Lesezeiten – Joseph Stiglitz: Der Weg zur Freiheit

«Eine zentrale Aufgabe kollektiven Handelns besteht darin, die Freiheit aller Menschen zu erweitern…»

In seinem neusten Buch Der Weg zur Freiheit hat der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sein Denken der letzten Jahrzehnte pointiert und eindringlich neu formuliert. Wer Stiglitz kennt, wird vieles wiedererkennen, wirkliche Neuentdeckungen sind kaum zu erwarten. Trotzdem ist das Buch nicht einfach eine (und schon gar keine überflüssige) Zusammenfassung alter Ideen, sondern es trifft den Nerv der Gegenwart, weil es einen Begriff ins Zentrum rückt, der politisch umkämpfter kaum sein könnte: die Freiheit.

«Wenn die Handlungen einer Person sich auf andere auswirken, müssen wir Mittel und Wege finden, um diese Wechselwirkungen in geordnete Bahnen zu lenken.»

Stiglitz’ zentrale These ist ebenso einfach wie folgenreich: Freiheit ist kein rein individuelles Gut, sondern ein soziales Verhältnis. Die Freiheit des einen steht oft in Spannung zur Freiheit des anderen. Damit wendet er sich entschieden gegen den neoliberalen Freiheitsbegriff, den Denker wie Hayek oder Friedman geprägt haben, eine Freiheit, die vor allem als Abwesenheit staatlicher Eingriffe verstanden wird. Für Stiglitz greift das zu kurz. Freiheit bedeutet für ihn vielmehr reale Möglichkeiten: Zugang zu Bildung, Gesundheit, Sicherheit und politischer Teilhabe. Ohne diese Voraussetzungen bleibt Freiheit eine leere Formel.

Diese Perspektive erlaubt ihm eine breit angelegte Kritik des Neoliberalismus. Märkte, so zeigt er überzeugend, sind weder neutral noch selbstregulierend. Sie produzieren Machtkonzentrationen, verstärken Ungleichheiten und externalisieren Kosten, etwa in Form von Umweltzerstörung oder sozialer Unsicherheit. Besonders stark ist das Buch dort, wo Stiglitz diese Dynamiken konkret durchbuchstabiert: bei der Finanzkrise, bei globalen Handelsregimen oder im Umgang mit der Klimakrise. Seine Argumentation bleibt nicht nur theoretisch, sondern er greift immer wieder zurück auf seine Erfahrung als Berater und Weltbank-Ökonom.

Freiheit ist in der Moderne oft interessengeleitete Forderung verwendet worden. Er steht als Forderung einer politischen Rhetorik im Raum, welche Freiheit auf Deregulierung und Marktlogik reduziert. Dem setzt Stiglitz ein positives Verständnis des Begriffs entgegen und definiert Freiheit als Erweiterung menschlicher Handlungsspielräume. Aus dieser Perspektive ist der Staat und dessen Handeln nicht der Gegner oder gar Verhinderer von Freiheit, sondern er ermöglicht Freiheit erst. Staatliche Regulierungen sind keine Einschränkung, sondern sie sind Bedingung eines fairen Ausgleichs von Freiheiten.

Hier liegt allerdings auch eine Schwäche des Buches. So überzeugend die Diagnose ist, so vage bleiben oft die Lösungsansätze. Stiglitz’ Konzept eines „progressiven Kapitalismus“ oder einer erneuerten Sozialdemokratie bleibt skizzenhaft. Viele Vorschläge wirken wie Spiegelbilder neoliberaler Positionen, ohne in ihrer konkreten politischen Umsetzung ausgearbeitet zu sein. Gerade angesichts der Komplexität globaler Machtverhältnisse und der Dynamik aktueller politischer Entwicklungen hätte man sich hier mehr Präzision gewünscht.

