Ich frage mich oft, ob du wirklich glücklich warst mit all dem. Glücklich sein konntest. Habe ich es mich schon früher gefragt? Oder einfach befürchtet, dass du es nicht bist?

Ich schaue dich an. Nein, ich bin nicht traurig, weil du nicht mehr bist. Ich bin traurig, dass so viele Fragen offenblieben. Dass ich die Antworten selbst suchen muss. Und nie mit Sicherheit finden kann.

Ich durchforstete meine Erinnerungen und fühlte mich immer wieder an Scheidewegen. Nichts schien eindeutig. Immer waren da zwei Seiten, zwei Sichtweisen. Und ich schwankte hin und her. Fragte mich, ob ich dir mit manchen meiner Antworten Unrecht tue. Was ich weiss: Ich habe dich geliebt. Sehr. Du warst für mich immer wieder der Halt und die Sicherheit, auf die ich bauen konnte. Was ich auch weiss: Du wolltest mir nie etwas Böses. Alles, was du machtest, war gut gemeint. Für mich. Es sollte mich schützen. Weil das Leben hart sein kann. Es sollte dafür sorgen, dass es mir gut geht. Und führte so oft zum Gegenteil.

Nur: Ist das nicht normal? Laufen wir nicht alle mit unseren vorgefertigten Bildern durch die Welt und wollen nur das Beste für die, die wir lieben? Wer ist schuld, wenn es nicht gelingt?

Um Schuld geht es nicht. Ging es nie.

Meine Finger rasen über die Buchstaben. Und während ich hier schreibe, regnet es draussen. Die Tropfen prasseln auf den Boden, meine Finger hämmern auf die Tasten. Ein Miteinander des Klopfens, Tropfens, von fliessender Energie. Mein Fluss bewegt sich auf das Ende hin. Die Geschichte ist erzählt. Schwarz auf weiss, und doch nicht in Stein gemeisselt. Denn: Sie könnte auch ganz anders gewesen sein.

Ich schaue nochmals auf das Bild. Und weiss: Ich liebe dich. Das geht nie vorbei. Ich liebe dich, weil du warst, wie du warst. Und manchmal auch trotzdem.

So ist das. Und nun ist es gut.

(„Alles aus Liebe“, XXXXIX)

Eine Geschichte: Quo Vadis? (XXXXVII)

Lieber Papa

Die Reise ging weiter und weiter. Während du im Bett lagst, verschwand immer mehr von dir. Das Leben zog mehr und mehr aus. Und in mir wuchs die Leere. Irgendwann kam der Moment, als sie nochmals reden wollten. Alle miteinander sollten wir darüber reden, wie es weitergehen solle. Weitergehen?

«Papa kann heim.»

Sagte Mama am Telefon.

«Das ist unmöglich. Papa kann nicht heim.»

Und wenig später sagte ich:

«Ich komme!»

Du hattest immer gesagt, du wolltest nicht in einem Spital sterben. Das sollte ermöglicht werden. Auch wenn du eigentlich zu schwach für eine Reise warst. Wir standen alle um das Bett versammelt. Die Ärzte erklärten die Situation und die verbleibenden Möglichkeiten: Keine. Die Pflegefachkräfte erzählten, was für ein lieber Mann du seist, wie dankbar und höflich. Es klingt blöd, aber ich war stolz auf dich. Fast fühlte es sich an wie Mutterstolz. Verkehrte Welt. Ich schien plötzlich ich in der Rolle, aufpassen zu müssen. Auf dich.

Du lagst da und schwiegst. Während alle anderen redeten. Und argumentierten. Und irgendwie auch nichts sagten. Nichts von Belang.

Sie erzählten, was es zu Hause brauche, Mama wollte es besorgen. Du schwiegst.

«Sie wollen doch nach Hause?»

Das fragte plötzlich ein Arzt. Du stelltest dich schlafend. Um Schweigen zu können. Sie besprachen weiter das Organisatorische. Ich sah, dass du es hörst. Ich am zu dir ans Bett, setzte mich. Schaute dir in die Augen. In deine kleinen, lieben, müden Augen.

«Papa, was willst du? Hier bleiben oder nach Hause?»

Du schautest mich an. Öffnetest den Mund. Es kam kein Ton. Du schautest mich nur an. Mit einem traurigen Blick. Es zerriss mir das Herz. Aber nein, das war unnmöglich. Das lag schon lange in Fetzen.

«Wollen wir bis Ende Woche schauen, wie alles geht, und dann entscheiden?»

Du nicktest. So würden wir es machen. Ich verabschiedete mich von dir. Ich umarmte dich, küsste dich. Du drücktest mich leicht. Es muss dich deine ganze verbleibende Kraft gekostet haben.

«Ciao, Papa!»

«Ciao!»

(«Alles aus Liebe», XXXXVII)

Eine Geschichte: Offene Fragen (XXXXVI)

Lieber Papa

Wie du dalagst, wenn ich kam. So lieb. So schmal. Immer ging mir das Herz auf. Um sich dann vor Schmerz wieder zu verkrampfen. Weil mir bewusst war, dass ich dich nicht mehr lange so daliegen sehen würde. Wobei du gar nicht daliegen solltest. Du solltest durch die Berge wandern, deine geliebten Kreuzworträtsel lösen. Du solltest lachen, singen, tanzen. Du solltest Witze machen, von früher erzählen. Du solltest zu Hause sein. Ans Telefon gehen. Du solltest… Aber das Sollen war vorbei. Das Wollen auch. Es war, wie es war. Und würde auch so nicht bleiben.

