Wort oder Haltung – oder: Darf es noch ein Mohrenkopf sein?

Die Wogen schlagen hoch. Die Migros strich Dubler Mohrenköpfe aus dem Sortiment. Weil der Name nicht gehe. Er ist rassistisch. Findet die Migros. Man weiss nun nicht genau, ob das nur ein PR-Insturment war, um auf den Zug der Bewegung „Black Lives Matter“ aufzuspringen, oder aber ernst gemeinte ethische Haltung. Ich weiss es nicht, ich lasse es drum im Raum stehen.
Für mich ist die ganze Diskussion insofern irrelevant, da ich die Dinger schlicht nicht mag. Ich habe noch nie einen selber gekauft. Egal, wie er hiess. Ich wusste nicht mal um die Existenz dieser nun oben erwähnten Exemplare. Seit dem Aufruhr kenne ich sie. Würde sie aber immer noch nicht kaufen. Aus einem Grund: Ich mag keine pappsüssen Dinger, die mehrheitlich schaumen und dann auch noch Schokolade drum haben.

Um ernst zu sein: Ich bin sehr zwiegespalten bei der ganzen Diskussion. Einerseits denke ich, dass wir alles umbenennen können, es ändert an der Haltung wenig. Die, welche Menschen nicht ausschliessen möchten, tun es nicht, egal, wie etwas heisst. Für andere könnte es heissen, wie es wollte, sie täten es doch. Wir müssen an Haltungen, nicht an Namen arbeiten, vor allem bei Namen, die für die Mehrheit nie negativ konnotiert waren.

Das andere ist: Menschen sind verletzt durch Namen. Und ja, es ist ein Leichtes, dann den Namen zu ändern, man möchte ja keinen verletzen. Aber es verletzt sie ja nicht das Wort an sich, sondern das, was sie mit dem Wort erlebten. Und wäre es DAS Wort nicht, wäre es ein anderes Wort, das jemand gefunden hätte, um zu verletzen.

In meinen Augen legen wir zu viel Wert auf äussere Dinge wie Worte, zu wenig auf Haltung und Werte.

Ich schreibe das aus der Haltung einer, die das Wort ‚Mohrenkopf’so oder so nie brauchen wird, da sie nie einen sottigen kaufen würde. Und aus der Haltung einer Sprachwissenschaftlerin (es war ursprünglich eine rein regionale Zuschreibung für Südafrikaner, Mauren, um diese von den anderen abzugrenzen). Und einer Ethikforscherin (die einen grossen Teil gegen Rassismus, Diskriminierung geforscht hat). Das könnte ich noch hinterher werfen. Aber schlussendlich vor allem aus der Haltung eines Menschen, der Menschen mag. Der weiss, wie es sich anfühlt, gehänselt zu werden, der weiss, dass es weh tut. Der aber auch weiss, dass man das Aussen nicht mit Worten ändert. Nur mit Haltungen. Sonst müssten doch bitte dick und Bauch gestrichen werden. Ich wurde als Kind wegen eines solchen (dicken Bauchs – ich weiss, wer mich kennt, liest nochmals nach – aber jeder, der meine Kleinkindbilder sieht, thematisiert meine runden Backen) gehänselt. Und wegen Unsportlichkeit. Und als Lama bezeichnet… das Tier müsste man umbenennen. Mein Lehrer stellte mich vor versammelter Klasse als solches bloss. Ich kam nicht unter „ferner liefen“ an beim Schnelllauf, es war Glück, wenn noch nicht alle schliefen bis zu meiner Ankunft.

Und alles würde nicht helfen. Wer andere klein machen will, wer sie ausschliessen will, sie degradieren, diskriminieren, belächeln, lächerlich machen will: Er findet immer was. Wir können alle Worte dieser Welt ändern. Wenn wir die Haltung der Menschen nicht ändern, nicht zu einem Miteinander statt zu einem Ausspielen kommen, wird es nie eine bessere Welt werden.

In der Sprache liegt eine latente Wahrheit. Das ist so. Und ein bisschen Wahrheit steckt in jedem Wort. Das denke auch ich, die ich mit jedem Wort meine Witze treibe, ab und an aber auch getroffen reagiere auf andere Worte. In der Hoffnung, dass meine nie wirklich treffen. Ich kann es nicht ausschliessen. Aber die Haltung dahinter ist immer nur die: Ich möchte, dass es meinem Gegenüber gut geht. Und wenn die Haltung da ist, wird KEIN Wort verletzen. Wenn wir vertrauen können, dass unser Gegenüber so denkt, dann werden wir jedes Wort annehmen können. Und damit ist uns geholfen, damit hat der Humor einen breiteren Platz, damit hat das Leben eine Basis, die auf Vertrauen, auf einem Miteinander gründet, die jedem genug Boden gibt, sich selber zu sein, im Wissen: Ich bin gut so, wie ich bin.
Diese Welt wünsche ich mir!