Hinzu kommt, dass Stiglitz’ Kritik bisweilen asymmetrisch bleibt. Autoritäre Tendenzen auf der politischen Rechten analysiert er scharf und überzeugend, problematische Entwicklungen innerhalb progressiver Bewegungen oder die Ambivalenzen moderner Demokratien geraten hingegen weniger in den Blick. Das schwächt den Anspruch, eine umfassende Diagnose der Gegenwart zu liefern.

Dennoch ist Der Weg zur Freiheit ein wichtiges Buch. Nicht, weil es radikal Neues bietet, sondern weil es einen zentralen Begriff unserer politischen Ordnung neu justiert. Stiglitz zeigt, dass Freiheit ohne Gerechtigkeit zur leeren Hülle wird oder schlimmer: zu einem Instrument der Macht. Sein Buch ist damit weniger ein detaillierter Fahrplan als ein normativer Kompass. Es erinnert daran, dass eine freie Gesellschaft nicht dort beginnt, wo der Staat sich zurückzieht, sondern dort, wo Menschen tatsächlich die Möglichkeit haben, ihr Leben zu gestalten.

Lohnungleichheit Frauen und Männer

Ich habe mich in der letzten Zeit in Ökonomie-Bücher gestürzt – eine neue Welt, die für mich zwar anstrengend war durch die doch trockenen Fakten, die mir aber auch ganz neue Einblicke ins Leben und in die Welt eröffnet haben. Mir wurde einmal mehr bewusst, wie wertvoll es ist, die eigenen Pfade ab und an zu verlassen und Neues zu entdecken. Ich kam zum Schluss, dass eigentlich ökonomische Zusammenhänge ganz viel von unserem (Zusammen-)Leben bestimmen, dass diese Zahlen und Fakten viel mehr sind als nur das. Sie bestimmen Lebensumstände.

Es gibt den Spruch, dass das, was einer hat, bestimmt, was einer ist. Das ist ein Denken, das man gerne ablehnt, weil man findet, den Mensch mache viel mehr aus als sein Besitz. Man liest den Ausspruch in der Weise, dass das Haben wichtiger ist als das Sein und ist darüber moralisch empört, da das Sein doch viel zentraler ist. Nur: Um sein zu können, muss man etwas haben, denn ohne die grundlegende Finanzierung dieses Seins wird dieses Sein nicht nur kein befriedigendes sein, sondern sogar ein leidvolles. Und das ist es in der heutigen Zeit immer noch für viele Menschen auf dieser Welt.

Befasst man sich intensiver mit der Thematik der Geldverteilung auf dieser Welt, sieht man, dass diese alles andere als gleich oder gerecht ausfällt. 1 % der Menschen am oberen Ende der Skala besitzt mehr als 50 % am unteren zusammen. Die Menschen am ganz unteren Ende haben von allem zu wenig, ihr Überleben ist auf menschenwürdige Weise oft nicht mehr möglich. Hier möchte ich eine andere Ungleichheit herausgreifen: Die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Die Zahlen dazu habe ich aus dem Buch „Der Sozialismus der Zukunft“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty. Es versammelt seine Kolumnen aus Le Monde aus den Jahren 2016 – 21.

Im Alter von 25 arbeiten beide Geschlechter in vergleichbaren Stellen, da beträgt der Einkommensunterschied zwischen 10 und 20 %. Im Laufe der Jahre werden Männer mehr befördert als Frauen, der Unterschied steigt an, liegt bei 50 Jahren bei 60 & und kurz vor der Rente bei 64 %. Das sind die Zahlen aus Frankreich im Jahr 2016, ich denke aber, viel hat sich da noch nicht geändert und auch in anderen Ländern wird es nicht komplett anders sein. Piketty hat berechnet, dass dies aber schon eine Verbesserung zu früher darstellt, und da, wenn die Entwicklung so weiter geht, wir im Jahr 2102 Lohngleichheit haben werden.