Wir waren in diesen Zug eingestiegen, der nur noch eine Haltestelle kannte. Ich hasste Reisen schon immer.

Rainer Maria Rilke schrieb einst:

„Die Blätter fallen. Fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Ich fragte mich, wieso das Gedicht so schön klingt, so friedlich. In mir weinte und schrie und tobte und wütete es. Und doch berührten mich die Zeilen. Darum wollte ich sie mit dir teilen, Papa. Ich habe dich gar nie gefragt, ob du Gedichte magst. Ich habe so vieles nicht gefragt.

(„Alles aus Liebe“, XXXXVI)

Eine Geschichte: Gelernt ist gelernt (XXXXIV)

Lieber Papa

Neues Jahr, neues Glück heisst es. Das würde nicht so sein dieses Jahr. Der Arzt brachte die Botschaft zum neuen Jahr:

«Wir haben neue Ableger gefunden. Auf der Niere.»

Nun also auch die Niere. Der Krebs annektierte Stück für Stück des Körpers. Er frass sich durch die Zellen und ebenso durch uns. Er nistete sich in den Gedanken ein und breitete sich aus. Nahm jeden Platz ein, den er fand. Nur bis in die Worte drang er nicht. Wir schwiegen. Darüber, was das bedeutete. Was kommen würde. Kein Wort. Wir blieben bei den eingeübten Floskeln, bei den Gemeinplätzen. Und zwischendurch sagtest du immer:

«Es kommt schon gut.»

Und ich nickte. Wie ein Wackeldackel nickte ich. Mehr als nötig. Vielleicht, um das laute NEIN in meinem Kopf herauszunicken. Weil ich dem Nicken glauben wollte, nicht dem Zweifel. Die nächste Runde Chemo wurde eingeläutet. Ambulant.

Ich sah dich schon von weitem. Klein sassest du in deinem Stuhl, die Infusion schon gesteckt.

«Wo ist Mama?»

«Sie hatte zu viel zu tun. Der Spaziergang mit den Hunden. Und mehr.»

«Darfst du fahren mit all den Medikamenten?»

Das wolltest du nicht hören. Was fragte ich auch, die Antwort war klar.

«Das geht schon.»

Ich erinnerte mich, wie du bei Grossvati wettertest, als er mit 76 noch mit seinem Moped durch die Strassen fuhr. In dem Alter sei das verantwortungslos. Meintest du. Obwohl er gesund war. Du warst 84. Und alles andere als gesund. Die Sturheit scheint sich in unserer Familie vererbt zu haben.

Deine Fahrten dauerten nicht lange, schon bald musstest du wieder bleiben und ich kam jeden Tag. Jedes Mal mit Herzklopfen vor deiner Tür. Ich klopfte leise. Streckte den Kopf durch den Spalt. Sah dich liegen. Oft schlafend. So klein. So fein. Ärmchen wie dürre Äste. Ich hörte deinen Atem. Sah dein liebes Gesicht. Spürte Tränen aufsteigen. Schluckte sie runter.

«Contenance!»

Sagte ich mir. Nicht die Haltung verlieren. Nicht hier. Nicht vor dir. Dich nicht belasten mit meiner Trauer, die mir wohl trotzdem ins Gesicht geschrieben stand. Ich miserabler Schauspieler ich. Hätte ich das mal besser bei dir gelernt, als noch die Zeit dazu war. Und doch: Keine Schwäche zeigen konnte ich. Das hatte ich lange geübt.

Wenn du dann die Augen aufschlugst, so klein und matt, wie sie geworden waren, lächeltest du mich immer an. Sprachst mich an. Leise. Schwach. Und doch so freudig.

«Hallo Papa! Wie geht es dir?»

Wir sind unseren Floskeln treu geblieben. Contenance. Bis zum Schluss. Das kannten wir. Das konnten wir.

Eine Geschichte: Das wird wieder gut (XXXX)

Lieber Papa

Das fühlte sich alles nicht gut an. All die offenen Fragen. So viel, das ich nicht verstehen konnte. Gerade war alles noch gut gewesen. Und nun? Stand alles in der Schwebe. Ich konnte nichts tun. Dir nicht helfen. Nichts sagen, denn alles wirkte nur platt.

«Das wird schon wieder.»

«Du schaffst das.»

Würde ich es aussprechen, sprach ich auch die Möglichkeit an, dass es nicht so sein könnte.

«Das wird schon wieder gut.»

Hörte ich plötzlich von dir. Wie konntest du so etwas sagen?

Dann schwiegen wir beide. Tauschten höchstens ein paar Belanglosigkeiten aus, weil alles andere unpassend erschien. Zudem schien es, als ob nichts wirklich zu dir durchdrang. Als wärst du in einer grossen Blase von Unsicherheit und Fragen gefangen.

Ich erinnere mich, wie du immer gesagt hattest, dass man nie ins Krankenhaus gehen solle. Die fänden da immer etwas und danach sei man wirklich krank, sagtest du. Ich fragte mich, was sie wohl bei dir finden werden. Was hatte dir aus dem Nichts die Sprache verschlagen?

«Das wird wieder gut.»

Du sagtest es nochmals. Und ich wusste nicht, ob du mich oder dich überzeugen wolltest. Vielleicht beide.

«Bestimmt!»

Sagte ich und glaubte es nicht. Hoffte es aber.

«Es muss!»

Sagte ich.

