Sie so: „Du musst einfach lernen, deine Fehler einzugestehen.“

Er so: „Wir müssen beide lernen, dass wir Fehler haben. Auch du hast deine.“

Sie so: „Da hast du recht. Wobei: Wenn ich so nachdenke… eigentlich fällt mir grad keiner ein, ich finde mich ziemlich gut. Eigentlich bin ich fast perfekt.“

Lebenslügen und Ausbruchsversuche

Du sitzt ja immer noch da! Es kann jeden Moment losgehen…

Hannah muss für einen Job nach Zürich, Sebastian soll gegen seinen Willen mit, weil Hannah ihre Wohnung für die Zeit mit Roman getauscht hat, welcher beruflich in die Stadt kommt und seine Frau Magdalena mitbringt.

Sebastian, pack bitte deinen Koffer, unsere Tauschpartner sind in einer Stunde da! Und ich weiss nicht, ob die hier wohnen wollen mit einem fremden Mann in der Abstellkammer!

Die Wohnungsübergabe ist alles anderes als reibungslos, Sebastians Unwille zeigt sich in mangelndem Antrieb und ausufernden Wortergüssen, welche sich meist gegen die Welt von Romans und Hannahs Geschäftsumfeld wenden, Roman und Hannah treiben zur Eile an und Magdalena fühlt sich von Sebastians Unkonventionalität angezogen, was sich nach einigen Gläsern Champagner noch verstärkt.

Schon bald liegen sämtliche Abgründe der beiden Beziehungen offen, teilweise durch die Dialoge unter den Partnern, teilweise durch die Verständigung übers Kreuz zwischen den jeweils verwandten Charakteren.

Moritz Rinke gelingt mit seinem Theaterstück quasi ein Mikrokosmos, welcher ein Abbild der Gesellschaft darstellt. Die vier Personen widerspiegeln sowohl die einzelnen Klassen der Gesellschaft (Wirtschaft/Technik, Kunst, Spiritualität, welche sich allerdings in den Dienst der Wirtschaft stellt und anpassungsfähige Ehefrau) und die Kräfte, die dazwischen wirken. Man sieht sich mittendrin in den gegenseitigen Abhängigkeiten und Verachtung. Auf der tatsächlichen Beziehungsebene wird man Zeuge von lange gehegten Lebenslügen, die über die Jahre aufrecht erhalten wurden, um die Beziehung zu stützen, die sie aber langsam unterhöhlten und den gegenseitigen Respekt absterben liessen. Die Ahnung, die von Anfang an geschürt wird, bestätigt sich: Das kann kein gutes Ende nehmen. Und irgendwie nimmt es keines, weil die Geschichte noch nicht fertig ist, die Gesellschaft noch nicht am wirklichen Scheidepunkt. Alles ist möglich, der Preis zeigt sich schon im bislang gesagten, doch man hat ihn so lange gezahlt, man wird es weiter tun.

Fazit:
Ein Theaterstück über eine Beziehung, welche der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Sehr gelungen.

Zum Autor
Moritz Rinke
Moritz Rinke wurde 1967 in Worpswede bei Bremen geboren und studierte in Giessen Angewandte Theaterwissenschaft. Danach arbeitete er für verschiedene Zeitungen wie Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, FAZ, u.a., wurde da für seine Tätigkeit zweimal mit dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnet. Seit 1999 schreibt Moritz Rinke Theaterstücke. Sein Bühnenstück Republik Vineta wurde 2001 zum besten deutschsprachigen Theaterstück gewählt und 2006 verfilmt. 2003 debütierte er als Schauspieler und schaffte es bis nach Cannes. 2010 erschien sein erster Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Moritz Rinke lebt als freier Autor in Berlin. Von ihm erschienen sind unter anderem Republik Vineta (2000), Die Nibelungen (2002), Die Optimisten (2003), Cafe Umberto (2005), Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel (2010), Wir lieben und wissen nichts (2013).

4B56696D677C7C33353230323836377C7C434F50Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (2. Mai 2013)
ISBN-Nr.: 978-3499245190
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Ruth und Vika sind Schwestern. Sie leben zusammen in ihrer Wohnung und blicken auf ein gemeinsames Leben zurück. Von klein auf hielten sie zusammen, passten aufeinander auf, gaben sich gegenseitig Kraft. Sie überstanden die Tyrannei des Vaters, die Depression und Kälte der Mutter. Als Ruth alt genug war, floh sie nach New York, Vika reiste ihr nach. Von da an konnte sie nichts mehr trennen. Männer, Kinder, alles wäre ein Einschnitt in ihre Freiheit gewesen und nichts liessen sie zwischen sich kommen.

Ich wollte frei sein, ungebunden, wollte mir selbst gehören, keine Magd, keine Gattin sein, niemandem zugeordnet, nur mit dir zusammen, mein eigen, dein eigen, und ich ging in die Welt, eine Frau, und du kamst nach, keiner konnte uns zurückhalten, keiner uns trennen, wir liebten uns, die Eltern schmiedeten uns mit ihrer Kälte und Strenge wie glühendes Eisen zusammen…

Nun sind sie alt, sitzen tagtäglich zusammen am Tisch, abends auf dem Sofa, lassen ihr Leben Revue passieren und geniessen dieses Leben im Gleichschritt, ohne Neuerungen, ohne Überraschungen, einfach zu zweit.

Die beiden Schwestern kannten einander gut, sie würden sich nicht mehr ändern, bei ihnen blieb alles beim Alten. Aber die Welt draussen bewegte sich, und oft ängstigten sie sich vor der Unruhe, die sich in ihnen ausbreitete, wenn sie Nachrichten hörten. Dann waren sie froh, drinnen zu sein, in ihren vier Wänden. Zu viel Bewegung ging über ihre Kräfte.

Erinnerungen, die das Heute füllen, der Blick zurück als Lebensinhalt. Zwei Frauen, die ihr ganzes Leben – abgesehen von drei Jahren – zusammen waren, die aneinander gekettet durch ihr Schicksal in dieser Zweisamkeit die Freiheit sahen. So durchs Leben zu gehen war die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, da keine der beiden Schwestern sich allein stark genug fühlte. Und wie sie lebten, so stellten sie sich auch ihren Tod vor.

Sie gingen davon aus, dass das Ende genau so sein würde, wie sie es sich vorstellten. Man musste, dachten sie, nur fest an etwas glauben, von etwas überzeugt sein, damit es eintraf.

Eberhard Rathgeb schildert in Kein Paar wie wir die Geschichte zweier Frauen, die in gemeinsamen Gesprächen die Vergangenheit täglich neu beleuchten. In einem sprachlichen Staccato von wiederkehrenden Anekdoten entsteht langsam, Stück für Stück, ein Lebensbild. Dabei wechselt die Erzählperspektive zwischen der Ich-Erzählung der beiden Schwestern sowie einer auktorialen Perspektive hin und her.

Fazit:
Kein Paar wie wir ist eine Geschichte voller Kälte, Leid und (Überlebens)Kampf, aber auch eine Geschichte voller Liebe, Verlässlichkeit, Lebenshunger.

Zum Autor
Eberhard Rathgeb
Eberhard Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren und folgte mit vier Jahren seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Bis vor sieben Jahren wohnte er in verschiedenen Städten, zog dann mit Frau und Kind aufs Land. Er war Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ihrer Berliner Sonntagsausgabe. Von Eberhard Rathgeb erschienen sind bereits Inventur. Deutsches Lesebuch 1945 – 2003 (2003), Die engagierte Nation. Deutsche Debatten (2005), Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe (2007).

Rathgeb_24131_MR.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 25.90