Ich frage mich, ob wirklich jemand mit einem Ansatz von Gewissen in einer solchen Welt leben möchte?! Oft heisst es, das patriarchalische System hänge noch in den Köpfen, diese Umstände seien den Ängsten der Männer vor Macht- und Jobverlust geschuldet, weshalb sie die alten Strukturen leben liessen. Ich kann (will) nicht glauben, dass jemand am Abend wirklich noch in den Spiegel schauen könnte, wenn er das bewusst so geplant hätte. Sind uns diese Zahlen zu wenig bewusst? Müssten wir uns mehr dafür einsetzen, diese Missstände aufzuzeigen? Wer? Wo? Auf welche Weise? Was können wir tun? Mir war das alles nicht in dem Ausmass bekannt (in Ansätzen aber schon). Das Thema will ich weiter verfolgen, vor allem auch, weil ich denke, dass mit dieser Ungleichheit noch ganz viele andere Probleme dieser Welt zusammenhängen, Piketty spricht in dem Zusammenhang auch von er weltweiten Armut sowie dem Klimaschutz.

Gareth Stedman Jones: Das kommunistische Manifest

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Obgleich das „Manifest“ unser beider gemeinsame Arbeit war, so halte ich mich doch für verpflichtet festzustellen, dass der Grundgedanke, der seinen Kern bildet, Marx angehört. Dieser Gedanke besteht darin: dass in jeder geschichtlichen Epoche die vorherrschende Produktions- und Austauschweise und die aus ihr mit Notwendigkeit folgende gesellschaftliche Gliederung die Grundlage bildet, auf der die politische und die intellektuelle Geschichte dieser Epoche sich aufbaut und aus der allein sie erklärt werden kann.

Das Buch von Gareth Stedman Jones führt den Leser an das kommunistische Manifest von Marx und Engels heran, indem es die geschichtlichen und gedanklichen Hintergründe und Einflüsse desselben aufzeigt. Stedman Jones zeichnet ein Bild von Hegels und Marx biographischen Geschichten, zeigt die Einflüsse, denen die beiden ausgesetzt waren und wie sich ihre Gedankengänge und Ideologien entwickelt haben. Er behandelt dabei vor allem Hegel ausführlich, welcher grossen Einfluss auf Marx hatte. Auch die Einflüsse von Stirner, Adam Smith, Gottlieb Fichte, Immanuel Kant, Hugo Grotius und vieler mehr werden ausgeführt und dem Leser so ein umfassendes Bild der gedanklichen Geschichte des Manifests vorgestellt.

Der Blick auf die Geschichte mit ihren Umbrüchen, die Erklärung der Industrialisierung in der damaligen Zeit und die einzelnen Bewegungen in verschiedenen Ländern Europas werden fundiert und der Thematik angemessen präsentiert, so dass sich ein breit abgestütztes Gesamtbild ergibt, in welches der Originaltext eingeordnet werden kann.

Wenn sich ein Wissenschaftler so intensiv  mit einem Geist wie Marx auseinandersetzt, gründet das oft auf einer Faszination durch diesen und eine damit einhergehende Verehrung. Stedman Jones lässt sich den Blick dadurch jedoch nicht trüben und zeigt durchaus auch kritisch auf die Schwächen von Marx Lehre und die Probleme der sich gegenseitig aushebelnden Gedankengänge und Forderungen. Er konstatiert, dass Marx wohl von der Fertigstellung seines Werks „Das Kapital“ absah, da er selber gemerkt haben musste, dass seine Theorie Gefahr lief, zu implodieren. Nichts destotrotz gelingt es Stedman Jones, die noch heute aktuelle Schrift in einem klaren und einprägenden Licht darzustellen.

Fazit:

Eine fundierte und tiefgründige Heranführung an das Werk von Marx und Engels. Stedman Jones zeichnet sich durch fundiertes Wissen des Werkes der beiden sowie durch solide Kenntnis der Hintergründe und geschichtlichen, philosophischen und anderweitigen Einflüsse aus. Ab und an etwas langatmig und wenig auf den Punkt, insgesamt aber sehr aufschlussreich und lesenswert.

 Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 319 Seiten

Verlag: C. H. Beck

Übersetzung aus dem Englischen: Catherine Davies

Preis: EUR 14.95 / CHF 21.90

 

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