Dann verliess ich das Krankenhaus. Ich rannte fast, als sei ich auf der Flucht. Als liesse sich all das abschütteln. Ich lief durch Strassen und Gassen, vorbei an Läden und über den Fluss hin zum Bahnhof. Ich war blind für alles um mich, lief wie in einem Tunnel aus Gedanken, Gefühlen und Ängsten.

Ich stieg in den Zug. Fuhr weg von dir. Nahm nur die Trauer mit.  

(«Alles aus Liebe», XXXX)

Eine Geschichte: Die erste Reise (XXXIX)

Lieber Papa

Ich musste zu dir. So schnell wie möglich. Um 7 Uhr stehe ich an der Bushaltestelle. In meiner Tasche ein Buch, ein Notizbuch und in mir angespannte Unsicherheit und Nervosität. Was erwartet mich? Wie treffe ich dich an? Normalerweise sitze ich um diese Zeit zu Hause an meinem Pult und schreibe die ersten Zeilen des Tages oder kümmere mich um Administratives. Bislang dachte ich, das seien die schlechten Tage, solche, an denen mir nichts einfallen will. Da merkte ich, dass auch das gute Tage sind, denn ein wirklich schlechter Tag war heute. Nun ging es nicht um Schreiben oder nicht Schreiben, nun ging es um dich.

Ich ging nicht allein auf Reisen, an der Bushaltestelle standen viele Leute, vermutlich auf dem Weg zur Arbeit. Sie schienen geübter im Stehen und Warten. Eine Routine, die ich nie gekannt hatte im Leben, da ich mich immer auf eigenen Wegen und im eigenen Rhythmus durchs Leben bewegt habe. Die anderen grüssen einander, nicken sich zu. Alte Bekannte der täglichen stummen Begegnung, ein «auch wieder da» im Blick. Nicht als Frage, sondern als Bestätigung des gewohnten Alltags. Das, was bei mir gerade aus den Angeln gehoben worden war.

Dann sass ich im Bus und schaute raus. Mein Blick erfasste nichts. Fand keinen Halt. Er ging durch die Dinge hindurch ins Leere. Was dachte ich? Was fühlte ich? Ich konnte es nicht fassen. Es war un-fassbar. Und ich fassungslos.

Am Hauptbahnhof stieg ich aus, konnte mich mit dem Menschenstrom treibenlassen, war mitgenommen. Überall so viel Leben. Und dessen Ende als dunkle Angst in mir. Ich fühlte mich wie eine einsame Insel in einem wogenden Ozean. Ein Gefühl, das mir auch sonst nicht fremd ist.

Als ich den Zug bestieg, waren erst wenige Plätze besetzt. Die noch freien füllten sich langsam. Später würde ich wissen, dass hier jeder seinen Platz hat. Dann würde auch ich meinen haben. Ich packte mein Buch und mein Notizbuch aus, legte es vor mir auf den Tisch. Das sah aus, als ob ich viel vor hätte. Wie dieser Schriftsteller, der morgens in den Zug steigt und dann schreibend durch die Schweiz fährt. Ich schrieb nicht.Ich fuhr zu dir. An dem Tag wusste ich noch nicht, dass ich einige Jahre weder lesen noch schreiben können würde. Als hätte Mamas Anruf dem einen Riegel vorgeschoben.

Irgendwann stand ich vor deiner Zimmertür. Beim Gehen durch die Gänge war ich immer langsamer geworden. Als ob das Hinausschieben helfen könnte. Oder alles nicht wahr sei, wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehen würde. Ich klopfte leise. Öffnete vorsichtig die Tür. Linste durch den Spalt. Sah dich da liegen. Du drehtest deinen Kopf zu mir und lächeltest mich an. Wie müde du aussahst. Die Arme seltsam mager. In meiner Erinnerung waren sie kräftig. Mit zupackenden Händen.

«Hallo Papa»

Im Zug schwirrten mir so viele Gedanken und Fragen durch den Kopf. Nun kam mir nichts mehr in den Sinn. Passte nicht. Kam mir zu aufdringlich vor. Oder hatte ich Angst, auf die Fragen Antworten zu kriegen, die ich nicht hören wollte? Das war sonst eigentlich deine Taktik. Ich fand sie plötzlich gut.

«Wie fühlst du dich?»

«Eigentlich gut.»

Klar, drum lagst du da. Aber ja, ich hatte gefragt.

«Konntest du schon mit den Ärzten sprechen? Was sagen sie?»

«Sie haben keine Ahnung, was los ist. Sie wollen alles genau untersuchen. Ich muss die ganze Woche hierbleiben.»

Ich ahnte, was das für dich bedeutete. Und: Das würde nicht meine letzte Reise gewesen sein.

(«Alles aus Liebe», XXXIX)

Eine Geschichte: Der Anruf (XXXVIII)

Lieber Papa

Da sind wir nun also. Schlagen ein neues Buch auf. Eines, in dem alles dreht. Und doch bleibt. Du erinnerst dich nicht an das, was nun kommt. Zwar hast du es erlebt, aber nur für dich. Du hast wenig davon gesprochen. Es reichte wohl schon, dass es so war, darüber reden musste man nicht auch noch. Ich möchte dir dennoch erzählen, wie ich es erlebt habe. Weil da noch so viele Gedanken sind.

Alles fing mit einem Anruf an.

«Papa wurde abgeholt.»

Hat Mama gesagt. Ich wusste nicht, was ich sagen soll. Also blieb ich still. Hörte ein paar Wortfetzen.

«Nicht mehr sprechen können…»

Das ist bei mir angekommen mir geblieben. Und löste Schlagworte aus. Wie «Hirnschlag». Und dann kamen die vielen Folgegedanken. Ich wollte die nicht haben.

Gerade noch haben wir telefoniert. Ich habe dich angerufen. Weil ich verzweifelt war. Und ich dich in solchen Situationen immer anrief. Weil ich wusste, du hörst zu. Und findest die richtigen Worte. Danach ist zwar nicht alles gut, aber ich bin wieder ruhiger. Das hast du immer geschafft.

Und nun ist da diese grosse Frage in meinem Kopf:  

«Bin ich schuld?»

Habe ich dich zu sehr aufgeregt? Mit meinem Drama. Mit meinem Leben, das nicht in geraden Bahnen läuft. Mit meinem So-Sein, das du nicht verstehst. Es kommt mir immer ein wenig vor, als sei es eine Zumutung ist für dich. Und irgendwo in mir sagte eine Stimme:

«Nun geht es zu Ende.»

Ich wollte das nicht denken. He, wir hatten doch einige brenzlige Situationen in letzter Zeit. Immer hiess es, dass du das nicht schaffst. Weisst noch? Die Borreliose, als du so lange im Komma lagst? Oder der Darmverschluss? Auch Komma. Ich wusste tief drin, dass du es schaffst. Und: So war es. So wollte ich auch jetzt denken. Dass du es schaffst. Dass das wieder wird. Es geht nicht. Die andere Stimme bleibt hartnäckig.

Ich stand neben mir. Kaum hatte Mama aufgelegt, hämmerten 1000 Fragen im Stakkato in meinem Kopf. Keine Antworten. Und dann kam die Angst.

Ich ging ins Bett, wollte die Welt ausschliessen, wollte in tiefen Schlaf versinken. Er blieb aus. Die Gedanken rasten. Ich wollte in den Zug steigen und zu dir fahren. Ich musste bleiben.

«Wir können nichts tun.»

Hat Mama gesagt.

«Wir müssen abwarten.»

Wie ging es dir in dem Moment? Was hast du gefühlt? Hattest du Angst? Fühltest du dich allein? Hätten wir nicht bei dir sein müssen?

Das war das Schlimmste. Diese Hilflosigkeit. Dieses Verdonnertsein zum Nichtstun. Diese Angst. In so einer Situation hätte ich sonst dich angerufen. Das ging nun nicht.

(«Alles aus Liebe», XXXVIII)

Eine Geschichte: Nun ist alles gut (XXXVII)

Lieber Papa

Kürzlich las ich ein Buch von Paul Auster. Darin schrieb er diesen Satz:

„…weil du immer geglaubt hast, er würde ein hohes Alter erreichen, hat es dich nie gedrängt, den zeitlebens zwischen euch hängenden Nebel zu lichten.“

Ich dachte an dich. An uns. Wir haben auch geschwiegen. Sassen im Nebel und sahen nicht hindurch. Wir dachten wohl nicht, uns bliebe noch Zeit. Das Schweigen war unsere Heimat, der vertraute Ort, an dem wir uns immer trafen.

Die Sprachlosigkeit war ein eingeübtes Verhalten, ein antrainiertes, vereinbartes Miteinander. Sie entsprach nicht meinem Naturell. Ich musste sie annehmen. Akzeptieren. Anwenden. Sie wurde aus der Erfahrung geboren, dass du keine Worte hören willst. Zumindest keine Widerworte. Oder unangenehmen Worte. Oder unbequemen Worte. All die hatten auszubleiben. Versuchte ich es anfangs noch, gab ich bald auf.

„Heute reden alle ständig und zu viel. Darum gibt es so viel Streit.“

So dachtest du. Und schwiegst. Ich wollte keinen Streit. Nicht zwischen uns. Früher nicht, jetzt erst recht nicht. Wenn ich doch ab und zu wieder einen Versuch unternahm, etwas Schwieriges ansprach, etwas erwähnen und besprechen wollte, das nicht gut gelaufen war, kam die immer gleiche Antwort von dir:

„Wir hatten es gut.“

Und:

„Alles war schön.“

Damit war alles gesagt. Das Thema war beendet, bevor ich es richtig angesprochen hatte.

Nun konnte ich nicht mehr schweigen. Ich schrieb dir all diese Briefe. Und immer wieder fragte ich mich, ob es richtig ist. Was bringt es, dir nun noch sagen zu wollen, dass es eben für mich nicht nur gut und schön war? Wieso soll ich dir deine Sicht nehmen? Aber ja, manchmal frage ich mich auch, ob du das wirklich glaubst. Dass alles gut war. Ich kann es kaum glauben. War das nicht nur dein Schutzschild, um nicht hinschauen zu müssen? Vielleicht sogar Fehler zugeben zu müssen?

Und dann denke ich wieder: Was soll’s. Es ist vorbei. Es war, wie es war. Und nun ist es gut.

Ende Teil 1

(„Alles aus Liebe“, XXXVII)

Eine Geschichte: Weiterleben (XXXVI)

Lieber Papa

Kürzlich las ich in einem Buch dieses Zitat:

«Ich war so traurig an diesem Abend; ich begriff mit einer Klarheit, wie nur zu wenigen anderen Zeiten meines Lebens, dass die Isolation meiner Kindheit, die Angst und die Einsamkeit, mich nie ganz loslassen würden. Meine Kindheit war ein einziger Lockdown gewesen.»
Elizabeth Strout

Weisst du, wie einsam ich mich oft fühlte als Kind? Von klein an? Immer jemandem im Weg. Immer von jemandem nicht gewollt. Da gab es diesen Tag, als Mama mir sagte:

«Ich weiss, dass Papa dich lieber hat als mich.»

Das kam aus dem Nichts. Es war eine einzige Anklage. Ich stand da. Wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte. Wie mir geschieht. Ich fühlte mich schuldig. Und traurig. Und allein. Ich hatte ihr etwas weggenommen. War das der Grund, dass sie mir gegenüber immer so distanziert war? Konnte sie mich drum nicht lieben? Weil ich ihre Feindin war? Nahm sie mich darum nie in den Arm? Fühlte sich darum alles, was sie tat, an, als erfülle sie eine Pflicht? Ich meine: Äusserlich ging es mir immer gut. Ich war warm angezogen, hatte zu essen, sie «kümmerte sich». Sie war eine Kümmermutter, keine liebende.

Vielleicht war das die gerechte Strafe für mich. Mich konnte man nicht lieben. Weil ich böse war. Ich stahl anderen die Liebe. Ich hatte keine Ahnung, aber ich versuchte, alles wieder gut zu machen. Ich wollte, dass sie glücklich ist. Und ich wollte, dass sie mich liebt. Ich versuchte, mich von dir fernzuhalten. Das war schwer, denn du warst alles, was ich hatte. Du warst der einzige, bei dem ich dachte, er wolle etwas mit mir machen. Und ich war gerne mit dir zusammen. Ich habe die Aussage nie mehr vergessen. Von da an fühlte ich mich immer zwischen den Stühlen. Ich wusste nicht, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Erinnerst du dich? Wir fuhren zusammen zum Einkaufen. Mama und ich hatten mal wieder Streit gehabt. Keine Ahnung, weswegen. Du hast mir diesen Streit übelgenommen. In deinen Augen war ich dafür verantwortlich. Das war ich immer, wenn irgendwo etwas nicht gut lief. Das war immer nur so, weil ich war, wie ich war.

Ich erinnere mich so gut an alles. Du warfst mir an den Kopf, dass Mama wunderbar sei, dass sie alles für mich mache. Du schimpftest mich undankbar. Ich müsse mich ändern, weil es so nicht weitergehen könne. Und dann sagtest du diesen Satz, der mein ganzes Leben mit einem Schlag in Frage stellte:

«Deine Mutter ist mir das Wichtigste. Wenn du nicht endlich mit ihr klarkommst, kannst du gehen. Dann will ich dich nicht mehr hier haben.»

Kein Schlag, keine Ohrfeige hätte mich mehr treffen können.

Das war der Tag, an dem ich gefühlt alles verloren habe und keinen Sinn mehr sah im Leben. An diesem Abend sammelte ich alle Schlaf- und Schmerzmittel zusammen, die ich im Haus finden konnte. Es waren viele. Ich schluckte sie. Es sollte endlich alles vorbei sein. Ich schlief ein.

Erst viele Stunden später und mit viel Anstrengung habt ihr mich wieder einigermassen wach gekriegt. Mir war übel. Ich stand neben mir. Alles drehte sich. Die Beine wollten mich nicht mehr tragen. Aber ich lebte. Leider. Nur in mir war etwas gestorben.

(«Alles aus Liebe», XXXVI)

Eine Geschichte: Hoffnung (XXXV)

Lieber Papa

Nun war ich also im Krankenhaus. Du warst gegangen. Ich war allein. Und fühlte mich unsicher, aber voller Hoffnung. Ich hoffte, dass sie mir einen Schlüssel aus meinem Gefängnis geben könnten. Dass sie einen Weg kennen, der hinausführt. In die Freiheit. Wie falsch ich doch lag.

„Sie sind bei uns auf der medizinischen Abteilung. Wir kennen uns leider mit Ihrer Thematik nicht aus.“

Mit diesen Worten begrüssten sie mich und fuhren fort:

„Auf der Kinderabteilung hätten sie wohl mehr Erfahrung, doch die sind voll belegt.“

Sie erzählten noch etwas davon, dass sie etwas versuchen wollen, guten Mutes seien und notfalls in der Kinderabteilung nachfragen würden. Und ich wäre am liebsten rausgerannt. Dann führten sie mich durch einen langen Gang. Durch die offenen Türen hörte ich Menschen husten und stöhnen. Auf dem Gang schoben alte Männer mit offenen Hemden ihren Rollator spazieren. Ich fühlte mich im falschen Film.

Sie wählten die Methode Zuckerbrot und Peitsche. Ich hatte ein Einzelzimmer, Fernsehen, Bücher, Telefon, Radio, Besuch, Essen à la carte und Freigang. Nahm ich brav zu, blieb alles, wie es war, tat ich es nicht, strich man etwas von diesem Angebot. Zuerst den Freigang. Dann den Besuch. Dann das Telefon. Die Bücher. Den Fernseher. Und so sass ich irgendwann allein und ohne nichts in meinem Bett. Mit Magensonde. Eigentlich hätte ich nun spätestens zunehmen müssen. Eigentlich. Aber: Ich hatte gelernt, die Sonde selbst rauszuziehen und wieder reinzuschieben. Ich kam mir so clever vor, dabei beschiss ich mich nur selbst. Sie standen mit Fragezeichen da, ich sass weiter in diesem neuen Gefängnis fest. Irgendwann merkte ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich nahm bis zu einem Mindestgewicht zu, dass ich mein Telefon wieder bekam. Dann rief ich dich an – erinnerst du dich?

„Papa, hol mich hier raus.“

Es war so schön, deine Stimme zu hören. In ihr lag eine Mischung aus Freude und Erstaunen. So stelle ich mir das vor, ich erinnere mich nicht. Ich weiss nur, dass du fragtest

„Wieso, entlassen sie dich?“

„Nein, aber ich halte das hier nicht mehr aus.“

Du warst nicht begeistert. Ich solle Geduld haben. Sagtest du. Ich müsse ganz gesund werden. Fandest du. Es sei zu früh. Befürchtetest du.

„Ich bin zwar schwerer als beim Eintritt, aber im Kopf geht es mir schlechter. Bitte Papa. Ich schaffe es zu Hause. Ich verspreche es!“

Du hast mir geglaubt. Und du kamst. Und hast dich eingesetzt. Für mich. Du sprachst mit den Ärzten. Sie drohten. Sie malten tausend Teufel an die Wand. Du bliebst stark. Für mich. Und du nahmst mich mit nach Hause.

Auf alle Fälle war ich wieder zu Hause. Und das war gut. Nicht, dass es einfach gewesen wäre. Ich habe mit Verstand und Logik versucht, diese Krankheit zu überwinden. Ich rechnete, plante und organisierte. Essen war dominant. Aber ich nahm nicht mehr ab. Und irgendwann sogar zu. Der Essensplan, den ich mir aufstellte, war rein auf meine Gelüste und Vorlieben ausgerichtet. Gesund war das sicher nicht. Sicher gesünder als verhungern. Du hast mich unterstützt. Du hast mich alles ausprobieren lassen. Erinnerst du dich, wie wir regelmässig ganze Früchtekuchen beim Bäcker holten, die ich dann nach ausgeklügeltem Zeit-Plan ass? Oder wie ich Diäten umkrempelte, weil ich dachte, was zum kontrollierten Abnehmen hilft, müsste auch umgekehrt gehen. Die Kontrolle war wichtig. Die konnte ich nicht loslassen. Aber es ging. Irgendwie. Immerhin hatte ich irgendwann wieder ein Gewicht, das nicht mehr besorgniserregend war.

Papa, ich schreibe dir das und ich weine dabei. Ich denke an dich und wie oft du für mich gekämpft hast. Für mich da warst. Dich für mich eingesetzt hast. Du. Immer du. Du warst mein Fels. Mein Alles. Der starke Papa, auf den ich bauen konnte.

(«Alles aus Liebe», XXXV)

Eine Geschichte: Tiefpunkt (XXXIV)

Lieber Papa

Irgendwann hatte ich es geschafft. Ich hatte das Gewicht erreicht, das ich erreichen wollte. War ich zufrieden? Ich weiss es nicht mehr. An einem Abend ging ich zu einer Klassenfete. Ich tanzte den ganzen Abend. Als ich am nächsten Morgen auf die Waage stieg, hatte ich ein Kilo weniger. Das war zwar keine Absicht gewesen, doch es fühlte sich gut an. Ich wollte das Gewicht so halten. Die Angst, wieder zuzunehmen, war gross. Deshalb ass ich noch weniger. Und nahm noch mehr ab. Und wieder fühlte es sich gut an. Ein neues Gewicht, das ich halten wollte und deswegen noch weniger ass. Die Komplimente, die ich für meine schlanke Figur bekam, stachelten mich an. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, war grossartig. Ich fühlte mich so gut. Endlich war ich einmal gut genug. Die Spirale begann, zu drehen. Die Angst vor dem Zunehmen liess mich immer dünner werden. Zu den Komplimenten gesellten sich besorgte Stimmen. Ich brachte sie zum Schweigen.

Tief drin wusste ich, dass ich auf keinem guten Weg war. Nur: Ich konnte ihn nicht verlassen. Ein Teil von mir steuerte ins Unglück, der andere schaute hilflos zu. Da war etwas in mir, das sich wie ein Geschwür ausbreitete. Es nahm alles in Beschlag: Gefühle, Gedanken, Handlungen. Ich sass in einem Gefängnis. Niemand hatte einen Schlüssel. Keiner bewachte die Tür. Und doch gab es kein Entkommen.

Am Schluss bestand mein Ernährungsplan aus Gurke und Hagebuttentee. Dann strich ich die Gurke. Schliesslich reduzierte ich den Tee, weil sich der Bauch danach wölbte. Erinnerst du dich noch an den Sommer, als wir zu einem Alpfest gingen? Es waren 28 Grad und ich fror. Und ich war müde. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Mehr war da wohl auch nicht mehr.

Kurz darauf ging ich zu unserem Hausarzt und sagte zu ihm:

„Ich kann nicht mehr. Ich komm da nicht mehr raus. Helfen Sie mir. Ich will ins Krankenhaus.“

Er hat mich eingewiesen. Du hast mich hingefahren. Bliebst bei mir, bis sie dich wegschickten. Der Abschied hat uns beiden wehgetan. Weisst du noch? Ich sah es in deinem Blick. Und doch: Wir waren voller Hoffnung. Jetzt würde alles gut.

(„Alles aus Liebe“, XXXIV)

Eine Geschichte: Zerstörung (XXXIV)

Lieber Papa

Erinnerst du dich an Käsli? So nanntest du ihn immer. Das war leider das einzige, was mich im Zusammenhang mit ihm zum Lachen brachte. Er war ein Sadist. Und mein Lehrer. Er schikanierte mich, wo er nur konnte. Er demütigte mich. Im Sport kam er auf seine Kosten, denn da bot ich eine perfekte Zielscheibe. Aber er fand auch andere Wege.

Wie oft kam ich weinend nach Hause. Verzweifelt. Wollte nicht mehr in die Schule. Wie oft bist du in die Schule, hast mit ihm gesprochen, weil du mir helfen wolltest. Es half nichts. Im Gegenteil. Es wurde immer schlimmer. Das Schlimmste war, dass er mich vor der Klasse blossstellte. Und alle lachten. Vor allem im Turnunterricht. Er stachelte sie an und sie machten in der Umkleide weiter. Hänselten mich. Ich sei ein Mehlsack.

„“Kein Wunder ist dein Bauch so dick, du bist ja auch ständig am Essen.“

Das sagte das dünnste Mädchen der Klasse. Sie war auch die sportlichste von allen. Wenn ich heue Fotos von damals anschaue, war ich alles andere als dick. Ich war nicht knochig, aber normal. Gross halt. Und mit den ersten Kurven. Gefühlt habe ich mich wie ein Schwabbelkloss nach solchen Aussagen. Und dieses Gefühl breitete sich in mir aus. Ich wollte dünn sein. Die Rundungen mussten weg. Ich schämte mich. Für meinen Körper. Für meine Unsportlichkeit. Für mich. Ich wollte das ändern. Leider wusste ich damals nicht, was ich heute weiss.

Ich fand eine Verbündete und gemeinsam begannen wir, Diäten auszuprobieren. Die erste war, dass man ab 16 Uhr nichts mehr essen darf. Bis dahin kauten wir uns durch alles, was uns schmeckte: Salzstangen, Chips, Brot, Nüsse, Käse, Kekse und wohl so einiges mehr. Punkt 16 Uhr räumten wir zusammen. Euch erzählte ich wohl, ich hätte schon bei Celine gegessen. Ich weiss nicht mehr, wie ihr darauf reagiert habt. So oder so: Der Erfolg dieser Diät blieb aus. Es kamen weitere mit demselben Erfolg.

Blieb nur eines: Ich musste mein Essen reduzieren. Auswärts ass ich nichts mehr, euch erzählte ich, ich hätte schon gegessen. Hatten wir Auseinandersetzungen deswegen? Wie kam ich damit durch? Ich habe es vergessen. Dann wurde ich Vegetarierin. Ausgerechnet ich, die Fleisch immer so geliebt hat. Dadurch konnte ich einen grossen Teil des Essens weglassen. Ein geschickter Kniff, wie ich fand. Was habt ihr gedacht? Ich weiss, dass du es nicht verstanden hast. Du machtest immer wieder entsprechende Bemerkungen. In Humor verpackt. Der Kern war wohl ernst. Dachtet ihr, es sei eine frühpubertäre Flause, die sich wieder gibt?

Erste Erfolge stellten sich ein. Ich kam meinem kurvenlosen Ideal näher, erreichte es aber nicht. Der Blick in den Spiegel zeigte deutlich: Ich musste mehr tun. Fast schien mir, ich sei dicker geworden, obwohl die Waage weniger anzeigte. Merkwürdig, aber: Spiegel lügen nicht.

Ich ass noch weniger. Ich machte Listen mit verbotenem (sehr lange Listen) und erlaubtem (immer kürzer werdende Listen) Essen. Ich war gut. Ich war diszipliniert. Nur manchmal schielte ich sehnsüchtig auf all die verschmähten Dinge. Dann sah ich die Lösung: Im Fernsehen kam ein Film über ein Mädchen, das ass, was es wollte, ohne zuzunehmen. Was für ein Wunder. Immer nach dem Essen kotzte sie sich die Seele aus dem Leib und joggte dann fast bis zum Umfallen. Rennen war Sport, also nicht meins. Ich versuchte es mit dem Kotzen. Bis dahin war Erbrechen mein grösster Horror gewesen, da ich es aus der Kindheit kannte von all den Magen-Darm-Geschichten, für die ich anfällig gewesen war. Das nun freiwillig auszulösen? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber: Was tut man nicht alles. Ich gab mir Mühe. Und kriegte es nicht hin.

Das viele Essen war logischerweise kein Problem, die Probleme fingen danach an: Nun müsste ich den Finger in den Hals stecken. Ich stellte mir vor, wie dann diese saure Sauce über meine Hände plätscherte. Das war zu eklig. Das war unmöglich. Aber dieses ganze Essen musste raus. Was machte ich denn nun? Ich fühlte mich wie ein Klumpen. Fett. Ich war wütend. Ich hätte alles um mich kurz und klein schlagen, alles kaputt machen können. Mich am liebsten mit. In mir wurde eine Stimme immer lauter:

„Nicht mal das kriegst du hin. Nicht mal zu den einfachsten Dingen bist du fähig.“

Diese innere Vernichtung dauerte lange an. Irgendwann hast du mich weinend gefunden. Du hast mich getröstet, auch wenn du nicht verstanden hast, worum es geht. Wie hättest du das auch können? Ich verstand es doch selbst nicht. Ich hatte den Zugang zu mir verloren. Da war nur Leere. Und Trauer. Und Wut. Ich habe dir in dieser Zeit wohl oft weh getan. Das tut mir heute leid. Du hast dir Sorgen gemacht. Das weiss ich. Du fühltest dich hilflos. Auch das weiss ich. Wusste es schon damals. Und kam doch nicht aus meiner Haut. Ich war in etwas geraten, das grösser war als ich.

(„Alles aus Liebe“, XXXIV)

Eine Geschichte: Es recht machen (XXXII)

Lieber Papa

Ich liebte Bücher. Erinnerst du dich? Ganze Nachmittage konnte ich auf dem Bett liegend mit einem Buch in der Hand verbringen. Ich liebte es, einzutauchen. In Geschichten. In andere Welten. Und vermutlich liebte ich auch, aus meiner flüchten zu können. Du fandest, ich müsse mehr raus. Ich könne mich nicht nur zu Hause einschliessen und lesen. Das sei nicht gut für mich. Also ging ich raus.

Ich fand etwas, das mir Spass machte: Das Eisfeld. Anfangs noch sehr zögerlich auf den Kufen, lernte ich sehr schnell immer schnellere Kurven zu drehen. Die Mädchenschlittschuhe mussten bald Hockeystiefeln weichen. Wir spielten fangen. Ich war schnell. Und gut. Eigentlich merkwürdig. Ich die Sportspfeife.

Aus den Boxen dröhnte Musik. Immer die gleichen Lieder. Ich liebe sie noch heute. Sie bringen mir ein Stück Glück zurück. Ich schwebte übers Eis, fühlte mich frei. Unbeschwert. In meinem Element. Alles andere war weit weg. Ich fand schnell Anschluss. So ungewohnt. So schön. Da war dieser eine Junge. Er war schon älter. Er war der Schnellste und Beste auf dem Eisfeld. Und: Er mochte mich. Mich…

Tagsüber fuhr ich mit dem Rad zum Eisfeld. Ich sehe den Weg noch vor mir. Nach einer kurzen Strecke auf der Strasse führte er über Felder, an Schreibergärten vorbei, durch kleine Quartiersträsschen. Ich bin ihn so oft gefahren. Immer voller Vorfreude. Ich fühlte mich lebendig. Ich gehörte dazu. Das war so neu. Angekommen sprang ich vom Rad, packte meine Sachen, rannte hinein. Ich konnte es kaum erwarten.

Ab und zu durfte ich auch abends aufs Feld, allerdings nicht mehr mit dem Rad. Du fandst das zu gefährlich. Du hast mich mit dem Auto gebracht und später wieder geholt. Ich erinnere mich nicht mehr an diese Fahrten. Nur daran, dass es manchmal eine Predigt gab. Darüber, dass ich zu viel rausgehe. Zu wenig an die Zukunft denke. Zu wenig für die Schule täte. Vielleicht mehr lesen sollte.

Erinnerst du dich an den einen Abend? Ich fragte dich, ob du mich fährst. Du sagtest ja. Doch dann fingst du an. Fandst, ich verschwende mein Leben. An die falschen Leute. Dieser Junge zum Beispiel. Der tauge nichts. Er erinnere dich an die besten Tänzer früher. Mehr Schein als Sein. Die hätten später im Leben nichts erreicht. Du sprachst von falschen Vorbildern und unnützen Freunden, davon, wie man sein Leben vergibt, wenn man die falschen Prioritäten setzt. Und noch viel mehr. Während du so sprachst, zogen wir uns an. Und dann war mir die Lust vergangen

„Du kannst die Jacke wieder ausziehen. Ich möchte nicht mehr gehen.“

Sagte ich.

„Wir haben gesagt, wir gehen, nun gehen wir.“

Sagtest du.

„Aber ich habe keine Lust mehr nach all dem.“

Wir sind gefahren. Und schwiegen. Als wäre alles gesagt.

Während ich das schreibe, kommt mir das Abba-Lied „When all is said and done“ in den Sinn.

(„Alles aus Liebe“, XXXII)

Eine Geschichte: Gemeinsame Momente (XXX)

Lieber Papa

Als ich dir vom Sporttag erzählte, bei dem all das, was ich nicht kann, so zentral war, kam mir auch das Singen wieder in den Sinn. Der Vorfall mit der Mitschülerin, die meinte, mit meiner Stimme könne man nicht singen. Und wie mir das das Singen nachher verleidet hat.

Da dachte ich an dich. Als ich noch kleiner war, hast du manchmal für mich gesungen. Nicht ernst. Es war ein kleiner Spass zwischen uns. Kein In-den-Schlaf-Singen, eher eine Parodie. Wie habe ich es geliebt. Oft war es „Uncle Satchmo’s Lullaby“ von Louis Armstrong. Du hast beide Stimmen gesungen. Zuerst hoch und piepsig:

«Ich sag gute Nacht…»

und dann tief und brummig:

«And I say good night…»

“Die Sonne geht schlafen, der Tag ist vorbei…”

«When Uncle Satchmo sings his lullaby…”

Danach konnte ich mich vor Lachen kaum mehr halten. Du hast nämlich auch den Part der Trompete gesungen. Es war wunderbar. Und ich merke, wie sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht eingenistet hat, während ich das schreibe. Ich würde es gerne nochmals erleben.

Wenn ich Louis Armstrong höre oder ein Bild von ihm sehe, denke ich an dich. Und an Uncle Satchmo. Und an diese wunderben Momente, die nur uns beiden gehörten. Es ist schön, diese Erinnerung zu haben.

Ich möchte hier nicht mehr weiterschreiben. Das soll so stehen bleiben. Weil es so schön ist. Für mich. Erinnerst du dich auch?

(«Alles aus Liebe», XXX)